no problem - kannste eh nix machen
Zehntes Kapitel
1
Wäsche waschen macht Spaß. Auf der Rückseite des Klohäuschens standen vier große Becken zum Wäsche waschen. An warmen, sonnigen Tagen war es die reine Freude, die rußgeschwärzten Hemden und Hosen meines Willi mit Kernseife und Wurzelbüste zu schrubben, nachdem sie eine Nacht in Seifenlauge eingeweicht waren; Schweiß und Schmutz mit klarem Wasser ausspülen, die Wäsche an der langen Leine auf dem Trockenplatz aufhängen und sich daran freuen, wie die Unterhosen sanft im Sommerwind schaukeln, die Hosenbeine und Hemdsärmel sich leise wiegen. Waschen kann richtig Spaß machen.
Solange unsere Pakete auf sich warten ließen, waren wir äußerst knapp mit Kleidung ausgestattet. Nicht immer konnte ich mit dem Waschen warten, bis die Sonne schien. Das nasse Unternehmen wurde zur unvergesslichen Qual, wenn der Himmel bleiern über dem Tal lastete, und der Wind eiskalt von den Gletscherfeldern herab fauchte, um die Ecken pfiff und alles was sich ihm in den Weg stellte, ungestüm anfiel. Besser du ziehst deinen Anorak aus, dann hast du wenigstens hinterher etwas Trockenes zum Überziehen. Ansonsten wird er, ganz egal, wie sehr du auch aufpasst, um den Bauch herum und an den Ärmelbündchen nass.
An solch einem ekeligen Tag, an dem man sozusagen keinen Hund vor die Tür jagt, stand ich mit hochgekrempelten Ärmeln am Trog und wusch meine Wäsche. Widerwillig tauchte ich meine Hände in die eiskalte Seifenlauge und fischte nach dem gelben Oberhemd, das noch vor wenigen Monaten in der Gesellschaft einer dunkelgrünen Hose und Lederkrawatte in einem modernen Büro seine Tage gelangweilt, aber angenehm, zubrachte. Jetzt war es voller Rußflecken, und am rechten Ärmel hatte sich ein großer Klecks Teer für immer festgebissen. Nun wand das Hemd sich widerwillig unter meinen kältestarren Fingern, wollte den kratzigen Borsten der Bürste entkommen. Ich ließ es erst in Frieden, als die schwarzen Flecken eine hellgraue Farbe angenommen hatten. Meine blauroten Hände taten so weh, dass mir die Tränen in die Augen traten. Ich steckte sie eine Weile in die Achselhöhlen, bis wieder Leben in ihnen pulsierte. Dabei trat ich von einem Fuß auf den anderen, denn der schneidende Wind schien mir bis auf die Knochen zu blasen.
Dann angelte ich in der schmierigen Brühe nach einem verschwitzten Unterhemd und bearbeitete die gelben Ränder unter den Achseln. Nie wieder würde es im „weißesten Weiß“ erstrahlen. Die graukarierte Hose und das rote Sweatshirt – für die Hochzeitsreise vor vier Jahren angeschafft, hatten sich beide gut gehalten bei ihrem Trip durch das Tessin, den Wanderungen im Schönbuch, den Spaziergängen im Rosensteinpark und sogar Brasilien konnte ihnen nur wenig von ihrem etwas verblichenen Schick nehmen. Ein paar Tage Patagonien hatten genügt, sie an den Rand des Ruins zu bringen. Besonders die Hose nahm den engen Kontakt mit den angekohlten Baumstämmen übel. Helle Socken – verfärbt; dunkle Socken - mit Loch in der Ferse; weißer Büstenhalter -mit blaugrauen Schlieren in der rechten Schale, könnte als Batik durchgehen, stammt aber von den dunklen Socken, die eine Nacht lang in seiner mit Spitzen besetzten Höhlung geruht hatten. Zwischendurch musste ich immer wieder meine Hände in die Achselhöhlen stecken; sie brannten wie Feuer. Seife ausspülen. Noch einmal spülen. Ein drittes, viertes Mal. Die Hände fielen fast ab vor Kälte. Zu guter Letzt hängte ich mit steifen Fingern alles auf. Die Hosenbeine blähten sich an der Wäscheleine im Wind, wie dicke Brühwürste, die gelben und roten Ärmel schlugen ungestüm um sich, die Unterhosen flatterten wild wie aufgescheuchtes Federvieh. Ach ja, wir alle hatten schon bessere Tage gesehen.
