Jenseits des Lustprinzips

Sigmund Freud · Kapitel 6 von 7

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Jenseits des Lustprinzips

Kapitel VI

 

Unser bisheriges Ergebnis, welches einen scharfen Gegensatz zwischen den

»Ichtrieben« und den Sexualtrieben aufstellt, die ersteren zum Tode und die

letzteren zur Lebenserhaltung drängen läßt, wird uns gewiß nach vielen

Richtungen selbst nicht befriedigen. Dazu kommt, daß wir eigentlich nur für die

ersteren den konservativen oder besser regredierenden, einem

Wiederholungszwang entsprechenden Charakter des Triebes in Anspruch

nehmen konnten. Denn nach unserer Annahme rühren die Ichtriebe von der

Belebung der unbelebten Materie her und wollen die Unbelebtheit wieder

herstellen. Die Sexualtriebe hingegen – es ist augenfällig, daß sie primitive

Zustände des Lebewesens reproduzieren, aber ihr mit allen Mitteln angestrebtes

Ziel ist die Verschmelzung zweier in bestimmter Weise differenzierter

Keimzellen. Wenn diese Vereinigung nicht zustande kommt, dann stirbt die

Keimzelle wie alle anderen Elemente des vielzelligen Organismus. Nur unter

dieser Bedingung kann die Geschlechtsfunktion das Leben verlängern und ihm

den Schein der Unsterblichkeit verleihen. Welches wichtige Ereignis im

Entwicklungsgang der lebenden Substanz wird aber durch die geschlechtliche

Fortpflanzung oder ihren Vorläufer, die Kopulation zweier Individuen unter den

Protisten, wiederholt? Das wissen wir nicht zu sagen, und darum würden wir es

als Erleichterung empfinden, wenn unser ganzer Gedankenaufbau sich als

irrtümlich erkennen ließe. Der Gegensatz von Ich(Todes-)trieben und

Sexual(Lebens-)trieben würde dann entfallen, damit auch der

Wiederholungszwang die ihm zugeschriebene Bedeutung einbüßen.

 

Kehren wir darum zu einer von uns eingeflochtenen Annahme zurück, in der

Erwartung, sie werde sich exakt widerlegen lassen. Wir haben auf Grund der

Voraussetzung weitere Schlüsse aufgebaut, daß alles Lebende aus inneren

Ursachen sterben müsse. Wir haben diese Annahme so sorglos gemacht, weil sie

uns nicht als solche erscheint. Wir sind gewohnt so zu denken, unsere Dichter

bestärken uns darin. Vielleicht haben wir uns dazu entschlossen, weil ein Trost in

diesem Glauben liegt. Wenn man schon selbst sterben und vorher seine Liebsten

durch den Tod verlieren soll, so will man lieber einem unerbittlichen

Naturgesetz, der hehren Ἀναγκη, erlegen sein, als einem Zufall, der sich etwa

noch hätte vermeiden lassen. Aber vielleicht ist dieser Glaube an die innere

Gesetzmäßigkeit des Sterbens auch nur eine der Illusionen, die wir uns

geschaffen haben, »um die Schwere des Daseins zu ertragen«. Ursprünglich ist er sicherlich nicht, den primitiven Völkern ist die Idee eines »natürlichen Todes«

fremd; sie führen jedes Sterben unter ihnen auf den Einfluß eines Feindes oder

eines bösen Geistes zurück. Versäumen wir es darum nicht, uns zur Prüfung

dieses Glaubens an die biologische Wissenschaft zu wenden.

 

Wenn wir so tun, dürfen wir erstaunt sein, wie wenig die Biologen in der

Frage des natürlichen Todes einig sind, ja daß ihnen der Begriff des Todes

überhaupt unter den Händen zerrinnt. Die Tatsache einer bestimmten

durchschnittlichen Lebensdauer wenigstens bei höheren Tieren spricht natürlich

für den Tod aus inneren Ursachen, aber der Umstand, daß einzelne große Tiere

und riesenhafte Baumgewächse ein sehr hohes und bisher nicht abschätzbares

Alter erreichen, hebt diesen Eindruck wieder auf. Nach der großartigen

Konzeption von W. F l i e ß sind alle Lebenserscheinungen – und gewiß auch der

Tod – der Organismen an die Erfüllung bestimmter Termine gebunden, in denen

die Abhängigkeit zweier lebenden Substanzen, einer männlichen und einer

weiblichen, vom Sonnenjahr zum Ausdruck kommt. Allein die Beobachtungen,

wie leicht und bis zu welchem Ausmaß es dem Einflusse äußerer Kräfte möglich

ist, die Lebensäußerungen insbesondere der Pflanzenwelt in ihrem zeitlichen

Auftreten zu verändern, sie zu verfrühen oder hintanzuhalten, sträuben sich

gegen die Starrheit der F l i e ß'schen Formeln und lassen zum mindesten an der

Alleinherrschaft der von ihm aufgestellten Gesetze zweifeln.

 

Das größte Interesse knüpft sich für uns an die Behandlung, welche das

Thema von der Lebensdauer und vom Tode der Organismen in den Arbeiten von

A. W e i s m a n n gefunden hat[16]. Von diesem Forscher rührt die Unterscheidung

der lebenden Substanz in eine sterbliche und unsterbliche Hälfte her; die

sterbliche ist der Körper im engeren Sinne, das S o m a, sie allein ist dem

natürlichen Tode unterworfen, die Keimzellen aber sind potentia unsterblich,

insofern sie imstande sind, unter gewissen günstigen Bedingungen sich zu einem

neuen Individuum zu entwickeln, oder anders ausgedrückt, sich mit einem neuen

Soma zu umgeben[17].

