Kean

Kasimir Edschmid · Kapitel 5 von 23

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Kean

Szene Zwei

AMY: Ich bin Ihre Freundin. Ich werde es Ihren Freunden sagen.

HELENE: Gut. Aber ... Süßes ... Sagen Sie es nicht Devonshire.

AMY: Sie erschrecken mich.

HELENE: Er ist ein Geschichtenerzähler.

AMY: Sie peinigen mich.

HELENE: Ein galanter Junge. Kavalier. Fit. Sportiv.

AMY: Erlösen Sie mich.

HELENE: Ein Nacken wie ein Mädchen. Schöne Hände, meine Süße.

AMY: Sie nehmen eine furchtbare Revanche, mich zu quälen.

HELENE: Ein Ring daran mit Onyx und Brillanten. Ich erinnere mich statt dem Onyx Aquamarin gesehen zu haben. Damals trug ihn Ihr Gatte. Zwei Ösen ausgebrochen, schlecht verbessert. Nehmen Sie einen besseren Juwelier, Gräfin. Der Ring ist sonst indiskreter wie sein Besitzer.

AMY: Ihre Grausamkeit ...

HELENE: Wiegt Ihr Lächeln auf, Süße. Erzählen Sie Devonshire nicht meine Geschichte, er könnte sie ins Gegenteil verkehren wie die Ihren.

HAUSINTENDANT mit Stock meldend: Graf Koefeld.

AMY: Ich bin vernichtet. Ich kann niemand sehen. Läuft in den Nebenraum.

 

SZENE ZWEI

 

GRAF KOEFELD verbeugt sich: Meine Gattin. Es floh jemand. Ein Mann. Stürmisch hinter Amy her, bringt sie zurück. Halali. Eine Frau. Gräfin Goswil. Verzeihung. Sich fassend: Den ersten Zivilminister Europas würde ich versetzen, um Ihnen die Hand zu küssen. Zum Sekretär hinter ihm: Diese Telegramme. In Codeschrift. Stafetten einlegen. Ein eignes Schiff nehmen. Als Kurier fährt Graf Schlitz. Für wichtige Sachen nur ehemalige Offiziere der Botschaft. Depeschen Seiner Majestät in Uniform zu übergeben ... Darf ich mich setzen? Charmant Ihr Aussehn, Gräfin.

AMY: Wer tadelte meinen Puder gestern? Ihre Komplimente bluffen wie jede Uniform.

GRAF KOEFELD: Ungalant, Gräfin. Verleumdung. Großer Sänger Ihres Ruhms. Beschwöre Sie, den Rock des Königs aus dem Spiel zu lassen. Ansonsten für Frivoles weitgeöffnetes Herz. Rock des Königs Privileg. Zum Necken zu heilig. Sanktuarium. Auch schönstem Mund. Aufspringend: Meine Gattin ... Welch ein Fächer?

HELENE: Ein Geschenk.

GRAF KOEFELD: Wer schenkt Fächer? Frauen? Nein. Ein Mann!

HELENE: Der Prinz von Wales.

GRAF KOEFELD stramm: Auszeichnung. Welche Gnade. Hohe Ehre. Herrlich. Monseigneur wird überdies überrascht sein. Eine neue Surprise: Ich lasse Tontauben schießen. Spezialvergnügen Monseigneurs. Versuche, ihm sekündlich das Leben mit Lieblingsbissen zu garnieren. Stößt ein Fenster auf, zielt mit einer an der Galerie dem Büchsenschrank entnommenen Büchse im Hintergrund: Peng ... halo ... vorbei ... Ihr Gatte, Gräfin ...

HELENE: Wird nicht erwartet.

AMY: Er bemüht sich, Lord Mevil mit irgendwem zu verheiraten.

