Kean
Szene Drei
KEAN an der Tapetentür arbeitend: Sofort. Der Knopf springt ein, die Tapetentür auf, Kean zurück, zieht aus der Garderobentür ein Papier. Einen Augenblick. Ich kontrolliere. Mein Licht ist schlecht. Zu Helène: Sie nehmen mein Herz mit und meinen Stolz. Welches Glück, Ihr Hals, Ihre Kühnheit. In der Todesstunde werde ich es nicht vergessen. Sehn Sie, wie ich zittre. Ich habe noch nie gezittert.
PRINZ VON WALES: Außen ist alles hell. Lehnen Sie mich ab?
KEAN: Der Schlüssel, Monseigneur, das Aas von Schlüssel.
HELENE: Denken Sie an den Pakt. Jede Sekunde. Diesen Ring noch. Jede Sekunde, Kean. Ich darf mich nicht irren dieses Mal.
KEAN: Bleiben Sie im Theater.
HELENE schon innen im Gang: Dann sehen Sie mich das letzte mal mit dem Prinzen. Ertragen Sie es?
KEAN: Gerade. Mein Herz ist groß genug. Ich will es ertragen. Taumelnd, auf die Knie geworfen, als die Tapetentür zufällt, schwindelnd, dann auf, es klopft, gefaßt zur Tür, schließt auf. Eine Note von vierhundert Pfund. Diese Größe haben nur die Buchstaben im ABC von Monseigneurs Güte. Der Schlüssel. Öffnet. Wales und Koefeld treten ein.
SZENE DREI
PRINZ VON WALES: Der Graf will die Kulissen sehen. Im Diplomatischen kennt er das, erfahrungsweise. Was ist das?
KEAN Salomon und Friseur hinter ihnen hereinkommend: Souffleur und Friseur. Salomon übergibt dem Prinzen von Wales die Banknote mit meinem Dank. Prinz macht eine Bewegung. Trag sie an die Kasse. Monseigneur zahlt damit die Loge für das Benefiz der Kranken. Besichtigen Sie die Loge, Graf. Friseur führt Koefeld in den Nebenraum.
PRINZ VON WALES: Keine Portiere? Keine Falltreppe im Betrieb?
KEAN: Monseigneur, nehmen Sie Platz. Kennen Sie das Fell?
GRAF KOEFELD im sichtbaren Nebenraum zum Friseur: Heben Sie den Fächer auf, der mir fiel. Betrachtet ihn sorgfältig, steckt ihn ein, zurück. Meine Komplimente. Das ist ja gar nicht ungewöhnlich. Könnte Ankleideraum höherer Militärs sein. Charge ab Generalmajor. Komplimente. Auch Säbel. Heilo! Waffen auch. Bardala. Famos.
KEAN: Ich habe das Außergewöhnliche nie bei Menschen getroffen. Bei einem Bären einmal, eine zu lange Geschichte. Entschuldigen Sie mich zwei Minuten zum Frisieren. Es schellt irrsinnig. In den Nebenraum, wo er voll umgezogen wird, die Romeojacke erhält.
PRINZ VON WALES zu Koefeld: Enttäuscht? Daß keine Weiber da waren? Sehen Sie. Armer. Zu Kean hinter der Portiere. Haben Sie Ärger? Nervös? Ein Kummer? Ich sah Sie nie so eilig.
KEAN: Enttäuschungen, Monseigneur.
PRINZ VON WALES: Falsche Einstellungen, Kean. Erwarten Sie nichts, ist alles ein Geschenk. Erwarten Sie vieles, schlägt alles Ihnen auf das Dach. Undank die Regel. Dank die Ausnahme. Merken Sie sich Napoleons: le genre humain m’embête. Il me faut de la solitude. Damit erklimmen Sie jede Entzückung.
KEAN: Unschwer, bei Gott, von einem König gesagt.
PRINZ VON WALES: Erfahrungen, die hunderte von Jahren im Blut liegen, Freund. Wer stößt öfter auf die Erbärmlichkeit wie wir?
