Königliche Hoheit
Das Land
Das Land maß achttausend Quadratkilometer und zählte eine Million
Einwohner.
Ein schönes, stilles, unhastiges Land. Die Wipfel seiner Wälder rauschten
verträumt; seine Äcker dehnten und breiteten sich, treu bestellt; sein
Gewerbewesen war unentwickelt bis zur Dürftigkeit.
Es besaß Ziegeleien, es besaß ein wenig Salz- und Silberbergbau – das war
fast alles. Man konnte allenfalls noch von einer Fremdenindustrie reden, aber sie
schwunghaft zu nennen, wäre kühn gewesen. Die alkalischen Heilquellen, die in
unmittelbarer Nähe der Hauptstadt dem Boden entsprangen und den Mittelpunkt
freundlicher Badeanlagen bildeten, machten die Residenz zum Kurort. Aber
während das Bad um den Ausgang des Mittelalters von weither besucht gewesen
war, hatte sich später sein Ruf verloren, war von den Namen anderer übertönt
und in Vergessenheit gebracht worden. Die gehaltvollste seiner Quellen,
Ditlindenquelle genannt, ungewöhnlich reich an Lithiumsalzen, hatte man erst
kürzlich, unter der Regierung Johann Albrechts III., erschürft. Und da es an
einem nachdrücklichen und hinlänglich marktschreierischen Betriebe fehlte, war
es noch nicht gelungen, ihr Wasser in der Welt zu Ehren zu bringen. Man
versandte hunderttausend Flaschen davon im Jahr – eher weniger als mehr. Und
nicht viele Fremde reisten herbei, um es an Ort und Stelle zu trinken …
Alljährlich war im Landtage von »wenig« günstigen finanziellen Ergebnissen
der Verkehrsanstalten die Rede, womit ein durchaus und vollständig ungünstiges
Ergebnis bezeichnet und festgestellt werden sollte, daß die Lokalbahnen sich
nicht rentierten und die Eisenbahnen nichts abwarfen – betrübende, aber
unabänderliche und eingewurzelte Tatsachen, die der Verkehrsminister in
lichtvollen, aber immer wiederkehrenden Ausführungen mit den friedlichen
kommerziellen und gewerblichen Verhältnissen des Landes sowie mit der
Unzulänglichkeit der heimischen Kohlenlager erklärte. Krittler fügten dem etwas
von mangelhaft organisierter Verwaltung der staatlichen Verkehrsanstalten
hinzu. Aber Widerspruchsgeist und Verneinung waren nicht stark im Landtage; eine schwerfällige und treuherzige Loyalität war unter den Volksvertretern die
vorherrschende Stimmung.
Die Eisenbahnrente stand also unter den Staatseinkünften
privatwirtschaftlicher Natur keineswegs an erster Stelle; an erster Stelle stand in
diesem Wald- und Ackerlande seit alters die Forstrente. Daß auch sie gesunken,
in einem erschreckenden Maße zurückgegangen war, das zu rechtfertigen hatte
größere Schwierigkeiten, wiewohl nur zu ausreichende Gründe dafür vorhanden
waren.
Das Volk liebte seinen Wald. Es war ein blonder und gedrungener Typ mit
blauen, grübelnden Augen und breiten, ein wenig zu hoch sitzenden
Backenknochen, ein Menschenschlag, sinnig und bieder, gesund und
rückständig. Es hing an dem Wald seines Landes mit den Kräften seines
Gemütes, er lebte in seinen Liedern, er war den Künstlern, die es hervorbrachte,
Ursprung und Heimat ihrer Eingebungen, und nicht nur im Hinblick auf Gaben
des Geistes und der Seele, die er spendete, war er füglich der Gegenstand
volkstümlicher Dankbarkeit. Die Armen lasen ihr Brennholz im Walde, er
schenkte es ihnen, sie hatten es frei. Sie gingen gebückt, sie sammelten allerlei
Beeren und Pilze zwischen seinen Stämmen und hatten ein wenig Verdienst
davon. Das war nicht alles. Das Volk sah ein, daß sein Wald auf die
Witterungsbeschaffenheit und gesundheitlichen Verhältnisse des Landes vom
entscheidendsten günstigen Einfluß war; es wußte wohl, daß ohne den
prächtigen Wald in der Umgebung der Residenz der Quellengarten dort draußen
sich nie mit zahlenden Fremden füllen würde; und kurz, dies nicht sehr
betriebsame und fortgeschrittene Volk hätte begreifen müssen, daß der Wald den
wichtigsten Vorzug, den auf jede Art ergiebigsten Stammbesitz des Landes
bedeutete.