„So ein Hundeleben“, brummelte ich vor mich hin, während ich meine Waschutensilien verstaute. Hätte ich mich wenigstens jetzt hinter einen glühenden Ofen setzen und einen heißen Tee schlürfen können. Stattdessen blieb mir nichts anderes übrig, als mich in meinen Anorak zu verkriechen und ein paar Runden auf dem Campingplatz zu rennen, damit das Blut wieder in Fluss komme. Ich ahnte nicht im Geringsten, dass ich der ersten umwälzenden Verbesserung unserer Lebensqualität sozusagen direkt in die Arme lief. Wir hatten sie den Heinzelmännchen zu verdanken. Sie, lieber Leser, glauben, dass es Zwerge nur im Märchen gibt? Kommen Sie nach Los Abedules und Sie werden eines Besseren belehrt.
2
Beim Trotten traf ich Lina, die Besitzerin dieser drei Hektar Campingplatz, mit Walnuss-, Apfel- und Birnbäumen, einer großen Wiese und eines kleinen Tannenwäldchens. Sie trat mir mit einer Machete, einem Buschmesser, in der Hand in den Weg. Obwohl wir das Zelt wegen der besseren Aufsicht in der Nähe ihres Hauses aufgestellt hatten, waren unsere Kontakte anfangs auf ein freundliches Winken aus der Ferne beschränkt geblieben; wenn wir uns überhaupt sahen. Trafen wir uns, kamen wir über ein liebenswürdiges „Wie geht es?“ nicht hinaus. Wir wahrten freundliche Distanz.
Ich hielt im Laufen inne und hechelte das obligatorische „Wie geht es?“
„Geli, das müssen Sie sich ansehen“, sagte sie aufgeregt und strich sich das zerzauste Haar aus der hohen Stirn.
Sie bezeichnete mir, ihr zu folgen. Wir betraten einen wenige Meter schmalen, langen Streifen, auf dem ganz dicht Fichten standen. Dieser Streifen trennte die große Wiese, auf der unser Zelt stand, von der Spielwiese und dem Wäschetrockenplatz, wo auch das Klohäuschen mit den Duschen war und stieß am oberen Ende auf Linas Tannenwäldchen.
Lina war damit beschäftigt gewesen, die dürren Äste unten an den Bäumen wegzuschlagen, um die Brandgefahr im Sommer so klein wie möglich zu halten. Dabei war sie auf etwas sehr Merkwürdiges gestoßen und wollte es mir zeigen. Sie schob die Zweige beiseite, und wir betraten den Tann. Die dünnen Stämme standen sehr dicht. Lina zeigte mir eine Stelle, an der, etwa einen halben Meter hoch, trockene Nadeln zu einem Lager aufgehäuft waren. Das Ganze war etwa einen Meter lang und halb so breit. Um das Lager zusammenzuhalten, waren Zweige, kaum welk, sorgfältig zwischen die eng stehenden Stämme geflochten.
„Ein Nest!“ rief ich aus. „Und was für ein schönes und so riesig.“
Lina schaute mich einen Augenblick schweigend an, dann sagte sie: „Das dachte ich zuerst auch.“
Sie zog einen der fingerdicken Zweige heraus und hielt ihn mir entgegen. Er war nicht abgebrochen oder angenagt, sondern sauber schräg abgeschnitten, wie mit einem sehr scharfen Messer.
