Jenseits des Lustprinzips
Kapitel V
Der Mangel eines Reizschutzes für die reizaufnehmende Rindenschicht
gegen Erregungen von innen her wird die Folge haben müssen, daß diese
Reizübertragungen die größere ökonomische Bedeutung gewinnen und häufig zu
ökonomischen Störungen Anlaß geben, die den traumatischen Neurosen
gleichzustellen sind. Die ausgiebigsten Quellen solch innerer Erregung sind die
sogenannten Triebe des Organismus, die Repräsentanten aller aus dem
Körperinnern stammenden, auf den seelischen Apparat übertragenen
Kraftwirkungen, selbst das wichtigste wie das dunkelste Element der
psychologischen Forschung.
Vielleicht finden wir die Annahme nicht zu gewagt, daß die von den Trieben
ausgehenden Regungen nicht den Typus des gebundenen, sondern den des frei
beweglichen, nach Abfuhr drängenden Nervenvorganges einhalten. Das Beste,
was wir über diese Vorgänge wissen, rührt aus dem Studium der Traumarbeit
her. Dabei fanden wir, daß die Prozesse in den unbewußten Systemen von denen
in den (vor-)bewußten gründlich verschieden sind, daß im Unbewußten
Besetzungen leicht vollständig übertragen, verschoben, verdichtet werden
können, was nur fehlerhafte Resultate ergeben könnte, wenn es an vorbewußtem
Material geschähe, und was darum auch die bekannten Sonderbarkeiten des
manifesten Traumes ergibt, nachdem die vorbewußten Tagesreste die
Bearbeitung nach den Gesetzen des Unbewußten erfahren haben. Ich nannte die
Art dieser Prozesse im Unbewußten den psychischen »Primärvorgang« zum
Unterschied von dem für unser normales Wachleben gültigen Sekundärvorgang.
Da die Triebregungen alle an den unbewußten Systemen angreifen, ist es kaum
eine Neuerung zu sagen, daß sie dem Primärvorgang folgen, und andererseits
gehört wenig dazu, um den psychischen Primärvorgang mit der frei beweglichen
Besetzung, den Sekundärvorgang mit den Veränderungen an der gebundenen
oder tonischen Besetzung B r e u e r's zu identifizieren[12]. Es wäre dann die
Aufgabe der höheren Schichten des seelischen Apparates, die im Primärvorgang
anlangende Erregung der Triebe zu binden. Das Mißglücken dieser Bindung
würde eine der traumatischen Neurose analoge Störung hervorrufen; erst nach
erfolgter Bindung könnte sich die Herrschaft des Lustprinzips (und seiner
Modifikation zum Realitätsprinzip) ungehemmt durchsetzen. Bis dahin aber
würde die andere Aufgabe des Seelenapparates, die Erregung zu bewältigen oder
zu binden, voranstehen, zwar nicht im Gegensatz zum Lustprinzip aber unabhängig von ihm und zum Teil ohne Rücksicht auf dieses.
Die Äußerungen eines Wiederholungszwanges, die wir an den frühen
Tätigkeiten des kindlichen Seelenlebens wie an den Erlebnissen der
psychoanalytischen Kur beschrieben haben, zeigen im hohen Grade den
triebhaften, und wo sie sich im Gegensatz zum Lustprinzip befinden, den
dämonischen Charakter. Beim Kinderspiel glauben wir es zu begreifen, daß das
Kind auch das unlustvolle Erlebnis darum wiederholt, weil es sich durch seine
Aktivität eine weit gründlichere Bewältigung des starken Eindruckes erwirbt, als
beim bloß passiven Erleben möglich war. Jede neuerliche Wiederholung scheint
diese angestrebte Beherrschung zu verbessern, und auch bei lustvollen
Erlebnissen kann sich das Kind an Wiederholungen nicht genug tun und wird
unerbittlich auf der Identität des Eindruckes bestehen. Dieser Charakterzug ist
dazu bestimmt, späterhin zu verschwinden. Ein zum zweitenmal angehörter Witz
wird fast wirkungslos bleiben, eine Theateraufführung wird nie mehr zum
zweitenmal den Eindruck erreichen, den sie das erstemal hinterließ; ja, der
Erwachsene wird schwer zu bewegen sein, ein Buch, das ihm sehr gefallen hat,
sobald nochmals durchzulesen. Immer wird die Neuheit die Bedingung des
Genusses sein. Das Kind aber wird nicht müde werden, vom Erwachsenen die
Wiederholung eines ihm gezeigten oder mit ihm angestellten Spieles zu
verlangen, bis dieser erschöpft es verweigert, und wenn man ihm eine schöne
Geschichte erzählt hat, will es immer wieder die nämliche Geschichte anstatt
einer neuen hören, besteht unerbittlich auf der Identität der Wiederholung und
verbessert jede Abänderung, die sich der Erzähler zuschulden kommen läßt, mit
der er sich vielleicht sogar ein neues Verdienst erwerben wollte. Dem
Lustprinzip wird dabei nicht widersprochen; es ist sinnfällig, daß die
Wiederholung, das Wiederfinden der Identität, selbst eine Lustquelle bedeutet.
