Jenseits des Lustprinzips

Sigmund Freud · Kapitel 4 von 7

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Jenseits des Lustprinzips

Kapitel IV

 

Was nun folgt, ist Spekulation, oft weitausholende Spekulation, die ein jeder

nach seiner besonderen Einstellung würdigen oder vernachlässigen wird. Im

weiteren ein Versuch zur konsequenten Ausbeutung einer Idee, aus Neugierde,

wohin dies führen wird.

 

Die psychoanalytische Spekulation knüpft an den bei der Untersuchung

unbewußter Vorgänge empfangenen Eindruck an, daß das Bewußtsein nicht der

allgemeinste Charakter der seelischen Vorgänge, sondern nur eine besondere

Funktion derselben sein könne. In metapsychologischer Ausdrucksweise

behauptet sie, das Bewußtsein sei die Leistung eines besonderen Systems, das

sie Bw. benennt. Da das Bewußtsein im wesentlichen Wahrnehmungen von

Erregungen liefert, die aus der Außenwelt kommen und Empfindungen von Lust

und Unlust, die nur aus dem Inneren des seelischen Apparates stammen können,

kann dem System W-Bw. eine räumliche Stellung zugewiesen werden. Es muß

an der Grenze von außen und innen liegen, der Außenwelt zugekehrt sein und

die anderen psychischen Systeme umhüllen. Wir bemerken dann, daß wir mit

diesen Annahmen nichts Neues gewagt, sondern uns der lokalisierenden

Hirnanatomie angeschlossen haben, welche den »Sitz« des Bewußtseins in die

Hirnrinde, in die äußerste, umhüllende Schicht des Zentralorgans verlegt. Die

Hirnanatomie braucht sich keine Gedanken darüber zu machen, warum –

anatomisch gesprochen – das Bewußtsein gerade an der Oberfläche des Gehirns

untergebracht ist, anstatt wohlverwahrt irgendwo im innersten Innern desselben

zu hausen. Vielleicht bringen wir es in der Ableitung einer solchen Lage für

unser System W-Bw. weiter.

 

Das Bewußtsein ist nicht die einzige Eigentümlichkeit, die wir den

Vorgängen in diesem System zuschreiben. Wir stützen uns auf die Eindrücke

unserer psychoanalytischen Erfahrung, wenn wir annehmen, daß alle

Erregungsvorgänge in den anderen Systemen Dauerspuren als Grundlage des

Gedächtnisses in diesen hinterlassen, Erinnerungsreste also, die nichts mit dem

Bewußtwerden zu tun haben. Sie sind oft am stärksten und haltbarsten, wenn der

sie zurücklassende Vorgang niemals zum Bewußtsein gekommen ist. Wir finden

es aber beschwerlich zu glauben, daß solche Dauerspuren der Erregung auch im

System W-Bw. zustande kommen. Sie würden die Eignung des Systems zur

Aufnahme neuer Erregungen sehr bald einschränken[8], wenn sie immer bewußt

blieben; im anderen Falle, wenn sie unbewußt würden, stellten sie uns vor die Aufgabe, die Existenz unbewußter Vorgänge in einem System zu erklären,

dessen Funktionieren sonst vom Phänomen des Bewußtseins begleitet wird. Wir

hätten sozusagen durch unsere Annahme, welche das Bewußtwerden in ein

besonderes System verweist, nichts verändert und nichts gewonnen. Wenn dies

auch keine absolut verbindliche Erwägung sein mag, so kann sie uns doch zur

Vermutung bewegen, daß Bewußtwerden und Hinterlassung einer

Gedächtnisspur für dasselbe System miteinander unverträglich sind. Wir würden

so sagen können, im System Bw. werde der Erregungsvorgang bewußt,

hinterlasse aber keine Dauerspur; alle die Spuren desselben, auf welche sich die

Erinnerung stützt, kämen bei der Fortpflanzung der Erregung auf die nächsten

inneren Systeme in diesen zustande. In diesem Sinne ist auch das Schema

entworfen, welches ich dem spekulativen Abschnitt meiner »Traumdeutung«

1900 eingefügt habe. Wenn man bedenkt, wie wenig wir aus anderen Quellen

über die Entstehung des Bewußtseins wissen, wird man dem Satze, d a s

B e w u ß t s e i n e n t s t e h e a n S t e l l e d e r E r i n n e r u n g s s p u r,

wenigstens die Bedeutung einer irgendwie bestimmten Behauptung einräumen

müssen.

