Königliche Hoheit
Imma
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.
Fräulein von Isenschnibbe war gut unterrichtet gewesen. Noch an dem Abend
des Tages, an welchem sie der Fürstin zu Ried die große Neuigkeit überbracht
hatte, veröffentlichte der »Eilbote« die Kunde von Samuel Spoelmanns, des
weltberühmten Spoelmann, bevorstehender Ankunft, und anderthalb Wochen
später, zu Anfang Oktober (es war der Oktober des Jahres, in welchem
Großherzog Albrecht sein zweiunddreißigstes, Prinz Klaus Heinrich sein
sechsundzwanzigstes Lebensjahr angetreten hatte) – kaum also, daß die
öffentliche Neugier Zeit gehabt, einen rechten Höhepunkt zu erreichen – vollzog
sich diese Ankunft, ward schlichte Wirklichkeit an einem herbstlich bedeckten,
ganz unscheinbaren Wochentage, der sich gleichwohl der Zukunft als ein
unendlich denkwürdiges Datum erweisen sollte.
Die Spoelmanns trafen mit Extrazug ein – darauf beschränkte sich vorderhand
die Herrlichkeit ihres Auftretens; denn daß die »Fürstenzimmer« des Hotels
Quellenhof durchaus nicht von blendender Pracht waren, wußte jedermann.
Müßiges Publikum, überwacht von einem kleinen Gendarmerieaufgebot, hatte
sich hinter der Perronsperre eingefunden; Vertreter der Presse waren zugegen.
Aber wer Außerordentliches gewärtigt hatte, wurde enttäuscht. Spoelmann wäre
fast gar nicht erkannt worden, so wenig überwältigend war er. Längere Zeit hielt
man seinen Leibarzt für ihn, Doktor Watercloose – so, sagte man, hieß er –,
einen langen Amerikaner, welcher, den Hut im Nacken, seinen Mund zwischen
dem weißen geschorenen Backenbart beständig mild lächelnd in die Breite zog
und die Augen dabei schloß. Erst im letzten Augenblick ward bekannt, daß
vielmehr der Kleine, Rasierte im mißfarbenen Paletot – der, welcher im
Gegenteil den Hut tief in die Stirn gedrückt trug, der eigentliche Spoelmann sei,
und die Zuschauer waren einig darin, daß ihm nichts anzumerken sei. Fabelhafte
Dinge waren über ihn im Umlauf gewesen. Durch irgendeinen Spaßvogel war
das Gerücht verbreitet und auch gewissermaßen geglaubt worden, Spoelmann
habe lauter goldene Vorderzähne, und in jeden dieser goldenen Vorderzähne sei
in der Mitte ein Brillant eingelassen. Aber obgleich die Wahrheit oder Unwahrheit dieser Behauptung nicht gleich zu prüfen war – denn Spoelmann
ließ seine Zähne nicht sehen, er lachte nicht, sondern schien vielmehr ärgerlich
und durch seine Krankheit gereizt –, so glaubte angesichts seiner Person sogleich
kein Mensch mehr daran. Was aber Miß Spoelmann, seine Tochter, betraf, so
hatte sie den Kragen ihrer Pelzjacke, in deren Taschen sie ihre Hände verbarg,
hoch emporgeschlagen, so daß überhaupt fast nichts von ihr zu sehen war als ein
paar unverhältnismäßig großer braunschwarzer Augen, die über die
Menschenansammlung hin eine ernste, fließende, aber nicht
allgemeinverständliche Sprache führten. An ihrer Seite befand sich die
Persönlichkeit, die man als ihre Gesellschaftsdame, die Gräfin Löwenjoul
erkannte, eine Frau von fünfunddreißig Jahren, schlicht gekleidet und beide
Spoelmanns an Körperlänge überragend, die ihren kleinen Kopf mit dem
spärlichen glatten Scheitel nachdenklich schief trug und mit einer gewissen
starren Sanftmut vor sich hinblickte. Das meiste Aufsehen erregte ohne Frage
ein schottischer Schäferhund, der von einem Diener mit stillem Sklavengesicht
an der Leine geführt wurde – ein ungewöhnlich schönes, aber, wie es schien,
entsetzlich aufgeregtes Tier, das bebend und tänzelnd die Bahnhofshalle mit
seinem exaltierten Gebell erfüllte.
Man sagte, daß ein paar Spoelmannsche Dienstboten männlichen und
weiblichen Geschlechts schon einige Stunden früher im Quellenhof eingetroffen
seien. Jedenfalls blieb es dem Diener mit dem Hunde allein überlassen, das
Gepäck zu besorgen; und während er es besorgte, fuhr seine Herrschaft in zwei
gemeinen Droschken – Herr Spoelmann mit Doktor Watercloose, Miß
Spoelmann mit ihrer Gräfin – zum Quellengarten hinaus. Dort stiegen sie ab,
und dort führten sie anderthalb Monate lang ein Leben, das mit geringeren
Mitteln als den ihren zu bestreiten gewesen wäre.
Sie hatten Glück, das Wetter war gut, es war ein blauer Herbst, eine lange
Reihe von sonnigen Tagen zog sich von dem Oktober in den November, und Miß
Spoelmann ritt täglich – das war der einzige Luxus, den sie trieb – mit ihrer
Ehrendame spazieren, auf Pferden übrigens, die sie im Tattersall wochenweise
gemietet hatten. Herr Spoelmann ritt nicht, obgleich der »Eilbote« mit
deutlichem Hinblick auf ihn eine Notiz seines medizinischen Mitarbeiters
veröffentlichte, wonach das Reiten bei Steinleiden infolge der Erschütterung
lindernd wirke und den Abgang der Steine befördere. Aber durch das
Hotelpersonal wurde bekannt, daß der berühmte Mann in seinen vier Wänden
ein künstliches Reiten betrieb mit Hilfe einer Maschine, eines feststehenden
Velozipeds, dessen Sattel durch das Treten der Pedale in schütternde Bewegung
versetzt wurde.
Mit Eifer trank er das Heilwasser, die Ditlindenquelle, auf die er große Stücke zu halten schien. In aller Frühe erschien er täglich im Füllhause, begleitet von
seiner Tochter, die übrigens ganz gesund war und nur zur Gesellschaft mittrank,
und bewegte sich dann in seinem mißfarbenen Paletot und den Hut in der Stirn
durch den Kurgarten und die Wandelhalle, indem er das Wasser aus dem
bläulichen Glasbecher durch eine gläserne Röhre zu sich nahm – aus der Ferne
beobachtet von den beiden amerikanischen Zeitungskorrespondenten, die
gehalten waren, ihren Blättern täglich tausend Worte über Spoelmanns
Ferienaufenthalt zu telegraphieren und also danach trachten mußten, Stoff zu
gewinnen.
Sonst sah man ihn wenig. Sein Leiden – Nierenkoliken, wie man sagte, höchst
schmerzhafte Anfälle – schien ihn oft an das Zimmer, wenn nicht ans Bett zu
fesseln, und während Miß Spoelmann mit der Gräfin Löwenjoul zwei- oder
dreimal im Hoftheater erschien (wobei sie ein schwarzes Sammetkleid und um
die kindlichen Schultern ein indisches Seidentuch von wundervollem Goldgelb
trug, auch mit ihrem perlblassen Gesichtchen und ihren großen, schwarzen und
fließend redenden Augen sehr fesselnd wirkte), wurde ihr Vater niemals bei ihr
in der Loge gesehen. Er unternahm zwar in ihrer Begleitung ein paar Streifzüge
durch die Residenz, um kleine Einkäufe zu machen, die Stadt in Augenschein zu
nehmen und einige innere Sehenswürdigkeiten zu besuchen; er spazierte auch
wohl mit ihr durch den Stadtgarten und besichtigte dort zweimal Schloß
Delphinenort – das zweitemal allein, wobei er in seinem Interesse so weit ging,
mit einem gewöhnlichen gelben Meterstabe, den er aus seinem mißfarbenen
Paletot hervorzog, Messungen an den Wänden vorzunehmen … Aber nicht
einmal im Speisesaal des Quellenhofes wurde man seines Anblickes teilhaftig;
denn entweder, weil er auf schmale, fast fleischlose Kost gesetzt war oder aus
anderen Gründen, speiste er mit den Seinen ausschließlich in seinen Zimmern,
und die Neugier des Publikums erhielt im ganzen recht wenig Nahrung.
