Jenseits des Lustprinzips
Kapitel II
Nach schweren mechanischen Erschütterungen, Eisenbahnzusammenstößen
und anderen, mit Lebensgefahr verbundenen Unfällen ist seit langem ein
Zustand beschrieben worden, dem dann der Name »traumatische Neurose«
verblieben ist. Der schreckliche, eben jetzt abgelaufene Krieg hat eine große
Anzahl solcher Erkrankungen entstehen lassen und wenigstens der Versuchung
ein Ende gesetzt, sie auf organische Schädigung des Nervensystems durch
Einwirkung mechanischer Gewalt zurückzuführen[1]. Das Zustandsbild der
traumatischen Neurose nähert sich der Hysterie durch seinen Reichtum an
ähnlichen motorischen Symptomen, übertrifft diese aber in der Regel durch die
stark ausgebildeten Anzeichen subjektiven Leidens, etwa wie bei einer
Hypochondrie oder Melancholie, und durch die Beweise einer weit
umfassenderen allgemeinen Schwächung und Zerrüttung der seelischen
Leistungen. Ein volles Verständnis ist bisher weder für die Kriegsneurosen noch
für die traumatischen Neurosen des Friedens erzielt worden. Bei den
Kriegsneurosen wirkte es einerseits aufklärend, aber doch wiederum verwirrend,
daß dasselbe Krankheitsbild gelegentlich ohne Mithilfe einer groben
mechanischen Gewalt zustande kam; an der gemeinen traumatischen Neurose
heben sich zwei Züge hervor, an welche die Überlegung anknüpfen konnte,
erstens, daß das Hauptgewicht der Verursachung auf das Moment der
Überraschung, auf den Schreck, zu fallen schien, und zweitens, daß eine
gleichzeitig erlittene Verletzung oder Wunde zumeist der Entstehung der
Neurose entgegenwirkte. Schreck, Furcht, Angst werden mit Unrecht wie
synonyme Ausdrücke gebraucht; sie lassen sich in ihrer Beziehung zur Gefahr
gut auseinanderhalten. Angst bezeichnet einen gewissen Zustand wie Erwartung
der Gefahr und Vorbereitung auf dieselbe, mag sie auch eine unbekannte sein;
Furcht verlangt ein bestimmtes Objekt, vor dem man sich fürchtet; Schreck aber
benennt den Zustand, in den man gerät, wenn man in Gefahr kommt, ohne auf
sie vorbereitet zu sein, betont das Moment der Überraschung. Ich glaube nicht,
daß die Angst eine traumatische Neurose erzeugen kann; an der Angst ist etwas,
was gegen den Schreck und also auch gegen die Schreckneurose schützt. Wir
werden auf diesen Satz später zurückkommen.
Das Studium des Traumes dürfen wir als den zuverlässigsten Weg zur
Erforschung der seelischen Tiefenvorgänge betrachten. Nun zeigt das
Traumleben der traumatischen Neurose den Charakter, daß es den Kranken immer wieder in die Situation seines Unfalles zurückführt, aus der er mit neuem
Schreck erwacht. Darüber verwundert man sich viel zu wenig. Man meint, es sei
eben ein Beweis für die Stärke des Eindruckes, den das traumatische Erlebnis
gemacht hat, daß es sich dem Kranken, sogar im Schlaf immer wieder aufdrängt.
Der Kranke sei an das Trauma sozusagen psychisch fixiert. Solche Fixierungen
an das Erlebnis, welches die Erkrankung ausgelöst hat, sind uns seit langem bei
der Hysterie bekannt. B r e u e r und F r e u d äußerten 1893: Die Hysterischen
leiden großenteils an Reminiszenzen. Auch bei den Kriegsneurosen haben
Beobachter, wie F e r e n c z i und S i m m e l, manche motorische Symptome
durch Fixierung an den Moment des Traumas erklären können.
Allein es ist mir nicht bekannt, daß die an traumatischer Neurose
Krankenden sich im Wachleben viel mit der Erinnerung an ihren Unfall
beschäftigen. Vielleicht bemühen sie sich eher, nicht an ihn zu denken. Wenn
man es als selbstverständlich hinnimmt, daß der nächtliche Traum sie wieder in
die krankmachende Situation versetzt, so verkennt man die Natur des Traumes.
Dieser würde es eher entsprechen, dem Kranken Bilder aus der Zeit der
Gesundheit oder der erhofften Genesung vorzuführen. Sollen wir durch die
Träume der Unfallsneurotiker nicht an der wunscherfüllenden Tendenz des
Traumes irre werden, so bleibt uns etwa noch die Auskunft, bei diesem Zustand
sei wie so vieles andere auch die Traumfunktion erschüttert und von ihren
Absichten abgelenkt worden, oder wir müßten der rätselhaften masochistischen
Tendenzen des Ichs gedenken.
