no problem - kannste eh nix machen
Achtes Kapitel
1
Morgens regnete es immer noch. Die Wolken hingen bis weit herab in das Tal. Es wäre besser gewesen, die Decke über den Kopf zu ziehen und den Tag zu verschlafen, denn er ging in unsere Lebensgeschichte als „Schwarzer Montag“ ein.
Richard holte uns nach dem Frühstück ab, und wir fuhren zu unserem Grundstück. Ich freute mich darauf und war gespannt, wie es auf mich wirken würde, jetzt wo es Schauplatz unseres Lebens werden sollte. Richard stellte den Wagen auf der Straße ab, und wir stapften unter den tropfenden Weiden den versumpften Pfad entlang zu unserem Haus. Unvermittelt blieb ich stehen.
„Donnerwetter, was ist denn das?“ rief ich aus und deutete auf die hässliche, über zwei Meter hohe, 25 Meter lange, unverputzte Mauer aus Hohlblocksteinen, die dort stand, wo vorher grünes Weidengebüsch war. Sie stieß an die Wand einer 13 Meter langen Garage, welche die ganze Stirnseite unseres Landes einnahm.
„Beides steht seit letztem Herbst“, sagte Richard. „Da könnt ihr gar nichts machen.“
„Wie kann man einem nur so brutal die Aussicht verschandeln?“, stieß ich aufgebracht hervor und stürmte nach hinten in den Garten, um das Bollwerk, das der Nachbar zwischen uns aufgerichtet hatte, in Augenschein zu nehmen.
Auf halbem Weg blieb ich wie angewurzelt stehen. Wo Paul sein Gemüse angebaut hatte, starrte mir eine Grube entgegen, etwa einen Spatenstich tief und fünfzehn auf fünf Meter im Geviert. Der ganze Humus war verschwunden. Wasser hatte sich angesammelt.
Richard blickte mich bekümmert an. „Das war ganz früh im vergangenen Frühjahr. Ich fragte die Nachbarin, ob sie jemanden gesehen hätte. Schließlich verschwinden 15 Kubikmeter Erde nicht über Nacht. Sie wollte nichts gesehen haben. Das war lange vor dem Mauerbau und zufällig gerade als sie ihre Erdbeerbeete anlegte.“ Aha, Erdbeerbeete!
Mit unserer Erde!
Die Mauer stand haarscharf auf der Grundstücksgrenze, die Garage ebenfalls, folglich befanden sich die Betonfundamente auf unserem Grund und Boden. Der Bach war umgelenkt worden, anstatt zwischen malerischem Wurzelwerk floss er jetzt durch ein Loch im Fuß der Mauer auf das Nachbargrundstück. Bauschutt und Blechstücke, halb verrottete Zementsäcke und Drähte lagen in der Ecke zwischen der Mauer und der einzigen Weide, die stehen geblieben war. Große, tiefe Löcher waren die Überbleibsel der anderen Bäume, die der Nachbar herausgerissen hatte, um seine Garage zu bauen.
„Zuerst die Erde klauen und dann Mauern auf meinem Grund und Boden bauen. Dem Nachbarn werde ich was husten!“ knurrte mein Willi.
Bei unserem Rundgang wies Richard uns verlegen darauf hin, dass die drei großen Baumstämme verschwunden seien, die Paul aufgestellt hatte, um darauf einen Wassertank zu installieren, sowie die steinerne Spüle, die hinter dem Haus gestanden hatte. Ich winkte ab. Darauf kam es mir nach allem auch nicht mehr an. Mein Willi brummte vor sich hin.
Der nächste Nackenschlag traf uns, als wir das Haus betraten. In der Hinterwand riss ein etwa ein Meter großes Loch seinen Rachen auf. Wir waren sprachlos. Richard versicherte uns, dass er immer wieder hergekommen sei, um zu schauen, ob alles in Ordnung war.
„Als ich in den letzten Wochen herkam, ging ich allerdings nicht um das Haus herum, denn es ist alles pitschnass. Es hat den ganzen Winter hindurch viel geregnet und überall stehen tiefe Pfützen. Ihr müsst auf jeden Fall ein paar Entwässerungsgräben anlegen.“
Aha, Entwässerungsgräben!