So kam es, daß Spoelmanns Ankunft dem Quellengarten vorderhand nicht in
dem Maße zum Nutzen gereichte, wie Fräulein von Isenschnibbe und mit ihr
viele Leute erwartet hatten. Der Flaschenversand nahm zu, das war festzustellen;
er stieg sehr rasch fast um die Hälfte seiner bisherigen Ziffer und hielt sich
dauernd auf dieser Höhe. Aber der Fremdenzuzug steigerte sich nicht
wesentlich; die Gäste, die eintrafen, um sich an dem Anblick dieser
ungeheuerlichen Existenz zu weiden, reisten bald befriedigt oder enttäuscht
wieder ab, und zudem waren es großenteils nicht die besten Elemente, die von
seiner Gegenwart angelockt wurden. Sonderbare Köpfe tauchten in den Straßen
auf, unfrisierte und wildäugige Köpfe – Erfinder, Plänemacher, verbohrte
Menschheitsbeglücker, die Spoelmann für ihre fixen Ideen zu gewinnen hofften.
Aber der Milliardär verhielt sich durchaus ablehnend gegen diese Leute, ja, einen von ihnen, der sich im Stadtgarten an ihn machen wollte, schrie er,
kirschbraun vor Jähzorn, dermaßen an, daß der Wirrkopf sich eilig trollte, und
mehrfach wurde versichert, daß die Flut von Bettelbriefen, die täglich für ihn
einströmte – Briefe die oft mit Marken beklebt waren, wie die Beamten des
großherzoglichen Postbureaus sie niemals zu Gesichte bekommen –,
geradeswegs in einen Papierkorb von seltenem Umfang geleitet werde.
Spoelmann schien sich alle geschäftlichen Mitteilungen verbeten zu haben,
schien entschlossen, seine Ferien gründlich zu genießen und während dieser
Europareise ausschließlich seiner Gesundheit – oder Krankheit – zu leben. Der
»Eilbote«, dessen Zuträger sich beeilt hatten, mit den amerikanischen
Berufsgenossen Freundschaft zu schließen, wußte zu erzählen, daß ein
zuverlässiger Mann, ein chief manager, wie es hieß, Herrn Spoelmann drüben
vertrat. Er erzählte ferner, daß seine Jacht, ein prunkvoll eingerichtetes Schiff,
den gewaltigen Mann in Venedig erwarte, und daß er sich nach beendeter
Trinkkur zunächst mit den Seinen nach Süden zu wenden beabsichtige. Er
erzählte auch – und kam damit einem drängenden öffentlichen Bedürfnis nach –
von der abenteuerlichen Entstehung des Spoelmannschen Besitzstandes, von
dem Urbeginn im Lande Victoria, wohin sein Vater von irgendeinem deutschen
Kontorsessel aus gekommen war, ganz jung und arm und ausgestattet allein mit
einer Picke, einer Schaufel und einem zinnernen Teller. Dort hatte er anfänglich
als Gehilfe eines Goldgräbers gearbeitet, als Tagelöhner, im Schweiße seines
Angesichts. Und dann war das Glück gekommen. Einem Manne, einem kleinen
Grubenbesitzer, war es so schlecht gegangen, daß er nicht einmal mehr seine
Tomaten und sein trockenes Brot zum Mittagessen hatte kaufen können, und in
der größten Not hatte er seine Grube veräußern müssen. Spoelmann der Ältere
hatte sie gekauft, hatte sein Alles auf eine Karte gesetzt und für sein ganzes
Erspartes, bestehend aus fünf Pfund Sterling, dies Stückchen Alluvialfeld,
»Paradiesfeld« genannt, nicht größer als vierzig Quadratfuß, käuflich erworben.
Und tags darauf hatte er anderthalb Handbreit unter der Oberfläche einen
Klumpen Reingold, den zehntgrößten der Welt, den »Paradise Nugget« von
neunhundertachtzig Unzen und fünftausend Pfund wert, zutage gefördert …
Das war, erzählte der »Eilbote«, der Anfang gewesen. Mit dem Erlös seines
Fundes war Spoelmanns Vater nach Südamerika übergesiedelt, ins Land Bolivia,
und als Goldwäscher, Amalgam-Mühlenbesitzer und Bergwerksunternehmer
hatte er fortgefahren, das gelbe Metall ohne Umwege den Flüssen, dem Schoß
des Gesteins zu entreißen. Damals und dort hatte Spoelmann der Ältere sich
vermählt – und der »Eilbote« ließ eine Bemerkung darüber einfließen, daß er es
trotzigerweise und ohne Rücksicht auf dortzuland herrschende Vorurteile getan
habe. So aber hatte er sein Kapital verdoppelt und auf unerhörte Art hatte er mit seinem Pfunde zu wuchern verstanden. Er war gen Norden gewandert nach
Philadelphia im Staate Pennsylvanien. Das war in den fünfziger Jahren gewesen,
der Zeit lebhaften Aufschwungs im Eisenbahnbau, und Spoelmann hatte seine
Geschäfte mit einer Anlage in Aktien der Baltimore- und Ohiobahn begonnen.
Er hatte ferner im Westen des Staates ein Kokskohlenlager bewirtschaftet,
dessen Erträge bedeutend gewesen waren. Aber dann hatte er zu jener Gruppe
gottbegnadeter junger Leute gehört, welche für einige tausend Pfund die
berühmte Blockheadfarm erwarben – jenes Landgütchen, das mit seiner
Steinölquelle binnen kurzem das Hundert- und aber Hundertfache seines
Kaufpreises wert war … Dies Unternehmen hatte Spoelmann den Älteren reich
gemacht, aber er hatte sich keineswegs zur Ruhe begeben, sondern unablässig
die Kunst geübt, mit Geld mehr Geld und endlich überschwenglich viel Geld
hervorzubringen. Er hatte Stahlwerke geschaffen, hatte Gesellschaften gebildet,
die im größten Maßstabe die Umwandlung des Eisens in Stahl, den Bau von
Eisenbahnbrücken betrieben. Er hatte die Mehrzahl der Aktien von vier oder
fünf großen Eisenbahnkompanien an sich gebracht und war in vorgerückten
Jahren Präsident, Vizepräsident, Bevollmächtigter oder Direktor dieser
Gesellschaften gewesen. Bei der Begründung des Stahltrusts, so erzählte der
»Eilbote«, war er dieser Vereinigung beigetreten, mit einem Aktienbesitz, der
ihm allein schon eine jährliche Einnahme von zwölf Millionen Dollar
gewährleistete. Aber ebenso war er Hauptaktionär und Aufsichtsrat des
Petroleumzusammenschlusses gewesen, hatte gleichzeitig kraft seines
Anteilbesitzes über drei oder vier der anderen Treuhandgesellschaften
Vorherrschaft geübt. Und bei seinem Tode hatte sein Vermögen, berechnet im
Münzfuß hierzulande, eine runde Milliarde betragen.
Samuel, sein einziger Sohn, erzeugt in jener zeitig geschlossenen und auf
irgendeine Weise vorurteilswidrigen Ehe, war sein einziger Erbe gewesen – und
der »Eilbote«, feinsinnig wie er war, schaltete eine Betrachtung darüber ein, wie
doch etwas Wehmütiges in der Vorstellung liege, daß jemand so ohne eigenes
Zutun und gleichsam ohne Verschulden sich durch Geburt in einer solchen
Lebenslage finde. Samuel hatte den Palast in der Fünften Avenue von Neuyork,
die Schlösser auf dem Lande und alle Aktien, Treuhandscheine und
Gewinnanteile seines Vaters geerbt; er erbte auch die abenteuerliche
Vereinzelung des Lebens, zu der jener emporgestiegen war, seinen Weltruhm
und den Haß der benachteiligten Menge gegen die aufgehäufte Macht des
Geldes – all den Haß, zu dessen Besänftigung er jährlich die gewaltigen
Schenkungen an Kollegien, Konservatorien, Bibliotheken,
Wohltätigkeitsanstalten und jene Universität verteilte, die sein Vater gegründet
hatte und die seinen Namen führte.
