Königliche Hoheit

Thomas Mann · Kapitel 8 von 11

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Königliche Hoheit

Der hohe Beruf

 

Hier ist die Lebensführung und Berufsübung Klaus Heinrichs, geschildert in

ihrer Eigentümlichkeit.

Er stieg irgendwo aus seinem Wagen, schritt mit übergeworfenem Mantel

durch eine kurze Gasse hochrufenden Volkes über ein Trottoir, das mit einem

roten Läufer bedeckt war, durch eine von Lorbeerbäumen flankierte Haustür,

über der man einen Baldachin errichtet hatte, eine Treppe hinan, die

leuchtertragende Diener paarweise besetzt hielten … Er ging nach einem

Festessen, mit Orden bedeckt bis zu den Hüften, die Fransenepaulettes eines

Majors auf seinen schmalen Schultern, mit Gefolge den gotischen Korridor eines

Rathauses entlang. Zwei Diener liefen vor ihm her und öffneten ihm eifrig eine

alte, in ihren Bleifassungen schütternde Fensterscheibe. Denn unten auf dem

kleinen Marktplatz stand zusammengekeilt und Kopf an Kopf das Volk, eine

schräge Fläche aufwärts gewandter Gesichter, von qualmigem Fackellicht

dunkel überglüht. Sie riefen und sangen, und er stand am offenen Fenster und

verneigte sich, stellte sich eine Weile der Begeisterung dar und grüßte

dankend …

Ohne rechten Alltag war sein Leben und ohne rechte Wirklichkeit; es setzte

sich aus lauter hochgespannten Augenblicken zusammen. Wohin er kam, da war

Feier- und Ehrentag, da verherrlichte das Volk sich selber im Feste, da verklärte

sich das graue Leben und ward Poesie. Der Hungerleider wurde zum schlichten

Mann, die Spelunke zur friedlichen Hütte, schmutzige Gassenkinder wurden zu

züchtigen kleinen Mädchen und Buben im Sonntagsstaat, das Haar mit Wasser

geglättet, ein Gedicht auf der Lippe, und der dumpfe Bürger wurde in Gehrock

und Zylinder sein selber mit Rührung bewußt. Aber nicht er nur, Klaus Heinrich,

sah die Welt in diesem Lichte, sondern sie selbst sah sich so, für die Dauer seiner

Anwesenheit. Eine seltsame Unechtheit und Scheinbarkeit herrschte auf den

Stätten seiner Berufsübung, eine ebenmäßige, bestandlose Ausstattung, eine

falsche und herzerhebende Verkleidung der Wirklichkeit aus Pappe und

vergoldetem Holz, aus Kranzgewinden, Lampions, Draperien und Fahnentüchern war hingezaubert für eine schöne Stunde, und er selbst stand im

Mittelpunkte des Schaugepränges auf einem Teppich, der den nackten Erdboden

bedeckte, zwischen zweifarbig bemalten Masten, um die sich Girlanden

schlangen, stand mit geschlossenen Absätzen im Dufte des Lacks und der

Tannenreiser und stemmte lächelnd seine linke Hand in die Hüfte.

Er legte den Grundstein eines neuen Rathauses. Die Bürgerschaft hatte durch

gewisse Finanzmanöver die erforderliche Geldsumme aufgebracht, und ein

gelernter Architekt aus der Hauptstadt war mit dem Bau beauftragt worden. Aber

Klaus Heinrich nahm die Grundsteinlegung vor. Er fuhr unter dem Jubel der

Bevölkerung vor der prächtigen Baracke an, die man am Bauplatz errichtet hatte,

stieg mit leichten und beherrschten Bewegungen aus dem offenen Wagen auf

den gewalzten, mit feinem gelbem Sande bedeckten Erdboden hinab und schritt

ganz allein auf die amtlichen Herren in Frack und weißer Binde zu, die ihn am

Eingang erwarteten. Er ließ sich den Architekten vorstellen und führte mit ihm,

angesichts des Publikums und unter dem starren Lächeln der Umstehenden, fünf

Minuten lang ein Gespräch von hoher Allgemeinheit über die Vorzüge der

verschiedenen Baustile, worauf er eine gewisse, während des Gespräches

innerlich vorbereitete Wendung machte und über Läufer und Bretterstufen zu

seinem Sessel am Rande der Mitteltribüne geleitet wurde. Er saß dort, angetan

mit Kette und Stern, einen Fuß vorgestellt, die weiß gekleideten Hände auf dem

Säbelgriff gekreuzt, den Helm neben sich am Boden, der Festversammlung

sichtbar von allen Seiten, und hörte in gefaßter Haltung die Rede des

Bürgermeisters an. Hierauf, als die Bitte an ihn erging, erhob er sich, stieg ohne

merkliche Vorsicht, ohne auf seine Füße zu blicken, die Stufen zu jener

Vertiefung hinab, wo sich der Grundstein befand, und tat mit einem kleinen

Hammer drei langsame Schläge auf den Sandsteinblock, wozu er in der tiefen

Stille mit seiner etwas scharfen Stimme ein Sprüchlein sprach, das Herr von

Knobelsdorff ihm aufgesetzt hatte. Schulkinder sangen in hellem Chor. Und

Klaus Heinrich hielt Abfahrt.

Er schritt beim Landeskriegerfest die Front der Veteranen ab. Ein Greis schrie

mit einer Stimme, die vom Pulverrauch heiser schien: »Stillgestanden! Hut ab!

Augen rechts!« Und sie standen, Medaillen und Kreuze an ihren Röcken, den

rauhen Zylinder am Schenkel, und blickten mit blutunterlaufenen Hundeaugen

auf ihn, der freundlich musternd vorüberging und bei diesem und jenem mit der

Frage verweilte, wo er gedient, wo er im Feuer gestanden … Er nahm teil am

Turnerfest, schenkte dem Wetturnen der Gauvereine seine Gegenwart und ließ

sich die Sieger vorführen, um sie »in ein Gespräch zu ziehen«. Die kühnen und

wohlgebauten jungen Männer standen linkisch vor ihm, nachdem sie soeben

noch die gewaltigsten Taten vollbracht, und Klaus Heinrich verwendete rasch hintereinander ein paar Fachausdrücke, deren er sich von Herrn Zotte her

erinnerte und die er mit großer Geläufigkeit aussprach, indem er seine linke

Hand verbarg.