 

Das System Bw. wäre also durch die Besonderheit ausgezeichnet, daß der

Erregungsvorgang in ihm nicht wie in allen anderen psychischen Systemen eine

dauernde Veränderung seiner Elemente hinterläßt, sondern gleichsam im

Phänomen des Bewußtwerdens verpufft. Eine solche Abweichung von der

allgemeinen Regel fordert eine Erklärung durch ein Moment, welches

ausschließlich bei diesem einen System in Betracht kommt, und dies den

anderen Systemen abzusprechende Moment könnte leicht die exponierte Lage

des Systems Bw. sein, sein unmittelbares Anstoßen an die Außenwelt.

 

Stellen wir uns den lebenden Organismus in seiner größtmöglichen

Vereinfachung als undifferenziertes Bläschen reizbarer Substanz vor; dann ist

seine der Außenwelt zugekehrte Oberfläche durch ihre Lage selbst differenziert

und dient als reizaufnehmendes Organ. Die Embryologie als Wiederholung der

Entwicklungsgeschichte zeigt auch wirklich, daß das Zentralnervensystem aus

dem Ektoderm hervorgeht, und die graue Hirnrinde ist noch immer ein

Abkömmling der primitiven Oberfläche und könnte wesentliche Eigenschaften

derselben durch Erbschaft übernommen haben. Es wäre dann leicht denkbar, daß

durch unausgesetzten Anprall der äußeren Reize an die Oberfläche des

Bläschens dessen Substanz bis in eine gewisse Tiefe dauernd verändert wird, so

daß ihr Erregungsvorgang anders abläuft als in tieferen Schichten. Es bildete

sich so eine Rinde, die endlich durch die Reizwirkung so durchgebrannt ist, daß sie der Reizaufnahme die günstigsten Verhältnisse entgegenbringt und einer

weiteren Modifikation nicht fähig ist. Auf das System Bw. übertragen, würde

dies meinen, daß dessen Elemente keine Dauerveränderung beim Durchgang der

Erregung mehr annehmen können, weil sie bereits aufs äußerste im Sinne dieser

Wirkung modifiziert sind. Dann sind sie aber befähigt, das Bewußtsein entstehen

zu lassen. Worin diese Modifikation der Substanz und des Erregungsvorgangs in

ihr besteht, darüber kann man sich mancherlei Vorstellungen machen, die sich

der Prüfung derzeit entziehen. Man kann annehmen, die Erregung habe bei

ihrem Fortgang von einem Element zum anderen einen Widerstand zu

überwinden und diese Verringerung des Widerstandes setze eben die Dauerspur

der Erregung (Bahnung); im System Bw. bestünde also ein solcher

Übergangswiderstand von einem Element zum anderen nicht mehr. Man kann

mit dieser Vorstellung die B r e u e r'sche Unterscheidung von ruhender

(gebundener) und frei beweglicher Besetzungsenergie in den Elementen der

psychischen Systeme zusammenbringen[9]; die Elemente des Systems Bw.

würden dann keine gebundene und nur frei abfuhrfähige Energie führen. Aber

ich meine, vorläufig ist es besser, wenn man sich über diese Verhältnisse

möglichst unbestimmt äußert. Immerhin hätten wir durch diese Spekulationen

die Entstehung des Bewußtseins in einen gewissen Zusammenhang mit der Lage

des Systems Bw. und den ihm zuzuschreibenden Besonderheiten des

Erregungsvorganges verflochten.

 