KEAN: Wem schadet sie weniger?
PRINZ VON WALES: Die Köpfe, manchmal, Guter, in meiner Familie. Weil wir das Renommeestück, den Menschen, kennen, ob wir ihn verachten oder uns für ihn interessieren, wissen wir um seine Dummheit und Feindlichkeit. Revolutionäre aus Neigung, sind wir, von der Nutzlosigkeit der Revolten überzeugt, Reaktionäre aus Weisheit. Wir erwarten gar nichts und haben vor den Barrikadejünglingen, die stets enttäuscht ihre verbrannten Finger in den Hades trugen, ungewöhnlich voraus, daß wir, als zurückhaltende Skeptiker, ihn zu lieben uns erlauben können auch in seiner tiefsten Erbärmlichkeit. Keine Voraussetzungen – und Sie umarmen die Weisheit ... Ah Biribi ... Romeo.
KEAN erscheint aus dem abgeteilten Raum, fast fertig: Lernen Sie mich diese Distanz der Gefühle. Ich lerne Sie die Leidenschaft, Monseigneur.
PRINZ VON WALES: Ich bedarf sie nicht. Ich habe mehr.
KEAN: Ein Geheimnis.
PRINZ VON WALES: Wie jede Macht, mein Freund, solang man sie nicht selbst erobert hat, atmet, ruhig besitzt.
REGISSEUR hereinstürzend: Ay ... a ... i ... Strafe, Strafe zahlen. Sieht Wales. Verzeihung. Untertänig. Respekt. Gehorsam. Ab.
GRAF KOEFELD: Darf ich die Loge meiner Frau suchen? Pünktlichkeit im Dienst und zu Frauen stets Prinzip.
PRINZ VON WALES: Ich folge. Ich weiß noch nicht, wo ich sitze. Welche Nummer? Drei. Ich danke. Vielleicht. Koefeld ab.
KEAN: Darf ich wagen zu sagen, es sei ein Geschenk, Sie in Koefelds Loge zu sehen.
PRINZ VON WALES: Nirgends anders?
KEAN: Nirgends anders.
PRINZ VON WALES: Aus Interesse? Soll ich Sie decken? Ein toller Wunsch. Sie lieben?
KEAN: Bin ich weise genug, dann Ihre Anwesenheit zu ertragen?
PRINZ VON WALES: Ihre Gründe.
KEAN: Mein Gefühl ...
PRINZ VON WALES: Genügt nicht. Deutlicher.
KEAN: Sie mißtrauen.
PRINZ VON WALES: Ich sehe nicht klar.
KEAN: Lassen Sie, ich bitte, beiseite, was Liebe heißt. Ein Irrsinniger könnte nur den größten womöglichen Gegner ersuchen, an seine Stelle zu treten. Kurz: ich adressiere.
PRINZ VON WALES: Ich bin kein Schauspieler.
KEAN: Es wäre ein Geschenk. Mein Sinn, daß Hohes sich ausgleicht, ist sehr bestimmt. Träte zur schönsten Frau der bedeutendste Mann, würden meine Spannungen und Verehrungen unmenschlich wachsen an solcher Harmonie, zu der ich mich wende. Ich spiele für Personen, nie für die Masse, Monseigneur.
PRINZ VON WALES: Ich habe Ihnen noch keinen Wunsch abgeschlagen.
KEAN: Ich werde noch nie so entflammt gespielt haben vor Monseigneur.
PRINZ VON WALES: Immerhin ... es ist schwer, mich in Erstaunen zu setzen. Im Hinausgehn.
KEAN: Da Sie nichts erwarten ...
PRINZ VON WALES: ... oder alles. Das ist gleich. Ab.
KEAN: Er wird es Helène sagen, daß ich ihn zu ihr gehetzt. Sie wird die Unerschütterlichkeit des Herzens nicht verkennen, das diese Qualen arrangiert, um sie als Zeichen für sie zu erdulden. Herz, sei stark genug, dies Training zu ertragen.
REGISSEUR kommt: Sind Sie in fünf Minuten nicht fertig, haben wir eine Oper. Aber im Publikum.