„Aber wer hat das getan und warum?“ stammelte ich. „Hier gibt es doch nichts zu holen.“
Mein Willi rüttelte an der Tür zum Badezimmer.
„Die hatten wir damals abgeschlossen“, sagte Richard und zog den Schlüssel aus der Hosentasche. Er schloss auf. Wir standen wie vom Donner gerührt und starrten alle drei in das kleine Geviert, wo letztes Jahr ein Waschbecken und eine Kloschüssel gewesen waren. Nur die Leitungsrohre lugten noch aus der Wand.
„Jetzt verstehe ich gar nichts mehr.“ Mein Willi schnappte nach Luft. „Die Tür war doch abgeschlossen. Wie haben die denn das Zeug durch die verschlossene Tür hinaus geschafft?“
Diese Frage sollte auf immer unbeantwortet bleiben. Richard war über allen Verdacht erhaben. Er war mindestens so betroffen wie wir. Mir saß ein dicker Kloß im Hals.
„Das halbe Dach weg, den Humus abgegraben, Mauern hingestellt, die Wand eingeschlagen, alles Bewegliche mitgenommen, Entwässerungsgräben graben...“, sagte mein Willi plötzlich ganz kleinlaut und rieb sich die Nasenwurzel.
„Auf was haben wir uns da bloß eingelassen?“, sagte ich und wäre am liebsten gleich wieder abgereist.
Richard nahm uns zu sich nach Hause, wo uns Erna einen heißen Kaffee einschenkte, ihr Allheilmittel. In der kommenden Zeit sollte sie uns mit mancher Tasse kurieren müssen. Wir saßen um den Küchentisch, während Erna in einem Topf mit Gulasch rührte. Mein Willi starrte geistesabwesend aus dem Fenster, vor dem ein großer Kirschbaum stand und bearbeitete ausgiebig seine Nasenwurzel. Richard schaute von einem zum anderen und sagte nach einer Weile:
„Nun nehmt das bloß nicht so tragisch. Bei Sonnenschein sieht das alles gleich ganz anders aus.“
„Die Erde geklaut, das muss man sich einmal vorstellen“, sagte ich bedrückt. „Und dann diese fürchterliche Mauer.“
„Geli, das mit der Mauer ist nicht gar so schlimm. Die kann man bewachsen lassen. Außerdem hält sie die eisigen Südwinde von deinem Garten ab“, sagte Richard.
„Das Grundstück ist ein einziger Sumpf. Das war doch nicht, als wir es gekauft haben. Dort kann man nicht wohnen, du sagtest ja selber, dass du nicht um das Haus gehen wolltest, wegen den tiefen Pfützen“, sagte ich bedrückt.
„Als ihr damals hier gewesen seid, da war es Sommer und hatte lange nicht geregnet. Der mittlere Teil des Tales ist immer schon ziemlich sumpfig gewesen. Im Winter, wenn es viel regnet, wird es recht feucht. Ihr müsst ein paar Entwässerungsgräben machen. Dort sammelt sich das Wasser und wird dann in den Bach geleitet. Ich werde euch das genau erklären.“
Richard holte ein Blatt Papier und zeichnete unser Grundstück und die Linien, wo wir unsere Gräben graben mussten.
„Mit der überschüssigen Erde, die dabei anfällt, könnt ihr dann gleich euer Gemüsegärtchen wieder auffüllen.“
„Schluss mit den Problemen. Jetzt essen wir zusammen“, sagte Erna. „Ihr werdet sehen, mit einem Ungarischen Gulasch im Bauch lassen sich die Schwierigkeiten leichter lösen.“
Mein Willi hörte auf, sich an der Nasenwurzel zu reiben und beschäftigte seine Hände mit Messer und Gabel. In seine Augen trat wieder Leben, als er in den Nudelberg stach, auf dem sich die Fleischbrocken und Paprikastückchen türmten. Auch mir schien, beim Anblick des gefüllten Tellers, dass sich alles finden würde.
„Zunächst werden wir uns um eine Unterkunft kümmern, dann in Ruhe überlegen, wie es weitergehen soll. Wir müssen alles abwägen, bevor wir eine Entscheidung treffen und uns festlegen“, sagte mein Willi.
