Königliche Hoheit
Die Erfüllung
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
Ernste Gerüchte liefen über den Gesundheitszustand des Finanzministers
Doktor Krippenreuther im Lande um. Man sprach von nervöser Zerrüttung, von
einem fortschreitenden Magenübel, auf welches in der Tat die schlaffen und
gelben Gesichtszüge Herrn Krippenreuthers zu schließen berechtigten … Was ist
Größe! Der Tagelöhner, der fahrende Strolch beneideten diesen gequälten
Würdenträger nicht um seinen Titel, seine Gnadenketten, seinen Rang bei Hofe,
sein hervorragendes Amt, zu dem er zähe emporgestrebt war, um sich darin
aufzureiben. Sein Rücktritt war wiederholt als unmittelbar bevorstehend
gemeldet worden – einzig und allein dem Widerwillen des Großherzogs gegen
neue Gesichter sowie der Erwägung, daß ein Personalwechsel zur Zeit nichts
bessern könne, sei es, sagte man, zuzuschreiben, daß dieser Rücktritt noch nicht
zur Tatsache geworden war. Doktor Krippenreuther hatte seinen Sommerurlaub
in einem Höhenkurort verbracht; aber falls er dort oben einige Erholung
gefunden, so wurden nach seiner Heimkehr die gesammelten Kräfte rasch
wieder verzehrt, denn gleich zu Beginn der parlamentarischen Jahreszeit gab es
Zwietracht zwischen dem Minister und der Budgetkommission – schwere
Mißhelligkeiten, die gewiß nicht in einem Mangel an Geschmeidigkeit
seinerseits, sondern in den Verhältnissen, der heillosen Sachlage begründet
waren.
Mitte September eröffnete Albrecht II. unter den hergebrachten Gebräuchen
im Alten Schlosse den Landtag. Eine Anrufung Gottes durch den Hofprediger D.
Wislizenus in der Schloßkirche war der Zeremonie voraufgegangen; dann begab
sich der Großherzog, begleitet von dem Prinzen Klaus Heinrich, in feierlichem
Zuge zum Thronsaal, woselbst die Mitglieder der beiden Kammern, die Minister,
die Hofchargen und viele andere Herren in Uniform und Bürgerkleid die
fürstlichen Brüder mit einem dreifachen Hoch begrüßten, aufgefordert dazu
durch den Präsidenten der Ersten Kammer, einen Grafen Prenzlau.
Albrecht hatte dringend gewünscht, seine Rolle bei der förmlichen Handlung
an seinen Bruder abzutreten, und nur auf inständige Gegenvorstellungen des Herrn von Knobelsdorff schritt er im Zuge hinter den als Pagen verkleideten
Kadetten her. Er schämte sich seiner verschnürten Husarenjacke, seiner prallen
Hosen und dieses ganzen Hokuspokus in dem Grade, daß Ärger und
Verlegenheit ihm unzweideutig vom Gesichte zu lesen waren. Seine
Schulterblätter waren nervös verzogen, als er die Stufen zum Thron emporstieg.
Dann stand er vor dem Theaterstuhl unter dem schadhaften Baldachin und sog
an der Oberlippe. Auf dem weißen Stehkragen, der weit aus dem silbernen
Husarenkragen hervorragte, ruhte sein schmaler, spitzbärtiger, unmilitärischer
Kopf, und seine blauen, einsam blickenden Augen sahen niemanden. Das
Klirren der Sporen des Flügeladjutanten, der ihm die Handschrift der Thronrede
überreichte, klang durch den Saal, in welchem sich Stille verbreitet hatte. Und
leise, ein wenig lispelnd und mehrmals von plötzlicher Heiserkeit unterbrochen,
verlas der Großherzog, was man ihm aufgesetzt hatte.
Es war das schonungsvollste Schriftstück, das je zu Gehör gekommen, und
setzte jeder niederschlagenden Tatsache äußerer Natur einen dem Volke
innewohnenden sittlichen Vorzug entgegen. Es fing damit an, die im Lande
vorhandene Tüchtigkeit zu preisen, und räumte dann ein, daß gleichwohl nicht
auf allen Gebieten des Erwerbslebens ein eigentlicher Aufschwung zu
verzeichnen sei, so daß die Einnahmequellen nicht durchweg die
wünschenswerte Ergiebigkeit aufwiesen. Es vermerkte mit Genugtuung, wie der
Sinn für das Gemeinwohl und wirtschaftlicher Opfermut sich mehr und mehr in
der Bevölkerung ausbreiteten, und erklärte dann ohne Schönfärberei, daß »trotz
überaus begrüßenswerter Erhöhung der Steuereingänge infolge Zuzugs
steuerkräftiger Fremder« – womit Herr Spoelmann gemeint war – an eine
Herabsetzung der Ansprüche an den eben gewürdigten Opfermut nicht wohl
habe gedacht werden können. Selbst ohnedies, hieß es weiter, hätten sich im
Etatsentwurf nicht alle finanzpolitischen Ziele erreichen lassen, und wenn es
zunächst noch nicht gelungen sei, die Schuldentilgung auf das angestrebte Maß
zu bringen, so sehe die Regierung doch in der Fortsetzung einer maßvollen
Anlehenspolitik den besten Ausweg aus den rechnerischen Verwicklungen. Auf
jeden Fall fühle sie sich – die Regierung – in aller Ungunst der Verhältnisse von
dem Vertrauen des Volkes getragen, jenem Glauben an die Zukunft, der ein so
schönes Erbteil unseres Stammes sei … Und so bald als tunlich verließ die
Thronrede das mißliche Gebiet des Geldwirtschaftlichen, um sich minder
heiklen Gegenständen, dem Kirchen-, Schul- und Rechtswesen zuzuwenden.
Staatsminister von Knobelsdorff erklärte im Namen des Monarchen den Landtag
für eröffnet. Und die Hochrufe, die Albrecht begleiteten, als er den Saal verließ,
hatten einen trotzig verzweifelten Nachdruck.
Da die Witterung noch sommerlich war, kehrte er sofort nach Hollerbrunn zurück, von wo er notgedrungen zur Stadt gekommen war. Er hatte das seine
getan, und was übrigblieb, war Sache Herrn Krippenreuthers und des Landtags.
Es kam, wie gesagt, sogleich zu Streitigkeiten, und zwar wegen mehrerer Punkte
auf einmal: der Vermögenssteuer, der Fleischsteuer und des
Beamtengehaltstarifs.
