Jenseits des Lustprinzips

Sigmund Freud · Kapitel 2 von 7

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Jenseits des Lustprinzips

Kapitel II

 

Nach schweren mechanischen Erschütterungen, Eisenbahnzusammenstößen

und anderen, mit Lebensgefahr verbundenen Unfällen ist seit langem ein

Zustand beschrieben worden, dem dann der Name »traumatische Neurose«

verblieben ist. Der schreckliche, eben jetzt abgelaufene Krieg hat eine große

Anzahl solcher Erkrankungen entstehen lassen und wenigstens der Versuchung

ein Ende gesetzt, sie auf organische Schädigung des Nervensystems durch

Einwirkung mechanischer Gewalt zurückzuführen[1]. Das Zustandsbild der

traumatischen Neurose nähert sich der Hysterie durch seinen Reichtum an

ähnlichen motorischen Symptomen, übertrifft diese aber in der Regel durch die

stark ausgebildeten Anzeichen subjektiven Leidens, etwa wie bei einer

Hypochondrie oder Melancholie, und durch die Beweise einer weit

umfassenderen allgemeinen Schwächung und Zerrüttung der seelischen

Leistungen. Ein volles Verständnis ist bisher weder für die Kriegsneurosen noch

für die traumatischen Neurosen des Friedens erzielt worden. Bei den

Kriegsneurosen wirkte es einerseits aufklärend, aber doch wiederum verwirrend,

daß dasselbe Krankheitsbild gelegentlich ohne Mithilfe einer groben

mechanischen Gewalt zustande kam; an der gemeinen traumatischen Neurose

heben sich zwei Züge hervor, an welche die Überlegung anknüpfen konnte,

erstens, daß das Hauptgewicht der Verursachung auf das Moment der

Überraschung, auf den Schreck, zu fallen schien, und zweitens, daß eine

gleichzeitig erlittene Verletzung oder Wunde zumeist der Entstehung der

Neurose entgegenwirkte. Schreck, Furcht, Angst werden mit Unrecht wie

synonyme Ausdrücke gebraucht; sie lassen sich in ihrer Beziehung zur Gefahr

gut auseinanderhalten. Angst bezeichnet einen gewissen Zustand wie Erwartung

der Gefahr und Vorbereitung auf dieselbe, mag sie auch eine unbekannte sein;

Furcht verlangt ein bestimmtes Objekt, vor dem man sich fürchtet; Schreck aber

benennt den Zustand, in den man gerät, wenn man in Gefahr kommt, ohne auf

sie vorbereitet zu sein, betont das Moment der Überraschung. Ich glaube nicht,

daß die Angst eine traumatische Neurose erzeugen kann; an der Angst ist etwas,

was gegen den Schreck und also auch gegen die Schreckneurose schützt. Wir

werden auf diesen Satz später zurückkommen.

 

Das Studium des Traumes dürfen wir als den zuverlässigsten Weg zur

Erforschung der seelischen Tiefenvorgänge betrachten. Nun zeigt das

Traumleben der traumatischen Neurose den Charakter, daß es den Kranken immer wieder in die Situation seines Unfalles zurückführt, aus der er mit neuem

Schreck erwacht. Darüber verwundert man sich viel zu wenig. Man meint, es sei

eben ein Beweis für die Stärke des Eindruckes, den das traumatische Erlebnis

gemacht hat, daß es sich dem Kranken, sogar im Schlaf immer wieder aufdrängt.

Der Kranke sei an das Trauma sozusagen psychisch fixiert. Solche Fixierungen

an das Erlebnis, welches die Erkrankung ausgelöst hat, sind uns seit langem bei

der Hysterie bekannt. B r e u e r und F r e u d äußerten 1893: Die Hysterischen

leiden großenteils an Reminiszenzen. Auch bei den Kriegsneurosen haben

Beobachter, wie F e r e n c z i und S i m m e l, manche motorische Symptome

durch Fixierung an den Moment des Traumas erklären können.

 

Allein es ist mir nicht bekannt, daß die an traumatischer Neurose

Krankenden sich im Wachleben viel mit der Erinnerung an ihren Unfall

beschäftigen. Vielleicht bemühen sie sich eher, nicht an ihn zu denken. Wenn

man es als selbstverständlich hinnimmt, daß der nächtliche Traum sie wieder in

die krankmachende Situation versetzt, so verkennt man die Natur des Traumes.

Dieser würde es eher entsprechen, dem Kranken Bilder aus der Zeit der

Gesundheit oder der erhofften Genesung vorzuführen. Sollen wir durch die

Träume der Unfallsneurotiker nicht an der wunscherfüllenden Tendenz des

Traumes irre werden, so bleibt uns etwa noch die Auskunft, bei diesem Zustand

sei wie so vieles andere auch die Traumfunktion erschüttert und von ihren

Absichten abgelenkt worden, oder wir müßten der rätselhaften masochistischen

Tendenzen des Ichs gedenken.

