Jenseits des Lustprinzips

Sigmund Freud · Kapitel 5 von 7

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Jenseits des Lustprinzips

Kapitel V

 

Der Mangel eines Reizschutzes für die reizaufnehmende Rindenschicht

gegen Erregungen von innen her wird die Folge haben müssen, daß diese

Reizübertragungen die größere ökonomische Bedeutung gewinnen und häufig zu

ökonomischen Störungen Anlaß geben, die den traumatischen Neurosen

gleichzustellen sind. Die ausgiebigsten Quellen solch innerer Erregung sind die

sogenannten Triebe des Organismus, die Repräsentanten aller aus dem

Körperinnern stammenden, auf den seelischen Apparat übertragenen

Kraftwirkungen, selbst das wichtigste wie das dunkelste Element der

psychologischen Forschung.

 

Vielleicht finden wir die Annahme nicht zu gewagt, daß die von den Trieben

ausgehenden Regungen nicht den Typus des gebundenen, sondern den des frei

beweglichen, nach Abfuhr drängenden Nervenvorganges einhalten. Das Beste,

was wir über diese Vorgänge wissen, rührt aus dem Studium der Traumarbeit

her. Dabei fanden wir, daß die Prozesse in den unbewußten Systemen von denen

in den (vor-)bewußten gründlich verschieden sind, daß im Unbewußten

Besetzungen leicht vollständig übertragen, verschoben, verdichtet werden

können, was nur fehlerhafte Resultate ergeben könnte, wenn es an vorbewußtem

Material geschähe, und was darum auch die bekannten Sonderbarkeiten des

manifesten Traumes ergibt, nachdem die vorbewußten Tagesreste die

Bearbeitung nach den Gesetzen des Unbewußten erfahren haben. Ich nannte die

Art dieser Prozesse im Unbewußten den psychischen »Primärvorgang« zum

Unterschied von dem für unser normales Wachleben gültigen Sekundärvorgang.

Da die Triebregungen alle an den unbewußten Systemen angreifen, ist es kaum

eine Neuerung zu sagen, daß sie dem Primärvorgang folgen, und andererseits

gehört wenig dazu, um den psychischen Primärvorgang mit der frei beweglichen

Besetzung, den Sekundärvorgang mit den Veränderungen an der gebundenen

oder tonischen Besetzung B r e u e r's zu identifizieren[12]. Es wäre dann die

Aufgabe der höheren Schichten des seelischen Apparates, die im Primärvorgang

anlangende Erregung der Triebe zu binden. Das Mißglücken dieser Bindung

würde eine der traumatischen Neurose analoge Störung hervorrufen; erst nach

erfolgter Bindung könnte sich die Herrschaft des Lustprinzips (und seiner

Modifikation zum Realitätsprinzip) ungehemmt durchsetzen. Bis dahin aber

würde die andere Aufgabe des Seelenapparates, die Erregung zu bewältigen oder

zu binden, voranstehen, zwar nicht im Gegensatz zum Lustprinzip aber unabhängig von ihm und zum Teil ohne Rücksicht auf dieses.

 