Da nämlich die Volksvertretung für nichts in der Welt zur Bewilligung neuer
Steuern zu bewegen gewesen wäre, so war Doktor Krippenreuthers grübelnder
Geist darauf verfallen, die bisher gebräuchlich gewesenen Extrasteuern in eine
Vermögenssteuer umzuwandeln, die, den Steuerfuß auf dreizehneinhalb vom
Hundert angesetzt, einen Mehrertrag von rund einer Million ergeben würde. Wie
bitter notwendig, ja, wie unzulänglich ein solcher Mehrertrag war, erhellte denn
auch aus dem Hauptvoranschlag für das neue Etatsjahr, welcher, der Übernahme
neuer Lasten auf die Staatskasse ungeachtet, mit einem Fehlbetrag abschloß, der
das Herz jedes wirtschaftlich Einsichtigen mußte erbeben machen. Da aber klar
war, daß fast allein die Städte durch die Vermögenssteuer würden belastet
werden, so kehrte sich gegen den Steuerfuß von dreizehneinhalb die volle
Entrüstung der städtischen Vertreter, und zum mindesten forderten sie als Entgelt
die Abschaffung der Fleischsteuer, die sie volksfeindlich und vorsintflutlich
nannten. Hinzu kam, daß die Kommission mit Unnachgiebigkeit auf der längst
versprochenen und immer hinausgeschobenen Aufbesserung der
Beamtenbesoldung bestand – wobei nicht zu leugnen war, daß die Gehälter der
Verwaltungsbeamten, Geistlichen und Lehrer des Großherzogtums in der Tat
zum Erbarmen aufforderten. Allein Dr. Krippenreuther konnte nicht Gold
machen – »ich habe nicht Gold machen gelernt«, sagte er wörtlich –, und so
wenig er sich in der Lage sah, auf die Fleischsteuer zu verzichten, so wenig
wußte er Rat gegen den Notstand der Beamten. Ihm blieb nichts übrig, als auf
seine dreizehneinhalb vom Hundert zu trotzen, obwohl er am besten wußte, daß
man durch ihre Bewilligung nicht wesentlich würde gefördert sein. Denn die
Lage war ernst, und schwermütige Geister gaben ihr trübere Bezeichnungen.
Über die Ernteergebnisse der letzten Jahre enthielt die »Zeitschrift des
Großherzoglichen Statistischen Bureaus« erschreckende Angaben. Die
Landwirtschaft hatte eine Reihe von Mißjahren zu verzeichnen. Wetterunbilden,
Hagel, Dürre und übermäßiger Regen hatten die Bauern getroffen; ein
außerordentlich schneearmer und kalter Winter hatte die Saaten erfrieren
gemacht; und die Krittler behaupteten, wenn auch ziemlich unbewiesenerweise,
daß die Fällungen bereits das Klima beeinträchtigt hätten. Jedenfalls war laut
zahlenmäßiger Nachweisung der Gesamtertrag an Körnern im beunruhigendsten
Grade zurückgegangen. Die Beschaffenheit des Strohs, das übrigens in
ungenügenden Mengen vorhanden war, ließ der amtlichen Redewendung nach zu wünschen übrig; die Ziffern der Kartoffelernte standen weit hinter dem
Durchschnittsertrag von Jahrzehnten zurück, zu schweigen davon, daß nicht
weniger als zehn vom Hundert dieser Früchte erkrankt waren; den künstlichen
Futterbau angehend, so zählten die letzten beiden Jahre, sowohl in bezug auf die
Menge als auch auf die Beschaffenheit des Ertrages an Klee und Luzerne, zu den
ungünstigsten der ganzen Erhebungsperiode, und weder mit der Ernte an
Winterraps noch mit derjenigen an Heu und Grummet stand es besser. Der
Niedergang der landwirtschaftlichen Verhältnisse fand krassen Ausdruck in der
Zunahme der Zwangsveräußerungen, deren Ziffer in diesem Berichtsjahr
entsetzlich emporschnellte. Aber der Mißwuchs zog Steuerausfälle nach sich,
die, wenn sie anderswo schmerzlich empfunden worden wären, bei uns
verhängnisvoll wirken mußten.
Die Forsten? Es war nichts daraus erwirtschaftet worden. Ein Unheil kam zum
andern; Schädlinge, Nonnen hatten die Wälder mehrmals heimgesucht – und
daran, daß durch die Überhauungen der Wald überhaupt in seinem Kapitalwerte
erschüttert war, braucht nicht erinnert zu werden.
Die Silberbergwerke? Sie waren lange erträgnislos gewesen. Zerstörende
Naturmächte hatten den Betrieb unterbrochen, und da die Wiederherstellung
große Kosten verursacht haben würde, auch die Ergebnisse niemals so recht den
Aufwendungen hatten entsprechen wollen, so hatte man sich genötigt gesehen,
die vorläufige Auflassung der Werke zu verfügen, obgleich dadurch viele
Arbeiter brotlos gemacht und ganze Gegenden geschädigt wurden.
Genug! Wie es in dieser Zeit der Prüfung um die ordentlichen Einnahmen des
Staates stand, ist hiermit gekennzeichnet. Die schleichende Krise, das von einem
Wirtschaftsjahr in das andere geschleppte Defizit war durch Notstand, durch die
Feindseligkeit der Elemente und Steuerausfall brennend, war schreiend
geworden, und bei der ratlosen Umschau nach Heilmitteln – nach
Linderungsmitteln offenbarte sich dem blödesten Blick der ganze Jammer
unserer Finanzgebarung. An die Bewilligung neuer Abgaben war nicht einmal
zu denken. Steueruntüchtig von Natur, war das Land in diesem Augenblick
erschöpft, seine Steuerkraft erlahmt, und die Krittler behaupteten, daß auf dem
Lande der Anblick unterernährter Gestalten immer häufiger werde, woran
erstens die empörenden Verzehrungssteuern und zweitens die unmittelbaren
Steuerlasten die Schuld trügen, welche bekanntlich den Viehbesitzer zwängen,
alle Vollmilch zu Gelde zu machen. Was aber jenes andere, minder sittliche,
doch verlockend bequeme Hilfsmittel gegen Geldmangel betrifft, welches die
Finanzwissenschaft kennt, nämlich die Anleihe, so war die Stunde gekommen,
wo eine mißbräuchliche und leichtfertige Ausnutzung dieses Mittels sich bitter
zu rächen begann.
Nachdem man die Schuldentilgung eine Weile auf ungeschickte und
verlustbringende Weise betrieben, hatte man sie unter Albrecht II. so gut wie
ganz unterlassen, hatte die klaffenden Löcher im Etat mit neuen Anleihen und
Schatzscheinen notdürftig gestopft und sah sich erbleichend einer schwebenden
und kurzfristigen fundierten Schuld gegenüber, deren Höhe zur Kopfzahl der
Einwohnerschaft in skandalösem Verhältnis stand. Doktor Krippenreuther war
nicht vor den Praktiken zurückgeschreckt, die in solchem Falle dem Staat zu
Gebote stehen. Er hatte sich hoher Kapitalverbindlichkeiten entschlagen, hatte
zur Zwangskonversion gegriffen und, nicht ohne gleichzeitige Herabsetzung des
Zinsfußes, kurzfristige Schulden über die Köpfe der Gläubiger hinweg in ewige
Rentenschulden umgewandelt. Aber die Renten wollten gezahlt sein, und
während diese Zahlungsverpflichtungen unsere Volkswirtschaft unerträglich
belasteten, wurde durch den Tiefstand des Kurses bei jeder neuen Ausgabe von
Schuldverschreibungen der Kapitalerlös für die Staatskasse geringer. Mehr noch:
die wirtschaftliche Krise im Großherzogtum bewirkte, daß die auswärtigen
Gläubiger ihre Forderungen hastig zu veräußern suchten, was wiederum
Kurssturz und verstärkten Geldabfluß zur Folge hatte, und Bankbrüche in der
Geschäftswelt waren an der Tagesordnung.