An dem lebenden Bläschen mit seiner reizaufnehmenden Rindenschichte

haben wir noch anderes zu erörtern. Dieses Stückchen lebender Substanz

schwebt inmitten einer mit den stärksten Energien geladenen Außenwelt und

würde von den Reizwirkungen derselben erschlagen werden, wenn es nicht mit

einem R e i z s c h u t z versehen wäre. Es bekommt ihn dadurch, daß seine

äußerste Oberfläche die dem Lebenden zukommende Struktur aufgibt,

gewissermaßen anorganisch wird und nun als eine besondere Hülle oder

Membran reizabhaltend wirkt, das heißt, veranlaßt, daß die Energien der

Außenwelt sich nur mit einem Bruchteil ihrer Intensität auf die nächsten lebend

gebliebenen Schichten fortsetzen können. Diese können nun hinter dem

Reizschutz sich der Aufnahme der durchgelassenen Reizmengen widmen. Die

Außenschicht hat aber durch ihr Absterben alle tieferen vor dem gleichen

Schicksal bewahrt, wenigstens so lange, bis nicht Reize von solcher Stärke

herankommen, daß sie den Reizschutz durchbrechen. Für den lebenden

Organismus ist der Reizschutz eine beinahe wichtigere Aufgabe als die

Reizaufnahme; er ist mit einem eigenen Energievorrat ausgestattet und muß vor

allem bestrebt sein, die besonderen Formen der Energieumsetzung, die in ihm spielen, vor dem gleichmachenden, also zerstörenden Einfluß der übergroßen,

draußen arbeitenden Energien zu bewahren. Die Reizaufnahme dient vor allem

der Absicht, Richtung und Art der äußeren Reize zu erfahren, und dazu muß es

genügen, der Außenwelt kleine Proben zu entnehmen, sie in geringen

Quantitäten zu verkosten. Bei den hochentwickelten Organismen hat sich die

reizaufnehmende Rindenschicht des einstigen Bläschens längst in die Tiefe des

Körperinnern zurückgezogen, aber Anteile von ihr sind an der Oberfläche

unmittelbar unter dem allgemeinen Reizschutz zurückgelassen. Dies sind die

Sinnesorgane, die im wesentlichen Einrichtungen zur Aufnahme spezifischer

Reizeinwirkungen enthalten, aber außerdem besondere Vorrichtungen zu

neuerlichem Schutz gegen übergroße Reizmengen und zur Abhaltung

unangemessener Reizarten. Es ist für sie charakteristisch, daß sie nur sehr

geringe Quantitäten des äußeren Reizes verarbeiten, sie nehmen nur Stichproben

der Außenwelt vor; vielleicht darf man sie Fühlern vergleichen, die sich an die

Außenwelt herantasten und dann immer wieder von ihr zurückziehen.

 

Ich gestatte mir an dieser Stelle ein Thema flüchtig zu berühren, welches die

gründlichste Behandlung verdienen würde. Der K a n t'sche Satz, daß Zeit und

Raum notwendige Formen unseres Denkens sind, kann heute infolge gewisser

psychoanalytischer Erkenntnisse einer Diskussion unterzogen werden. Wir

haben erfahren, daß die unbewußten Seelenvorgänge an sich »zeitlos« sind. Das

heißt zunächst, daß sie nicht zeitlich geordnet werden, daß die Zeit nichts an

ihnen verändert, daß man die Zeitvorstellung nicht an sie heranbringen kann. Es

sind dies negative Charaktere, die man sich nur durch Vergleichung mit den

bewußten seelischen Prozessen deutlich machen kann. Unsere abstrakte

Zeitvorstellung scheint vielmehr durchaus von der Arbeitsweise des Systems W-

Bw. hergeholt zu sein und einer Selbstwahrnehmung derselben zu entsprechen.

Bei dieser Funktionsweise des Systems dürfte ein anderer Weg des Reizschutzes

beschritten werden. Ich weiß, daß diese Behauptungen sehr dunkel klingen, muß

mich aber auf solche Andeutungen beschränken.

 

Wir haben bisher ausgeführt, daß das lebende Bläschen mit einem

Reizschutz gegen die Außenwelt ausgestattet ist. Vorhin hatten wir festgelegt,

daß die nächste Rindenschicht desselben als Organ zur Reizaufnahme von außen

differenziert sein muß. Diese empfindliche Rindenschicht, das spätere System

Bw., empfängt aber auch Erregungen von innen her; die Stellung des Systems

zwischen außen und innen und die Verschiedenheit der Bedingungen für die

Einwirkung von der einen und der anderen Seite werden maßgebend für die

Leistung des Systems und des ganzen seelischen Apparats. Gegen außen gibt es einen Reizschutz, die ankommenden Erregungsgrößen werden nur in

