Ludwig Tieck's Schriften: Dreiundzwanzigster Band
Walther an seinen Freund.
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
kannst es also in Deinem übermüthigen Blute nicht wissen, wie bitter die
Nahrungssorgen sind. Außerdem bist Du so erzogen und unterrichtet, daß Du im
äußersten Fall zu hundert Geschäften greifen könntest, um Dich zu ernähren; hast auch, durch den Weltumgang, Dreistigkeit gewonnen, mit Menschen
umzugehn und Dir Beschützer zu suchen. So ein Armer aber, wie dieser, von
frühester Kindheit verschüchtert, erniedrigt und eingezwängt, wenn dem die
Maschine zerbrochen wird, an der er arbeitet, und er gar nichts gelernt hat, als an
dieser einen Stift einzufugen, der ist unendlich zu bedauern.
An diesem Tage kamen die Reisenden noch bis Mergentheim und setzten am
folgenden Morgen ihren Weg fort, längs der Tauber. Die Gegend bis
Bischofsheim ist nicht schön, das Thal der Tauber ziemlich kahl. Von
Bischofsheim bis Würzburg war die Gegend auch nicht interessant und
Ferdinand sagte: ich glaube fast, daß wir gestern den letzten eigentlich
poetischen Tag unserer Reise genossen haben.
Sie sind nur, antwortete Walther, gegen das Zurückkehren und scheinen mir
eine zu große Vorliebe für das unbestimmte Herumschwärmen zu verrathen.
So ist es, rief Wachtel aus, das war von früher Jugend an seine Passion. Er ist
ein schlechter Staatsbürger und Patriot.
Das Reisen selbst, erwiederte Ferdinand, ist für Den, welcher es versteht, eine
so poetische Kunst, daß ich mich in diesem Sinne gern als gebornen Vagabunden
bekenne. Mich dünkt, der merkwürdige Theophrastus Paracelsus sagt schon, das
Reisen sei das Lesen eines herrlichen Buches, in welchem man die Blätter mit
den Füßen umschlage. Die Natur und jede ihrer Launen kennen zu lernen, sich
ihr ganz zu eigen zu geben, Heiterkeit und Genuß wie Regen und Sturm mit
Dank empfangen, dies verstehn nur wenige, und die es vermögen, sind schon
Eingeweihte. Dann die Kunst, zu lernen, wie man mit dem Volke leben kann,
daß man aus allen Gesinnungen etwas Neues hört, daß man die Spur findet, wo
auch in anscheinender Einfalt die Weisheit unbewußt spricht, wie die Wahrheit
immer hinter allen Masken der Lüge hervorblitzt, alles Dies dient, unsern Geist
zu erheben und reif zu machen. Dazu die Wunder, das Staunenswürdige, das uns
Kunst, Natur, das Firmament und die Elemente bieten, oft auch die unscheinbare
Gesellschaft und der zufällige Spaziergang. Schon in Teplitz sah ich dergleichen,
und ihr Alle, die ihr doch gern staunen mögt, habt es ebenfalls angeschaut, doch
ohne es zu beachten. Dorthin kommen alle Sommer aus dem innersten Ungarn
Menschen, welche die deutsche Sprache nicht verstehen. Sie verkaufen Draht,
Mäusefallen und andere geringfügige Sachen, dabei bessern sie kupfernes
Geschirr aus und umflechten Töpfe und Schüsseln. Sie gehen in braunen, langen
und weiten Jacken, und nur in dem Einen Aermel steckt in der Regel der eine
Arm, sie haben keine Schuhe und Strümpfe nach unserer Art, sondern tragen
eine Art von Sandalen, und mit Tuch oder Leinwand ist das Bein umwickelt, so
wie es vor der Erfindung der Strickerei und Weberei gebräuchlich war. Ihr Gang
hat nichts von unserer Dressur, sondern ist so frei und leicht, wie ihn kein Tanzmeister erreichen oder nur nachahmen könnte; dabei ist in ihren Schritten
aber nichts von dem festen Springegang, den man an den Tyrolern beobachten
kann. Eben so hat ihr Auge nichts von dem kühnen Umblick jener Bergjäger,
sondern es sieht ruhig und in stiller Schwermuth geradeaus und nieder, ist aber
niemals forschend oder neugierig. Diese Armen, weil ihr Gesicht von ihrem
Geschäft in der Regel schwarz und ungewaschen und von der Sonne und dem
langen Wege gebräunt ist, werden von manchem Badegast wie Banditen und
Bösewichter angesehen. Ich bin ihnen stundenlang nachgegangen, um sie zu
beobachten, ich habe mich mit ihnen zu verständigen gesucht und ihnen manche
Gabe zukommen lassen, weil mir ihr Wesen so edel und echt menschlich schien.
Sie sammeln, was sie an kleiner Kupfermünze einnehmen, und schütten es in
einen Aermel ihrer Kutte, den sie unten zubinden, um mit dem geringen Erwerb
mühsam in ihr fernes Vaterland zurückzukehren. Der Ausdruck ihres Gesichtes
ist so schwermüthig, daß man sich angezogen fühlt, und was das Merkwürdigste
ist, ich habe niemals einen von ihnen lachen, oder auch nur lächeln sehn, sei es
ein junger Mensch oder ältlicher Mann, selbst wenn ich ihnen eine Gabe
mittheilte, die ihre Erwartung übertraf. Ein milder, dankender Blick hat mich
gerührt, und sie waren augenblicks so ruhig, wie immer. Wer sind diese
Menschen, die mir als ein Wunder in unsrer Welt erschienen? Sind sie eine Art
Paria? Mit den Zigeunern haben sie keine Aehnlichkeit. Ich konnte sie nicht
ausfragen, weil sie mich nicht verstanden, die übrigen Menschen gingen
gleichgültig an ihnen vorüber, und ich würde einen Otaheiten oder Chinesen
nicht mehr als diese umherwandernden Kesselflicker anstaunen.
Du magst nicht Unrecht haben, sagte Wachtel, es thut mir leid, daß ich diese
Slawaken, oder Croaten und Wallachen nicht besser beachtet habe. Kommt mir
einmal wieder einer in den Wurf, so will ich ihn gewiß unter mein Mikroskop
nehmen.
Nach Tische verließ die Gesellschaft Würzburg und begab sich nach dem
Lustschlosse Werneck. Im Garten dieses ehemals fürstbischöflichen Schlosses
sind noch einige schöngeflochtene Berceaus, nach alter französischer Art, und
Ferdinand ergoß sich in Lobpreisungen dieser jetzt verschmähten Gartenkunst,
für welche er eine fast übertriebene Vorliebe zeigte. Nichts so Entzückendes, rief
er aus, als ein solches dichtgeflochtenes hohes Gewölbe von glänzendem,
jungem Buchenlaub. Die Sonnenhitze kann nicht durchdringen, und man
wandelt wie in einem lebendigen Saale oder dem Schiff einer Kirche, dessen
Wölbung das glänzende Licht in Smaragden verwandelt. Die erfrischende Kühle
spielt durch den weiten, langen Raum; im Sturm und Regen ist der Gartenfreund
hier wie im Schlosse selbst gesichert. Um zu lesen oder ein vertrautes Gespräch
zu führen, ist ein solcher Gang vorzüglich geeignet, ja er erzeugt durch das Offene, Heitere und zugleich Abgeschlossene Vertrauen, und das auffallend
Künstliche dieser Bogenwölbung, so innigst mit der Baumschönheit verbunden,
ist so lieblich und phantastisch, daß es wie von selbst Poesie und zarte
Wunderträume erregt. Preise man nur nicht so unmäßig jene monotonen,
melancholischen englischen Gärten, die weit eher ein Rückschritt zur Barbarei
zu nennen sind, als daß sie die echte, höhere Gartenkunst sich rühmen, oder gar
für die einzig wahre ausgeben dürften.
