Königliche Hoheit

Thomas Mann · Kapitel 3 von 11

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Königliche Hoheit

Die Hemmung

 

Schüsse wurden gelöst, als auf den verschiedenen Verständigungswegen der

Neuzeit in die Residenz die Nachricht gelangte, daß auf Grimmburg die

Großherzogin Dorothea zum zweiten Male von einem Prinzen entbunden sei. Es

waren zweiundsiebzig Schüsse, die über Stadt und Land hinrollten, abgefeuert

von militärischer Seite auf dem Wall der »Zitadelle«. Gleich darauf kanonierte

auch die Feuerwehr mit den städtischen Salutgeschützen, um nicht

zurückzustehen; aber es entstanden lange Pausen dabei zwischen einzelnen

Detonationen, was viel Heiterkeit in der Bevölkerung erregte.

Die Grimmburg beherrschte von einem buschigen Hügel das malerische

Städtchen des gleichen Namens, das seine grauen Schrägdächer in dem

vorüberfließenden Stromarm spiegelte und von der Hauptstadt in halbstündiger

Fahrt mit einer unrentablen Lokalbahn zu erreichen war. Sie stand dort oben, die

Burg, in grauen Tagen vom Markgrafen Klaus Grimmbart, dem Ahnherrn des

Fürstengeschlechts, trotzig erbaut, mehrmals seither verjüngt und instand

gesetzt, mit den Bequemlichkeiten der wechselnden Zeiten versehen, stets

wohnlich gehalten und als Stammsitz des Herrscherhauses, als Wiege der

Dynastenfamilie auf eine besondere Weise geehrt. Denn das Hausgesetz und

Herkommen bestand, daß alle direkten Nachkommen des Grimmbartes, alle

Kinder des jeweils regierenden Paares hier geboren werden mußten. Diese

Überlieferung war nicht wohl außer acht zu lassen. Das Land hatte geistesklare

und leugnerische Souveräne gesehen, die ihren Spott daran geübt hatten, und

dennoch hatten sie sich ihr achselzuckend gefügt. Nun war es längst zu spät

geworden, noch davon abzugehen. Vernünftig und zeitgemäß oder nicht –

warum denn ohne Not mit einer ehrwürdigen Gepflogenheit brechen, die sich

gewissermaßen bewährt hatte? Im Volke stand fest, daß etwas daran sei.

Zweimal im Wandel von fünfzehn Generationen hatten Kinder regierender

Herren infolge irgendwelcher Zufälligkeiten auf andern Schlössern das Licht

erblickt: mit beiden hatte es ein unnatürliches und nichtswürdiges Ende

genommen. Aber von Heinrich dem Bußfertigen und Johann dem Gewalttätigen nebst ihren lieblichen und stolzen Schwestern bis auf Albrecht, den Vater des

Großherzogs, und diesen selbst, Johann Albrecht III., waren alle Souveräne des

Landes und ihre Geschwister hier zur Welt gebracht worden, und vor sechs

Jahren war Dorothea mit ihrem ersten Sohne, dem Erbgroßherzog, hier

niedergekommen …

Übrigens war das Stammschloß ein Zufluchtsort, so würdig als friedevoll. Als

Sommersitz mochte man ihm, der Kühle seiner Gemächer, des schattigen Reizes

seiner Umgebung wegen, sogar vor dem steif-lieblichen Hollerbrunn den Vorzug

geben. Der Aufstieg vom Städtchen, jene ein wenig grausam gepflasterte Gasse

zwischen ärmlichen Heimstätten und einer geborstenen Mauerbrüstung, durch

massige Torwege bis zu der uralten Schenke und Fremdenherberge am Eingang

zum Burghof, in dessen Mitte das Steinbild Klaus Grimmbarts, des Erbauers,

stand, war pittoresk, ohne bequem zu sein. Aber ein ansehnlicher Parkbesitz

bedeckte den Rücken des Schloßberges und leitete auf gemächlichen Wegen

hinab in das waldige und sanft gewellte Gelände, das voller Gelegenheit zu

Wagenfahrten und stillem Lustwandeln war.

Das Innere der Burg angehend, so war es zuletzt noch zu Beginn der

Regierung Johann Albrechts III. einer umfassenden Auffrischung und

Verschönerung unterzogen worden – mit einem Kostenaufwand, der viel Gerede

hervorgerufen hatte. Die Einrichtung der Wohngemächer war in einem zugleich

ritterlichen und behaglichen Stil ergänzt und erneuert, die Wappenfliesen des

»Gerichtssaales« waren genau nach dem Muster der alten wiederhergestellt

worden. Die Vergoldung der verschmitzten, in vielfachen Spielarten

wechselnden Kreuzbogengewölbe zeigte sich glänzend aufgemuntert, alle

Gemächer waren mit Parkett ausgestattet, und der große sowohl wie der kleine

Bankettsaal war durch die Künstlerhand des Professors von Lindemann, eines

hervorragenden Akademikers, mit großen Wandmalereien geschmückt worden,

Darstellungen aus der Geschichte des landesherrlichen Hauses, angefertigt in

einer leuchtenden und glatten Manier, die fernab und ohne Ahnung von den

unruhigen Bedürfnissen jüngerer Schulen war. Es fehlte an nichts. Da die alten

Kamine und seltsam bunten, in runden Terrassen sich deckenhoch aufbauenden

Öfen der Burg nicht wohl verwendbar waren, so hatte man, im Hinblick auf die

Möglichkeit eines winterlichen Aufenthaltes, sogar Anthrazitöfen gesetzt.

Aber am Tage der zweiundsiebzig Schüsse war beste Jahreszeit, Spätfrühling,

Frühsommer, Junianfang, ein Tag nach Pfingsten. Johann Albrecht, in aller

Frühe telegraphisch benachrichtigt, daß gegen Morgen die Geburt begonnen

habe, traf um acht mit der unrentablen Lokalbahn auf Station Grimmburg ein,

von drei oder vier offiziellen Persönlichkeiten, dem Bürgermeister, dem

Amtsrichter, dem Pastor, dem Arzt des Städtchens, mit Segenswünschen empfangen, und begab sich sofort zu Wagen auf die Burg. In der Begleitung des

Großherzogs langten der Staatsminister Doktor Baron Knobelsdorff und der

Generaladjutant General der Infanterie Graf Schmettern an. Ein wenig später

fanden sich noch zwei oder drei Minister, der Hofprediger

Oberkirchenratspräsident D. Wislizenus, ein paar Herren mit Hof- und

Oberhofchargen und ein noch jugendlicher Adjutant, Hauptmann von Lichterloh,

auf dem Stammschloß ein. Obwohl der großherzogliche Leibarzt, Generalarzt

Doktor Eschrich, sich bei der Wöchnerin befand, hatte Johann Albrecht die

Laune, den jungen Ortsarzt, einen Doktor Sammet, der obendrein jüdischer

Abstammung war, aufzufordern, ihn auf die Burg zu begleiten. Der schlichte,

arbeitsame und ernste Mann, der alle Hände voll zu tun hatte und sich solche

Auszeichnung nicht vermutend gewesen war, stammelte mehrmals: »Ganz gern

… ganz gern …«, was einiges Lächeln hervorrief.