Er fuhr zum Fünfhausener Fischertage, er wohnte auf seiner mit rotem Stoff

ausgeschlagenen Ehrentribüne den Pferderennen bei Grimmburg an und nahm

die Preisverteilung vor. Er führte auch das Ehrenpräsidium und Protektorat beim

Bundesschützenfest; er besuchte das Preisschießen der Großherzoglich

privilegierten Schützengesellschaft. Er »sprach«, wie es im Berichte des

»Eilboten« hieß, »dem Willkommtrunke wacker zu«, indem er nämlich den

silbernen Pokal einen Augenblick an die Lippen hielt und ihn dann mit

geschlossenen Absätzen gegen die Schützen hob. Er gab hierauf mehrere

Schüsse auf die Ehrenscheibe ab, von denen in den Berichten nicht gesagt war,

wohin sie getroffen hatten, pflog später mit drei aufeinander folgenden Männern

ein und dieselbe Unterredung über die Vorzüge des Schützenwesens, die im

»Eilboten« als »gemütliche Aussprache« gekennzeichnet war, und

verabschiedete sich endlich mit einem herzlichen »Gut Glück!«, das

unbeschreiblichen Jubel hervorrief. Diese Grußformel hatte ihm Generaladjutant

von Hühnemann, nachdem er Erkundigungen eingezogen, im letzten Augenblick

zugeflüstert; denn natürlich hätte es störend gewirkt, hätte die schöne Täuschung

der Sachkenntnis und ernsten Vorliebe aufgehoben, wenn Klaus Heinrich zu den

Schützen »Glück auf!« und zu Bergleuten etwa »Gut Heil!« gesagt hätte.

Überhaupt bedurfte er zu seiner Berufsübung gewisser sachlicher Kenntnisse,

die er sich von Fall zu Fall verschaffte, um sie im rechten Augenblick und in

ansprechender Form zu verwenden. Sie betrafen vorwiegend die auf den

verschiedenen Gebieten menschlicher Tätigkeit gebräuchlichen Kunstausdrücke

sowie geschichtliche Daten, und vor einer Repräsentationsfahrt machte Klaus

Heinrich daheim in Schloß Eremitage mit Hilfe von Druckschriften und

mündlichen Vorträgen die nötigen Studien. Als er im Namen des Großherzogs,

»meines gnädigsten Herrn Bruders«, die Enthüllung des Johann-Albrecht-

Standbildes zu Knüppelsdorf vollzog, hielt er auf dem Festplatze gleich nach

dem Vortrage des Vereins »Geradsinnliederkranz« eine Rede, in der alles

untergebracht war, was er sich über Knüppelsdorf notiert hatte, und die allerseits

den schönen Eindruck hervorrief, als habe er sich zeit seines Lebens

vornehmlich mit den historischen Schicksalen dieses Mittelpunktes beschäftigt.

Erstens war Knüppelsdorf eine Stadt, und Klaus Heinrich erwähnte das dreimal,

zum Stolze der Einwohnerschaft. Ferner sagte er, daß die Stadt Knüppelsdorf,

wie ihre geschichtliche Vergangenheit bezeuge, mit dem Hause Grimmburg seit

vielen Jahrhunderten treu verbunden sei. Träte doch bekanntlich, sagte er, schon

im vierzehnten Jahrhundert Landgraf Heinrich XV., der Rutensteiner, als Gönner Knüppelsdorfs besonders hervor. Dieser, der Rutensteiner, habe in dem auf dem

nahen Rutensteine erbauten Schloß residiert, dessen »trotzige Türme und feste

Mauern zum Schutze Knüppelsdorfs weit hinaus ins Land gegrüßt« hätten. Dann

erinnerte er daran, wie durch Erbfolge und Heirat Knüppelsdorf endlich an den

Zweig der Familie gekommen sei, dem sein Bruder und er selbst angehörten.

Schwere Stürme hätten im Verlaufe der Zeiten über Knüppelsdorf dahingebraust,

Kriegsjahre, Feuersbrünste und Pestilenzen hätten es heimgesucht, doch immer

habe es sich wieder emporgerafft und in allen Lagen treu zum angestammten

Fürstenhause gehalten. Dieselbe Gesinnung aber zeige auch das heutige

Knüppelsdorf, indem es dem Andenken seines, Klaus Heinrichs, hochseligen

Herrn Vaters ein Denkmal errichte, und mit besonderer Freude werde er seinem

gnädigen Herrn Bruder über den glänzenden und herzlichen Empfang Bericht

erstatten, den er hier als höchstsein Stellvertreter gefunden habe … Die Hülle

fiel, der Verein »Geradsinnliederkranz« tat noch einmal sein Bestes. Und Klaus

Heinrich stand lächelnd, mit einem Gefühle der Ausgeleertheit unter seinem

Theaterzelt, froh in der Sicherheit, daß niemand ihn weiter fragen dürfe. Denn er

hätte nun kein Sterbenswörtchen mehr über Knüppelsdorf zu sagen gewußt.

Wie ermüdend sein Leben war, wie anstrengend! Zuweilen schien es ihm, als

habe er beständig mit großem Aufgebot an Spannkraft etwas aufrechtzuerhalten,

was eigentlich nicht, oder doch nur unter günstigsten Bedingungen,

aufrechtzuerhalten war. Zuweilen erschien sein Beruf ihm traurig und arm,

obgleich er ihn liebte und jede Repräsentationsfahrt gern unternahm.

Er fuhr über Land zu einer Ackerbauausstellung, fuhr in seiner schlecht

federnden Chaise von Schloß »Eremitage« zum Bahnhof, wo zu seiner

Verabschiedung der Regierungspräsident, der Polizeipräsident und der Vorstand

der Bahn am Salonwagen standen. Er fuhr anderthalb Stunden, indem er mit den

großherzoglichen Adjutanten, die ihm zugeteilt waren, und dem Referenten für

Landwirtschaft, Ministerialrat Heckepfeng, einem strengen und ehrfurchtsvollen

Herrn, der ihn ebenfalls begleitete, nicht ohne Mühe ein Gespräch unterhielt.

Dann fuhr er in den Bahnhof des Städtchens ein, welches das

Landwirtschaftsfest veranstaltete. Der Bürgermeister, eine Kette über dem Frack,

erwartete ihn an der Spitze von sechs oder sieben anderen dienstlichen

Persönlichkeiten. Die Station war mit vielen Tannenbäumchen und

Laubschnüren geschmückt. Im Hintergrunde standen die Gipsbüsten Albrechts

und Klaus Heinrichs im Grünen. Das Publikum hinter der Absperrung rief

dreimal hoch. Die Glocken läuteten.

Der Bürgermeister hieß Klaus Heinrich mit einer Ansprache willkommen. Er

bringe ihm Dank dar, sagte er und schüttelte dabei seinen Zylinderhut mit der

Hand, in der er ihn hielt, den Dank der Stadt für alles, was Klaus Heinrichs Bruder und er selbst ihr Gutes erwiesen, und innige Wünsche für eine weitere

segenvolle Regierung. Auch wiederholte er die Bitte, der Prinz möge das Werk,

das unter seinem Protektorat so wohl gediehen sei, nun krönen und die

landwirtschaftliche Ausstellung gnädigst eröffnen.