Sie blieben die Nacht in Schweinfurt, einem wohlhabenden, behaglichen
Städtchen. Am folgenden Morgen verließen sie die Chaussee, um auf schlechten
Wegen nach dem Badeort Kissingen zu gehen; der Ort ist nur klein und es waren
nur wenige Trinkgäste zugegen. Eine Meile entfernt ist das Dorf und Bad
Bocklet. Hier ist eine schöne grüne Natur, waldbewachsene Hügel, frische
Thalwiesen und eine anmuthige, feierliche Einsamkeit. Nach einem ziemlich
langen Spaziergang kamen sie in den Speisesaal zur versammelten Gesellschaft.
Ferdinand traf einige Damen und Fräulein, die er wohl sonst in Berlin gesehen
hatte. Es überraschte ihn seltsam, in diesem einsamen kleinen Orte Figuren
wiederzufinden, die er sich bis dahin nur in den großen erleuchteten Salons hatte
denken können.
Hören Sie, sagte Walther zu Wachtel, den er bei Seite nahm, mit welchem
Enthusiasmus unser Freund wiederum von seinen berlinischen Freundinnen,
vorzüglich aber von der Familie aus Madlitz spricht. Er ist übermäßig glücklich,
daß er einige Dämchen getroffen hat, die doch einigermaßen, wenn auch ungern,
in das Lob seiner Schönheiten einstimmen; denn es ist mehr als ungalant, man
kann es unartig nennen, gegen junge Damen andere abwesende in so hohen
Tonarten zu loben. Bemerken Sie nur, wie alle diese Badeschönheiten die
zierlichen Lippen aufwerfen und die Näschen rümpfen, wie sie so leicht und
schonend diesen und jenen Tadel der gefeierten Grazien einschlüpfen lassen, um
der zu schmetternden Trompete unsers Freundes einen kleinen Dämpfer
aufzusetzen. Er ist nicht zu entschuldigen, wenn er nicht dort, wie ich zu glauben
Ursach habe, schon versprochen ist.
Bei Tische war man heiter, und nur Ferdinand, der es wohl fühlte, daß die
anwesenden Schönen nicht mit ihm zufrieden waren, verließ mit einem kleinen
Mißmuth den Saal. Er ging mit Wachtel und Walther auf den Kirchhof des Ortes,
um das Grab der Auguste Böhmer, der Stieftochter Wilhelm Schlegels,
aufzusuchen. Nicht ohne Thränen konnte er ihrer gedenken, und sagte endlich:
Wie schwach sind doch die Menschen, daß sie nur selten das Lob eines
vorzüglich begabten Menschen, sei er durch Schönheit, sei er durch Geist
ausgezeichnet, mit edler, wahrer Theilnahme anhören können. Gleich glauben
sie, es würde ihnen etwas entzogen, oder man setze sie gar herab, und so eilen sie denn, sich in Reihe und Glied zu stellen, was im Grunde lächerlich ist, weil
sie voraussetzen, man müsse sie ebenfalls zu jenen Hochbegabten rechnen. Von
den Verstorbenen ertragen sie schon eher die rühmliche Nachrede. Wie traurig,
daß das Andenken eines so schönen Wesens, wie diese Auguste war, so schnell
erlöschen muß. Diese natürliche Heiterkeit, der Frohsinn dieses Mädchens, ihr
unschuldiger Witz und sanfte Schalkheit, gepaart mit Verstand und Geschmack,
war in ihrer schönen Jugend eine zauberhafte Erscheinung. Schlegel hat ihrem
Andenken einige vorzüglich schöne Trauergedichte gewidmet. Diese liebliche
Erscheinung gehörte ebenfalls zu der frohen, geistreichen Gesellschaft, von der
ich neulich in so starken Ausdrücken sprach, so wie die feine, geistreiche Mutter
dieser Auguste, eine höchst gebildete Frau, die jetzt die Gattin Schellings ist.
Diese Frau hatte ein so feines, geübtes Ohr, daß Schlegel sie bei seinen
Gedichten und Uebersetzungen zu Rathe zog, und sie entschied fast immer,
wenn er zwischen drei oder vier verschiedenen Lesearten ungewiß war, welche
er als die wohllautendste oder passendste wählen sollte. Diese Frau, so wie die
Gattin Hubers und noch wenige, gehörten ohne Zweifel zu den frühesten und
entschiedensten Bewunderern unsers Göthe; viele der künftigen Literatoren
werden es vielleicht nicht glauben wollen, wie sehr edle und geistreiche Frauen
in unserer deutschen Literatur den Ausschlag gegeben haben. Als ich vor
ungefähr zehn Jahren Berlin wiedersah, war unter den vorzüglichsten der
dortigen Frauen Das längst ausgemacht, was Recensenten, Dichter und Gelehrte
nicht begreifen wollten, daß Göthe unser größter Nationaldichter sei, ein Poet in
wahrster und höchster Bedeutung, und daß die großen Talente, die mitunter
selbst im Einzelnen etwas Größeres als er leisten möchten, sich doch mit der
Großheit und Vollendung seines Wesens nicht messen dürften. Die Mutter
Auguste’s reisete vor drei Jahren hieher, um die Bäder zu brauchen, und mußte
ihre schöne, liebenswürdige Tochter hier begraben sehen.
Am Abend gelangten sie noch bis Neustadt an der Sale. Die Formen der Berge
waren hart und rauh, Alles schien nördlich und unfreundlich. Die Freunde waren
zu verdrossen, um die Ruine, eine der ältesten, in der Nähe der Stadt zu
besteigen.
Bei der Fortsetzung der Reise schalten sie am folgenden kalten Morgen über
die finstern, widerwärtigen Gestalten der Berge. Kurz vor Meiningen liegt die
Ruine Henneberg zwischen schönen Tannen. In Meiningen fragten sie nach Jean
Paul, der aber schon nach Franken gezogen. Durch schöne Gegenden und Thäler
fuhren sie nach Bad Liebenstein, dessen romantische Lage sie wieder erfreute,
und fanden hier ihren Freund Carl von Hardenberg wieder, den ein jüngerer
Bruder, Anton, begleitet hatte.
Die schöne Gegend wurde am folgenden Tage durchstreift, die alte Burg, die kräftigen Wälder, die grottenartigen Felsen besucht. Man speisete im Freien
unter schönen großen Bäumen, durch den Berg gegen Winde geschützt. Am
Nachmittage fuhr ein prächtiger Postzug mit vier schönen Rappen vor, und die
Freunde glaubten irgend einen Prinzen ankommen zu sehen, als zu Walther’s
Erstaunen jener Freysing, den er vor zehn Jahren in Erlangen gekannt hatte, aus
dem Wagen springt, von seinen Bedienten unterstützt. Sind Sie’s wirklich? fragte
Walther, und der Fremde eilte, den lange nicht Gesehenen zu umarmen.
Nachdem man sich begrüßt hatte, gingen Walther und Freysing zu einer
einsamen Stelle, ziemlich weit vom Bade entfernt. Es freut mich, fing Walther
an, Sie so wohlhabend und reich wiederzufinden; Sie müssen in glücklichen
Umständen leben.