Der Großherzogin diente als Schlafzimmer die »Brautkemenate«, ein

fünfeckiges, sehr bunt ausgemaltes Gemach, welches, im ersten Stockwerk

gelegen, durch sein feierliches Fenster eine prangende Fernsicht über Wälder,

Hügel und die Windungen des Stromes bot und rings mit einem Fries von

medaillonförmigen Porträts geziert war, Bildnissen fürstlicher Bräute, die hier in

alten Tagen des Gebieters geharrt hatten. Dort lag Dorothea; ein breites und

starkes Band war um das Fußende ihres Bettes geschlungen, daran sie sich hielt

wie ein Kind, das Kutschieren spielt, und ihr schöner, üppiger Körper tat harte

Arbeit. Doktorin Gnadebusch, die Hebamme, eine sanfte und gelehrte Frau mit

kleinen feinen Händen und braunen Augen, die durch runde und dicke

Brillengläser einen mysteriösen Glanz erhielten, unterstützte die Fürstin, indem

sie sagte:

»Nur fest, nur fest, Königliche Hoheit … Es geht geschwinde … Es geht ganz

leicht … Das zweitemal … das ist nichts … Geruhen: die Knie auseinander …

Und stets das Kinn auf die Brust …«

Eine Wärterin, gleich ihr in ein weißes Leinen gekleidet, half ebenfalls und

ging in den Pausen auf leisen Sohlen mit Gefäßen und Binden umher. Der

Leibarzt, ein finsterer, schwarzgraubärtiger Mann, dessen linkes Augenlid

gelähmt schien, überwachte die Geburt. Er trug den Operationsmantel über

seiner Generalarzt-Uniform. Zuweilen erschien in der Kemenate, um sich vom

Fortschreiten der Entbindung zu überzeugen, Dorotheas vertraute

Oberhofmeisterin, Freifrau von Schulenburg-Tressen, eine beleibte und

asthmatische Dame von unterstrichen spießbürgerlichem Äußern, die jedoch auf

den Hofbällen eine Welt von Busen zu entblößen pflegte. Sie küßte ihrer Herrin

die Hand und kehrte zurück in ein entlegenes Gemach, wo ein paar magere

Schlüsseldamen mit dem diensttuenden Kammerherrn der Großherzogin, einem Grafen Windisch, plauderten. – Doktor Sammet, der das Linnengewand wie

einen Domino über seinen Frack gezogen hatte, verharrte in bescheidener und

aufmerksamer Haltung am Waschtisch.

Johann Albrecht hielt sich in einem zur Arbeit und Kontemplation

einladenden Gewölbe auf, das von der »Brautkemenate« nur durch das

sogenannte Frisierkabinett und einen Durchgangsraum getrennt war. Es führte

den Namen einer Bibliothek, im Hinblick auf mehrere handschriftliche

Folianten, die schräg auf dem wuchtigen Schranke lehnten und die Geschichte

der Burg enthielten. Das Gemach war als Schreibzimmer eingerichtet. Globen

schmückten die Wandborte. Durch das Bogenfenster, das geöffnet stand, wehte

der starke Wind der Höhe. Der Großherzog hatte sich Tee servieren lassen,

Kammerdiener Prahl hatte selbst das Geschirr gebracht; aber es stand vergessen

auf der Platte des Sekretärs, und Johann Albrecht schritt in einem rastlosen,

unangenehm angespannten Zustande von einem Winkel in den anderen. Sein

Gang war vom unaufhörlichen Knarren seiner Lackstiefel begleitet. –

Flügeladjutant von Lichterloh horchte darauf, indem er sich in dem beinahe

leeren Durchgangszimmer langweilte.

Die Minister, der Generaladjutant, der Hofprediger und die Hofchargen, neun

oder zehn Herren, warteten in den Repräsentationsräumen des Hoch-

Erdgeschosses. Sie wanderten durch den großen und den kleinen Bankettsaal,

wo zwischen den Lindemannschen Gemälden Arrangements von Fahnen und

Waffen hingen; sie lehnten an den schaftartigen Pfeilern, die sich über ihnen zu

bunten Gewölben entfalteten; sie standen vor den deckenhohen und schmalen

Fenstern und blickten durch die in Blei gefaßten Scheibchen hinab über Fluß und

Städtchen; sie saßen auf den Steinbänken, die um die Wände liefen, oder auf

Sesseln vor den Kaminen, deren gotische Dächer von lächerlich kleinen gebückt

schwebenden und fratzenhaften Kerlchen aus Stein getragen wurden. Der heitere

Tag machte den Tressenbesatz der Uniformen, die Ordenssterne auf den

wattierten Brustwölbungen, die breiten Goldstreifen an den Beinkleidern der

Würdenträger erglitzern.

Man unterhielt sich schlecht. Beständig hoben sich Dreimaster und

weißbekleidete Hände vor Münder, die sich krampfhaft öffneten. Fast alle

Herren hatten Tränen in den Augen. Mehrere hatten nicht Zeit gefunden zu

frühstücken. Einige suchten Zerstreuung, indem sie das Operationsbesteck und

das kugelförmige, in Leder gehüllte Chloroformgefäß, das Generalarzt Eschrich

hier für alle Fälle niedergelegt hatte, einem furchtsamen Studium unterzogen.

Nachdem Oberhofmarschall von Bühl zu Bühl, ein starker Mann mit

schwänzelnden Bewegungen, einem braunen Tupee, goldenem Zwicker und

langen gelben Fingernägeln, in seiner abgerissen plappernden Art mehrere Geschichten erzählt hatte, machte er in einem Lehnstuhl von seiner Gabe

Gebrauch, mit offenen Augen zu schlafen – reglosen Blicks und in bester

Haltung das Bewußtsein von Zeit und Raum zu verlieren, ohne die Würde des

Ortes im mindesten zu verletzen.

