Kean

Kasimir Edschmid · Kapitel 22 von 23

PDF-Seiten

Kean

Szene Vier

DAISY: Ich habe nichts Besonderes getan.

KEAN: Als du kamst und mir sagtest, an mir wärest du aufgerichtet und vertrauend auf die Wahrheit geworden, irrtest du. Das Umgekehrte hat das Recht. Nicht du an mir, sondern ich an dir, ich ward an soviel Hingabe erst sehend und gläubig.

DAISY: Willst du dieser Frau nicht die Tür öffnen, damit du nicht mehr die Unwahrheit zu sagen brauchst, wenn nach ihr gefragt wird?

KEAN: Glaubst du nicht, es sei edelmütiger, durch Lüge zu retten, statt mit der Wahrheit zu vernichten?

DAISY: Ich glaube, daß eine Lüge selbst in diesem Falle nicht zum Besten führen kann. Man lehrte uns im Kloster, daß wir nicht gezwungen seien, die Wahrheit zu sagen, daß wir aber nie lügen dürften.

KEAN: Ich werde dein Schüler sein. Man muß alles neu anfangen. Nimm die Führung. Ich habe zu viel geführt, um die Irrtümer nicht zu sehen. Der Rest war Einsamkeit. Ich folge dir, weil ich dich liebe. Öffnet die Tür, ruft: Leer ... das Zimmer ... das Fenster auf ...

DAISY läuft hin, hinein, zurück: Ahnte ich es? Tot? Meine Schuld. Meine Strafe, weil ich log, ich sei deine Geliebte. Bin ich verflucht? Ich bin doch verflucht.

KEAN: Durch das Fenster ... Faß dich. Sie ist entflohen.

DAISY: Und unten?

KEAN: Wer nicht geführt wird – die Themse.

DAISY: Meinen Weg. Sie hat dich mehr geliebt wie mich.

KEAN: Das weißt du nicht. Das ist unmöglich.

 

SZENE VIER

 

KONSTABLE erscheint, die Uhr in der Hand: Der Zeiger ist auf Sieben eingetroffen. Sieben-Groß. Das Ehrenwort ist fällig. Die Verhaftung ist gültig seit einer halben Stunde. Eine halbe Stunde später setzt der Transport ein. Marsch.

DAISY: Er ist frei.

KONSTABLE: Ich habe keine Benachrichtigung. Hier ist mein Blatt nur gültig, wenn kein anderes auf vorgeschriebenem Weg in meine Hand kommt. Nichts ist widerrufen. Amtlich. Folgen Sie.

KEAN: Sehen Sie nicht. Ein Mensch ist verschwunden. Ist in die Themse geraten. Sie sind verrückt. Helfen Sie.

KONSTABLE: Ich habe einmal einen Beschluß zu fassen gehabt in meinem Leben. Den habe ich heute entschieden. Eine halbe Stunde Transportaufschub. Respekt vor der Töterei um Sie herum. Respekt vor Serien. Aber glauben Sie, das hält meinen Beschluß auf? Widersetzen Sie sich nicht. Mein eines Auge weint, wenn ich Sie rauh anfasse, denn ich sah nie einen boxen so schön. Splendid.

DAISY: Hier ... das Papier.

SALOMON hereinspringend: Dann schlag ich dich zusammen. Vielleicht hat mir ein Mord gefehlt, um dieses Leben zu kapieren.

KONSTABLE: Ich kenne nur amtliche Papiere. An mich adressiert. Andres existiert nicht. Was das Boxen betrifft, Herr, bin ich nur unparteiisch. Time-keeper. Ich verhafte dich mit.

PRINZ VON WALES erscheint, spricht dauernd, unbeweglich, sehr laut: Hinaus, Konstable. Du auch. Salomon und Konstable verschwinden. Mein Fräulein Daisy Miller. Herr Kean. Er verbeugt sich. Sie, Herr, erwarten Strafe und Zorn. Meine Einsicht hat keinen Grund, Sie aus dem Gesetz zu reißen. Meine Freundschaft übergibt die Dinge einer milderen Prüfung. Sie gehen an einen Ort des Gebirgs oder ein Tal der Landschaft, wo in der freieren Luft der Natur sich Ihr Sinn erholt, bis Sie mein Wort zurückruft. Gehen Sie.

KEAN: Monseigneur, es ist ein grauenhaftes Geschick ereignet.

PRINZ VON WALES: Was kann Ihnen bekannt, mir unbekannt sein?

KEAN: Mäßigen Sie Ihre Milde. Halten Sie Ihren Großmut zurück, damit Sie ihn nicht zurückzurufen brauchen.

PRINZ VON WALES: Maßen Sie sich keine Korrekturen an. So stehen Sie nicht da, selbst wenn ich Sie auf den Boden des Vergessens heraufgestellt habe, daß Sie nörgeln dürfen an dem, was ich rede und was das Recht in meinen Entschlüssen ist.

KEAN: So werden Sie hören, daß die Dame, deren Namen ich laut nicht zu sagen wage, durch dieses Fenster verschwunden ist. Es führt in die Themse. Ich stehe hier in der Bitte und Erwartung, daß keine Strafe zu klein sei, auf mich zu fallen.

PRINZ VON WALES: Schwärmer.

KEAN: Verfügen Sie über mich. Ich bin zu sehr zerborsten, daß nur Strafe mich befriedigen kann.

PRINZ VON WALES: Sie lebt.

KEAN: Unmöglich.

PRINZ VON WALES: Sie fährt im Wagen eben durch die Stadt.

KEAN: Wie kann sie das?

PRINZ VON WALES: Durch mich. Durch meine Leute. Meinen Befehl. Durch meine Leiter, mein Boot, meine Voraussicht. Meine Hand war um sie, von Anfang an.

KEAN: Sie haben mich erlöst. Ich beuge mich. Ich habe sehr verloren. Ich erkenne Ihren Sieg an, neidlos. Es ist Zeit, daß wir zur Ruhe kommen, um den Anfang gut weiter zu führen. Zu Daisy: Denn ich habe ein Herz entdeckt.

PRINZ VON WALES fast herrisch: Schauen Sie mir in das Gesicht. Lassen Sie die Pupille nicht von meiner. Dann wissen Sie, Herr, daß Sie den bedeutenderen Sieg errungen haben. Daß Sie am Beginn einer größeren Weisheit stehen. Ich neige mich. Verlassen Sie die Stadt. Man wird Sie als einen anders Gewordenen zurückrufen. Entfernen Sie sich mit Eile aus dem Umkreis. Gehen Sie. Ich wünsche nicht, das Sie etwas hinzufügen.

 

Schluß des fünften Akts.