Mit einem Worte: unser Kredit war erschüttert, unsere Papiere standen tief
unter dem Nennwerte, und wenn der Landtag eine neue Anleihe vielleicht auch
lieber als neue Steuern bewilligt hätte, so waren die Bedingungen, die dem
Lande auferlegt worden wären, doch solcher Art, daß die Begebung schwierig,
wenn nicht unmöglich erschien. Denn zu allem Unglück kam dies, daß man
gerade damals unter dem Druck jener allgemeinen wirtschaftlichen
Mißstimmung, jener Geldteuerung stand, die noch in jedermanns Erinnerung ist.
Was tun, um festen Boden zu gewinnen? Wohin sich wenden, um den
Geldhunger zu stillen, der uns verzehrte? Die Veräußerung der zur Zeit
erträgnislosen Silberbergwerke und die Verwendung des Erlöses zur Tilgung
hochverzinslicher Schulden war längst erwogen worden. Jedoch durch den
Verkauf, der, wie die Dinge lagen, notwendig ungünstig ausfallen mußte, wäre
nicht nur das in den Werken angelegte Kapital fast ganz verlorengegangen,
sondern der Staat hätte sich auch der Gewinne begeben, die dennoch vielleicht
über kurz oder lang einmal daraus würden zu erlangen sein – und schließlich war
nicht von heute auf morgen ein Käufer zu finden. Einen Augenblick – es war ein
Augenblick seelischer Hinfälligkeit – kam selbst der Verkauf von Staatsforsten
in Betracht. Aber hier darf gesagt werden, daß immerhin genug gesunder Sinn
im Lande vorhanden war, um zu verhindern, daß unsere Wälder der
Privatindustrie überantwortet würden.
Um nichts zu verschweigen: noch andere Verkaufsgerüchte kamen auf, Gerüchte, die darauf schließen ließen, daß die Verlegenheit nicht vor Stätten
haltmachte, welche das ehrerbietige Volk sich gern als allen Unbilden der Zeit
entrückt gedacht hätte. Der »Eilbote«, nicht gewohnt, seinem Zartgefühl eine
Information zu opfern, brachte zuerst die Nachricht, daß zwei im offenen Lande
gelegene Schlösser des Großherzogs, »Zeitvertreib« und »Favorita«, dem
Verkauf unterstellt seien. In Erwägung, daß beide Besitztümer für Wohnzwecke
der allerhöchsten Familie nicht mehr in Betracht kämen und jährlich steigende
Zuschüsse erforderten, habe die Verwaltung der Kronfideikommißgüter die
zuständigen Stellen angewiesen, die Veräußerung in die Wege zu leiten. Was
bedeutete das? Offenbar stand es anders damit als mit dem Verkauf von
»Delphinenort«, der die Folge eines ganz außerordentlichen und überaus
günstigen Angebots und außerdem eine Handlung der Staatsklugheit gewesen
war. Leute, die abgehärtet genug waren, um Dinge namhaft zu machen, vor
deren Nennung ein feineres Empfinden zurückbebt, sprachen es aus, daß die
Hoffinanzdirektion von unruhig gewordenen Gläubigern rücksichtslos bedrängt
werde und, wenn sie solche Verkäufe empfehle, einem unerbittlichen Zwang
unterliege.
Wohin war es gekommen? In welche Hände würden die Schlösser gelangen?
Gerade die Bestgesinnten, die so fragten, waren geneigt, eine weitere Nachricht,
die von überklugen Alleswissern ausgesprengt wurde, als tröstlich zu empfinden
und zu glauben: Daß nämlich abermals niemand anders als Samuel Spoelmann
der Käufer sei – eine völlig grundlose und aus der Luft entstandene Meldung, die
aber erkennen läßt, welche Rolle in der Vorstellungswelt des Volkes der einsame
und leidende kleine Mann spielte, der sich in seiner Mitte fürstlich
niedergelassen hatte.
Dort hauste er, mit seinem Leibarzt, seiner elektrisch betriebenen Orgel und
seiner Gläsersammlung, hinter den Säulen, den Bogenfenstern und gemetzten
Laubgewinden des Lustschlosses, das sein Wink aus dem Verfalle hatte erstehen
lassen. Man sah ihn fast nie; er lag mit Breiumschlägen. Aber man sah seine
Tochter, dies fremdartige, mit launischem Mienenspiel auf königlicher Höhe
lebende Wesen, das eine Gräfin zur Gesellschaft hatte, der Algebra oblag und
frei und zornig mitten durch die Wachtmannschaft gegangen war – man sah sie,
und an ihrer Seite sah man zuweilen den Prinzen Klaus Heinrich.
Es war eine von Raoul Überbeins starken Redensarten gewesen, als er erklärt
hatte, daß das Publikum bei diesem Anblick »den Atem anhalte«; aber in der
Sache hatte er recht, und man kann sagen, daß niemals die Bevölkerung unserer
Residenz – und zwar in ihrer ganzen Zusammensetzung – einen
gesellschaftlichen oder öffentlichen Vorgang mit so leidenschaftlichem, so alles
andere hintansetzendem Eifer verfolgt hatte, wie Klaus Heinrichs Verkehr auf »Delphinenort«. Der Prinz selbst handelte bis zu einem gewissen Punkte –
nämlich bis zu einer gewissen Unterredung mit Seiner Exzellenz dem
Staatsminister von Knobelsdorff – blind, ohne Rücksicht auf die Mitwelt und
inneren Trieben gehorchend; aber sein Lehrer konnte ihn mit Fug ob der
Meinung, als könnten seine Schritte der Welt verborgen bleiben, in seiner
väterlichen Art verspotten, denn sei es nun, daß die beiderseitige Dienerschaft
nicht reinen Mund hielt oder daß unmittelbare Beobachtungen von seiten des
Publikums vorlagen, jedenfalls war Klaus Heinrich niemals mit Fräulein
Spoelmann zusammengetroffen, niemals seit jener ersten Begegnung im
Dorotheen-Spital, ohne daß es bemerkt und besprochen worden wäre. Bemerkt?