Die Äußerungen eines Wiederholungszwanges, die wir an den frühen

Tätigkeiten des kindlichen Seelenlebens wie an den Erlebnissen der

psychoanalytischen Kur beschrieben haben, zeigen im hohen Grade den

triebhaften, und wo sie sich im Gegensatz zum Lustprinzip befinden, den

dämonischen Charakter. Beim Kinderspiel glauben wir es zu begreifen, daß das

Kind auch das unlustvolle Erlebnis darum wiederholt, weil es sich durch seine

Aktivität eine weit gründlichere Bewältigung des starken Eindruckes erwirbt, als

beim bloß passiven Erleben möglich war. Jede neuerliche Wiederholung scheint

diese angestrebte Beherrschung zu verbessern, und auch bei lustvollen

Erlebnissen kann sich das Kind an Wiederholungen nicht genug tun und wird

unerbittlich auf der Identität des Eindruckes bestehen. Dieser Charakterzug ist

dazu bestimmt, späterhin zu verschwinden. Ein zum zweitenmal angehörter Witz

wird fast wirkungslos bleiben, eine Theateraufführung wird nie mehr zum

zweitenmal den Eindruck erreichen, den sie das erstemal hinterließ; ja, der

Erwachsene wird schwer zu bewegen sein, ein Buch, das ihm sehr gefallen hat,

sobald nochmals durchzulesen. Immer wird die Neuheit die Bedingung des

Genusses sein. Das Kind aber wird nicht müde werden, vom Erwachsenen die

Wiederholung eines ihm gezeigten oder mit ihm angestellten Spieles zu

verlangen, bis dieser erschöpft es verweigert, und wenn man ihm eine schöne

Geschichte erzählt hat, will es immer wieder die nämliche Geschichte anstatt

einer neuen hören, besteht unerbittlich auf der Identität der Wiederholung und

verbessert jede Abänderung, die sich der Erzähler zuschulden kommen läßt, mit

der er sich vielleicht sogar ein neues Verdienst erwerben wollte. Dem

Lustprinzip wird dabei nicht widersprochen; es ist sinnfällig, daß die

Wiederholung, das Wiederfinden der Identität, selbst eine Lustquelle bedeutet.

Beim Analysierten hingegen wird es klar, daß der Zwang, die Begebenheiten

seiner infantilen Lebensperiode in der Übertragung zu wiederholen, sich i n

j e d e r Weise über das Lustprinzip hinaussetzt. Der Kranke benimmt sich dabei

völlig wie infantil und zeigt uns so, daß die verdrängten Erinnerungsspuren

seiner urzeitlichen Erlebnisse nicht im gebundenen Zustande in ihm vorhanden,

ja gewissermaßen des Sekundärvorganges nicht fähig sind. Dieser

Ungebundenheit verdanken sie auch ihr Vermögen, durch Anheftung an die

Tagesreste eine im Traum darzustellende Wunschphantasie zu bilden. Derselbe

Wiederholungszwang tritt uns so oft als therapeutisches Hindernis entgegen,

wenn wir zu Ende der Kur die völlige Ablösung vom Arzte durchsetzen wollen,

und es ist anzunehmen, daß die dunkle Angst der mit der Analyse nicht

Vertrauten, die sich scheuen irgend etwas aufzuwecken, was man nach ihrer Meinung besser schlafen ließe, im Grunde das Auftreten dieses dämonischen

Zwanges fürchtet.

 

Auf welche Art hängt aber das Triebhafte mit dem Zwang zur Wiederholung

zusammen? Hier muß sich uns die Idee aufdrängen, daß wir einem allgemeinen,

bisher nicht klar erkannten – oder wenigstens nicht ausdrücklich betonten –

Charakter der Triebe, vielleicht alles organischen Lebens überhaupt, auf die Spur

gekommen sind. E i n T r i e b w ä r e a l s o e i n d e m b e l e b t e n

O r g a n i s c h e n i n n e w o h n e n d e r D r a n g z u r

W i e d e r h e r s t e l l u n g e i n e s f r ü h e r e n Z u s t a n d e s, welchen dies

Belebte unter dem Einflusse äußerer Störungskräfte aufgeben mußte, eine Art

von organischer Elastizität, oder wenn man will, die Äußerung der Trägheit im

organischen Leben[13].