Dieser Bürgermeister führte den Titel Ökonomierat, was man Klaus Heinrich

bedeutet hatte und weshalb er ihn in seiner Antwort dreimal so anredete. Er

sagte, er freue sich, zu hören, daß das Werk der Landwirtschaftsausstellung unter

seinem Protektorate so wohl gediehen sei. (Er hatte eigentlich vergessen, daß er

das Protektorat über die Ausstellung führte.) Er sei gekommen, um heute das

Letzte für das große Werk zu tun, indem er die Ausstellung eröffnete. Dann

erkundigte er sich nach vier Dingen: nach den wirtschaftlichen Verhältnissen der

Stadt, der Zunahme der Bevölkerung in den letzten Jahren, nach dem

Arbeitsmarkt (obgleich er nicht ganz genau wußte, was eigentlich der

Arbeitsmarkt sei) und nach den Lebensmittelpreisen. Hörte er, daß die

Lebensmittel teuer seien, so nahm er diese Mitteilung »ernst« entgegen, und das

mußte selbstverständlich alles sein. Niemand erwartete mehr von ihm, und

allgemein wirkte es tröstlich, daß er die Mitteilung von den hohen Preisen sehr

ernst entgegengenommen habe.

Dann stellte der Bürgermeister ihm die städtischen Würdenträger vor: den

Oberamtsrichter, einen adeligen Gutsbesitzer aus der Nähe, den Pastor, die

beiden Ärzte, einen Expeditor, und Klaus Heinrich richtete an jeden eine Frage,

indem er sich während der Antwort überlegte, was er zu dem nächsten sagen

sollte. Es waren außerdem noch der Landestierarzt und der Landesinspektor für

Tierzucht zugegen. Endlich bestieg man Fuhrwerke, um unter den Zurufen der

Einwohner zwischen einem Spalier von Schulkindern, Feuerwehrleuten und

Fahnenvereinen durch die geschmückte Stadt zur Festwiese zu fahren – nicht

ohne am Tore noch einmal von weiß gekleideten Jungfrauen mit Kränzen auf

den Köpfen angehalten zu werden, von denen eine, die Tochter des

Bürgermeisters, dem Prinzen einen Blumenstrauß mit weißer Atlasmanschette in

den Wagen reichte und zur immerwährenden Erinnerung an diesen Augenblick

eine jener hübschen und preiswerten Preziosen eingehändigt erhielt, die Klaus

Heinrich auf seinen Reisen mit sich führte, eine, sie wußte selbst nicht warum, in

Sammet gebettete Busennadel, die man im »Eilboten« als goldenes, mit

Edelsteinen besetztes Geschmeide wiederfand.

Zelte, Pavillons und Baracken waren auf der Wiese errichtet. An langen

Reihen von Stangen, die untereinander mit Girlanden verbunden waren,

flatterten bunte Wimpel. Auf einer hölzernen, mit Fahnentüchern behangenen

Tribüne, zwischen Draperien, Festons und zweifarbigen Flaggenstangen, verlas

Klaus Heinrich die kurze Eröffnungsrede. Und dann begann der Rundgang.

Da war an niedrige Querbäume das Hornvieh gefesselt, Reinzucht,

Prachtexemplare mit glatten, gewölbten, scheckigen Leibern, numerierte

Schilder an den breiten Stirnen. Da stampften und schnoben die Pferde, schwere

Ackergäule mit gebogenen Schnauzen und Haarbüscheln oberhalb der Hufen,

sowie feine, unruhige Reittiere. Da waren die nackten, kurzbeinigen Schweine,

und zwar sowohl Land- als Edelschweine in großer Auswahl. Sie ließen die

Bäuche hängen und wühlten grunzend mit ihren rosigen Rüsseln im Boden,

während das Geblök der wolligen Schafe, ein verworrener Chor von Baß- und

Kinderstimmen, die Luft erfüllte. Da war die lärmvolle Geflügelausstellung,

beschickt mit allen Arten von Hühnern, vom großen Brahmaputra bis zum

Goldlack-Zwerghühnchen, mit Enten und allerlei Tauben, mit Futtermitteln und

Eiern in frischem und künstlich erhaltenem Zustande. Da war die Ausstellung

von Feldprodukten mit allem Korn, mit Runkeln und Klee, Kartoffeln, Erbsen

und Flachs. Da waren Auslesen von frischem und eingemachtem Gemüse, von

rohem und konserviertem Obst, von Beerenfrüchten, Marmeladen und Säften.

Aber endlich war da die Ausstellung landwirtschaftlicher Gerätschaften und

Maschinen, vorgeführt von mehreren technischen Firmen, versehen mit allem,

was zur Bestellung des Ackers dient, vom handlichen Pflug bis zu den großen,

schwarzen, geschornsteinten Motoren, bei denen es aussah wie in einem

Elefantenstall, vom einfachsten und begreiflichsten Gegenstande bis zu solchen,

die aus einem Gewirr von Rädern, Ketten, Kolben, Walzen, Armen und Zähnen

bestanden – eine Welt, eine ganze, beschämende Welt sinnreicher Nützlichkeit.

Klaus Heinrich sah alles an, er schritt, den Säbelgriff überm Unterarm, die

Reihen der Tiere, Käfige, Säcke, Bottiche, Gläser und Utensilien ab. Der Herr zu

seiner Rechten wies ihn mit der Hand im weißen Glacéhandschuh auf das

einzelne hin, indem er sich diese und jene Erläuterung gestattete, und Klaus

Heinrich tat, was seines Berufes war. Er äußerte sich in Worten vollster

Anerkennung über alles, was er sah, er blieb von Zeit zu Zeit stehen und zog die

Aussteller der Tiere ins Gespräch, erkundigte sich in leutseliger Weise nach

ihren Verhältnissen und stellte Fragen, die die ländlichen Männer beantworteten,

indem sie sich hinter den Ohren kratzten. Und im Gehen dankte er nach beiden

Seiten für die Huldigungen der Bevölkerung, die seinen Weg besetzt hielt.

Namentlich am Ausgang des Festplatzes, dort, wo die Wagen warteten, hatte

das Volk sich angesammelt, um seiner Abfahrt zuzuschauen. Ein Weg war ihm

freigehalten, eine gerade Gasse bis zum Schlag seines Landauers, und er schritt

lebhaft hindurch, die Hand am Helm und immerfort nickend, allein und formvoll

geschieden von all diesen Menschen, die ihrem Urbilde, ihrer echten Art

zujubelten, indem sie ihn feierten, und deren Leben, Arbeit und Tüchtigkeit er

festlich darstellte, ohne teil daran zu haben.

Mit einem leichten und freien Schritte bestieg er den Wagen, ließ sich

kunstreich nieder, so daß er sofort eine anmutige und vollkommene Haltung

gewann, an der nichts mehr zu verbessern war, und fuhr grüßend zum

»Gesellschaftshause«, wo das Frühstück eingenommen wurde. Der

Bezirksamtmann brachte dabei – und zwar nach dem zweiten Gange – einen

Trinkspruch auf den Großherzog und den Prinzen aus, worauf Klaus Heinrich

sich unverzüglich erhob, um auf das Wohl des Bezirks und der Stadt zu trinken.