„Vielleicht treibt sich hier einer nachts herum“, sagte Lina besorgt.
Tatsächlich, die Art wie das Geflecht ineinander und mit den Baumstämmen verschlungen war, konnte kaum von einem Tier stammen.
„Aber Lina“, wand ich ein. „Für einen erwachsenen Menschen ist das viel zu klein. Höchstens ein Kind könnte sich da hineinlegen.“
Wir standen lange da und betrachteten das Nest. Merkwürdig. Wir hätten es auf jeden Fall gemerkt, wenn hier jemand aus und ein gegangen wäre. Es musste demnach ein Tier gewesen sein. Aber was für eines?
Lina ging zu Cacho, ihrem Nachbarn, einem alten, verhutzelten Mestizen. Er kam am Abend, um sich das Nest anzusehen. Zuerst schaute er finster drein, wiegte bedächtig den Kopf und nagte an einem Fichtenzweiglein. Dann hellte sich sein Blick schlagartig auf, er nickte ein paarmal vor sich hin, drehte sich auf dem Absatz um und ging davon. Lina folgte ihm. Ich ging nach Hause in mein Zelt. Kurze Zeit später erhielt ich den ersten der zwei einzigen Besuche Linas. Sie war ganz aus den Fugen geraten.
„Cacho sagt, ich solle es niemanden sagen, aber mich verreißt es gleich, wenn ich es für mich behalte“, sagte sie ganz atemlos. „Zwerge, sagt der Alte. Es seien Zwerge.“
Ich starrte sie entgeistert an.
„Zwerge?“ fragte ich ungläubig.
„Zwerge!“ bestätigte sie.
„Das gibt es doch gar nicht. Das ist doch Quatsch!“ erwiderte ich und musste lachen.
Sie lachte lauthals mit. Wir gingen noch einmal zu der besagten Stelle und betrachteten uns die Sache ganz genau.
„Merkwürdig. Sehr merkwürdig“, darüber waren wir uns einig.
„Und unheimlich auch“, sagte ich abends zu meinem Willi. „Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich noch ein einziges Mal allein nachts aus dem Zelt gehe.“
„Weibergewäsch“, sagte mein Willi zuerst und war, nachdem er die geheimnisumwitterte Stelle kurz vor Einbruch der Dämmerung besichtigt hatte, auch nachdenklich geworden über den Ursprung des stabilen Geflechts.
Pepe war dafür, das Zeug einfach wegzuräumen, Lina schnappte empört nach Luft.
„Irgendwer hat das gemacht, wir können ihm nicht einfach sein Lager zerstören, du fürchterlicher Mensch, du“, schrie sie empört.
Lina rief nach dem unbestritten größten Stern am Himmel der Wünschelrutengänger und Pendelschwinger der Gegend, ein Dr. phil., vor langer Zeit von Ostkanada eingewandert, um seine Tage dem Gemüse- und Obstanbau zu widmen. Dr. phil. kam im rostigen Chevrolet, entstieg elastisch seinem klapprigen Gefährt und brach federnden Schrittes mit seiner Rute in das Tannendickicht. Lina und ich blieben mit angehaltenem Atem abwartend auf der Wiese stehen. Wir wollten den Magier keinesfalls mit neugierigen Blicken oder Fragen in seinem Fühlen behindern. Kurz darauf kam er wieder.
„Nun Lina, meine Kunst streikt. Ich finde weder Tier- noch Menschenspuren. Vielleicht hat der Cacho ja doch recht. Wer weiß?“
Er lehnte den angebotenen Geldschein ab und fuhr in seinem rostigen Chevrolet wieder fort.
„Auf keinen Fall gehe ich allein im Dunkeln“, sagte ich abends zu meinem Willi, als ich noch spät ein menschliches Bedürfnis spürte. „Du musst mit.“
„Geli, du glaubst diesen Humbug doch nicht?“
„Natürlich nicht“, antwortete ich. „Komm gehen wir.“
Seufzend machte sich mein Willi mit mir auf den Weg.