Glücklich? rief Freysing aus: Sie sehen den unglücklichsten Kerl auf Erden
vor sich! Reich? o ja, insofern ein Spieler sich so nennen kann. Sie wissen um
den sonderbaren Zufall, daß ich damals in Nürnberg jene große Summe gewann,
durch welche ich alle meine Gläubiger befriedigen konnte. Statt nach meiner
Heimath zurückzukehren und eine Bestimmung zu suchen, ging ich mit den
dreihundert Goldstücken, die mir noch übrig waren, nach einem großen
Badeorte, Wo hoch gespielt wurde, und gewann wieder auf seltsame, unerhörte
Weise. Ich war in dem Zaubernetz gefangen, daß ich nur Karten dachte und
träumte. War die Nacht schon weit vorgerückt und ich übermüdet und demnach
fieberhaft aufgereizt, so war es, als wenn ein Dämon meine Finger in meiner
Betäubung regiere, und ich, so stumpf ich war, bestimmt wisse, welche Karte
gewinnen müsse. Wer es nicht selbst erlebt und diese quälende Lust an sich
erfahren hat, hat keinen Begriff davon, wie teuflisch wild, wie gräßlich heiter das
Leben eines Spielers ist. Ich war bald reich genug, selbst Bank zu halten. So ist
der grüne Tisch, Gold und Karten meine Heimath, mein Ein und Alles, mir Frau
und Kind und Religion und Natur. Ich habe keinen Sinn für irgend was. Wenn
meine Gehülfen schon in der Nacht kaum noch die Augen aufzwingen können,
fluche ich über mein verdammtes Geschäft, lege mich betäubt und krank nieder,
wandle umher, esse, und kann die Zeit nicht erwarten, bis das Geklirr und
Rauschen des Goldes auf dem grünen Tische wieder anhebt. Ich stehe auf, um
fünf- oder sechstausend reicher, und es macht mir keine Freude; ich verliere
ebensoviel, und es ist mir ganz gleichgültig, und doch ist der verfluchte Gewinn
der Sporn, welcher mich stachelt. Wenn ich reise, so kommt oft, wie ferne
Erinnerung aus Wald und Fels, ein edles Gefühl auf mich zu, eine Wehmuth
ergreift mich über mein zerstörtes Leben, und ich entlaufe dem Gefühl im Pharo;
oft schon dachte ich, ein schönes, liebes Mädchen könne an meiner Seite mit mir
meines Reichthums genießen; aber plötzlich fallen mir die Fratzenbilder der
Kartendamen ein, und welche mir schon große Summen gewonnen, und Leben und Schönheit erblaßt vor diesen Gespenstern. Meine Eltern sind gestorben und
ich habe sie nicht wiedergesehen. Wenn ich einmal Alles verlieren sollte, so
werde ich mir mit der größten Kaltblütigkeit eine Kugel durch mein zerrüttetes
Hirn jagen.
Walther würde vielleicht von dem Wahnsinn und Elend seines ehemaligen
Freundes noch tiefer erschüttert worden seyn, wenn er nicht stets nach der
großen, wunderbaren Höhle geblickt hätte, in deren Nähe sie wandelten, die jetzt
verschlossen war, und die morgen, am Sonntage, magisch erleuchtet werden
sollte, zu welcher Festlichkeit sich viele Menschen aus der Umgegend, sowie
aus Meiningen versammelten. In dieser Menschenmasse hoffte er denn morgen
auch seinen Feind, den er so lange schon vergeblich verfolgt hatte, sowie die
schöne Maschinka, anzutreffen.
———
Der Sonntag, der 24. Julius, war erschienen. Ferdinand begriff nicht, weshalb
Walther so feierlich sei; dieser, indem er jede Art von Unterhaltung vermied,
schien auf etwas gespannt, das sich im nächsten Augenblicke erklären müsse.
Ferdinand schien ebenso bewegt, und Wachtel beobachtete die beiden
Freunde, indem er zu sich selber sagte: Narren sind beide, das ist gewiß, aber
jeder nimmt einen aparten Anlauf, um vollständig thöricht zu seyn. Der
Ferdinand bereitet sich auf die Höhlenerleuchtung vor, wie auf das
Einweihungsfest eines Rosenkreuzers, und der Walther, der weit mehr Baron ist,
wird, so bärbeißig er auch jetzt thut, die Sache nachher als Lappalie behandeln.
Kürzlich soll der Pfarrer einmal in der Höhle gepredigt haben, kann seyn, daß
man nächstens ein Melodram, ein Banditenstück, oder ein allegorisches, mit
Erdgeistern drin spielt.
Beim heitern Sonnenlicht ging man eine Stunde vor Mittag in die große und
von vielfachen Gängen durchschnittene Höhle, welche man erst seit einigen
Jahren entdeckt hatte. Schwebende Lampen erhellten von oben das Gewölbe,
versteckte Lichter, die unten und ungesehen brannten, erleuchteten seltsam die
Gänge, die bald höher, bald niedriger, bald breiter oder enger sich durch die
Räume zogen. Ferdinand war bezaubert, Walther erstaunt und Wachtel
geblendet. Unglaublich viele Menschen waren in diesen unterirdischen Räumen
versammelt und wogten hin und her, redend, flüsternd, lachend, allerhand Dinge
erzählend, und andere wieder lallend bewundernd, oder bei jeder Beugung des
Ganges staunende Ausrufungen ausstoßend. Wahrlich, sagte Wachtel, wer sich
hier ein Liebchen herbestellen könnte, Oheim, oder Vater, oder Vormund zum
Trotz, der hätte ein Rendezvous, um nicht das dumme Stelldichein zu brauchen, allhier, wie sonst in Europa kein zweites. Läuft nicht Alles wie Feen und Geister
so zwitschernd und flüsternd durcheinander? Und bei der Geistercompagnie hört
man nichts Bestimmtes, man vernimmt nur wie unterirdische Chöre. Man sieht
nicht deutlich, sondern ist nur geblendet, bald ist es finster, bald zu hell, und der
Widerschein von den dunkeln Felsengruppen mischt sich wie ein Traum in jedes
Verständniß. Meine alte Muhme, sowie meine häusliche liebe Gattin könnten mir
hier zur Helena oder einem thessalischen Zauberbilde werden. Stoßen Sie mich
nicht so sehr mit dem Ellenbogen, mein Herr von Spuk; zwar in der Unterwelt
vergessen sich alle Höflichkeiten.
Was der Freund hier im Gebiet der Phantasterei schwadronirt, sagte Walther,
doch horch — still — was ist das? —
Wundersame Musik von Waldhörnern klang herüber. Ein Chor von blasenden
Musikanten war oberhalb, ohne daß man sie sehen konnte, in einer Felsennische
aufgestellt. Immer wunderbarer! rief Walther aus. Mich schwindelt! Und es war
nicht unbegreiflich, da surrend, brummend, flüsternd und halb leise sprechend so
viele Gestalten vorübergingen, sich begegnend, grüßend, andere geblendet und
sich nicht kennend. —
Jetzt standen sie vor einem kleinen See. Ein Nachen fuhr von jenseit herüber,
und Ferdinand stieg hinein. Ein anderer Fremder drängte sich hinzu, und Walther
vernahm von einer weiblichen Stimme den leisen Ausruf: Romeo!
Walther machte die Bewegung, in den Kahn nachzusteigen, als dieser schon
abfuhr und sich in der Dämmerung entfernte. Bei dem ungewissen Licht konnte
er die Gestalten nicht mehr unterscheiden; ja, er war selber ungewiß, ob sich
Ferdinand auch unter jenen Gestalten befunden, die im Dunkel schon ganz
verschwunden waren. Er wendete sich rückwärts, um Wachtel wieder
aufzusuchen, der sich ihm im Getümmel verloren hatte, aber er konnte, so sehr
er sich bestrebte, Niemand genau erkennen, so blendeten die vielfach zerstreuten
und sich kreuzenden Lichter. Sinnverwirrend war das Geflüster, und die hin und
wieder fliehenden Worte und Reden der Wandernden, die sich begegneten,
kreuzten, suchten und sich wieder verloren. Endlich sah er Wachteln und bat
diesen, bei ihm zu bleiben. Wachtel stellte sich neben ihn, und da die Musik der
Hörner jetzt wieder begann, so kehrten sie um, um die wunderbare Harmonie
näher zu hören. Können Sie es begreifen, sagte Wachtel, daß unser Ferdinand die
Höhle und dieses magische Schauspiel, welches doch recht eigentlich für ihn
eingerichtet zu seyn scheint, schon wieder verlassen hat?