Samuel Spoelmann trug ohne Verschulden den Haß der Benachteiligten, der
»Eilbote« versicherte es. Er war früh in die Geschäfte eingeführt worden, hatte
schon während der letzten Lebensjahre seines Vaters allein die
schwindelerregende Besitzmasse des Hauses verwaltet. Aber es war allgemein
bekannt, daß sein Herz niemals so recht und ganz bei den Transaktionen
gewesen war. Seine eigentliche Neigung hatte sonderbarerweise vielmehr von
jeher der Musik, und zwar der Orgelmusik, gehört – und diese Mitteilung des
»Eilboten« war nachzuprüfen, denn in der Tat hielt sich Mister Spoelmann auch
im Quellenhof ein kleines Pfeifenspiel, dessen Bälge er von einem Hausknecht
des Hotels bedienen ließ, und jeden Tag konnte man ihn vom Kurgarten aus
darauf musizieren hören.
Aus Liebe und ganz ohne geschäftliche Rücksichten, erzählte der »Eilbote«,
hatte er sich vermählt – mit einem armen und schönen Mädchen, halb deutsch,
halb angelsächsisch ihrer Abkunft nach. Sie war gestorben; aber sie hatte ihm
eine Tochter zurückgelassen, dies merkwürdige Blutgemisch von einem
Mädchen, das wir nun ebenfalls in unseren Mauern zu Gast hatten und das zur
Zeit neunzehn Jahre alt war. Sie hieß Imma – ein kerndeutscher Name, wie der
»Eilbote« hinzufügte, nichts weiter als eine ältere Form von »Emma«; und leicht
war denn auch zu bemerken, daß, wenn auch englische Brocken mit unterliefen,
die tägliche Umgangssprache im Hause Spoelmann das Deutsche geblieben war.
Wie innig übrigens Vater und Tochter einander zu lieben schienen! Jeden
Morgen, wenn man sich rechtzeitig in den Quellengarten begab, konnte man
beobachten, wie Fräulein Spoelmann, die ein wenig später als ihr Vater im
Füllhause einzutreffen pflegte, seinen Kopf zwischen beide Hände nahm und,
während er sie zärtlich auf den Rücken klopfte, ihn zum Morgengruß auf Mund
und Wangen küßte. Dann gingen sie Arm in Arm durch die Wandelhalle und
sogen an ihren Glasröhren …
So plauderte das wohlunterrichtete Blatt und nährte die öffentliche Neugier.
Es berichtete auch genau über die Besuche, die Miß Imma mit ihrer
Gesellschafterin liebenswürdigerweise mehreren städtischen
Wohltätigkeitsanstalten abstattete. Gestern hatten sie die Volksküche eingehend
besichtigt. Sie hatte heute einen aufmerksamen Rundgang durch das
Greisinnenhospital zum Heiligen Geist gemacht. Und nebenbei hatte sie zweimal
dem zahlentheoretischen Kollegium des Geheimrats Klinghammer in der
Universität beigewohnt – hatte als Student unter Studenten auf der Holzbank
gesessen und mit ihrem Füllfederhalter eifrig nachgeschrieben, denn bekanntlich
war sie ein gelehrtes Mädchen und oblag dem Studium der Algebra. Ja, das war
fesselnd zu lesen und ergab reichen Gesprächsstoff. Wer aber ganz ohne Zutun
des »Eilboten« von sich reden machte, das war erstens der Hund, jener edle, schwarzweiße Colliehund, den Spoelmanns mitgebracht hatten, und zweitens auf
andere Art die Gesellschaftsdame, Gräfin Löwenjoul.
Den Hund angehend, der Perceval hieß (was englisch auszusprechen war) und
meistens Percy gerufen wurde, so war dieses Tier von einer Erregbarkeit, einer
Leidenschaft des Wesens, die jeder Beschreibung spottete. Innerhalb des Hotels
gab er keinen Grund zu Klagen, sondern lag in vornehmen Posen auf einem
kleinen Teppich vor den Spoelmannschen Gemächern. Aber bei jedem Ausgang
unterlag er Anfällen von Kopflosigkeit, die allgemeines Aufsehen und
Befremden, ja, mehr als einmal wirkliche Verkehrsstörungen hervorriefen. In
weitem Abstande gefolgt von einem Schwarm einheimischer Hunde, gemeiner
Köter, die, durch sein Benehmen in Aufruhr versetzt, mit schimpfendem Gekläff
hinter ihm drein preschten und um die er sich übrigens nicht im geringsten
kümmerte, flog er, die Nase mit Schaum bespritzt und mit wild klagendem
Gebell durch die Straßen, führte wütende Kreiseltänze vor den Tramwagen auf,
brachte Droschkenpferde zu Fall und stürzte zweimal den Kuchenstand der
Witwe Klaaßen am Rathaus mit solcher Heftigkeit über den Haufen, daß das
süße Gebäck über den halben Marktplatz rollte. Da aber bei solchen
Unglücksfällen Herr Spoelmann oder seine Tochter sofort mit mehr als
angemessenen Entschädigungen einsprangen, da sich auch zeigte, daß Percevals
Zustände im Grunde ungefährlicher Natur waren, daß er nichts weniger als
bissig und rauflustig, sondern im Gegenteil unnahbar und eben nur außer sich
war, so wandte sich ihm rasch die Neigung der Bevölkerung zu, und namentlich
den Kindern waren seine Ausgänge eine Quelle des Vergnügens.
Die Gräfin Löwenjoul ihrerseits gab auf stillere, aber nicht weniger
sonderbare Weise Anlaß zum Gerede. Anfänglich, als ihre Person und Stellung
in der Stadt noch unbekannt war, hatte sie sich das Gehänsel der Gassenjugend
zugezogen, indem sie, allein gehend, mit sanfter und tiefsinniger Miene zu sich
selber gesprochen und diese Selbstgespräche mit lebhaftem und übrigens
durchaus anmutigem und elegantem Gebärdenspiel begleitet hatte. Aber den
Kindern, die ihr nachgerufen und sie am Kleide gezupft hatten, war sie mit
solcher Milde und Güte begegnet, hatte so liebreich und würdevoll zu ihnen
gesprochen, daß die Verfolger beschämt und verwirrt von ihr abgelassen hatten;
und später, als man sie kannte, verhinderte der Respekt vor ihrem Verhältnis zu
den berühmten Gästen, daß man sie belästigte. Unter der Hand jedoch waren
unverständliche Anekdoten über sie im Umlauf. Ein Mann erzählte, die Gräfin
habe ihm ein Goldstück eingehändigt mit dem Auftrage, eine bestimmte alte
Frau, die ihr irgendwelche unziemliche Anträge gemacht haben sollte, zu
ohrfeigen. Der Mann hatte das Goldstück eingesteckt, ohne sich indessen seines
Auftrages zu entledigen. Ferner wurde für wahr berichtet, daß die Löwenjoul den Posten vor der Kaserne der Leibfüsiliere angeredet und zu ihm gesagt habe,
er müsse die Frau des Feldwebels von der und der Kompanie ihrer sittlichen
Verfehlungen halber sogleich verhaften. Auch habe sie dem Obersten dieses
Regiments einen Brief geschrieben, des Inhalts, daß innerhalb der Kaserne
allerlei geheimnisvolle und unaussprechliche Greuel im Schwange seien. Gott
wußte, was für eine Bewandtnis es damit hatte. Manche leiteten unmittelbar
daraus ab, daß es der Gräfin im Kopfe fehle. Jedenfalls hatte man keine Zeit, der
Sache auf den Grund zu kommen, denn unversehens waren sechs Wochen dahin,
und Samuel N. Spoelmann, der Milliardär, reiste ab.
Er reiste ab, nachdem er sich von dem Professor von Lindemann hatte malen
lassen, das teuere Bildnis jedoch dem Besitzer des Hotels »Quellenhof« zum
Andenken geschenkt hatte, reiste ab mit seiner Tochter, der Löwenjoul und
Doktor Watercloose, mit Perceval, dem Stubenveloziped und seiner
Dienerschaft, reiste mit Sonderzug gen Süden, um an der Riviera, wohin ihm die
beiden Neuyorker Zeitungsmänner vorausgeeilt waren, den Winter zu verbringen
und dann über den Ozean heimzukehren. Alles war zu Ende. Der »Eilbote« rief
Herrn Spoelmann ein aufrichtiges Lebewohl nach und gab dem Wunsche
Ausdruck, daß die Kur ihm wohl anschlagen möge. Damit schien dieser
merkwürdige Zwischenfall beschlossen und abgetan. Der Tag forderte sein
Recht. Man begann Herrn Spoelmann zu vergessen.