 

Diese Auffassung des Triebes klingt befremdlich, denn wir haben uns daran

gewöhnt, im Triebe das zur Veränderung und Entwicklung drängende Moment

zu sehen, und sollen nun das gerade Gegenteil in ihm erkennen, den Ausdruck

der konservativen Natur des Lebenden. Andererseits fallen uns sehr bald jene

Beispiele aus dem Tierleben ein, welche die historische Bedingtheit der Triebe

zu bestätigen scheinen. Wenn gewisse Fische um die Laichzeit beschwerliche

Wanderungen unternehmen, um den Laich in bestimmten Gewässern, weit

entfernt von ihren sonstigen Wohnorten abzulegen, so haben sie nach der

Deutung vieler Biologen nur die früheren Wohnstätten ihrer Art aufgesucht, die

sie im Laufe der Zeit gegen andere vertauscht hatten. Dasselbe soll für die

Wanderflüge der Zugvögel gelten, aber der Suche nach weiteren Beispielen

enthebt uns bald die Mahnung, daß wir in den Phänomenen der Erblichkeit und

in den Tatsachen der Embryologie die großartigsten Beweise für den

organischen Wiederholungszwang haben. Wir sehen, der Keim eines lebenden

Tieres ist genötigt, in seiner Entwicklung die Strukturen all der Formen, von

denen das Tier abstammt – wenn auch in flüchtiger Abkürzung – zu

wiederholen, anstatt auf dem kürzesten Wege zu seiner definitiven Gestaltung zu

eilen, und können dies Verhalten nur zum geringsten Teile mechanisch erklären,

dürfen die historische Erklärung nicht beiseite lassen. Und ebenso erstreckt sich

weit in die Tierreihe hinauf ein Reproduktionsvermögen, welches ein verlorenes

Organ durch die Neubildung eines ihm durchaus gleichen ersetzt.

 

Der naheliegende Einwand, es verhalte sich wohl so, daß es außer den

konservativen Trieben, die zur Wiederholung nötigen, auch andere gibt, die zur

Neugestaltung und zum Fortschritt drängen, darf gewiß nicht unberücksichtigt

bleiben; er soll auch späterhin in unsere Erwägungen einbezogen werden. Aber vorher mag es uns verlocken, die Annahme, daß alle Triebe Früheres

wiederherstellen wollen, in ihre letzten Konsequenzen zu verfolgen. Mag, was

dabei herauskommt, den Anschein des »Tiefsinnigen« erwecken oder an

Mystisches anklingen, so wissen wir uns doch von dem Vorwurf frei, etwas

derartiges angestrebt zu haben. Wir suchen nüchterne Resultate der Forschung

oder der auf sie gegründeten Überlegung, und unser Wunsch möchte diesen

keinen anderen Charakter als den der Sicherheit verleihen.

 

Wenn also alle organischen Triebe konservativ, historisch erworben und auf

Regression, Wiederherstellung von Früherem gerichtet sind, so müssen wir alle

Erfolge der organischen Entwicklung auf die Rechnung äußerer, störender und

ablenkender Einflüsse setzen. Das elementare Lebewesen würde sich von seinem

Anfang an nicht haben ändern wollen, hätte unter sich gleichbleibenden

Verhältnissen stets nur den nämlichen Lebenslauf wiederholt. Aber im letzten

Grunde müßte es die Entwicklungsgeschichte unserer Erde und ihres

Verhältnisses zur Sonne sein, die uns in der Entwicklung der Organismen ihren

Abdruck hinterlassen hat. Die konservativen organischen Triebe haben jede

dieser aufgezwungenen Abänderungen des Lebenslaufes aufgenommen und zur

Wiederholung aufbewahrt und müssen so den täuschenden Eindruck von Kräften

machen, die nach Veränderung und Fortschritt streben, während sie bloß ein

altes Ziel auf alten und neuen Wegen zu erreichen trachten. Auch dieses Endziel

alles organischen Strebens ließe sich angeben. Der konservativen Natur der

Triebe widerspräche es, wenn das Ziel des Lebens ein noch nie zuvor erreichter

Zustand wäre. Es muß vielmehr ein alter, ein Ausgangszustand, sein, den das

Lebende einmal verlassen hat, und zu dem es über alle Umwege der

Entwicklung zurückstrebt. Wenn wir es als ausnahmslose Erfahrung annehmen

dürfen, daß alles Lebende aus i n n e r e n Gründen stirbt, ins Anorganische

zurückkehrt, so können wir nur sagen: D a s Z i e l a l l e s L e b e n s i s t

d e r T o d, und zurückgreifend: D a s L e b l o s e w a r f r ü h e r d a a l s

d a s L e b e n d e.