Dennoch hatte man sich am Walde versündigt, gefrevelt daran seit Jahren und
Menschenaltern. Der großherzoglichen Staatsforstverwaltung waren die
schwersten Vorwürfe nicht zu ersparen. Dieser Behörde gebrach es an der
politischen Einsicht, daß der Wald als ein unveräußerliches Gemeingut erhalten
und bewahrt werden mußte, wenn er nicht nur den gegenwärtigen, sondern auch
den kommenden Geschlechtern Nutzen gewähren sollte, und daß es sich rächen
mußte, wenn man ihn, uneingedenk der Zukunft, zugunsten der Gegenwart
maßlos und kurzsichtig ausbeutete.
Das war geschehen und geschah noch immer. Erstens hatte man große Flächen
des Waldbodens in ihrer Fruchtbarkeit erschöpft, indem man sie beständig in
übertriebener und planloser Weise ihres Streudüngers beraubt hatte. Man war
darin wiederholt so weit gegangen, daß man da und dort nicht nur die jüngst
gefallene Nadel- und Laubdecke, sondern den größten Teil des Abfalls von Jahren teils als Streu, teils als Humus entfernt und der Landwirtschaft überliefert
hatte. Es gab viele Forsten, die von aller Fruchterde entblößt waren; es gab
solche, die infolge Streurechens zu Krüppelbeständen entartet waren; und das
war bei Gemeindewaldungen sowohl wie bei Staatswaldungen zu beobachten.
Wenn man diese Nutzungen vorgenommen hatte, um einem augenblicklichen
Notstand der Landwirtschaft abzuhelfen, so waren sie schlecht und recht zu
entschuldigen gewesen. Aber obgleich es nicht an Stimmen fehlte, die einen auf
die Verwendung von Waldstreu gegründeten Ackerbau für unratsam, ja
gefährlich erklärten, so trieb man den Streuhandel auch ohne besonderen Anlaß
aus rein fiskalischen Gründen, wie man sagte, aus Gründen also, die bei Lichte
betrachtet nur ein Grund und Zweck waren, der nämlich, Geld zu machen. Denn
das Geld war's, woran es fehlte. Aber um welches zu schaffen, vergriff man sich
unablässig am Kapital, bis der Tag kam, da man mit Schrecken ersah, daß eine
ungeahnte Entwertung dieses Kapitals eingetreten sei.
Man war ein Bauernvolk, und in einem verkehrten, künstlichen und
unangemessenen Eifer glaubte man zeitgemäß zu sein und rücksichtslosen
Geschäftsgeist an den Tag legen zu müssen. Ein Merkmal war die
Milchwirtschaft … es ist hier ein Wort darüber zu sagen. Klage ward laut, zumal
in den amtsärztlichen Jahresberichten, daß ein Rückgang in der Ernährungsweise
und also in der Entwicklung der ländlichen Bevölkerung zu beobachten sei. Wie
das? Die Viehbesitzer waren versessen darauf, alle verfügbare Vollmilch zu
Gelde zu machen. Die gewerbliche Ausbildung der Milchverwertung, die
Entwicklung und Ergiebigkeit des Molkereiwesens verlockte sie, das Bedürfnis
des eigenen Haushaltes hintanzustellen. Die kräftige Milchnahrung ward selten
auf dem Lande, und an ihre Stelle trat mehr und mehr der Genuß von
gehaltarmer Magermilch, von minderwertigen Ersatzmitteln, Pflanzenfetten und
leider auch von weingeisthaltigen Getränken. Die Krittler sprachen von einer
Unterernährung, ja geradezu von einer körperlichen und sittlichen Entkräftung
der Landbevölkerung, sie brachten die Tatsachen vor die Kammer, und die
Regierung versprach, der Sache ernste Aufmerksamkeit zuzuwenden.
