Kean
Szene Vier
SALOMON: Das scheint mir der ungefährlichste Ausweg.
KEAN auf und ab gehend, man hört den Regisseur draußen zählen. Aber wird mein Herz größer sein wie mein Blut? Kann ich Wales nun in Helènes Loge sehen? Vor einer Viertelstunde ein Kitzel für den Sieger. Als Unterlegener ein Gelächter. Kann ich stolzer sein als Besiegter wie der Sieger, der sich nichts merken läßt? Werde ich es aushalten, mein Gott? Ich bin ohne Kraft, Salomon, und brauche ein kühnes Herz. Man lernt soviel in seiner Leidenschaft. Ich muß größer sein wie mein Schmerz. Kühner als mein Glaube. Ich muß es haben, Salomon ... woher? ... ich muß es haben, oder ich bin kaput. – – – Den Dolch, Salomon ... den Dolch ... Ich muß spielen.
SALOMON: Er spielt. Singt: Ach Gottsche, schenk mern Hambelmann, un e Kordel dezu, daß er zawwele kann.
REGISSEUR herein: Spielt. Fällt gleichzeitig erschöpft in die Knie.
SZENE VIER
Verdunkelung. Kean hinaus. Vorhang. Sofort Musik in die Verdunkelung. Kean sofort durch den Vorhang auf die Vorderbühne. Blitzschnell. Sofort auf der Vorderbühne Beginn der Romeoszene. Musik verklingt hinein.
JULIA:
Willst du schon gehn? Der Tag ist noch so fern.
Es war die Nachtigall und nicht die Lerche,
Die wilden Rufs dein banges Ohr durchsüßt.
Geliebter, glaub: es war die Nachtigall.
ROMEO:
Die Lerche wars, die Tagansagerin.
Nicht Nachtigall. Schon neidet uns ein Streif
des Osts der Wolken liebevollen Samt.
Die Nacht hat ihre Kerzen abgebrannt.
Der Tag hat sich schon auf den Berg getanzt.
Nur Gehen ist uns gut, Verzug ist Tod.
JULIA:
Glaub mir, dies Heil ist nicht das Tageslicht.
Fanal ist es, das dir die Sonne schenkt,
wenn du ins Helle jetzt die Nacht durchdringst.
Signal nach Mantua, wenn du zum Gang dich schickst.
Verweile du. Noch ist zu gehn nicht not.
ROMEO:
Laß sie mich packen. Tod ist mir bestimmt.
Ich bleibe gern, wenn du mich fassen willst.
Ich will, dies Dämmern ist noch nicht das Morgenaug.
Der Mond hat nur den großen Kreis bereist.
Die Lerche ist das nicht, aus deren Sang
der unsichtbare Himmel um uns reißt.
Ich bleibe nun. Das Gehn ist mir verhaßt.
Herbei, du Tod, wenn Julia dich liebt.
Ruhig, Herz. Das ist nicht Tag, noch flüstern wir uns zu.
JULIA:
Der Tag. Der Tag. Auf. Renne rasch von hier.
Es ist die Lerche, die so heiser droht.
Sie ists, die uns in falsche Wirbel flammt.
Man hat gesagt, die Lerche sei so süß.
O wie zerreißt uns diese unser Herz.
Sie hat der Kröte Blick in ihrem Aug.
Hätt sie den Sang mit diesem Tier getauscht,
da sie dein Herz von meinen Brüsten reißt!
Wie hat der Jagdruf dich zur Flucht erbleicht.
Geh jetzt, Geliebter, es wird rot und hell.
ROMEO:
Ich seh nur schwarz. Und dunkler Leid und Gram.
AMME kommt:
Die Mutter regt sich. Bald tritt sie herein.
Der Tag hebt an. Das Haus wird voll Geräusch.
JULIA:
Tag schwingt herein. Du Leben, breche aus ...
ROMEO:
Wenn deine Lippe noch auf meiner einmal knospt.
Umarmt Julia, läuft die Treppe der Vorderbühne herunter, stürzt mit einem Aufschrei zurück, an Julia vorbei, dicht an der Rampe.
Ist mir von Irrsinn so mein Herz zerschleißt,
das zuckt und brüllt, daß ich in Fremdem wühl?
Ich Komödiant, ich Kean, Hanswurst, Idiot, Kamel
geht ehr durch Nadelöhrn als ich durch dieses Spiel.