„Eben, vielleicht bleiben wir gar nicht hier“, sagte ich, „sondern machen eine Weltreise und …“
„Nun mal langsam, Geli, lass uns erst einmal richtig ankommen, bevor wir weiterreisen“, unterbrach mich mein Willi.
„Ich meine ja nur, dass wir nicht unbedingt hier bleiben müssen, wenn es uns nicht gefällt. Wir sind schließlich vogelfrei“, fuhr ich fort.
2
Richard, der Gute, begleitete uns am Nachmittag zu den verschiedenen Maklern und fragte auch sonst herum, wegen einem Obdach für uns. Wir sahen uns einige Behausungen an, eine übler als die andere, eine teurer als die andere. Das allerbilligste, schäbigste Loch sollte monatlich 300 Dollar Miete kosten und hätte mindestens 1000 Dollar gekostet, um es überhaupt einigermaßen bewohnbar zu machen.
„Diese Halsabschneider! Dabei bekommst du schon für 3000 Dollar ein schönes Grundstück“, sagte ich aufgebracht zu meinem Willi, als wir nach einer dieser abschreckenden Besichtigungen wieder in den Regentag hinaus traten. „Unmöglich können wir soviel Geld hinblättern, von dem wir nie wieder etwas sehen.“
Mein Willi ließ seinen Blick ratlos in der Gegend schweifen. „Irgendwo müssen wir ja hin“, sagte er ganz kleinlaut. „In der Pension können wir nicht lange bleiben, das läuft ganz schön ins Geld.“
„Donnerwetter, lieber stellen wir das Zelt in unserem Garten auf. Das kostet wenigstens nichts, und es ist tausendmal sauberer, als diese erbärmlichen Rattenlöcher voller Kakerlaken“, ereiferte ich mich.
Mein Willi war entsetzt. „Bei der Kälte zelten? Das ist ja wohl das Letzte. Und wo, bitte schön, sollen wir all das Zeug hintun, das die nächsten Tage kommt?“
Richard warf ein: „Wenn euere Sachen aus Deutschland eintreffen, dürft ihr sie gerne bei mir unterstellen. Wenn ihr wirklich zelten wollt, solltet ihr allerdings besser auf einem Campingplatz wohnen; da habt ihr wenigstens eine heiße Dusche und Toiletten.“
„Ich glaube, du hast recht, Richard“, sagte ich und fügte bissig hinzu: „Einen Aufpasser hätten wir in diesem Fall auch. Sonst wird nämlich, wenn wir nicht daheim sind, ein armer Mensch kommen, der schon immer ein Zelt gebraucht hätte und sich freuen, unseres verlassen zu finden.“
Mitten in unser Gespräch hinein stieß ein hochgewachsener, alter Mann, der schnurstracks über die Straße auf uns zu kam.
„Na, Richard. Besuch aus Deutschland?“
„Nein, Hermann, das sind Freunde, die hergezogen sind. Wir haben uns nach einer Bleibe für sie umgesehen, aber es sieht schlecht aus. Alles furchtbar teuer, seit die Preise in den Himmel klettern und der Dollar fällt und fällt.“
„Was wollt ihr machen?“ fragte uns barsch der Hüne Hermann.
Wir erzählten ihm von unserem Häuschen, und dass wir es vielleicht fertig bauen wollten.
„Müssen wir eigentlich bei dem Sauwetter hier auf der Straße herumstehen? Kommt heute Abend zu mir, dort können wir alles besprechen“, sagte der Mann. „Ich kann euch eine Menge Ratschläge geben, bin selber seit Kriegsende in diesem Land.“
Überall im Ausland gibt es diese - nennen wir sie mal -"Entwicklungshelfer", die ihren Landsleuten kräftig unter die Arme greifen wollen und dabei immer abrutschen, um in deiner Tasche mit dem Geldbeutel zu landen. So ist schon mancher Neuling bitter enttäuscht gewesen, wenn er Federn lassen musste, wo er dachte, alles sei eitel Brüderlichkeit unter Landsleuten; dabei vergisst der Naive jedoch, dass der "Entwicklungshelfer" ja auch von irgend etwas leben muss, unter anderem vom Lehrgeld, das der unerfahrene Tropf bezahlt.