Aber es war allzu klar, daß die Regierung im Grund von demselben Geiste
beseelt war wie die irregeführten Viehbesitzer. Im Staatswalde nahmen die
Überhauungen kein Ende, sie waren nicht wieder einzubringen und bedeuteten
eine fortschreitende Minderung des öffentlichen Besitzstandes. Sie mochten
zuweilen nötig gewesen sein, wenn Schädlinge den Wald heimgesucht hatten,
aber oft genug waren sie einzig und allein aus den angeführten fiskalischen
Gründen verfügt worden, und statt die aus den Fällungen erzielten Einnahmen
zum Ankaufe neuer Forstgrundstücke zu benutzen, statt auch nur die
abgehauenen Flächen so rasch als möglich wieder aufzuforsten, statt, mit einem Worte, den Schaden, der dem Staatswalde an seinem Kapitalwert erwachsen war,
auch an seinem Kapitalwerte wieder gutzumachen, hatte man die flüssig
gemachten Gelder zur Deckung laufender Ausgaben und zur Einlösung von
Schuldverschreibungen verbraucht. Nun schien gewiß, daß eine Verringerung
der Staatsschuld nur zu wünschenswert sei; aber die Krittler meinten, die Zeiten
seien nicht danach angetan, daß man außerordentliche Einkünfte zur Speisung
der Tilgungskasse verwenden dürfe.
Wer kein Interesse daran hatte, die Dinge zu beschönigen, mußte die
Staatsfinanzen zerrüttet nennen. Das Land trug sechshundert Millionen Schulden
– es schleppte daran mit Geduld, mit Opfermut, aber mit innerlichem Seufzen.
Denn die Bürde, an sich viel zu schwer, wurde verdreifacht durch eine Höhe des
Zinsfußes und durch Rückzahlungsbedingungen, wie sie einem Lande mit
erschüttertem Kredit vorgeschrieben werden, dessen Obligationen tief, tief im
Kurse stehen und das in der Welt der Geldgeber beinahe schon unter die
»interessanten« Länder gerechnet wird.
Die Reihe der schlechten Finanzperioden war unabsehbar. Die Ära der
Fehlbeträge schien ohne Anfang und Ende. Und eine Mißwirtschaft, an der
durch häufigen Personenwechsel nichts gebessert wurde, sah im Borgen die
alleinige Heilmethode gegen das schleichende Leiden. Noch Finanzminister von
Schröder, dessen reiner Charakter und edle Absichten nicht in Zweifel gezogen
werden sollen, erhielt vom Großherzog dafür den persönlichen Adel, daß er
unter den schwierigsten Umständen eine neue hochverzinsliche Anleihe zu
placieren gewußt hatte. Er war von Herzen auf eine Hebung des Staatskredits
bedacht; aber da er sich nicht anders zu helfen wußte, als indem er neue
Schulden machte, während er alte tilgte, so erwies sich sein Verfahren als ein
wohlgemeintes, aber kostspieliges Blendwerk. Denn beim gleichzeitigen
Aufkauf und Verkauf von Schuldscheinen zahlte man einen höheren Preis als
man erhielt, und dabei gingen Millionen verloren.
Es war, als ob dies Volk nicht imstande sei, einen Finanzmann von irgend
zulänglicher Begabung aus seiner Mitte emporzuheben. Anstößige Praktiken und
Vertuschungsmittelchen waren zuzeiten im Schwange. In der Aufstellung des
Budgets war der ordentliche vom außerordentlichen Staatsbedarf nicht mehr klar
zu unterscheiden. Man spielte ordentliche Posten unter die außerordentlichen
und täuschte sich selbst und die Welt über den wahren Stand der Dinge, indem
man Anleihen, die vorgeblich für außerordentliche Zwecke gemacht waren, zur
Deckung des Defizits im ordentlichen Etat verwandte … Eine Zeitlang war
tatsächlich der Inhaber des Finanzportefeuilles ein ehemaliger Hofmarschall.