Nach dem Festessen jedoch zog er sich in die Zimmer zurück, die der

Bürgermeister ihm in seiner Amtswohnung eingeräumt hatte, und legte sich auf

eine Stunde ins Bett; denn seine Berufsausübung erschöpfte ihn in seltsamem

Maße, und nachmittags sollte er nicht nur in dieser Stadt die Kirche, die Schule,

verschiedene Betriebe, besonders das Käselager der Gebrüder Behnke,

besichtigen und sich über alles höchst befriedigt aussprechen, sondern auch noch

seine Reise eine Strecke fortsetzen und eine Unglücksstätte, ein abgebranntes

Dorf besuchen, um der Behörde seines Bruders Mitgefühl und sein eigenes

auszudrücken und die Heimgesuchten zu erquicken durch seine hohe

Gegenwart …

Aber daheim auf Schloß »Eremitage«, zurückgekehrt in seine enthaltsam

möblierten Empirestuben, las er die Zeitungsberichte über seine Fahrten. Dann

erschien Geheimrat Schustermann vom Preßbureau, das dem Ministerium des

Inneren unterstand, in der Eremitage und brachte die Ausschnitte aus den

Zeitungen, die reinlich auf weiße Bogen geklebt, datiert und mit dem Namen des

Blattes versehen waren. Und Klaus Heinrich las von seiner persönlichen

Wirkung, las über seines Wesens Anmut und Hoheit, las, daß er seine Sache gut

gemacht und sich die Herzen von jung und alt im Sturm gewonnen – daß er den

Sinn des Volkes vom Alltag erhoben und zur Liebe und Freude hingerissen habe.

Und dann erteilte er die Freiaudienzen im Alten Schloß, wie es vereinbart war.

Die Sitte der Freiaudienzen war von einem wohlmeinenden Vorgänger

Albrechts II. geschaffen worden, und man hielt fest daran. Einmal in der Woche

war Albrecht, war an seiner Statt Klaus Heinrich für jedermann zu sprechen. Ob

der Bittsteller von Rang war oder nicht, seine Angelegenheit Tragweite besaß

oder in einer persönlichen Sorge und Beschwerde bestand – eine Anmeldung bei

Herrn von Bühl oder nur beim diensttuenden Adjutanten genügte, und dem

Manne ward Gelegenheit, seine Sache an höchster Stelle vorzubringen. Eine

schöne, menschenfreundliche Einrichtung! Denn so brauchte der Bittsteller nicht

den Weg des schriftlichen Gesuches zu beschreiten, in der traurigen Voraussicht,

daß sein Schriftsatz auf immer in den Kanzleien verschwinden werde, sondern

hatte die glückliche Gewähr, daß sein Anliegen ganz unmittelbar zur höchsten

Stelle gelange. Eingeräumt mußte werden, daß die höchste Stelle – Klaus Heinrich zu dieser Zeit – natürlich nicht in der Lage war, den Fall zu übersehen,

ihn ernstlich zu prüfen und eine Entscheidung darüber zu treffen, sondern daß er

die Sache dennoch an die Kanzleien weitergab, woselbst sie »verschwand«.

Allein der Nutzen war gleichwohl groß, wenn auch nicht in dem Sinne großer

Zweckdienlichkeit. Der Bürger, der Bittsteller kam bei Herrn von Bühl mit der

Bitte ein, empfangen zu werden, und ein Tag, eine Stunde wurde ihm bestimmt.

Er sah sie in freudiger Beklommenheit herannahen, er arbeitete im Geist an den

Sätzen, in welchen er seine Angelegenheit vortragen würde, er ließ seinen

Leibrock, seinen Seidenhut bügeln, legte ein gutes Hemd zurecht und bereitete

sich auf alle Weise. Aber schon diese festlichen Vorkehrungen waren geeignet,

die Gedanken des Mannes von dem erstrebten, derb sachlichen Vorteil

abzulenken und ihm den Empfang selbst als den eigentlichen Gegenstand seiner

angeregten Erwartung erscheinen zu lassen. Die Stunde kam, und der Bürger

nahm, was er niemals tat, eine Droschke, um seine blanken Stiefel nicht zu

verunreinigen. Er fuhr zwischen den Löwen des Albrechtstores hindurch, und

die Wache sowohl wie der große Türsteher gaben ihm freien Durchgang. Er stieg

aus im Schloßhof am Säulenumgang vor dem verwitterten Portal und ward von

einem Lakaien in braunem Frack und sandfarbenen Gamaschen sogleich zur

Linken in ein Vorzimmer zu ebener Erde eingelassen, in dessen einem Winkel

sich ein Gestell mit Standarten befand, und wo eine Anzahl anderer

Supplikanten kaum flüsternd und in andächtig gespanntem Zustande ihres

Empfanges harrten. Der Adjutant, die Liste der Gemeldeten in der Hand, ging ab

und zu und nahm denjenigen, der zunächst an der Reihe war, beiseite, um ihm

mit gedämpfter Stimme Verhaltungsmaßregeln zu erteilen. Aber im

Nebenzimmer, »Freiaudienz-Zimmer« genannt, stand Klaus Heinrich im

Waffenrock mit silbernem Kragen und mehreren Sternen an einem runden

Tischchen mit drei goldenen Beinen und empfing. Major von Platow

unterrichtete ihn oberflächlich über die Person der einzelnen Bittsteller, bat den

Mann herein und kehrte in den Pausen zurück, um den Prinzen kurz auf den

Nächstfolgenden vorzubereiten. Und der Bürger trat ein; das Blut im Kopfe und

ein wenig schwitzend stand er vor Klaus Heinrich. Man hatte ihm eingeschärft,

daß er sich Seiner Königlichen Hoheit nicht allzusehr nähern, sondern in einiger

Entfernung stehenbleiben, daß er nicht sprechen solle, bevor er gefragt sei, und

auch dann nicht alles auf einmal herausschwatzen, sondern karg antworten, um

dem Prinzen Stoff zu Fragen übrigzulassen; daß er sich schließlich rückwärts

und ohne dem Prinzen seine Kehrseite zuzuwenden, entfernen möge. Und

darauf, nicht gegen diese Vorschriften zu verstoßen, sondern an seinem Teil dazu

beizutragen, daß das Gespräch einen schönen, glatten und harmonischen Verlauf

nähme, nur hierauf war alles Trachten des Bürgers gerichtet. Klaus Heinrich befragte ihn, wie er die Veteranen, die Schützen, die Turner, die Landleute und

die Abgebrannten zu befragen gewöhnt war, lächelnd, die linke Hand weit hinten

in die Hüfte gestemmt; und unwillkürlich lächelte auch der Bürger – wobei ihm

auf irgendeine Weise zumute war, als erhöbe er sich mit diesem Lächeln über

alles, was ihn sonst befangen hielt. Dieser gemeine Mann, dessen Sinn sonst am

Boden haftete, der außer dem handgreiflich Nützlichen nichts, wohl nicht einmal

die alltägliche Höflichkeit in Bedacht nahm und auch hierher um einer Sache

willen gekommen war – er erfuhr in seiner Seele, daß es etwas Höheres gäbe als

seine Sache und die Sache überhaupt, und erhoben, gereinigt, mit blindem Blick

und noch immer das Lächeln auf seinem geröteten Antlitz, ging er von dannen.

So erteilte Klaus Heinrich Freiaudienzen, und so übte er seinen hohen Beruf.