 

Was uns hieran fesselt, ist die unerwartete Analogie mit unserer eigenen, auf

so verschiedenem Wege entwickelten Auffassung. W e i s m a n n, der die

lebende Substanz morphologisch betrachtet, erkennt in ihr einen Bestandteil, der

dem Tode verfallen ist, das Soma, den Körper abgesehen vom Geschlechts- und

Vererbungsstoff, und einen unsterblichen, eben dieses Keimplasma, welches der

Erhaltung der Art, der Fortpflanzung, dient. Wir haben nicht den lebenden Stoff,

sondern die in ihm tätigen Kräfte eingestellt, und sind dazu geführt worden, zwei

Arten von Trieben zu unterscheiden, jene, welche das Leben zum Tod führen wollen, die anderen, die Sexualtriebe, welche immer wieder die Erneuerung des

Lebens anstreben und durchsetzen. Das klingt wie ein dynamisches Korollar zu

W e i s m a n n's morphologischer Theorie.

 

Der Anschein einer bedeutsamen Übereinstimmung verflüchtigt sich alsbald,

wenn wir W e i s m a n n's Entscheidung über das Problem des Todes vernehmen.

Denn W e i s m a n n läßt die Sonderung vom sterblichen Soma und unsterblichen

Keimplasma erst bei den vielzelligen Organismen gelten, bei den einzelligen

Tieren sind Individuum und Fortpflanzungszelle noch ein- und dasselbe[18]. Die

Einzelligen erklärt er also für potentiell unsterblich, der Tod tritt erst bei den

Metazoen, den Vielzelligen, auf. Dieser Tod der höheren Lebewesen ist

allerdings ein natürlicher, ein Tod aus inneren Ursachen, aber er beruht nicht auf

einer Ureigenschaft der lebenden Substanz[19], kann nicht als eine absolute, im

Wesen des Lebens begründete Notwendigkeit aufgefaßt werden[20]. Der Tod ist

vielmehr eine Zweckmäßigkeitseinrichtung, eine Erscheinung der Anpassung an

die äußeren Lebensbedingungen, weil von der Sonderung der Körperzellen in

Soma und Keimplasmen an die unbegrenzte Lebensdauer des Individuums ein

ganz unzweckmäßiger Luxus geworden wäre. Mit dem Eintritt dieser

Differenzierung bei den Vielzelligen wurde der Tod möglich und zweckmäßig.

Seither stirbt das Soma der höheren Lebewesen aus inneren Gründen zu

bestimmten Zeiten ab, die Protisten aber sind unsterblich geblieben. Die

Fortpflanzung hingegen ist nicht erst mit dem Tod eingeführt worden, sie ist

vielmehr eine Ureigenschaft der lebenden Materie wie das Wachstum, aus

welchem sie hervorging, und das Leben ist von seinem Beginn auf Erden an

kontinuierlich geblieben[21].

 

Es ist leicht einzusehen, daß das Zugeständnis eines natürlichen Todes für

die höheren Organismen unserer Sache wenig hilft. Wenn der Tod eine späte

Erwerbung der Lebewesen ist, dann kommen Todestriebe, die sich vom Beginn

des Lebens auf Erden ableiten, weiter nicht in Betracht. Die Vielzelligen mögen

dann immerhin aus inneren Gründen sterben, an den Mängeln ihrer

Differenzierung oder an den Unvollkommenheiten ihres Stoffwechsels; es hat

für die Frage, die uns beschäftigt, kein Interesse. Eine solche Auffassung und

Ableitung des Todes liegt dem gewohnten Denken der Menschen auch sicherlich

viel näher als die befremdende Annahme von »Todestrieben«.

 

Die Diskussion, die sich an die Aufstellungen von W e i s m a n n

angeschlossen, hat nach meinem Urteil in keiner Richtung Entscheidendes

ergeben[22]. Manche Autoren sind zum Standpunkt von G o e t t e zurückgekehrt

(1883), der in dem Tod die direkte Folge der Fortpflanzung sah. H a r t m a n n charakterisiert den Tod nicht durch Auftreten einer »Leiche«, eines

abgestorbenen Anteiles der lebenden Substanz, sondern definiert ihn als den

»Abschluß der individuellen Entwicklung«. In diesem Sinne sind auch die

Protozoen sterblich, der Tod fällt bei ihnen immer mit der Fortpflanzung

zusammen, aber er wird durch diese gewissermaßen verschleiert, indem die

ganze Substanz des Elterntieres direkt in die jungen Kinderindividuen

übergeführt werden kann (l. c., S. 29).

 

Das Interesse der Forschung hat sich bald darauf gerichtet, die behauptete

Unsterblichkeit der lebenden Substanz an den Einzelligen experimentell zu

erproben. Ein Amerikaner, W o o d r u f f, hat ein bewimpertes Infusorium, ein

»Pantoffeltierchen«, das sich durch Teilung in zwei Individuen fortpflanzt, in

Zucht genommen und es bis zur 3029sten Generation, wo er den Versuch

abbrach, verfolgt, indem er jedesmal das eine der Teilprodukte isolierte und in

frisches Wasser brachte. Dieser späte Abkömmling des ersten Pantoffeltierchens

war ebenso frisch wie der Urahn, ohne alle Zeichen des Alterns oder der

Degeneration; somit schien, wenn solchen Zahlen bereits Beweiskraft zukommt,

die Unsterblichkeit der Protisten experimentell erweisbar[23].