„Der Hermann ist ein komischer Kauz“, sagte Richard. „Lasst euch ja nicht durch seine ungehobelte Art einschüchtern. Der Mann hat tatsächlich allerhand Erfahrung.“
Abends saßen wir in der Wohnung des Hermann Kain. Im offenen Kamin leckten die Flammen an einem Buchenscheit. Wir saßen in der Sofaecke, umgeben von Hunderten von Büchern, die meisten mit historischem oder politischem Inhalt. Als Herr Kain meinen Blick über die Buchrücken tasten sah, sagte er:
„Señora, das sind hochinteressante Sachen. Darüber müssen wir uns einmal ausführlich unterhalten.“
Mich interessierte im Augenblick die Weltgeschichte überhaupt nicht, sondern ausschließlich meine persönliche Zukunft und gottlob lenkte Herr Kain auch das Gespräch sofort auf unser Haus. Er wollte wissen, wie es aussah und welche Pläne wir hatten. Mit schneidiger Stimme kommandierte er seine Frau, die mit freundlicher Ergebenheit Holz im Kamin nachlegte, Tee aufgoss und Selbstgebackenes servierte.
„Ihr müsst das Haus auf jeden Fall fertig bauen, das ist doch gar keine Frage. Aber ordentlich. Mit Obergeschoss. Dann habt ihr was Anständiges. Wenn die Straße in die Kreisstadt einmal geteert sein wird, ist das viel Geld wert.“
Herr Kain kalkulierte eine stolze Summe für die Fertigstellung des Hauses samt Obergeschoss. Das lag weit über unseren Möglichkeiten. Ohne weiteres Nachdenken fand er, dass man das Obergeschoss auch spielend für Zweidrittel des von ihm veranschlagten Preises machen könne. Ich wunderte mich ein wenig, wie plötzlich er seine Kalkulationen unserem Geldbeutel anpasste, aber es blieb keine Atempause, um sich wirklich darüber Gedanken zu machen. Er versicherte lebhaft immer wieder:
„Das kriegen wir schon hin. Wir kriegen alles hin.“
Am Ende des Abends wussten wir, dass er in Argentinien schon unzählige Häuser gebaut hatte und sich auskannte mit allem, was mit Bauen zu tun hatte, zumindest behauptete er das.
„Ich kenne die Handwerker, ich bin im Bilde über die Praktiken der Geschäftsleute, weiß, wo ich am besten das Material bekomme. Wenn ich euch helfe, dann habt ihr euer Haus ganz sicher vor Einbruch des Winters fertig. Dafür stehe ich gerade. Das Zelten ist ja schön und gut, aber was macht ihr, wenn der Winter kommt?“
Für seine „umfassenden Bemühungen“ wollte er nur „schäbige zehn Prozent“ von den gesamten Baukosten.
„Es gibt nur eine Bedingung“, beendete er seine Ausführungen. „Bis morgen Abend will ich eure Antwort.“
Das gab mir einen unangenehmen Stich in die Magengrube, denn schon einmal, vor vielen Jahren, hatte mir in Spanien ein übler Geschäftemacher auf diese Weise die Pistole auf die Brust gesetzt. Meine überstürzte Entscheidung hatte jahrelange Sorgen nach sich gezogen. Der Fall endete vor Gericht. Ich hatte den Prozess nach nervenaufreibendem Hin und Her zwar gewonnen, jedoch ohne mein Geld jemals wiederzusehen, denn der Scharlatan hatte rechtzeitig Konkurs angemeldet. Diesmal warnte mich mein Bauch sehr nachdrücklich, aber ich missachtete das Warnzeichen.
Auf dem Weg in unsere Pension fand Richard, dass wir die Hilfe des Herrn Kain nicht bräuchten.