Beim Analysierten hingegen wird es klar, daß der Zwang, die Begebenheiten
seiner infantilen Lebensperiode in der Übertragung zu wiederholen, sich i n
j e d e r Weise über das Lustprinzip hinaussetzt. Der Kranke benimmt sich dabei
völlig wie infantil und zeigt uns so, daß die verdrängten Erinnerungsspuren
seiner urzeitlichen Erlebnisse nicht im gebundenen Zustande in ihm vorhanden,
ja gewissermaßen des Sekundärvorganges nicht fähig sind. Dieser
Ungebundenheit verdanken sie auch ihr Vermögen, durch Anheftung an die
Tagesreste eine im Traum darzustellende Wunschphantasie zu bilden. Derselbe
Wiederholungszwang tritt uns so oft als therapeutisches Hindernis entgegen,
wenn wir zu Ende der Kur die völlige Ablösung vom Arzte durchsetzen wollen,
und es ist anzunehmen, daß die dunkle Angst der mit der Analyse nicht
Vertrauten, die sich scheuen irgend etwas aufzuwecken, was man nach ihrer Meinung besser schlafen ließe, im Grunde das Auftreten dieses dämonischen
Zwanges fürchtet.
Auf welche Art hängt aber das Triebhafte mit dem Zwang zur Wiederholung
zusammen? Hier muß sich uns die Idee aufdrängen, daß wir einem allgemeinen,
bisher nicht klar erkannten – oder wenigstens nicht ausdrücklich betonten –
Charakter der Triebe, vielleicht alles organischen Lebens überhaupt, auf die Spur
gekommen sind. E i n T r i e b w ä r e a l s o e i n d e m b e l e b t e n
O r g a n i s c h e n i n n e w o h n e n d e r D r a n g z u r
W i e d e r h e r s t e l l u n g e i n e s f r ü h e r e n Z u s t a n d e s, welchen dies
Belebte unter dem Einflusse äußerer Störungskräfte aufgeben mußte, eine Art
von organischer Elastizität, oder wenn man will, die Äußerung der Trägheit im
organischen Leben[13].
Diese Auffassung des Triebes klingt befremdlich, denn wir haben uns daran
gewöhnt, im Triebe das zur Veränderung und Entwicklung drängende Moment
zu sehen, und sollen nun das gerade Gegenteil in ihm erkennen, den Ausdruck
der konservativen Natur des Lebenden. Andererseits fallen uns sehr bald jene
Beispiele aus dem Tierleben ein, welche die historische Bedingtheit der Triebe
zu bestätigen scheinen. Wenn gewisse Fische um die Laichzeit beschwerliche
Wanderungen unternehmen, um den Laich in bestimmten Gewässern, weit
entfernt von ihren sonstigen Wohnorten abzulegen, so haben sie nach der
Deutung vieler Biologen nur die früheren Wohnstätten ihrer Art aufgesucht, die
sie im Laufe der Zeit gegen andere vertauscht hatten. Dasselbe soll für die
Wanderflüge der Zugvögel gelten, aber der Suche nach weiteren Beispielen
enthebt uns bald die Mahnung, daß wir in den Phänomenen der Erblichkeit und
in den Tatsachen der Embryologie die großartigsten Beweise für den
organischen Wiederholungszwang haben. Wir sehen, der Keim eines lebenden
Tieres ist genötigt, in seiner Entwicklung die Strukturen all der Formen, von
denen das Tier abstammt – wenn auch in flüchtiger Abkürzung – zu
wiederholen, anstatt auf dem kürzesten Wege zu seiner definitiven Gestaltung zu
eilen, und können dies Verhalten nur zum geringsten Teile mechanisch erklären,
dürfen die historische Erklärung nicht beiseite lassen. Und ebenso erstreckt sich
weit in die Tierreihe hinauf ein Reproduktionsvermögen, welches ein verlorenes
Organ durch die Neubildung eines ihm durchaus gleichen ersetzt.