 

Andere Forscher sind zu anderen Resultaten gekommen. M a u p a s,

C a l k i n s u. a. haben im Gegensatz zu W o o d r u f f gefunden, daß auch diese

Infusorien nach einer gewissen Anzahl von Teilungen schwächer werden, an

Größe abnehmen, einen Teil ihrer Organisation einbüßen und endlich sterben,

wenn sie nicht gewisse auffrischende Einflüsse erfahren. Demnach stürben die

Protozoen nach einer Phase des Altersverfalls ganz wie die höheren Tiere, so

recht im Widerspruch zu den Behauptungen W e i s m a n n's, der den Tod als

eine späte Erwerbung der lebenden Organismen anerkennt.

 

Aus dem Zusammenhang dieser Untersuchungen heben wir zwei Tatsachen

heraus, die uns einen festen Anhalt zu bieten scheinen. Erstens: Wenn die

Tierchen zu einem Zeitpunkt, da sie noch keine Altersveränderung zeigen,

miteinander zuzweit verschmelzen, »kopulieren« können – worauf sie nach

einiger Zeit wieder auseinandergehen –, so bleiben sie vom Alter verschont, sie

sind »verjüngt« worden. Diese Kopulation ist doch wohl der Vorläufer der

geschlechtlichen Fortpflanzung höherer Wesen; sie hat mit der Vermehrung noch

nichts zu tun, beschränkt sich auf die Vermischung der Substanzen beider

Individuen (W e i s m a n n's Amphimixis). Der auffrischende Einfluß der

Kopulation kann aber auch ersetzt werden durch bestimmte Reizmittel,

Veränderungen in der Zusammensetzung der Nährflüssigkeit,

Temperatursteigerung oder Schütteln. Man erinnert sich an das berühmte Experiment von J. L o e b, der Seeigeleier durch gewisse chemische Reize zu

Teilungsvorgängen zwang, die sonst nur nach der Befruchtung auftreten.

 

Zweitens: Es ist doch wahrscheinlich, daß die Infusorien durch ihren eigenen

Lebensprozeß zu einem natürlichen Tod geführt werden, denn der Widerspruch

zwischen den Ergebnissen von W o o d r u f f und von anderen rührt daher, daß

W o o d r u f f jede neue Generation in frische Nährflüssigkeit brachte. Unterließ

er dies, so beobachtete er dieselben Altersveränderungen der Generationen wie

die anderen Forscher. Er schloß, daß die Tierchen durch die Produkte des

Stoffwechsels, die sie an die umgebende Flüssigkeit abgeben, geschädigt

werden, und konnte dann überzeugend nachweisen, daß nur die Produkte des

e i g e n e n Stoffwechsels diese zum Tod der Generation führende Wirkung

haben. Denn in einer Lösung, die mit den Abfallsprodukten einer entfernter

verwandten Art übersättigt war, gediehen dieselben Tierchen ausgezeichnet, die,

in ihrer eigenen Nährflüssigkeit angehäuft, sicher zugrunde gingen. Das Infusor

stirbt also, sich selbst überlassen, eines natürlichen Todes an der

Unvollkommenheit der Beseitigung seiner eigenen Stoffwechselprodukte; aber

vielleicht sterben auch alle höheren Tiere im Grunde an dem gleichen

Unvermögen.

 

Es mag uns da der Zweifel anwandeln, ob es überhaupt zweckdienlich war,

die Entscheidung der Frage nach dem natürlichen Tod im Studium der Protozoen

zu suchen. Die primitive Organisation dieser Lebewesen mag uns wichtige

Verhältnisse verschleiern, die auch bei ihnen statthaben, aber erst bei höheren

Tieren erkannt werden können, wo sie sich einen morphologischen Ausdruck

verschafft haben. Wenn wir den morphologischen Standpunkt verlassen, um den

dynamischen einzunehmen, so kann es uns überhaupt gleichgültig sein, ob sich

der natürliche Tod der Protozoen erweisen läßt oder nicht. Bei ihnen hat sich die

später als unsterblich erkannte Substanz von der sterblichen noch in keiner

Weise gesondert. Die Triebkräfte, die das Leben in den Tod überführen wollen,

könnten auch in ihnen von Anfang an wirksam sein, und doch könnte ihr Effekt

durch den der lebenserhaltenden Kräfte so gedeckt werden, daß ihr direkter

Nachweis sehr schwierig wird. Wir haben allerdings gehört, daß die

Beobachtungen der Biologen uns die Annahme solcher zum Tod führenden

inneren Vorgänge auch für die Protisten gestatten. Aber selbst, wenn die

Protisten sich als unsterblich im Sinne von W e i s m a n n erweisen, so gilt seine

Behauptung, der Tod sei eine späte Erwerbung, nur für die manifesten

Äußerungen des Todes und macht keine Annahme über die zum Tode

drängenden Prozesse unmöglich. Unsere Erwartung, die Biologie werde die Anerkennung der Todestriebe glatt beseitigen, hat sich nicht erfüllt. Wir können

uns mit ihrer Möglichkeit weiter beschäftigen, wenn wir sonst Gründe dafür

haben. Die auffällige Ähnlichkeit der W e i s m a n n'schen Sonderung von Soma

und Keimplasma mit unserer Scheidung der Todestriebe von den Lebenstrieben

bleibt aber bestehen und erhält ihren Wert wieder.