Nein, erspäht, eräugt und gierig aufgegriffen! Besprochen? Vielmehr mit
Sturzbächen von Gerede überschüttet! Dieser Verkehr bildete den
Gesprächsgegenstand der Hofgesellschaft, der Salons, der Wohn- und
Schlafzimmer, der Barbierstuben, Wirtshäuser, Handwerkstätten und
Gesindekammern, der Droschkenkutscher an den Haltestellen und der Mägde
unter den Haustoren, er beschäftigte gleichermaßen die männlichen und
weiblichen Köpfe, wenn auch natürlich mit den Abweichungen, die in der
unterschiedlichen Betrachtungsweise der Geschlechter begründet liegen, die
unerhört einmütige Teilnahme daran wirkte ausgleichend, zusammenfassend, sie
überbrückte die gesellschaftlichen Klüfte, und es konnte geschehen, daß der
Trambahnschaffner sich auf der Plattform an den feingekleideten Fahrgast mit
der Frage wandte, ob er schon wisse, daß gestern nachmittag der Prinz wieder
eine Stunde auf »Delphinenort« gewesen sei.
Aber das sowohl an und für sich Bemerkenswerte wie auch für die Zukunft
Entscheidende bei alldem war, daß man keinen Augenblick den Eindruck
gewann, als läge ein Ärgernis in der Luft und als handle es sich bei all der
Zungenbewegung um die gemeine Lust an anstößigen Vorgängen in hohen
Sphären – sondern daß vom ersten Anbeginn, bevor noch irgendein
Hintergedanke aufzukommen Zeit gehabt hatte, die tausendstimmige Erörterung
bei aller Erregtheit durchaus im Sinne der Billigung und des Einverständnisses
geführt wurde, ja, daß der Prinz, wenn er früher darauf verfallen wäre, sich nach
der öffentlichen Meinung umzutun, sogleich die glückliche Gewißheit von der
unbedingten Volkstümlichkeit seines Handelns erhalten hätte. Als er nämlich,
seinem Lehrer gegenüber, Fräulein Spoelmann eine »Prinzessin« genannt hatte,
da hatte er, wie es ihm übrigens wohl anstand, genau im Geiste des Volkes
gesprochen – jenes Volkes, das überall das Ungemeine und Traumhafte mit
dichterischem Sinn zu erfassen weiß. Ja, für das Volk war das schwarzbleiche,
kostbare und eigentümlich liebliche Wesen von schillernder
Blutzusammensetzung, das von den Gegenfüßlern zu uns gekommen war, um sein vereinzeltes und beispielloses Leben bei uns zu führen – für das Volk war es
ein Fürsten- oder Feenkind aus Fabelland, eine Prinzessin in des Wortes
sonderbarster Bedeutung. Aber alles, sowohl ihr eigenes Gehaben als auch das
Verhalten der Welt zu ihr, trug dazu bei, sie auch im gewohnten Sinne des
Wortes als Prinzessin erscheinen zu lassen. Wohnte sie nicht mit ihrer gräflichen
Ehrendame in einem Schloß, wie es sich gehörte? Fuhr sie nicht in ihrem
prachtvollen Kraftwagen oder mit ihrem Viergespann an den mildtätigen
Anstalten, dem Blinden-, dem Waisen-, dem Diakonissenhause, der Volksküche
und der Milchküche vor, um sie zu allgemeiner Erhebung und eigener Belehrung
zu besichtigen, völlig nach fürstlicher Art? Hatte sie nicht sowohl für die
Überschwemmten wie für die Abgebrannten aus ihrer »Privatschatulle«, wie der
»Eilbote« sich bezeichnend ausdrückte, Unterstützungssummen gespendet, die
genau denen des Großherzogs gleichkamen (sie nicht übertrafen, was allgemein
beifällig vermerkt wurde)? Berichteten nicht fast jeden Tag die Journale gleich
unter den Hofnachrichten über Herrn Spoelmanns wechselnden
Gesundheitszustand – ob die Koliken ihn ans Bett fesselten oder ob er den
morgendlichen Besuch des Quellengartens wieder aufgenommen habe?
Gehörten die weißen Livreen seiner Bedienten nicht zum hauptstädtischen
Straßenbilde wie die braunen der großherzoglichen Lakaien? Ließen nicht die
Fremden mit ihren Handbüchern sich nach Delphinenort hinausfahren, um sich
in den Anblick der Spoelmannschen Residenz zu versenken – manche, bevor sie
das Alte Schloß gesehen? Waren nicht beide Schlösser, das Alte und
Delphinenort, nahezu gleichermaßen Hochsitze und Mittelpunkte der Stadt? In
welche Gesellschaft gehörte das aller Gemeinschaft und Gleichartigkeit
entrückte Menschenkind, das als Samuel Spoelmanns Tochter geboren war?
Wem sollte es sich anschließen, mit wem Verkehr pflegen? Nichts war weniger
befremdend, nichts einleuchtender und natürlicher, als Klaus Heinrich an ihrer
Seite zu sehen. Und auch alle diejenigen, die des Anblicks nicht wirklich teilhaft
geworden waren, genossen ihn im Geiste und vertieften sich darein: die
schlanke, festlich vertraute Gestalt des Prinzen neben der Tochter und Erbin des
ungeheuerlichen kleinen Fremden, der krank und ärgerlich an einem Vermögen
trug, welches sich ungefähr doppelt so hoch belief wie unsere sämtlichen
Staatsschulden!
Da geschah es, daß eine Erinnerung, eine wunderliche Wortfügung vom
öffentlichen Bewußtsein Besitz ergriff … niemand kann sagen, wer zuerst darauf
hinwies, darauf zurückwies – das steht nicht fest. Vielleicht war es eine Frau,
vielleicht ein Kind mit gläubigen Augen, dem man es irgendwann zum
Einschlafen erzählt – Gott weiß es. Aber eine gespenstische Gestalt belebte sich
in der Einbildungskraft des Volkes: der Schatten eines alten Zigeunerweibes, das, grauzottig und krumm, die Augen nach innen gekehrt, seinen Stock durch
den Sand führte und dessen Gemurmel aufgezeichnet und von Geschlecht zu
Geschlecht überliefert worden war … »Das größte Glück?« Durch einen Fürsten
»mit einer Hand« sollte es dem Lande zuteil werden. Mehr werde er, hieß es, mit
seiner einen dem Lande geben, als andere mit zweien nicht vermöchten … Mit
einer? Aber war alles ganz in Ordnung an Klaus Heinrichs schlanker Festgestalt?