Wie? rief Walther, ich hätte schwören wollen, ich habe ihn da hinten den
finstern Kahn besteigen sehn, um die stygische Flut zu überschiffen.
Nein, sagte Wachtel, er ist unlängst mir vorbeigelaufen, um, wie er sagte, zur
alten Burg hinaufzusteigen, weil ihn dies Getümmel hier zu sehr betäube.
Man wird thöricht und verwirrt, erwiederte Walther, so wunderlich und
romantisch das Ganze auch angeordnet ist.
Jetzt ließen sich einige polnische Reden in der Nähe vernehmen, und da
Walther der Sprache kundig war, so verstand er, daß zwei Männer ein
Frauenzimmer suchten, die mit einem Hauptmann in der Höhle spazieren
wandle. Jetzt war Walther überzeugt, diese wären Mitwissende und könnten nur
von der verlorenen Maschinka reden. Er hielt sich in der Nähe dieser Fremden
und verlor darüber seinen Freund Wachtel wieder aus dem Gesichte.
Die Polen wurden immer eifriger im Suchen, endlich sagte der eine in seiner
Sprache: ich fürchte nur, bei ihrer großen Reizbarkeit und Nervenschwäche wird
sie nach diesem sonderbaren Tage wieder auf lange krank seyn.
Doch, antwortete der Andere, übersteht sie oft Alles besser, als man es
fürchten muß, wenn sie ihre Imagination nur beschäftigen kann, und diese findet
doch hier des Spieles genug. Nur ruhen muß sie nachher.
Ein lauter Ausruf entstand, indem man sich vorwärts bewegte, denn ein Kind
war gefallen, welches einige Damen liebkosend und tröstend aufhoben. Indem
glaubte Walther in der gedrängten Gruppe die Gestalt Ferdinands wieder
wahrzunehmen. Als er sich aus dem Gedränge freigemacht hatte, waren, indem
er umherblickte, die Polen seinem Auge wieder entschwunden. Er eilte verwirrt
nach einer andern Richtung und jetzt glaubte er deutlich wahrzunehmen, daß
Ferdinand in einiger Entfernung vor ihm hergehe und ein schön gewachsenes,
reich gekleidetes Frauenzimmer am Arme führe. Er suchte in ihre Nähe zu
kommen, und indem er schon seinen Arm ausstreckte, um seinen Freund zu
berühren, rief die Stimme des Polen dicht hinter ihm: Maschinka! Jetzt sah er,
daß Derjenige, welcher die Dame führte, nicht Ferdinand sei, aber seine
Ahndung, hier Maschinka und ihren Entführer endlich zu treffen, war doch in
Erfüllung gegangen. Er packte also den Fremden ziemlich unsanft am Arm und
rief: Hier habe ich Sie also doch, nach vielen Mühungen, mit Ihrer Maschinka
entdeckt! Indem war der Pole mit einem Ausruf der Verwunderung ebenfalls
näher gekommen, und wie erstaunt und beschämt war Walther, als er in dem
Festgehaltenen seinen Reisegefährten Wachtel erkannte und sich jetzt die Dame,
eine hochbejahrte Frau, herumwendete. Wie? mein Herr! fragte der Pole: Sie
wagen es, meine Schwester zu beleidigen?
Keine Beleidigung, mein Herr, rief Walther, ich hielt die Dame und diesen
meinen Freund für ganz andere Wesen, und bitte, mir meinen Irrthum und die
Uebereilung zu verzeihen.
Die alte Dame faßte jetzt den Arm des Bruders, indem sie sagte: Als ich Dich
verloren hatte und ziemlich ängstlich umherirrte, war dieser Herr so gütig, sich
meiner anzunehmen. Der Pole dankte Wachteln mit artigen Worten und dieser erwiederte lachend: Es ist Nichts natürlicher, als daß man in diesem
unterirdischen Reiche der Phantasterei etwas confuse wird.
Das Gedränge von Menschen, welches sich in dem engen Raume aus Neugier
versammelt hatte, lösete sich wieder auf, und Walther eilte jetzt verdrossen und
verstimmt aus der Höhle und Wachtel folgte ihm, um ihm im Freien seine
Klagen vorzutragen.
Mein Theuerster, fing er, als sie im Felde standen, an, Sie haben mitunter
sonderbare Launen, die man nicht begreift. Was haben Sie mit dem Namen
Maschinka, daß er Sie immer so außer sich versetzt? Sie haben mich so stark in
meinen Arm gezwickt, als wenn Sie ihn mir zerbrechen wollten, und in Ihrem
Tone, mit dem Sie sprachen, lag etwas so Drohendes und Beleidigendes, daß ich
vorher recht böse auf Sie hätte werden mögen.
Sie haben ja gehört, rief Walther unmuthig aus, daß ich mich geirrt, daß ich
Sie für wen ganz Andern nahm. Eine gewisse Maschinka ist eine Bekannte von
mir, eine junge Dame, ein Frauenzimmer, das ich kenne, eine weitläufige
Anverwandte, die ich gerne wiedersehen möchte, und die sich wahrscheinlich im
Auslande befindet, ein wohlgebildetes Fräulein, die wohl vielleicht schon
verheirathet ist, — mit einem Worte, eine Dame, die ich gerne wiedersehen
möchte.
Wachtel lachte laut auf und sagte dann: Ich danke für dieses herzliche
Vertrauen und diese offene Mittheilung. Er lachte wieder, und Walther, dessen
Verlegenheit sichtbar war, bat ihn, wieder ernsthaft zu seyn und ihm zu
vergeben, daß er ihm nicht mehr sagen könne. Haben Sie die Gefälligkeit für
mich, fügte er dann hinzu, unserm Ferdinand von dieser lächerlichen Scene
nichts zu erzählen. Genug, daß ich vor Ihnen und jenen Fremden beschämt und
verlegen gestanden habe, und daß Sie mich so von Herzen auslachten, scheint
mir Strafe genug. Versprechen Sie mir das, denn ich bin in diesem Punkt
vielleicht etwas zu empfindlich.
Ich gebe Ihnen mein Wort, ihm kein Wort davon mitzutheilen, antwortete
Wachtel; aber auch gegen meinen Ferdinand sind Sie seit einiger Zeit nicht mehr
so herzlich, als Sie es im Anfange unserer Pilgerschaft schienen. Wenn Sie auch
in den meisten Dingen anderer Meinung sind, so sollten Sie doch sein Gutes und
seine Freundschaft für Sie anerkennen.
Daß wir die meisten Dinge der Welt aus einem verschiedenen Standpunkte
ansehen, erwiederte Walther, macht mir ihn nur lieber, seine Schwärmerei und
sein Hang zum Aberglauben ist mir an ihm interessant; aber — um ganz
aufrichtig zu seyn — seit wir da oben auf dem Schlosse bei Bamberg waren, in
Glich, bin ich mißtrauisch gegen seinen Charakter geworden. Wenn ich seine
frommen Reden bedenke, wenn ich höre, wie sentimental er von der Liebe spricht, wie verschämt er in Gesellschaft roher Menschen thut, für einen Mann
fast tadelnswürdig jungfrauenhaft, und denke dann daran, wie er uns entlief und
wieder zu dem schönen Mädchen nach dem einsamen Saale hinaufeilte, so halte
ich ihn für einen Lüstling, der zugleich heuchelt und den Tugendhaften spielt.