KEAN: Warfen Sie Monseigneur schon einmal hinaus? Sie Taschenmesser.
REGISSEUR zu Salomon: Bewach ihn. Treib ihn an. Schleif ihn hinüber. Deine Anstellung als Pfand. Ab.
KEAN: Lassen Sie die Ouverture anfangen. Ich spiele sechs Akte aus vier Stücken zum Benefiz. Ich habe zehn Wölfe im Herzen. Ich habe nie so gespielt. Friseur. Wird geschminkt. Klopfen an der Tapetentür. Salomon öffnet. Giza.
GIZA: Die Gräfin ... der Fächer?
KEAN: Vergessen? Welcher? Such ihn. Neben.
GIZA: Mit Türkisen und weißen Pfaufedern.
KEAN: Von Wales. Verdammt. Ist er da?
FRISEUR: Der Herr bei Monseigneur steckte ihn ein.
KEAN: Du sahst es. Ließest es. Sagtest nichts. Läßt mich bestehlen. Schaf, Hornisse, du Roß ... Salomon, nicht da? Salomon aus dem Nebenraum, kopfschüttelnd. Kean, nicht mehr schreiend, zu Giza, ruhig: Mein Kind, Sie flüstern in der Loge ins Ohr der Gräfin, ihr Gatte habe den Fächer. Sofort. Ohne Aufsehn. Und ruhig. Ich rechne, sagen Sie, mit der ganzen Klugheit der Gräfin. Giza durch die Wand ab.
KEAN fassungslos: Gewitter über meinem Haupt. Prasselt alles wie ein Taubenschlag herunter? Habe ich das gewollt? Verknallter Frühlingstag, mein Gott. Ganz verloren. Alles entzwei. Keine Rettung. Kein Ausweg, eins, zwei, drei, vier. Ich habe verloren. Ich kann schlafen gehn. Abtreten. Aus. Schnallt den Dolch ab. Ich spiele nicht.
FRISEUR: Die Augenbrauen noch schwarz.
KEAN: Trottel, Intrigant. Ich spiele nicht.
SALOMON: Das Benefiz.
KEAN: Weg.
SALOMON: Bob?
KEAN: Schlag Plakate an. Ich laufe Seil über Hydepark. Fünf Pfund der Platz. Ich werde Seiltänzer, charmanter Abgang. Fünf Pfund, ich garantiere den Absturz. Schelle.
FRISEUR: Die Ouverture hat begonnen.
REGISSEUR kommt: Kean. In die Kulisse. Avanti.
KEAN: Ich spiele nicht, Herr.
REGISSEUR: Ihr Vertrag.
KEAN: Gebrochen.
REGISSEUR: Angestelltenrat?
KEAN: Ich werde Seiltänzer.
REGISSEUR: Die Kasse abgeschlossen. Unmöglich mehr, zurückzuzahlen. Sie zünden das Theater an.
KEAN: Rösten Sie.
REGISSEUR: Ich befehle Ihnen, aufzutreten.
KEAN: Befehlen Sie Ihrem Bauch. Ich will nicht. Ich kann nicht. Herr, sehen Sie nicht: ich bin verrückt. Mein Herz ist explodiert. Ich bin schwer verwundet. Innerlich. Hundert Geschoßfetzen. Kann ich singen, wenn ich verrecke? Schlägt vor Erregung einen Tisch dem Regisseur vor die Beine. Bob erscheint.
BOB: Spiel, Junge, sonst schlag ich dir die Knochen entzwei. Regisseur feuert ihn mit Gesten an. Ich blas dich in die Luft. Stümper. Nicht einmal spielen kannst du. Solar plexus blow. Stößt ins Horn. Splendid. Narrenhaus.
KEAN: Halt das Maul, Bob. Hinaus, Zigeuner. Stramm gestanden. Ich kommandiere nun. Ich spiel nicht.