Am nächsten Morgen kam Lina mit dem Schubkarren vorbei.
„Kinder waren es nicht, das hätten wir bemerkt, Tiere können das nicht gemacht haben, Zwerge gibt es nicht. Ich räume das Zeug weg.“
Im Laufe der Zeit habe ich hier im Tal manch merkwürdige Geschichte gehört. Wenn ich auch den Erzählungen über den Zeitfelsen, die Energielöcher, die verschwundenen Häuser und Eintrittspforten in die Unterwelt, keinen Glauben schenken konnte, so sah ich doch jedes mal das merkwürdige „Zwergenlager“ im Geist vor mir und konnte verstehen, wie solche Geschichten entstehen und ganz tief in uns an unsere Wurzeln rühren, etwas in uns zum Schwingen bringen.
Es ist soviel Einsamkeit und unberührte Natur in dieser großartigen Landschaft, so viel Rätselhaftes hat noch Raum in diesen unzugänglichen Bergtälern und an den Steilhängen der Kordillere, wo das Pudu, ein winzig kleiner Hirsch, kaum größer als ein Pudel, sich im Unterholz versteckt, wo der Kondor die Lüfte beherrscht und der Puma der Herr der Wälder ist.
3
Nachdem Lina das Lager weggeräumt hatte, machte sie ihren zweiten und letzten unaufgeforderten Besuch bei mir.
„Hier ist der Schlüssel zum Aufenthaltsraum“, sagte sie. „Komm mit.“
Wir waren beim vertraulicheren „Du“ angelangt. Der Aufenthaltsraum oder Saloon, wie ihn Pepe nannte, nahm den Hauptteil eines Blockhauses ein, das den Mittelpunkt des Campingplatzes bildete.
„Ganz fertig ist der Raum noch nicht“, sagte Lina und zeigte auf den Zementfußboden. „Dieser fürchterliche Mensch vergeudet nämlich seine Zeit lieber mit dem Viehzeug, dem Garten und mit dem Rasenmäher. Kannst Du das glauben? Stundenlang mäht er Rasen, anstatt einen Burschen einzustellen und selber wichtigere Arbeiten zu machen.“
Die halbe Südseite des Aufenthaltsraumes nahm ein mächtiger, offener Kamin ein, aus unbehauenen Steinen gemauert. Holzbänke und neun Tische standen im Raum. An der Wand hing eine Gitarre. Der Raum hatte nach drei Seiten Fenster, die vierte Seite bildete die Wand zu einer Küche, die sich schmal wie ein Handtuch über die ganze Seite des Hauses zog. Es stand noch nichts darin. In der hinteren Ecke führte eine steile Leiter nach oben. Lina kletterte vor mir hinauf. Auf dem Dachboden mussten wir gebückt stehen. Durch eine offene Luke in der Giebelseite fiel spärlich das Licht. Der ganze Dachboden lag handbreit hoch bedeckt mit Nüssen.
„Die sind zum Verkaufen“, sagte Lina seufzend. „Dieser fürchterliche Mensch kümmert sich einen Dreck darum. Er muss ja Rasen mähen.“
Vorsichtig stiegen wir wieder hinab.
„Hier könnt ihr kochen und euch aufhalten. Ich habe bloß eine ganz große Bitte: Nehmt kein Holz aus dem Wald. Wir haben eine Menge Feuerholz. Du kannst billig haben, was du brauchst, aber lass mir die Bäume in Ruhe“, sagte Lina.
Außen neben der Tür hatte sie in einer Nische einen Nagel eingeschlagen, dort hängte sie den Schlüssel hin. Schluss mit den Lagerfeuern, wo deine Klamotten und Haare ewig nach Rauch stinken; Schluss mit dem„Heute gibt es keine Suppe, weil es regnet“; Schluss mit den Mahlzeiten auf der Bank in der Dusche, weil es draußen regnet, und wir das Zeltinnere nicht verkrümeln wollen. Unsere Lage hatte sich, dank der Heinzelmännchen, enorm verbessert.