Mich wundert nur, daß jenes schöne Kind, die Tochter des Försters, ihn sogleich
erhören konnte, wie es doch schien. Er erhält Briefe, die er verheimlicht, er
weicht uns oft aus und entfernt sich unter den nichtigsten Vorwänden; hat er
etwas Wichtiges zu verschweigen, so sollte er mir dies wenigstens eingestehn;
sind aber seine Heimlichkeiten immer kleine unerlaubte Liebeshändel, so ist sein
Charakter nicht so beschaffen, daß ich ihn zum Freunde behalten möchte.
Mein Herr, sagte Wachtel mit einiger Feierlichkeit, sind Sie etwa damals in
Glich auf unsern Freund gar nicht eifersüchtig gewesen? denn das schöne
Mädchen schien Ihnen auch zu gefallen. Was er liebt, wie er liebt, wie orthodox
oder heterodox, sentimental oder liberal er die Sache betreibt, ob sein Herz nur
Raum für einen Gegenstand hat, ob es vielen zugleich Quartier geben kann, ob
die eine seine Göttin ist und andere nur Dienerinnen, oder Zerstreuerinnen seiner
Melancholie, über alles Dieses erlaube ich mir kein Urtheil und keinen
Richterspruch, wenn er mich nicht selbst in seine Geheimnisse einweiht. Aber er
ist gut und edel, darauf kenne ich ihn von Jugend auf. Geheimnißkrämerei ist
immer seine Liebhaberei gewesen. Und Sie sind ebenfalls geheimnißvoll gegen
ihn. Mir scheint, keiner weiß vom Andern etwas Bedeutendes, Zufall und Laune
haben Sie vereinigt, aber das Leben, die Verhältnisse eines Jeden sind dem
Andern verborgen. Ich kenne Ferdinand seit lange und bin vertraut mit seinem
früheren Leben, aber was seit zehn Jahren mit ihm geworden ist, liegt für mich
auch ganz im Dunkel.
Walther reichte ihm die Hand und sagte: Sie haben nicht Unrecht; ich hoffe,
im Verlauf der Reise wird sich noch die Gelegenheit finden, daß wir unsere
Verhältnisse näher kennen, dann sollen Sie erfahren, warum ich jetzt Ihnen so
wenig als Ferdinand von meinen Verbindungen und Absichten etwas vertrauen
kann.
Beim Badehause fanden Sie Ferdinand lesend unter den Bäumen, unter
welchen die lange Mittagstafel schon bereitet war. Ich konnte es in der Höhle,
sagte er, nicht aushalten, so beängstigte mich der Schimmer und der Dunst der
Lampen. Jetzt kamen die Gebrüder Hardenberg und nach und nach versammelte
sich die Tischgesellschaft. Der Herzog von Meiningen speisete auch an der Table
d’hote, und der Anblick der Landleute, die sich versammelt hatten, und
neugierig oben vom Hügel zwischen den grünen Bäumen auf ihren Fürsten und
die Fremden herniederschauten, alle diese fröhlichen Gesichter von Alt und Jung
machten einen sehr erfreulichen Anblick.
Nach Tische ließ sich der Fürst durch Hardenberg, den er schon längst
persönlich kannte, dessen Freunde vorstellen. Er sprach lange und freundlich mit
ihnen, indem er ungesucht vielfache Kenntnisse und eine echte Bildung zeigte.
Er war schlank, hatte blondes, fast graues Haar, ein gealtertes Gesicht, in
welchem der Ausdruck des Ernstes und der Melancholie vorherrschte, das sich
aber schnell in Freundlichkeit und schalkhaften Ausdruck verwandeln konnte.
Es war eine mittelmäßige Schauspielertruppe, die zuweilen in einem kleinen
Saale ihre Vorstellungen gab. Heut aber wurde in einem andern Local ein
Puppenspiel mit großen Marionetten aufgeführt; die übrigen Freunde
interessirten sich für diese Kinderei nicht, aber Ferdinand, der dergleichen
Seltsamkeit leidenschaftlich liebte, freute sich auf den Genuß dieses Abends.
Walther ging mit Hardenberg spazieren, Wachtel blieb im Badehause und
Ferdinand eilte dem Marionettentheater zu. Er zahlte für den ersten Platz und
drängte sich in den übervollen Saal. Bauern, Bauermädchen, Bürger, Soldaten,
Offiziere, Alles war so fest ineinandergeschoben, daß sich weder Hand noch Fuß
regen konnte. Ferdinand wollte seinen ersten Platz gewinnen und bat, ihm Raum
dahin zu gönnen, weil er meinte, er befände sich noch auf der letzten und
wohlfeilsten Stelle. Was ihm am empfindlichsten auffiel, war, daß Tabaksdampf,
der ihm verhaßt war, den ganzen Saal anfüllte, denn Alles, bis auf die
Bauernknechte, rauchte aus größeren oder kleineren Pfeifenköpfen. Er hoffte, da
hier Alles noch stand, vorn zum Sitzen zu gelangen und sich aus den stinkenden
Wolken zu entfernen; vor ihm war ein Mann im grünen Ueberrock, welchen er
anstieß und höflich sagte: Machen Sie mir gefälligst etwas Raum, denn ich habe
für den Ersten Platz bezahlt. — Ja, erwiederte der Mann, der aus einem
ungeheuern Meerschaumkopfe rauchte, das, mein guter Freund, haben wir Alle,
hier sind wir Alle gleich, wie im Paradiese. Indem Ferdinand etwas näher
gekommen war, erkannte er in diesem Sprechenden den Fürsten. Gewiß war er
also auf dem ersten und vornehmsten Platze und genoß der Ehre, den Fürsten zu
drängen und von ihm geklemmt zu werden. Von der früheren Vorstellung und
dem feinen Hof- und wissenschaftlichen Gespräch war in dieser Atmosphäre
nicht mehr die Rede, ja es wäre lächerlich gewesen, sich darauf zu beziehen,
denn der Herr erschien hier ganz verwandelt. Ihn störten nicht die plumpsten und
ungezogensten Späße seiner Umgebung, manche Militairs trieben die
Ausgelassenheit und den Scherz mit einigen Bauerdirnen über jede Grenze, und
diese Armen hatten Mühe, aus dem Gedränge zu entkommen und das freie Feld
wieder zu gewinnen. Als schon manche von den Honoratioren sich entfernt, der
Fürst selbst nach einiger Zeit die Bude verließ, so zögerte auch Ferdinand nicht
länger, im Wald und auf dem Berge wieder eine reinere Luft zu athmen.
Im Saale war Ball, in welchem Alle, die Theil nehmen wollten, ohne Gene tanzten: Edelleute, Damen und Handlungsdiener; auch die Herzogin von
Hildburghausen war unter den Tanzenden und gütig und herablassend mit
Jedermann. In einem andern Saale wurde gespielt, und hier traf Walther seinen
Freund Freysing in seinem glänzenden Beruf. Die Bank, die dieser aufgelegt
hatte, war sehr ansehnlich. Walther sah nur zu, ohne mitzuspielen. Er fand
wieder, was ihn so oft entsetzt hatte, wenn er in den Spielsälen stand, diese
verzerrten Gesichter, die Habgier oder Wuth und Verzweiflung ausdrückten,
einige, die kalt und gleichgültig scheinen wollten, waren todtenblaß, sie
zwängten den Zorn und die Angst in sich zurück. Freysing betrug sich wie ein
König, nur etwas zu stolz, weil bei seinen aufgethürmten Goldhaufen ihm der
Satz der Pointirenden wohl zu unbedeutend scheinen mochte.
