Königliche Hoheit
Vorspiel
Königliche Hoheit
Roman
MIT EINER VORREDE
VON
HANNS MARTIN ELSTER
Deutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
Berlin
Mit Genehmigung von S. Fischer Verlag, Berlin
Copyright 1909 by S. Fischer Verlag, Berlin
Alle Rechte vorbehalten
Vorspiel
Es ist auf der Albrechtsstraße, jener Verkehrsader der Residenz, die den
Albrechtsplatz und das Alte Schloß mit der Kaserne der Gardefüsiliere verbindet
– um Mittag, wochentags, zu einer gleichgültigen Jahreszeit. Das Wetter ist
mäßig gut, indifferent. Es regnet nicht, aber der Himmel ist auch nicht klar; er ist
gleichmäßig weißgrau, gewöhnlich, unfestlich, und die Straße liegt in einer
stumpfen und nüchternen Beleuchtung, die alles Geheimnisvolle, jede
Absonderlichkeit der Stimmung ausschließt. Es herrscht ein Verkehr von
mittlerer Regsamkeit, ohne viel Lärm und Gedränge, entsprechend dem nicht
sehr geschäftigen Charakter der Stadt. Trambahnwagen gleiten dahin, ein paar
Droschken rollen vorbei, auf den Bürgersteigen bewegt sich Einwohnerschaft,
farbloses Volk, Passanten, Publikum, Leute. – Zwei Offiziere, die Hände in den
Schrägtaschen ihrer grauen Paletots, kommen einander entgegen: ein General
und ein Leutnant. Der General nähert sich von der Schloß-, der Leutnant von der
Kasernenseite her. Der Leutnant ist blutjung, ein Milchbart, ein halbes Kind. Er
hat schmale Schultern, dunkles Haar und so breite Wangenknochen, wie viele
Leute hierzulande sie haben, blaue, ein wenig müde blickende Augen und ein
Knabengesicht von freundlich verschlossenem Ausdruck. Der General ist
schlohweiß, hoch und breit gepolstert, eine überaus gebietende Erscheinung.
Seine Augenbrauen sind wie aus Watte, und sein Schnurrbart überbuscht sowohl
Mund als Kinn. Er geht mit langsamer Wucht, sein Säbel klirrt auf dem Asphalt,
sein Federbusch flattert im Winde, und langsam schwappt bei jedem Schritte der
große rote Brustaufschlag seines Mantels auf und nieder. So kommen sie
aufeinander zu. – Kann dies zu Verwickelungen führen? Unmöglich. Jedem
Beobachter steht der naturgemäße Verlauf dieses Zusammentreffens klar vor
Augen. Hier ist das Verhältnis von alt und jung, von Befehl und Gehorsam, von
betagtem Verdienst und zartem Anfängertum, hier ist ein gewaltiger
hierarchischer Abstand, hier gibt es Vorschriften. Natürliche Ordnung, nimm
deinen Lauf! – Und was, statt dessen, geschieht? Statt dessen vollzieht sich das
folgende, überraschende, peinliche, entzückende und verkehrte Schauspiel. Der General, des jungen Leutnants ansichtig werdend, verändert auf seltsame Art
seine Haltung. Er nimmt sich zusammen und wird doch gleichsam kleiner. Er
dämpft sozusagen mit einem Ruck den Prunk seines Auftretens, er tut dem Lärm
seines Säbels Einhalt, und während sein Gesicht einen bärbeißigen und
verlegenen Ausdruck annimmt, ist er ersichtlich nicht einig mit sich, wohin er
blicken soll, was er so zu verbergen sucht, daß er unter seinen Wattebrauen
hinweg schräg vor sich hin auf den Asphalt starrt. Auch der junge Leutnant
verrät, genau beobachtet, eine leichte Befangenheit, die aber seltsamerweise bei
ihm in höherem Grade als bei dem greisen Befehlshaber von einer gewissen
Grazie und Disziplin bemeistert scheint. Die Spannung seines Mundes wird zu
einem Lächeln von zugleich bescheidener und gütiger Art, und seine Augen
blicken vorläufig mit einer stillen und beherrschten Ruhe, die den Anschein der
Mühelosigkeit hat, an dem General vorbei und ins Weite. Nun sind sie auf drei
Schritt aneinander. Und statt die vorschriftsmäßige Ehrenbezeugung
auszuführen, legt der blutjunge Leutnant ein wenig den Kopf zurück, zieht
gleichzeitig seine rechte Hand – nur die rechte, das ist auffallend – aus der
Manteltasche und beschreibt mit eben dieser weißbehandschuhten Rechten eine
kleine ermunternde und verbindliche Bewegung, nicht stärker, als daß er, die
Handfläche nach oben, die Finger öffnet; aber der General, der dieses Zeichen
mit hängenden Armen erwartet hat, fährt an den Helm, biegt aus, gibt in halber
Verbeugung sozusagen den Bürgersteig frei und grüßt den Leutnant von unten
herauf aus rotem Gesicht mit frommen und wässerigen Augen. Da erwidert der
Leutnant, die Hand an der Mütze, das Honneur seines Vorgesetzten, erwidert es,
indem eine kindliche Freundlichkeit sein ganzes Gesicht bewegt, erwidert es –
und geht weiter.
Ein Wunder! Ein phantastischer Auftritt! Er geht weiter. Man sieht ihn an,
aber er sieht niemanden an, er sieht zwischen den Leuten hindurch geradeaus,
ein wenig mit dem Blick einer Dame, die sich beobachtet weiß. Man grüßt ihn,
dann grüßt er zurück, fast herzlich und dennoch aus einer Ferne. Wie es scheint,
so geht er nicht gut; es ist, als sei er des Gebrauches seiner Beine nicht sehr
gewohnt oder als behindere ihn die allgemeine Aufmerksamkeit, so
ungleichmäßig und zögernd ist sein Schritt, ja, bisweilen scheint er zu hinken.
Ein Schutzmann macht Front, eine elegante Frau, aus einem Laden tretend, sinkt
lächelnd ins Knie. Man blickt nach ihm um, man weist mit dem Kopfe nach ihm,
man zieht die Brauen empor und nennt gedämpft seinen Namen …
Es ist Klaus Heinrich, der jüngere Bruder Albrechts II. und nächster Agnat am
Throne. Dort geht er, man kann ihn noch sehen. Gekannt und doch fremd bewegt
er sich unter den Leuten, geht im Gemenge und gleichsam doch von einer Leere
umgeben, geht einsam dahin und trägt auf seinen schmalen Schultern die Last seiner Hoheit.