4
Ich lernte Lina immer näher kennen. Manchmal winkte ich sie her, wenn ich sie sah; dann plauderten wir eine Weile. Nie kam sie ohne Einladung an unser Zelt. Andere Male gesellte ich mich zu ihr, wenn sie im Tannenwald arbeitete. Ich liebte dieses Fleckchen besonders. Die feuchte, würzige Luft, das dämmerige Licht, Vogelgezwitscher, das Knacken der Zweige und Linas helles Lachen.
Nach und nach erfuhr ich etwas über ihr Leben. Vor über einem halben Jahrhundert wurde sie hier geboren. Das Haus ihrer Kindheit wurde nach einem langen Leben in Buenos Aires das Haus ihrer alten Tage. Bei Lina von „alten Tagen“ zu sprechen ist geradezu lächerlich. Ich schätzte sie auf höchstens Anfang fünfzig, aber eine ihrer Töchter verriet mir unter dem Siegel absoluter Verschwiegenheit, dass Lina die sechzig schon etwas hinter sich gelassen hatte. Sie war klein und zierlich, mit lustigen Augen und lebhaftem Mienenspiel. Nie sah ich sie anders gekleidet, als in knallengen Hosen und langen karierten Blusen oder langen, viel zu weiten Pullovern, und selbst im Sommer trug sie hohe Lederstiefel, wie die Gauchos sie zu tragen pflegen. Lina lachte viel und laut, aber sie schimpfte auch viel und laut und konnte wegen Kleinigkeiten völlig außer sich geraten.
Sie bewohnte das alte, ziemlich heruntergekommene Haus mit ihrem Mann Pepe, der riesigen Collie-Hündin „Kleine“ und dem hochbeinigen, jungen Springinsfeld „Schatten“, der von vielen Rassen gezeichnet war, und trotz seiner Schlappohren eine enge Verwandtschaft mit einem Schäferhund nicht leugnen konnte. Ein altes Holztürchen, das in den Angeln knarrte, wenn man es aufstieß, trennte den Hausgarten vom Campingplatz. Wir lebten schon drei Monate hier, als ich es zum einzigen Mal durchschritt. Für Lina und mich blieben unsere Privatbereiche bis auf wenige Ausnahmen tabu. Sicher trug das zu einem großen Teil zu unserem guten Einvernehmen bei.
Das Haus war unten aus Backsteinen gebaut, oben aus Holz, mit einem winzigen, morschen Balkon, den nur ein Lebensmüder betreten hätte. Es hatte an der Vorderseite eine überdachte Veranda, die all das beherbergte, was bei anderen Leuten auf dem Dachboden und im Keller abgestellt wird. Das Haus stand in einem Garten, der von einem Wall aus weißen und rosa Kletterrosen und uralten, duftenden Jelängerjelieber vor Blicken geschützt war. An der Sonnenseite des Hauses war ein kleiner Gemüsegarten, von einem brusthohen Bretterzaun umgeben, in dem das Unkraut lustig sprießte. In diesem Wirrwarr von Breitwegerich, Gänsefingerkraut, kriechendem Hahnenfuß und Löwenzahn, standen aufrecht wie Zinnsoldaten ein paar dünne Lauchstengelchen. Einige Reihen Erbsen klammerten sich an Reisig, das in den Boden gesteckt worden war. Hier ließen sich Möhren erahnen; dort fristeten zehn verlauste Kohlköpflein im Kinderstadium ihr armseliges Leben; und Erdbeerpflanzen, jede Menge Erdbeerpflanzen voller weißer Blüten kämpften um einen Platz an der Sonne. Ein schäbiges Gärtchen, das Lina ein unerschöpflicher Quell des Ärgers war.