Doktor von Schröder, Minister der Finanzen und der Landwirtschaft, hatte an

diesem Tage ein Gespräch mit dem Staatsminister Doktor Baron Knobelsdorff,

Minister des Inneren, des Äußeren und des großherzoglichen Hauses. Es war

eine sprunghafte Plauderei, die mit einer Kunstbetrachtung anhob, zu

finanziellen und ökonomischen Fragen überging, eines hohen Hofbeamten in

ziemlich abfälligem Sinne gedachte und sich auch mit den Personen der

allerhöchsten Herrschaften beschäftigte. Sie begann, als die Herren, die Hände

mit ihren Hüten auf dem Rücken, vor einem der Gemälde im Großen

Bankettsaal standen, und beide dachten mehr dabei, als sie aussprachen. Der

Finanzminister sagte: »Und dies? Was ist das? Was passiert da? Exzellenz sind

so orientiert …«

»Oberflächlich. Es ist die Belehnung zweier jugendlicher Prinzen des Hauses

durch ihren Oheim, den römischen Kaiser. Exzellenz sehen da die beiden jungen

Herren knien und in großer Zeremonie ihren Eid auf das Schwert des Kaisers

leisten …«

»Schön, ungewöhnlich schön! Welche Farben! Blendend. Was für reizende

goldene Locken die Prinzen haben! Und der Kaiser … es ist der Kaiser, wie er

im Buche steht! Ja, dieser Lindemann verdient die Auszeichnungen, die ihm

zuteil geworden sind.«

»Durchaus. Die ihm zuteil geworden sind, die verdient er.«

Doktor von Schröder, ein langer Mann mit weißem Bart, einer zart gebauten

goldenen Brille auf der weißen Nase, einem kleinen Bauch, der sich unvermittelt

unter dem Magen erhob, und einem Wulstnacken, der den gestickten Stehkragen

seines Fracks überquoll, blickte, ohne die Augen von dem Bilde zu wenden, ein

wenig zweifelhaft drein, von einem Mißtrauen berührt, das ihn zuzeiten im

Gespräch mit dem Baron überkam. Dieser Knobelsdorff, dieser Günstling und

höchste Beamte war so vieldeutig … Zuweilen waren seine Äußerungen, seine

Erwiderungen von einem ungreifbaren Spott umspielt. Er war weit gereist, er

kannte den Erdball, er war so mannigfach unterrichtet, auf eine befremdende und

freie Art interessiert. Dennoch war er korrekt. Herr von Schröder verstand sich

nicht völlig auf ihn. Bei aller Übereinstimmung war es nicht möglich, sich ganz

im Einverständnis mit ihm zu fühlen. Seine Meinungen waren voll heimlicher

Reserve, seine Urteile von einer Duldsamkeit, die in Unruhe ließ, ob sie

Gerechtigkeit oder Geringschätzung bedeute. Aber das Verdächtigste war sein

Lächeln, ein Augenlächeln ohne Anteil des Mundes, das vermöge strahlenförmig an den äußeren Augenwinkeln angeordneter Fältchen zu entstehen schien oder

umgekehrt mit der Zeit diese Fältchen hervorgerufen hatte … Baron

Knobelsdorff war jünger als der Finanzminister, ein Mann in den besten Jahren

damals, obwohl sein gestutzter Schnurrbart und sein glatt in der Mitte

gescheiteltes Haupthaar schon leicht ergraut waren – untersetzt übrigens,

kurzhalsig und von dem Kragen seines bis zum Saume betreßten Hofkleides

sichtlich beengt. Er überließ Herrn von Schröder einen Augenblick seiner

Ratlosigkeit und fuhr dann fort: »Nur wäre vielleicht im Interesse einer löblichen

Hoffinanzdirektion zu wünschen, daß der berühmte Mann sich ein wenig mehr

mit Sternen und Titeln begnügte, und … roh gesprochen, was mag dieses

gefällige Bildwerk gekostet haben?«

Herr von Schröder gewann wieder Leben. Der Wunsch, die Hoffnung, sich

mit dem Baron zu verständigen, dennoch zur Intimität und vertraulichen

Einhelligkeit mit ihm zu gelangen, machte ihn eifrig.

»Genau mein Gedanke!« sagte er, indem er sich wandte, um den Gang durch

die Säle wieder aufzunehmen. »Exzellenz nehmen mir die Frage vom Munde.

Was mag für diese ›Belehnung‹ bezahlt worden sein? Was für die übrige

Farbenpracht hier an den Wänden? Denn in summa hat die Restauration der

Burg vor sechs Jahren eine Million gekostet.«

»Schlecht gerechnet.«

»Rund und nett! Und diese summa geprüft und genehmigt vom

Oberhofmarschall von Bühl zu Bühl, der sich dort hinten seiner angenehmen

Katalepsie überläßt, geprüft, genehmigt und ausgekehrt vom Hoffinanzdirektor

Grafen Trümmerhauff …«

»Ausgekehrt oder schuldig geblieben.«

»Eins von beiden!… Diese summa, sage ich, auferlegt und zugemutet einer

Kasse, einer Kasse …«

»Mit einem Worte: der Kasse der großherzoglichen Vermögensverwaltung.«

»Exzellenz wissen so gut wie ich, was Sie damit sagen. Nein, mir wird kalt …

ich beschwöre, daß ich weder ein Knicker noch ein Hypochonder bin, aber mir

wird kalt in der Herzgrube bei der Vorstellung, daß man im Angesicht der

waltenden Verhältnisse gelassenen Sinnes eine Million hinwirft – wofür? für ein

Nichts, eine hübsche Grille, für die glänzende Instandsetzung des

Stammschlosses, auf dem geboren werden muß …«

Herr von Knobelsdorff lachte: »Ja, mein Gott, die Romantik ist ein Luxus, ein

kostspieliger! Exzellenz, ich bin Ihrer Meinung – selbstverständlich. Aber

bedenken Sie, daß zuletzt der ganze Mißstand fürstlicher Wirtschaft in diesem

romantischen Luxus seinen Grund hat. Das Übel fängt an damit, daß die Fürsten

Bauern sind; ihre Vermögen bestehen aus Grund und Boden, ihre Einkünfte aus landwirtschaftlichen Erträgnissen. Heutzutage … Sie haben sich bis zum

heutigen Tage noch nicht entschließen können, Industrielle und Finanzleute zu

werden. Sie lassen sich mit bedauerlicher Hartnäckigkeit von gewissen obsoleten

und ideologischen Grundbegriffen leiten, wie zum Beispiel den Begriffen der

Treue und Würde. Der fürstliche Besitz ist durch Treue – fideikommissarisch –

gebunden. Vorteilhafte Veräußerungen sind ausgeschlossen. Hypothekarische

Verpfändung, Kreditbeschaffung zum Zwecke wirtschaftlicher Verbesserungen

scheint ihnen unzulässig. Die Administration ist in der freien Ausnutzung

geschäftlicher Konjunkturen streng gehindert – durch Würde. Verzeihung, nicht

wahr! Ich sage Ihnen Fibelwahrheiten. Wer so sehr wie diese Menschenart auf

gute Haltung sieht, kann und will mit der Freizügigkeit und ungehemmten

Initiative minder eigensinniger und ideell verpflichteter Geschäftsleute natürlich

nicht Schritt halten. Nun denn, was will gegenüber diesem negativen Luxus die

positive Million bedeuten, die man einer hübschen Grille wegen, um Eurer

Exzellenz Ausdruck zu wiederholen, geopfert hat? Wenn es mit dieser einen sein

Bewenden hätte! Aber da haben wir die regelmäßige Kostenlast einer leidlich

würdigen Hofhaltung. Da sind die Schlösser und ihre Parks zu unterhalten,

Hollerbrunn, Monbrillant, Jägerpreis, nicht wahr … Eremitage, Delphinenort,

Fasanerie und die anderen … ich vergesse Schloß Segenhaus und die Ruine

Haderstein … vom Alten Schlosse zu schweigen … Sie werden schlecht

unterhalten, aber es ist ein Posten … Da ist das Hoftheater, die Galerie, die

Bibliothek zu unterstützen. Da sind hundert Ruhegehälter zu zahlen – auch ohne

Rechtspflicht, aus Treue und Würde. Und auf welch fürstliche Art der

Großherzog bei der letzten Überschwemmung eingesprungen ist … Aber das ist

eine Rede, die ich da halte!«

»Eine Rede,« sagte der Finanzminister, »mit der Eure Exzellenz mir zu

opponieren gedachten, während Sie mich damit unterstützen. – Teuerster Baron«

– und hierbei legte Herr von Schröder die Hand aufs Herz –, »ich gebe mich der

Sicherheit hin, daß über meine Gesinnung, meine loyale Gesinnung zwischen

Ihnen und mir jedes Mißverständnis ausgeschlossen ist. Der König kann nicht

unrecht tun … Die höchste Person ist über jeden Vorwurf erhaben. Aber eine

Schuld … ach, ein doppelsinniges Wort!… eine Schuld ist vorhanden, und ich

wälze sie ohne Zögern auf den Grafen Trümmerhauff. Daß die früheren Inhaber

seines Postens ihre Souveräne über die materielle Lage des Hofes

hinwegtäuschten, lag im Geiste der Zeiten und war verzeihlich. Das Verhalten

des Grafen Trümmerhauff ist es nicht mehr. Ihm, in seiner Eigenschaft als

Hoffinanzdirektor, hätte es obgelegen, der herrschenden … Sorglosigkeit Einhalt

zu tun, ihm würde es heute noch obliegen, Seine Königliche Hoheit rückhaltlos

zu belehren …«

Herr von Knobelsdorff lächelte mit emporgezogenen Brauen.