GRAF KOEFELD: Verdammte, Mesalliance. Pardon, Gräfin. Ich sagte ab. Habe siebzehn souveräne Ehebetten in Europa gerüstet. Skandal, daß Mevil mich einzuladen sich erdreistet. Mich. Dieser Zertrümmerer feudalen Ansehns.

AMY: Ihr Name?

GRAF KOEFELD: Undurchdringlich. Wer heißt nicht so? Alle Welt: Daisy Miller.

AMY: Eine halbe Million Pfund.

GRAF KOEFELD: Unverzeihlich. Sabotage des Bluts. Demokratisierung der Gesellschaft. Die Phalanx der Jahrhunderte wird ruiniert.

HELENE: Daisy Miller. Jenes Mädchen, dessen Dauerhaftigkeit uns erstaunte, vis-à-vis unserer Loge, im Theater.

GRAF KOEFELD: Sie hätte unsere Standhaftigkeit mit größerem Recht bewundern können. Das Amt telephoniert ab neun nur noch nach Drury-Lane. Im Theaterportal Attachés. Im Foyer Sekretäre. In der Loge die Post.

HELENE: Ich bat Sie nie um Ihre Begleitung. Von heute ab erübrigt es sich, davon zu reden. Ich besuche das Theater nicht mehr.

GRAF KOEFELD: Neues Arrangement schon vorbereitet. Es kommt dann zu Ihnen. Die Dekoration nur ist ausgewechselt. Kean ist zur Soirée geladen.

HELENE: Kean?

GRAF KOEFELD: Kean. Ich verstehe. Sie zucken zusammen: ein Komödiant. Ich finde es abscheulich. Allein: Wunsch des Prinzen von Wales. Kann ich es abschlagen? Unmöglich. Immerhin Wunsch des zukünftigen Königs. Ich lud sofort.

HELENE: Ich empfange die bitterste Beleidigung, der ich seit meiner Verheiratung ausgesetzt war. Ich empfange sie von meinem Gatten.

GRAF KOEFELD: Ihr Gatte ist Ihr tapferster Verteidiger. Jede Stunde. Unbedingt zu rechnen. Ich stehe wie Thron und Altar.

HELENE: Sie empfanden nicht einmal das Bedürfnis, mich zu befragen. Ihren Salon repräsentiere ich, nicht Sie.

GRAF KOEFELD: Fürstlicher Wunsch ist Befehl. Auszuführen oder sterben. Karriere oder Lump. Selbst die Marseillaise wird in diesem Sinn God save the king.

HELENE: Ein Affront.

GRAF KOEFELD: Keine Zeremonie. Ich engagiere ohne gesellschaftliche Verpflichtung. Sie geben ihm Essen, Zigarren, Wein. Ich Geld. Der Bursche tanzt und zitiert. Wen soll der Kerl genieren, hält Monseigneur ihn als Affen.

HELENE: Die Gräfin Koefeld empfinge den Künstler. Dem Takt ihres Gatten aber bringt sie Erwartungen entgegen, die nicht ahnen, daß er sie zwänge, vor einem Wüstling sich wie ein Themsemädchen zu fühlen.

GRAF KOEFELD der einen Brief bekommt und öffnet: Beruhigen Sie sich. Neue Zeit. Fortschritt der Zertrümmerung: Kean ist durch Unaufschiebbares gehindert, seine Aufwartung zu machen. Infame Beleidigung. Er sagt ab.

HELENE: Die Verhinderung ist taktvoller als die Einladung.

GRAF KOEFELD: Takt? Ausgeschlossen. Ich bin auf Zwischen-den-Zeilen-Lesen dressiert. Schon mit sechzehn schrieb ich über Forellen und meinte eine Bar. Als Louis Bourbon den Sessel statt den Fuß einer Prinzessin unterm Tisch mit der Zehe dauernd streichelte, signalisierte ich Unheil. Er nahm sie nicht. Mein Minister, mir ungläubig, optimistisch, flog in die Luft.

HAUSINTENDANT mit einem Stock meldend: Monseigneur, der Prinz von Wales.