Doktor Krippenreuther, der gegen Ende der Regierung Johann Albrechts III.
ans Ruder kam, war derjenige Minister, welcher, gleich Herrn von Schröder, von der Notwendigkeit eifriger Schuldentilgung überzeugt, im Parlament eine letzte
und äußerste Anspannung des Steuerdruckes durchsetzte. Aber das Land,
steueruntüchtig von Natur, stand an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit, und
Krippenreuther erntete lediglich Haß. Was er vornahm, war nichts als eine
Vermögensübertragung von einer Hand in die andere, die sich obendrein mit
Verlust vollzog; denn mit der Steuererhöhung lud man der heimischen
Volkswirtschaft eine Last auf, die schwerer und unmittelbarer drückte als jene,
die man ihr durch die Schuldentilgung abnahm …
Wo also war Abhilfe und Heilung? Ein Wunder, schien es, sei nötig – und, bis
es geschähe, die unerbittlichste Sparsamkeit. Das Volk war fromm und treu, es
liebte seine Fürsten wie sich selbst, es war von der Erhabenheit der
monarchischen Idee durchdrungen, es sah einen Gottesgedanken darin. Aber die
wirtschaftliche Beklemmung war zu peinlich, zu allgemein fühlbar. Zum
Unbelehrtesten redeten die abgeholzten und verkrüppelten Waldbestände eine
klägliche Sprache. Und so hatte es geschehen können, daß im Landtage
wiederholt auf Abstriche an der Zivilliste, auf Verkürzung der Apanagen und der
Krondotation gedrungen worden war.
Die Zivilliste betrug eine halbe Million, die Einkünfte aus dem der Krone zu
eigen gebliebenen Dominialbesitz beliefen sich auf
siebenhundertundfünfzigtausend Mark. Das war alles. Und der Hof war
verschuldet – in welchem Maße, das wußte vielleicht Graf Trümmerhauff, der
großherzogliche Finanzdirektor, ein formvoller, aber für geschäftliche Dinge
ganz und gar unbegabter Herr. Johann Albrecht wußte es nicht, gab sich
wenigstens den Anschein, es nicht zu wissen, und befolgte darin genau das
Beispiel seiner Vorfahren, die ihre Schulden selten einer mehr als flüchtigen
Aufmerksamkeit gewürdigt hatten.
Der ehrfürchtigen Gesinnung des Volkes entsprach ein außerordentliches
Hoheitsgefühl seiner Fürsten, das zuweilen schwärmerische, ja überreizte
Formen angenommen und sich am sichtbarsten und – bedenklichsten zu allen
Zeiten als ein Hang zum Aufwand und zur rücksichtslosen, die Hoheit sinnfällig
darstellenden Prunkentfaltung geäußert hatte. Ein Grimmburger hatte
ausdrücklich den Beinamen des »Üppigen« geführt – verdient hätten ihn fast
alle. Und so war die Verschuldung des Hauses eine geschichtliche und
altüberlieferte Verschuldung, die in jene Zeiten zurückwies, wo noch alle
Anleihen Privatangelegenheiten der Souveräne gewesen waren, und wo Johann
der Gewalttätige, um ein Darlehen zu erhalten, die Freiheit angesehener
Untertanen verpfändet hatte.
Das war vorbei; und Johann Albrecht III., seinen Trieben nach ein
echtgeborener Grimmburger, war schlechterdings nicht mehr in der Lage, diesen Trieben freien Lauf zu lassen. Seine Väter hatten mit dem Familienvermögen
gründlich aufgeräumt, es war gleich Null oder glich nicht viel mehr, es war für
den Bau von Lustschlössern, mit französischen Namen und Marmorkolonnaden,
für Parks mit Wasserkünsten, für pomphafte Oper und jederlei goldene
Schaustellung aufgegangen. Man mußte rechnen, und sehr gegen die Neigung
des Großherzogs, ja ohne sein Zutun, war die Hofhaltung allmählich auf
kleineren Fuß gesetzt worden.