 

Verweilen wir kurz bei dieser exquisit dualistischen Auffassung des

Trieblebens. Nach der Theorie E. H e r i n g's von den Vorgängen in der lebenden

Substanz laufen in ihr unausgesetzt zweierlei Prozesse entgegengesetzter

Richtung ab, die einen aufbauend – assimilatorisch, die anderen abbauend –

dissimilatorisch. Sollen wir es wagen, in diesen beiden Richtungen der

Lebensprozesse die Betätigung unserer beiden Triebregungen, der Lebenstriebe

und der Todestriebe, zu erkennen? Aber etwas anderes können wir uns nicht

verhehlen, daß wir unversehens in den Hafen der Philosophie

S c h o p e n h a u e r's eingelaufen sind, für den ja der Tod »das eigentliche

Resultat« und insofern der Zweck des Lebens ist[24], der Sexualtrieb aber die

Verkörperung des Willens zum Leben.

 

Versuchen wir kühn, einen Schritt weiter zu gehen. Nach allgemeiner

Einsicht ist die Vereinigung zahlreicher Zellen zu einem Lebensverband, die

Vielzelligkeit der Organismen, ein Mittel zur Verlängerung ihrer Lebensdauer

geworden. Eine Zelle hilft dazu, das Leben der anderen zu erhalten, und der

Zellenstaat kann weiter leben, auch wenn einzelne Zellen absterben müssen. Wir

haben bereits gehört, daß auch die Kopulation, die zeitweilige Verschmelzung

zweier Einzelligen, lebenserhaltend und verjüngend auf beide wirkt. Somit

könnte man den Versuch machen, die in der Psychoanalyse gewonnene

Libidotheorie auf das Verhältnis der Zellen zueinander zu übertragen und sich

vorzustellen, daß es die in jeder Zelle tätigen Lebens- oder Sexualtriebe sind,

welche die anderen Zellen zum Objekt nehmen, deren Todestriebe, d. i. die von

diesen angeregten Prozesse, teilweise neutralisieren und sie so am Leben

erhalten, während andere Zellen dasselbe für sie besorgen und noch andere in

der Ausübung dieser libidinösen Funktion sich selbst aufopfern. Die Keimzellen

selbst würden sich absolut »narzißtisch« benehmen, wie wir es in der

Neurosenlehre zu bezeichnen gewohnt sind, wenn ein ganzes Individuum seine

Libido im Ich behält und nichts von ihr für Objektbesetzungen verausgabt. Die

Keimzellen brauchen ihre Libido, die Tätigkeit ihrer Lebenstriebe, für sich selbst

als Vorrat für ihre spätere, großartig aufbauende Tätigkeit. Vielleicht darf man

auch die Zellen der bösartigen Neugebilde, die den Organismus zerstören, für

narzißtisch in demselben Sinne erklären. Die Pathologie ist ja bereit, ihre Keime für mitgeboren zu halten und ihnen embryonale Eigenschaften zuzugestehen. So

würde also die Libido unserer Sexualtriebe mit dem Eros der Dichter und

Philosophen zusammenfallen, der alles Lebende zusammenhält.

 

An dieser Stelle finden wir den Anlaß, die langsame Entwicklung unserer

Libidotheorie zu überschauen. Die Analyse der Übertragungsneurosen zwang

uns zunächst den Gegensatz zwischen »Sexualtrieben«, die auf das Objekt

gerichtet sind, und anderen Trieben auf, die wir nur sehr ungenügend erkannten

und vorläufig als »Ichtriebe« bezeichneten. Unter ihnen mußten Triebe, die der

Selbsterhaltung des Individuums dienen, in erster Linie anerkannt werden. Was

für andere Unterscheidungen da zu machen waren, konnte man nicht wissen.

Keine Kenntnis wäre für die Begründung einer richtigen Psychologie so wichtig

gewesen, wie eine ungefähre Einsicht in die gemeinsame Natur und die etwaigen

Besonderheiten der Triebe. Aber auf keinem Gebiete der Psychologie tappte man

so sehr im Dunkeln. Jedermann stellte so viele Triebe oder »Grundtriebe« auf,

als ihm beliebte, und wirtschaftete mit ihnen wie die alten griechischen

Naturphilosophen mit ihren vier Elementen: dem Wasser, der Erde, dem Feuer

und der Luft. Die Psychoanalyse, die irgendeiner Annahme über die Triebe nicht

entraten konnte, hielt sich vorerst an die populäre Triebunterscheidung, für die

das Wort von »Hunger und Liebe« vorbildlich ist. Es war wenigstens kein neuer

Willkürakt. Damit reichte man in der Analyse der Psychoneurosen ein ganzes

Stück weit aus. Der Begriff der »Sexualität« – und damit der eines Sexualtriebes

– mußte freilich erweitert werden, bis er vieles einschloß, was sich nicht der

Fortpflanzungsfunktion einordnete, und darüber gab es Lärm genug in der

strengen, vornehmen oder bloß heuchlerischen Welt.