Der Winter verging. Es war der Winter, in welchem die Fürstin zu Ried-
Hohenried, Großherzogliche Hoheit, mit einem Töchterchen niederkam. Auch
der Frühling ging ins Land, und Seine Königliche Hoheit Großherzog Albrecht
begab sich gewohntermaßen nach Hollerbrunn. Da aber tauchte im Publikum
und in der Presse ein Gerücht auf, das von ruhig denkenden Leuten anfangs mit
Achselzucken aufgenommen wurde, das aber Gestalt annahm, sich festsetzte,
sich in ganz bestimmte Einzelangaben kleidete und endlich als wirkliche und
kernhafte Nachricht zur Herrschaft über das tägliche Gespräch gelangte.
Was ging vor? – Ein großherzogliches Schloß sollte verkauft werden. – Das
war Unsinn. Welches Schloß? – Delphinenort. Schloß Delphinenort im
nördlichen Stadtgarten. – Das war Narrengeschwätz. Verkauft? An wen? – An
Spoelmann. – Lächerlich. Was sollte er damit anfangen? – Es wiederherstellen
und bewohnen. – Sehr einfach. Aber vielleicht hatte unser Landtag ein wenig in
solche Angelegenheit dreinzureden. – Den Landtag kümmerte das gar nicht.
Hatte etwa der Staat eine Unterhaltungspflicht an Schloß Delphinenort? Dann
hätte es hoffentlich besser ausgesehen um das schöne Ding. Und also hatte der
Landtag nicht dreinzureden. – Die Verhandlungen waren wohl allgemein weit
vorgeschritten? – Allerdings. Denn sie waren abgeschlossen. – Ei, und so war
man denn natürlich wohl gar in der Lage, den genauen Kaufpreis zu nennen? – Aufzuwarten. Der Kaufpreis betrug zwei Millionen auf Heller und Pfennig. –
Unmöglich! Ein Kronbesitz! – Kronbesitz hin und her. Handelte es sich um die
Grimmburg? Ums Alte Schloß? Es handelte sich um ein Lustschloß, ein ewig
unbenütztes, aus Geldmangel rettungslos verkommendes Lustschloß. – Und
Spoelmann beabsichtigte also, jedes Jahr wiederzukommen und einige Wochen
in Delphinenort zu wohnen? – Nein. Denn er beabsichtigte vielmehr, ganz und
gar zu uns überzusiedeln. Er war Amerikas müde, wollte Amerika den Rücken
kehren, und sein erster Aufenthalt bei uns war nichts als eine Auskundschaftung
gewesen. Er war krank, er wollte sich von den Geschäften zurückziehen. Er war
in seinem Herzen immer ein Deutscher geblieben. Der Vater war ausgewandert,
und der Sohn wollte heimkehren. Er wollte an der gemessenen Lebensführung,
den geistigen Darbietungen unserer Hauptstadt teilnehmen und in unmittelbarer
Nähe der Ditlindenquelle den Rest seiner Tage verbringen!
Verblüffung, Getümmel und endlose Disputationen. Aber die öffentliche
Meinung ging, mit Ausnahme der Stimmen einiger weniger Griesgrame, nach
kurzem Schwanken in Begeisterung für den Verkaufsplan auf, und sicher hätte
ohne diese allgemeine Zustimmung die Sache überhaupt gar weit nicht gedeihen
können. Hausminister von Knobelsdorff war es gewesen, der eine erste
behutsame Verlautbarung des Spoelmannschen Angebots in die Tagespresse
gespielt hatte. Er hatte abgewartet, hatte den Volkswillen sich entscheiden lassen.
Und nach der ersten Verwirrung hatten starke Gründe in Fülle sich eingefunden,
die für das Projekt sprachen. Die Geschäftswelt brach in Beifall aus bei dem
Gedanken, den gewaltigen Abnehmer dauernd am Platze zu sehen. Die
Schöngeister zeigten sich entzückt in der Aussicht, daß Schloß Delphinenort
wiederhergestellt und erhalten – daß dieses edle Bauwerk so unvorhergesehener-
, ja abenteuerlicherweise wieder zu Ehren und Jugend gelangen sollte. Aber die
staatswirtschaftlich Denkenden führten Ziffern ins Feld, die, wie im Lande die
Dinge lagen, tiefe Erschütterung hervorrufen mußten. Wenn Samuel N.
Spoelmann sich bei uns niederließ, so wurde er Steuersubjekt, so war er
gehalten, bei uns sein Einkommen zu versteuern. Vielleicht fand man es der
Mühe wert, sich die Bedeutung dieser Tatsache ein wenig klarzumachen? Es
würde Herrn Spoelmann überlassen bleiben, sich einzuschätzen; aber nach
allem, was man wußte – mit annähernder Genauigkeit wußte –, würde dieser
Einwohner eine Steuerquelle von zwei Millionen und einer halben alljährlich
darstellen, wobei allein die Staatssteuern und noch nicht einmal die
Gemeindesteuern in Rechnung gezogen waren. Kam das in Betracht für uns oder
nicht? Und zwar richtete man diese Frage ganz unmittelbar an den Herrn
Finanzminister Doktor Krippenreuther. Wenn dieser Beamte nicht alles tat, um
die Einwilligung der höchsten Person zu dem Verkaufe zu erlangen, so handelte er pflichtvergessen. Denn es war ein Gebot der Vaterlandsliebe, auf Spoelmanns
Anerbieten einzugehen, damit er sich so recht nach Gefallen bei uns einrichten
konnte, und alle Bedenken erschienen nichtig gegenüber diesem ernsten Gebot.
So hatte Exzellenz von Knobelsdorff beim Großherzog Vortrag gehabt. Er
hatte seinem Herrn über die öffentliche Stimmung berichtet; hatte hinzugefügt,
daß zwei Millionen ein Preis seien, der den sachlichen Wert des Schlosses in
seinem jetzigen Zustand beträchtlich übertreffe; hatte angemerkt, daß diese
Einkunft für die Hof-Finanzdirektion eine wahre Labsal bedeuten würde; und
hatte schließlich etwas von der Zentralheizung für das Alte Schloß einfließen
lassen, die, wenn der Verkauf zustande käme, nicht länger ein Ding der
Unmöglichkeit sein werde. Kurz, der unbefangene alte Herr hatte seinen ganzen
Einfluß für den Verkauf eingesetzt und dem Großherzog nahegelegt, die Sache
vor einen Familienrat zu bringen. Albrecht hatte leicht mit der Unterlippe an der
oberen gesogen und den Familienrat einberufen. Derselbe war im Rittersaal
zusammengetreten, und es hatte Tee und Biskuits dazu gegeben. Nur zwei
weibliche Mitglieder, die Prinzessinnen Katharina und Ditlinde, waren gegen
den Verkauf gewesen, und zwar aus Gründen der Würde. »Man wird dich
mißverstehen, Albrecht!« hatte Ditlinde gesagt. »Man wird es dir als Mangel an
Hoheitsbewußtsein auslegen, und das ist nicht richtig, denn du hast im Gegenteil
zuviel davon, du bist so stolz, Albrecht, daß dir alles ganz einerlei ist. Aber ich
sage nein. Ich wünsche nicht, daß in einem von deinen Schlössern ein Vogel
Roch wohnt, das ist nicht schicklich, und es genügt ja, daß er einen Leibarzt hat
und die Fürstenzimmer vom Quellenhof in Anspruch nahm. Der »Eilbote« sagt
immer, daß er ein Steuersubjekt ist, aber in meinen Augen ist er ganz einfach ein
Subjekt und weiter nichts. Welcher Ansicht bist du, Klaus Heinrich?« – Aber
Klaus Heinrich stimmte für den Verkauf. Erstens erhalte Albrecht die
Zentralheizung, und dann sei Spoelmann nicht irgendeiner, er sei nicht
Seifensieder Unschlitt, er sei ein Sonderfall, und es sei keine Schande, ihm
Delphinenort zu überlassen. Schließlich hatte Albrecht mit niedergeschlagenen
Augen erklärt, der ganze Familienrat sei im Grunde »Affentheater«. Das Volk
habe längst entschieden, seine Minister drängen auf den Verkauf, und es bleibe
ihm gar nichts anderes übrig, als wieder einmal auf den Bahnhof zu gehen und
zu winken.
