Jenseits des Lustprinzips
Kapitel VI
Unser bisheriges Ergebnis, welches einen scharfen Gegensatz zwischen den
»Ichtrieben« und den Sexualtrieben aufstellt, die ersteren zum Tode und die
letzteren zur Lebenserhaltung drängen läßt, wird uns gewiß nach vielen
Richtungen selbst nicht befriedigen. Dazu kommt, daß wir eigentlich nur für die
ersteren den konservativen oder besser regredierenden, einem
Wiederholungszwang entsprechenden Charakter des Triebes in Anspruch
nehmen konnten. Denn nach unserer Annahme rühren die Ichtriebe von der
Belebung der unbelebten Materie her und wollen die Unbelebtheit wieder
herstellen. Die Sexualtriebe hingegen – es ist augenfällig, daß sie primitive
Zustände des Lebewesens reproduzieren, aber ihr mit allen Mitteln angestrebtes
Ziel ist die Verschmelzung zweier in bestimmter Weise differenzierter
Keimzellen. Wenn diese Vereinigung nicht zustande kommt, dann stirbt die
Keimzelle wie alle anderen Elemente des vielzelligen Organismus. Nur unter
dieser Bedingung kann die Geschlechtsfunktion das Leben verlängern und ihm
den Schein der Unsterblichkeit verleihen. Welches wichtige Ereignis im
Entwicklungsgang der lebenden Substanz wird aber durch die geschlechtliche
Fortpflanzung oder ihren Vorläufer, die Kopulation zweier Individuen unter den
Protisten, wiederholt? Das wissen wir nicht zu sagen, und darum würden wir es
als Erleichterung empfinden, wenn unser ganzer Gedankenaufbau sich als
irrtümlich erkennen ließe. Der Gegensatz von Ich(Todes-)trieben und
Sexual(Lebens-)trieben würde dann entfallen, damit auch der
Wiederholungszwang die ihm zugeschriebene Bedeutung einbüßen.
Kehren wir darum zu einer von uns eingeflochtenen Annahme zurück, in der
Erwartung, sie werde sich exakt widerlegen lassen. Wir haben auf Grund der
Voraussetzung weitere Schlüsse aufgebaut, daß alles Lebende aus inneren
Ursachen sterben müsse. Wir haben diese Annahme so sorglos gemacht, weil sie
uns nicht als solche erscheint. Wir sind gewohnt so zu denken, unsere Dichter
bestärken uns darin. Vielleicht haben wir uns dazu entschlossen, weil ein Trost in
diesem Glauben liegt. Wenn man schon selbst sterben und vorher seine Liebsten
durch den Tod verlieren soll, so will man lieber einem unerbittlichen
Naturgesetz, der hehren Ἀναγκη, erlegen sein, als einem Zufall, der sich etwa
noch hätte vermeiden lassen. Aber vielleicht ist dieser Glaube an die innere
Gesetzmäßigkeit des Sterbens auch nur eine der Illusionen, die wir uns
geschaffen haben, »um die Schwere des Daseins zu ertragen«. Ursprünglich ist er sicherlich nicht, den primitiven Völkern ist die Idee eines »natürlichen Todes«
fremd; sie führen jedes Sterben unter ihnen auf den Einfluß eines Feindes oder
eines bösen Geistes zurück. Versäumen wir es darum nicht, uns zur Prüfung
dieses Glaubens an die biologische Wissenschaft zu wenden.
Wenn wir so tun, dürfen wir erstaunt sein, wie wenig die Biologen in der
Frage des natürlichen Todes einig sind, ja daß ihnen der Begriff des Todes
überhaupt unter den Händen zerrinnt. Die Tatsache einer bestimmten
durchschnittlichen Lebensdauer wenigstens bei höheren Tieren spricht natürlich
für den Tod aus inneren Ursachen, aber der Umstand, daß einzelne große Tiere
und riesenhafte Baumgewächse ein sehr hohes und bisher nicht abschätzbares
Alter erreichen, hebt diesen Eindruck wieder auf. Nach der großartigen
Konzeption von W. F l i e ß sind alle Lebenserscheinungen – und gewiß auch der
Tod – der Organismen an die Erfüllung bestimmter Termine gebunden, in denen
die Abhängigkeit zweier lebenden Substanzen, einer männlichen und einer
weiblichen, vom Sonnenjahr zum Ausdruck kommt. Allein die Beobachtungen,
wie leicht und bis zu welchem Ausmaß es dem Einflusse äußerer Kräfte möglich
ist, die Lebensäußerungen insbesondere der Pflanzenwelt in ihrem zeitlichen
Auftreten zu verändern, sie zu verfrühen oder hintanzuhalten, sträuben sich
gegen die Starrheit der F l i e ß'schen Formeln und lassen zum mindesten an der
Alleinherrschaft der von ihm aufgestellten Gesetze zweifeln.
Das größte Interesse knüpft sich für uns an die Behandlung, welche das
Thema von der Lebensdauer und vom Tode der Organismen in den Arbeiten von
A. W e i s m a n n gefunden hat[16]. Von diesem Forscher rührt die Unterscheidung
der lebenden Substanz in eine sterbliche und unsterbliche Hälfte her; die
sterbliche ist der Körper im engeren Sinne, das S o m a, sie allein ist dem
natürlichen Tode unterworfen, die Keimzellen aber sind potentia unsterblich,
insofern sie imstande sind, unter gewissen günstigen Bedingungen sich zu einem
neuen Individuum zu entwickeln, oder anders ausgedrückt, sich mit einem neuen
Soma zu umgeben[17].