 

Irgend einmal wurden in unbelebter Materie durch eine noch ganz

unvorstellbare Krafteinwirkung die Eigenschaften des Lebenden erweckt.

Vielleicht war es ein Vorgang vorbildlich ähnlich jenem anderen, der in einer

gewissen Schicht der lebenden Materie später das Bewußtsein entstehen ließ.

Die damals entstandene Spannung in dem vorhin unbelebten Stoff trachtete

darnach, sich abzugleichen; es war der erste Trieb gegeben, der, zum Leblosen

zurückzukehren. Die damals lebende Substanz hatte das Sterben noch leicht, es

war wahrscheinlich nur ein kurzer Lebensweg zu durchlaufen, dessen Richtung durch die chemische Struktur des jungen Lebens bestimmt war. Eine lange Zeit

hindurch mag so die lebende Substanz immer wieder neu geschaffen worden und

leicht gestorben sein, bis sich maßgebende äußere Einflüsse so änderten, daß sie

die noch überlebende Substanz zu immer größeren Ablenkungen vom

ursprünglichen Lebensweg und zu immer komplizierteren Umwegen bis zur

Erreichung des Todeszieles nötigten. Diese Umwege zum Tode, von den

konservativen Trieben getreulich festgehalten, böten uns heute das Bild der

Lebenserscheinungen. Wenn man an der ausschließlich konservativen Natur der

Triebe festhält, kann man zu anderen Vermutungen über Herkunft und Ziel des

Lebens nicht gelangen.

 

Ebenso befremdend wie diese Folgerungen klingt dann, was sich für die

großen Gruppen von Trieben ergibt, die wir hinter den Lebenserscheinungen der

Organismen statuieren. Die Aufstellung der Selbsterhaltungstriebe, die wir

jedem lebenden Wesen zugestehen, steht in merkwürdigem Gegensatz zur

Voraussetzung, daß das gesamte Triebleben der Herbeiführung des Todes dient.

Die theoretische Bedeutung der Selbsterhaltungs-, Macht- und Geltungstriebe

schrumpft, in diesem Licht gesehen, ein; es sind Partialtriebe, dazu bestimmt,

den eigenen Todesweg des Organismus zu sichern und andere Möglichkeiten der

Rückkehr zum Anorganischen als die immanenten fernzuhalten, aber das

rätselhafte, in keinen Zusammenhang einfügbare Bestreben des Organismus,

sich aller Welt zum Trotz zu behaupten, entfällt. Es erübrigt, daß der Organismus

nur auf seine Weise sterben will; auch diese Lebenswächter sind ursprünglich

Trabanten des Todes gewesen. Dabei kommt das Paradoxe zustande, daß der

lebende Organismus sich auf das energischeste gegen Einwirkungen (Gefahren)

sträubt, die ihm dazu verhelfen könnten, sein Lebensziel auf kurzem Wege

(durch Kurzschluß sozusagen) zu erreichen, aber dies Verhalten charakterisiert

eben ein rein triebhaftes im Gegensatz zu einem intelligenten Streben[14].