„Dieser fürchterliche Mensch kommt aus der Stadt und denkt er sei Bauer, nur weil er auf zwanzig Quadratmeter sein Unkraut pflegt und mir das Leben schwer macht mit seinem Viehzeug.“
Dieser „fürchterliche Mensch“ war ihr Lebenspartner Pepe, mit wallendem weißem Haar, lederner, brauner Haut, mager, mit tiefen Furchen im Gesicht. „Wie ein Waldschrat“, sagte ich zu meinem Willi, als wir Pepe das erste Mal gesehen hatten. „Das Viehzeug“ waren eine kleine Sippe namenloser Legehennen, die Schafe „Hinz und Kunz“, die Angoraziege „Heckmeck“ mit ihrem Zicklein und das Katzenkind „Krüglein“.
Die Legehennen hatten einen kleinen Verschlag aus Holzkisten, der in einem mit Hühnerdraht abgeteilten Geviert stand, wo sie im Schatten eines Pflaumenbaumes den lieben langen Tag die Würmer aus dem Boden pickten. Ich sah eigentlich keinen Grund, warum Lina ihretwegen ein schweres Leben haben sollte. Pepe führte jeden Morgen Hinz und Kunz aus ihrem Unterstand, der aus einem schrägen Dach bestand und einer einzigen Seitenwand, der Wetterseite zu. Eigentlich bot er nur symbolisch Schutz vor Unwetter. Sie wurden täglich an einen anderen Obstbaum angebunden und fraßen sich auf diese Weise im Laufe der Wochen durch den ganzen Obstgarten des Campingplatzes. Heckmeck und das Zicklein waren jeweils an einem Laufdraht festgemacht, weit genug von den Baumstämmen entfernt, dass sie sich nicht über die Rinde hermachen konnten. Linas kleine Welt, für die sie sich abrackerte, um die sie kämpfte und sich sorgte, sich furchtbar aufregte und haarsträubend über sie herziehen konnte.
5
Wenn man schon knapp bei Kasse ist, muss man wenigstens zusehen, dass man so günstig wie möglich einkaufen kann.
„Ich bin ja nicht blöd und zahle jeden Preis“, sagte ich, machte lange Material- und Einkaufslisten für unseren Bau und klapperte die verschiedenen Läden ab, um die Preise zu vergleichen.
Das spielt sich dann folgendermaßen ab: Du betrittst das Geschäft. Meistens musst du warten. Lange. Sehr lange. Endlich bist du an der Reihe. Du ziehst deinen Zettel aus der Tasche und fragst dich durch deine Liste hindurch. Der Verkäufer schlägt einen Ordner auf, blättert solange darin herum, bis er genau die Schraubenart findet oder den Flansch oder das Plastikrohr, das du haben willst. Er nimmt seinen Rechner zur Hand, multipliziert mit gerunzelter Stirn und zählt angestrengt zusammen, vertippt sich, fängt von vorne an, aber schließlich schaut er dich triumphierend an und lässt den Preis über die Zunge rollen. Er leiht dir seinen Bleistift, du notierst die fünf- bis sechsstellige Zahl auf deiner Liste. Je nach der Länge deiner Liste, dauert das Einholen der Preise lang oder endlos lang. Nebenbei versuchst du im Kopf 143967 durch 4211 zu teilen, um wenigstens in etwa zu wissen, wie viele Dollar du den Geldwechslern dafür hinschieben musst.
Du gehst zum nächsten Laden. Vorsorglich hast du so viele Zettel geschrieben, wie es Läden gibt, denn du willst ja nicht, dass der Verkäufer weiß, was die Konkurrenz für einen Quadratmeter Kacheln haben will. Du legst deinen Zettel auf den Ladentisch, bekommst einen Bleistift und der Verkäufer blättert und multipliziert und addiert, diktiert Zahlen und du notierst. Daheim wertest du das Ergebnis eines ganzen Vormittages aus und beeilst dich, um am anderen Morgen oder schon am gleichen Nachmittag beim günstigsten Händler einzukaufen. Jedes mal entdeckst du, dass die Preise auf deiner Liste nie übereinstimmen, mit dem was du tatsächlich bezahlen musst. Immer musst du drauflegen.
