Jenseits des Lustprinzips

Sigmund Freud · Kapitel 3 von 7

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Jenseits des Lustprinzips

Kapitel III

 

Fünfundzwanzig Jahre intensiver Arbeit haben es mit sich gebracht, daß die

nächsten Ziele der psychoanalytischen Technik heute ganz andere sind als zu

Anfang. Zuerst konnte der analysierende Arzt nichts anderes anstreben, als das

dem Kranken verborgene Unbewußte zu erraten, zusammenzusetzen und zur

rechten Zeit mitzuteilen. Die Psychoanalyse war vor allem eine Deutungskunst.

Da die therapeutische Aufgabe dadurch nicht gelöst war, trat sofort die nächste

Absicht auf, den Kranken zur Bestätigung der Konstruktion durch seine eigene

Erinnerung zu nötigen. Bei diesem Bemühen fiel das Hauptgewicht auf die

Widerstände des Kranken; die Kunst war jetzt, diese baldigst aufzudecken, dem

Kranken zu zeigen und ihn durch menschliche Beeinflussung (hier die Stelle für

die als »Übertragung« wirkende Suggestion) zum Aufgeben der Widerstände zu

bewegen.

 

Dann aber wurde es immer deutlicher, daß das gesteckte Ziel, die

Bewußtwerdung des Unbewußten, auch auf diesem Wege nicht voll erreichbar

ist. Der Kranke kann von dem in ihm Verdrängten nicht alles erinnern, vielleicht

gerade das Wesentliche nicht, und erwirbt so keine Überzeugung von der

Richtigkeit der ihm mitgeteilten Konstruktion. Er ist vielmehr genötigt, das

Verdrängte als gegenwärtiges Erlebnis zu w i e d e r h o l e n, anstatt es, wie der

Arzt es lieber sähe, als ein Stück der Vergangenheit zu e r i n n e r n[5]. Diese mit

unerwünschter Treue auftretende Reproduktion hat immer ein Stück des

infantilen Sexuallebens, also des Ödipuskomplexes und seiner Ausläufer zum

Inhalt und spielt sich regelmäßig auf dem Gebiete der Übertragung, d. h. der

Beziehung zum Arzt ab. Hat man es in der Behandlung so weit gebracht, so kann

man sagen, die frühere Neurose sei nun durch eine frische Übertragungsneurose

ersetzt. Der Arzt hat sich bemüht, den Bereich dieser Übertragungsneurose

möglichst einzuschränken, möglichst viel in die Erinnerung zu drängen und

möglichst wenig zur Wiederholung zuzulassen. Das Verhältnis, das sich

zwischen Erinnerung und Reproduktion herstellt, ist für jeden Fall ein anderes.

In der Regel kann der Arzt dem Analysierten diese Phase der Kur nicht ersparen;

er muß ihn ein gewisses Stück seines vergessenen Lebens wiedererleben lassen

und hat dafür zu sorgen, daß ein Maß von Überlegenheit erhalten bleibt, kraft

dessen die anscheinende Realität doch immer wieder als Spiegelung einer

vergessenen Vergangenheit erkannt wird. Gelingt dies, so ist die Überzeugung

des Kranken und der von ihr abhängige therapeutische Erfolg gewonnen.

Um diesen »W i e d e r h o l u n g s z w a n g«, der sich während der

psychoanalytischen Behandlung der Neurotiker äußert, begreiflicher zu finden,

muß man sich vor allem von dem Irrtum frei machen, man habe es bei der

Bekämpfung der Widerstände mit dem Widerstand des Unbewußten zu tun. Das

Unbewußte, d. h. das »Verdrängte«, leistet den Bemühungen der Kur überhaupt

keinen Widerstand, es strebt ja selbst nichts anderes an, als gegen den auf ihm

lastenden Druck zum Bewußtsein oder zur Abfuhr durch die reale Tat

durchzudringen. Der Widerstand in der Kur geht von denselben höheren

Schichten und Systemen des Seelenlebens aus, die seinerzeit die Verdrängung

durchgeführt haben. Da aber die Motive der Widerstände, ja diese selbst

erfahrungsmäßig in der Kur zunächst unbewußt sind, werden wir gemahnt, eine

Unzweckmäßigkeit unserer Ausdrucksweise zu verbessern. Wir entgehen der

Unklarheit, wenn wir nicht das Bewußte und das Unbewußte, sondern das

zusammenhängende I c h und das Ve r d r ä n g t e in Gegensatz zueinander

bringen. Vieles am Ich ist sicherlich selbst unbewußt, gerade das, was man den

Kern des Ichs nennen darf; nur einen geringen Teil davon decken wir mit dem

Namen des Vo r b e w u ß t e n. Nach dieser Ersetzung einer bloß deskriptiven

Ausdrucksweise durch eine systematische oder dynamische können wir sagen,

der Widerstand der Analysierten gehe von ihrem Ich aus, und dann erfassen wir

sofort, der Wiederholungszwang ist dem unbewußten Verdrängten

zuzuschreiben. Er konnte sich wahrscheinlich nicht eher äußern, als bis die

entgegenkommende Arbeit der Kur die Verdrängung gelockert hatte.