Er lebte auf »Eremitage« in seiner kleinen Flucht von Empirestuben, die so

streng und dürftig, mit kühlem Verzicht auf Behagen und Traulichkeit

eingerichtet waren. Verblichene Seide bespannte dort oberhalb der weißen

Täfelung die Wände, an den schmucklosen Decken hingen Kristallkronen,

geradlinige Sofas, ohne Tische zumeist, und dünnbeinige Etageren mit

Säulenstutzuhren standen an den Wänden, Stuhlpaare, weiß lackiert, mit ovalen

Rückenlehnen und dünnen Seidenbezügen flankierten die weiß lackierten

Flügeltüren, und in den Winkeln standen weiß lackierte Gueridons, die

vasenähnliche Armleuchter trugen. So sah es aus bei Klaus Heinrich, und er war

einverstanden mit dieser Umgebung.

Er lebte innerlich still, ohne Begeisterung oder Glaubenseifer in öffentlichen

Streitfragen. Er eröffnete als Vertreter seines Bruders den Landtag, nahm aber

keinen Anteil an den Vorgängen dortselbst und vermied jedes Ja und Nein im

Zwiespalt der Parteien – unentschieden und ohne Überzeugungswärme wie

einer, dessen Angelegenheit höher ist als alles Parteiwesen. Jeder sah ein, daß

seine Stellung ihm Zurückhaltung auferlegte, aber viele empfanden, daß der

Mangel an Teilnahme auf eine befremdende und lähmende Weise in seinem

Wesen ausgeprägt sei. Viele, die mit ihm in Berührung kamen, bezeichneten ihn

denn auch als »kalt«; und wenn Doktor Überbein diese »Kälte« mit lauten

Redensarten leugnete, so war zu bezweifeln, ob der einseitige und ungemütliche

Mann befähigt war, in dieser Frage ein Urteil zu fällen. Natürlich kam es vor,

daß Klaus Heinrichs Blick sich mit solchen kreuzte, die ihn überhaupt nicht

anerkannten, frechen, höhnischen, gehässig erstaunten Blicken, die seine ganze

Leistung und Anstrengung verachteten und nicht kannten. Aber auch bei

gutwilligen, fromm gearteten Leuten, die sein Leben zu achten und zu ehren sich

bereit zeigten, bemerkte er zuweilen nach kurzer Zeit eine gewisse

Erschöpftheit, ja Gereiztheit, wie als ob sie im Luftkreis seines Wesens nicht

lange zu atmen vermöchten; und das betrübte Klaus Heinrich, ohne daß er es abzustellen gewußt hätte.

Er hatte gar nichts zu tun im täglichen Leben; ob ihm ein Gruß gelang, ein

gnädiges Wort, eine gewinnende und doch würdevolle Handbewegung, war

wichtig und entscheidend. Einst kehrte er in Mütze und Mantel von einem

Spazierritt zurück, ritt langsam auf seinem braunen Pferde Florian durch die

Birkenallee, die am Rande unbebauten Geländes entlang auf Park und Schloß

»Eremitage« zuführte, und vor ihm her ging ein schäbig gekleideter junger

Mensch mit einer Pudelmütze und einem lächerlichen Schopf im Nacken, zu

kurzen Ärmeln und Hosen und außerordentlich großen Füßen, die er einwärts

setzte. Es mochte ein Realschüler oder dergleichen sein, denn er trug ein

Reißbrett unter dem Arm, worauf mit Stiften eine große Zeichnung, ein

ausgerechnetes Liniengewirr in roter und schwarzer Tinte, eine Projektion oder

ähnliches, befestigt war. Klaus Heinrich hielt lange sein Pferd hinter dem jungen

Menschen und betrachtete die rot und schwarze Projektion auf dem Reißbrett. –

Zuweilen dachte er, daß es gut sein müsse, einen ordentlichen Nachnamen zu

haben, Doktor Fischer zu heißen und einem ernsten Beruf nachzugehen.

Er repräsentierte bei den Hoffestlichkeiten, dem großen und kleinen Ball, dem

Diner, den Konzerten und der großen Cour. Er ging auch mit seinen rotköpfigen

Vettern, den Herren des Gefolges, im Herbst auf die Hofjagden, der Sitte wegen,

und obwohl sein linker Arm ihm das Schießen beschwerlich machte. Oft sah

man ihn abends im Hoftheater, in seiner rot ausgeschlagenen Proszeniumsloge

zwischen den beiden weiblichen Skulpturen mit den gekreuzten Händen und den

leeren, strengen Gesichtern. Denn das Theater unterhielt ihn, er liebte es, den

Schauspielern zuzusehen, zu beobachten, wie sie sich gaben, auf- und abtraten,

ihre Rolle durchführten. Meistens fand er sie schlecht, unzart in ihren Mitteln zu

gefallen und ungeübt in der feineren Vortäuschung des Natürlichen und

Kunstlosen. Übrigens war er geneigt, den niederen und volkstümlichen

Gegenden der Szene vor den hohen und feierlichen den Vorzug zu geben. In der

Residenz wirkte am »Singspieltheater« eine Soubrette namens Mizzi Meyer, die

in den Zeitungen und im Munde des Publikums nicht anders als »unsere« Meyer

hieß, und zwar auf Grund ihrer schrankenlosen Beliebtheit bei groß und klein.

Sie war nicht schön, kaum hübsch, sie sang mit kreischender Stimme, und streng

genommen, waren ihr keine besonderen Gaben zuzusprechen. Dennoch brauchte

sie nur die Bühne zu betreten, um Stürme der Zustimmung, des Beifalls, der

Aufmunterung zu entfesseln. Denn diese blonde und gedrungene Person mit

ihren blauen Augen, ihren breiten, ein wenig zu hoch sitzenden Wangenknochen,

ihrer gesunden, lustigen oder auch gern ein wenig rührseligen Art war Fleisch

vom Fleische des Volkes und Blut von dem seinen. Solange sie, geschmückt,

geschminkt und von allen Seiten beleuchtet, der Menge gegenüber auf den Brettern stand, war sie in der Tat die Verklärung des Volkes selbst – ja, das Volk

beklatschte sich selber, indem es sie beklatschte, und darin ganz allein beruhte

Mizzi Meyers Macht über die Gemüter. – Klaus Heinrich besuchte gern mit

Herrn von Braunbart-Schellendorf das »Singspieltheater«, wenn Mizzi Meyer

sang, und beteiligte sich lebhaft am Beifall.

Eines Tages hatte er eine Begegnung, die ihm einerseits zu denken gab,

anderseits ihn auch wieder enttäuschte. Es war die mit Herrn Martini, Axel

Martini, demselben, der die beiden von Sachverständigen viel gerühmten

Poesiebücher »Evoë!« und »Das heilige Leben« verfaßt hatte. Das

Zusammentreffen kam auf folgende Weise zustande.