„Ich kann euch auch jede Menge Tipps geben, und die sind gratis.“
„Wenn Herr Kain alles in seine Hand nimmt, könnte das für uns Neulinge ein großer Segen sein, zumal wir das Haus schnell brauchen“, meinte mein Willi, und ich fügte hinzu:
„Oder ein Fluch, wenn er uns reinlegt.“
„Ich glaube nicht, dass er euch übervorteilen will“, sagte Richard. „Ich finde es allerdings eine unnötige Geldausgabe.“
In dieser Nacht wälzten sich mein Willi und ich lange schlaflos in unseren Betten. Wir besprachen haarklein das Für und Wider von Herrn Kains Vorschlag. Mir widerstrebte es einerseits, dass wir uns so schnell in den Bau stürzen sollten. Es war mir nach dem heutigen Tag nicht klar, ob ich es überhaupt wollte. Sollten wir in diesem Land, an diesem Ort, auf diesem versumpften, ummauerten Grundstück wirklich so viel Geld investieren? Es war dreimal soviel, wie wir ursprünglich geplant hatten und würde unsere ganze Barschaft auffressen. Andererseits hatten wir unsere Zelte in der Alten Welt abgebrochen und mussten so schnell wie möglich in der Neuen Welt ein Dach über den Kopf bekommen. Der Weg über Herr Kain schien zweifellos der kürzeste und vielleicht auch der billigste, ganz sicher aber der bequemste zu sein.
„Vielleicht findet sich in den kommenden Monaten etwas Geeignetes zum Mieten, bis unser Haus fertig ist. Jetzt ziehen wir halt erst einmal auf den Campingplatz. Morgen rufen wir Herrn Kain an“, sagte mein Willi abschließend und drehte sich auf die Seite. „Versuch jetzt zu schlafen, ja?“
Niemals hätten wir uns diesem Entscheidungsdruck fügen sollen, sondern uns die Zeit nehmen, um alles in Ruhe zu überdenken. Wer weiß, wie alles gekommen wäre, wenn wir das Steuer unseres Lebensschiffes nicht aus der Hand gegeben hätten! Wir waren aus den fest gefügten Strukturen unseres Lebens ausgebrochen, auf der Suche nach Selbständigkeit, und jetzt hatten wir nichts Eiligeres zu tun, als unser Schiff einem unbekannten, aber forsch auftretenden Lotsen zu überantworten. Auch wenn sich tief in uns etwas gegen diese Fremdbestimmung sträubte, so war doch der weitaus größte Teil in uns froh, dass ein anderer unser Leben regelte und uns die Entscheidungen abnahm. Wir entließen uns aus der Selbstverantwortung und legten unserer Waschlappigkeit und unseren Minderwertigkeitsgefühlen den Tarnmantel der Vernunft um, sprachen sogar von einer Fügung Gottes. Wir glaubten mehr an die Fähigkeiten eines Fremden, als an unsere eigenen. Damals waren wir uns das nicht bewusst. Wir kamen gar nicht zum Nachdenken. Aber tief in uns, das erkannten wir erst viel später, wussten wir beide in jedem Augenblick der nun folgenden Zeit, dass wir eine lange Kette fauler Kompromisse eingingen. Anstatt in echtem Gottvertrauen die Dinge an uns herankommen zu lassen, auf die innere Stimme zu lauschen, schnappten wir nach dem ersten Knochen, den man uns hinwarf und bereuten es all die kommenden Jahre.
Es reicht eben nicht, die Freiheit zu erträumen, man muss sie auch ertragen können. Die Straße die aus der Abhängigkeit in die Freiheit führt, ist länger als die 14000 Kilometer zwischen dem ergonomischen Bürosessel in Stuttgart und dem Zeltplatz in Los Abedules und kostet mehr als ein paar tausend Mark Reisekosten. Würden wir jemals an unser Ziel kommen?
Die Sonne hatte sich Bahn gebrochen zwischen den weißen Wolkenfeldern, als wir am anderen Tag mit zwei nagelneuen, blitzenden Fahrrädern, unsere allererste Anschaffung, durch den Ort radelten Wir telefonierten mit Herrn Kain und engagierten seine Hilfe. Dann zogen wir mit Sack und Pack auf einen Campingplatz.
3
Herr Kain stürzte uns förmlich ins Bauen. Kaum hatten wir nachmittags unser Zelt aufgestellt, waren wir schon mit ihm unterwegs. Wir fuhren in Sägewerke und Baumärkte – was man hier so Baumarkt nennt. Herr Kain begutachtete Materialien, handelte Preise aus, und wir legten nur noch das Geld hin. Am Abend dieses ersten Tages als Bauherren, stellten wir einen Maurer ein, der seine beiden Söhne als Gehilfen mitbrachte. Schon am anderen Morgen schlugen sie für den Älteren der Burschen in einer winzigen Hütte, die hinter dem Haus stand, ein Lager auf, eingepfercht zwischen Schubkarren, Schaufeln, Betonmischmaschine und anderem Werkzeug. Fortan hatten wir einen Nachtwächter.