 

Ich mache nun den Vorschlag, das dunkle und düstere Thema der

traumatischen Neurose zu verlassen und die Arbeitsweise des seelischen

Apparates an einer seiner frühzeitigsten normalen Betätigungen zu studieren. Ich

meine das Kinderspiel.

 

Die verschiedenen Theorien des Kinderspiels sind erst kürzlich von S.

P f e i f e r in der »Imago« (V/4) zusammengestellt und analytisch gewürdigt

worden; ich kann hier auf diese Arbeit verweisen. Diese Theorien bemühen sich,

die Motive des Spielens der Kinder zu erraten, ohne daß dabei der ökonomische

Gesichtspunkt, die Rücksicht auf Lustgewinn, in den Vordergrund gerückt

würde. Ich habe, ohne das Ganze dieser Erscheinungen umfassen zu wollen, eine

Gelegenheit ausgenützt, die sich mir bot, um das erste selbstgeschaffene Spiel

eines Knaben im Alter von 1½ Jahren aufzuklären. Es war mehr als eine

flüchtige Beobachtung, denn ich lebte durch einige Wochen mit dem Kinde und

dessen Eltern unter einem Dach, und es dauerte ziemlich lange, bis das

rätselhafte und andauernd wiederholte Tun mir seinen Sinn verriet.

Das Kind war in seiner intellektuellen Entwicklung keineswegs voreilig, es

sprach mit 1½ Jahren erst wenige verständliche Worte und verfügte außerdem

über mehrere bedeutungsvolle Laute, die von der Umgebung verstanden wurden.

Aber es war in gutem Rapport mit den Eltern und dem einzigen Dienstmädchen

und wurde wegen seines »anständigen« Charakters gelobt. Es störte die Eltern

nicht zur Nachtzeit, befolgte gewissenhaft die Verbote, manche Gegenstände zu

berühren und in gewisse Räume zu gehen, und vor allem anderen, es weinte nie,

wenn die Mutter es für Stunden verließ, obwohl es dieser Mutter zärtlich anhing,

die das Kind nicht nur selbst genährt, sondern auch ohne jede fremde Beihilfe

gepflegt und betreut hatte. Dieses brave Kind zeigte nun die gelegentlich

störende Gewohnheit, alle kleinen Gegenstände, deren es habhaft wurde, weit

weg von sich in eine Zimmerecke, unter ein Bett usw. zu schleudern, so daß das

Zusammensuchen seines Spielzeugs oft keine leichte Arbeit war. Dabei brachte

es mit dem Ausdruck von Interesse und Befriedigung ein lautes, langgezogenes

o–o–o–o hervor, das nach dem übereinstimmenden Urteil der Mutter und des

Beobachters keine Interjektion war, sondern »F o r t« bedeutete. Ich merkte

endlich, daß das ein Spiel sei, und daß das Kind alle seine Spielsachen nur dazu

benütze, mit ihnen »fortsein« zu spielen. Eines Tages machte ich dann die

Beobachtung, die meine Auffassung bestätigte. Das Kind hatte eine Holzspule,

die mit einem Bindfaden umwickelt war. Es fiel ihm nie ein, sie z. B. am Boden

hinter sich herzuziehen, also Wagen mit ihr zu spielen, sondern es warf die am

Faden gehaltene Spule mit großem Geschick über den Rand seines verhängten

Bettchens, so daß sie darin verschwand, sagte dazu sein bedeutungsvolles o–o–

o–o und zog dann die Spule am Faden wieder aus dem Bett heraus, begrüßte

aber deren Erscheinen jetzt mit einem freudigen »Da«. Das war also das

komplette Spiel, Verschwinden und Wiederkommen, wovon man zumeist nur

den ersten Akt zu sehen bekam, und dieser wurde für sich allein unermüdlich als

Spiel wiederholt, obwohl die größere Lust unzweifelhaft dem zweiten Akt

anhing[2].

 

Die Deutung des Spieles lag dann nahe. Es war im Zusammenhang mit der

großen kulturellen Leistung des Kindes, mit dem von ihm zustande gebrachten

Triebverzicht (Verzicht auf Triebbefriedigung), das Fortgehen der Mutter ohne

Sträuben zu gestatten. Es entschädigte sich gleichsam dafür, indem es dasselbe

Verschwinden und Wiederkommen mit den ihm erreichbaren Gegenständen

selbst in Szene setzte. Für die affektive Einschätzung dieses Spieles ist es

natürlich gleichgültig, ob das Kind es selbst erfunden oder sich infolge einer

Anregung zu eigen gemacht hatte. Unser Interesse wird sich einem anderen

Punkte zuwenden. Das Fortgehen der Mutter kann dem Kinde unmöglich angenehm oder auch nur gleichgültig gewesen sein. Wie stimmt es also zum

Lustprinzip, daß es dieses ihm peinliche Erlebnis als Spiel wiederholt? Man wird

vielleicht antworten wollen, das Fortgehen müßte als Vorbedingung des

erfreulichen Wiedererscheinens gespielt werden, im letzteren sei die eigentliche

Spielabsicht gelegen. Dem würde die Beobachtung widersprechen, daß der erste

Akt, das Fortgehen, für sich allein als Spiel inszeniert wurde, und zwar ungleich

häufiger als das zum lustvollen Ende fortgeführte Ganze.