 

Der nächste Schritt erfolgte, als sich die Psychoanalyse näher an das

psychologische Ich herantasten konnte, das ihr zunächst nur als verdrängende,

zensurierende und zu Schutzbauten, Reaktionsbildungen befähigte Instanz

bekannt geworden war. Kritische und andere weitblickende Geister hatten zwar

längst gegen die Einschränkung des Libidobegriffes auf die Energie der dem

Objekt zugewendeten Sexualtriebe Einspruch erhoben. Aber sie versäumten es

mitzuteilen, woher ihnen die bessere Einsicht gekommen war, und verstanden

nicht, etwas für die Analyse Brauchbares aus ihr abzuleiten. In bedächtigerem

Fortschreiten fiel es nun der psychoanalytischen Beobachtung auf, wie

regelmäßig Libido vom Objekt abgezogen und aufs Ich gerichtet wird

(Introversion), und indem sie die Libidoentwicklung des Kindes in ihren

frühesten Phasen studierte, kam sie zur Einsicht, daß das Ich das eigentliche und

ursprüngliche Reservoir der Libido sei, die erst von da aus auf das Objekt erstreckt werde. Das Ich trat unter die Sexualobjekte und wurde gleich als das

vornehmste unter ihnen erkannt. Wenn die Libido so im Ich verweilte, wurde sie

narzißtisch genannt[25]. Diese narzißtische Libido war natürlich auch die

Kraftäußerung von Sexualtrieben im analytischen Sinne, die man mit den von

Anfang an zugestandenen »Selbsterhaltungstrieben« identifizieren mußte. Somit

war der ursprüngliche Gegensatz von Ichtrieben und Sexualtrieben unzureichend

geworden. Ein Teil der Ichtriebe war als libidinös erkannt; im Ich waren – neben

anderen wahrscheinlich – auch Sexualtriebe wirksam, doch ist man berechtigt zu

sagen, daß die alte Formel, die Psychoneurose beruhe auf einem Konflikt

zwischen den Ichtrieben und den Sexualtrieben, nichts enthielt, was heute zu

verwerfen wäre. Der Unterschied der beiden Triebarten, der ursprünglich

irgendwie qualitativ gemeint war, ist jetzt nur anders, nämlich t o p i s c h zu

bestimmen. Insbesondere die Übertragungsneurose, das eigentliche

Studienobjekt der Psychoanalyse, bleibt das Ergebnis eines Konflikts zwischen

dem Ich und der libidinösen Objektbesetzung.

 

Um so mehr müssen wir den libidinösen Charakter der

Selbsterhaltungstriebe jetzt betonen, da wir den weiteren Schritt wagen, den

Sexualtrieb als den alles erhaltenden Eros zu erkennen und die narzißtische

Libido des Ichs aus den Libidobeiträgen ableiten, mit denen die Somazellen

aneinander haften. Nun aber finden wir uns plötzlich folgender Frage gegenüber:

Wenn auch die Selbsterhaltungstriebe libidinöser Natur sind, dann haben wir

vielleicht überhaupt keine anderen Triebe als libidinöse. Es sind wenigstens

keine anderen zu sehen. Dann muß man aber doch den Kritikern recht geben, die

von Anfang an geahnt haben, die Psychoanalyse erkläre a l l e s aus der

Sexualität, oder den Neuerern wie J u n g, die, kurz entschlossen, Libido für

»Triebkraft« überhaupt gebraucht haben. Ist dem nicht so?

 

In unserer Absicht läge dies Resultat allerdings nicht. Wir sind ja vielmehr

von einer scharfen Scheidung zwischen Ichtrieben = Todestrieben und

Sexualtrieben = Lebenstrieben ausgegangen. Wir waren ja bereit, auch die

angeblichen Selbsterhaltungstriebe des Ichs zu den Todestrieben zu rechnen, was

wir seither berichtigend zurückgezogen haben. Unsere Auffassung war von

Anfang eine d u a l i s t i s c h e und sie ist es heute schärfer denn zuvor, seitdem

wir die Gegensätze nicht mehr Ich- und Sexualtriebe, sondern Lebens- und

Todestriebe benennen. J u n g's Libidotheorie ist dagegen eine monistische; daß

er seine einzige Triebkraft Libido geheißen hat, mußte Verwirrung stiften, soll

uns aber weiter nicht beeinflussen. Wir vermuten, daß im Ich noch andere als die

libidinösen Selbsterhaltungstriebe tätig sind, wir sollten nur imstande sein, sie aufzuzeigen. Es ist zu bedauern, daß die Analyse des Ichs so wenig

fortgeschritten ist, daß dieser Nachweis uns recht schwer wird. Die libidinösen

Triebe des Ichs mögen allerdings in besonderer Weise mit den anderen, uns noch

fremden Ichtrieben verknüpft sein. Noch ehe wir den Narzißmus klar erkannt

hatten, bestand bereits in der Psychoanalyse die Vermutung, daß die »Ichtriebe«

libidinöse Komponenten an sich gezogen haben. Aber das sind recht unsichere

Möglichkeiten, denen die Gegner kaum Rechnung tragen werden. Es bleibt

mißlich, daß uns die Analyse bisher immer nur in den Stand gesetzt hat,

libidinöse Triebe nachzuweisen. Den Schluß, daß es andere nicht gibt, möchten

wir darum doch nicht mitmachen.