Was uns hieran fesselt, ist die unerwartete Analogie mit unserer eigenen, auf
so verschiedenem Wege entwickelten Auffassung. W e i s m a n n, der die
lebende Substanz morphologisch betrachtet, erkennt in ihr einen Bestandteil, der
dem Tode verfallen ist, das Soma, den Körper abgesehen vom Geschlechts- und
Vererbungsstoff, und einen unsterblichen, eben dieses Keimplasma, welches der
Erhaltung der Art, der Fortpflanzung, dient. Wir haben nicht den lebenden Stoff,
sondern die in ihm tätigen Kräfte eingestellt, und sind dazu geführt worden, zwei
Arten von Trieben zu unterscheiden, jene, welche das Leben zum Tod führen wollen, die anderen, die Sexualtriebe, welche immer wieder die Erneuerung des
Lebens anstreben und durchsetzen. Das klingt wie ein dynamisches Korollar zu
W e i s m a n n's morphologischer Theorie.
Der Anschein einer bedeutsamen Übereinstimmung verflüchtigt sich alsbald,
wenn wir W e i s m a n n's Entscheidung über das Problem des Todes vernehmen.
Denn W e i s m a n n läßt die Sonderung vom sterblichen Soma und unsterblichen
Keimplasma erst bei den vielzelligen Organismen gelten, bei den einzelligen
Tieren sind Individuum und Fortpflanzungszelle noch ein- und dasselbe[18]. Die
Einzelligen erklärt er also für potentiell unsterblich, der Tod tritt erst bei den
Metazoen, den Vielzelligen, auf. Dieser Tod der höheren Lebewesen ist
allerdings ein natürlicher, ein Tod aus inneren Ursachen, aber er beruht nicht auf
einer Ureigenschaft der lebenden Substanz[19], kann nicht als eine absolute, im
Wesen des Lebens begründete Notwendigkeit aufgefaßt werden[20]. Der Tod ist
vielmehr eine Zweckmäßigkeitseinrichtung, eine Erscheinung der Anpassung an
die äußeren Lebensbedingungen, weil von der Sonderung der Körperzellen in
Soma und Keimplasmen an die unbegrenzte Lebensdauer des Individuums ein
ganz unzweckmäßiger Luxus geworden wäre. Mit dem Eintritt dieser
Differenzierung bei den Vielzelligen wurde der Tod möglich und zweckmäßig.
Seither stirbt das Soma der höheren Lebewesen aus inneren Gründen zu
bestimmten Zeiten ab, die Protisten aber sind unsterblich geblieben. Die
Fortpflanzung hingegen ist nicht erst mit dem Tod eingeführt worden, sie ist
vielmehr eine Ureigenschaft der lebenden Materie wie das Wachstum, aus
welchem sie hervorging, und das Leben ist von seinem Beginn auf Erden an
kontinuierlich geblieben[21].
Es ist leicht einzusehen, daß das Zugeständnis eines natürlichen Todes für
die höheren Organismen unserer Sache wenig hilft. Wenn der Tod eine späte
Erwerbung der Lebewesen ist, dann kommen Todestriebe, die sich vom Beginn
des Lebens auf Erden ableiten, weiter nicht in Betracht. Die Vielzelligen mögen
dann immerhin aus inneren Gründen sterben, an den Mängeln ihrer
Differenzierung oder an den Unvollkommenheiten ihres Stoffwechsels; es hat
für die Frage, die uns beschäftigt, kein Interesse. Eine solche Auffassung und
Ableitung des Todes liegt dem gewohnten Denken der Menschen auch sicherlich
viel näher als die befremdende Annahme von »Todestrieben«.
Die Diskussion, die sich an die Aufstellungen von W e i s m a n n
angeschlossen, hat nach meinem Urteil in keiner Richtung Entscheidendes
ergeben[22]. Manche Autoren sind zum Standpunkt von G o e t t e zurückgekehrt
(1883), der in dem Tod die direkte Folge der Fortpflanzung sah. H a r t m a n n charakterisiert den Tod nicht durch Auftreten einer »Leiche«, eines
abgestorbenen Anteiles der lebenden Substanz, sondern definiert ihn als den
»Abschluß der individuellen Entwicklung«. In diesem Sinne sind auch die
Protozoen sterblich, der Tod fällt bei ihnen immer mit der Fortpflanzung
zusammen, aber er wird durch diese gewissermaßen verschleiert, indem die
ganze Substanz des Elterntieres direkt in die jungen Kinderindividuen
übergeführt werden kann (l. c., S. 29).
Das Interesse der Forschung hat sich bald darauf gerichtet, die behauptete
Unsterblichkeit der lebenden Substanz an den Einzelligen experimentell zu
erproben. Ein Amerikaner, W o o d r u f f, hat ein bewimpertes Infusorium, ein
»Pantoffeltierchen«, das sich durch Teilung in zwei Individuen fortpflanzt, in
Zucht genommen und es bis zur 3029sten Generation, wo er den Versuch
abbrach, verfolgt, indem er jedesmal das eine der Teilprodukte isolierte und in
frisches Wasser brachte. Dieser späte Abkömmling des ersten Pantoffeltierchens
war ebenso frisch wie der Urahn, ohne alle Zeichen des Alterns oder der
Degeneration; somit schien, wenn solchen Zahlen bereits Beweiskraft zukommt,
die Unsterblichkeit der Protisten experimentell erweisbar[23].