Über die Lebensführung der Prinzessin Katharina, der Schwester des
Großherzogs, sprach man in der Residenz in gerührtem Tone. Sie war mit einem
Kognaten des im Nachbarlande regierenden Hauses vermählt gewesen, war,
verwitwet, in die Hauptstadt ihres Bruders zurückgekehrt und bewohnte mit
ihren rotköpfigen Kindern das ehemalige erbgroßherzogliche Palais an der
Albrechtsstraße, vor dessen Portal den ganzen Tag mit Kugelstab und Bandelier
ein riesiger Türhüter in prahlerischer Haltung stand und in dessen Innerem es so
außerordentlich gemäßigt zuging …
Prinz Lambert, des Großherzogs Bruder, kam wenig in Betracht. Er lag mit
seinen Geschwistern, die ihm seine Mißheirat nicht verziehen, in Unfrieden und
ging kaum zu Hofe. Mit seiner Gemahlin, die ehemals ihre Pas auf der Bühne
des Hoftheaters vollführt hatte und, nach dem Namen eines Gutes, das der Prinz
besaß, den Titel einer Freifrau von Rohrdorf führte, lebte er in seiner Villa am
Stadtgarten, und dem hageren Sportsmann und Theaterhabitué standen seine
Schulden zu Gesichte. Er hatte sich seines Hoheitsscheines begeben, trat ganz
als Privatmann auf, und wenn sein Hauswesen im Rufe einer liederlichen
Dürftigkeit stand, so erregte das nicht viel Teilnahme.
Aber im Alten Schlosse selbst hatten Veränderungen stattgefunden,
Einschränkungen, die in Stadt und Land besprochen wurden, und zwar zumeist
in einem ergriffenen und schmerzlichen Sinne, denn im Grunde wünschte das
Volk, sich stolz und herrlich dargestellt zu sehen. Man hatte um der Ersparnis
willen verschiedene Oberhofämter in eines zusammengezogen, und seit
mehreren Jahren war Herr von Bühl zu Bühl Oberhofmarschall,
Oberzeremonienmeister und Hausmarschall in einer Person. Man hatte
weitgehende Entlassungen im Offizendienst und der Hoflivree, unter den
Furieren, Büchsenspannern und Bereitern, den Hofköchen und Konfektmeistern,
den Kammer- und Hoflakaien vorgenommen. Man hatte den Bestand des
Marstalles auf das Notwendigste herabgesetzt … Was verschlug das? Des
Großherzogs Geldverachtung empörte sich gegen den Zwang in plötzlichen
Ausbrüchen, und während die Bewirtung bei den Hoffestlichkeiten die äußerste
Grenze erlaubter Einfachheit erreichte, während zum Souper am Schlusse der
Donnerstagkonzerte im Marmorsaal ohne Abwechslung nichts als Roastbeef in
Remouladensoße und Gefrorenes auf den roten Sammetdecken der goldbeinigen
Tischchen serviert wurde, während an des Großherzogs eigener von
Wachskerzen strotzender Tafel alltäglich gespeist wurde wie in einer mittleren
Beamtenfamilie, warf er trotzig die Einkunft eines Jahres für die
Wiederherstellung der Grimmburg hin.
Aber unterdessen verfielen seine übrigen Schlösser. Herrn von Bühl standen
einfach nicht die Mittel zur Verfügung, ihre Verwahrlosung zu verhindern. Und
doch war es schade um manche davon. Die, welche in der weiteren Umgebung
der Residenz und draußen im Lande gelegen waren, diese zierlich üppigen, in
Naturschönheit eingebetteten Refugien, deren kokette Namen auf Ruhe,
Einsamkeit, Vergnügen, Zeitvertreib und Sorglosigkeit hindeuteten oder eine
Blume, ein Kleinod bezeichneten, bildeten Ausflugsorte für die Residenzler und
die Fremden und warfen an Eintrittsgeldern dies und jenes ab, was zuweilen –
nicht immer – für ihre Instandhaltung benutzt wurde. Bei denen jedoch, die in
unmittelbarer Nähe der Hauptstadt lagen, war das kaum der Fall. Da war das
Empire-Schlößchen Eremitage, das am Rande der nördlichen Vorstadt so
verschwiegen und anmutig-streng, aber längst unbewohnt und vernachlässigt
inmitten seines wuchernden Parkes, der in den Stadtgarten überging, zu seinem
kleinen, von Schlamm starrenden Teich hinüberblickte. Da war Schloß
Delphinenort, welches nur eine Viertelstunde Weges von dort, im nördlichen
Teile des Stadtgartens selbst, der ehemals ganz der Krone gehört hatte, seine
Ungepflegtheit in einem ungeheuren, viereckigen Springbrunnenbecken
spiegelte: mit beiden stand es bejammernswert. Daß namentlich Delphinenort,
dieses erlauchte Bauwerk, Frühbarock im Geschmack, mit dem vornehmen Säulenaufbau seines Portals, seinen hohen, in kleine, weiß gerahmte Scheiben
geteilten Fenstern, seinen gemetzten Laubgewinden, seinen römischen Büsten in
den Nischen, seinem splendiden Treppenaufgang, seiner ganzen gehaltenen
Pracht auf immer, wie es schien, dem Verfall überlassen bleiben sollte, war der
Schmerz aller Liebhaber baukünstlerischer Schönheit, und als es eines Tages
infolge unvorhergesehener, ja abenteuerlicher Umstände wieder zu Ehren und
Jugend gelangte, erweckte das in diesen Kreisen jedenfalls allgemeine
Genugtuung … Übrigens war von Delphinenort in fünfzehn oder zwanzig
Minuten der Quellengarten zu erreichen, der ein wenig nordwestlich zur Stadt
gelegen und mit ihrem Zentrum durch eine direkte Trambahnlinie verbunden
war.