 

Bei dem gegenwärtigen Dunkel der Trieblehre tun wir wohl nicht gut, irgend

einen Einfall, der uns Aufklärung verspricht, zurückzuweisen. Wir sind von der

großen Gegensätzlichkeit von Lebens- und Todestrieben ausgegangen. Die

Objektliebe selbst zeigt uns eine zweite solche Polarität, die von Liebe

(Zärtlichkeit) und Haß (Aggression). Wenn es uns nun gelänge, diese beiden

Polaritäten in Beziehung zu einander zu bringen, die eine auf die andere

zurückzuführen! Wir haben von jeher eine sadistische Komponente des

Sexualtriebes anerkannt[26]; sie kann sich, wie wir wissen, selbständig machen

und als Perversion das gesamte Sexualstreben der Person beherrschen. Sie tritt

auch in einer der von mir sogenannten »prägenitalen Organisationen« als

dominierender Partialtrieb hervor. Wie soll man aber den sadistischen Trieb, der

auf die Schädigung des Objektes zielt, vom lebenserhaltenden Eros ableiten

können? Liegt da nicht die Annahme nahe, daß dieser Sadismus eigentlich ein

Todestrieb ist, der durch den Einfluß der narzißtischen Libido vom Ich

abgedrängt wurde, so daß er erst am Objekt zum Vorschein kommt? Er tritt dann

in den Dienst der Sexualfunktion; im oralen Organisationsstadium der Libido

fällt die Liebesbemächtigung noch mit der Vernichtung des Objekts zusammen,

später trennt sich der sadistische Trieb ab und endlich übernimmt er auf der

Stufe des Genitalprimats zum Zwecke der Fortpflanzung die Funktion, das

Sexualobjekt so weit zu bewältigen, als es die Ausführung des Geschlechtsaktes

erfordert. Ja, man könnte sagen, der aus dem Ich herausgedrängte Sadismus habe

den libidinösen Komponenten des Sexualtriebs den Weg gezeigt; späterhin

drängen diese zum Objekt nach. Wo der ursprüngliche Sadismus keine

Ermäßigung und Verschmelzung erfährt, ist die bekannte Liebe-Haß-

Ambivalenz des Liebeslebens hergestellt.

 

Wenn es erlaubt ist, eine solche Annahme zu machen, so wäre die Forderung

erfüllt, ein Beispiel eines – allerdings verschobenen – Todestriebes aufzuzeigen. Nur daß diese Auffassung von jeder Anschaulichkeit weit entfernt ist und einen

geradezu mystischen Eindruck macht. Wir kommen in den Verdacht, um jeden

Preis eine Auskunft aus einer großen Verlegenheit gesucht zu haben. Dann

dürfen wir uns darauf berufen, daß eine solche Annahme nicht neu ist, daß wir

sie bereits früher einmal gemacht haben, als von einer Verlegenheit noch keine

Rede war. Klinische Beobachtungen haben uns seinerzeit zur Auffassung

genötigt, daß der dem Sadismus komplementäre Partialtrieb des Masochismus

als eine Rückwendung des Sadismus gegen das eigene Ich zu verstehen sei[27].

Eine Wendung des Triebs vom Objekt zum Ich ist aber prinzipiell nichts anderes

als die Wendung vom Ich zum Objekt, die hier als neu in Frage steht. Der

Masochismus, die Wendung des Triebs gegen das eigene Ich, wäre dann in

Wirklichkeit eine Rückkehr zu einer früheren Phase desselben, eine Regression.

In einem Punkte bedürfte die damals vom Masochismus gegebene Darstellung

einer Berichtigung als allzu ausschließlich; der Masochismus könnte auch, was

ich dort bestreiten wollte, ein primärer sein[28].

 

Aber kehren wir zu den lebenserhaltenden Sexualtrieben zurück. Schon aus

der Protistenforschung haben wir erfahren, daß die Verschmelzung zweier

Individuen ohne nachfolgende Teilung, die Kopulation, auf beide Individuen, die

sich dann bald voneinander lösen, stärkend und verjüngend wirkt. (S. o.

L i p s c h ü t z.) Sie zeigen in weiteren Generationen keine

Degenerationserscheinungen und scheinen befähigt, den Schädlichkeiten ihres

eigenen Stoffwechsels länger zu widerstehen. Ich meine, daß diese eine

Beobachtung als vorbildlich für den Effekt auch der geschlechtlichen

Vereinigung genommen werden darf. Aber auf welche Weise bringt die

Verschmelzung zweier wenig verschiedener Zellen eine solche Erneuerung des

Lebens zustande? Der Versuch, der die Kopulation bei den Protozoen durch die

Einwirkung chemischer, ja selbst mechanischer Reize (l. c.) ersetzt, gestattet

wohl eine sichere Antwort zu geben: Es geschieht durch die Zufuhr neuer

Reizgrößen. Das stimmt nun aber gut zur Annahme, daß der Lebensprozeß des

Individuums aus inneren Gründen zur Abgleichung chemischer Spannungen, das

heißt zum Tode führt, während die Vereinigung mit einer individuell

verschiedenen lebenden Substanz diese Spannungen vergrößert, sozusagen neue

V i t a l d i f f e r e n z e n einführt, die dann a b g e l e b t werden müssen. Für diese

Verschiedenheit muß es natürlich ein oder mehrere Optima geben. Daß wir als

die herrschende Tendenz des Seelenlebens, vielleicht des Nervenlebens

überhaupt, das Streben nach Herabsetzung, Konstanterhaltung, Aufhebung der

inneren Reizspannung erkannten (das N i r w a n a p r i n z i p nach einem

Ausdruck von Barbara L o w), wie es im Lustprinzip zum Ausdruck kommt, das ist ja eines unserer stärksten Motive, an die Existenz von Todestrieben zu

glauben.

 

Als empfindliche Störung unseres Gedankenganges verspüren wir es aber

noch immer, daß wir gerade für den Sexualtrieb jenen Charakter eines

Wiederholungszwanges nicht nachweisen können, der uns zuerst zur Aufspürung

der Todestriebe führte. Das Gebiet der embryonalen Entwicklungsvorgänge ist

zwar überreich an solchen Wiederholungserscheinungen, die beiden Keimzellen

der geschlechtlichen Fortpflanzung und ihre Lebensgeschichte sind selbst nur

Wiederholungen der Anfänge des organischen Lebens; aber das Wesentliche an

den vom Sexualtrieb intendierten Vorgängen ist doch die Verschmelzung zweier

Zelleiber. Erst durch diese wird bei den höheren Lebewesen die Unsterblichkeit

der lebenden Substanz gesichert.