Andere Forscher sind zu anderen Resultaten gekommen. M a u p a s,
C a l k i n s u. a. haben im Gegensatz zu W o o d r u f f gefunden, daß auch diese
Infusorien nach einer gewissen Anzahl von Teilungen schwächer werden, an
Größe abnehmen, einen Teil ihrer Organisation einbüßen und endlich sterben,
wenn sie nicht gewisse auffrischende Einflüsse erfahren. Demnach stürben die
Protozoen nach einer Phase des Altersverfalls ganz wie die höheren Tiere, so
recht im Widerspruch zu den Behauptungen W e i s m a n n's, der den Tod als
eine späte Erwerbung der lebenden Organismen anerkennt.
Aus dem Zusammenhang dieser Untersuchungen heben wir zwei Tatsachen
heraus, die uns einen festen Anhalt zu bieten scheinen. Erstens: Wenn die
Tierchen zu einem Zeitpunkt, da sie noch keine Altersveränderung zeigen,
miteinander zuzweit verschmelzen, »kopulieren« können – worauf sie nach
einiger Zeit wieder auseinandergehen –, so bleiben sie vom Alter verschont, sie
sind »verjüngt« worden. Diese Kopulation ist doch wohl der Vorläufer der
geschlechtlichen Fortpflanzung höherer Wesen; sie hat mit der Vermehrung noch
nichts zu tun, beschränkt sich auf die Vermischung der Substanzen beider
Individuen (W e i s m a n n's Amphimixis). Der auffrischende Einfluß der
Kopulation kann aber auch ersetzt werden durch bestimmte Reizmittel,
Veränderungen in der Zusammensetzung der Nährflüssigkeit,
Temperatursteigerung oder Schütteln. Man erinnert sich an das berühmte Experiment von J. L o e b, der Seeigeleier durch gewisse chemische Reize zu
Teilungsvorgängen zwang, die sonst nur nach der Befruchtung auftreten.
Zweitens: Es ist doch wahrscheinlich, daß die Infusorien durch ihren eigenen
Lebensprozeß zu einem natürlichen Tod geführt werden, denn der Widerspruch
zwischen den Ergebnissen von W o o d r u f f und von anderen rührt daher, daß
W o o d r u f f jede neue Generation in frische Nährflüssigkeit brachte. Unterließ
er dies, so beobachtete er dieselben Altersveränderungen der Generationen wie
die anderen Forscher. Er schloß, daß die Tierchen durch die Produkte des
Stoffwechsels, die sie an die umgebende Flüssigkeit abgeben, geschädigt
werden, und konnte dann überzeugend nachweisen, daß nur die Produkte des
e i g e n e n Stoffwechsels diese zum Tod der Generation führende Wirkung
haben. Denn in einer Lösung, die mit den Abfallsprodukten einer entfernter
verwandten Art übersättigt war, gediehen dieselben Tierchen ausgezeichnet, die,
in ihrer eigenen Nährflüssigkeit angehäuft, sicher zugrunde gingen. Das Infusor
stirbt also, sich selbst überlassen, eines natürlichen Todes an der
Unvollkommenheit der Beseitigung seiner eigenen Stoffwechselprodukte; aber
vielleicht sterben auch alle höheren Tiere im Grunde an dem gleichen
Unvermögen.
Es mag uns da der Zweifel anwandeln, ob es überhaupt zweckdienlich war,
die Entscheidung der Frage nach dem natürlichen Tod im Studium der Protozoen
zu suchen. Die primitive Organisation dieser Lebewesen mag uns wichtige
Verhältnisse verschleiern, die auch bei ihnen statthaben, aber erst bei höheren
Tieren erkannt werden können, wo sie sich einen morphologischen Ausdruck
verschafft haben. Wenn wir den morphologischen Standpunkt verlassen, um den
dynamischen einzunehmen, so kann es uns überhaupt gleichgültig sein, ob sich
der natürliche Tod der Protozoen erweisen läßt oder nicht. Bei ihnen hat sich die
später als unsterblich erkannte Substanz von der sterblichen noch in keiner
Weise gesondert. Die Triebkräfte, die das Leben in den Tod überführen wollen,
könnten auch in ihnen von Anfang an wirksam sein, und doch könnte ihr Effekt
durch den der lebenserhaltenden Kräfte so gedeckt werden, daß ihr direkter
Nachweis sehr schwierig wird. Wir haben allerdings gehört, daß die
Beobachtungen der Biologen uns die Annahme solcher zum Tod führenden
inneren Vorgänge auch für die Protisten gestatten. Aber selbst, wenn die
Protisten sich als unsterblich im Sinne von W e i s m a n n erweisen, so gilt seine
Behauptung, der Tod sei eine späte Erwerbung, nur für die manifesten
Äußerungen des Todes und macht keine Annahme über die zum Tode
drängenden Prozesse unmöglich. Unsere Erwartung, die Biologie werde die Anerkennung der Todestriebe glatt beseitigen, hat sich nicht erfüllt. Wir können
uns mit ihrer Möglichkeit weiter beschäftigen, wenn wir sonst Gründe dafür
haben. Die auffällige Ähnlichkeit der W e i s m a n n'schen Sonderung von Soma
und Keimplasma mit unserer Scheidung der Todestriebe von den Lebenstrieben
bleibt aber bestehen und erhält ihren Wert wieder.