verkleinertem Maßstab wirken; nach innen zu ist ein Reizschutz unmöglich, die

Erregungen der tieferen Schichten setzen sich direkt und in unverringertem

Maße auf das System fort, indem gewisse Charaktere ihres Ablaufes die Reihe

der Lust-Unlustempfindungen erzeugen. Allerdings werden die von innen

kommenden Erregungen nach ihrer Intensität und nach anderen qualitativen

Charakteren (eventuell nach ihrer Amplitude) der Arbeitsweise des Systems

adaequater sein als die von der Außenwelt zuströmenden Reize. Aber zweierlei

ist durch diese Verhältnisse entscheidend bestimmt, erstens die Praevalenz der

Lust- und Unlustempfindungen, die ein Index für Vorgänge im Innern des

Apparates sind, über alle äußeren Reize, und zweitens eine Richtung des

Verhaltens gegen solche innere Erregungen, welche allzu große

Unlustvermehrung herbeiführen. Es wird sich die Neigung ergeben, sie so zu

behandeln, als ob sie nicht von innen, sondern von außen her einwirkten, um die

Abwehrmittel des Reizschutzes gegen sie in Anwendung bringen zu können.

Dies ist die Herkunft der P r o j e k t i o n, der eine so große Rolle bei der

Verursachung pathologischer Prozesse vorbehalten ist.

 

Ich habe den Eindruck, daß wir durch die letzten Überlegungen die

Herrschaft des Lustprinzips unserem Verständnis angenähert haben; eine

Aufklärung jener Fälle, die sich ihm widersetzen, haben wir aber nicht erreicht.

Gehen wir darum einen Schritt weiter. Solche Erregungen von außen, die stark

genug sind, den Reizschutz zu durchbrechen, heißen wir t r a u m a t i s c h e. Ich

glaube, daß der Begriff des Traumas eine solche Beziehung auf eine sonst

wirksame Reizabhaltung erfordert. Ein Vorkommnis wie das äußere Trauma

wird gewiß eine großartige Störung im Energiebetrieb des Organismus

hervorrufen und alle Abwehrmittel in Bewegung setzen. Aber das Lustprinzip ist

dabei zunächst außer Kraft gesetzt. Die Überschwemmung des seelischen

Apparats mit großen Reizmengen ist nicht mehr hintanzuhalten; es ergibt sich

vielmehr eine andere Aufgabe, den Reiz zu bewältigen, die hereingebrochenen

Reizmengen psychisch zu binden, um sie dann der Erledigung zuzuführen.

 

Wahrscheinlich ist die spezifische Unlust des körperlichen Schmerzes der

Erfolg davon, daß der Reizschutz in beschränktem Umfange durchbrochen

wurde. Von dieser Stelle der Peripherie strömen dann dem seelischen

Zentralapparat kontinuierliche Erregungen zu, wie sie sonst nur aus dem Innern

des Apparates kommen konnten[10]. Und was können wir als die Reaktion des

Seelenlebens auf diesen Einbruch erwarten? Von allen Seiten her wird die

Besetzungsenergie aufgeboten, um in der Umgebung der Einbruchstelle entsprechend hohe Energiebesetzungen zu schaffen. Es wird eine großartige