 

Mit anderen Worten: wir sollen Auskunft schaffen über die Entstehung der

geschlechtlichen Fortpflanzung und die Herkunft der Sexualtriebe überhaupt,

eine Aufgabe, vor der ein Außenstehender zurückschrecken muß, und die von

den Spezialforschern selbst bisher noch nicht gelöst werden konnte. In knappster

Zusammendrängung sei darum aus all den widerstreitenden Angaben und

Meinungen hervorgehoben, was einen Anschluß an unseren Gedankengang

zuläßt.

 

Die eine Auffassung benimmt dem Problem der Fortpflanzung seinen

geheimnisvollen Reiz, indem sie die Fortpflanzung als eine Teilerscheinung des

Wachstums darstellt. (Vermehrung durch Teilung, Sproßung, Knospung.) Die

Entstehung der Fortpflanzung durch geschlechtlich differenzierte Keimzellen

könnte man sich nach nüchterner D a r w i n'scher Denkungsart so vorstellen, daß

der Vorteil der Amphimixis, der sich dereinst bei der zufälligen Kopulation

zweier Protisten ergab, in der ferneren Entwicklung festgehalten und weiter

ausgenützt wurde[29]. Das »Geschlecht« wäre also nicht sehr alt, und die

außerordentlich heftigen Triebe, welche die geschlechtliche Vereinigung

herbeiführen wollen, wiederholten dabei etwas, was sich zufällig einmal ereignet

und seither als vorteilhaft befestigt hat.

 

Es ist hier wiederum wie beim Tod die Frage, ob man bei den Protisten

nichts anderes gelten lassen soll, als was sie zeigen, und ob man annehmen darf,

daß Kräfte und Vorgänge, die erst bei höheren Lebewesen sichtbar werden, auch

bei diesen zuerst entstanden sind. Für unsere Absichten leistet die erwähnte

Auffassung der Sexualität sehr wenig. Man wird gegen sie einwenden dürfen,

daß sie die Existenz von Lebenstrieben, die schon im einfachsten Lebewesen wirken, voraussetzt, denn sonst wäre ja die Kopulation, die dem Lebensablauf

entgegenwirkt und die Aufgabe des Ablebens erschwert, nicht festgehalten und

ausgearbeitet, sondern vermieden worden. Wenn man also die Annahme von

Todestrieben nicht fahren lassen will, muß man ihnen von allem Anfang an

Lebenstriebe zugesellen. Aber man muß es zugestehen, wir arbeiten da an einer

Gleichung mit zwei Unbekannten. Was wir sonst in der Wissenschaft über die

Entstehung der Geschlechtlichkeit finden, ist so wenig, daß man dies Problem

einem Dunkel vergleichen kann, in welches auch nicht der Lichtstrahl einer

Hypothese gedrungen ist. An ganz anderer Stelle begegnen wir allerdings einer

solchen Hypothese, die aber von so phantastischer Art ist – gewiß eher ein

Mythus als eine wissenschaftliche Erklärung –, daß ich nicht wagen würde, sie

hier anzuführen, wenn sie nicht gerade die eine Bedingung erfüllen würde, nach

deren Erfüllung wir streben. Sie leitet nämlich einen Trieb ab v o n d e m

B e d ü r f n i s n a c h W i e d e r h e r s t e l l u n g e i n e s f r ü h e r e n

Z u s t a n d e s.

 

Ich meine natürlich die Theorie, die P l a t o im S y m p o s i o n durch

A r i s t o p h a n e s entwickeln läßt, und die nicht nur die Herkunft des

Geschlechtstriebes, sondern auch seiner wichtigsten Variation in bezug auf das

Objekt behandelt[30]:

 

»Die menschliche Natur war ja einst ganz anders. Ursprünglich gab es drei

Geschlechter, drei und nicht wie heute zwei: neben dem männlichen und

weiblichen lebte ein drittes Geschlecht, welches an den beiden ersten gleichen

Anteil hatte, ....« Alles an diesen Menschen war aber doppelt, sie hatten also vier

Hände und vier Füße, zwei Gesichter, doppelte Schamteile usw. Da ließ sich

Zeus bewegen, jeden Menschen in zwei Teile zu teilen, »wie man Birnen, um sie

einzukochen, entzweischneidet ....« »Als nun auf diese Weise die ganze Natur

entzwei war, kam in jedem Menschen die Sehnsucht nach seiner eigenen anderen

Hälfte, und die beiden Hälften schlugen die Arme umeinander und verflochten

ihre Leiber und w o l l t e n w i e d e r z u s a m m e n w a c h s e n ....«[31]

 

Sollen wir, dem Wink des Dichterphilosophen folgend, die Annahme wagen,

daß die lebende Substanz bei ihrer Belebung in kleine Partikel zerrissen wurde,

die seither durch die Sexualtriebe ihre Wiedervereinigung anstreben? Daß diese

Triebe, in denen sich die chemische Affinität der unbelebten Materie fortsetzt,

durch das Reich der Protisten hindurch allmählich die Schwierigkeiten

überwinden, welche eine mit lebensgefährlichen Reizen geladene Umgebung

diesem Streben entgegensetzt, die sie zur Bildung einer schützenden

Rindenschicht nötigt? Daß diese zersprengten Teilchen lebender Substanz so die Vielzelligkeit erreichen und endlich den Keimzellen den Trieb zur

Wiedervereinigung in höchster Konzentration übertragen? Ich glaube, es ist hier

die Stelle, abzubrechen.