Verweilen wir kurz bei dieser exquisit dualistischen Auffassung des
Trieblebens. Nach der Theorie E. H e r i n g's von den Vorgängen in der lebenden
Substanz laufen in ihr unausgesetzt zweierlei Prozesse entgegengesetzter
Richtung ab, die einen aufbauend – assimilatorisch, die anderen abbauend –
dissimilatorisch. Sollen wir es wagen, in diesen beiden Richtungen der
Lebensprozesse die Betätigung unserer beiden Triebregungen, der Lebenstriebe
und der Todestriebe, zu erkennen? Aber etwas anderes können wir uns nicht
verhehlen, daß wir unversehens in den Hafen der Philosophie
S c h o p e n h a u e r's eingelaufen sind, für den ja der Tod »das eigentliche
Resultat« und insofern der Zweck des Lebens ist[24], der Sexualtrieb aber die
Verkörperung des Willens zum Leben.
Versuchen wir kühn, einen Schritt weiter zu gehen. Nach allgemeiner
Einsicht ist die Vereinigung zahlreicher Zellen zu einem Lebensverband, die
Vielzelligkeit der Organismen, ein Mittel zur Verlängerung ihrer Lebensdauer
geworden. Eine Zelle hilft dazu, das Leben der anderen zu erhalten, und der
Zellenstaat kann weiter leben, auch wenn einzelne Zellen absterben müssen. Wir
haben bereits gehört, daß auch die Kopulation, die zeitweilige Verschmelzung
zweier Einzelligen, lebenserhaltend und verjüngend auf beide wirkt. Somit
könnte man den Versuch machen, die in der Psychoanalyse gewonnene
Libidotheorie auf das Verhältnis der Zellen zueinander zu übertragen und sich
vorzustellen, daß es die in jeder Zelle tätigen Lebens- oder Sexualtriebe sind,
welche die anderen Zellen zum Objekt nehmen, deren Todestriebe, d. i. die von
diesen angeregten Prozesse, teilweise neutralisieren und sie so am Leben
erhalten, während andere Zellen dasselbe für sie besorgen und noch andere in
der Ausübung dieser libidinösen Funktion sich selbst aufopfern. Die Keimzellen
selbst würden sich absolut »narzißtisch« benehmen, wie wir es in der
Neurosenlehre zu bezeichnen gewohnt sind, wenn ein ganzes Individuum seine
Libido im Ich behält und nichts von ihr für Objektbesetzungen verausgabt. Die
Keimzellen brauchen ihre Libido, die Tätigkeit ihrer Lebenstriebe, für sich selbst
als Vorrat für ihre spätere, großartig aufbauende Tätigkeit. Vielleicht darf man
auch die Zellen der bösartigen Neugebilde, die den Organismus zerstören, für
narzißtisch in demselben Sinne erklären. Die Pathologie ist ja bereit, ihre Keime für mitgeboren zu halten und ihnen embryonale Eigenschaften zuzugestehen. So
würde also die Libido unserer Sexualtriebe mit dem Eros der Dichter und
Philosophen zusammenfallen, der alles Lebende zusammenhält.
An dieser Stelle finden wir den Anlaß, die langsame Entwicklung unserer
Libidotheorie zu überschauen. Die Analyse der Übertragungsneurosen zwang
uns zunächst den Gegensatz zwischen »Sexualtrieben«, die auf das Objekt
gerichtet sind, und anderen Trieben auf, die wir nur sehr ungenügend erkannten
und vorläufig als »Ichtriebe« bezeichneten. Unter ihnen mußten Triebe, die der
Selbsterhaltung des Individuums dienen, in erster Linie anerkannt werden. Was
für andere Unterscheidungen da zu machen waren, konnte man nicht wissen.
Keine Kenntnis wäre für die Begründung einer richtigen Psychologie so wichtig
gewesen, wie eine ungefähre Einsicht in die gemeinsame Natur und die etwaigen
Besonderheiten der Triebe. Aber auf keinem Gebiete der Psychologie tappte man
so sehr im Dunkeln. Jedermann stellte so viele Triebe oder »Grundtriebe« auf,
als ihm beliebte, und wirtschaftete mit ihnen wie die alten griechischen
Naturphilosophen mit ihren vier Elementen: dem Wasser, der Erde, dem Feuer
und der Luft. Die Psychoanalyse, die irgendeiner Annahme über die Triebe nicht
entraten konnte, hielt sich vorerst an die populäre Triebunterscheidung, für die
das Wort von »Hunger und Liebe« vorbildlich ist. Es war wenigstens kein neuer
Willkürakt. Damit reichte man in der Analyse der Psychoneurosen ein ganzes
Stück weit aus. Der Begriff der »Sexualität« – und damit der eines Sexualtriebes
– mußte freilich erweitert werden, bis er vieles einschloß, was sich nicht der
Fortpflanzungsfunktion einordnete, und darüber gab es Lärm genug in der
strengen, vornehmen oder bloß heuchlerischen Welt.