Walther hatte seit lange einen Mann beobachtet, welcher schon viele
Goldstücke verloren hatte und dem der kalte Todesschweiß über das bleiche
Antlitz in großen Tropfen rann. Er verließ oft ingrimmig und wie verzweifelnd
den Saal, ging draußen mit sich ringend auf und ab und kam dann nach einiger
Zeit zurück, nachdem er von Neuem Geld von seinem Zimmer geholt hatte,
welches er dann eben so schnell, wie die vorigen Friedrichsd’or verlor. Er spielte
so leidenschaftlich und wild, daß er durchaus nicht die gehörige
Aufmerksamkeit auf sein Spiel haben konnte. Freysing beobachtete ihn sehr
aufmerksam von seinem Sitze und schien nur ungern die Goldstücke des Armen
einzuziehen. Im Nebenzimmer erkundigte sich Walther bei einem freundlichen
Manne, wer dieser tollkühne Spieler sei, und erfuhr, er sei ein Geschäftsmann
aus Meiningen, der mit Frau und einigen Kindern von einem mäßigen Gehalt
leben müsse. Er habe sich wohl verleiten lassen, seine Umstände verbessern zu
wollen, der Verlust setze ihn in Angst, und er suche, was er verloren wie mit
Gewalt wiederzugewinnen. Diese Leidenschaft, sagte der Erzählende, in welche
die Pointeurs immerdar gerathen, ist eigentlich das sicherste Capital der Bank.
Der arme Mann, der ansehnlich verloren hat, wird nun Schulden machen
müssen, er verliert seinen Namen, seine Familie darbt und er endet vielleicht in
Verzweiflung.
Als Walther in den Spielsaal zurückging, kam ihm dieser Herr Anders mit
verzerrten Mienen der Todesverzweiflung entgegen. Er lief eilig aus dem Hause
und schien keinen der Anwesenden zu bemerken, die ihm mitleidig oder auch
wohl mit Hohn und Schadenfreude nachsahen.
Er kam nicht wieder, und Walther war überzeugt, er habe Alles verloren. So
verging eine geraume Zeit, neue Spieler kamen, geplünderte entfernten sich,
doch vermehrte sich die Anzahl um den Spieltisch. Da trat jener Anders wieder
taumelnd herein, er schwankte umher und sein bleiches Angesicht schaute den
Spielenden mit gläsernen Augen über die Schultern. Er biß sich auf die Lippen, als er einige Pointeurs bedeutende Summen gewinnen sah. Plötzlich machte er
sich Platz und schob den einen Zuschauer mit Ungestüm zurück, indem er sich
neben den erschreckten Walther eilig hinstellte. Er griff hastig nach einer Karte
und, ohne sie fast zu betrachten, besetzte er sie mit einigen Goldstücken. Die
bleichen Lippen zitterten ihm, und sowie die Karte verlor, zuckte es wie ein Blitz
über sein Antlitz hin. Er schob mit krampfhaftem Zittern die Goldstücke dem
Bankier hin, und dieser, ihm einen scharfen Blick zuwerfend, schleuderte sie
wieder nach des Spielers Platz, indem er kalt sagte: Führen Sie so die Nymphen
auf der Gasse mit solchem Golde ab. Es war eine Todtenstille im Saale, Walther
fühlte sich einer Ohnmacht nahe. Der Hausvater, der Geschäftsmann, die
unauslöschliche Beschimpfung des Aermsten, seine wahrscheinliche
Verzweiflung, Alles dies ergriff ihn mit ungeheurer Gewalt. Ein Moment, in
welchem er vernichtet war, aber schnell ermannte er sich und rief mit festem
Tone dem Bankier zu: Herr Bankier, Sie thun meinem Freunde, dem Herrn
neben mir, sehr Unrecht; ich habe ihm aus Versehen die Spielmarken statt der
Goldstücke eingehändigt, weil ich sie bei mir trug, ich bin mit ihm Moitié, und
so zahle ich den Verlust. Sie werden nicht glauben, daß ein solcher Irrthum ein
vorsätzlicher war, da Sie mich persönlich kennen.
Freysing erhob sich von seinem Sitze, bückte sich sehr tief und sagte, da er die
Absicht seines Bekannten sogleich durchschaute: Mein Herr Baron, ich bitte Sie
und den Herrn, mit welchem Sie gemeinschaftlich spielen, hiemit um
Vergebung. Ich war im Unrecht, die geehrten Herren mögen von der Güte seyn,
meine Uebereilung, die ungeziemlich war, zu vergessen.
Walther hatte mit einem stummen Druck den beängstigten Anders neben sich
auf einen Stuhl niedergezogen. Er spielte jetzt und gewann binnen Kurzem eine
ansehnliche Summe, der Haufen Goldes, welcher vor ihm lag, wuchs mit jeder
Minute. Als dreihundert oder mehr Goldstücke gewonnen waren, stand er auf
und sagte höflich: Jetzt, Herr Anders, haben Sie die Güte, mir zu folgen, daß wir
uns berechnen können.
Er führte den Zitternden und Erstaunten auf sein Zimmer und händigte ihm
hier die ganze Summe ein, indem er sagte: Hier, Sie Armer, Bethörter,
empfangen Sie, was ich in Ihrem Namen gewann, es ist, so viel ich habe
beobachten können, um ein Beträchtliches mehr, als Ihr Verlust. Richten Sie sich
ein, spielen Sie nicht wieder, Sie sehen, wie unglücklich man werden kann.
Mein Wohlthäter, sagte der Zerknirschte stammelnd, was Sie mir geben, ist
mehr als das Vierfache meines Verlustes. Es giebt Thaten, für die jeder Dank zu
klein ist. Sie retten meine Familie, meine Ehre, mein Leben, denn ich mußte
mich nach dieser Beschimpfung ermorden, wie ich auch beschlossen hatte, wenn
ich verlor.
Mit Thränen entfernte sich der Beglückte und Walther begleitete ihn vor das
Haus. Wachtel, der im Alkoven Alles angehört hatte, sagte für sich: Das ist bei
alle dem ein kreuzbraver Kerl, dieser Walther!
Walther ging in den Spielsaal und sagte in einer Pause heimlich zu Freysing:
Ich hätte Sie für großmüthiger gehalten, warum einen solchen Elenden
vernichten?
Ich sollte es wohl seyn, erwiederte Jener, der Aerger übereilte mich. Sie haben
mir aber eine hübsche Lection gegeben, an welche ich bei einem ähnlichen Falle
denken werde.
———
In Gesellschaft Hardenberg’s und dessen Bruders, sowie der Verwandten, die
sich in Liebenstein zusammengefunden hatten, oder die in der Nähe wohnten,
ging die Zeit gar anmuthig hin. Man erzählte viel charakteristische Züge von den
sonderbaren Launen des trefflichen Fürsten; dabei aber verkannte man nicht, was
er für die gute Einrichtung dieses Bades, vorzüglich aber für die Wohlfahrt
seines Ländchens gethan hatte.