 

Aber besinnen wir uns, dem kann nicht so sein! In ein ganz anderes Licht

rücken die Sexualtriebe, für welche die Neurosenlehre eine Sonderstellung in

Anspruch genommen hat. Nicht alle Organismen sind dem äußeren Zwang

unterlegen, der sie zu immer weiter gehender Entwicklung antrieb. Vielen ist es

gelungen, sich auf ihrer niedrigen Stufe bis auf die Gegenwart zu bewahren; es

leben ja noch heute, wenn nicht alle, so doch viele Lebewesen, die den Vorstufen

der höheren Tiere und Pflanzen ähnlich sein müssen. Und ebenso machen nicht

alle Elementarorganismen, welche den komplizierten Leib eines höheren

Lebewesens zusammensetzen, den ganzen Entwicklungsweg bis zum natürlichen

Tode mit. Einige unter ihnen, die Keimzellen, bewahren wahrscheinlich die ursprüngliche Struktur der lebenden Substanz und lösen sich, mit allen ererbten

und neu erworbenen Triebanlagen beladen, nach einer gewissen Zeit vom

ganzen Organismus ab. Vielleicht sind es gerade diese beiden Eigenschaften, die

ihnen ihre selbständige Existenz ermöglichen. Unter günstige Bedingungen

gebracht, beginnen sie sich zu entwickeln, das heißt, das Spiel, dem sie ihre

Entstehung verdanken, zu wiederholen, und dies endet damit, daß wieder ein

Anteil ihrer Substanz die Entwicklung bis zum Ende fortführt, während ein

anderer als neuer Keimrest von neuem auf den Anfang der Entwicklung

zurückgreift. So arbeiten diese Keimzellen dem Sterben der lebenden Substanz

entgegen und wissen für sie zu erringen, was uns als potentielle Unsterblichkeit

erscheinen muß, wenngleich es vielleicht nur eine Verlängerung des Todesweges

bedeutet. Im höchsten Grade bedeutungsvoll ist uns die Tatsache, daß die

Keimzelle für diese Leistung durch die Verschmelzung mit einer anderen, ihr

ähnlichen und doch von ihr verschiedenen, gekräftigt oder überhaupt erst

befähigt wird.

 

Die Triebe, welche die Schicksale dieser das Einzelwesen überlebenden

Elementarorganismen in acht nehmen, für ihre sichere Unterbringung sorgen, so

lange sie wehrlos gegen die Reize der Außenwelt sind, ihr Zusammentreffen mit

den anderen Keimzellen herbeiführen usw., bilden die Gruppe der Sexualtriebe.

Sie sind in demselben Sinne konservativ wie die anderen, indem sie frühere

Zustände der lebenden Substanz wiederbringen, aber sie sind es in stärkerem

Maße, indem sie sich als besonders resistent gegen äußere Einwirkungen

erweisen, und dann noch in einem weiteren Sinne, da sie das Leben selbst für

längere Zeiten erhalten. Sie sind die eigentlichen Lebenstriebe; dadurch, daß sie

der Absicht der anderen Triebe, welche durch die Funktion zum Tode führt,

entgegenwirken, deutet sich ein Gegensatz zwischen ihnen und den übrigen an,

den die Neurosenlehre als bedeutungsvoll erkannt hat. Es ist wie ein

Zauderrhythmus im Leben der Organismen; die eine Triebgruppe stürmt nach

vorwärts, um das Endziel des Lebens möglichst bald zu erreichen, die andere

schnellt an einer gewissen Stelle dieses Weges zurück, um ihn von einem

bestimmten Punkt an nochmals zu machen und so die Dauer des Weges zu

verlängern. Aber wenn auch Sexualität und Unterschied der Geschlechter zu

Beginn des Lebens gewiß nicht vorhanden waren, so bleibt es doch möglich, daß

die später als sexuell zu bezeichnenden Triebe von allem Anfang an in Tätigkeit

getreten sind und ihre Gegenarbeit gegen das Spiel der »Ichtriebe« nicht erst zu

einem späteren Zeitpunkte aufgenommen haben.