War nicht, wenn man sich besann, eine Schwäche, ein Fehler an seiner Person,
wovon man, wenn man ihn grüßte, abzusehen gewöhnt war, aus Scheu zum
ersten und zweitens, weil er es einem mit liebenswerter Kunst erleichterte, davon
abzusehen? Man sah ihn im Wagen, wie er über dem Säbelgriff den linken
Unterarm mit dem rechten bedeckte. Man sah ihn unter einem Baldachin, auf
einer mit Fahnentüchern behangenen Tribüne sich darstellen, ein wenig nach
links gewandt, die Linke auf eine gewisse Art in die Hüfte gestützt. Sein linker
Arm war zu kurz, die Hand verkümmert, man wußte es und kannte sogar
verschiedene Erklärungen für die Entstehung dieses Gebrechens, ohne daß
Ehrfurcht und Abstand doch erlaubt hätten, es klar zu sehen oder es auch nur
eigentlich zuzugeben. Aber nun sah man es. Niemals wird festgestellt werden
können, wer zuerst flüsternd daran erinnerte und es mit der Prophezeiung in
Verbindung brachte – ein Kind, eine Magd oder ein Greis an der Schwelle des
Jenseits. Aber was feststeht, ist, daß es im Volke geschah, daß das Volk gewisse
Gedanken und Hoffnungen – nicht zuletzt seine Auffassung der Person Fräulein
Spoelmanns – den gebildeten Ständen bis hinauf zu den ausschlaggebenden
Stellen erst aufdrängte und von unten her gewaltig eingab: daß der unbefangene,
von Vorurteilen nicht gehemmte Glaube des Volkes allem Späteren die breite
und feste Grundlage bot. »Mit einer Hand?« fragte es, und »Das größte Glück?«
Es sah Klaus Heinrich im Geiste neben Imma Spoelmann die Linke in die Hüfte
stützen, und, noch unfähig, zu Ende zu denken, was es dachte, erbebte es bei
seinem halben Gedanken.
Damals schwebte alles in der Luft, und niemand dachte etwas zu Ende – und
auch nicht die nächstbeteiligten und handelnden Personen, denn zwischen Klaus
Heinrich und Imma Spoelmann lagen die Dinge ja sonderbar, und ihr Sinnen
konnte – auch seines – vorderhand auf kein handgreifliches Ziel gerichtet sein.
In der Tat hatte jener wortkarge Vorgang am Nachmittag von des Prinzen
Geburtstag (als Fräulein Spoelmann ihm ihre Bücher gezeigt hatte) an ihren
Beziehungen sehr wenig, ja gar nichts geändert, und wenn auch Klaus Heinrich
damals in jenem wallenden und hitzig entzückten Zustand, der jungen Leuten bei
solchen Gelegenheiten eigen ist, nach »Eremitage« zurückgekehrt war, wohl gar
in der Meinung befangen, daß etwas Entscheidendes sich ereignet habe, so
wurde er doch bald belehrt, daß sein Werben um das, was er als sein Glück erkannt hatte, nun erst eigentlich begann. Dieses Werben aber konnte, wie
gesagt, noch gar keinem sachlichen Enderfolg, einem bürgerlichen Versprechen
oder ähnlichem gelten – das lag zunächst außerhalb des Bereiches des
Denkbaren, und überdies lebte man, um dergleichen ins Auge zu fassen, in allzu
großer Abgeschiedenheit von der praktischen Welt. Ja, worum Klaus Heinrich
fortan mit Blick und Worten bat, war nicht sowohl, daß Fräulein Spoelmann die
Empfindungen, die er ihr entgegenbrachte, erwidern – sondern daß sie sich
überhaupt entschließen möge, an die Wirklichkeit und Lebendigkeit dieser
Empfindungen zu glauben. Denn das tat sie nicht.
Er ließ zwei Wochen verstreichen, ehe er wieder auf »Delphinenort«
vorsprach, und lebte während dieser Zeit in seinem Innern von dem, was
geschehen. Es schien ihm nicht eilig, dieses Geschehnis durch Neues veralten zu
machen, und außerdem nahmen ihn in diesen Tagen mehrere
Repräsentationspflichten in Anspruch, unter anderen das Festschießen des
Zimmerstutzen-Schützenverbandes, dessen erklärter Schirmherr er war, und an
dessen Stiftungsfest er sich alljährlich beteiligte, indem er, in grüner Tracht, als
lebe und webe er im Schützenwesen, von den Vereinsmitgliedern mit
begeistertem Schützengruß empfangen, an den Schießständen vorfuhr und mit
den verklärten Herren des Vorstandes, ganz gegen Appetit, einen Imbiß einnahm,
um endlich in anmutig kundiger Haltung mehrere Schüsse in der Richtung
verschiedener Scheiben abzugeben. Als er sich hierauf – es war Mitte Juni –
wieder um die Teestunde bei Spoelmanns einstellte, verhielt Imma sich äußerst
spöttisch, und ihre Ausdrucksweise war ungewöhnlich schriftmäßig und
redensartlich. Auch Herr Spoelmann war jenes Mal zugegen, und obgleich seine
Anwesenheit das von Klaus Heinrich ersehnte Alleinsein mit der Tochter des
Hauses hintanhielt, so half sie dem Prinzen doch auf unerwartete Weise über den
Kummer, der Immas Schärfe ihm machte, hinweg; denn Samuel Spoelmann war
gütig, fast weich gegen ihn.
Man nahm den Tee auf der Terrasse, in neuartig geformten Korbstühlen
sitzend, zart angeweht von den Düften des Blumengartens. Der Schloßherr lag
unter einer grünseidenen, mit Papageien durchwebten und mit Pelz gefütterten
Decke ausgestreckt am Tische auf einem mit seidenen Kissen ausgestatteten
Ruhebett aus Rohrgeflecht. Er war außer Bett, um die linde Luft zu genießen,
aber seine Wangen waren heute nicht hitzig, sondern gelblichbleich und seine
Äuglein getrübt; sein Kinn war spitz, seine gerade hervorspringende Nase
erschien länger als sonst, und seine Stimmung nicht von der gewohnten
Ärgerlichkeit, sondern eher wehmütig, was nicht als gutes Zeichen genommen
werden konnte. Zu seinen Häupten saß lang und milde lächelnd Doktor
Watercloose.
»Na, junger Prinz …« sagte Herr Spoelmann müde, und auf die Frage nach
seinem Befinden antwortete er nur mit einem schwachen Knarren. Imma, in
schillerndem Hauskleide mit hoher Taille und grünsamtenem Jäckchen, goß
Wasser aus dem elektrisch geheizten Kessel in die Kanne. Sie beglückwünschte
den Prinzen mit vorgeschobenen Lippen zu seinem persönlichen Erfolge auf der
Schützenwiese. Sie habe, sagte sie und wandte ihr Köpfchen hin und her, »aus
der Tagespresse mit tiefer Genugtuung Kenntnis davon genommen« und die
Schilderung seines Auftretens als Schütze auch der Gräfin vorgelesen. Diese saß
gerade aufgerichtet in ihrem engen braunen Kleid am Tische und handhabte ihr
Löffelchen mit vornehmen Bewegungen, ohne sich irgendwie gehen zu lassen.
Der heute sprach, war Herr Spoelmann. Er tat es, wie gesagt, auf eine sanfte, ja
wehmütige Weise, die das Ergebnis seiner Schmerzen war.