»Gegenbesetzung« hergestellt, zu deren Gunsten alle anderen psychischen

Systeme verarmen, so daß eine ausgedehnte Lähmung oder Herabsetzung der

sonstigen psychischen Leistung erfolgt. Wir suchen aus solchen Beispielen zu

lernen, unsere metapsychologischen Vermutungen an solche Vorbilder

anzulehnen. Wir ziehen also aus diesem Verhalten den Schluß, daß ein selbst

hochbesetztes System imstande ist, neu hinzukommende strömende Energie

aufzunehmen, sie in ruhende Besetzung umzuwandeln, also sie psychisch zu

»binden«. Je höher die eigene ruhende Besetzung ist, desto größer wäre auch

ihre bindende Kraft; umgekehrt also, je niedriger seine Besetzung ist, desto

weniger wird das System für die Aufnahme zuströmender Energie befähigt sein,

desto gewaltsamer müssen dann die Folgen eines solchen Durchbruchs des

Reizschutzes sein. Man wird gegen diese Auffassung nicht mit Recht

einwenden, daß die Erhöhung der Besetzungen um die Einbruchsstelle sich weit

einfacher aus der direkten Fortleitung der ankommenden Erregungsmengen

erkläre. Wenn dem so wäre, so würde der seelische Apparat ja nur eine

Vermehrung seiner Energiebesetzungen erfahren, und der lähmende Charakter

des Schmerzes, die Verarmung aller anderen Systeme bliebe unaufgeklärt. Auch

die sehr heftigen Abfuhrwirkungen des Schmerzes stören unsere Erklärung

nicht, denn sie gehen reflektorisch vor sich, das heißt, sie erfolgen ohne

Vermittlung des seelischen Apparats. Die Unbestimmtheit all unserer

Erörterungen, die wir metapsychologische heißen, rührt natürlich daher, daß wir

nichts über die Natur des Erregungsvorganges in den Elementen der psychischen

Systeme wissen und uns zu keiner Annahme darüber berechtigt fühlen. So

operieren wir also stets mit einem großen X, welches wir in jede neue Formel

mit hinübernehmen. Daß dieser Vorgang sich mit quantitativ verschiedenen

Energien vollzieht, ist eine leicht zulässige Forderung, daß er auch mehr als eine

Qualität (z. B. in der Art einer Amplitude) hat, mag uns wahrscheinlich sein; als

neu haben wir die Aufstellung B r e u e r's in Betracht gezogen, daß es sich um

zweierlei Formen der Energieerfüllung handelt, so daß eine freiströmende, nach

Abfuhr drängende, und eine ruhende Besetzung der psychischen Systeme (oder

ihrer Elemente) zu unterscheiden ist. Vielleicht geben wir der Vermutung Raum,

daß die »Bindung« der in den seelischen Apparat einströmenden Energie in einer

Überführung aus dem frei strömenden in den ruhenden Zustand besteht.

 

Ich glaube, man darf den Versuch wagen, die gemeine traumatische Neurose

als die Folge eines ausgiebigen Durchbruchs des Reizschutzes aufzufassen.

Damit wäre die alte, naive Lehre vom Schock in ihre Rechte eingesetzt,

anscheinend im Gegensatz zu einer späteren und psychologisch anspruchsvolleren, welche nicht der mechanischen Gewalteinwirkung, sondern

dem Schreck und der Lebensbedrohung die ätiologische Bedeutung zuspricht.

Allein diese Gegensätze sind nicht unversöhnlich, und die psychoanalytische

Auffassung der traumatischen Neurose ist mit der rohesten Form der

Schocktheorie nicht identisch. Versetzt letztere das Wesen des Schocks in die

direkte Schädigung der molekularen Struktur, oder selbst der histologischen

Struktur der nervösen Elemente, so suchen wir dessen Wirkung aus der

Durchbrechung des Reizschutzes für das Seelenorgan und aus den daraus sich

ergebenden Aufgaben zu verstehen. Der Schreck behält seine Bedeutung auch

für uns. Seine Bedingung ist das Fehlen der Angstbereitschaft, welche die

Überbesetzung der den Reiz zunächst aufnehmenden Systeme einschließt.

Infolge dieser niedrigeren Besetzung sind die Systeme dann nicht gut imstande,

die ankommenden Erregungsmengen zu binden, die Folgen der Durchbrechung

des Reizschutzes stellen sich um so vieles leichter ein. Wir finden so, daß die

Angstbereitschaft mit der Überbesetzung der aufnehmenden Systeme die letzte

Linie des Reizschutzes darstellt. Für eine ganze Anzahl von Traumen mag der

Unterschied zwischen den unvorbereiteten und den durch Überbesetzung

vorbereiteten Systemen das für den Ausgang entscheidende Moment sein; von

einer gewissen Stärke des Traumas an wird er wohl nicht mehr ins Gewicht

fallen. Wenn die Träume der Unfallsneurotiker die Kranken so regelmäßig in die

Situation des Unfalles zurückführen, so dienen sie damit allerdings nicht der

Wunscherfüllung, deren halluzinatorische Herbeiführung ihnen unter der

Herrschaft des Lustprinzips zur Funktion geworden ist. Aber wir dürfen

annehmen, daß sie sich dadurch einer anderen Aufgabe zur Verfügung stellen,

deren Lösung vorangehen muß, ehe das Lustprinzip seine Herrschaft beginnen

kann. Diese Träume suchen die Reizbewältigung unter Angstentwicklung

nachzuholen, deren Unterlassung die Ursache der traumatischen Neurose

geworden ist. Sie geben uns so einen Ausblick auf eine Funktion des seelischen

Apparats, welche, ohne dem Lustprinzip zu widersprechen, doch unabhängig

von ihm ist und ursprünglicher scheint als die Absicht des Lustgewinns und der

Unlustvermeidung.