Der Familienrat hatte im Frühling getagt. Von nun an hatten die
Verkaufsverhandlungen, die zwischen Spoelmann einerseits und dem
Oberhofmarschall Herrn von Bühl zu Bühl andererseits geführt wurden, raschen
Fortgang genommen, und der Sommer war noch nicht weit vorgeschritten, als
Schloß Delphinenort mit Park und Nebengebäuden Herrn Spoelmanns
rechtmäßiges Eigentum war.
Da begann ein Gewimmel und eine Geschäftigkeit um das Schloß und in
seinem Innern, daß täglich viele Leute in den nördlichen Teil des Stadtgartens
gelockt wurden. Delphinenort ward ausgebessert, ward innerlich umgebaut zu
einem Teil, und zwar mit außerordentlichem Aufgebot an Arbeitskräften. Denn
schnell, schnell mußte es gehen, das war Spoelmanns Wille, und kaum fünf
Monate hatte er Frist gegeben, bis daß alles zu seinem Einzug bereit sein mußte.
So wuchs mit Windeseile ein Holzgerüst mit Treppen und Plattformen um das
schadhafte Prachtgebäude empor, ausländische Arbeiter bevölkerten es von oben
bis unten, und ein Architekt kam mit Vollmachten über den Ozean herbei, um die
Oberleitung des Ganzen zu übernehmen. Aber der Aufgabe größter Teil fiel doch
unserem Handwerksfleiße zu, und die Steinmetzen und Dachdecker, die
Schreiner, Vergolder, Tapezierer, Glaser, Parkettleger der Residenz, die
Gartenkünstler und Werkmeister für Heizungsanlagen und Beleuchtungswesen
hatten harte, ergiebige Arbeit diesen Sommer und Herbst. Wenn Seine
Königliche Hoheit Klaus Heinrich auf »Eremitage« die Fenster geöffnet hielt, so
drang der Schall des Treibens dort drüben bis in seine Empirestuben, und
mehrmals ließ er sich, vom Publikum ehrerbietig begrüßt, in seiner Chaise an
Schloß Delphinenort vorüberfahren, um sich von den Fortschritten des
Erneuerungswerkes zu überzeugen. Das Gärtnerhäuschen ward aufgefrischt, die
Ställe und Remisen, die den Spoelmannschen Wagen- und Automobilpark
aufnehmen sollten, wurden erweitert; und was wurde im Oktober nicht alles
ausgeladen an Möbeln und Teppichen, an Kisten und Kasten mit Stoffen und
Hausrat vor Schloß Delphinenort, während sich unter den Umstehenden die
Kunde verbreitete, daß dort drinnen kundige Hände geschäftig seien,
Spoelmanns über das Weltmeer dahergesandte Orgel mit elektrischem Triebwerk
aufzurichten. Spannung herrschte, ob wohl der Parkgrund, der zum Schlosse
gehörte und so prächtig gesäubert und hergerichtet wurde, gegen den Stadtgarten
durch Mauer oder Zaun werde abgeschlossen werden. Aber nichts dergleichen
geschah. Der Besitz sollte zugänglich bleiben, die Bewegungsfreiheit der
Hauptstädter im Grünen nicht eingeschränkt werden – so wollte es Spoelmann.
Bis dicht an das Schloß, bis an die beschnittenen Hecken, die das große
viereckige Wasserbassin einsäumten, sollten die sonntäglichen Spaziergänger
Zutritt haben – und das verfehlte nicht, den besten Eindruck in der Bevölkerung
zu machen, ja, der »Eilbote« veröffentlichte einen besonderen Artikel darüber,
worin er Herrn Spoelmann für seine freisinnige Maßnahme pries.
Und siehe da: als wieder die Blätter fielen, genau ein Jahr nach seiner ersten
Ankunft, traf Samuel N. Spoelmann zum zweitenmal auf unserem Bahnhof ein.
Diesmal war die Beteiligung des Publikums an dem Ereignis weit größer als
voriges Jahr, und es ist verbürgt, daß, als Herr Spoelmann in dem bekannten mißfarbenen Paletot und den Hut in der Stirn seinen Salonwagen verließ,
lebhafte Hochrufe aus der Menge der Zuschauer erschollen – Kundgebungen,
über die Herr Spoelmann sich übrigens eher zu ärgern schien, und für die statt
seiner Doktor Watercloose dankte, indem er seinen Mund mild lächelnd in die
Breite zog und die Augen schloß. Auch als Miß Spoelmann ausstieg, wurde ein
Hoch ausgebracht, und ein paar Spaßvögel riefen sogar hurra, als Percy, der
Colliehund, bebend, tänzelnd und vollständig außer sich auf dem Bahnsteig
erschien. Außer dem Arzt und der Gräfin Löwenjoul befanden sich zwei noch
unbekannte Personen in der Begleitung der Herrschaften, zwei rasierte und
entschlossen blickende Herren in auffallend weiten Paletots. Es waren Herrn
Spoelmanns Sekretäre, die Herren Phlebs und Slippers, wie der »Eilbote« in
seinem Bericht bemerkte.
Damals war Delphinenort noch bei weitem nicht fertig, und Spoelmanns
bezogen zunächst das erste Stockwerk des Residenz-Hotels, woselbst ein großer,
bauchiger und stolzer Mann in Schwarz, der Spoelmannsche Haushofmeister
oder butler, der vor ihnen eingetroffen war, für sie Quartier gemacht und
eigenhändig das Stubenveloziped aufgestellt hatte. Täglich, während Miß Imma
mit ihrer Gräfin und Percy spazierenritt oder Wohltätigkeitsanstalten besichtigte,
weilte Herr Spoelmann in seinem Hause, um die Arbeiten zu überwachen und
Anordnungen zu treffen; und als das Jahr sich zu Ende neigte, ganz kurz
nachdem der erste Schnee gefallen war, da wurde es Wahrheit, da zogen
Spoelmanns in Schloß Delphinenort ein. Zwei Automobile (man hatte sie
kürzlich anlangen sehen – herrliche Fahrzeuge, von Riesenkräften mit zart
metallischem Rauschen dahingetrieben) trugen die sechs Personen – denn in
dem zweiten saßen die Herren Phlebs und Slippers –, gelenkt von in Leder
gekleideten Chauffeuren, neben denen mit verschränkten Armen Bediente in
schneeweißen Pelzmänteln saßen, in wenigen Minuten vom Residenz-Hotel
durch den Stadtgarten, und als die Wagen die stattliche Kastanienallee
durchflogen, die in die Auffahrt mündete, da hingen an den hohen
Lampenträgern, welche an allen vier Ecken des großen Brunnenbassins
aufgerichtet waren, die Knaben des Volks und schwenkten schreiend ihre
Mützen …
So wurden Samuel N. Spoelmann und die Seinen bei uns ansässig, und seine
Gegenwart wurde zu einer lieben Gewohnheit. Man sah und kannte seine
weißgoldenen Bedienten in der Stadt, wie man die braungoldenen
großherzoglichen Lakaien sah und kannte; der in bordeauxroten Plüsch
gekleidete Neger, der als Türhüter vor dem Portal von Delphinenort Wache hielt,
war bald eine volkstümliche Gestalt; und wenn man am Schlosse
vorüberspazierte und das gedämpfte Brausen von Herrn Spoelmanns Orgelspiel aus dem Innern hervordrang, so hob man den Finger und sagte: »Horch, er spielt.