»Wirklich?« sagte er. »Es ist also Eurer Exzellenz Anschauung, daß die

Ernennung des Grafen zu diesem Ende erfolgt ist? Und ich, ich male mir das

berechtigte Erstaunen dieses Edelmannes aus, wenn Sie ihm Ihre Auffassung der

Dinge darlegten. Nein, nein … Exzellenz dürfen sich nicht darüber täuschen, daß

diese Ernennung eine ganz gemessene Willensäußerung Seiner Königlichen

Hoheit in sich schloß, die der Ernannte als Erster zu achten hatte. Sie bedeutete

nicht nur ein Ich-weiß-nichts, sondern auch ein Ich-will-nichts-wissen. Man

kann eine ausschließlich dekorative Persönlichkeit und dennoch befähigt sein,

dies zu begreifen … Im übrigen … aufrichtig … wir alle haben es begriffen. Und

für uns alle gilt zuletzt nur ein mildernder Umstand: dieser, daß in der Welt kein

Fürst lebt, zu dem von seinen Schulden zu sprechen eine fatalere Sache wäre als

zu Seiner Königlichen Hoheit. Unser Herr hat in seinem Wesen ein Etwas, das

einem solche Mesquinerien auf der Lippe ersterben läßt …«

»Sehr wahr. Sehr wahr«, sagte Herr von Schröder. Er seufzte und streichelte

gedankenvoll den Schwanbesatz seines Hutes. Die beiden Herren saßen,

einander halb zugewandt, an erhöhtem Ort, einem Fensterplatz in geräumiger

Nische, an welcher draußen ein schmaler Steingang vorbeilief, eine Art Galerie,

die durch spitze Bogen den Blick auf das Städtchen freigab. Herr von Schröder

sagte wieder:

»Sie antworten mir, Baron, Sie scheinen mir zu widersprechen, und Ihre

Worte sind im Inneren ungläubiger und bitterer als die meinen.«

Herr von Knobelsdorff schwieg mit einer vagen und anheimgebenden Geste.

»Es mag sein«, sagte der Finanzminister und nickte trübe auf seinen Hut

hinunter. »Exzellenz mögen recht haben. Vielleicht sind wir alle schuldig, wir

und unsere Vorgänger. Was hätte nicht alles verhindert werden müssen! Sehen

Sie, Baron, einmal, es ist zehn Jahre her, bot sich eine Gelegenheit, die Finanzen

des Hofes zu sanieren, zu bessern auch nur, wenn Sie wollen. Sie ist versäumt

worden. Wir verstehen einander. Der Großherzog hatte es damals, bestrickender

Mann, der er ist, in der Hand, die Verhältnisse durch eine Heirat, die von einem

gesunden Standpunkt hätte glänzend genannt werden können, zu rangieren. Statt

dessen … meine persönlichen Empfindungen beiseite … aber ich vergesse

niemals die Jammermiene, mit der man im ganzen Lande die Ziffer der Mitgift

nannte …«

»Die Großherzogin«, sagte Herr von Knobelsdorff, und die Fältchen an seinen

Augenwinkeln verschwanden fast ganz, »ist eine der schönsten Frauen, die ich je

gesehen habe.«

»Eine Erwiderung, die Eurer Exzellenz zu Gesichte steht. Eine ästhetische

Erwiderung. Eine Erwiderung, die Stich halten würde, auch wenn die Wahl Seiner Königlichen Hoheit, wie die seines Bruders Lambert auf ein Mitglied des

Hofballetts gefallen wäre …«

»Oh, da bestand keine Gefahr. Der Geschmack des Herrn ist schwer zu

befriedigen, er hat es gezeigt. Seine Bedürfnisse haben immer das Gegenstück

zu jenem Mangel an Wahl gebildet, den Prinz Lambert zeit seines Lebens an den

Tag gelegt hat. Er hat sich spät zur Ehe entschlossen. Man hatte die Hoffnung

auf direkte Nachkommenschaft nachgerade aufgegeben. Man bequemte sich

wohl oder übel, in dem Prinzen Lambert, über dessen … Indisponiertheit wir

einig sein werden, den Thronerben zu sehen. Da, wenige Wochen nach seiner

Thronbesteigung lernt Johann Albrecht die Prinzessin Dorothea kennen, er ruft

aus: Diese oder keine! und das Großherzogtum hat eine Landesmutter. Exzellenz

erwähnten der bedenklichen Mienen, die entstanden, als die Ziffer der Mitgift

bekannt wurde – Sie erwähnten nicht des Jubels, der gleichwohl herrschte. Eine

arme Prinzessin, allerdings. Aber ist die Schönheit, solche Schönheit, eine

beglückende Macht nicht? Unvergeßlich ihr Einzug! Sie war geliebt, als ihr

erstes Lächeln über das schauende Volk hinflog. Exzellenz müssen mir gestatten,

mich wieder einmal zu dem Glauben an den Idealismus des Volkes zu bekennen.

Das Volk will sein Bestes, sein Höheres, seinen Traum, will irgend etwas wie

seine Seele in seinen Fürsten dargestellt sehen – nicht seinen Geldbeutel. Den zu

repräsentieren sind andere Leute da …«

»Sie sind nicht da. Bei uns nicht da.«

»Ein bedauerliches Faktum für sich. Die Hauptsache: Dorothea hat uns einen

Thronfolger beschert …«

»In dem der Himmel einigen Zahlensinn entwickeln möge!«

»Einverstanden …«

Hier endete das Gespräch der beiden Minister. Es brach ab, es wurde

unterbrochen, und zwar dadurch, daß Flügeladjutant von Lichterloh die

glücklich vollzogene Entbindung meldete. Eine Bewegung entstand im kleinen

Bankettsaal, und alle Herren fanden sich plötzlich dort zusammen. Die eine der

großen geschnitzten Türen war lebhaft geöffnet worden, und der Adjutant stand

im Saale. Er hatte ein gerötetes Gesicht, blaue Soldatenaugen, einen flächsernen

gesträubten Schnurrbart und silberne Gardetressen an seinem Kragen. Bewegt

und ein wenig außer sich, wie ein Mann, der von tödlicher Langeweile erlöst und

einer freudigen Nachricht voll ist, setzte er sich im Gefühl des außerordentlichen

Augenblicks keck über Form und Vorschrift hinweg. Er salutierte lustig, indem

er mit gespreiztem Ellenbogen den Griff seines Säbels beinahe zur Brusthöhe

hinaufzog, und rief mit übermütigem Schnarren: »Melde gehorsamst: Ein

Prinz!«

»A la bonne heure«, sagte Generaladjutant Graf Schmettern.