Eine ganze Weile glaubte ich, dass ich mich geirrt hätte, dann meinte ich, dass mich die Verkäufer hereinlegen wollten, bis bei mir der Groschen fiel, und ich begriff, dass man dies Inflation nennt. Die Preise kletterten von einem Tag auf den anderen, oft sogar vom Morgen bis zum Nachmittag des gleichen Tages. Nie wussten wir, ob wir am Ende günstig oder teuer eingekauft hatten, auf jeden Fall für unseren Geldbeutel immer zu kostspielig. Der Markt war für uns völlig undurchsichtig.
Mein Willi kaufte das meiste Material zunächst bei Achmed, dessen Eltern ihn vor dem Krieg im Tragkissen aus dem Orient mitgebracht hatten. Der Handel steckte ihm im Blut. Er machte sich schon in jungen Jahren mit seinem ersten selber verdienten Geld auf die Socken, um Geschäfte zu machen. Keine Wirtschaftskrise konnte ihm etwas anhaben, immer wusste er das Blatt zu seinen Gunsten auszuspielen. Böse Zungen behaupten, dass der Erfolg seines Geschäftes vor allem darin bestehe, dass er Hehlerware verkaufe und Steuern hinterziehe. Jedenfalls ist er ein hervorragender Menschenkenner, wie alle guten Verkäufer.
Wenn mein Willi mit seiner Materialliste den Laden betrat, kam Achmed sofort aus seinem kleinen Verschlag gestürzt, den er sich als Kontor eingerichtet hatte. Leutselig reichte er meinem Willi die Rechte und schlug ihm mit der Linken freundschaftlich auf die Schulter. Das tat meinem Willi wohl und er kam in gute Stimmung. Achmed erwies ihm die Ehre, ihn in seinem Kontor zu beraten, nicht wie den Pöbel, der von untergeordnetem Hilfspersonal am Ladentisch bedient wurde. Achmed schob meinem Willi seinen besten Stuhl unter den Hintern und setzte sich dann erwartungsvoll hinter seinen Schreibtisch. Mein Willi trug ihm seine Wünsche vor. Achmed tippte auf der Rechenmaschine herum. Am Ende kam der Endpreis heraus. Meinem Willi quollen fast die Augen aus dem Kopf und Achmed lenkte sofort ein.
„Bei Barzahlung gibt es natürlich einen Rabatt und für so hervorragende Kunden, wie Sie, gibt es einen Extra-Abzug“, sagte er, strich den Betrag mit einem fetten Rotstift durch und setzte daneben einen deutlich gekürzten Preis.
Nun begann ein erbittertes Feilschen, bei dem mein Willi in nichts dem Orientalen nachstand. Kam das Geschäft endlich zustande, rieb mein Willi sich die Hände. Achmed auch, bloß sahen wir das nicht. Mein Willi sagte:
„Ein harter Brocken, der Achmed, aber am Ende habe ich ihn doch weich geklopft. Im Grunde ein feiner Kerl.“
Stolz zeigte er mir auf der Rechnung den ursprünglichen Preis und den herunter gehandelten. Wahrhaftig, welch ein Preisnachlass! Meistens dauerte es nicht lange, bis mein Willi feststellte, dass er von Achmed übers Ohr gehauen worden war. Trotz allem Preisnachlass, hatte er mehr gezahlt, als in jedem anderen Geschäft. Mein Willi knirschte mit den Zähnen. Trotzdem ging er wieder zu Achmed.