Der naheliegende Einwand, es verhalte sich wohl so, daß es außer den
konservativen Trieben, die zur Wiederholung nötigen, auch andere gibt, die zur
Neugestaltung und zum Fortschritt drängen, darf gewiß nicht unberücksichtigt
bleiben; er soll auch späterhin in unsere Erwägungen einbezogen werden. Aber vorher mag es uns verlocken, die Annahme, daß alle Triebe Früheres
wiederherstellen wollen, in ihre letzten Konsequenzen zu verfolgen. Mag, was
dabei herauskommt, den Anschein des »Tiefsinnigen« erwecken oder an
Mystisches anklingen, so wissen wir uns doch von dem Vorwurf frei, etwas
derartiges angestrebt zu haben. Wir suchen nüchterne Resultate der Forschung
oder der auf sie gegründeten Überlegung, und unser Wunsch möchte diesen
keinen anderen Charakter als den der Sicherheit verleihen.
Wenn also alle organischen Triebe konservativ, historisch erworben und auf
Regression, Wiederherstellung von Früherem gerichtet sind, so müssen wir alle
Erfolge der organischen Entwicklung auf die Rechnung äußerer, störender und
ablenkender Einflüsse setzen. Das elementare Lebewesen würde sich von seinem
Anfang an nicht haben ändern wollen, hätte unter sich gleichbleibenden
Verhältnissen stets nur den nämlichen Lebenslauf wiederholt. Aber im letzten
Grunde müßte es die Entwicklungsgeschichte unserer Erde und ihres
Verhältnisses zur Sonne sein, die uns in der Entwicklung der Organismen ihren
Abdruck hinterlassen hat. Die konservativen organischen Triebe haben jede
dieser aufgezwungenen Abänderungen des Lebenslaufes aufgenommen und zur
Wiederholung aufbewahrt und müssen so den täuschenden Eindruck von Kräften
machen, die nach Veränderung und Fortschritt streben, während sie bloß ein
altes Ziel auf alten und neuen Wegen zu erreichen trachten. Auch dieses Endziel
alles organischen Strebens ließe sich angeben. Der konservativen Natur der
Triebe widerspräche es, wenn das Ziel des Lebens ein noch nie zuvor erreichter
Zustand wäre. Es muß vielmehr ein alter, ein Ausgangszustand, sein, den das
Lebende einmal verlassen hat, und zu dem es über alle Umwege der
Entwicklung zurückstrebt. Wenn wir es als ausnahmslose Erfahrung annehmen
dürfen, daß alles Lebende aus i n n e r e n Gründen stirbt, ins Anorganische
zurückkehrt, so können wir nur sagen: D a s Z i e l a l l e s L e b e n s i s t
d e r T o d, und zurückgreifend: D a s L e b l o s e w a r f r ü h e r d a a l s
d a s L e b e n d e.
Irgend einmal wurden in unbelebter Materie durch eine noch ganz
unvorstellbare Krafteinwirkung die Eigenschaften des Lebenden erweckt.
Vielleicht war es ein Vorgang vorbildlich ähnlich jenem anderen, der in einer
gewissen Schicht der lebenden Materie später das Bewußtsein entstehen ließ.
Die damals entstandene Spannung in dem vorhin unbelebten Stoff trachtete
darnach, sich abzugleichen; es war der erste Trieb gegeben, der, zum Leblosen
zurückzukehren. Die damals lebende Substanz hatte das Sterben noch leicht, es
war wahrscheinlich nur ein kurzer Lebensweg zu durchlaufen, dessen Richtung durch die chemische Struktur des jungen Lebens bestimmt war. Eine lange Zeit
hindurch mag so die lebende Substanz immer wieder neu geschaffen worden und
leicht gestorben sein, bis sich maßgebende äußere Einflüsse so änderten, daß sie
die noch überlebende Substanz zu immer größeren Ablenkungen vom
ursprünglichen Lebensweg und zu immer komplizierteren Umwegen bis zur
Erreichung des Todeszieles nötigten. Diese Umwege zum Tode, von den
konservativen Trieben getreulich festgehalten, böten uns heute das Bild der
Lebenserscheinungen. Wenn man an der ausschließlich konservativen Natur der
Triebe festhält, kann man zu anderen Vermutungen über Herkunft und Ziel des
Lebens nicht gelangen.
Ebenso befremdend wie diese Folgerungen klingt dann, was sich für die
großen Gruppen von Trieben ergibt, die wir hinter den Lebenserscheinungen der
Organismen statuieren. Die Aufstellung der Selbsterhaltungstriebe, die wir
jedem lebenden Wesen zugestehen, steht in merkwürdigem Gegensatz zur
Voraussetzung, daß das gesamte Triebleben der Herbeiführung des Todes dient.