Ich mache nun den Vorschlag, das dunkle und düstere Thema der
traumatischen Neurose zu verlassen und die Arbeitsweise des seelischen
Apparates an einer seiner frühzeitigsten normalen Betätigungen zu studieren. Ich
meine das Kinderspiel.
Die verschiedenen Theorien des Kinderspiels sind erst kürzlich von S.
P f e i f e r in der »Imago« (V/4) zusammengestellt und analytisch gewürdigt
worden; ich kann hier auf diese Arbeit verweisen. Diese Theorien bemühen sich,
die Motive des Spielens der Kinder zu erraten, ohne daß dabei der ökonomische
Gesichtspunkt, die Rücksicht auf Lustgewinn, in den Vordergrund gerückt
würde. Ich habe, ohne das Ganze dieser Erscheinungen umfassen zu wollen, eine
Gelegenheit ausgenützt, die sich mir bot, um das erste selbstgeschaffene Spiel
eines Knaben im Alter von 1½ Jahren aufzuklären. Es war mehr als eine
flüchtige Beobachtung, denn ich lebte durch einige Wochen mit dem Kinde und
dessen Eltern unter einem Dach, und es dauerte ziemlich lange, bis das
rätselhafte und andauernd wiederholte Tun mir seinen Sinn verriet.
Das Kind war in seiner intellektuellen Entwicklung keineswegs voreilig, es
sprach mit 1½ Jahren erst wenige verständliche Worte und verfügte außerdem
über mehrere bedeutungsvolle Laute, die von der Umgebung verstanden wurden.
Aber es war in gutem Rapport mit den Eltern und dem einzigen Dienstmädchen
und wurde wegen seines »anständigen« Charakters gelobt. Es störte die Eltern
nicht zur Nachtzeit, befolgte gewissenhaft die Verbote, manche Gegenstände zu
berühren und in gewisse Räume zu gehen, und vor allem anderen, es weinte nie,
wenn die Mutter es für Stunden verließ, obwohl es dieser Mutter zärtlich anhing,
die das Kind nicht nur selbst genährt, sondern auch ohne jede fremde Beihilfe
gepflegt und betreut hatte. Dieses brave Kind zeigte nun die gelegentlich
störende Gewohnheit, alle kleinen Gegenstände, deren es habhaft wurde, weit
weg von sich in eine Zimmerecke, unter ein Bett usw. zu schleudern, so daß das
Zusammensuchen seines Spielzeugs oft keine leichte Arbeit war. Dabei brachte
es mit dem Ausdruck von Interesse und Befriedigung ein lautes, langgezogenes
o–o–o–o hervor, das nach dem übereinstimmenden Urteil der Mutter und des
Beobachters keine Interjektion war, sondern »F o r t« bedeutete. Ich merkte
endlich, daß das ein Spiel sei, und daß das Kind alle seine Spielsachen nur dazu
benütze, mit ihnen »fortsein« zu spielen. Eines Tages machte ich dann die
Beobachtung, die meine Auffassung bestätigte. Das Kind hatte eine Holzspule,
die mit einem Bindfaden umwickelt war. Es fiel ihm nie ein, sie z. B. am Boden
hinter sich herzuziehen, also Wagen mit ihr zu spielen, sondern es warf die am
Faden gehaltene Spule mit großem Geschick über den Rand seines verhängten
Bettchens, so daß sie darin verschwand, sagte dazu sein bedeutungsvolles o–o–
o–o und zog dann die Spule am Faden wieder aus dem Bett heraus, begrüßte
aber deren Erscheinen jetzt mit einem freudigen »Da«. Das war also das
komplette Spiel, Verschwinden und Wiederkommen, wovon man zumeist nur
den ersten Akt zu sehen bekam, und dieser wurde für sich allein unermüdlich als
Spiel wiederholt, obwohl die größere Lust unzweifelhaft dem zweiten Akt
anhing[2].
Die Deutung des Spieles lag dann nahe. Es war im Zusammenhang mit der
großen kulturellen Leistung des Kindes, mit dem von ihm zustande gebrachten
Triebverzicht (Verzicht auf Triebbefriedigung), das Fortgehen der Mutter ohne
Sträuben zu gestatten. Es entschädigte sich gleichsam dafür, indem es dasselbe
Verschwinden und Wiederkommen mit den ihm erreichbaren Gegenständen
selbst in Szene setzte. Für die affektive Einschätzung dieses Spieles ist es
natürlich gleichgültig, ob das Kind es selbst erfunden oder sich infolge einer
Anregung zu eigen gemacht hatte. Unser Interesse wird sich einem anderen
Punkte zuwenden. Das Fortgehen der Mutter kann dem Kinde unmöglich angenehm oder auch nur gleichgültig gewesen sein. Wie stimmt es also zum
Lustprinzip, daß es dieses ihm peinliche Erlebnis als Spiel wiederholt? Man wird
vielleicht antworten wollen, das Fortgehen müßte als Vorbedingung des
erfreulichen Wiedererscheinens gespielt werden, im letzteren sei die eigentliche
Spielabsicht gelegen. Dem würde die Beobachtung widersprechen, daß der erste
Akt, das Fortgehen, für sich allein als Spiel inszeniert wurde, und zwar ungleich
häufiger als das zum lustvollen Ende fortgeführte Ganze.