 

Greifen wir nun selbst ein erstes Mal zurück, um zu fragen, ob nicht alle diese Spekulationen der Begründung entbehren. Gibt es wirklich, a b g e s e h e n

v o n d e n S e x u a l t r i e b e n, keine anderen Triebe als solche, die einen

früheren Zustand wiederherstellen wollen, nicht auch andere, die nach einem

noch nie erreichten streben? Ich weiß in der organischen Welt kein sicheres

Beispiel, das unserer vorgeschlagenen Charakteristik widerspräche. Ein

allgemeiner Trieb zur Höherentwicklung in der Tier- und Pflanzenwelt läßt sich

gewiß nicht feststellen, wenn auch eine solche Entwicklungsrichtung tatsächlich

unbestritten bleibt. Aber einerseits ist es vielfach nur Sache unserer

Einschätzung, wenn wir eine Entwicklungsstufe für höher als eine andere

erklären, und andererseits zeigt uns die Wissenschaft des Lebenden, daß

Höherentwicklung in einem Punkte sehr häufig durch Rückbildung in einem

anderen erkauft oder wettgemacht wird. Auch gibt es Tierformen genug, deren

Jugendzustände uns erkennen lassen, daß ihre Entwicklung vielmehr einen

rückschreitenden Charakter genommen hat. Höherentwicklung wie Rückbildung

könnten beide Folgen der zur Anpassung drängenden äußeren Kräfte sein, und

die Rolle der Triebe konnte sich für beide Fälle darauf beschränken, die

aufgezwungene Veränderung als innere Lustquelle festzuhalten[15].

 

Vielen von uns mag es auch schwer werden, auf den Glauben zu verzichten,

daß im Menschen selbst ein Trieb zur Vervollkommnung wohnt, der ihn auf

seine gegenwärtige Höhe geistiger Leistung und ethischer Sublimierung

gebracht hat, und von dem man erwarten darf, daß er seine Entwicklung zum

Übermenschen besorgen wird. Allein ich glaube nicht an einen solchen inneren

Trieb und sehe keinen Weg, diese wohltuende Illusion zu schonen. Die bisherige

Entwicklung des Menschen scheint mir keiner anderen Erklärung zu bedürfen

als die der Tiere, und was man an einer Minderzahl von menschlichen

Individuen als rastlosen Drang zu weiterer Vervollkommnung beobachtet, läßt

sich ungezwungen als Folge der Triebverdrängung verstehen, auf welche das

Wertvollste an der menschlichen Kultur aufgebaut ist. Der verdrängte Trieb gibt

es nie auf, nach seiner vollen Befriedigung zu streben, die in der Wiederholung

eines primären Befriedigungserlebnisses bestünde; alle Ersatz-,

Reaktionsbildungen und Sublimierungen sind ungenügend, um seine anhaltende

Spannung aufzuheben, und aus der Differenz zwischen der gefundenen und der

geforderten Befriedigungslust ergibt sich das treibende Moment, welches bei

keiner der hergestellten Situationen zu verharren gestattet, sondern nach des

Dichters Worten »ungebändigt immer vorwärts dringt« (Mephisto im »Faust«, I,

Studierzimmer). Der Weg nach rückwärts, zur vollen Befriedigung, ist in der

Regel durch die Widerstände, welche die Verdrängungen aufrecht halten, verlegt,

und somit bleibt nichts anderes übrig, als in der anderen, noch freien Entwicklungsrichtung fortzuschreiten, allerdings ohne Aussicht, den Prozeß

abschließen und das Ziel erreichen zu können. Die Vorgänge bei der Ausbildung

einer neurotischen Phobie, die ja nichts anderes als ein Fluchtversuch vor einer

Triebbefriedigung ist, geben uns das Vorbild für die Entstehung dieses

anscheinenden »Vervollkommnungstriebes«, den wir aber unmöglich allen

menschlichen Individuen zuschreiben können. Die dynamischen Bedingungen

dafür sind zwar ganz allgemein vorhanden, aber die ökonomischen Verhältnisse

scheinen das Phänomen nur in seltenen Fällen zu begünstigen.