Kean

Kasimir Edschmid · Kapitel 8 von 23

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Kean

Szene Zwei

SALOMON: Nein.

BARDOLPH: Warum?

SALOMON: Kean läßt sich den Magen auspumpen. Er schwor, dich totzusaufen, damit du ihm nicht gefährlich wirst.

BARDOLPH: Dann ists im Sinne der Menschheit, wenn ich meine Stimme erhalte. Gehe ich, bin ich der Sieger. Bleibe ich, spielt mir das Schicksal einen Streich. Seien wir klug, Bardolph.

SALOMON: Wenn dich der Sieg Aug in Aug nicht reizt. Mit diesem Brustkasten, solchen Muskeln.

BARDOLPH: Roheit. Ich will in einer höheren Arena nunmehr meine Nüsse knacken.

SALOMON: Halleluja. David wartet. Mann, vergiß dein Fell nicht, deine Stimme könnte drin stecken.

BARDOLPH: Roheit. Stelzt mit Ringerpose ab. Jüngling ihn verhöhnend hinterher.

 

SZENE ZWEI

 

KEAN in fabelbaftem Bademantel: Meinen Kragen, mein Frühstück. Ist Rotwein da? Wo sind die anderen?

SALOMON: Sie haben sich eilig verabschiedet.

KEAN: Du läßt meine Gäste laufen, schaß dich in deinen Souffleurkasten. Man läßt meine Gäste nicht ohne Frühstück laufen. Ist Rotwein da?

SALOMON: Jamaika-Rum.

KEAN: Pest. Schreiend. Was ist das für einer?

SALOMON: Ich drehe die Dusche im Badezimmer ab. Ab.

KEAN: Was bist du für einer?

JÜNGLING: Artist.

KEAN: Welches Engagement verschafft mir die ... Zufälligkeit?

JÜNGLING: Auf dem Seil, auf den Händen. Die Truppe Bob erinnert sich an Kean.

KEAN: Sapristi. Du bist ein Neuling. Ich kenne dich nicht. Welche Zeit ist es? Mach die Läden auf. Ganz hell. Beweis dein Handwerk. Jüngling schlägt ein Rad. Was willst du?

JÜNGLING: Soll ich über den Fenstergurt laufen?

KEAN: Wie geht es Bob?

JÜNGLING: Seine Frau legte ihm das dreizehnte Ei, rötlich, gesund, mit O-Füßen, es wird Clown. Den Mittag wird es getauft. Bob verplatzt an seiner Trompete vor Wonne. Sein Herz ist zerbrochen, seit Kean ihn verließ.

KEAN: Well?

JÜNGLING: Macht den Niagarasprung mit drei Säbeln.

KEAN: Riny?

JÜNGLING: Damned. Die schwarze Maus liegt in allen Betten. Verdorren soll ich.

KEAN reißt ihm die blonde Perücke ab: Ich war der erste, der dich hatte. Ich habe dich sofort erkannt, Riny. Setz dich her. Küß mich.

RINY: Warum machst du ein zorniges Gesicht?

KEAN: Weil, wenn ich dich sehe, ich mein Leben leid werde.

RINY: Du kannst mich schlagen.

KEAN: Du verstehst mich nicht. Die Strecke, seit du das erstemal bei mir lagst, bis heut ist zu lang für dein Hirn. Hör, hast du mich spielen sehen, hast du gedacht, daß es eine Sache sei, mein Spiel, meine Rolle, meine Stimme, wie ich gehe, wie die Leute schreien, klatschen?

RINY: Ich habe es gedacht.

KEAN: Hast du gesehen, mit wem ich im Wagen fuhr – seid Ihr so lang schon hier –, wie ich angezogen bin, wie ich esse, lebe, wohne? Hast du gedacht, daß ich zufrieden, glücklich sei, daß meine Position, Geld, Ansehn Dinge sind, in denen sich leben läßt?

RINY: Ich habe es gedacht.

KEAN: Dann hast du einen idiotischen Unsinn zusammengedacht. Dies Leben ist zum Kotzen elend. Ich tauschte sofort mit dir. Iß Austern, ich aus dem Sack. Gute Zeit war, als wir auf dem Planwagen von London nach Essex zogen.

RINY: Ich habe eine Frage.

KEAN: Was willst du? Was will man, wenn man zu mir kommt? Karriere. Empfehlung. Verkuppelung. Dummes Tier. Du weißt nicht, wie gut es dir ging. Pfui Teufel!

RINY: Meine Mutter muß vor der Geburt meinen Verstand mit dem Stock versohlt haben. Ich verstehe dich nicht.

KEAN: Das gefällt mir. Besser in Lappen Berge sehn wie als Hure schlemmen. Ich beneide dich um den Himmel voll Freiheit. Wiesen, Dörfer, Flüsse, – habe ich das nicht einmal gesehen? Man zündet Feuer an, wann man will. Man zieht in kleine Städte mit Trompeten, nachts still hinaus. Rechts oder links fahren ... wie man will. Ich habe meine Jugend gelebt. Verdammt, es war schön. Könnte ich das noch einmal durchmachen, ich platzte. Das sind so Träume. Was willst du eigentlich?

RINY: Ich wollte nachsehn, ob du nicht so verrückt geworden seist, daß du den Mittag an der Taufe von Bobs dreizehntem Ei mitmachen könntest.

KEAN: Warte! Eine Sekunde. Wenn ich von Tom einen Anzug liehe und einen Wagen kaufte, würden die Mäuse, der Regen, die Kälte, die ja nicht so arg sind wie Neid und Gemeinheit und Lügerei, dich anziehn oder abstoßen? Vielleicht kommt mir einmal der Plan. Was weiß man von seinen Plänen?

RINY: Ich ziehe es dann vor, Kean auf seinen Landkonzerten zu begleiten.

KEAN: Süßer Affe. Küß mich. Ich sag dirs, wenns mir so ist. Bob grüßt du, den Mittag komm ich zur Taufe. Hast du Geld? Wo feiert ihr?

RINY: Bei Patt. Ich marschiere. Dein Diener sagt, du erwartest eine Frau. Ich lasse Patt herrichten.

KEAN: Der Teufel soll den kneifen, der lügt, ich erwarte eine Frau. Vergiß das Geld nicht. Geh jetzt. Vergiß das andere nicht.

RINY: Du könntest sagen ebensogut, ich solle meinen Kopf nicht vergessen. Ab.

KEAN: Salomon! Erscheint. Wer wird erwartet?

SALOMON: Kann ich erwarten, besser zu wissen wie Sie, welche Erwartungen Sie haben?

KEAN: Du hast dem Seiltänzer von einer Frau gesprochen, die ich erwarte. SALOMON: Ich habe erwartet, daß er eine Frau sei, deshalb habe ich vielleicht die Erwartung einer Frau ausgesprochen.