 

Es ist kein Zweifel, daß der Widerstand des bewußten und vorbewußten Ichs

im Dienste des Lustprinzips steht, er will ja die Unlust ersparen, die durch das

Freiwerden des Verdrängten erregt würde, und unsere Bemühung geht dahin,

solcher Unlust unter Berufung auf das Realitätsprinzip Zulassung zu erwirken.

In welcher Beziehung zum Lustprinzip steht aber der Wiederholungszwang, die

Kraftäußerung des Verdrängten? Es ist klar, daß das meiste, was der

Wiederholungszwang wiedererleben läßt, dem Ich Unlust bringen muß, denn er

fördert ja Leistungen verdrängter Triebregungen zutage, aber das ist Unlust, die

wir schon gewürdigt haben, die dem Lustprinzip nicht widerspricht, Unlust für

das eine System und gleichzeitig Befriedigung für das andere. Die neue und

merkwürdige Tatsache aber, die wir jetzt zu beschreiben haben, ist, daß der

Wiederholungszwang auch solche Erlebnisse der Vergangenheit wiederbringt,

die keine Lustmöglichkeit enthalten, die auch damals nicht Befriedigungen,

selbst nicht von seither verdrängten Triebregungen, gewesen sein können.

 

Die Frühblüte des infantilen Sexuallebens war infolge der Unverträglichkeit ihrer Wünsche mit der Realität und der Unzulänglichkeit der kindlichen

Entwicklungsstufe zum Untergang bestimmt. Sie ging bei den peinlichsten

Anlässen unter tief schmerzlichen Empfindungen zugrunde. Der Liebesverlust

und das Mißlingen hinterließen eine dauernde Beeinträchtigung des

Selbstgefühls als narzißtische Narbe, nach meinen Erfahrungen wie nach den

Ausführungen M a r c i n o w s k i's[6] den stärksten Beitrag zu dem häufigen

»Minderwertigkeitsgefühl« der Neurotiker. Die Sexualforschung, der durch die

körperliche Entwicklung des Kindes Schranken gesetzt waren, brachte es zu

keinem befriedigenden Abschluß; daher die spätere Klage: Ich kann nichts fertig

bringen, mir kann nichts gelingen. Die zärtliche Bindung, meist an den

gegengeschlechtlichen Elternteil, erlag der Enttäuschung, dem vergeblichen

Warten auf Befriedigung, der Eifersucht bei der Geburt eines neuen Kindes, die

unzweideutig die Untreue des oder der Geliebten erwies; der eigene mit

tragischem Ernst unternommene Versuch, selbst ein solches Kind zu schaffen,

mißlang in beschämender Weise; die Abnahme der dem Kleinen gespendeten

Zärtlichkeit, der gesteigerte Anspruch der Erziehung, ernste Worte und eine

gelegentliche Bestrafung hatten endlich den ganzen Umfang der ihm

zugefallenen Ve r s c h m ä h u n g enthüllt. Es gibt hier einige wenige Typen, die

regelmäßig wiederkehren, wie der typischen Liebe dieser Kinderzeit ein Ende

gesetzt wird.

 

Alle diese unerwünschten Anlässe und schmerzlichen Affektlagen werden

nun vom Neurotiker in der Übertragung wiederholt und mit großem Geschick

neu belebt. Sie streben den Abbruch der unvollendeten Kur an, sie wissen sich

den Eindruck der Verschmähung wieder zu verschaffen, den Arzt zu harten

Worten und kühlem Benehmen gegen sie zu nötigen, sie finden die geeigneten

Objekte für ihre Eifersucht, sie ersetzen das heiß begehrte Kind der Urzeit durch

den Vorsatz oder das Versprechen eines großen Geschenks, das meist

ebensowenig real wird wie jenes. Nichts von alledem konnte damals

lustbringend sein; man sollte meinen, es müßte heute die geringere Unlust

bringen, wenn es als Erinnerung auftauchte, als wenn es sich zum neuen Erlebnis

gestaltete. Es handelt sich natürlich um die Aktion von Trieben, die zur

Befriedigung führen sollten, allein die Erfahrung, daß sie anstatt dessen auch

damals nur Unlust brachten, hat nichts gefruchtet. Sie wird trotzdem wiederholt;

ein Zwang drängt dazu.