An der heitern Mittagstafel, als die Freunde unter sich und keine Damen
zugegen waren, sagte Wachtel: Ich bin Euch noch schuldig, meine Freunde, wie
ich gestern Nachmittag meine Zeit hingebracht habe, zu berichten. Ich mochte
das Puppentheater so wenig wie den glänzenden Ball besuchen, aber ich hatte
erfahren, daß der berühmte Oberforstmeister Cramer von Meiningen hieher in
das Bad, aber nur für diesen Sonntag gekommen sei. Wie Ferrara seinen Ariost
und Tasso, Florenz seinen Dante, Leipzig seinen Gottsched, Anspach seinen Utz
und Weimar seinen Göthe hat, so besitzt seit lange schon Meiningen seinen
Cramer. Ich sah den Mann, er ist groß, ziemlich corpulent, und sein Gesicht eins
von denen, die das Glück und die Auszeichnung haben, gar keinen Ausdruck zu
besitzen. Diese sogenannte Gutmüthigkeit oder Bonhommie, wie man
dergleichen nennt, welche nur die trivialste Alltäglichkeit ist, lockt jeden noch so
simpeln Dummkopf herbei, um sich ohne Aengstlichkeit in der Gegenwart eines
solchen harmlosen Autors ganz seiner Einfalt zu überlassen und den
berüchtigten Vetter Michel für den Vorsteher der Grazien zu halten. Glücklicher
Weise habe ich in früheren Jahren, weil ich ein unnützer Bengel war, die meisten
Romane dieses Cramer, vom Erasmus Schleicher bis zum Paul Ysop, gelesen.
Ich sah neben ihm einen Halbbekannten und benutzte dies, um mich dem
genialen Deutschen vorstellen zu lassen. Wir setzten uns dann dorthin, vor dem
Badehause, dem Geländer nahe, den Blick auf die Landstraße gerichtet. Der
große Mann hatte kein Arg daraus, ob ich ihn auch für den Autor erkannte, für den ihn die Abonnenten der Leihbibliotheken eine Zeitlang hielten. Ein
schmaler, schwindsüchtiger Medicus sagte: O Bruder Cramer, erinnerst Du Dich
noch unseres verewigten Freundes auf der Universität, des seligen Lange, mit
dem wir so manchen seligen Abend durchschwärmt haben?
Wohl, sagte Cramer, indem er sein Glas erhob und der große Mund lächelnd
durch die Nähte der Pockennarben brach: das war ein großer Mensch! Himmel,
wie idealisch konnte er beim Sonnenaufgang oder in den Frühlingsmonaten
gestimmt seyn! Es war eine Wonne, mit der kräftigen Menschheit des Kerls zu
harmoniren. Viele von Klopstocks Oden wußte er ganz auswendig; wenn er sie
deklamirte, zitterte er vor Entzücken, wie ein eingefangenes Rothkehlchen. Wir
nannten ihn nur Selmar, — und das arme Vieh hat nachher so miserabel crepiren
müssen!
Wie so? fragten die Freunde, indem sie die Weingläser niedersetzten.
Weil der Schwernothshund, sagte der Autor mit edelm Ingrimm, es nicht
lassen konnte, sich trotz seines Aufschwungs mit liederlichen Menschern
einzulassen. Das war nun einmal seine schwache Seite. Petrarch und Laukhard,
oder ein Anderer der Zunft, Bahrdt, oder wer es sei, war er in demselben
Augenblick. O seine zarte, himmlische Jenny! was das hohe Wesen über diese zu
weit getriebene Vielseitigkeit des hochgestimmten Schwärmers gelitten hat! Die
Creatur war doch wirklich so, als wenn ein himmlischer Engel in dieses
Erdenleben herabgestiegen wäre, um uns eine Darstellung der hohen Flüge eines
Plato im sterblichen Abbild zu geben. Mehr als Sophronia und Clorinde des
Tasso, höher als Werthers Lotte, oder die Sophie des Fielding war sie so einzig,
daß die Brutalität selbst in ihrer Nähe zur Tugend wurde. Tausendschwernoth
noch einmal! Wenn sie so mit ihrem Inamorato dahinwalzte! Als den nun, wie
Ihr wißt, Freunde, an der schlechten Krankheit der Teufel so rein weggeholt
hatte, so gab sie endlich den Bitten des dünnbeinigen Assessors Gehör und
verheirathete sich mit der verfluchten Massette. Sie hatte aber schon von ihrer
ersten Liebe ein Kind gehabt, das sie heimlich erziehen ließ. Der Junge bekam
nachher das böse Wesen und verreckte im Hospital. Die himmlische Laura ergab
sich dem Branntwein und es war, wegen des Athems, in den letzten Jahren nicht
mehr bei ihr auszuhalten. So verwelken die edelsten Blüten des Lebens.
Und Alfonso, fragte der Schmächtige, jener aufgeklärte Theologe, er hieß
eigentlich Wackelbein, — was ist aus dem geworden?
Im Narrenhause, sagte Cramer, hat er an der Kette verendet. Er war zu
genialisch, und wollte immer Werther und Guelfo in den Zwillingen von Klinger
zugleich seyn. Als er in der Stadt lebte und der Superintendent ihn zum
Adjunctus in sein Haus nahm, hatte er seine höchste genialische Zeit. Was er
damals schrieb oder sagte, war classisch. Er selbst aber immer besoffen. Das Schwärmen hätte ihn aber doch nicht so sehr daran gehindert, daß der große
Geist wäre in eine gute Stelle gesetzt worden; — aber, wie nun sein schönstes
Buch sollte gedruckt werden (eine Nachahmung meines Erasmus, wo er zugleich
den Bambino Klingers hineingebracht hatte), kam es heraus, daß die Köchin im
Hause von ihm schwanger und die Kirchenkasse bestohlen, ja eigentlich ganz
weggeraubt sei. Von beiden war er der Thäter, und er konnte es nicht leugnen;
schon täglich besoffen, wurde er vom Kummer verrückt und fuhr so dahin. — So
habe ich so manche echte Genies, die die Zierde unseres Vaterlandes werden
konnten, zum Teufel fahren sehen. Ich habe mich gehalten, so viel ich auch
erlebt, so viel ich auch erduldet habe. Der Dienst der Musen ist kein leichter. Mit
dem Teufel ist nicht zu spaßen.
Ferdinand erzählte, wie schlimm es ihm in dem Marionettenspiel gegangen
sei, worauf Walther sagte: Sie haben also, meine Freunde, einmal recht die
deutscheste Deutschheit verkostet. Sonderbar, daß es noch immer viele
Gegenden und Gesellschaften giebt, wo ein solcher Ton für das Herzliche und
Biedere gilt. Bei diesen steht dann Grazie und Urbanität als Heuchelei und
Affektation im schlimmsten Verruf. Aus den Büchern, in welchen der hiesige
Ariost die Sitten edler und treuherziger Männer geschildert hat, bildeten sich
früherhin manche Studenten auf der Universität, und aus diesen Reminiscenzen
schrieben Manche wieder in späteren Jahren Bücher in demselben Ton. Diese
rohe Manier verliert sich jetzt mehr und mehr bei unsern Landsleuten.