Der nächste Schritt erfolgte, als sich die Psychoanalyse näher an das
psychologische Ich herantasten konnte, das ihr zunächst nur als verdrängende,
zensurierende und zu Schutzbauten, Reaktionsbildungen befähigte Instanz
bekannt geworden war. Kritische und andere weitblickende Geister hatten zwar
längst gegen die Einschränkung des Libidobegriffes auf die Energie der dem
Objekt zugewendeten Sexualtriebe Einspruch erhoben. Aber sie versäumten es
mitzuteilen, woher ihnen die bessere Einsicht gekommen war, und verstanden
nicht, etwas für die Analyse Brauchbares aus ihr abzuleiten. In bedächtigerem
Fortschreiten fiel es nun der psychoanalytischen Beobachtung auf, wie
regelmäßig Libido vom Objekt abgezogen und aufs Ich gerichtet wird
(Introversion), und indem sie die Libidoentwicklung des Kindes in ihren
frühesten Phasen studierte, kam sie zur Einsicht, daß das Ich das eigentliche und
ursprüngliche Reservoir der Libido sei, die erst von da aus auf das Objekt erstreckt werde. Das Ich trat unter die Sexualobjekte und wurde gleich als das
vornehmste unter ihnen erkannt. Wenn die Libido so im Ich verweilte, wurde sie
narzißtisch genannt[25]. Diese narzißtische Libido war natürlich auch die
Kraftäußerung von Sexualtrieben im analytischen Sinne, die man mit den von
Anfang an zugestandenen »Selbsterhaltungstrieben« identifizieren mußte. Somit
war der ursprüngliche Gegensatz von Ichtrieben und Sexualtrieben unzureichend
geworden. Ein Teil der Ichtriebe war als libidinös erkannt; im Ich waren – neben
anderen wahrscheinlich – auch Sexualtriebe wirksam, doch ist man berechtigt zu
sagen, daß die alte Formel, die Psychoneurose beruhe auf einem Konflikt
zwischen den Ichtrieben und den Sexualtrieben, nichts enthielt, was heute zu
verwerfen wäre. Der Unterschied der beiden Triebarten, der ursprünglich
irgendwie qualitativ gemeint war, ist jetzt nur anders, nämlich t o p i s c h zu
bestimmen. Insbesondere die Übertragungsneurose, das eigentliche
Studienobjekt der Psychoanalyse, bleibt das Ergebnis eines Konflikts zwischen
dem Ich und der libidinösen Objektbesetzung.
Um so mehr müssen wir den libidinösen Charakter der
Selbsterhaltungstriebe jetzt betonen, da wir den weiteren Schritt wagen, den
Sexualtrieb als den alles erhaltenden Eros zu erkennen und die narzißtische
Libido des Ichs aus den Libidobeiträgen ableiten, mit denen die Somazellen
aneinander haften. Nun aber finden wir uns plötzlich folgender Frage gegenüber:
Wenn auch die Selbsterhaltungstriebe libidinöser Natur sind, dann haben wir
vielleicht überhaupt keine anderen Triebe als libidinöse. Es sind wenigstens
keine anderen zu sehen. Dann muß man aber doch den Kritikern recht geben, die
von Anfang an geahnt haben, die Psychoanalyse erkläre a l l e s aus der
Sexualität, oder den Neuerern wie J u n g, die, kurz entschlossen, Libido für
»Triebkraft« überhaupt gebraucht haben. Ist dem nicht so?
In unserer Absicht läge dies Resultat allerdings nicht. Wir sind ja vielmehr
von einer scharfen Scheidung zwischen Ichtrieben = Todestrieben und
Sexualtrieben = Lebenstrieben ausgegangen. Wir waren ja bereit, auch die
angeblichen Selbsterhaltungstriebe des Ichs zu den Todestrieben zu rechnen, was
wir seither berichtigend zurückgezogen haben. Unsere Auffassung war von
Anfang eine d u a l i s t i s c h e und sie ist es heute schärfer denn zuvor, seitdem
wir die Gegensätze nicht mehr Ich- und Sexualtriebe, sondern Lebens- und
Todestriebe benennen. J u n g's Libidotheorie ist dagegen eine monistische; daß
er seine einzige Triebkraft Libido geheißen hat, mußte Verwirrung stiften, soll
uns aber weiter nicht beeinflussen. Wir vermuten, daß im Ich noch andere als die
libidinösen Selbsterhaltungstriebe tätig sind, wir sollten nur imstande sein, sie aufzuzeigen. Es ist zu bedauern, daß die Analyse des Ichs so wenig
fortgeschritten ist, daß dieser Nachweis uns recht schwer wird. Die libidinösen
Triebe des Ichs mögen allerdings in besonderer Weise mit den anderen, uns noch
fremden Ichtrieben verknüpft sein. Noch ehe wir den Narzißmus klar erkannt
hatten, bestand bereits in der Psychoanalyse die Vermutung, daß die »Ichtriebe«
libidinöse Komponenten an sich gezogen haben. Aber das sind recht unsichere
Möglichkeiten, denen die Gegner kaum Rechnung tragen werden. Es bleibt
mißlich, daß uns die Analyse bisher immer nur in den Stand gesetzt hat,
libidinöse Triebe nachzuweisen. Den Schluß, daß es andere nicht gibt, möchten
wir darum doch nicht mitmachen.