Er erzählte einen Vorfall, ein Erlebnis, das um Jahre zurücklag, mit dem er
aber offenbar nicht fertig wurde, und das ihn in Tagen schlechter Gesundheit
immer aufs neue schmerzlich beschäftigte – erzählte die kurze und einfache
Geschichte zweimal hintereinander und kränkte sich beim zweiten Male noch
bitterer als beim ersten. Damals hatte er eine seiner Stiftungen machen wollen –
keine vom ersten Range, aber doch eine stattliche –, hatte einer großen
menschenfreundlichen Anstalt der Vereinigten Staaten handschriftlich zu wissen
gegeben, daß er ihr zur Förderung ihrer guten Bestrebungen eine Million in
Eisenbahnpapieren zuzuwenden wünsche, in sicheren Papieren der
Südpacifischen Eisenbahngesellschaft, sagte Herr Spoelmann und schlug sich in
die flache Hand, um die Papiere anschaulich zu machen. Was aber hatte die
menschenfreundliche Anstalt getan? Sie hatte die Schenkung ausgeschlagen, sie
zurückgewiesen, die Annahme verweigert – und zwar mit dem ausdrücklichen
Hinzufügen, daß sie es vorziehe, auf eine Unterstützung mit fragwürdig und
gewalttätig erworbenem Gut Verzicht zu leisten. Das hatte sie getan. Herrn
Spoelmanns Lippen zitterten, als er es erzählte, sowohl das erste wie das zweite
Mal, und voller Verlangen nach Trost und Mißbilligung sah er sich mit seinen
kleinen, nahe beisammenliegenden, metallischen Rundaugen am Teetisch um.
»Das war nicht menschenfreundlich von der menschenfreundlichen Anstalt«,
sagte Klaus Heinrich. »Nein, das war es nicht.« Und sein Kopfschütteln war so
entschieden, sein Unwille und sein Mitgefühl so deutlich, daß Herr Spoelmann
sich ein wenig erheiterte und erklärte, heute sei es hübsch draußen, und die
Blumen drunten dufteten gut. Ja, er nahm alsbald Gelegenheit, sich dem jungen
Gast erkenntlich zu zeigen und ihm sein Wohlwollen auf die ausdrucksvollste
Art zu bekunden. Klaus Heinrich nämlich hatte sich bei dem warmen Wetter, das
diesen Sommer mit jäh abkühlenden Gewittern und Hagelschlägen wechselte,
eine Erkältung zugezogen, sein Hals war geschwollen, er spürte Stechen beim Schlucken, und da sein hoher Beruf und eine gewisse Zärtlichkeit in der
Überwachung seiner zur Darstellung bestimmten Person ihn notwendig ein
wenig weichlich gemacht hatten, so konnte er nicht umhin, davon zu sprechen
und sich über seine Halsschmerzen zu beklagen. »Dann müssen Sie feuchte
Umschläge machen«, sagte Herr Spoelmann. »Haben Sie Guttaperchapapier?«
Aber Klaus Heinrich hatte keines. Da warf Herr Spoelmann die Papageiendecke
von sich, stand auf und ging ins Innere des Schlosses. Er antwortete auf keine
Frage, ließ sich nicht aufhalten und ging. Man fragte einander in seiner
Abwesenheit, was er im Sinn haben könne, und Doktor Watercloose, wohl in der
Befürchtung, daß ein Schmerzensanfall seinen Patienten vertrieben habe, folgte
ihm auf dem Fuße. Aber als Herr Spoelmann zurückkehrte, hatte er in der Hand
ein Stück Guttaperchapapier, an dessen Vorhandensein von früherher in
irgendeiner Schublade er sich erinnert hatte, ein schon etwas brüchiges Stück,
das er dem Prinzen einhändigte, indem er ihn ausführlich darüber belehrte, wie
er es zu verwenden habe, um Nutzen daraus zu ziehen. Klaus Heinrich dankte
ihm freudig, und Herr Spoelmann streckte sich befriedigt wieder aus. Er blieb
diesmal da, und als der Tee getrunken war, veranlaßte er sogar einen
gemeinsamen Rundgang um den Park, wobei die Anordnung die war, daß Herr
Spoelmann in seinen weichen Schuhen zwischen Imma und Klaus Heinrich
wandelte, während die Gräfin Löwenjoul mit Doktor Watercloose in einigem
Abstande folgten. Als der Prinz für heute Abschied nahm, sagte Imma
Spoelmann noch etwas scharf Gesetztes über seinen Hals und die feuchten
Umschläge, beschwor ihn mit verstecktem Spotte, sich zu pflegen und seine
geheiligte Person doch ja in sorgsame Acht zu nehmen. Aber obgleich Klaus
Heinrich ihr nichts Angemessenes zu erwidern wußte – was sie übrigens ja nicht
erwartete und verlangte –, so bestieg er doch ziemlich frohgemut seinen
Dogcart; denn das Stückchen brüchiger Guttapercha in der rückwärtigen Tasche
seines Uniformrockes erschien ihm, ohne daß er sich klare Rechenschaft über
diese Auffassung ablegte, als ein Unterpfand glücklicher Zukunft.
Mochte dem nun aber wie immer sein, so blieb es dabei, daß sein Kampf erst
eigentlich begann. Es war der Kampf um Imma Spoelmanns Glauben, der
Kampf darum, daß sie ihm in dem Grade vertrauen möge, um des Entschlusses
fähig zu sein, sich aus der frostigen und reinen Sphäre, darin sie zu spielen
gewohnt war, aus dem Reiche der Algebra und der Sprachverspottung mit ihm
hinabzuwagen in die fremde Zone, jene wärmere, dunstigere und fruchtbarere,
welche er ihr zeigte. Denn ihre Scheu vor diesem Entschlusse war gewaltig groß.