In der Residenz lebte ein begüterter alter Herr, Oberregierungsrat seinem Titel

nach, der, seit er sich aus dem Staatsdienst in den Ruhestand zurückgezogen,

sein Leben der Förderung der schönen Künste, insbesondere der Dichtkunst,

gewidmet hatte. Er war der Begründer jener Einrichtung, die man unter dem

Namen des »Maikampfes« kannte – eines alljährlich zur Lenzzeit sich

wiederholenden poetischen Turniers, zu dem der Oberregierungsrat durch

Rundschreiben und Anschläge die Dichter und Dichterinnen des Vaterlandes

ermutigte. Preise waren ausgesetzt für das zärtlichste Liebeslied, das innigste

religiöse Gedicht, den feurigsten patriotischen Sang, für die trefflichsten

lyrischen Leistungen zum Preise der Musik, des Waldes, des Frühlings, der

Lebenslust – und diese Preise bestanden außer Geldgewinnen in sinnigen und

wertvollen Andenken wie goldenen Federn, goldenen Busennadeln in Leier- und

Blumenform und dergleichen mehr. Auch die Stadtobrigkeit der Residenz hatte

einen Preis gestiftet, und der Großherzog spendete einen silbernen Pokal als

Belohnung für das unbedingt vorzüglichste unter allen eingesandten Gedichten.

Der Schöpfer des »Maikampfes« selbst, der die erste Sichtung des stets

gewaltigen Stoffes besorgte, nahm im Bunde mit zwei Universitätsprofessoren

und den Feuilletonredakteuren des »Eilboten« und der »Volkszeitung« das Amt

des Preisrichters wahr. Die gekrönten und die lobend erwähnten Beiträge wurden

regelmäßig als Jahrbuch auf Kosten des Oberregierungsrates gedruckt und

herausgegeben.

Dieses Jahr nun hatte sich Axel Martini am »Maikampf« beteiligt und war als

Sieger daraus hervorgegangen. Das Gedicht, das er vorgelegt hatte, ein

begeistertes Loblied auf die Lebenslust oder vielmehr ein überaus stürmischer

Ausbruch der Lebenslust selbst, ein hinreißender Hymnus auf des Lebens

Schönheit und Furchtbarkeit, war im Stile seiner beiden Bücher gehalten und

hatte Zwietracht ins Richterkollegium getragen. Der Oberregierungsrat selbst

und der Professor für Philologie hatten es mit einer anerkennenden Erwähnung

abspeisen wollen; denn sie fanden es maßlos im Ausdruck, roh in seiner Leidenschaft und stellenweise unumwunden anstößig. Aber der Professor für

Literaturgeschichte zusammen mit den Redakteuren hatten sie überstimmt, nicht

nur in Hinsicht darauf, daß Martinis Beitrag das beste Gedicht an die Lebenslust

darstelle, sondern auch bezüglich seines unbedingten Vorranges, und schließlich

hatten sich auch die beiden Gegner dem Eindruck dieses schäumenden und

betäubenden Wortsturzes nicht entziehen können.

Axel Martini hatte also dreihundert Mark, eine goldene Busennadel in

Leierform und obendrein den silbernen Pokal des Großherzogs erhalten, und

sein Gedicht war im Jahrbuch an erster Stelle mit einer zeichnerischen

Umrahmung von der Künstlerhand des Professors von Lindemann abgedruckt

worden. Es kam aber hinzu, daß der Sitte gemäß der Sieger (oder die Siegerin)

im »Maikampf« vom Großherzog in Audienz empfangen wurde; und da

Albrecht gerade unpäßlich war, so fiel auch dieser Empfang seinem Bruder zu.

Klaus Heinrich fürchtete sich ein wenig vor Herrn Martini. –

»Gott, Doktor Überbein,« sagte er bei einer kurzen Begegnung mit seinem

Lehrer, »was soll ich mit ihm anfangen? Er ist gewiß ein wilder, unverschämter

Mensch.«

Aber Doktor Überbein antwortete: »I bewahre, Klaus Heinrich, keine

Besorgnis! Er ist ein ganz artiges Männchen. Ich kenne ihn, ich hospitiere ein

bißchen in seinen Kreisen. Sie werden ausgezeichnet mit ihm fertig werden.«

So empfing denn Klaus Heinrich den Dichter der Lebenslust, empfing ihn auf

»Eremitage«, um der Sache einen möglichst privaten Charakter zu geben. »Im

gelben Zimmer,« sagte er, »lieber Braunbart. Das ist in solchen Fällen das

präsentabelste.« Es standen drei schöne Stühle in diesem Zimmer, die wohl das

einzig Wertvolle unter dem Mobiliar des Schlößchens waren, schwere

Empirefauteuils in Mahagoni, mit schneckenförmig aufgerollten Armlehnen und

gelben Tuchbezügen, auf welche blaugrüne Leiern gestickt waren. Klaus

Heinrich stellte sich nicht zur Audienz auf bei dieser Gelegenheit, sondern

wartete, in einiger Unruhe, nebenan, bis Axel Martini seinerseits sieben oder

acht Minuten lang im gelben Zimmer gewartet hatte. Dann trat er lebhaft, fast

eilig ein und schritt auf den Dichter zu, der sich tief verbeugte.

»Es macht mir großes Vergnügen, Sie kennenzulernen,« sagte er, »lieber Herr

… Herr Doktor, nicht wahr?«

»Nein, Königliche Hoheit,« erwiderte Axel Martini mit asthmatischer

Stimme, »nicht Doktor. Ich bin unbetitelt.«

»Oh, Verzeihung … ich nahm an … Setzen wir uns, lieber Herr Martini. Ich

bin, wie gesagt, sehr erfreut, Sie zu Ihrem großen Erfolge beglückwünschen zu

können …«

Herrn Martinis Mundwinkel machten eine zuckende Bewegung nach unten. Er ließ sich an dem unbedeckten Tische, um dessen Platte eine Goldleiste lief, auf

dem Rande eines der Mahagoniarmstühle nieder und kreuzte seine Füße, die in

zersprungenen Lackstiefeln steckten. Er war im Frack und trug gelbliche

Glacéhandschuhe. Sein Halskragen war an den Ecken schadhaft. Er hatte ein

wenig glotzende Augen, magere Wangen und einen dunkelblonden Schnurrbart,

der gestutzt war wie eine Hecke. Sein Haupthaar war an den Schläfen schon

stark ergraut, obgleich er dem Jahrbuch des Maikampfes zufolge nicht mehr als

dreißig Jahre zählte, und unterhalb der Augen glomm ihm eine Röte, die nicht

auf Wohlsein deutete. Er antwortete auf Klaus Heinrichs Glückwunsch:

»Königliche Hoheit sind sehr gütig. Es war ja kein schwerer Sieg. Es war

vielleicht nicht taktvoll von mir, mich an dieser Konkurrenz zu beteiligen.«

Das verstand Klaus Heinrich nicht; aber er sagte: »Ich habe Ihr Gedicht

wiederholt mit großem Genuß gelesen. Es scheint mir überaus gelungen, sowohl

was das Versmaß als auch was die Reime betrifft. Und dann bringt es die

Lebenslust vorzüglich zum Ausdruck.«

Herr Martini verbeugte sich im Sitzen.