»Erfreulich, sehr erfreulich, das nenne ich höchst erfreulich!« sagte

Oberhofmarschall von Bühl zu Bühl in seiner plappernden Art; er war sofort ins

Bewußtsein zurückgekehrt.

Oberkirchenratspräsident D. Wislizenus, ein glattgesichtiger Herr von schöner

Turnüre, der als Sohn eines Generals und dank seiner persönlichen Distinktion in

verhältnismäßig jungen Jahren zu seiner hohen Würde gelangt war, und auf

dessen seidigem schwarzen Rock sich ein Ordensstern wölbte, faltete seine

weißen Hände unterhalb der Brust und sagte mit wohllautender Stimme: »Gott

segne Seine Großherzogliche Hoheit!«

»Sie vergessen, Herr Hauptmann,« sagte Herr von Knobelsdorff lächelnd,

»daß Sie mit Ihren Konstatierungen in meine Rechte und Pflichten eingreifen.

Bevor ich nicht über die Sachlage gründlichste Erhebungen angestellt, bleibt die

Frage, ob Prinz oder Prinzessin, durchaus unentschieden …«

Man lachte hierüber, und Herr von Lichterloh antwortete: »Zu Befehl,

Exzellenz! Ich habe denn auch die Ehre, Euere Exzellenz in höchstem Auftrage

zu ersuchen …«

Diese Wechselrede bezog sich auf des Staatsministers Eigenschaft als

Standesbeamter des großherzoglichen Hauses, in welcher Eigenschaft er berufen

und gehalten war, das Geschlecht des fürstlichen Kindes nach eigenem

Augenschein festzustellen und amtlich aufzunehmen. Herr von Knobelsdorff

erledigte diese Formalität in dem sogenannten Frisierkabinett, wo das

Neugeborene gebadet worden war, verweilte sich aber länger dort, als er selbst

erwartet hatte, nachträglich stutzig gemacht und angehalten durch eine peinliche

Beobachtung, über die er zunächst gegen jedermann, ausgenommen gegen die

Hebamme, Stillschweigen bewahrte.

Die Doktorin Gnadebusch enthüllte ihm das Kind, und ihre hinter den dicken

Brillengläsern geheimnisvoll glänzenden Augen gingen zwischen dem

Staatsminister und dem kleinen kupferfarbenen und mit einem – nur einem –

Händchen blindlings greifenden Wesen hin und her, als wollte sie fragen:

»Stimmt es?« – Es stimmte, Herr von Knobelsdorff war befriedigt, und die weise

Frau hüllte das Kind wieder ein. Aber auch dann noch ließ sie nicht ab, auf den

Prinzen nieder und zu dem Baron emporzublicken, bis sie seine Augen dorthin

gelenkt hatte, wo sie sie haben wollte. Die Fältchen an seinen Augenwinkeln

verschwanden, er zog die Brauen zusammen, prüfte, verglich, betastete,

untersuchte den Fall zwei, drei Minuten lang und fragte schließlich: »Hat der

Großherzog das schon gesehen?«

»Nein, Exzellenz.«

»Wenn der Großherzog das sieht,« sprach Herr von Knobelsdorff, »so sagen

Sie ihm, daß es sich auswächst.«

Und den Herren im Hoch-Erdgeschoß berichtete er: »Ein kräftiger Prinz!«

Aber zehn oder fünfzehn Minuten nach ihm machte auch der Großherzog die

mißliche Entdeckung – das war unvermeidlich und hatte für Generalarzt

Eschrich eine kurze, außerordentlich unangenehme Szene zur Folge, für den

Grimmburger Doktor Sammet aber eine Unterredung mit dem Großherzog, die

ihn sehr in dessen Achtung steigen ließ und ihm in seiner späteren Laufbahn von

Nutzen war. Kurz zusammengefaßt, ging dies alles vor sich wie folgt.

Während der Nachgeburt hatte Johann Albrecht sich wieder in der

»Bibliothek« aufgehalten und sich dann einige Zeit, Hand in Hand mit seiner

Gemahlin, am Wochenbette verweilt. Hierauf begab er sich in das

»Frisierkabinett«, wo der Säugling nun in seinem hohen, zierlich vergoldeten

und halb von einer blauseidenen Gardine umhüllten Bettchen lag, und ließ sich

in einem rasch herzugezogenen Armstuhl zur Seite seines kleinen Sohnes nieder.

Aber während er saß und das schlummernde Kind betrachtete, geschah es, daß er

wahrnahm, was man ihm gern noch verhehlt hätte. Er zog die Decke weiter

zurück, verfinsterte sich und tat dann alles, was vor ihm Herr von Knobelsdorff

getan hatte, sah nacheinander die Doktorin Gnadebusch und die Wärterin an, die

verstummten, warf einen Blick auf die angelehnte Tür zur Kemenate und kehrte

erregten Schrittes in die Bibliothek zurück.

Hier ließ er sofort die silberne, mit einem Adler geschmückte Druckglocke

ertönen, die auf dem Schreibtisch stand, und sagte zu Herrn von Lichterloh, der

klirrend eintrat, sehr kurz und kalt: »Ich ersuche Herrn Eschrich.«

Wenn der Großherzog auf eine Person seiner Umgebung zornig war, so

pflegte er den Betreffenden für den Augenblick all seiner Titel und Würden zu

entkleiden und ihm nichts als seinen nackten Namen zu lassen.

Der Flügeladjutant klirrte aufs neue mit seinen Sporen und zog sich zurück.

Johann Albrecht schritt ein paarmal heftig knarrend durch das Gemach und

nahm dann, als er hörte, daß Herr von Lichterloh den Befohlenen in das

Vorzimmer einführte, am Schreibtisch Audienzhaltung an.

Wie er dastand, den Kopf herrisch ins Halbprofil gewandt, die Linke, die den

mit Atlas ausgeschlagenen Gehrock von der weißen Weste hinwegraffte, fest in

die Hüfte gestemmt, glich er genau seinem Porträt von der Hand des Professors

von Lindemann, welches, als Gegenstück zu dem Dorotheas, im Residenzschloß

im »Saal der zwölf Monate« zur Seite des großen Spiegels über dem Kamine

hing und von dem zahllose Nachbildungen, Photographien und illustrierte

Postkarten im Publikum verbreitet waren. Der Unterschied war nur der, daß

Johann Albrecht auf jenem Bildnis von heldischer Figur erschien, während er in

Wirklichkeit kaum mittelgroß war. Seine Stirne war hoch vor Kahlheit, und unter

ergrauten Brauen blickten seine blauen Augen, matt umschattet, mit einem müden Hochmut ins Weite. Er hatte die breiten, ein wenig zu hoch sitzenden

Wangenknochen, die ein Merkmal seines Volkes waren. Sein Backenbart und das

Bärtchen an der Unterlippe waren grau, der gedrehte Schnurrbart beinahe schon

weiß. Von den geblähten Flügeln seiner gedrungenen, aber vornehm gebogenen

Nase liefen zwei ungewöhnlich tief schürfende Furchen schräg in den Bart

hinab. In dem Ausschnitt seiner Pikeeweste leuchtete das zitronengelbe Band

des Hausordens zur Beständigkeit. Im Knopfloch trug der Großherzog ein

Nelkensträußchen.