Bei dem gegenwärtigen Dunkel der Trieblehre tun wir wohl nicht gut, irgend
einen Einfall, der uns Aufklärung verspricht, zurückzuweisen. Wir sind von der
großen Gegensätzlichkeit von Lebens- und Todestrieben ausgegangen. Die
Objektliebe selbst zeigt uns eine zweite solche Polarität, die von Liebe
(Zärtlichkeit) und Haß (Aggression). Wenn es uns nun gelänge, diese beiden
Polaritäten in Beziehung zu einander zu bringen, die eine auf die andere
zurückzuführen! Wir haben von jeher eine sadistische Komponente des
Sexualtriebes anerkannt[26]; sie kann sich, wie wir wissen, selbständig machen
und als Perversion das gesamte Sexualstreben der Person beherrschen. Sie tritt
auch in einer der von mir sogenannten »prägenitalen Organisationen« als
dominierender Partialtrieb hervor. Wie soll man aber den sadistischen Trieb, der
auf die Schädigung des Objektes zielt, vom lebenserhaltenden Eros ableiten
können? Liegt da nicht die Annahme nahe, daß dieser Sadismus eigentlich ein
Todestrieb ist, der durch den Einfluß der narzißtischen Libido vom Ich
abgedrängt wurde, so daß er erst am Objekt zum Vorschein kommt? Er tritt dann
in den Dienst der Sexualfunktion; im oralen Organisationsstadium der Libido
fällt die Liebesbemächtigung noch mit der Vernichtung des Objekts zusammen,
später trennt sich der sadistische Trieb ab und endlich übernimmt er auf der
Stufe des Genitalprimats zum Zwecke der Fortpflanzung die Funktion, das
Sexualobjekt so weit zu bewältigen, als es die Ausführung des Geschlechtsaktes
erfordert. Ja, man könnte sagen, der aus dem Ich herausgedrängte Sadismus habe
den libidinösen Komponenten des Sexualtriebs den Weg gezeigt; späterhin
drängen diese zum Objekt nach. Wo der ursprüngliche Sadismus keine
Ermäßigung und Verschmelzung erfährt, ist die bekannte Liebe-Haß-
Ambivalenz des Liebeslebens hergestellt.
Wenn es erlaubt ist, eine solche Annahme zu machen, so wäre die Forderung
erfüllt, ein Beispiel eines – allerdings verschobenen – Todestriebes aufzuzeigen. Nur daß diese Auffassung von jeder Anschaulichkeit weit entfernt ist und einen
geradezu mystischen Eindruck macht. Wir kommen in den Verdacht, um jeden
Preis eine Auskunft aus einer großen Verlegenheit gesucht zu haben. Dann
dürfen wir uns darauf berufen, daß eine solche Annahme nicht neu ist, daß wir
sie bereits früher einmal gemacht haben, als von einer Verlegenheit noch keine
Rede war. Klinische Beobachtungen haben uns seinerzeit zur Auffassung
genötigt, daß der dem Sadismus komplementäre Partialtrieb des Masochismus
als eine Rückwendung des Sadismus gegen das eigene Ich zu verstehen sei[27].
Eine Wendung des Triebs vom Objekt zum Ich ist aber prinzipiell nichts anderes
als die Wendung vom Ich zum Objekt, die hier als neu in Frage steht. Der
Masochismus, die Wendung des Triebs gegen das eigene Ich, wäre dann in
Wirklichkeit eine Rückkehr zu einer früheren Phase desselben, eine Regression.
In einem Punkte bedürfte die damals vom Masochismus gegebene Darstellung
einer Berichtigung als allzu ausschließlich; der Masochismus könnte auch, was
ich dort bestreiten wollte, ein primärer sein[28].
Aber kehren wir zu den lebenserhaltenden Sexualtrieben zurück. Schon aus
der Protistenforschung haben wir erfahren, daß die Verschmelzung zweier
Individuen ohne nachfolgende Teilung, die Kopulation, auf beide Individuen, die
sich dann bald voneinander lösen, stärkend und verjüngend wirkt. (S. o.
L i p s c h ü t z.) Sie zeigen in weiteren Generationen keine
Degenerationserscheinungen und scheinen befähigt, den Schädlichkeiten ihres
eigenen Stoffwechsels länger zu widerstehen. Ich meine, daß diese eine
Beobachtung als vorbildlich für den Effekt auch der geschlechtlichen
Vereinigung genommen werden darf. Aber auf welche Weise bringt die
Verschmelzung zweier wenig verschiedener Zellen eine solche Erneuerung des
Lebens zustande? Der Versuch, der die Kopulation bei den Protozoen durch die
Einwirkung chemischer, ja selbst mechanischer Reize (l. c.) ersetzt, gestattet
wohl eine sichere Antwort zu geben: Es geschieht durch die Zufuhr neuer
Reizgrößen. Das stimmt nun aber gut zur Annahme, daß der Lebensprozeß des
Individuums aus inneren Gründen zur Abgleichung chemischer Spannungen, das
heißt zum Tode führt, während die Vereinigung mit einer individuell
verschiedenen lebenden Substanz diese Spannungen vergrößert, sozusagen neue
V i t a l d i f f e r e n z e n einführt, die dann a b g e l e b t werden müssen. Für diese
Verschiedenheit muß es natürlich ein oder mehrere Optima geben. Daß wir als
die herrschende Tendenz des Seelenlebens, vielleicht des Nervenlebens
überhaupt, das Streben nach Herabsetzung, Konstanterhaltung, Aufhebung der
inneren Reizspannung erkannten (das N i r w a n a p r i n z i p nach einem
Ausdruck von Barbara L o w), wie es im Lustprinzip zum Ausdruck kommt, das ist ja eines unserer stärksten Motive, an die Existenz von Todestrieben zu
glauben.
Als empfindliche Störung unseres Gedankenganges verspüren wir es aber
noch immer, daß wir gerade für den Sexualtrieb jenen Charakter eines
Wiederholungszwanges nicht nachweisen können, der uns zuerst zur Aufspürung
der Todestriebe führte. Das Gebiet der embryonalen Entwicklungsvorgänge ist
zwar überreich an solchen Wiederholungserscheinungen, die beiden Keimzellen
der geschlechtlichen Fortpflanzung und ihre Lebensgeschichte sind selbst nur
Wiederholungen der Anfänge des organischen Lebens; aber das Wesentliche an
den vom Sexualtrieb intendierten Vorgängen ist doch die Verschmelzung zweier
Zelleiber. Erst durch diese wird bei den höheren Lebewesen die Unsterblichkeit
der lebenden Substanz gesichert.