»Ihre Fertigkeit«, fuhr Klaus Heinrich fort, »muß Ihnen großes Vergnügen

gewähren – die schönste Erholung … Welches ist Ihr Beruf, Herr Martini?«

Herr Martini deutete an, daß er nicht verstehe, beschrieb gleichsam mit dem

Oberkörper ein Fragezeichen.

»Ich meine, Ihr Hauptberuf. Sind Sie im Staatsdienst?«

»Nein, Königliche Hoheit. Ich habe keinen Beruf. Ich beschäftige mich mit

Poesie, ausschließlich …«

»Gar keinen … Oh, ich verstehe. Eine so ungewöhnliche Begabung ist es

wert, daß man ihr alle Kräfte widmet.«

»Das weiß ich nicht. Ich muß gestehen, daß ich gar nicht die Wahl hatte. Ich

habe mich von jeher zu jeder anderen menschlichen Tätigkeit vollkommen

unfähig gefühlt. Mir scheint, daß diese zweifellose und unbedingte Unfähigkeit

zu allem anderen der einzige Beweis und Prüfstein des Berufes zur Poesie ist, ja,

daß man in der Poesie eigentlich keinen Beruf, sondern eben nur den Ausdruck

und die Zuflucht dieser Unfähigkeit zu sehen hat.«

Herr Martini hatte die Eigentümlichkeit, beim Sprechen Tränen in die Augen

zu bekommen, ähnlich wie ein Mensch, der aus der Kälte in ein warmes Zimmer

tritt und sich nun schmelzen und hinströmen läßt.

»Das ist eine eigenartige Auffassung«, sagte Klaus Heinrich.

»Doch nicht, Königliche Hoheit. Ich bitte um Verzeihung. Nein, gar nicht

eigenartig. Diese Auffassung ist vielfach akzeptiert. Ich sage nichts Neues.«

»Und seit wann leben Sie ausschließlich der Poesie, Herr Martini? Sie haben

vorher studiert?«

»Nicht regelrecht, Königliche Hoheit. Nein, die Unfähigkeit, der ich vorhin

erwähnte, begann bei mir sehr früh sich zu zeigen. Ich wurde mit der Schule

nicht fertig. Ich verließ sie, ohne es bis zur Abgangsprüfung gebracht zu haben.

Ich ging auf die Universität mit dem Versprechen, die Prüfung nachträglich

abzulegen, aber es wurde dann nichts daraus. Und als mein erster Gedichtband

sehr bemerkt worden war, da schickte es sich auch schließlich nicht mehr, wenn

ich so sagen darf.«

»Nein, nein … Aber waren Ihre Eltern denn einverstanden mit Ihrer

Laufbahn?«

»O nein, Königliche Hoheit! Ich darf zur Ehre meiner Eltern versichern, daß

sie durchaus nicht einverstanden damit waren. Ich bin aus guter Familie; mein

Vater war Oberstaatsanwalt. Er billigte natürlich meine Laufbahn so wenig, daß

er mir bis zu seinem Tode jede Unterstützung verweigerte. Ich lebte zerfallen mit

ihm, obgleich ich ihn seiner Strenge wegen außerordentlich hoch achtete.«

»Oh, Sie haben es also schwer gehabt, Herr Martini, haben sich durchschlagen

müssen. Ich kann es mir denken, daß Sie sich den Wind um die Nase haben

wehen lassen!«

»Nicht so, Königliche Hoheit! Nein, das wäre schlimm gewesen, ich hätte es

nicht ertragen. Meine Gesundheit ist zart – ich darf nicht sagen ›leider‹, denn ich

bin überzeugt, daß mein Talent mit meiner Körperschwäche unzertrennlich

zusammenhängt. Hunger und rauhe Winde hätte weder mein Körper noch mein

Talent überstanden und haben sie auch nicht zu überstehen gehabt. Meine Mutter

war schwach genug, mich hinter dem Rücken meines Vaters mit den Mitteln

zum Leben zu versehen, bescheidenen, aber hinlänglichen Mitteln. Ihr danke ich

es, daß sich mein Talent unter leidlich milden Bedingungen entwickeln konnte.«

»Der Erfolg hat gezeigt, lieber Herr Martini, daß es die richtigen Bedingungen

waren … Obgleich es ja schwer ist, zu sagen, welches wohl die eigentlich guten

Bedingungen sind. Lassen Sie mich annehmen, Ihre Frau Mutter hätte sich

ebenso streng verhalten wie Ihr Vater, und Sie wären allein auf der Welt gewesen

und ganz auf sich selbst gestellt und völlig auf Ihre Fähigkeiten angewiesen …

Meinen Sie nicht, daß Ihnen das gewissermaßen von Nutzen gewesen wäre? Daß

Sie Einblicke hätten tun können, um diesen Ausdruck zu wählen, die Ihnen nun

entgangen sind?«

»Ach, Königliche Hoheit, meinesgleichen tut Einblicke genug, auch ohne

wirklich dem Hunger ausgesetzt zu sein; und die Auffassung ist ziemlich

allgemein akzeptiert, daß es nicht sowohl der wirkliche Hunger als vielmehr der

Hunger nach dem Wirklichen ist … he, he … was das Talent benötigt.«

Herr Martini hatte ein wenig lachen müssen über sein Wortspiel. Er führte nun

rasch die eine gelblich bekleidete Hand vor seinen Mund mit dem heckenartigen Schnurrbart und verbesserte sein Lachen, stellte es gleichsam richtig durch ein

Hüsteln. Klaus Heinrich sah ihm in freundlicher Erwartung zu.

»Wenn Königliche Hoheit mir erlauben wollen … Es ist eine weitverbreitete

Anschauung, daß die Entbehrung der Wirklichkeit für meinesgleichen der

Nährboden alles Talentes, die Quelle aller Begeisterung, ja recht eigentlich unser

einflüsternder Genius ist. Der Lebensgenuß ist uns verwehrt, streng verwehrt,

wir machen uns kein Hehl daraus – und zwar ist dabei unter Lebensgenuß nicht

nur das Glück, sondern auch die Sorge, auch die Leidenschaft, kurz jede

ernsthaftere Verbindung mit dem Leben zu verstehen. Die Darstellung des

Lebens nimmt durchaus alle Kräfte in Anspruch, zumal wenn diese Kräfte nicht

eben überreichlich bemessen sind« – und Herr Martini hüstelte, wobei seine

Schultern mehrmals nach vorn zusammengezogen wurden. »Die Entsagung«,

fügte er hinzu, »ist unser Pakt mit der Muse, auf ihr beruht unsere Kraft, unsere

Würde, und das Leben ist unser verbotener Garten, unsere große Versuchung,

der wir zuweilen, aber niemals zu unserem Heil, unterliegen.«

Wieder hatten sich beim fließenden Sprechen Herrn Martinis Augen mit

Tränen gefüllt. Er suchte sie durch ein Blinzeln zu vertreiben.