Generalarzt Eschrich war mit tiefer Verbeugung eingetreten. Er hatte sein

Operationsgewand abgelegt. Sein gelähmtes Augenlid hing schwerer als sonst

über den Augapfel hinab. Er machte einen finsteren und unseligen Eindruck.

Der Großherzog, die Linke in der Hüfte, warf den Kopf zurück, streckte die

Rechte aus und bewegte sie, die Handfläche nach oben, mehrmals kurz und

ungeduldig in der Luft hin und her.

»Ich erwarte eine Erklärung, eine Rechtfertigung, Herr Generalarzt«, sagte er

mit vor Gereiztheit schwankender Stimme. »Sie werden die Güte haben, mir

Rede zu stehen. Was ist das mit dem Arm des Kindes?«

Der Leibarzt hob ein wenig die Arme – eine schwache Geste der Ohnmacht

und der Schuldlosigkeit. Er sagte:

»Geruhen Königliche Hoheit … Ein unglücklicher Zufall. Ungünstige

Umstände während der Schwangerschaft Ihrer Königlichen Hoheit …«

»Das sind Phrasen!« Der Großherzog war so erregt, daß er eine

Rechtfertigung nicht einmal wünschte, sie geradezu verhinderte. »Ich bemerke

Ihnen, mein Herr, daß ich außer mir bin. Unglücklicher Zufall! Sie hatten

unglückliche Zufälle hintanzuhalten …«

Der Generalarzt stand in halber Verneigung da und sprach mit unterwürfig

gesenkter Stimme auf den Fußboden hinab.

»Ich bitte gehorsamst, erinnern zu dürfen, daß ich zum wenigsten nicht allein

die Verantwortung trage. Geheimrat Grasanger hat Ihre Königliche Hoheit

untersucht – eine gynäkologische Autorität … Aber niemanden kann in diesem

Falle Verantwortung treffen …«

»Niemanden … Ah! Ich erlaube mir, Sie verantwortlich zu machen … Sie

stehen mir ein … Sie haben die Schwangerschaft überwacht, die Entbindung

geleitet. Ich habe auf die Kenntnisse gebaut, die Ihrem Range entsprechen, Herr

Generalarzt, ich habe in Ihre Erfahrung Vertrauen gesetzt. Ich bin schwer

getäuscht, schwer enttäuscht. Der Erfolg Ihrer Gewissenhaftigkeit besteht darin,

daß ein … krüppelhaftes Kind ins Leben tritt …«

»Wollen Königliche Hoheit allergnädigst erwägen …«

»Ich habe erwogen. Ich habe gewogen und zu leicht befunden. Ich danke!«

Generalarzt Eschrich entfernte sich rückwärts, in gebeugter Haltung. Im

Vorzimmer zuckte er die Achseln, sehr rot im Gesicht. Der Großherzog schritt

wieder in der »Bibliothek« auf und ab, knarrend in seinem fürstlichen Zorn,

unbillig, unbelehrt und töricht in seiner Einsamkeit. Sei es aber, daß er den

Leibarzt noch weiter zu kränken wünschte oder daß er es bereute, sich selbst um

jede Aufklärung gebracht zu haben – nach zehn Minuten trat das Unerwartete

ein, daß der Großherzog durch Herrn von Lichterloh den jungen Doktor Sammet

zu sich in die »Bibliothek« befehlen ließ.

Der Doktor, als er die Nachricht empfing, sagte wieder: »Ganz gern … ganz

gern …« und verfärbte sich sogar ein wenig, benahm sich dann aber

ausgezeichnet. Zwar beherrschte er die Form nicht völlig und verbeugte sich zu

früh, schon in der Tür, so daß der Adjutant diese nicht hinter ihm schließen

konnte und ihm die Bitte zuraunen mußte, weiter vorzutreten; dann aber stand er

frei und angenehm da und antwortete befriedigend, obgleich er die Gewohnheit

zeigte, beim Sprechen ein wenig schwer, mit zögernden Vorlauten anzusetzen

und häufig, wie zu schlichter Bekräftigung, ein »Ja« zwischen seinen Sätzen

einzuschalten. Er trug sein dunkelblondes Haar bürstenartig beschnitten und den

Schnurrbart sorglos hängend. Kinn und Wangen waren sauber rasiert und ein

wenig wund davon. Er hielt den Kopf leicht seitwärts geneigt, und der Blick

seiner grauen Augen sprach von Klugheit und tätiger Sanftmut. Seine Nase, zu

flach auf den Schnurrbart abfallend, deutete auf seine Herkunft hin. Er hatte zum

Frack eine schwarze Halsbinde angelegt, und seine gewichsten Stiefel waren von

ländlichem Zuschnitt. Eine Hand an seiner silbernen Uhrkette, hielt er den

Ellenbogen dicht am Oberkörper. Redlichkeit und Sachlichkeit waren in seiner

Erscheinung ausgedrückt; sie erweckte Vertrauen.

Der Großherzog redete ihn ungewöhnlich gnädig an, ein wenig in der Art

eines Lehrers, der einen schlechten Schüler gescholten hat und sich in plötzlicher

Milde zu einem anderen wendet.

»Herr Doktor, ich habe Sie bitten lassen … Ich wünsche Auskunft von Ihnen

in betreff dieser Erscheinung an dem Körper des neugeborenen Prinzen … Ich

nehme an, daß sie Ihnen nicht entgangen ist … Ich stehe vor einem Rätsel …

einem äußerst schmerzlichen Rätsel … Mit einem Wort, ich bitte um Ihre

Ansicht.« Und der Großherzog, die Stellung wechselnd, endete mit einer

vollkommen schönen Handbewegung, die dem Doktor das Wort ließ.

Doktor Sammet sah ihm still und aufmerksam zu, wartete gleichsam ab, bis

der Großherzog mit seinem ganzen fürstlichen Benehmen fertig war. Dann sagte

er: »Ja. – Es handelt sich also um einen Fall, der zwar nicht allzuhäufig eintritt,

der uns aber doch wohlbekannt und vertraut ist. Ja. Es ist im wesentlichen ein

Fall von Atrophie.«

»Ich muß bitten … ›Atrophie‹ …«

»Verzeihung, Königliche Hoheit. Ich meine von Verkümmerung. Ja.«

»Sehr richtig. Verkümmerung. Das trifft zu. Die linke Hand ist verkümmert.