Er hat also wohl keine Koliken im Augenblick.« Täglich sah man Miß Imma an
der Seite der Gräfin Löwenjoul, gefolgt von einem Reitknecht und umlärmt von
dem rasenden Percy, spazierenreiten oder ein prächtiges Four-in-hand-Gespann
eigenhändig durch den Stadtgarten lenken – wobei der Bediente, der auf dem
Rücksitz des leichten Wagens saß, sich von Zeit zu Zeit erhob, aus einem
Lederfutteral eine lange silberne Trompete zog und mit hellem Schall das Nahen
des Gefährtes verkündete; und wenn man früh aufstand, konnte man jeden
Morgen Vater und Tochter in einem dunkelrot lackierten Coupé oder bei
schönem Wetter zu Fuße sich durch den Parkgrund von Schloß »Eremitage« zum
Quellengarten begeben sehen, um den Brunnen zu trinken. Was Imma betraf, so
nahm sie, wie erwähnt, ihre Besichtigungen der städtischen
Wohltätigkeitsanstalten wieder auf, schien aber darüber ihre Wissenschaft nicht
zu vernachlässigen, denn seit dem Beginne des Studienhalbjahres besuchte sie
regelmäßig die Vorlesungen des Geheimrats Klinghammer in der Universität –
saß täglich in einem schwarzen Kleid mit weißem Umlegekragen und
Manschetten unter den jungen Leuten im Hörsaal und führte mit
hochaufgesetztem und eingedrücktem Zeigefinger – dies war ihre Schreibart –
die Füllfeder über die Seiten ihres Kollegheftes. Spoelmanns lebten
zurückgezogen, sie pflogen keinen Verkehr in der Stadt, was ja sowohl in Herrn
Spoelmanns Krankheit als auch in seiner gesellschaftlichen Einsamkeit seine
Erklärung fand. Welcher Gesellschaftsgruppe hätte er sich anschließen sollen?
Niemand mutete ihm zu, etwa mit Seifensieder Unschlitt oder Bankdirektor
Wolfsmilch auf vertrauten Fuß zu treten. Wohl aber näherte man sich ihm bald
mit Ansprüchen an seine Mildtätigkeit und wurde nicht abgewiesen. Denn Herr
Spoelmann, der, wie man wußte, vor seiner Abreise von Amerika der Behörde
für den öffentlichen Unterricht in den Vereinigten Staaten eine gewaltige Summe
Dollars überwiesen, auch die bindende Versicherung abgegeben hatte, seine
jährlichen Zuwendungen an die Spoelmann-Universität und die übrigen
Bildungsinstitute keineswegs einzustellen – er zeichnete bald nach seinem
Einzuge in »Delphinenort« zehntausend Mark zugunsten des Dorotheen-
Kinderhospitals, für das gerade gesammelt wurde: eine Handlungsweise, deren
Hochherzigkeit der »Eilbote« und die übrige Presse in warmen Worten zu
würdigen wußte. Ja, obwohl Spoelmanns gesellschaftlich abgeschlossen lebten,
so eignete ihrem Dasein bei uns doch von der ersten Stunde an eine gewisse
Öffentlichkeit, und mindestens im örtlichen Teil der Tagesblätter wurde ihr
Wandel mit nicht geringerer Aufmerksamkeit verfolgt als der der Mitglieder des
großherzoglichen Hauses. Das Publikum wurde unterrichtet davon, wenn Miß
Imma mit der Gräfin und den Herren Phlebs und Slippers eine Partie Tennis im Park von »Delphinenort« gespielt hatte, es war auf dem laufenden darüber, wann
sie das Hoftheater besucht hatte, wann auch ihr Vater dabeigewesen war, um
anderthalb Aufzüge einer Oper anzuhören; und wenn Herr Spoelmann der
Neugier auswich, wenn er während der Theaterpause niemals seine Loge verließ
und sich fast niemals zu Fuß in den Straßen blicken ließ, so war er doch offenbar
nicht ohne Sinn für die darstellerischen Verpflichtungen, die ein
außerordentliches Dasein auferlegt, und gab der Schaulust das ihre. Bekanntlich
war der Park von »Delphinenort« nicht gegen den Stadtgarten abgeteilt. Keine
Mauer trennte das Schloß von der Welt. Von der Rückseite zumal konnte man
über die Rasenflächen bis dicht an den Fuß der breiten gedeckten Terrasse
vordringen, die dort errichtet war, und war man keck, so konnte man durch die
große Glastür geradeswegs in den hohen, weißgoldenen Gartensalon blicken,
woselbst Herr Spoelmann mit den Seinen um fünf Uhr den Tee nahm. Ja, als die
schöne Jahreszeit eintrat, da wurde die Teestunde draußen auf der Terrasse
abgehalten, und wie auf einer Bühne saßen Herr und Fräulein Spoelmann, die
Löwenjoul und Doktor Watercloose in neuartig geformten Korbstühlen und
tranken öffentlich Tee. Denn am Sonntag wenigstens fehlte es niemals an
Publikum, das aus einiger ehrerbietiger Entfernung das Schauspiel genoß. Man
zeigte einander den großen silbernen Teekessel, der, was man noch niemals
gesehen, elektrisch geheizt wurde, und die wundersamen Livreen der beiden
Bedienten, die die Tassen und Konfitüren darreichten: weiße, hochgeschlossene
und goldbetreßte Fräcke, die an den Kragen, den Ärmeln, den Säumen mit
Schwan besetzt waren. Man horchte auf das englisch-deutsche Gespräch und
verfolgte mit offenen Mündern jede Bewegung der merkwürdigen Familie dort
oben. Dann ging man hinüber vors Hauptportal, um dem bordeauxroten
Plüschmohren ein paar Scherze im Volksdialekt zuzurufen, die jener mit weißem
Grinsen beantwortete …
Klaus Heinrich sah Imma Spoelmann zum erstenmal an einem heiteren
Wintertage mittags um zwölf. Damit ist nicht gesagt, daß er sie nicht vorher
schon manches Mal im Theater, auf der Straße, im Stadtpark erblickt hätte. Aber
das ist etwas anderes. Er sah sie zum erstenmal um diese Mittagsstunde, und
zwar unter lebhaften Umständen.
Er hatte bis halb zwölf Uhr im Alten Schlosse »Freiaudienzen« erteilt und war
nach ihrer Beendigung nicht sofort nach Schloß »Eremitage« zurückgekehrt,
sondern hatte seinem Kutscher Befehl gesandt, mit dem Coupé in einem der
Höfe zu warten, indes er mit den diensttuenden Offizieren des
Leibgrenadierregiments auf der Hauptwache eine Zigarette rauchen wollte. Da er
die Uniform dieses Regiments trug, dem auch sein persönlicher Adjutant
angehörte, so gab er sich Mühe, den Schein einer gewissen Kameradschaft mit den Offizieren zu wahren, speiste zuweilen in ihrem Kasino und leistete ihnen
von Zeit zu Zeit eine halbe Stunde auf der Hauptwache Gesellschaft, obgleich er
dunkel vermutete, daß er eher störend wirke, indem er die Herren davon abhielt,
Karten zu spielen und unanständige Geschichten zu erzählen. Er stand also, den
gewölbten Silberstern des Großen Ordens vom Grimmburger Greifen auf dem
Waffenrock, die linke Hand weit hinten in die Hüfte gestemmt, mit Herrn von
Braunbart-Schellendorf, der den Besuch rechtzeitig angekündigt hatte, in der
Offizierswachtstube, die zu ebener Erde des Schlosses, ganz nahe beim
Albrechtstor gelegen war – unterhielt ein nichtssagendes Gespräch mit zwei oder
drei der Herren in der Mitte des Dienstraumes, während eine weitere Gruppe von
Offizieren an dem tiefgelegenen Fenster plauderte. Weil draußen so warm die
Sonne schien, hatte man das Fenster geöffnet, und von der Kaserne her näherte
sich die Albrechtsstraße herauf zu Musik und Paukenschlag der Marschschritt
der aufziehenden Ablösung. Es schlug zwölf von der Hofkirche. Man hörte
draußen den Unteroffizier mit heiserer Stimme sein »Angetreten!« in die
Mannschaftsstube rufen, hörte das Getrappel der zu ihren Gewehren eilenden
Grenadiere. Publikum versammelte sich auf dem Platze. Der Leutnant, der das
Kommando zu führen hatte, gürtete hurtig den Säbel um, schlug vor Klaus
Heinrich die Absätze zusammen und ging hinaus. Da plötzlich rief Leutnant von
Sturmhahn, der aus dem Fenster geblickt hatte, mit jener ein wenig falschen
Unmittelbarkeit, die zum Ton zwischen Klaus Heinrich und den Offizieren
gehörte: »Teufel auch, wollen Königliche Hoheit was Feines sehen? Da kommt
die Spoelmann vorbei, mit ihrer Algebra unterm Arm …« Klaus Heinrich trat an
das Fenster. Miß Imma kam zu Fuß und allein von rechts auf dem Bürgersteig
daher. Beide Hände in ihrem großen, mappenartigen Muff, dessen lang
hinabhängende Decke mit Schwänzchen besetzt war, hielt sie mit einem
Unterarm ihr Kollegienheft an sich gedrückt. Sie trug eine lange Jacke aus
glänzendem Schwarzfuchspelz und eine Mütze aus dem gleichen Rauchwerk auf
ihrem dunklen, fremdartigen Köpfchen. Sie kam von »Delphinenort« offenbar
und sputete sich, die Universität zu erreichen. Sie gelangte vor die Hauptwache
in dem Augenblick, als die Ablösungsmannschaft gegenüber der
Wachtmannschaft, die in zwei Gliedern und Gewehr bei Fuß die Höhe des
Bürgersteiges besetzt hielt, im Rinnstein aufmarschierte. Sie mußte unbedingt
umkehren, das Musikkorps und die Zuschauermenge umgehen, ja, wenn sie den
offenen Platz mit seiner Trambahn vermeiden wollte, auf dem ringsherum
führenden Fußsteig einen ziemlich weiten Bogen beschreiben oder das Ende der
militärischen Verrichtung erwarten. Sie machte zu keinem von beidem Miene.
