Jenseits des Lustprinzips

Sigmund Freud · Kapitel 1 von 7

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Jenseits des Lustprinzips

Kapitel I

 

In der psychoanalytischen Theorie nehmen wir unbedenklich an, daß der

Ablauf der seelischen Vorgänge automatisch durch das Lustprinzip reguliert

wird, das heißt, wir glauben, daß er jedesmal durch eine unlustvolle Spannung

angeregt wird und dann eine solche Richtung einschlägt, daß sein Endergebnis

mit einer Herabsetzung dieser Spannung, also mit einer Vermeidung von Unlust

oder Erzeugung von Lust zusammenfällt. Wenn wir die von uns studierten

seelischen Prozesse mit Rücksicht auf diesen Ablauf betrachten, führen wir den

ö k o n o m i s c h e n Gesichtspunkt in unsere Arbeit ein. Wir meinen, eine

Darstellung, die neben dem t o p i s c h e n und dem d y n a m i s c h e n Moment

noch dies ö k o n o m i s c h e zu würdigen versuche, sei die vollständigste, die

wir uns derzeit vorstellen können, und verdiene es, durch den Namen einer

m e t a p s y c h o l o g i s c h e n hervorgehoben zu werden.

 

Es hat dabei für uns kein Interesse zu untersuchen, inwieweit wir uns mit der

Aufstellung des Lustprinzips einem bestimmten, historisch festgelegten,

philosophischen System angenähert oder angeschlossen haben. Wir gelangen zu

solchen spekulativen Annahmen bei dem Bemühen, von den Tatsachen der

täglichen Beobachtung auf unserem Gebiete Beschreibung und Rechenschaft zu

geben. Priorität und Originalität gehören nicht zu den Zielen, die der

psychoanalytischen Arbeit gesetzt sind, und die Eindrücke, welche der

Aufstellung dieses Prinzips zugrunde liegen, sind so augenfällig, daß es kaum

möglich ist, sie zu übersehen. Dagegen würden wir uns gerne zur Dankbarkeit

gegen eine philosophische oder psychologische Theorie bekennen, die uns zu

sagen wüßte, was die Bedeutungen der für uns so imperativen Lust- und

Unlustempfindungen sind. Leider wird uns hier nichts Brauchbares geboten. Es

ist das dunkelste und unzugänglichste Gebiet des Seelenlebens, und wenn wir

unmöglich vermeiden können, es zu berühren, so wird die lockerste Annahme

darüber, meine ich, die beste sein. Wir haben uns entschlossen, Lust und Unlust

mit der Quantität der im Seelenleben vorhandenen – und nicht irgendwie

gebundenen – Erregung in Beziehung zu bringen, solcher Art, daß Unlust einer

Steigerung, Lust einer Verringerung dieser Quantität entspricht. Wir denken

dabei nicht an ein einfaches Verhältnis zwischen der Stärke der Empfindungen

und den Veränderungen, auf die sie bezogen werden; am wenigsten – nach allen

Erfahrungen der Psychophysiologie – an direkte Proportionalität; wahrscheinlich

ist das Maß der Verringerung oder Vermehrung in der Zeit das für die Empfindung entscheidende Moment. Das Experiment fände hier möglicherweise

Zutritt, für uns Analytiker ist weiteres Eingehen in diese Probleme nicht geraten,

solange nicht ganz bestimmte Beobachtungen uns leiten können.

 