 

Dasselbe, was die Psychoanalyse an den Übertragungsphänomenen der

Neurotiker aufzeigt, kann man auch im Leben nicht neurotischer Personen

wiederfinden. Es macht bei diesen den Eindruck eines sie verfolgenden Schicksals, eines dämonischen Zuges in ihrem Erleben, und die Psychoanalyse

hat von Anfang an solches Schicksal für zum großen Teil selbstbereitet und

durch frühinfantile Einflüsse determiniert gehalten. Der Zwang, der sich dabei

äußert, ist vom Wiederholungszwang der Neurotiker nicht verschieden,

wenngleich diese Personen niemals die Zeichen eines durch Symptombildung

erledigten neurotischen Konflikts geboten haben. So kennt man Personen, bei

denen jede menschliche Beziehung den gleichen Ausgang nimmt: Wohltäter, die

von jedem ihrer Schützlinge nach einiger Zeit im Groll verlassen werden, so

verschieden sie sonst auch sein mögen, denen also bestimmt scheint, alle

Bitterkeit des Undanks auszukosten; Männer, bei denen jede Freundschaft den

Ausgang nimmt, daß der Freund sie verrät; andere, die es unbestimmt oft in

ihrem Leben wiederholen, eine andere Person zur großen Autorität für sich oder

auch für die Öffentlichkeit zu erheben, und diese Autorität dann nach

abgemessener Zeit selbst stürzen, um sie durch eine neue zu ersetzen; Liebende,

bei denen jedes zärtliche Verhältnis zum Weibe dieselben Phasen durchmacht

und zum gleichen Ende führt usw. Wir verwundern uns über diese »ewige

Wiederkehr des Gleichen« nur wenig, wenn es sich um ein aktives Verhalten des

Betreffenden handelt, und wenn wir den sich gleichbleibenden Charakterzug

seines Wesens auffinden, der sich in der Wiederholung der nämlichen Erlebnisse

äußern muß. Weit stärker wirken jene Fälle auf uns, bei denen die Person etwas

passiv zu erleben scheint, worauf ihr ein Einfluß nicht zusteht, während sie doch

immer nur die Wiederholung desselben Schicksals erlebt. Man denke z. B. an die

Geschichte jener Frau, die dreimal nacheinander Männer heiratete, die nach

kurzer Zeit erkrankten und von ihr zu Tode gepflegt werden mußten[7]. Die

ergreifendste poetische Darstellung eines solchen Schicksalszuges hat T a s s o

im romantischen Epos »Gerusalemme liberata« gegeben. Held Tankred hat

unwissentlich die von ihm geliebte Clorinda getötet, als sie in der Rüstung eines

feindlichen Ritters mit ihm kämpfte. Nach ihrem Begräbnis dringt er in den

unheimlichen Zauberwald ein, der das Heer der Kreuzfahrer schreckt. Dort

zerhaut er einen hohen Baum mit seinem Schwerte, aber aus der Wunde des

Baumes strömt Blut und die Stimme Clorindas, deren Seele in diesen Baum

gebannt war, klagt ihn an, daß er wiederum die Geliebte geschädigt habe.

 

Angesichts solcher Beobachtungen aus dem Verhalten in der Übertragung

und aus dem Schicksal der Menschen werden wir den Mut zur Annahme finden,

daß es im Seelenleben wirklich einen Wiederholungszwang gibt, der sich über

das Lustprinzip hinaussetzt. Wir werden auch jetzt geneigt sein, die Träume der

Unfallsneurotiker und den Antrieb zum Spiel des Kindes auf diesen Zwang zu

beziehen. Allerdings müssen wir uns sagen, daß wir die Wirkungen des Wiederholungszwanges nur in seltenen Fällen rein, ohne Mithilfe anderer

Motive, erfassen können. Beim Kinderspiel haben wir bereits hervorgehoben,

welche andere Deutungen seine Entstehung zuläßt. Wiederholungszwang und

direkte lustvolle Triebbefriedigung scheinen sich dabei zu intimer

Gemeinsamkeit zu verschränken. Die Phänomene der Übertragung stehen

offenkundig im Dienste des Widerstandes von seiten des auf der Verdrängung

beharrenden Ichs; der Wiederholungszwang wird gleichsam von dem Ich, das

am Lustprinzip festhalten will, zur Hilfe gerufen. An dem, was man den

Schicksalszwang nennen könnte, scheint uns vieles durch die rationelle

Erwägung verständlich, so daß man ein Bedürfnis nach der Aufstellung eines

neuen geheimnisvollen Motivs nicht verspürt. Am unverdächtigsten ist vielleicht

der Fall der Unfallsträume, aber bei näherer Überlegung muß man doch

zugestehen, daß auch in den anderen Beispielen der Sachverhalt durch die

Leistung der uns bekannten Motive nicht gedeckt wird. Es bleibt genug übrig,

was die Annahme des Wiederholungszwanges rechtfertigt, und dieser erscheint

uns ursprünglicher, elementarer, triebhafter als das von ihm zur Seite geschobene

Lustprinzip. Wenn es aber einen solchen Wiederholungszwang im Seelischen

gibt, so möchten wir gerne etwas darüber wissen, welcher Funktion er entspricht,

unter welchen Bedingungen er hervortreten kann und in welcher Beziehung er

zum Lustprinzip steht, dem wir doch bisher die Herrschaft über den Ablauf der

Erregungsvorgänge im Seelenleben zugetraut haben.