Mit anderen Worten: wir sollen Auskunft schaffen über die Entstehung der
geschlechtlichen Fortpflanzung und die Herkunft der Sexualtriebe überhaupt,
eine Aufgabe, vor der ein Außenstehender zurückschrecken muß, und die von
den Spezialforschern selbst bisher noch nicht gelöst werden konnte. In knappster
Zusammendrängung sei darum aus all den widerstreitenden Angaben und
Meinungen hervorgehoben, was einen Anschluß an unseren Gedankengang
zuläßt.
Die eine Auffassung benimmt dem Problem der Fortpflanzung seinen
geheimnisvollen Reiz, indem sie die Fortpflanzung als eine Teilerscheinung des
Wachstums darstellt. (Vermehrung durch Teilung, Sproßung, Knospung.) Die
Entstehung der Fortpflanzung durch geschlechtlich differenzierte Keimzellen
könnte man sich nach nüchterner D a r w i n'scher Denkungsart so vorstellen, daß
der Vorteil der Amphimixis, der sich dereinst bei der zufälligen Kopulation
zweier Protisten ergab, in der ferneren Entwicklung festgehalten und weiter
ausgenützt wurde[29]. Das »Geschlecht« wäre also nicht sehr alt, und die
außerordentlich heftigen Triebe, welche die geschlechtliche Vereinigung
herbeiführen wollen, wiederholten dabei etwas, was sich zufällig einmal ereignet
und seither als vorteilhaft befestigt hat.
Es ist hier wiederum wie beim Tod die Frage, ob man bei den Protisten
nichts anderes gelten lassen soll, als was sie zeigen, und ob man annehmen darf,
daß Kräfte und Vorgänge, die erst bei höheren Lebewesen sichtbar werden, auch
bei diesen zuerst entstanden sind. Für unsere Absichten leistet die erwähnte
Auffassung der Sexualität sehr wenig. Man wird gegen sie einwenden dürfen,
daß sie die Existenz von Lebenstrieben, die schon im einfachsten Lebewesen wirken, voraussetzt, denn sonst wäre ja die Kopulation, die dem Lebensablauf
entgegenwirkt und die Aufgabe des Ablebens erschwert, nicht festgehalten und
ausgearbeitet, sondern vermieden worden. Wenn man also die Annahme von
Todestrieben nicht fahren lassen will, muß man ihnen von allem Anfang an
Lebenstriebe zugesellen. Aber man muß es zugestehen, wir arbeiten da an einer
Gleichung mit zwei Unbekannten. Was wir sonst in der Wissenschaft über die
Entstehung der Geschlechtlichkeit finden, ist so wenig, daß man dies Problem
einem Dunkel vergleichen kann, in welches auch nicht der Lichtstrahl einer
Hypothese gedrungen ist. An ganz anderer Stelle begegnen wir allerdings einer
solchen Hypothese, die aber von so phantastischer Art ist – gewiß eher ein
Mythus als eine wissenschaftliche Erklärung –, daß ich nicht wagen würde, sie
hier anzuführen, wenn sie nicht gerade die eine Bedingung erfüllen würde, nach
deren Erfüllung wir streben. Sie leitet nämlich einen Trieb ab v o n d e m
B e d ü r f n i s n a c h W i e d e r h e r s t e l l u n g e i n e s f r ü h e r e n
Z u s t a n d e s.
Ich meine natürlich die Theorie, die P l a t o im S y m p o s i o n durch
A r i s t o p h a n e s entwickeln läßt, und die nicht nur die Herkunft des
Geschlechtstriebes, sondern auch seiner wichtigsten Variation in bezug auf das
Objekt behandelt[30]:
»Die menschliche Natur war ja einst ganz anders. Ursprünglich gab es drei
Geschlechter, drei und nicht wie heute zwei: neben dem männlichen und
weiblichen lebte ein drittes Geschlecht, welches an den beiden ersten gleichen
Anteil hatte, ....« Alles an diesen Menschen war aber doppelt, sie hatten also vier
Hände und vier Füße, zwei Gesichter, doppelte Schamteile usw. Da ließ sich
Zeus bewegen, jeden Menschen in zwei Teile zu teilen, »wie man Birnen, um sie
einzukochen, entzweischneidet ....« »Als nun auf diese Weise die ganze Natur
entzwei war, kam in jedem Menschen die Sehnsucht nach seiner eigenen anderen
Hälfte, und die beiden Hälften schlugen die Arme umeinander und verflochten
ihre Leiber und w o l l t e n w i e d e r z u s a m m e n w a c h s e n ....«[31]
Sollen wir, dem Wink des Dichterphilosophen folgend, die Annahme wagen,
daß die lebende Substanz bei ihrer Belebung in kleine Partikel zerrissen wurde,
die seither durch die Sexualtriebe ihre Wiedervereinigung anstreben? Daß diese
Triebe, in denen sich die chemische Affinität der unbelebten Materie fortsetzt,
durch das Reich der Protisten hindurch allmählich die Schwierigkeiten
überwinden, welche eine mit lebensgefährlichen Reizen geladene Umgebung
diesem Streben entgegensetzt, die sie zur Bildung einer schützenden
Rindenschicht nötigt? Daß diese zersprengten Teilchen lebender Substanz so die Vielzelligkeit erreichen und endlich den Keimzellen den Trieb zur
Wiedervereinigung in höchster Konzentration übertragen? Ich glaube, es ist hier
die Stelle, abzubrechen.