Aber das ist unerhört! Ich begreife das nicht! Niemals ist dergleichen in meiner

Familie vorgekommen. Man spricht neuerdings von Vererbung …«

Wieder betrachtete der Doktor still und aufmerksam diesen entrückten und

gebietenden Herrn, zu dem ganz kürzlich die Kunde gedrungen war, daß man

neuerdings von Vererbung spreche. Er antwortete einfach: »Verzeihung,

Königliche Hoheit; aber von Vererbung kann in dem vorliegenden Fall auch gar

nicht die Rede sein.«

»Ach! Wirklich nicht!« sagte der Großherzog ein wenig spöttisch. »Ich

empfinde das als Genugtuung. Aber wollen Sie mir freundlichst sagen, wovon

denn eigentlich die Rede sein kann.«

»Ganz gern, Königliche Hoheit. Die Mißbildung hat eine rein mechanische

Ursache, ja. Sie ist bewirkt worden durch eine mechanische Hemmung während

der Entwicklung des Fruchtkeimes. Solche Mißbildungen nennen wir

Hemmungsbildungen, ja.«

Der Großherzog horchte mit einem ängstlichen Ekel; er fürchtete sichtlich die

Wirkung jedes neuen Wortes auf seine Empfindlichkeit. Er hielt die Brauen

zusammengezogen und den Mund geöffnet; seine beiden in den Bart

verlaufenden Furchen schienen noch tiefer dadurch. Er sagte:

»Hemmungsbildungen … Aber wie in aller Welt … ich kann nicht zweifeln, daß

jede Sorgfalt angewandt worden ist …«

»Hemmungsbildungen,« antwortete Doktor Sammet, »können auf

verschiedene Weise entstehen. Aber man kann mit ziemlicher Gewißheit sagen,

daß in unserem Falle … in diesem Falle das Amnion die Schuld trägt.«

»Ich muß bitten … ›Das Amnion‹ …«

»Das ist eine der Eihäute, Königliche Hoheit. Ja. Und unter gewissen

Umständen kann sich die Abhebung dieser Eihaut vom Embryo verzögern und

so schwerfällig vor sich gehen, daß sich Fäden und Stränge zwischen beiden

ausziehen … amniotische Fäden, wie wir sie nennen, ja. Diese Fäden können

gefährlich werden, denn sie können ganze Gliedmaßen des Kindes umschlingen

und umschnüren, können zum Beispiel einer Hand völlig die Lebenswege

unterbinden und sie allenfalls amputieren, ja.«

»Mein Gott … amputieren. Man muß also noch dankbar sein, daß es nicht zu

einer Amputation der Hand gekommen ist?«

»Das hätte geschehen können. Ja. Aber es hat mit einer Abschnürung und

infolge davon mit einer Atrophie sein Bewenden gehabt.«

»Und das war nicht zu erkennen, nicht vorauszusehen, nicht zu verhindern?«

»Nein, Königliche Hoheit. Durchaus nicht. Es steht ganz fest, daß niemanden

irgendwelches Verschulden trifft. Solche Hemmungen tun im Verborgenen ihr

Werk. Wir sind ohnmächtig ihnen gegenüber. Ja.«

»Und die Mißbildung ist unheilbar? Die Hand wird verkümmert bleiben?«

Doktor Sammet zögerte, er sah den Großherzog gütig an.

»Ein völliger Ausgleich wird sich nicht herstellen, das nicht«, sagte er

behutsam. »Aber auch die verkümmerte Hand wird sich doch verhältnismäßig

ein wenig entwickeln, o ja, das immerhin …«

»Wird sie brauchbar sein? Gebrauchsfähig? Beispielsweise … zum Halten des

Zügels oder zu Handbewegungen, wie man sie macht …«

»Brauchbar … ein wenig … Vielleicht nicht sehr. Auch ist ja die rechte Hand

da, die ganz gesund ist.«

»Wird es sehr sichtbar sein?« fragte der Großherzog und forschte sorgenvoll

in Doktor Sammets Gesicht … »Sehr auffällig? Wird es die Gesamterscheinung

sehr beeinträchtigen, meinen Sie?«

»Viele Leute«, antwortete Doktor Sammet ausweichend, »leben und wirken

unter schwereren Beeinträchtigungen. Ja.«

Der Großherzog wandte sich ab und tat einen Gang durch das Gemach.

Doktor Sammet machte ihm ehrerbietig Platz dazu, indem er sich bis zur Tür

zurückzog. Schließlich nahm der Großherzog wieder am Schreibtisch Stellung

und sagte:

»Ich bin nun unterrichtet, Herr Doktor; ich danke für Ihren Vortrag. Sie

verstehen Ihre Sache, das ist keine Frage. Warum leben Sie in Grimmburg?

Warum praktizieren Sie nicht in der Residenz?«

»Ich bin noch jung, Königliche Hoheit, und bevor ich mich in der Hauptstadt

einer Spezialpraxis widme, möchte ich mich einige Jahre lang recht vielseitig

beschäftigen, auf alle Weise üben und umtun. Dazu bietet ein Landstädtchen wie

Grimmburg die beste Gelegenheit. Ja.«

»Sehr ernst, sehr respektabel. Welchem Spezialgebiet denken Sie sich später

zuzuwenden?«

»Den Kinderkrankheiten, Königliche Hoheit. Ich beabsichtige, Kinderarzt zu

werden. Ja.«

»Sie sind Jude?« fragte der Großherzog, indem er den Kopf zurückwarf und

die Augen zusammenkniff …

»Ja, Königliche Hoheit.«

»Ah. – Wollen Sie mir noch die Frage beantworten … Haben Sie Ihre

Herkunft je als ein Hindernis auf Ihrem Wege, als Nachteil im beruflichen

Wettstreit empfunden? Ich frage als Landesherr, dem die bedingungslose und

private, nicht nur amtliche Geltung des paritätischen Prinzips besonders am Herzen liegt.«

»Jedermann im Großherzogtum«, antwortete Doktor Sammet, »hat das Recht

zu arbeiten.« Aber dann sagte er noch mehr, setzte beschwerlich an, ließ ein paar

zögernde Vorlaute vernehmen, indem er auf eine linkisch-leidenschaftliche Art

seinen Ellenbogen wie einen kurzen Flügel bewegte, und fügte mit gedämpfter,

aber innerlich eifriger und bedrängter Stimme hinzu: »Kein gleichstellendes

Prinzip, wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf, wird je verhindern

können, daß sich inmitten des gemeinsamen Lebens Ausnahmen und

Sonderformen erhalten, die in einem erhabenen oder anrüchigen Sinne vor der

bürgerlichen Norm ausgezeichnet sind. Der einzelne wird gut tun, nicht nach der

Art seiner Sonderstellung zu fragen, sondern in der Auszeichnung das

Wesentliche zu sehen und jedenfalls eine außerordentliche Verpflichtung daraus

abzuleiten. Man ist gegen die regelrechte und darum bequeme Mehrzahl nicht im

Nachteil, sondern im Vorteil, wenn man eine Veranlassung mehr als sie zu

ungewöhnlichen Leistungen hat. Ja. Ja«, wiederholte Doktor Sammet. Es war die

Antwort, die er mit zweimaligem Ja bekräftigte.

»Gut … nicht übel, sehr bemerkenswert wenigstens«, sagte der Großherzog

abwägend. Etwas Vertrautes, aber auch etwas wie eine Ausschreitung schien ihm

in Doktor Sammets Worten zu liegen. Er verabschiedete den jungen Mann mit

den Worten: »Lieber Doktor, meine Zeit ist gemessen. Ich danke Ihnen. Diese

Unterredung – von ihrer peinlichen Veranlassung abgesehen – hat mich sehr

befriedigt. Ich mache mir das Vergnügen, Ihnen das Albrechtskreuz dritter

Klasse mit der Krone zu verleihen. Ich werde mich Ihrer erinnern. Ich danke.«

Dies war das Gespräch des Grimmburger Arztes mit dem Großherzog. Ganz

kurz darauf verließ Johann Albrecht die Burg und kehrte mit Extrazug in die

Residenz zurück, hauptsächlich um sich der festlich bewegten Bevölkerung zu

zeigen, dann aber auch, um im Stadtschloß mehrere Audienzen zu erteilen. Es

stand fest, daß er abends auf die Stammburg zurückkehren und für die nächsten

Wochen dort Wohnung nehmen würde.