»Jeder von uns«, sagte er noch, »kennt solche Verirrungen und Entgleisungen,

solche begehrlichen Ausflüge in die Festsäle des Lebens. Aber wir kehren

gedemütigt und Übelkeit im Herzen von dort in unsere Abgeschlossenheit

zurück.«

Herr Martini schwieg. Es geschah ihm, daß sein Blick, unter emporgezogenen

Brauen, vorübergehend starr wurde, einen Atemzug lang sich im Leeren verlor,

wobei sein Mund einen säuerlichen Ausdruck annahm und seine Wangen, über

denen die ungesunde Röte glomm, noch magerer schienen als sonst. Das war nur

eine Sekunde; dann wechselte er die Haltung und machte seine Augen wieder

frei.

»Aber Ihr Gedicht«, sagte Klaus Heinrich, nicht ohne Dringlichkeit. »Ihr

Preisgedicht an die Lebenslust, Herr Martini!… Ich bin Ihnen aufrichtig

verbunden für Ihre Ausführungen. Wollen Sie mir aber sagen … Ihr Gedicht –

ich habe es aufmerksam gelesen. Es handelt einerseits von Elend und

Schrecknissen, von des Lebens Bosheit und Grausamkeit, wenn ich mich recht

erinnere, und andererseits von dem Vergnügen am Wein und an schönen Frauen,

nicht wahr …«

Herr Martini lächelte; hierauf rieb er sich mit Daumen und Mittelfinger die

Mundwinkel, um das Lächeln zu vertreiben.

»Das alles«, sagte Klaus Heinrich, »ist in der Ichform abgefaßt, in der ersten

Person, nicht wahr? Und doch beruht es nicht auf eigenen Einblicken? Sie haben

nichts davon wirklich erlebt?«

»Sehr wenig, Königliche Hoheit. Lediglich ganz kleine Andeutungen davon.

Nein, die Sache ist umgekehrt die, daß, wenn ich der Mann wäre, das alles zu

erleben, ich nicht nur nicht solche Gedichte schreiben, sondern auch meine

jetzige Existenz von Grund aus verachten würde. Ich habe einen Freund, sein

Name ist Weber; ein begüterter junger Mann, der lebt, der sein Leben genießt.

Sein Lieblingsvergnügen besteht darin, in seinem Automobil mit toller

Geschwindigkeit über Land zu sausen und dabei von Straßen und Äckern

Bauerndirnen aufzulesen, mit denen er unterwegs – aber das gehört nicht hierher.

Kurz, dieser junge Mann lacht, wenn er mich nur von weitem sieht, so komisch

findet er mich und meine Tätigkeit. Was aber mich betrifft, so begreife ich seine

Heiterkeit vollkommen und beneide ihn. Ich darf sagen, daß ich ihn auch ein

wenig verachte, aber doch nicht so aufrichtig, als ich ihn beneide und

bewundere …«

»Sie bewundern ihn?«

»Jawohl, Königliche Hoheit. Ich kann unmöglich umhin, das zu tun. Er gibt

aus, er verschwendet, er läßt beständig in der unbekümmertsten und

hochherzigsten Weise draufgehen – während es mein Teil ist, zu sparen,

ängstlich und geizig zusammenzuhalten, und zwar aus hygienischen Gründen.

Denn die Hygiene ist es ja, was mir und meinesgleichen in erster Linie not tut –

sie ist unsere ganze Moral. Aber nichts ist unhygienischer, als das Leben …«

»Sie werden also den Pokal des Großherzogs wohl niemals leeren, Herr

Martini?«

»Wein daraus trinken? Nein, Königliche Hoheit. Obgleich es eine schöne

Geste sein müßte. Aber ich trinke keinen Wein. Auch gehe ich um zehn Uhr zu

Bette und lebe in jeder Weise vorsichtig. Sonst hätte ich niemals den Pokal

gewonnen.«

»Es muß wohl so sein, Herr Martini. Man macht sich aus der Ferne wohl

unrichtige Vorstellungen von dem Leben eines Dichters.«

»Begreiflicherweise, Königliche Hoheit. Aber es ist im ganzen kein sehr

herrliches Leben, wie ich versichern kann, besonders da wir ja nicht zu jeder

Stunde Dichter sind. Damit von Zeit zu Zeit so ein Gedicht zustande komme –

wer glaubt wohl, wieviel Faulenzerei und Langeweile und grämlicher

Müßiggang dazu nötig ist. Eine Postkarte an den Zigarrenlieferanten ist oft die

Leistung eines Tages. Man schläft viel, man lungert mit dumpfem Kopfe umher.

Ja, es ist nicht selten ein Hundeleben …«

Jemand pochte ganz leise von außen an die weiß lackierte Tür. Es war

Neumanns Zeichen, daß es hohe Zeit für Klaus Heinrich sei, sich umkleiden und

frisch instand setzen zu lassen. Denn es war Cerclekonzert heut abend im Alten

Schloß.

Klaus Heinrich stand auf. »Ich habe mich verplaudert«, sagte er; denn das war

die Wendung, deren er sich in solchen Augenblicken bediente. Und dann

verabschiedete er Herrn Martini, wünschte ihm guten Erfolg in seiner poetischen

Laufbahn und begleitete den ehrerbietigen Rückzug des Dichters mit Lächeln

und jener ein wenig theatralischen, gnädig grüßenden Handbewegung von oben

nach unten, die nicht immer gleichmäßig schön gelang, aber in der er es zu hoher

Vollendung gebracht hatte.

Dies war des Prinzen Unterredung mit Axel Martini, dem Verfasser von

»Evoë!« und »Das heilige Leben«. Sie machte ihm Gedanken, hörte bei ihrem

Abschluß nicht auf, ihn zu beschäftigen. Noch während er sich von Neumann

den Scheitel erneuern und den blinkenden Galarock mit den Sternen anlegen

ließ, noch während des Cerclekonzertes bei Hofe, ja mehrere Tage noch nachher

dachte er darüber nach und suchte des Dichters Äußerungen mit den übrigen

Erfahrungen in Zusammenhang zu bringen, die das Leben ihm gewährt hatte.

Dieser Herr Martini, der, während ihm die ungesunde Röte über den

Wangenhöhlen glomm, beständig rief: »Wie ist das Leben so stark und schön!«,

jedoch um zehn Uhr vorsichtig zu Bette ging, sich aus hygienischen Gründen,

wie er sagte, dem Leben verschloß und jede ernsthafte Verbindung mit

demselben mied – dieser Dichter mit seinem schadhaften Kragen, seinen

tränenden Augen und seinem Neid auf den jungen Weber, der mit

Bauernmädchen über Land sauste: er weckte geteilte Empfindungen, es war

schwer, eine feste Meinung über ihn zu gewinnen. Klaus Heinrich gab dem

Ausdruck, als er seiner Schwester von der Begegnung erzählte, indem er sagte:

»Er hat es nicht bequem und nicht leicht, das sieht man wohl, und das muß ja

gewiß für ihn einnehmen. Aber ich weiß doch nicht, ob ich mich freuen kann,

ihn kennengelernt zu haben, denn er hat etwas Abschreckendes, Ditlinde, ja, er

ist bei alldem entschieden ein bißchen widerlich.«