Es kann uns aber nicht gleichgültig lassen, wenn wir finden, daß ein so

tiefblickender Forscher wie G. Th. F e c h n e r eine Auffassung von Lust und

Unlust vertreten hat, welche im wesentlichen mit der zusammenfällt, die uns von

der psychoanalytischen Arbeit aufgedrängt wird. Die Äußerung F e c h n e r's ist

in seiner kleinen Schrift: Einige Ideen zur Schöpfungs- und

Entwicklungsgeschichte der Organismen, 1873 (Abschnitt XI, Zusatz, p. 94),

enthalten und lautet wie folgt: »Insofern bewußte Antriebe immer mit Lust oder

Unlust in Beziehung stehen, kann auch Lust oder Unlust mit Stabilitäts- und

Instabilitätsverhältnissen in psychophysischer Beziehung gedacht werden, und es

läßt sich hierauf die anderwärts von mir näher zu entwickelnde Hypothese

begründen, daß jede, die Schwelle des Bewußtseins übersteigende

psychophysische Bewegung nach Maßgabe mit Lust behaftet sei, als sie sich der

vollen Stabilität über eine gewisse Grenze hinaus nähert, mit Unlust nach

Maßgabe, als sie über eine gewisse Grenze davon abweicht, indes zwischen

beiden, als qualitative Schwelle der Lust und Unlust zu bezeichnenden Grenzen

eine gewisse Breite ästhetischer Indifferenz besteht, ....«

 

Die Tatsachen, die uns veranlaßt haben, an die Herrschaft des Lustprinzips

im Seelenleben zu glauben, finden auch ihren Ausdruck in der Annahme, daß es

ein Bestreben des seelischen Apparates sei, die in ihm vorhandene Quantität von

Erregung möglichst niedrig oder wenigstens konstant zu erhalten. Es ist

dasselbe, nur in andere Fassung gebracht, denn wenn die Arbeit des seelischen

Apparates dahin geht, die Erregungsquantität niedrig zu halten, so muß alles,

was dieselbe zu steigern geeignet ist, als funktionswidrig, das heißt, als

unlustvoll empfunden werden. Das Lustprinzip leitet sich aus dem

Konstanzprinzip ab; in Wirklichkeit wurde das Konstanzprinzip aus den

Tatsachen erschlossen, die uns die Annahme des Lustprinzips aufnötigten. Bei

eingehenderer Diskussion werden wir auch finden, daß dies von uns

angenommene Bestreben des seelischen Apparates sich als spezieller Fall dem

F e c h n e r'schen Prinzip der T e n d e n z z u r S t a b i l i t ä t unterordnet, zu

dem er die Lust-Unlustempfindungen in Beziehung gebracht hat.

 

Dann müssen wir aber sagen, es sei eigentlich unrichtig, von einer Herrschaft

des Lustprinzips über den Ablauf der seelischen Prozesse zu reden. Wenn eine

solche bestände, müßte die übergroße Mehrheit unserer Seelenvorgänge von

Lust begleitet sein oder zur Lust führen, während doch die allgemeinste Erfahrung dieser Folgerung energisch widerspricht. Es kann also nur so sein, daß

eine starke Tendenz zum Lustprinzip in der Seele besteht, der sich aber gewisse

andere Kräfte oder Verhältnisse widersetzen, so daß der Endausgang nicht

immer der Lusttendenz entsprechen kann. Vgl. die Bemerkung F e c h n e r's bei

ähnlichem Anlasse (ebenda, p. 90): »Damit aber, daß die Tendenz zum Ziele

noch nicht die Erreichung des Zieles bedeutet und das Ziel überhaupt nur in

Approximationen erreichbar ist, ....« Wenn wir uns nun der Frage zuwenden,

welche Umstände die Durchsetzung des Lustprinzips zu vereiteln vermögen,

dann betreten wir wieder sicheren und bekannten Boden und können unsere

analytischen Erfahrungen in reichem Ausmaße zur Beantwortung heranziehen.

 

Der erste Fall einer solchen Hemmung des Lustprinzips ist uns als ein

gesetzmäßiger vertraut. Wir wissen, daß das Lustprinzip einer primären

Arbeitsweise des seelischen Apparates eignet, und daß es für die

Selbstbehauptung des Organismus unter den Schwierigkeiten der Außenwelt so

recht von Anfang an unbrauchbar, ja in hohem Grade gefährlich ist. Unter dem

Einflusse der Selbsterhaltungstriebe des Ichs wird es vom

R e a l i t ä t s p r i n z i p abgelöst, welches ohne die Absicht endlicher

Lustgewinnung aufzugeben, doch den Aufschub der Befriedigung, den Verzicht

auf mancherlei Möglichkeiten einer solchen und die zeitweilige Duldung der

Unlust auf dem langen Umwege zur Lust fordert und durchsetzt. Das Lustprinzip

bleibt dann noch lange Zeit die Arbeitsweise der schwerer »erziehbaren«

Sexualtriebe, und es kommt immer wieder vor, daß es, sei es von diesen letzteren

aus, sei es im Ich selbst, das Realitätsprinzip zum Schaden des ganzen

Organismus überwältigt.