Sie schickte sich an, auf dem Bürgersteige vorm Schloß zwischen den Gliedern
hindurchzugehen. Der Unteroffizier mit der heiseren Stimme sprang vor. »Kein Durchgang!« schrie er und hielt den Kolben seines Gewehrs vor sich hin. »Kein
Durchgang! Umkehren! Abwarten!« Da aber wurde Miß Spoelmann zornig.
»Was fällt Ihnen ein!« rief sie. »Ich habe Eile!!« Aber diese Worte besagten
wenig im Vergleich mit dem Nachdruck aufrichtigster, leidenschaftlichster,
unwiderstehlichster Entrüstung, mit dem sie hervorgestoßen wurden. Wie klein
und seltsam sie war! Die blonden Soldaten, unter denen sie stand, überragten sie
wohl um doppelte Haupteslänge. Ihr Gesichtchen war bleich wie Wachs in dieser
Minute, ihre schwarzen Brauen bildeten über der Nasenwurzel eine schwere und
ausdrucksvolle Zornesfalte, die Löcher ihres unbestimmt gebildeten Näschens
waren kreisrund geöffnet, und ihre Augen, tiefschwarz vor Erregung und
übergroß, führten eine dermaßen eindringliche, hinreißend fließende Sprache,
daß keine Einrede möglich schien. »Was fällt Ihnen ein!« rief sie. »Ich habe
Eile!!« Und dabei schob sie mit der Linken den Kolben mitsamt dem verdutzten
Unteroffizier beiseite und ging mitten zwischen den Gliedern hindurch – ging
geradeaus ihres Weges, bog linker Hand in die Universitätsstraße und
entschwand den Blicken.
»Verdammt!« rief Leutnant von Sturmhahn. »Da sind wir schön
angekommen!« Die Offiziere am Fenster lachten. Auch draußen unter den
Zuschauern herrschte viel Heiterkeit, die übrigens unbedingt beifällig klang.
Klaus Heinrich stimmte in die allgemeine Fröhlichkeit ein. Die Ablösung
vollzog sich unter Kommandos und abgerissenen Marschklängen. Klaus
Heinrich kehrte nach »Eremitage« zurück.
Er frühstückte ganz allein, unternahm nachmittags einen Spazierritt auf
seinem Pferde Florian und verbrachte den Abend in großem Kreise beim
Finanzminister Doktor Krippenreuther. Mehreren Personen erzählte er mit heiter
bewegter Stimme den Auftritt vor der Schloßwache, und sie zeigten sich
hingerissen von seiner Erzählung, obgleich die Geschichte sofort die Runde
gemacht hatte und allgemein bekannt war. Am nächsten Tage mußte er verreisen,
da sein Bruder ihn mit der Vertretung bei der Feier zur Einweihung der neuen
Stadthalle in der Nachbarstadt beauftragt hatte. Aus irgendwelchen Gründen fuhr
er ungern, verließ er nur mit Widerstreben die Residenz. Ihm schien es so, als ob
er eine wichtige, freudige, auch wohl beunruhigende Angelegenheit zurückließe,
die eigentlich aufs dringlichste seine Anwesenheit erforderte. Dennoch war sein
hoher Beruf wohl das Wichtigere. Aber während er fest und glänzend gekleidet
auf seinem Ehrenstuhl in der Stadthalle saß und der Bürgermeister die Festrede
hielt, war Klaus Heinrich nicht ausschließlich darauf bedacht, wie er sich den
Blicken der Menge darstelle, sondern vielmehr in seinem Innern mit jener neuen
und dringlichen Angelegenheit beschäftigt. Vorübergehend dachte er auch an
eine Person, deren flüchtige Bekanntschaft er vor langen Jahren einmal gemacht, an Fräulein Unschlitt, die Tochter des Seifensieders – eine Erinnerung, die in
gewissem Zusammenhang mit der dringlichen Angelegenheit stand.
Imma Spoelmann schob zornig den heiseren Unteroffizier beiseite – ging ganz
allein, ihre Algebra unterm Arm, durch die Gasse der großen, blonden
Grenadiere. Wie perlblaß ihr Gesichtchen war gegen das schwarze Haar unter
der Pelzmütze, und wie ihre Augen redeten! Niemand glich ihr. Ihr Vater war
krank vor Reichtum und hatte einfach ein Schloß aus dem Kronbesitz erworben.
Wie war das noch, was der »Eilbote« über seinen unverschuldeten Weltruhm und
die »abenteuerliche Vereinzelung seines Lebens« gesagt hatte? Er trage den Haß
der benachteiligten Menge – so ähnlich hatte der Artikel sich ausgedrückt.
Übrigens waren ihre Nasenlöcher kreisrund gewesen vor Entrüstung. Niemand
glich ihr, niemand weit und breit. Sie war ein Sonderfall. Und wie, wenn sie
damals auf dem Bürgerball gewesen wäre? So hätte er eine Gefährtin gehabt,
hätte sich nicht verirrt, und der Abend hätte nicht in Schimpf und Schande
geendet. »Herunter, herunter, herunter mit ihm!« O pfui! Laß das noch einmal
sehen, wie sie so schwarzbleich und fremdartig durch die Gasse der blonden
Soldaten ging.
Diese Gedanken waren es, die Klaus Heinrich während der nächsten Tage bei
sich bewegte – nur diese drei, vier Vorstellungen. Und eigentlich war es zum
Erstaunen, wie reichlich er damit auskam, ohne nach anderen zu verlangen. Aber
alles in allem erschien es ihm mehr als wünschenswert, daß er sehr bald und
womöglich noch heute das perlblasse Gesichtchen wiedersähe.
Abends fuhr er ins Hoftheater, wo man die Oper »Zauberflöte« spielte. Und
als er von seiner Loge aus Fräulein Spoelmann neben der Gräfin Löwenjoul vorn
auf der ersten Galerie gewahrte, erschrak er bis zum Grund seines Herzens.
Während des Spiels konnte er sie aus dem Dunkel durch sein Glas betrachten, da
das Licht von der Bühne auf sie fiel. Sie ließ ihr Köpfchen in der schmalen,
ungeschmückten Hand ruhen, indem sie unbekümmert den bloßen Arm auf die
Sammetbrüstung stützte, und sah nicht mehr entrüstet aus. Sie trug ein Kleid aus
seegrüner glänzender Seide mit lichtem Überwurf, in den farbige Blumensträuße
gestickt waren, und um Hals und Brust eine lange Kette aus lauter blitzenden
Diamanten. Eigentlich war sie nicht so klein, wie es scheinen mochte, fand
Klaus Heinrich, als sie am Aktschluß aufstand. Nein, es lag an dem kindlichen
Gepräge des Köpfchens und der Schmalheit ihrer bräunlichen Schultern, daß sie
so wie ein kleines Mädchen erschien. Ihre Arme waren wohlausgebildet, und
man konnte sehen, daß sie Sport trieb und Pferde zügelte. Aber vom Handgelenk
wurde auch der Arm wie der eines Kindes.