 

Hier wäre also die Stelle, zuerst eine Ausnahme von dem Satze, der Traum

ist eine Wunscherfüllung, zuzugestehen. Die Angstträume sind keine solche

Ausnahme, wie ich wiederholt und eingehend gezeigt habe, auch die

»Strafträume« nicht, denn diese setzen nur an die Stelle der verpönten

Wunscherfüllung die dafür gebührende Strafe, sind also die Wunscherfüllung

des auf den verworfenen Trieb reagierenden Schuldbewußtseins. Aber die

obenerwähnten Träume der Unfallsneurotiker lassen sich nicht mehr unter den Gesichtspunkt der Wunscherfüllung bringen, und ebensowenig die in den

Psychoanalysen vorfallenden Träume, die uns die Erinnerung der psychischen

Traumen der Kindheit wiederbringen. Sie gehorchen vielmehr dem

Wiederholungszwang, der in der Analyse allerdings durch den – nicht

unbewußten – Wunsch, das Vergessene und Verdrängte heraufzubeschwören,

unterstützt wird. So wäre also auch die Funktion des Traumes, Motive zur

Unterbrechung des Schlafes durch Wunscherfüllung der störenden Regungen zu

beseitigen, nicht seine ursprüngliche, er konnte sich ihrer erst bemächtigen,

nachdem das gesamte Seelenleben die Herrschaft des Lustprinzips angenommen

hatte. Gibt es ein »Jenseits des Lustprinzips«, so ist es folgerichtig, auch für die

wunscherfüllende Tendenz des Traumes eine Vorzeit zuzulassen. Damit wird

seiner späteren Funktion nicht widersprochen. Nun erhebt sich, wenn diese

Tendenz einmal durchbrochen ist, die weitere Frage: Sind solche Träume,

welche im Interesse der psychischen Bindung traumatischer Eindrücke dem

Wiederholungszwange folgen, nicht auch außerhalb der Analyse möglich? Dies

ist durchaus zu bejahen.

 

Von den »Kriegsneurosen«, soweit diese Bezeichnung mehr als die

Beziehung zur Veranlassung des Leidens bedeutet, habe ich an anderer Stelle

ausgeführt, daß sie sehr wohl traumatische Neurosen sein könnten, die durch

einen Ichkonflikt erleichtert worden sind[11]. Die auf Seite 8 erwähnte Tatsache,

daß eine gleichzeitige grobe Verletzung durch das Trauma die Chance für die

Entstehung einer Neurose verringert, ist nicht mehr unverständlich, wenn man

zweier von der psychoanalytischen Forschung betonten Verhältnisse gedenkt.

Erstens, daß mechanische Erschütterung als eine der Quellen der Sexualerregung

anerkannt werden muß (vgl. die Bemerkungen, »Die Wirkung des Schaukelns

und Eisenbahnfahrens« in »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie«, 4. Auflage,

1920), und zweitens, daß dem schmerzhaften und fieberhaften Kranksein

während seiner Dauer ein mächtiger Einfluß auf die Verteilung der Libido

zukommt. So würde also die mechanische Gewalt des Traumas das Quantum

Sexualerregung frei machen, welches infolge der mangelnden Angstvorbereitung

traumatisch wirkt, die gleichzeitige Körperverletzung würde aber durch die

Anspruchnahme einer narzißtischen Überbesetzung des leidenden Organs den

Überschuß an Erregung binden (s. »Zur Einführung des Narzißmus«, Kleine

Schriften zur Neurosenlehre, 4. Folge, 1918). Es ist auch bekannt, aber für die

Libidotheorie nicht genügend verwertet worden, daß so schwere Störungen in

der Libidoverteilung wie die einer Melancholie durch eine interkurrente

organische Erkrankung zeitweilig aufgehoben werden, ja daß sogar der Zustand

einer vollentwickelten Dementia praecox unter der nämlichen Bedingung einer vorübergehenden Rückbildung fähig ist.