Das nächste Mal war er allein mit ihr oder so gut wie allein, das heißt zu dritt
mit der Gräfin Löwenjoul. Es war ein kühler, bedeckter Morgen nach einer
nächtlichen Wetterkrise. Sie ritten die Wiesenböschung entlang, Klaus Heinrich in langen Stiefeln, die Krücke der Reitpeitsche zwischen die Knöpfe seines
grauen Mantels gehängt. Die Schleuse droben bei der hölzernen Brücke war
geschlossen, das Bett des Wasserarmes lag leer und steinig. Perceval, dessen
erste Lärmwut gestillt war, setzte federnd darüber hin und her oder trabte, nach
Hundeart schief laufend, den Pferden voran. Die Gräfin, auf Isabeau, hielt
lächelnd ihren kleinen Kopf zur Seite geneigt. Klaus Heinrich sagte: »Ich denke
Tag und Nacht an etwas, was wohl ein Traum gewesen sein muß. Ich liege
nachts und höre Florian drüben im Stalle schnauben, so still ist es. Dann denke
ich bestimmt, daß es kein Traum war. Aber wenn ich Sie sehe wie heute und
neulich am Teetisch, dann kann ich es doch unmöglich für etwas Besseres
halten.«
Sie antwortete: »Das bedarf der Erläuterung, hoher Prinz.«
»Haben Sie mir vor neunzehn Tagen Ihre Bücher gezeigt, Fräulein Imma –
oder nicht?«
»Vor neunzehn Tagen? Da muß ich rechnen. Nein, lassen Sie sehen, es sind
achtzehn Tage und ein halber, wenn mich nicht alles täuscht …«
»Sie haben mir also Ihre Bücher gezeigt?«
»Das trifft unbedingt zu, Prinz. Und ich wiege mich in der Hoffnung, daß sie
Ihnen gefallen haben.«
»Ach, Imma, Sie müssen nicht so sprechen, nicht jetzt und nicht zu mir! Mir
ist so ernst ums Herz, und ich habe Ihnen noch so vieles zu sagen, wozu ich vor
neunzehn Tagen nicht gekommen bin, als Sie mir Ihre Bücher zeigten … Ihre
vielen Bücher. Ich möchte da anknüpfen, wo wir damals aufgehört haben und
das Dazwischenliegende vergessen sein lassen …«
»Um Gottes willen, Prinz, lassen Sie lieber das andere vergessen sein! Worauf
kommen Sie zurück?! Woran erinnern Sie sich und mich?! Ich dächte, Sie hätten
Grund, über diese Dinge das tiefste Stillschweigen zu beobachten. Sich in dem
Grade gehen zu lassen! In dem Grade die Haltung zu verlieren!…«
»Wenn Sie wüßten, Imma, wie unaussprechlich wohl es mir tat, die Haltung
zu verlieren!«
»Ich bedanke mich! Das ist beleidigend, wissen Sie das? Ich bestehe darauf,
daß Sie auch mir gegenüber die Haltung wahren, die Sie der ganzen Welt
gegenüber an den Tag legen. Ich bin nicht dazu da, daß Sie sich bei mir von
Ihrem prinzlichen Dasein erholen.«
»Was für ein Mißverständnis, Imma! Aber ich weiß wohl, daß Sie mich mit
Absicht mißverstehen und nur im Scherz, und das zeigt mir, daß Sie mir nicht
glauben und nicht ernst nehmen, was ich sage …«
»Nein, Prinz, das ist in der Tat zuviel verlangt! Haben Sie mir nicht von Ihrem
Leben erzählt? Sie sind zum Schein zur Schule gegangen, Sie sind zum Schein auf der Universität gewesen, Sie haben zum Schein als Soldat gedient und tragen
noch immer zum Scheine die Uniform; Sie erteilen zum Schein Audienzen und
spielen zum Schein den Schützen, und der Himmel weiß, was noch alles; Sie
sind zum Schein auf die Welt gekommen, und nun soll ich Ihnen plötzlich
glauben, daß es Ihnen mit irgend etwas ernst ist?«
Während sie dies sagte, traten ihm Tränen in die Augen; so sehr taten ihm ihre
Worte weh. Er antwortete leise: »Sie haben recht, Imma, es ist viel Unwahrheit
in meinem Leben. Aber ich habe es ja nicht gemacht oder gewählt, müssen Sie
bedenken, sondern habe meine Pflicht getan, wie sie mir streng und genau zur
Erbauung der Leute vorgeschrieben war. Und nicht genug, daß es schwer war
und voller Verbote und Entbehrungen, so soll es sich nun auch rächen, dadurch,
daß Sie mir nicht glauben.«
»Sie sind stolz«, sagte sie, »auf Ihren Beruf und Ihr Leben, Prinz, ich weiß das
wohl, und ich kann nicht einmal wünschen, daß Sie sich selber die Treue
brechen.«
»Oh,« rief er aus, »lassen Sie das meine Sorge sein, das mit der Treue zu mir,
und machen Sie sich keineswegs Gedanken darüber! Ich habe Erfahrungen, ich
bin mir untreu gewesen und habe das Verbot zu umgehen gesucht, und es hat mit
Schande geendet. Aber seit ich Sie kenne, weiß ich, weiß ich zum erstenmal, daß
ich zum erstenmal ohne Reue und Schaden daran, was man meinen hohen Beruf
nennt, mich gehen lassen darf wie irgendeiner, obwohl Doktor Überbein sagt,
und sogar auf lateinisch, daß das nicht gegeben werde …«
»Sehen Sie wohl, was Ihr Freund da gesagt hat!«
»Haben Sie ihn nicht selbst einen unseligen Menschen genannt, der ein
schlechtes Ende nehmen werde? Er ist ein edler Charakter, ich schätze ihn hoch
und verdanke ihm viele Aufklärungen über mich und die Dinge. Aber in letzter
Zeit habe ich oftmals über ihn nachgedacht, und als Sie damals so über ihn
geurteilt hatten, da habe ich mich mehrere Stunden lang mit Ihrem Urteil
beschäftigt und mußte Ihnen recht geben. Denn ich will Ihnen sagen, Imma,
welche Bewandtnis es mit Doktor Überbein hat. Er lebt in Feindschaft mit dem
Glücke – das ist es.«
»Das dünkt mich eine anständige Feindschaft«, sagte Imma Spoelmann.
»Anständig,« antwortete er, »aber unselig, wie Sie selber gesagt haben, und
obendrein sündhaft – denn es ist Sünde gegen etwas, was herrlicher ist als seine
strenge Anständigkeit, das weiß ich nun, und zu dieser Sünde hat er auch mich
erziehen wollen, in aller Väterlichkeit. Aber nun bin ich seiner Erziehung
entwachsen, in diesem Punkte bin ich es. Ich bin nun selbständig und weiß es
besser, und wenn ich Überbein auch nicht überzeugt habe – Sie werde ich
überzeugen, Imma, sei es heut oder später …«
»Ja, Prinz, das muß ich gestehen! Sie wissen zu überzeugen, Ihr Eifer reißt
unwiderstehlich mit sich fort! Neunzehn Tage, sagten Sie nicht so? Ich halte
achtzehn und einen halben für richtig, aber das läuft auf dasselbe hinaus. In
dieser Zeit haben Sie einmal geruht, auf Delphinenort zu erscheinen … vor vier
Tagen …«
Er sah ihr erschrocken ins Gesicht.
»Aber, Imma, Sie müssen Geduld mit mir haben und etwas Nachsicht …
Bedenken Sie doch, ich bin noch ungelenk … es ist fremder Boden! Ich weiß
nicht, wie es kam … Ich glaube, ich wollte uns Zeit lassen. Und dann traten
verschiedene Anforderungen an mich heran …«
»Natürlich, Sie mußten zum Schein nach der Scheibe schießen, ich habe es
gelesen. Wie gewöhnlich hatten Sie einen bedeutenden Erfolg zu verzeichnen.