 

Es ist indes unzweifelhaft, daß die Ablösung des Lustprinzips durch das

Realitätsprinzip nur für einen geringen und nicht für den intensivsten Teil der

Unlusterfahrungen verantwortlich gemacht werden kann. Eine andere, nicht

weniger gesetzmäßige Quelle der Unlustentbindung ergibt sich aus den

Konflikten und Spaltungen im seelischen Apparat, während das Ich seine

Entwicklung zu höher zusammengesetzten Organisationen durchmacht. Fast alle

Energie, die den Apparat erfüllt, stammt aus den mitgebrachten Triebregungen,

aber diese werden nicht alle zu den gleichen Entwicklungsphasen zugelassen.

Unterwegs geschieht es immer wieder, daß einzelne Triebe oder Triebanteile

sich in ihren Zielen oder Ansprüchen als unverträglich mit den übrigen erweisen,

die sich zu der umfassenden Einheit des Ichs zusammenschließen können. Sie

werden dann von dieser Einheit durch den Prozeß der Verdrängung abgespalten,

auf niedrigeren Stufen der psychischen Entwicklung zurückgehalten und zunächst von der Möglichkeit einer Befriedigung abgeschnitten. Gelingt es ihnen

dann, was bei den verdrängten Sexualtrieben so leicht geschieht, sich auf

Umwegen zu einer direkten oder Ersatzbefriedigung durchzuringen, so wird

dieser Erfolg, der sonst eine Lustmöglichkeit gewesen wäre, vom Ich als Unlust

empfunden. Infolge des alten, in die Verdrängung auslaufenden Konfliktes hat

das Lustprinzip einen neuerlichen Durchbruch erfahren, gerade während gewisse

Triebe am Werke waren, in Befolgung des Prinzips neue Lust zu gewinnen. Die

Einzelheiten des Vorganges, durch welchen die Verdrängung eine

Lustmöglichkeit in eine Unlustquelle verwandelt, sind noch nicht gut verstanden

oder nicht klar darstellbar, aber sicherlich ist alle neurotische Unlust von solcher

Art, ist Lust, die nicht als solche empfunden werden kann.

 

Die beiden hier angezeigten Quellen der Unlust decken noch lange nicht die

Mehrzahl unserer Unlusterlebnisse, aber vom Rest wird man mit einem

Anschein von gutem Recht behaupten, daß sein Vorhandensein der Herrschaft

des Lustprinzips nicht widerspricht. Die meiste Unlust, die wir verspüren, ist ja

Wahrnehmungsunlust, entweder Wahrnehmung des Drängens unbefriedigter

Triebe oder äußere Wahrnehmung, sei es, daß diese an sich peinlich ist, oder daß

sie unlustvolle Erwartungen im seelischen Apparat erregt, von ihm als »Gefahr«

erkannt wird. Die Reaktion auf diese Triebansprüche und Gefahrdrohungen, in

der sich die eigentliche Tätigkeit des seelischen Apparates äußert, kann dann in

korrekter Weise vom Lustprinzip oder dem es modifizierenden Realitätsprinzip

geleitet werden. Somit scheint es nicht notwendig, eine weitergehende

Einschränkung des Lustprinzips anzuerkennen, und doch kann gerade die

Untersuchung der seelischen Reaktion auf die äußerliche Gefahr neuen Stoff und

neue Fragestellungen zu dem hier behandelten Problem liefern.