 

Die Analyse eines solchen einzelnen Falles ergibt keine sichere

Entscheidung; bei unbefangener Betrachtung gewinnt man den Eindruck, daß

das Kind das Erlebnis aus einem anderen Motiv zum Spiel gemacht hat. Es war

dabei passiv, wurde vom Erlebnis betroffen und bringt sich nun in eine aktive

Rolle, indem es dasselbe, trotzdem es unlustvoll war, als Spiel wiederholt.

Dieses Bestreben könnte man einem Bemächtigungstrieb zurechnen, der sich

davon unabhängig macht, ob die Erinnerung an sich lustvoll war oder nicht. Man

kann aber auch eine andere Deutung versuchen. Das Wegwerfen des

Gegenstandes, so daß er fort ist, könnte die Befriedigung eines im Leben

unterdrückten Racheimpulses gegen die Mutter sein, weil sie vom Kinde

fortgegangen ist und dann die trotzige Bedeutung haben: Ja, geh' nur fort, ich

brauch' dich nicht, ich schick' dich selber weg. Dasselbe Kind, das ich mit 1½

Jahren bei seinem ersten Spiel beobachtete, pflegte ein Jahr später ein Spielzeug,

über das es sich geärgert hatte, auf den Boden zu werfen und dabei zu sagen:

Geh' in K(r)ieg! Man hatte ihm damals erzählt, der abwesende Vater befinde sich

im Krieg, und es vermißte den Vater gar nicht, sondern gab die deutlichsten

Anzeichen von sich, daß es im Alleinbesitz der Mutter nicht gestört werden

wolle[3]. Wir wissen auch von anderen Kindern, daß sie ähnliche feindselige

Regungen durch das Wegschleudern von Gegenständen an Stelle der Personen

auszudrücken vermögen[4]. Man gerät so in Zweifel, ob der Drang, etwas

Eindrucksvolles psychisch zu verarbeiten, sich seiner voll zu bemächtigen, sich

primär und unabhängig vom Lustprinzip äußern kann. Im hier diskutierten Falle

könnte er einen unangenehmen Eindruck doch nur darum im Spiel wiederholen,

weil mit dieser Wiederholung ein andersartiger, aber direkter Lustgewinn

verbunden ist.

 

Auch die weitere Verfolgung des Kinderspiels hilft diesem unserem

Schwanken zwischen zwei Auffassungen nicht ab. Man sieht, daß die Kinder

alles im Spiele wiederholen, was ihnen im Leben großen Eindruck gemacht hat,

daß sie dabei die Stärke des Eindruckes abreagieren und sich sozusagen zu

Herren der Situation machen. Aber anderseits ist es klar genug, daß all ihr Spielen unter dem Einflusse des Wunsches steht, der diese ihre Zeit dominiert,

des Wunsches: groß zu sein und so tun zu können wie die Großen. Man macht

auch die Beobachtung, daß der Unlustcharakter des Erlebnisses es nicht immer

für das Spiel unbrauchbar macht. Wenn der Doktor dem Kinde in den Hals

geschaut oder eine kleine Operation an ihm ausgeführt hat, so wird dies

erschreckende Erlebnis ganz gewiß zum Inhalt des nächsten Spieles werden,

aber der Lustgewinn aus anderer Quelle ist dabei nicht zu übersehen. Indem das

Kind aus der Passivität des Erlebens in die Aktivität des Spielens übergeht, fügt

es einem Spielgefährten das Unangenehme zu, das ihm selbst widerfahren war,

und rächt sich so an der Person dieses Stellvertreters.

 

Aus diesen Erörterungen geht immerhin hervor, daß die Annahme eines

besonderen Nachahmungstriebes als Motiv des Spielens überflüssig ist.

Schließen wir noch die Mahnungen an, daß das künstlerische Spielen und

Nachahmen der Erwachsenen, das zum Unterschied vom Verhalten des Kindes

auf die Personen des Zuschauers zielt, diesem die schmerzlichsten Eindrücke

z. B. in der Tragödie nicht erspart und doch von ihm als hoher Genuß

empfunden werden kann. Wir werden so davon überzeugt, daß es auch unter der

Herrschaft des Lustprinzips Mittel und Wege genug gibt, um das an sich

Unlustvolle zum Gegenstand der Erinnerung und seelischen Bearbeitung zu

machen. Mag sich mit diesen, in endlichen Lustgewinn auslaufenden Fällen und

Situationen eine ökonomisch gerichtete Ästhetik befassen; für unsere Absichten

leisten sie nichts, denn sie setzen Existenz und Herrschaft des Lustprinzips

voraus und zeugen nicht für die Wirksamkeit von Tendenzen jenseits des

Lustprinzips, das heißt solcher, die ursprünglicher als dies und von ihm

unabhängig wären.