Kean

Kasimir Edschmid · Kapitel 4 von 23

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Kean

Akt Eins

 

Diele bei dem Grafen Koefeld. Kamin. Dreiflügliger Riesenspiegel. Der Hausintendant. Eine Kette Diener, beschäftigt.

 

SZENE EINS

 

BOTE tritt rasch ein, zu einem Diener: Helène Gräfin Koefeld? Diener weist mit dem Daumen zum nächsten, Bote zum nächsten: Helène Gräfin Koefeld? Diener weist mit dem Daumen ihn zum nächsten, Bote zum nächsten: Helène Gräfin Koefeld? Diener weist mit dem Daumen ihn zum nächsten, Bote zum nächsten, dem Hausintendanten: Helène Gräfin Koefeld?

HAUSINTENDANT: Hier.

BOTE: Ich muß sie sehen.

HAUSINTENDANT: Geben Sie mir den Auftrag.

BOTE: Der Auftrag ist privat.

HAUSINTENDANT: Daher in meine Hände.

HELENE eintretend: Wer ist das?

BOTE: Helène Gräfin Koefeld ...

HELENE: Was wollen Sie?

BOTE: Ein Paket.

HELENE: Wer sendet Sie?

BOTE: Der Prinz von Wales.

HELENE reißt das Paket auf, ein Fächer, sie schwenkt ihn, dreht um: Ah. Hinaus.

HAUSINTENDANT: Gehen Sie. Bote ab.

SALOMON durch die Tür, verdrückt: Ist mein Herr da? HAUSINTENDANT: Wo kommen Sie hierher?

SALOMON: Durch leere Zimmer.

HAUSINTENDANT: Wer bist du?

SALOMON: Souffleur.

HAUSINTENDANT: Warum hast du da einen Herrn?

SALOMON: Warum? Er tritt mich. Wie alle. Verachtet mich. Ich liebe ihn.

HAUSINTENDANT: Wer ist der Stachel, den du liebst?

SALOMON: Kean.

HAUSINTENDANT: Der Schauspieler. Hein?

SALOMON: Der bedeutendste Mann seiner Zeit, wenn er sich zu mäßigen verstände.

HAUSINTENDANT: Das könnte er, meinst du, in einem Haus lernen, wo eine Frau herrscht, die so ist wie unsere?

SALOMON: Ich suche ihn nur, irgendeine Frau verlangt nach ihm, das andere weiß ich nicht. Es kam mir nur in den Sinn, daß er krepieren wird oder sich festlegen. Die Zeit ist kritisch geworden. Ich kann es nicht mehr sehen, wie er mich mit sich in seine Launen reißt, Huren, Prinzessinnen, gut, zornig. Wo soll das hin? Denken Sie nicht, daß er mich nur tritt, er ist manchmal freundlich zu mir.

HAUSINTENDANT: Lauf davon.

SALOMON: Das kann ich nicht.

HAUSINTENDANT: Der Herr verkehrt nicht bei uns.

SALOMON: Hätten Sie gleich sagen können. Schicksal. Ich gehe. Warum suche ich ihn hier? Ab.

HELENE mit dem Fächer herein: Sind Spieltische aufgestellt?

HAUSINTENDANT: Zwei Whist, einer Bridge, drei Bac.

HELENE: Die Pagen am Gartentor in neuer Livree?

HAUSINTENDANT: Gelb und rot. Mit silbernen Schnüren.

HELENE: Die Küche?

HAUSINTENDANT: Schwitzt.

HELENE: Sind die Musikanten mit Strafe bedroht, wenn sie unpünktlich sind?

HAUSINTENDANT: Punkt neun marschieren sie durch den Salon.

HELENE klatscht in die Hände: Tee und Punsch dann ins Boudoir.

HAUSINTENDANT klatscht in die Hände, zu den andern: Tee und Punsch ins Boudoir. Diener ab.

HELENE: Sie verlassen mit keinem Schritt die Soirée. Fehlen Sie einmal auf meinen Fingerwink, schick ich Sie aufs Land zu Fasanen und Kälbern. Was sagen Sie?

HAUSINTENDANT: Ich würde eine schlechte Figur machen zwischen Geflügel und vorziehen, da ich Ihnen nicht mehr dienen kann, mich in die Kirschbäume zu henken.

HELENE: Chüt. Sieht ihn an, hebt mit der Fingerspitze sein Kinn, pfeift leis, jagt ihn mit einer Handbewegung hinaus.

DIENER: Die Gräfin Goswil.

HELENE: Rasch. Rasch. Zur Eintretenden: Amy, Süßes, welches Glück, vor der Soirée noch Ihre Anwesenheit allein zu haben.

AMY: Ihnen zu sagen, daß zwischen soviel Blond und Blau beim Rennen das Dunkel Ihrer Haare als Bestes fehlte.

HELENE: Unmöglich da, wo Ihre Taille bebte, Ihre Hände winkten.

AMY: Ich winkte. Mein Wettpferd fiel, ein Signal. Sie waren im Theater?

HELENE: In Drury-Lane.

AMY: Es spielte George?

HELENE: Kean.

AMY: Das Pferd, das stürzte, hatte einen grünen Jockey. Der Stall aus England. Der Name: Kean.

HELENE: Sie machen mich gespannt mit ihren Sprüngen, Liebe.

AMY: Ihr Kean fiel nicht vorm Start?

HELENE: Ausgezeichnet im Start.

AMY: Endlich Begeisterung.

HELENE: Endlich die Frage: Was bedeutet Ihr Lächeln?

AMY: Den Ausdruck aller Gesichter, wenn Ihr Name fällt.

HELENE: Sie reizen meine Neugier lange.

AMY: Aus Furcht, Sie zu verletzen.

HELENE plötzlich die Brust öffnend: Ich habe die unempfindlichste Haut, Liebe.

AMY: Aber Sie tragen sie zu empfindlich ins Theater.

HELENE: Kurz, um was handelt es sich?

AMY: Um Ihre Begeisterung.

HELENE: In Ihrer Sprache ein Mann. Welchen? Reden Sie nun. Offen gesprochen.

AMY: Der einzige, der in Betracht kommt.

HELENE: Präziser.

AMY: Nicht um George.

HELENE: Miserabler Anfang. Fügen Sie das Ende hinzu.

AMY: Ich trenne mich ungern von Übergängen.

HELENE: Schluß.

AMY: Kean.

HELENE: Welches Terrain! So tief! Es ist nicht Ihre Ansicht. Sie kennen mich. Man redet so. Gut. Wer?

AMY: Man sagt es nicht. Man lächelt.

HELENE: Gut. Wenn Sie mich heut frügen, an meiner Stelle, ob ich glaube, daß zwischen Kean und Ihnen etwas bestände ...

AMY: Ich begreife nur, was ich erlebe. Die Frage ist zwecklos. Ich habe kein Talent für philosophische Entzückungen.

HELENE: Gut. Sie weichen aus. So werden Sie ein Lächeln lernen, das Ihr früheres hinwegblitzt. Verdacht entwaffnet man nicht mit Beweis. Eher durch Geständnis. Ich liefre nur meinen Geschmack. Glauben Sie, eine Sekunde hätte vermocht, mich zu reizen, anzunehmen, daß das, was zwischen von Damen ausgehaltenen Equipagen und betrunkenen Matrosen hintaumelt, den Ruhm eines bedeutenden Schauspielers sich zugesellt, zur Erfüllung von Wünschen auch nur bedacht werden könne, die wahrlich anderes verlangen als solche Episoden? Mich ekelt. Ich rede frei.