Abends schlüpften wir, bis an die Nasenspitzen, in unsere Schlafsäcke.
„Ein historischer Moment. Die erste Nacht in unseren eigenen vier Wänden, wenn auch nicht auf unserem Grund und Boden. Bist du dir das bewusst?“ fragte ich schläfrig.
„Sehr bewusst, liebste Geli, diese Wände lassen ein unbewusstes Davongleiten in Traumgefilde nicht ohne weiteres zu; es scheinen die Wände eines Kühlhauses zu sein“, erwiderte mein Willi.
„Aber es sind unsere und…“
Mein Willi unterbrach mich:„Und obendrein zahlen wir für die nicht ganz drei Quadratmeter Campingplatz nur halb soviel Miete wie für unsere Zwei-Zimmer-Wohnung in der Stuttgarter Innenstadt. Das wolltest du doch sagen?“
„Hm!“, murmelte ich.
Nach einer kleinen Weile stupste mich mein Willi und fragte: „Schläfst du schon?“
„Ja!“, sagte ich heftig.
„Nicht so laut, sonst wachst du wieder auf.“ Mein Willi lachte unterdrückt. „Ich wollte dir nur noch zwei Dinge sagen. Erstens bin ich froh, dass wir diesen Herrn Kain haben. Es hat heute ja alles wie am Schnürchen geklappt, direkt atemberaubend.“
Ich fiel ihm ins Wort: „Dann halt jetzt die Klappe, damit du wieder zu Atem kommst, ich will schlafen.“
„Ich wollte nur noch eines sagen, darf ich?“. flüsterte mein Willi an meinem Ohr.
„Nein!“
„Okay Boss, dann sage ich nicht, dass ich dich liebe“, murmelte er und küsste mich aufs Ohr.
4
Herr Kain war sehr rührig und hatte die für den Bau benötigten Baumstämme im Handumdrehen besorgt. Der Wald seines Nachbarn war vor Jahren zum guten Teil abgebrannt. Zwei Hektar angekohlter Bäume standen seitdem herum, und mein Willi durfte sich holen, was er brauchte. Wir mussten keinen Pfennig dafür bezahlen.
Drei Tage lang schwang sich mein Willi bei strahlendem Sonnenschein auf sein Fahrrad und strampelte die sieben Kilometer den Berg hinauf. Herr Kain lieh ihm gegen das ortsüblich hohe Entgelt seine Motorsäge und unterwies den Anfänger Willi in der sachgemäßen Handhabe des kreischenden Monstrums. Von den verrußten Stämmen schwarz wie ein Köhler, kam mein Willi abends zerschunden und müde, aber strahlend zurück.
„Ich könnte jauchzen vor Lebensfreude“, sagte er und zerzauste mir übermütig die Haare. „Das ist der beste Job, den ich je hatte. Stell dir meinen Arbeitsplatz vor: Die Sonne scheint; um mich duftet es nach Harz, nach Holz, nach Frühling. Ich schlendere durch den Wald und suche mir in aller Ruhe genau die Stämme aus, die ich brauche. Dann setze ich die Motorsäge an und ratsch- säge ich den Baum um. Danach muss ich alle Äste wegschneiden. Richtige Männerarbeit. Schwierig wird es, wenn ich die einzelnen Stämme aus dem Wald, durch das Unterholz, zum Weg ziehen muss. Aber irgendwie schaffe ich es immer. Ab und zu lege ich eine Pause ein, schaue hinüber zu den Bergen und hinab in das grüne Tal. Ich bin hier und meine armen Kollegen müssen weiterhin Tag für Tag in ihren Bürosesseln sitzen. Ich bin so froh, dass wir hergekommen sind“, sagte er und umarmte mich, dass mir die Luft weg blieb. Obwohl wir jede Menge Pflaster und Ringelblumensalbe verbrauchten, um seine Wunden zu versorgen, sollten es für meinen Willi für viele Wochen die einzigen glücklichen Tage sein. Mit sich und seinen Bäumen allein, unter strahlender Sonne, das war die Verwirklichung eines Stückchens seines ganz persönlichen Männertraumes.