Die theoretische Bedeutung der Selbsterhaltungs-, Macht- und Geltungstriebe
schrumpft, in diesem Licht gesehen, ein; es sind Partialtriebe, dazu bestimmt,
den eigenen Todesweg des Organismus zu sichern und andere Möglichkeiten der
Rückkehr zum Anorganischen als die immanenten fernzuhalten, aber das
rätselhafte, in keinen Zusammenhang einfügbare Bestreben des Organismus,
sich aller Welt zum Trotz zu behaupten, entfällt. Es erübrigt, daß der Organismus
nur auf seine Weise sterben will; auch diese Lebenswächter sind ursprünglich
Trabanten des Todes gewesen. Dabei kommt das Paradoxe zustande, daß der
lebende Organismus sich auf das energischeste gegen Einwirkungen (Gefahren)
sträubt, die ihm dazu verhelfen könnten, sein Lebensziel auf kurzem Wege
(durch Kurzschluß sozusagen) zu erreichen, aber dies Verhalten charakterisiert
eben ein rein triebhaftes im Gegensatz zu einem intelligenten Streben[14].
Aber besinnen wir uns, dem kann nicht so sein! In ein ganz anderes Licht
rücken die Sexualtriebe, für welche die Neurosenlehre eine Sonderstellung in
Anspruch genommen hat. Nicht alle Organismen sind dem äußeren Zwang
unterlegen, der sie zu immer weiter gehender Entwicklung antrieb. Vielen ist es
gelungen, sich auf ihrer niedrigen Stufe bis auf die Gegenwart zu bewahren; es
leben ja noch heute, wenn nicht alle, so doch viele Lebewesen, die den Vorstufen
der höheren Tiere und Pflanzen ähnlich sein müssen. Und ebenso machen nicht
alle Elementarorganismen, welche den komplizierten Leib eines höheren
Lebewesens zusammensetzen, den ganzen Entwicklungsweg bis zum natürlichen
Tode mit. Einige unter ihnen, die Keimzellen, bewahren wahrscheinlich die ursprüngliche Struktur der lebenden Substanz und lösen sich, mit allen ererbten
und neu erworbenen Triebanlagen beladen, nach einer gewissen Zeit vom
ganzen Organismus ab. Vielleicht sind es gerade diese beiden Eigenschaften, die
ihnen ihre selbständige Existenz ermöglichen. Unter günstige Bedingungen
gebracht, beginnen sie sich zu entwickeln, das heißt, das Spiel, dem sie ihre
Entstehung verdanken, zu wiederholen, und dies endet damit, daß wieder ein
Anteil ihrer Substanz die Entwicklung bis zum Ende fortführt, während ein
anderer als neuer Keimrest von neuem auf den Anfang der Entwicklung
zurückgreift. So arbeiten diese Keimzellen dem Sterben der lebenden Substanz
entgegen und wissen für sie zu erringen, was uns als potentielle Unsterblichkeit
erscheinen muß, wenngleich es vielleicht nur eine Verlängerung des Todesweges
bedeutet. Im höchsten Grade bedeutungsvoll ist uns die Tatsache, daß die
Keimzelle für diese Leistung durch die Verschmelzung mit einer anderen, ihr
ähnlichen und doch von ihr verschiedenen, gekräftigt oder überhaupt erst
befähigt wird.
Die Triebe, welche die Schicksale dieser das Einzelwesen überlebenden
Elementarorganismen in acht nehmen, für ihre sichere Unterbringung sorgen, so
lange sie wehrlos gegen die Reize der Außenwelt sind, ihr Zusammentreffen mit
den anderen Keimzellen herbeiführen usw., bilden die Gruppe der Sexualtriebe.
Sie sind in demselben Sinne konservativ wie die anderen, indem sie frühere
Zustände der lebenden Substanz wiederbringen, aber sie sind es in stärkerem
Maße, indem sie sich als besonders resistent gegen äußere Einwirkungen
erweisen, und dann noch in einem weiteren Sinne, da sie das Leben selbst für
längere Zeiten erhalten. Sie sind die eigentlichen Lebenstriebe; dadurch, daß sie
der Absicht der anderen Triebe, welche durch die Funktion zum Tode führt,
entgegenwirken, deutet sich ein Gegensatz zwischen ihnen und den übrigen an,
den die Neurosenlehre als bedeutungsvoll erkannt hat. Es ist wie ein
Zauderrhythmus im Leben der Organismen; die eine Triebgruppe stürmt nach
vorwärts, um das Endziel des Lebens möglichst bald zu erreichen, die andere
schnellt an einer gewissen Stelle dieses Weges zurück, um ihn von einem
bestimmten Punkt an nochmals zu machen und so die Dauer des Weges zu
verlängern. Aber wenn auch Sexualität und Unterschied der Geschlechter zu
Beginn des Lebens gewiß nicht vorhanden waren, so bleibt es doch möglich, daß
die später als sexuell zu bezeichnenden Triebe von allem Anfang an in Tätigkeit
getreten sind und ihre Gegenarbeit gegen das Spiel der »Ichtriebe« nicht erst zu
einem späteren Zeitpunkte aufgenommen haben.