Halunken, Publikum. Clowns, weh, ein Heringsbauch,
schlägt höhnend eure Fratzen jetzt mein Schmerz.
Wo nehm den Mut ich her, jetzt groß zu sein,
wo ich wie eine Kröte hier mich wind
und dort die Größe lächelnd auf mir bäumt?
Für dieses Spiel bin ich zu sehr zerspellt,
Hanswurst ich, Kean, nicht Romeo. Hanswurst.
Wär ich jetzt groß, wie Feuer trieb dies Spiel.
O Gott, mach jetzt mein Herz voll Einsamkeit,
daß ich es trag und alles Gute sag.
Hilf mir. Umsonst flamm ich nicht wie ein Wurm.
Schon quillt mir Gift auf meines Herzens Schlag.
Schon würgt mein Haß der Zunge guten Laut.
Es frißt die Leidenschaft das Gute aus dem Herz.
Erbärmlich ich. Hanswurst. Mein Kean, du Frosch.
Is a long way to Tipperary – – flattert mirs so auf?
Is a long way to go. Ich hin von Haß entstellt.
Halb verkrampft, tanzend, torkelnd, jetzt voll an die Rampe. Zu der nun mitten im Rang erleuchteten Loge Helènes, Koefelds, des Prinzen von Wales gerichtet.
Ich klag den Prinzen Wales des Irrsinns an,
weil er Geheimnis hat, das in den Staub mich schmeißt.
Erträgt ein Mensch so ruhigen Übermut?
Schlägt Schicksal mir stets Größe ins Gesicht,
die mich erniedert ... Aus der Lüge dieses Spiels
pflück ich Sekunden. Hier ist mein Triumph.
Hier rede ich. In die Manege, Monseigneur,
hier auf die Knie. Tanzt vor den Affen nackt
den Foxtrott Ihrer Laster. Guillotine Marsch.
Zu meinem Fuß. Mein Herz lacht wie ein Wolf.
Die Haselrutensehnsucht Ihrer Schenkel ist nicht schwach.
Gekuscht im Winkel. Ab Monokel. Glasaug hol die Pest.
Entschleiert das Geheimnis. Sansculotte. Größe keine Spur.
Sagespäne, Glas statt Hoheit, werft die Puppe in
die Eimer der Verachtung ohne Schmerz.
LORD MEVIL in einer Loge, mitten im Publikum, der anderen Seite, erleuchtet: Die Hundepeitsche ins Gesicht dem Schuft.
KEAN: Ach, Mevil – Bursche, Wechselfälscher, Mäuschenjäger, Gladiator deiner Frechheit. Her den Stock.
LORD MEVIL: Verhaftet diesen Hund. Konstable. Ketten. Stellt vor den Prinz euch. Vor die Krone. Schießt. Knallt nach der Bühne.
KEAN:
Schieß weiter, Fälscher. Abgeprallt die Tücke,
kreid ich dich an die Ewigkeit, du Hure
der Rechtsprechung im Parlament. Ich schlag
den Leib mit Prügeln feist dir wie ein Frosch.
Nur Monseigneur kann mehr geschwollen sein
als du. Kean. Ich Hanswurst. Sacré. Mein Puls. Mein Herz.
Hinter ihm Menschen. Toller Foxtrott. Man beschwört ihn. Salomon kommt aus dem Souffleurkasten. Aus der Intendantenloge klettern Entsetzte auf die Bühne. Der Regisseur stürzt herbei. Kean faßt ihn, tanzt den Foxtrott des Orchesters mit ihm, irrsinnig.
Wales am Hund, das Herz in Quasten,
Kean kaputt, Wales liquidiert ... Fällt zusammen.
Der Regisseur geht langsam bis an die Rampe, schneidet mit dem erhobenen Arm haarscharf den Foxtrott ab.
REGISSEUR: Der Wahnsinn ist über Kean ausgebrochen. Die Billette zurück. Ich schließe. Verzeihung.
Ein Schrei aus der Loge der Wales und Koefeld.
REGISSEUR: Arbeiter. Chor. Die Bahre. Arzt. Den Arzt. Bob hinkt herbei, stößt zweimal ins Horn.
BOB:
Ich hab dich mehr geliebt. Dreiviertelsmann.
Du Stümper. Vielgeschrei. Du warfst mich auf,
da schlug dich Undank lahm. Angriff blieb schlecht.
In Großmut Dilettant. Stop. Hier der Rest: knockout.
Schluß des vierten Akts.