In einer abenteuerlichen Nacht- und Nebelaktion wurden die 50 etwa zehn Meter langen Baumstämme zu unserer Baustelle befördert. Der Wald, aus dem die Bäume stammten, lag kurz hinter der Grenze zur Nachbarprovinz. Herr Kain beantragte beim zuständigen Amt die Genehmigung für das Fällen und Transportieren der Stämme. Ich bezahlte die Gebühr. Es war recht umständlich, bis wir alle Papiere beieinander hatten, die Stämme begutachtet und amtlich gezeichnet waren. Wir waren froh, dass Herr Kain da war und uns half. Er tobte und raufte sich die Haare, als sich herausstellte, dass man trotz Genehmigung und allen bezahlten Stempelgebühren die Stämme auf keinen Fall in eine andere Provinz bringen darf.
„Das wäre ja gelacht“, rief Herr Kain, „wenn ich das nicht hinkriegen würde!“
Er bestellte einen Lastwagen und ließ das Holz im Dämmer des schwindenden Tages aufladen. Der Fahrer und sein Helfer machten sich am Wegrand ein kleines Lagerfeuer, wärmten in einem rußigen Teekessel das Wasser für ihren Mate-Tee und brutzelten sich ein paar Würste, während Frau Kain uns in ihrer Küche selbst geräucherten Schinken, hausgemachtes Brot und Tee hinstellte. Lange nach Mitternacht brachen wir auf.
Herr Kain fuhr mit meinem Willi in seinem Auto voraus, um zu spähen, ob keine Gesetzeshüter unterwegs waren. Ein paar Minuten hinter drein folgte der Holztransporter. Ich schwang mich zu den beiden Männern in das Fahrerhaus des Lastwagens, das nur an der linken Seite eine Tür hatte. Die Beifahrertür war längst aus den rostigen Angeln gefallen. Der Motor dröhnte durch die Stille der Nacht, und es schien mir, dass das ganze Tal davon erwachen müsste. Ächzend setzte sich der Lastwagen in Gang und rumpelte, mit ausgeschalteten Scheinwerfern, über einen langen, holprigen Feldweg hinab auf die Landstraße. Die Männer schwiegen. Der Fahrer hatte eine Zigarette in den rechten Mundwinkel geklemmt, deren rötliches Glimmen das stoppelbärtige Gesicht schwach aus der Dunkelheit hervortreten ließ. Angestrengt starrte er auf den Weg, der zwischen den dunklen Wällen der Dornenhecken gerade noch als diffuses Band zu erkennen war. Über dem schwarzen Rücken der Anden stand reglos die Mondsichel.
Es schien mir eine Ewigkeit vergangen, als das Rütteln zu Ende war. Wir bogen, immer noch ohne Licht, auf die asphaltierte Landstraße ein. Jetzt kam die kritischste Strecke. Zuerst mussten die paar Kilometer bis zum Ortsrand überwunden und dann das ganze Städtchen durchquert werden. Zunächst ging alles gut, trotzdem klopfte mir das Herz bis zum Hals.
Ein kleines Schild, wie etwa „Rasen betreten verboten“, hatte mich mein Lebtag unweigerlich zur absoluten Einhaltung des Verbotes gezwungen. Wie weit war es mit uns gekommen, dass wir auf hinterlistige Weise Langholz schmuggelten. Bloß nicht erwischt werden! Diese Schande!
Hinter uns in der Ferne tauchten die Scheinwerfer eines Wagens auf. Mein Fahrer schaltete das Standlicht ein und hielt sich scharf rechts. In schneller Fahrt überholte uns kurz darauf ein Lieferwagen und verschwand über der Kuppe im Wald. Wir schalteten die Lichter wieder aus. An dieser Stelle sei vermerkt, dass es damals eher die Regel, als die Ausnahme war, im Ort oder sogar auf offener Landstraße Autos und Lastwagen zu begegnen, die nur sehr ungenügend oder gar nicht beleuchtet waren. Fahrräder haben niemals eine Beleuchtung.