 

Doch nicht, ohne einige Worte kritischer Besinnung anzuschließen. Man

könnte mich fragen, ob und inwieweit ich selbst von den hier entwickelten

Annahmen überzeugt bin. Meine Antwort würde lauten, daß ich weder selbst

überzeugt bin, noch bei anderen um Glauben für sie werbe. Richtiger: ich weiß

nicht, wie weit ich an sie glaube. Es scheint mir, daß das affektive Moment der

Überzeugung hier gar nicht in Betracht zu kommen braucht. Man kann sich doch

einem Gedankengang hingeben, ihn verfolgen, soweit er führt, nur aus

wissenschaftlicher Neugierde, oder wenn man will, als advocatus diaboli, der

sich darum doch nicht dem Teufel selbst verschreibt. Ich verkenne nicht, daß der

dritte Schritt in der Trieblehre, den ich hier unternehme, nicht dieselbe Sicherheit

beanspruchen kann wie die beiden früheren, die Erweiterung des Begriffes der

Sexualität und die Aufstellung des Narzißmus. Diese Neuerungen waren direkte

Übersetzungen der Beobachtung in Theorie, mit nicht größeren Fehlerquellen

behaftet, als in all solchen Fällen unvermeidlich ist. Die Behauptung des

r e g r e s s i v e n Charakters der Triebe ruht allerdings auch auf beobachtetem

Material, nämlich auf den Tatsachen des Wiederholungszwanges. Allein

vielleicht habe ich deren Bedeutung überschätzt. Die Durchführung dieser Idee

ist jedenfalls nicht anders möglich, als daß man mehrmals nacheinander

Tatsächliches mit bloß Erdachtem kombiniert und sich dabei weit von der

Beobachtung entfernt. Man weiß, daß das Endergebnis um so unverläßlicher

wird, je öfter man dies während des Aufbaues einer Theorie tut, aber der Grad

der Unsicherheit ist nicht angebbar. Man kann dabei glücklich geraten haben

oder schmählich in die Irre gegangen sein. Der sogenannten Intuition traue ich

bei solchen Arbeiten wenig zu; was ich von ihr gesehen habe, schien mir eher

der Erfolg einer gewissen Unparteilichkeit des Intellekts. Nur daß man leider

selten unparteiisch ist, wo es sich um die letzten Dinge, die großen Probleme der

Wissenschaft und des Lebens handelt. Ich glaube, ein jeder wird da von innerlich

tief begründeten Vorlieben beherrscht, denen er mit seiner Spekulation

unwissentlich in die Hände arbeitet. Bei so guten Gründen zum Mißtrauen bleibt

wohl nichts anderes als ein kühles Wohlwollen für die Ergebnisse der eigenen

Denkbemühung möglich. Ich beeile mich nur hinzuzufügen, daß solche

Selbstkritik durchaus nicht zu besonderer Toleranz gegen abweichende

Meinungen verpflichtet. Man darf unerbittlich Theorien abweisen, denen schon

die ersten Schritte in der Analyse der Beobachtung widersprechen, und kann

dabei doch wissen, daß die Richtigkeit derer, die man vertritt, doch nur eine vorläufige ist. In der Beurteilung unserer Spekulation über die Lebens- und

Todestriebe würde es uns wenig stören, daß so viel befremdende und

unanschauliche Vorgänge darin vorkommen, wie ein Trieb werde von anderen

herausgedrängt, oder er wende sich vom Ich zum Objekt u. dgl. Dies rührt nur

daher, daß wir genötigt sind, mit den wissenschaftlichen Termini, das heißt, mit

der eigenen Bildersprache der Psychologie (richtig: der Tiefenpsychologie) zu

arbeiten. Sonst könnten wir die entsprechenden Vorgänge überhaupt nicht

beschreiben, ja würden sie gar nicht wahrgenommen haben. Die Mängel unserer

Beschreibung würden wahrscheinlich verschwinden, wenn wir anstatt der

psychologischen Termini schon die physiologischen oder chemischen einsetzen

könnten. Diese gehören zwar auch nur einer Bildersprache an, aber einer uns seit

längerer Zeit vertrauten und vielleicht auch einfacheren.

 

Hingegen wollen wir uns recht klar machen, daß die Unsicherheit unserer

Spekulation zu einem hohen Grade durch die Nötigung gesteigert wurde,

Anleihen bei der biologischen Wissenschaft zu machen. Die Biologie ist

wahrlich ein Reich der unbegrenzten Möglichkeiten, wir haben die

überraschendsten Aufklärungen von ihr zu erwarten und können nicht erraten,

welche Antworten sie auf die von uns an sie gestellten Fragen einige Jahrzehnte

später geben würde. Vielleicht gerade solche, durch die unser ganzer künstlicher

Bau von Hypothesen umgeblasen wird. Wenn dem so ist, könnte jemand fragen,

wozu unternimmt man also solche Arbeiten wie die in diesem Abschnitt

niedergelegte, und warum bringt man sie doch zur Mitteilung? Nun, ich kann

nicht in Abrede stellen, daß einige der Analogien, Verknüpfungen und

Zusammenhänge darin mir der Beachtung würdig erschienen sind[32].