Alle Herren, welche sich zu der Entbindung auf Grimmburg eingefunden

hatten und nicht zum Hofstaat der Großherzogin gehörten, wurden ebenfalls von

dem Extrazuge der unrentablen Lokalbahn aufgenommen und fuhren zum Teil in

unmittelbarer Gesellschaft des Monarchen. Aber den Weg von der Burg zur

Station legte der Großherzog allein mit dem Staatsminister von Knobelsdorff im

offenen Landauer zurück, einem der braun lackierten Hofwagen mit der kleinen

goldenen Krone am Schlage. Die weißen Federn auf dem Hute des Leibjägers

vorn flatterten im Sommerwinde. Johann Albrecht war ernst und stumm auf

dieser Fahrt, zeigte sich bedrückt und grämlich; und obgleich Herr von

Knobelsdorff wußte, daß der Großherzog es auch im intimen Verkehr schlecht ertrug, daß man ungefragt und ohne Aufforderung das Wort an ihn richte, so

unternahm er es endlich doch, das Schweigen zu brechen.

»Königliche Hoheit«, sagte er bittend, »scheinen sich die kleine Anomalie, die

man am Körper des Prinzen ausfindig gemacht hat, so sehr zu Herzen zu nehmen

… Dennoch sollte man glauben, daß an diesem Tage die Beweggründe zur

Freude und stolzen Dankbarkeit so sehr überwiegen …«

»Ach, lieber Knobelsdorff,« antwortete Johann Albrecht gereizt und beinahe

weinerlich, »Sie werden mir meine Verstimmung nachsehen, Sie werden nicht

geradezu verlangen, daß ich trällere. Ich sehe keinerlei Veranlassung dazu. Die

Großherzogin befindet sich wohl – nun gewiß. Und das Kind ist ein Knabe –

nochmals gut. Aber da kommt es nun mit einer Atrophie zur Welt, einer

Hemmungsbildung, veranlaßt durch amniotische Fäden. Niemand hat schuld

daran, es ist ein Unglück. Aber die Unglücksfälle, an denen niemand schuld ist,

das sind die eigentlich schrecklichen Unglücksfälle, und der Anblick des Fürsten

soll seinem Volke andere Empfindungen erwecken als Mitleid. Der

Erbgroßherzog ist zart, man muß beständig für ihn fürchten. Es war ein Wunder,

daß er vor zwei Jahren die Rippenfellentzündung überstand, und es wird nicht

viel weniger als ein Wunder sein, wenn er zu Jahren gelangt. Nun schenkt mir

der Himmel einen zweiten Sohn – er scheint kräftig, aber er kommt mit einer

Hand zur Welt. Die andere ist verkümmert, unbrauchbar, eine Mißbildung, er

muß sie verstecken. Welche Erschwerung! Welch Hindernis! Er muß es

beständig vor der Welt bravieren. Man wird es allmählich bekanntmachen

müssen, damit es bei seinem ersten öffentlichen Hervortreten nicht allzu

anstößig wirkt. Nein, ich komme noch nicht hinweg darüber. Ein Prinz mit einer

Hand …«

»Mit einer Hand«, sagte Herr von Knobelsdorff. »Sollten Königliche Hoheit

diese Wendung mit Absicht wiederholen?«

»Mit Absicht?«

»Also nicht?… Denn der Prinz hat ja zwei Hände, nur daß die eine

verkümmert ist und daß man, wenn man will, also sagen kann, es sei ein Prinz

mit einer Hand.«

»Nun also?«

»Und daß man also fast wünschen müßte, nicht Eurer Königlichen Hoheit

zweiter Sohn, sondern der unter der Krone geborene möchte der Träger dieser

kleinen Mißgestaltung sein.«

»Was sagen Sie da?«

»Nun, Königliche Hoheit werden mich auslachen; aber ich denke an die

Zigeunerin.«

»Die Zigeunerin? Ich bin geduldig, lieber Baron!«

»An die Zigeunerin – Verzeihung! – die das Erscheinen eines Fürsten aus

Eurer Königlichen Hoheit Haus – eines Fürsten ›mit einer Hand‹ – das ist die

überlieferte Wendung – vor hundert Jahren geweissagt und an das Erscheinen

dieses Fürsten eine gewisse, sonderbar formulierte Verheißung geknüpft hat.«

Der Großherzog wandte sich im Fond und blickte stumm in Herrn von

Knobelsdorffs Augen, an deren äußeren Winkeln die strahlenförmigen Fältchen

spielten.

»Sehr unterhaltend!« sagte er dann und setzte sich wieder zurecht.

»Prophezeiungen«, fuhr Herr von Knobelsdorff fort, »pflegen sich in der

Weise zu erfüllen, daß Umstände eintreten, die man, einigen guten Willen

vorausgesetzt, in ihrem Sinne deuten kann. Und gerade durch die großzügige

Fassung jeder rechten Weissagung wird das sehr erleichtert. ›Mit einer Hand‹ –

das ist guter Orakelstil. Die Wirklichkeit bringt einen mäßigen Fall von

Atrophie. Aber damit, daß sie das tut, ist viel geschehen, denn wer hindert mich,

wer hindert das Volk, die Andeutung für das Ganze zu nehmen und den

bedingenden Teil der Weissagung für erfüllt zu erklären? Das Volk wird es tun,

und zwar spätestens dann, wenn auch das Weitere, die eigentliche Verheißung,

sich irgend bewahrheiten sollte, es wird reimen und deuten, wie es das immer

getan hat, um erfüllt zu sehen, was geschrieben steht. Ich sehe nicht klar – der

Prinz ist zweitgeboren, er wird nicht regieren, die Meinung des Schicksals ist

dunkel. Aber der einhändige Prinz ist da – und so möge er uns denn geben,

soviel er vermag.«

Der Großherzog schwieg, im Innern durchschauert von dynastischen

Träumereien.

»Nun, Knobelsdorff, ich will Ihnen nicht böse sein. Sie wollen mich trösten,

und Sie machen Ihre Sache nicht übel. Aber man nimmt uns in Anspruch …«

Die Luft schwang von entferntem, vielstimmigem Hochgeschrei.

Grimmburger Publikum staute sich schwärzlich an der Station hinter dem

Kordon. Amtliche Personen standen in Erwartung der Equipagen einzeln davor.

Man bemerkte den Bürgermeister, wie er den Zylinder lüftete, sich mit dem

bedruckten Schnupftuch die Stirn trocknete und einen Zettel vor die Augen

führte, dessen Inhalt er memorierte. Johann Albrecht nahm die Miene an, mit der

er die schlichte Ansprache entgegennehmen und kurz und gnädig beantworten

würde: »Mein lieber Herr Bürgermeister …« Das Städtchen war beflaggt; seine

Glocken läuteten.

Alle Glocken der Hauptstadt läuteten. Und abends war Freudenbeleuchtung

dort, ohne besondere Aufforderung von seiten des Magistrats, aus freien Stücken

– große Illumination in allen Bezirken der Stadt.