Die Analyse eines solchen einzelnen Falles ergibt keine sichere
Entscheidung; bei unbefangener Betrachtung gewinnt man den Eindruck, daß
das Kind das Erlebnis aus einem anderen Motiv zum Spiel gemacht hat. Es war
dabei passiv, wurde vom Erlebnis betroffen und bringt sich nun in eine aktive
Rolle, indem es dasselbe, trotzdem es unlustvoll war, als Spiel wiederholt.
Dieses Bestreben könnte man einem Bemächtigungstrieb zurechnen, der sich
davon unabhängig macht, ob die Erinnerung an sich lustvoll war oder nicht. Man
kann aber auch eine andere Deutung versuchen. Das Wegwerfen des
Gegenstandes, so daß er fort ist, könnte die Befriedigung eines im Leben
unterdrückten Racheimpulses gegen die Mutter sein, weil sie vom Kinde
fortgegangen ist und dann die trotzige Bedeutung haben: Ja, geh' nur fort, ich
brauch' dich nicht, ich schick' dich selber weg. Dasselbe Kind, das ich mit 1½
Jahren bei seinem ersten Spiel beobachtete, pflegte ein Jahr später ein Spielzeug,
über das es sich geärgert hatte, auf den Boden zu werfen und dabei zu sagen:
Geh' in K(r)ieg! Man hatte ihm damals erzählt, der abwesende Vater befinde sich
im Krieg, und es vermißte den Vater gar nicht, sondern gab die deutlichsten
Anzeichen von sich, daß es im Alleinbesitz der Mutter nicht gestört werden
wolle[3]. Wir wissen auch von anderen Kindern, daß sie ähnliche feindselige
Regungen durch das Wegschleudern von Gegenständen an Stelle der Personen
auszudrücken vermögen[4]. Man gerät so in Zweifel, ob der Drang, etwas
Eindrucksvolles psychisch zu verarbeiten, sich seiner voll zu bemächtigen, sich
primär und unabhängig vom Lustprinzip äußern kann. Im hier diskutierten Falle
könnte er einen unangenehmen Eindruck doch nur darum im Spiel wiederholen,
weil mit dieser Wiederholung ein andersartiger, aber direkter Lustgewinn
verbunden ist.
Auch die weitere Verfolgung des Kinderspiels hilft diesem unserem
Schwanken zwischen zwei Auffassungen nicht ab. Man sieht, daß die Kinder
alles im Spiele wiederholen, was ihnen im Leben großen Eindruck gemacht hat,
daß sie dabei die Stärke des Eindruckes abreagieren und sich sozusagen zu
Herren der Situation machen. Aber anderseits ist es klar genug, daß all ihr Spielen unter dem Einflusse des Wunsches steht, der diese ihre Zeit dominiert,
des Wunsches: groß zu sein und so tun zu können wie die Großen. Man macht
auch die Beobachtung, daß der Unlustcharakter des Erlebnisses es nicht immer
für das Spiel unbrauchbar macht. Wenn der Doktor dem Kinde in den Hals
geschaut oder eine kleine Operation an ihm ausgeführt hat, so wird dies
erschreckende Erlebnis ganz gewiß zum Inhalt des nächsten Spieles werden,
aber der Lustgewinn aus anderer Quelle ist dabei nicht zu übersehen. Indem das
Kind aus der Passivität des Erlebens in die Aktivität des Spielens übergeht, fügt
es einem Spielgefährten das Unangenehme zu, das ihm selbst widerfahren war,
und rächt sich so an der Person dieses Stellvertreters.
Aus diesen Erörterungen geht immerhin hervor, daß die Annahme eines
besonderen Nachahmungstriebes als Motiv des Spielens überflüssig ist.
Schließen wir noch die Mahnungen an, daß das künstlerische Spielen und
Nachahmen der Erwachsenen, das zum Unterschied vom Verhalten des Kindes
auf die Personen des Zuschauers zielt, diesem die schmerzlichsten Eindrücke
z. B. in der Tragödie nicht erspart und doch von ihm als hoher Genuß
empfunden werden kann. Wir werden so davon überzeugt, daß es auch unter der
Herrschaft des Lustprinzips Mittel und Wege genug gibt, um das an sich
Unlustvolle zum Gegenstand der Erinnerung und seelischen Bearbeitung zu
machen. Mag sich mit diesen, in endlichen Lustgewinn auslaufenden Fällen und
Situationen eine ökonomisch gerichtete Ästhetik befassen; für unsere Absichten
leisten sie nichts, denn sie setzen Existenz und Herrschaft des Lustprinzips
voraus und zeugen nicht für die Wirksamkeit von Tendenzen jenseits des
Lustprinzips, das heißt solcher, die ursprünglicher als dies und von ihm
unabhängig wären.