Als die Dialogstelle gesprochen wurde: »Er ist ein Prinz. Er ist mehr als das«,
spürte Klaus Heinrich den Wunsch, mit Doktor Überbein zu plaudern. Doktor Überbein sprach zufällig am nächsten Tage auf »Eremitage« vor: in schwarzem
Gehrock mit weißer Krawatte, wie immer, wenn er Klaus Heinrich besuchte.
Klaus Heinrich fragte ihn, ob er die Geschichte von der Hauptwache schon
gehört habe? Ja, antwortete Doktor Überbein, die habe er mehrfach gehört. Aber
wenn Klaus Heinrich sie ihm noch einmal erzählen wolle … »Nein, wenn Sie sie
kennen«, sagte Klaus Heinrich enttäuscht. Dann kam Doktor Überbein auf etwas
völlig anderes. Er fing an von Operngläsern zu sprechen und betonte, daß das
Opernglas doch eine ausgezeichnete Erfindung sei. Es bringe nahe, was leider
fern sei, nicht wahr? es schlage Brücken zu angenehmen Zielen. Was Klaus
Heinrich meine? Klaus Heinrich war geneigt, dem halb und halb zuzustimmen.
Und er solle ja gestern abend, wie man erzähle, recht ausgiebig von dieser
schönen Erfindung Gebrauch gemacht haben, sagte der Doktor. Das konnte
Klaus Heinrich nicht verstehen. Da sagte Doktor Überbein: »Nein, hören Sie
mal, Klaus Heinrich, so geht das nicht. Sie werden angestarrt, und die kleine
Imma wird angestarrt, das genügt. Wenn nun aber Sie auch noch die kleine
Imma anstarren, so ist das zuviel. Das müssen Sie doch einsehen?«
»Ach, Doktor Überbein, ich habe nicht daran gedacht.«
»Sie pflegen aber doch sonst an so was zu denken.«
»Mir ist seit einigen Tagen so neuartig zumute«, sagte Klaus Heinrich.
Doktor Überbein lehnte sich zurück, ergriff seinen roten Bart in der Nähe der
Gurgel und nickte langsam mit Kopf und Oberkörper.
»So? Ist Ihnen?« fragte er. Und fuhr dann fort zu nicken.
Klaus Heinrich sagte: »Sie glauben nicht, wie ungern ich neulich zur
Einweihung der Stadthalle gefahren bin. Und morgen muß ich die
Rekrutenvereidigung bei den Leibgrenadieren vornehmen. Und dann kommt das
Hausordens-Kapitel. Das ist mir sehr zuwider. Ich habe gar keine Lust zu
repräsentieren. Ich habe gar keine Lust zu meinem sogenannten hohen Beruf.«
»Das höre ich ungern!« sagte Doktor Überbein scharf.
»Ja, ich konnte mir denken, daß Sie böse werden würden, Doktor Überbein.
Sie nennen es gewiß eine Schlamperei. Und dann werden Sie gewiß von
›Schicksal und Strammheit‹ reden, wie ich Sie kenne. Aber gestern in der Oper
habe ich bei einer bestimmten Stelle an Sie gedacht und mich gefragt, ob Sie
eigentlich so ganz recht hätten in manchen Punkten …«
»Hören Sie, Klaus Heinrich, wenn ich mich nicht irre, so habe ich Euere
Königliche Hoheit schon einmal sozusagen bei den Ohren wieder zu sich selber
gebracht …«
»Das war etwas anderes, Doktor Überbein. Ach wenn Sie doch einsähen, daß
das etwas ganz und gar anderes war! Das war im ›Bürgergarten‹, aber der liegt
so weit zurück, und ich habe keinerlei Verlangen danach. Denn sie ist ja selbst … Sehen Sie, Sie haben mir früher manchmal erklärt, was Sie unter ›Hoheit‹
verstünden, und daß sie rührend sei, und daß man sich ihr mit zarter Teilnahme
zu nahen habe, wie Sie sich ausdrückten. Finden Sie denn nicht, daß die, von der
wir reden, daß sie rührend ist und daß man teil an ihr nehmen muß?«
»Vielleicht«, sagte Doktor Überbein. »Vielleicht.«
»Sie sagten oft, daß man die Sonderfälle nicht wegleugnen dürfe, das sei eine
Schlamperei und eine liederliche Gemütlichkeit. Finden Sie denn nicht, daß sie
auch ein Sonderfall ist, die, von der wir reden?«
Doktor Überbein schwieg.
»Und nun sollte ich wohl gar,« sagte er plötzlich mit schallender Stimme,
»wenn es möglich wäre, dazu helfen, daß aus zwei Sonderfällen so etwas wie ein
Allerweltsfall werde?«
Hierauf ging er. Er sagte, daß er zu seiner Arbeit zurückkehren müsse, wobei
er das Wort »Arbeit« scharf betonte, und bat, sich zurückziehen zu dürfen. Er
verabschiedete sich seltsam zeremoniös und unväterlich.
Klaus Heinrich sah ihn wohl zehn oder zwölf Tage nicht. Er lud ihn einmal
zum Frühstück ein, aber Doktor Überbein ließ um gnädigste Entschuldigung
bitten, seine Arbeit nähme ihn augenblicklich gar zu sehr in Anspruch.
Schließlich kam er von selbst. Er war aufgeräumt und sah übrigens grüner aus
als je. Er schwadronierte von diesem und jenem und kam dann auf Spoelmanns
zu sprechen, indem er zur Decke blickte und sich bei der Gurgel ergriff. Alles
was recht sei, sagte er, aber es sei ganz auffallend viel Sympathie für Samuel
Spoelmann vorhanden, man spüre es überall in der Stadt, wie er beliebt sei.
Erstens natürlich als Steuersubjekt, aber auch sonst. Man habe einfach Sinn für
ihn, in allen Schichten, für sein Orgelspiel und seinen mißfarbenen Paletot und
seine Nierenkoliken. Jeder Schusterjunge sei stolz auf ihn, und wenn er nicht so
unzugänglich und verdrießlich wäre, würde man es ihm schon zu fühlen geben.
Die Zehntausend-Mark-Spende für das Dorotheen-Spital habe natürlich den
besten Eindruck gemacht. Sein Freund Sammet habe ihm, Überbein, erzählt, daß
mit Hilfe dieser Schenkung umfassende Verbesserungen im Spital vorgenommen
seien. Und übrigens, was ihm da einfalle! Die kleine Imma wolle ja morgen
vormittag die Verbesserungen in Augenschein nehmen, habe Sammet erzählt.
Sie habe einen von ihren Schwanverbrämten geschickt und angefragt, ob sie
morgen willkommen sei. Eigentlich gehe sie ja das Kinderelend den Teufel
etwas an, meinte Überbein, aber sie wolle vielleicht was lernen. Morgen
vormittag um elf, wenn ihn sein Gedächtnis nicht täusche. Dann sprach er von
etwas anderem. Beim Weggehen sagte er noch: »Der Großherzog sollte sich mal
ein bißchen um das Dorotheen-Spital kümmern, Klaus Heinrich, man erwartet
das. Eine segensreiche Anstalt. Kurzum, jemand müßte vorfahren. Und das hohe Interesse bekunden. Ohne vorgreifen zu wollen … Und damit Gott befohlen.«
Aber er kehrte noch einmal zurück, und in seinem grünlichen Gesicht war,
unterhalb der Augen, eine Röte entstanden, die sich völlig unwahrscheinlich
darin ausnahm. »Sollte ich«, sagte er laut, »Sie jemals wieder mit einem
Bowlendeckel auf dem Kopfe treffen, Klaus Heinrich, so lasse ich Sie sitzen.«
Dann kniff er die Lippen zusammen und ging schnell hinaus.
Am nächsten Vormittag gegen elf Uhr fuhr Klaus Heinrich, von Schloß
»Eremitage« kommend, mit Herrn von Braunbart-Schellendorf, seinem
Adjutanten, durch die beschneite Birkenallee, auf holperigen Vorstadtstraßen
zwischen ärmlichen Wohnungen hin und hielt vor dem schlichten weißen Hause,
über dessen Eingang in breiten schwarzen Lettern »Dorotheen-Kinderspital« zu
lesen war. Sein Besuch war gemeldet. Der Chefarzt der Anstalt, im Frack und
angetan mit dem Albrechtskreuz dritter Klasse, erwartete ihn mit zwei jüngeren
Ärzten und dem Korps der Diakonissinnen in der Vorhalle. Der Prinz und sein