Doch nicht, ohne einige Worte kritischer Besinnung anzuschließen. Man
könnte mich fragen, ob und inwieweit ich selbst von den hier entwickelten
Annahmen überzeugt bin. Meine Antwort würde lauten, daß ich weder selbst
überzeugt bin, noch bei anderen um Glauben für sie werbe. Richtiger: ich weiß
nicht, wie weit ich an sie glaube. Es scheint mir, daß das affektive Moment der
Überzeugung hier gar nicht in Betracht zu kommen braucht. Man kann sich doch
einem Gedankengang hingeben, ihn verfolgen, soweit er führt, nur aus
wissenschaftlicher Neugierde, oder wenn man will, als advocatus diaboli, der
sich darum doch nicht dem Teufel selbst verschreibt. Ich verkenne nicht, daß der
dritte Schritt in der Trieblehre, den ich hier unternehme, nicht dieselbe Sicherheit
beanspruchen kann wie die beiden früheren, die Erweiterung des Begriffes der
Sexualität und die Aufstellung des Narzißmus. Diese Neuerungen waren direkte
Übersetzungen der Beobachtung in Theorie, mit nicht größeren Fehlerquellen
behaftet, als in all solchen Fällen unvermeidlich ist. Die Behauptung des
r e g r e s s i v e n Charakters der Triebe ruht allerdings auch auf beobachtetem
Material, nämlich auf den Tatsachen des Wiederholungszwanges. Allein
vielleicht habe ich deren Bedeutung überschätzt. Die Durchführung dieser Idee
ist jedenfalls nicht anders möglich, als daß man mehrmals nacheinander
Tatsächliches mit bloß Erdachtem kombiniert und sich dabei weit von der
Beobachtung entfernt. Man weiß, daß das Endergebnis um so unverläßlicher
wird, je öfter man dies während des Aufbaues einer Theorie tut, aber der Grad
der Unsicherheit ist nicht angebbar. Man kann dabei glücklich geraten haben
oder schmählich in die Irre gegangen sein. Der sogenannten Intuition traue ich
bei solchen Arbeiten wenig zu; was ich von ihr gesehen habe, schien mir eher
der Erfolg einer gewissen Unparteilichkeit des Intellekts. Nur daß man leider
selten unparteiisch ist, wo es sich um die letzten Dinge, die großen Probleme der
Wissenschaft und des Lebens handelt. Ich glaube, ein jeder wird da von innerlich
tief begründeten Vorlieben beherrscht, denen er mit seiner Spekulation
unwissentlich in die Hände arbeitet. Bei so guten Gründen zum Mißtrauen bleibt
wohl nichts anderes als ein kühles Wohlwollen für die Ergebnisse der eigenen
Denkbemühung möglich. Ich beeile mich nur hinzuzufügen, daß solche
Selbstkritik durchaus nicht zu besonderer Toleranz gegen abweichende
Meinungen verpflichtet. Man darf unerbittlich Theorien abweisen, denen schon
die ersten Schritte in der Analyse der Beobachtung widersprechen, und kann
dabei doch wissen, daß die Richtigkeit derer, die man vertritt, doch nur eine vorläufige ist. In der Beurteilung unserer Spekulation über die Lebens- und
Todestriebe würde es uns wenig stören, daß so viel befremdende und
unanschauliche Vorgänge darin vorkommen, wie ein Trieb werde von anderen
herausgedrängt, oder er wende sich vom Ich zum Objekt u. dgl. Dies rührt nur
daher, daß wir genötigt sind, mit den wissenschaftlichen Termini, das heißt, mit
der eigenen Bildersprache der Psychologie (richtig: der Tiefenpsychologie) zu
arbeiten. Sonst könnten wir die entsprechenden Vorgänge überhaupt nicht
beschreiben, ja würden sie gar nicht wahrgenommen haben. Die Mängel unserer
Beschreibung würden wahrscheinlich verschwinden, wenn wir anstatt der
psychologischen Termini schon die physiologischen oder chemischen einsetzen
könnten. Diese gehören zwar auch nur einer Bildersprache an, aber einer uns seit
längerer Zeit vertrauten und vielleicht auch einfacheren.
Hingegen wollen wir uns recht klar machen, daß die Unsicherheit unserer
Spekulation zu einem hohen Grade durch die Nötigung gesteigert wurde,
Anleihen bei der biologischen Wissenschaft zu machen. Die Biologie ist
wahrlich ein Reich der unbegrenzten Möglichkeiten, wir haben die
überraschendsten Aufklärungen von ihr zu erwarten und können nicht erraten,
welche Antworten sie auf die von uns an sie gestellten Fragen einige Jahrzehnte
später geben würde. Vielleicht gerade solche, durch die unser ganzer künstlicher
Bau von Hypothesen umgeblasen wird. Wenn dem so ist, könnte jemand fragen,
wozu unternimmt man also solche Arbeiten wie die in diesem Abschnitt
niedergelegte, und warum bringt man sie doch zur Mitteilung? Nun, ich kann
nicht in Abrede stellen, daß einige der Analogien, Verknüpfungen und
Zusammenhänge darin mir der Beachtung würdig erschienen sind[32].