In der Benutzung der großherzoglichen Familie standen allein Schloß
Hollerbrunn, die Sommerresidenz, ein Trakt von weißen Gebäuden mit
chinesischen Dächern, jenseits der Hügelkette, welche die Hauptstadt umringte,
kühl und angenehm am Flusse gelegen und berühmt durch die Fliederhecken
seines Parks; ferner Schloß Jägerpreis, das völlig in Efeu gehüllte Jagdhaus
inmitten der westlichen Waldungen; und endlich das Stadtschloß selbst, das
»Alte« genannt, obgleich es durchaus kein neues gab.
Es hieß so, ohne Vergleich, nur eben um seines Alters willen, und die Krittler
fanden, daß seine Auffrischung dringlicher gewesen wäre als die der
Grimmburg. Verblichenheit und Zerschlissenheit herrschte bis in die Räume
hinein, die unmittelbar der Repräsentation und der hohen Familie zum
Aufenthalt dienten, zu schweigen von den vielen unbewohnten und unbenutzten,
die in den ältesten Gegenden des vielfältigen Gebäudes lagen, und in denen es
nichts als Erblindung und Fliegenschmutz gab. Seit einiger Zeit war dem
Publikum der Zutritt versagt – eine Maßnahme, die offenbar in Hinsicht auf den
anstößigen Zustand des Schlosses getroffen war. Aber Leute, die Einblick hatten,
Lieferanten und Personal, gaben an, daß aus mehr als einem stolzen und steifen
Möbelstück das Seegras hervorgucke.
Das Schloß bildete zusammen mit der Hofkirche einen grauen,
unregelmäßigen und unübersichtlichen Komplex mit Türmen, Galerien und
Torwegen, halb Festung, halb Prunkgebäude. Verschiedene Zeitalter hatten an
seiner Ausgestaltung gearbeitet, und große Partien waren baufällig, verwittert,
schadhaft, zum Bröckeln geneigt. Es fiel steil ab zum westlichen, tiefer
gelegenen Stadtteil, zugänglich von dort auf brüchigen, von rostigen
Eisenstangen zusammengehaltenen Stufen. Aber dem Albrechtsplatz war das
gewaltige, von kauernden Löwen bewachte Hauptportal zugewandt, zu dessen
Häupten ein frommes, trotziges Wort: »Turris fortissima nomen Domini«, halb
nur noch leserlich, eingemeißelt stand. Hier war Wache und Schilderhaus, Ablösung, Trommeln, Parade und Auflauf von Gassenbuben …
Das Alte Schloß besaß drei Höfe, in deren Ecken sich schöne Treppentürme
erhoben und zwischen deren Basaltfliesen übrigens meistens allzuviel Unkraut
sproß. Aber inmitten des einen Hofes stand der Rosenstock – stand dort von
jeher in einem Beet, obgleich sonst keine gärtnerischen Anlagen vorhanden
waren. Es war ein Rosenstock wie andere mehr, ein Kastellan wartete ihn, er
ruhte im Schnee, er empfing Regen und Sonnenschein, und kam die Zeit, so trieb
er Rosen. Es waren außerordentlich herrliche Rosen, edelgeformt, mit
dunkelrotsamtenen Blättern, eine Lust zu sehen und wahre Kunstwerke der
Natur. Aber diese Rosen besaßen eine seltsame und schauerliche
Eigentümlichkeit: sie dufteten nicht! Sie dufteten dennoch, aber aus unbekannten
Gründen war es nicht Rosenduft, was sie ausströmten, sondern Moderduft – ein
leiser, aber vollkommen deutlicher Duft nach Moder. Jedermann wußte das, es
stand im Reiseführer, und die Fremden kamen in den Schloßhof, um sich mit
eigener Nase davon zu überzeugen. Auch ging ein populäres Gerede, da oder
dort stehe geschrieben, daß irgendwann einmal, an einem Tage der Freude und
der öffentlichen Glückseligkeit, die Blüten des Rosenstockes auf die natürlichste
und lieblichste Art zu duften beginnen würden.