„Ich habe den Kerl durchschaut“, sagte mein Willi. „Keine Sorge, heute werde ich ihm zeigen wo der Bartel den Most holt.“
Nach Händeschütteln und Schulterklopfen zogen sich die beiden in das Kontor zurück. Unbarmherzig wurde verhandelt. Achmed raufte sich die Haare, aber mein Willi setzte gnadenlos den Rotstift an, strich eigenhändig Achmeds allerletztes Angebot durch und gab sich selber darauf noch einmal zehn Prozent Nachlass. Achmed schäumte, steckte das Geld ein und mein Willi rieb sich die Hände. - Achmed auch. Aber das sahen wir nicht.
Mein Willi tobte, als er später merkte, dass er immer noch viel zu teuer eingekauft hatte.
Das nächste Mal riss er Achmed den Rotstift aus der Hand und räumte sich selber auf Achmeds allerallerletzten Preis noch einmal 20 Prozent Rabatt ein. Achmed war einem Schlaganfall nahe. Mein Willi zahlte kaltblütig nicht einen Austral mehr und verließ händereibend den Laden.
„Mensch, Gelimädchen, dem Achmed stand die Panik im Gesicht. Aber ich bin halt ein Großkunde. Das weiß dieser Halunke auch.“
Ein sehr guter Kunde, sagte Achmed im Stillen und rieb sich die Hände. Aber das sahen wir nicht.
Irgendwann hatte mein Willi begriffen, dass er dem Orientalen nicht gewachsen war. Er wechselte das Geschäft.
„Weißt du, Geli, was mir am meisten weh tut, nicht ärgert, sondern richtig weh tut?“ sagte mein Willi. „Dass er mich immer so freundlich behandelt hat, ja direkt liebevoll und ich das alles geglaubt habe. Ich dachte immer, er könne mich gut leiden, dabei wollte er nur mein Geld.“
Tja, Willi, das haben die hervorragenden Geschäftemacher auf der ganzen Welt gemeinsam, dass sie dich für sich einnehmen, um dich dann ausnehmen zu können.
Der Dollar fiel, die Preise stiegen immer schneller. Jedermann sagte, der Dollar müsste bei 8000-10000 Australes stehen, als er bei 3500 stand.
Wir haben ein „Ehebuch“, in dem wir wichtige Ereignisse und Entscheidungen protokollierten. Dort können wir den Rest unseres Lebens nachlesen, was wir, vor unserer Auswanderung, für den Start in eine neue Existenz veranschlagt hatten. Schon in den ersten Wochen hatten wir allein für die unverputzten Wände schon mehr ausgegeben, als für das fertige Haus, einschließlich aller Möbel und eines großzügigen Hausrates geplant gewesen war.
Dann hieß es: Der Austral wird abgewertet. Jetzt stiegen die Preise stündlich. In allen Geschäften liefen die Radios, um die Preise jederzeit den neuen Gegebenheiten anzupassen. Fleisch kostete über Nacht 30 Prozent mehr, Zement und Sand kosteten abends das Doppelte wie nachmittags. Mein Willi und ich rannten los und gaben bis auf den letzten Austral alles Geld aus. Wir kauften in fieberhafter Eile, jede Stunde zählte, einen halben Lastwagen voll mit Material und waren erst zufrieden, als das letzte Geld ausgegeben war.
Die meisten Argentinier hatten ihr Geld in Dollar angelegt, selbst der kleinste Sparstrumpf- Sparer sammelte seinen Notgroschen in grünen Scheinen. Abwertung war das Zauberwort für alle. Jeder hoffte, nun viel mehr Australes für seine Dollar zu bekommen, bei eingefrorenen Verbraucherpreisen. Tatsächlich traten für ein paar Tage paradiesische Zeiten für die Dollarbesitzer ein. Wir bekamen fast dreimal soviel Australes als vorher, die Preise waren aber noch nicht im selben Maße mit geklettert. So kam es, dass wir für einige Tage fast reich waren.