Greifen wir nun selbst ein erstes Mal zurück, um zu fragen, ob nicht alle diese Spekulationen der Begründung entbehren. Gibt es wirklich, a b g e s e h e n
v o n d e n S e x u a l t r i e b e n, keine anderen Triebe als solche, die einen
früheren Zustand wiederherstellen wollen, nicht auch andere, die nach einem
noch nie erreichten streben? Ich weiß in der organischen Welt kein sicheres
Beispiel, das unserer vorgeschlagenen Charakteristik widerspräche. Ein
allgemeiner Trieb zur Höherentwicklung in der Tier- und Pflanzenwelt läßt sich
gewiß nicht feststellen, wenn auch eine solche Entwicklungsrichtung tatsächlich
unbestritten bleibt. Aber einerseits ist es vielfach nur Sache unserer
Einschätzung, wenn wir eine Entwicklungsstufe für höher als eine andere
erklären, und andererseits zeigt uns die Wissenschaft des Lebenden, daß
Höherentwicklung in einem Punkte sehr häufig durch Rückbildung in einem
anderen erkauft oder wettgemacht wird. Auch gibt es Tierformen genug, deren
Jugendzustände uns erkennen lassen, daß ihre Entwicklung vielmehr einen
rückschreitenden Charakter genommen hat. Höherentwicklung wie Rückbildung
könnten beide Folgen der zur Anpassung drängenden äußeren Kräfte sein, und
die Rolle der Triebe konnte sich für beide Fälle darauf beschränken, die
aufgezwungene Veränderung als innere Lustquelle festzuhalten[15].
Vielen von uns mag es auch schwer werden, auf den Glauben zu verzichten,
daß im Menschen selbst ein Trieb zur Vervollkommnung wohnt, der ihn auf
seine gegenwärtige Höhe geistiger Leistung und ethischer Sublimierung
gebracht hat, und von dem man erwarten darf, daß er seine Entwicklung zum
Übermenschen besorgen wird. Allein ich glaube nicht an einen solchen inneren
Trieb und sehe keinen Weg, diese wohltuende Illusion zu schonen. Die bisherige
Entwicklung des Menschen scheint mir keiner anderen Erklärung zu bedürfen
als die der Tiere, und was man an einer Minderzahl von menschlichen
Individuen als rastlosen Drang zu weiterer Vervollkommnung beobachtet, läßt
sich ungezwungen als Folge der Triebverdrängung verstehen, auf welche das
Wertvollste an der menschlichen Kultur aufgebaut ist. Der verdrängte Trieb gibt
es nie auf, nach seiner vollen Befriedigung zu streben, die in der Wiederholung
eines primären Befriedigungserlebnisses bestünde; alle Ersatz-,
Reaktionsbildungen und Sublimierungen sind ungenügend, um seine anhaltende
Spannung aufzuheben, und aus der Differenz zwischen der gefundenen und der
geforderten Befriedigungslust ergibt sich das treibende Moment, welches bei
keiner der hergestellten Situationen zu verharren gestattet, sondern nach des
Dichters Worten »ungebändigt immer vorwärts dringt« (Mephisto im »Faust«, I,
Studierzimmer). Der Weg nach rückwärts, zur vollen Befriedigung, ist in der
Regel durch die Widerstände, welche die Verdrängungen aufrecht halten, verlegt,
und somit bleibt nichts anderes übrig, als in der anderen, noch freien Entwicklungsrichtung fortzuschreiten, allerdings ohne Aussicht, den Prozeß
abschließen und das Ziel erreichen zu können. Die Vorgänge bei der Ausbildung
einer neurotischen Phobie, die ja nichts anderes als ein Fluchtversuch vor einer
Triebbefriedigung ist, geben uns das Vorbild für die Entstehung dieses
anscheinenden »Vervollkommnungstriebes«, den wir aber unmöglich allen
menschlichen Individuen zuschreiben können. Die dynamischen Bedingungen
dafür sind zwar ganz allgemein vorhanden, aber die ökonomischen Verhältnisse
scheinen das Phänomen nur in seltenen Fällen zu begünstigen.