BOB: Respekt vergißt du. Heuschrecke. Quatsch. Boxen kannst du nicht. Seiltanz kannst du nicht. Niagarasprung ... schmonzes. Spielen willst du nicht. Knockout. Stümper. Auf die Knie. O ... u ... adet. Rabenaas, unfaires. Sollte dich erledigen mit savate, ins Parterre mit upper cut. Vatermörder. Spiel oder krepier. Splendid, sträubt sich. Krieg dich an den Ohren.
KEAN: Mein Lehrer ... guter Lehrer, Gott verzeih mir, hinaus, du Hund. Schmeißt ihn raus.
REGISSEUR: Ich gehe zur Bühne und zurück und zähle auf zwanzig. Vor der Tür. Kommen Sie nicht bei einundzwanzig, laß ich Sie auf die Bühne schleifen, Herr, und aufs Podium werfen in einem Sack.
KEAN: Gut. Schmeißt mich in die neue Karriere. Zirkus. Ketten bereit. Fesselsprenger über dem Seil – – – a me me gusta un harenque ... porque es muy dulce – – – Regisseur hinaus. Salomon mit ausgebreiteten Armen gegen die Tür. Du ... sperrst mich ein? Du auch ... spritzt gegen mich Gift? Wegen deiner Stellung? Bist du schon so zertreten? Schiebt mit dem Fuß nach ihm, Salomon heulend ihm zu Füßen.
SALOMON: Treten Sie mir den Bauch ein. Hab ich diese elende Position nicht nur wegen Ihnen behalten? Ich schütze Sie vor dem Schleifen.
KEAN: Steh auf! Fieberhaft. Alles verloren. Ich habe auf eine Karte alles gesetzt und rasch verloren. Der Fächer ist die falsche Karte, die man mir ins Spiel gemogelt. Wales muß den Fächer decken gegen Graf Koefeld. Wales renkt das Spiel wieder ein, das ich schon fast verlor. Vor fünf Minuten bestürmte ich ihn, weil ich mich oben dachte, im Übermut in die Loge der Gräfin zu gehen, nun sitzt er dort und muß mich decken. Die Leute haben andere Waffen wie wir. Man vermeidet dort den Angriff, man ist klüger wie wir, Salomon. Er wird sich zurückziehn, verschwinden, von Helène zurückeilen. Das Feld ist frei. Ich habe keinen sichtbaren, aber einen unsichtbaren Konkurrenten.
SALOMON: Was kann ein Gegner schaden, der kein Stichwort hat, aufzutreten?
KEAN: Daß ich ein Werkzeug des Wales bin, ein Perpendikel seiner Laune. Wenn er gut ist, überdacht von seiner Güte. Wenn er gemein ist, ein Tänzer auf dem Zufall. Immer geschenkt, dargeboten, geduldet. Gibt es eine Frau, die das erträgt? Gibt es einen Mann, der in dieser Rolle wirkt? Unerträglich. Unmöglich.
SALOMON: So werde ich den Prinzen aus der Welt schaffen, um einen guten Abgang aus ihr zu haben.
KEAN: Zu grob. Das schafft seinen Schatten nicht fort. Treue Trottelei, Salomon. Das verstehst du nicht.
SALOMON: Das scheint meine Schwäche.
KEAN: Ich kann ihn nur wieder mit Großmut überwinden. Solche Partien können nur auf dem höchsten Terrain gesiegt werden. Helène kennt die Niveauunterschiede genau, und man hat sie nur, wenn man deutlich sie erobert. Ich muß auf sie verzichten. Das ist die einzige Waffe, sie doch zu bekommen. Ich überlasse sie Wales als dem Größeren. Ich trete zurück, um ihn zu erhöhen. Ich muß mich auswetzen wie ein Geschwür und ihm freie Bahn lassen. So wird sie mich wieder holen. Du bist zu wenig Mann, um das zu begreifen. Hier wird mit großen Einsätzen der Kühnheit pointiert. Ich kann nicht kleinmütiger sein wie seine Großmut. Aber ich spiele um alles. Denn ich liebe sie mehr als ein Toller. Ich muß ruhig bleiben und lächeln. Nur so kriege ich sie.