Übrigens war es begreiflich und unvermeidlich, daß die Einbildungskraft des
Volkes durch den sonderbaren Rosenstock gereizt wurde. Sie wurde es auf
ähnliche Art durch die »Eulenkammer« im Alten Schlosse, die eine
Polterkammer sein sollte. Sie lag an gänzlich unverfänglicher Stelle, nicht weit
von den »Schönen Zimmern« und dem »Rittersaal«, wo die Herren des Hofes
sich zur großen Cour zu versammeln pflegten, und also in einem vergleichsweise
neuen Teil des Gebäudes. Aber es sollte nicht geheuer dort sein, und zwar
insofern, als zuweilen ein Rumoren und Lärmen darin entstand, das außerhalb
des Gemaches nicht zu vernehmen und dessen Ursprung unerfindlich war. Man
schwor, daß es spukhafter Herkunft sei, und viele behaupteten, daß es sich
vornehmlich vor wichtigen und entscheidenden Ereignissen in der
großherzoglichen Familie bemerkbar mache – ein ziemlich unbewiesenes
Gemunkel, das selbstverständlich nicht ernster zu nehmen war als andere
volkstümliche Erzeugnisse einer historischen und dynastischen Stimmung, wie
zum Beispiel eine gewisse dunkle Prophezeiung, die über hundert Jahre hinweg
überliefert worden war, und die in diesem Zusammenhange Erwähnung finden
mag. Sie war von einer alten Zigeunerin ausgegangen und lautete dahin, daß
durch einen Fürsten »mit einer Hand« dem Lande das größte Glück zuteil
werden werde. »Er wird«, hatte dies zottige Weib gesagt, »dem Land mit einer
Hand mehr geben, als andere mit zweien nicht vermöchten.« – So stand der
Ausspruch aufgezeichnet, und so wurde er gelegentlich angeführt.
Aber um das Alte Schloß lag die Residenz, bestehend aus Altstadt und
Neustadt, mit ihren öffentlichen Gebäuden, Monumenten, Brunnen und Anlagen,
ihren Straßen und Plätzen, welche die Namen von Fürsten, Künstlern, verdienten
Staatsmännern und ausgezeichneten Bürgern trugen, in zwei sehr ungleiche
Hälften geteilt durch den mehrfach überbrückten Fluß, der in großer Schleife das
südliche Ende des Stadtgartens umging und sich zwischen den umringenden
Hügeln verlor … Die Stadt war Universität, sie besaß eine Hochschule, die nicht
sehr besucht war, und an der ein beschauliches und ein wenig altmodisches
Gelehrtentum herrschte; einzig der Professor für Mathematik, Geheimrat
Klinghammer, genoß in der Welt der Wissenschaft bedeutenden Ruf … Das
Hoftheater, wiewohl kärglich dotiert, hielt sich auf anständiger Höhe der
Leistung … Es gab ein wenig musikalisches, literarisches und künstlerisches
Leben … Einiger Zuzug von Fremden fand statt, die an der gemessenen
Lebensführung, den geistigen Darbietungen der Residenz teilzunehmen
wünschten, begüterte Kranke darunter, die dauernd die Villen in der Umgebung
des Quellengartens bewohnten und als fähige Steuerzahler von Staat und
Gemeinde in Ehre gehalten wurden …
Das war die Stadt; das war das Land. Das war die Lage.