PRINZ VON WALES: Ich komme lachend, Gräfin. Verzeihung.

HELENE: Sie würden sie erhalten, wenn Sie weinten.

AMY: Sie erhalten sie nicht, wenn Sie nicht sofort erzählen.

PRINZ VON WALES: Skandal.

GRAF KOEFELD: In der Gesellschaft. Schmerzlich. Ich grimassiere statt zu lachen ... untertänigst mit Erlaubnis.

PRINZ VON WALES: Es gibt nichts Amusanteres.

GRAF KOEFELD: Die Zeit ist angefressen. Revolten zittern unter unseren Füßen. Wir müssen Eisengesichter haben. Nieder die Kanaille ... Pardon.

PRINZ VON WALES: Die Weisheit ist nicht eingestellt auf das Knochenzerschlagen, sondern sie lächelt, da sie nicht gewohnt ist, die Dinge zu ernst zu nehmen. Man verdirbt sie dadurch.

GRAF KOEFELD: Skandale haben mitten in die Revolte hineingeführt. Allons enfants ... lieber Mitrailleusen ... mit devoter Genehmigung gesagt.

PRINZ VON WALES: Im Gegenteil. Der sogenannte Volksgroll geht in kleinen Vapeurs in den Azur. Gewitterbildung unmöglich.

AMY: Der Skandal?

GRAF KOEFELD: Säbel. Patronentasche. Panier hoch. Damit fürchten wir letzten Endes selbst Wotan nicht. Versohlen die Fläbsche. Versohlen gehorsamst.

AMY: Der Skandal?

PRINZ VON WALES: Alte Schule, Koefeld. Ihr Weltgefühl ist korsettiert. Demokratisch ist für Sie ein Purgier. Mir heitres Brausepulver. Beschäftigen Sie sich branchekundiger. Stiften Sie Ehen.

AMY: Aber: der Skandal?

GRAF KOEFELD stramm: Untertänigst, gehorsamst ... der Skandal?

AMY: Ich sterbe vor Ungeduld.

PRINZ VON WALES: Lord Mevil ...

AMY: ... der heute heiratet ...

PRINZ VON WALES: Lord Mevil, der heute heiratet, fand die Braut entführt. Sein Riesenaufwand ist verpufft. Sein Goldvogel hat sich verflogen. Ein Klügerer als dieser schöne Satan Mevil hat ihm das Haus ausgeraubt zehn Minuten, eh er es betrat. Mevil ist nun bankrott.

HELENE: Und wer ...?

AMY: Wer?

PRINZ VON WALES: Der schönste Name Englands.

AMY: Das wäre Monseigneur.

PRINZ VON WALES: Ich mische mich nicht in die Bourgeoisie.

GRAF KOEFELD: Horrä. Horrä. Horrä.

PRINZ VON WALES: Man könnte mich dort abweisen. Man hat auch da Stolz. Höher.

AMY: Der König.

PRINZ VON WALES verneigt sich in den Spiegel, spielt mit der Drehung, hustet. Koefeld macht Zeichen.

GRAF KOEFELD näher kommend: Monseigneur.

HELENE mißverstehend: Unmöglich.

PRINZ VON WALES lächelnd: Noch illustrer.

HELENE: Wie kann das sein?

PRINZ VON WALES: Herrlicher. Voll Ruhm. Voll Auszeichnung. Angebetet. Von frischem Erfolg sekündlich umgeben.

HELENE: Ich kenne niemand. Nennen Sie ihn.

PRINZ VON WALES: Kean.

HELENE: Das ist unmöglich ...

PRINZ VON WALES: Woher wissen Sie das?

HELENE: ... daß Sie sich in Vergleiche begeben, die Beleidigungen für Sie sind.

GRAF KOEFELD: Gnade Gott, daß der Kerl absagte. Rechts um Marsch. Das Ganze Halt.