Ich zweifle, fuhr Ferdinand fort, daß der Gebildete in irgend einem andern
Lande an dieser vorgeblichen Herzlichkeit, Biedertreue und Ungeschlachtheit zu
leiden hat. Dies Marionettenspiel selbst war eben so schlecht, daß, wer nach
diesem meine Vorliebe für diese groteske Unterhaltung beurtheilen wollte, mir
sehr Unrecht thäte. Es werden jetzt ungefähr zehn Jahre seyn, als ich auf einer
Reise durch den Harz in Quedlinburg dieses wunderliche Drama zuerst
entdeckte. Ich kann es wohl eine Entdeckung nennen, denn es wich völlig von
jenem Zeitvertreib der gebräuchlichen Puppenspiele ab, und dieses, wie jene
gewöhnlichen dienten nur dem Volke zur Aufheiterung, und der Gebildete
wendete sich mit Verhöhnung ab. Diese Figuren, die ich jetzt kennen lernte,
waren ziemlich groß und wurden sehr geschickt durch eine künstliche Wage und
Gewichte regiert, die die Glieder in Bewegung setzten, indem die Fäden an den
Fingern der Dirigirenden hingen. Am künstlichsten aber war die Figur des
Lustigmachers oder des Casperle, wie er hier genannt wurde. Nach einiger Zeit
glaubte man ein wirkliches lebendes Wesen zu sehn; man zweifelte nicht mehr
an dem Mienenspiel und er machte mich so lachen, wie ich es nur selten im
Leben vermocht habe. Ich erkannte hieraus, wie die Maske, wenn ein gutes
Gedicht nur übrigens gut gespielt würde, gewiß nicht die Täuschung stören oder aufheben könne. Am meisten aber überraschten und interessirten mich die
wunderbaren Stücke, die gespielt wurden. Sie waren so originell, so großartig
erfunden und so kühn durchgeführt, daß ich sie mit keinen andern bekannten
vergleichen konnte. Der Don Juan z. B., den sie darstellten, wich sehr von jenem
ab, der nach dem Moliere und den Italienern gearbeitet ist. Nach einigen Jahren
sah ich mit Erstaunen, daß er nach dem eigentlichen Original des Spaniers Tirso
de Molina umgewandelt war. Von einem andern Stücke entdeckte ich später, daß
es ganz, aber so, wie dieses Marionettentheater es brauchen konnte, nach einem
höchst wunderbaren und religiösen Schauspiel des Mira de Mescua gearbeitet
sei. Eine „heilige Dorothea“ folgte ziemlich genau der Tragödie, welche die
Engländer Massinger und Decker über diesen Gegenstand gedichtet haben. Ich
wollte die Directoren der hölzernen Truppe schon damals bereden, in Berlin ihre
Künste zu zeigen, was sie aber jetzt noch nicht wagten, sondern erst sieben oder
acht Jahre nachher den Versuch machten und großen Beifall fanden, vorzüglich
bei den Freunden der ältern Poesie. Die Herren Dreher und Schütz (diese waren
die Dirigenten) erzählten mir, daß alle ihre Manuscripte alt seien, daß sie noch
viele besäßen, die sie aber niemals darstellten, unter andern einen König Lear,
der aber mit dem weltbekannten Gedichte kaum eine Aehnlichkeit habe. Ich
wollte sie überreden, mir diese Gedichte zur Ansicht zu vertrauen, was sie aber
standhaft verweigerten, so wie sie auch von dem Rath nichts wissen wollten,
diese Sachen durch den Druck bekannt zu machen. Sie glaubten, daß sie sich
ihre Aufführungen dadurch verderben möchten. Ich wußte, daß zu Shakspeare’s
Zeiten von einsichtigen Mechanikern eine neue Art war erfunden worden,
ziemlich große Marionetten künstlich in Bewegung zu setzen. Die Spiele dieser
Puppen machten Aufsehen und fanden großen Beifall. Ben Jonson spottet selbst
einmal darüber, daß dieses hölzerne Theaterspiel Mode sei und von Manchem
dem der Komödien vorgezogen werde. Man gab die Schauspiele, die die
populärsten waren, und gute Köpfe, die gerade nichts Besseres zu thun hatten,
arbeiteten für diese Bühne und nahmen die besten Komödien berühmter Dichter,
um sie für die Marionetten abzukürzen und mit mehr Spaß und Tollheit
auszustatten. Die Marionetten zogen hierauf nach den Niederlanden, und in
Brüssel und Antwerpen, wo damals viele spanische Komödien gespielt wurden,
nahmen sie von diesen die beliebtesten und wunderbarsten in ihr Repertoir auf.
Manchen, die ich damals und später in Berlin sah, habe ich noch nicht auf die
Spur kommen können; sehr merkwürdig war die Geschichte eines Königssohnes,
der sich wahnsinnig stellte, aber nichts mit Hamlet gemein hatte. Der verlorne
Sohn ist nach einem alten englischen Schauspiel, und jener landkundige Faust,
der unserm großen Dichter in seiner Jugend wohl zuerst den Anstoß zum
wunderbarsten seiner Werke gab, ist im Wesentlichen dem Faust des Marlow nachgebildet. Man kann dem Barocken und toll Poetischen nur mit einer
gewissen Leidenschaft sich hingeben, eine ruhige kritische Billigung ist
unpassend und dem Gegenstande nicht angemessen; und so gestehe ich gern, daß
ich damals diese mir noch neuen Spiele vielleicht überschätzte, aber auch jene
Menschen, die sich ganz davon abwendeten, nicht tadeln konnte. — Hier aber
war von jenem Poetischen, was mich damals so sehr erfreute, auch keine Spur
mehr. Die Marionetten waren schlecht und spielten ungeschickt, der Text war
ganz modern, aus Kotzebue und einigen beliebten Opern zusammengestoppelt,
so daß mich weder Publikum noch Theater auf lange fesseln konnte. Große,
wunderbare Verhältnisse, das Tolle, Phantastische und ganz Tragische paßt nur
für diese Volksbühne.
Die Freunde genossen noch die schöne Gegend um Liebenstein, alle diese
reizenden Naturscenen, und nahmen dann von Wald und Berg und den
freundlichen Menschen, die sie hatten kennen lernen, Abschied. Carl von
Hardenberg begleitete sie noch bis Eisenach. Der Weg geht queer durch den
Thüringer Wald, und reizend liegt das Jagdschloß Wilhelmsthal mitten in einem
schönen Walde. Die Buchen hier und in der Umgegend sind von herrlichem
Wuchs.
In Eisenach besuchte man die Wartburg und erinnerte sich des Gedichtes von
Friedrich Schlegel. Der Deutsche, bemerkte Ferdinand, hat immer noch seine
eigenthümliche Freude an der Herrlichkeit der Wälder; vor diesen Ausblicken,
die uns entzücken, graut dem Italiäner und die übrigen Nationen empfinden doch
schwerlich jenes heilige Grauen oder jene feierlich andächtige Stimmung, die
uns in Waldgebirgen oder im einsamen dunkeln Forst ergreift.
Hardenberg kehrte nach Liebenstein zurück, und von Altenburg schrieb
Ferdinand an seine Freundin Charlotte nach Berlin:
Altenburg, den 1. August 1803.
Kann man sich so ungewiß im Kreise drehen, wie ich es nun seit mehreren
Wochen gethan habe? Menschen betrachte ich und lerne sie kennen, Frauen und
Mädchen, Naturscenen gehn an mir vorüber, und nichts ergreift und durchdringt
mich so, wie es sollte, weil eine Leidenschaft, eine Unruhe, eine unselige
Melancholie mich allenthalben verfolgt. Ich habe die feste Hoffnung, möchte ich
doch fast sagen die sichere Aussicht, daß sich in wenigen Tagen dieser Zustand
ändern wird. Sie kennen mein Schicksal nicht, und können es also auch nicht
fassen, in welchem seltsamen Räthsel ich mich umtreibe.
Ich müßte mich sehr irren, oder mein Reisegefährte Walther wird von einer
ähnlichen Leidenschaft gequält, die er mir verheimlicht, geflissentlich Alles umgeht, was auf eine Spur führen oder eine vertrauliche Herzensergießung
veranlassen könnte. Dieser Mann, der anfangs so kalt und ruhig schien, verliert
immer mehr jene sichere Haltung, die den Gleichgültigen nur sich anzueignen
möglich ist.
Zuweilen erscheint mir das Leben grauenvoll, wenn es mir jene kalte,
gleichgültige Seite aufdeckt, die die Herzlosen für das wahre Antlitz, und