Sie standen da kostümiert und ließen sich von einer ganzen Wiese voll
Menschen lieben …«
»Halt, Imma, o bitte, keinen Galopp!… Es ist unmöglich, ein Wort zu
sprechen … Lieben, sagen Sie. Aber was ist das für eine Liebe? Eine
Wiesenliebe, eine ungefähre, oberflächliche Liebe, eine Liebe von weitem, die
nichts bedeutet – eine Liebe in Gala und ganz ohne Vertraulichkeit! Nein, Sie
brauchen durchaus nicht böse zu sein, daß ich sie mir gefallen lasse, denn nicht
ich habe gut davon, sondern einzig die Leute, die erhoben werden dadurch, und
das ist ihr Verlangen. Aber ich habe auch mein Verlangen, Imma, und Sie sind
es, an die ich mich damit wende …«
»Womit kann ich Ihnen dienen, Prinz?«
»Ach, Sie wissen es wohl! Es ist Vertrauen, Imma – könnten Sie nicht ein
wenig Vertrauen zu mir haben?«
Sie sah ihn an, und so dunkel eindringlich wie jetzt hatten ihre übergroßen
Augen noch niemals geforscht. Aber wie inständig auch die stumme Bitte war,
mit der er an ihr hing, so wandte sie sich doch ab und sagte mit verschlossener
Miene: »Nein, Prinz Klaus Heinrich, das kann ich nicht.«
Er stieß einen Laut des Kummers aus, und seine Stimme zitterte, als er fragte:
»Und warum können Sie nicht?«
Sie antwortete: »Weil Sie mich daran hindern.«
»Aber wie hindere ich Sie? Bitte, sagen Sie mir's!«
Und immer mit verschlossenem Ausdruck, die Augen auf ihren weißen Zügel
gesenkt und leicht geschaukelt vom Schritt ihres Pferdes, erwiderte sie: »Durch
alles, durch Ihr Verhalten, durch Ihre Art und Weise, durch Ihre ganze erlauchte
Persönlichkeit. Wissen Sie wohl noch, wie Sie die arme Gräfin gehindert haben,
sich gehen zu lassen, und sie gezwungen haben, klar und nüchtern zu sein,
obgleich ihr doch ausdrücklich auf Grund ihrer übermäßigen Erfahrungen die Wohltat der Verwirrung und Wunderlichkeit gewährt worden ist – und daß ich
Ihnen gesagt habe, ich wüßte sehr wohl, wie Sie es angefangen hätten, sie zu
ernüchtern? Ja, ich weiß es wohl, denn auch mich hindern Sie, mich gehen zu
lassen, auch mich ernüchtern Sie, immerwährend, durch alles, durch Ihre Worte,
durch Ihren Blick, durch Ihre Art zu sitzen und zu stehen, und es ist ganz
unmöglich, Vertrauen zu Ihnen zu haben. Ich habe Gelegenheit gehabt, Sie im
Verkehr mit anderen Leuten zu beobachten, aber ob es nun Doktor Sammet im
Dorotheen-Hospital oder Herr Stavenüter im Fasaneriegarten war, es war immer
dasselbe, und immer habe ich Kälte und Angst dabei empfunden. Sie halten sich
aufrecht und stellen Fragen, aber nicht aus Teilnahme, es ist Ihnen nicht um den
Inhalt der Frage zu tun, nein, um gar nichts ist es Ihnen zu tun, und nichts liegt
Ihnen am Herzen. Ich habe es oft gesehen – Sie sprechen, Sie äußern eine
Meinung, aber Sie könnten ganz ebensogut eine andere äußern, denn in
Wirklichkeit haben Sie keine Meinung und keinen Glauben, und auf nichts
kommt es Ihnen an als auf Ihre Prinzenhaltung. Sie sagen zuweilen, Ihr Beruf sei
nicht leicht, aber da Sie mich herausgefordert haben, so will ich Ihnen bemerken,
daß er Ihnen leichter fallen würde, wenn Sie eine Meinung und einen Glauben
hätten, Prinz – das ist meine Meinung und mein Glaube. Wie könnte man
Vertrauen zu Ihnen haben. Nein, es ist nicht Vertrauen, was Sie einflößen,
sondern Kälte und Befangenheit, und wenn ich mir auch Mühe gäbe, Ihnen
näherzukommen, so würde mich diese Art von Befangenheit und Unbeholfenheit
daran hindern – jetzt habe ich geantwortet.«
Er hatte ihr mit schmerzlicher Spannung zugehört, hatte mehrmals in ihr
bleiches Gesichtchen geblickt, während sie sprach, und dann wieder, wie sie die
Augen auf den Zügel gesenkt.
»Haben Sie Dank, Imma,« antwortete er nun, »daß Sie so ernst gesprochen
haben – denn Sie wissen wohl, daß Sie nicht immer so tun, sondern meistens nur
spottweise reden und auf Ihre Art die Dinge so wenig ernst nehmen, wie ich auf
die meine.«
»Wie soll man anders, als spöttisch, zu Ihnen reden, Prinz!«
»Und zuweilen sind Sie sogar hart und grausam, wie zum Beispiel gegen die
Schwester-Oberin im Dorotheen-Spital, die Sie so sehr in Verwirrung setzten.«
»Oh, ich weiß wohl, daß ich ebenfalls meine Fehler habe und jemanden nötig
hätte, der mir hülfe, sie abzulegen.«
»Der will ich sein, Imma, wir wollen einander helfen …«
»Ich glaube nicht, daß wir einander helfen können, Prinz.«
»Doch, wir können es. Haben Sie nicht eben schon ernst und ganz ohne Spott
geredet? Was aber mich betrifft, so haben Sie ja schon nicht mehr recht, wenn
Sie sagen, daß es mir um gar nichts zu tun sei und nichts mir am Herzen liege; denn um Sie, Imma, um Sie ist es mir zu tun, Sie liegen mir am Herzen, und da
es mir so unaussprechlich ernst mit der Sache ist, so kann es nicht fehlen, daß
ich endlich Ihr Vertrauen gewinne. Wüßten Sie, wie gerne ich das gehört habe,
was Sie von Mühegeben und Näherkommen sagten! Ja, geben Sie sich ein wenig
Mühe und lassen Sie sich niemals mehr von jener Art von Unbeholfenheit, oder
was es ist, verwirren, die Sie mir gegenüber so leicht empfinden! Ach, ich weiß
ja, weiß es so schrecklich gut, wie sehr ich schuld daran bin! Aber lachen Sie
mich aus und sich selbst, wenn ich Ihnen ein solches Gefühl erwecke und halten
Sie zu mir! Wollen Sie mir versprechen, daß Sie sich ein wenig Mühe geben
werden?«
Aber Imma Spoelmann versprach nichts, sondern bestand nun endlich auf
ihrem Galopp, und noch manche Unterredung blieb ohne Ergebnis wie diese.
Zuweilen, wenn Klaus Heinrich auf »Delphinenort« den Tee genommen hatte,
erging man sich im Park, der Prinz, Fräulein Spoelmann, die Gräfin und
Perceval. Der edle Collie hielt sich mit gesammelter Miene an Immas Seite und
Gräfin Löwenjoul zwei oder drei Schritte hinter den jungen Herrschaften. Denn
bald, nachdem man die Promenade angetreten, hatte sie sich einen Augenblick