Wir sahen schon die Lichter des Ortes, als es passierte: Plattfuß. In großer Aufregung und fliegender Eile wurde der Reifen gewechselt. Der Ersatzreifen war völlig abgefahren und hatte kaum Luft. Ich rang die Hände. Mein Willi, der wenig später mit Herrn Kain uns Vermisste suchen kam, stand kurz vor einem Herzinfarkt, als er die Radkreuz schwingenden Männer sah. Schließlich ging es weiter. Auf einer Nebenstraße ratterte der kleine Konvoi durch Los Abedules und bog am Ortsende in unseren frisch geschotterten Weg ein. Hastig und unter leisem Fluchen luden die Männer die Stämme auf der Baustelle ab. Alles atmete auf. Jetzt war es unwahrscheinlich, dass noch irgendjemand nach der Herkunft des Holzes fragen würde.
„Ein richtiger Schurkenstreich“, sagte mein Willi, als wir spät in der Nacht endlich in unsere Schlafsäcke krochen. „Hättest du das von uns gedacht? Man kennt doch tatsächlich keinen wirklich, nicht einmal sich selber. Ganz schön dreist, wie?“
„Quatsch! Wir haben uns fast in die Hosen gemacht und wenn Meister Kain das Unternehmen nicht vorbereitet und durchgeführt hätte, wäre der Transport nie im Leben zustande gekommen. Die Stämme wären in den nächsten Jahren dort oben still verrottet.“
„Möglich“, drang es leise aus dem Schlafsack neben mir.
5
Dann kamen Wochen, die einem Alptraum glichen. Alles musste gleichzeitig gemacht werden. Das Dach wurde abgedeckt, die Bretter der schönen Holzdecke dabei ruiniert und am Ende zu Schalbrettern degradiert.
„Das Dach muss neu gedeckt werden“, flötete mein Willi spöttisch. „Die schöne Holzdecke wird sonst völlig ruiniert, wenn es im Winter regnet. - Mensch Geli, wir waren so was von blöd damals, das viele Geld für ein gutes neues Dach auszugeben, als wir dieses Haus kauften.“
Die Dachbalken fanden, bis auf ein paar wenige, ebenfalls ihr unrühmliches Ende als Bauholz. Die Zypressen und Tannen, die mein Willi eigenhändig aus dem Wald geholt hatte, sollten stattdessen Dachbalken, Träger und Stützen für die Zwischendecke werden. Bauführer Kain hieß die Maurer alle Hausecken abreißen, ebenso den Mittelteil der Wände. Es wurden Betonpfeiler eingegossen. Kaum ein Hohlblockstein blieb auf dem anderen. Der stümperhaft gemachte Estrich wurde erst schwer beschädigt, dann herausgerissen und Monate später durch einen ähnlich verpfuschten ersetzt.
Wäre es nicht gescheiter gewesen, das Häusle, so klein wie es war, einfach fertig zu bauen und billig zu verkaufen, oder ganz abzureißen und von Grund auf neu zu bauen, anstatt daran herumzustückeln? Herr Kain in seiner herrischen Art und die Aussicht am Ende des Sommers immer noch obdachlos zu sein, ließen uns für diese Überlegungen jedoch gar keinen Raum. Vor lauter Angst, es nicht zu schaffen, rannten wir blind der Zukunft entgegen und wussten trotz aller Hektik gegen Ende des Sommers immer noch nicht, ob wir im Herbst einen Unterschlupf haben würden.
Hals über Kopf musste ich entscheiden, wo ich Fenster haben wollte und in welcher Größe, wo die Stromanschlüsse sein sollten und die, für die Gasöfen und den Herd. Ich stellte mich mitten in die Bauruine und versuchte mir vorzustellen, welche Möbel ich haben wollte und wo diese einmal stehen würden. Vergeblich bemühte ich mich, das Ei meiner Ideen in Ruhe auszubrüten; man bedrängte mich von allen Seiten.
Ich floh auf den Campingplatz. Im Schatten alter Nussbäume saß ich am Tisch und ging in meiner Phantasie durch das fertige Haus. Es fehlte mir an Erfahrung und an meinen Büchern zum Nachschlagen, die immer noch irgendwo zwischen Europa und Amerika unterwegs waren. Schließlich hatte ich leidlich Klarheit über mein zukünftiges Heim. Jetzt zeichnete ich hektisch Grundrisse und Seitenansichten, die nachher kein Mensch nachvollziehen konnte. Meine Produkte im Mal- und Zeichenunterricht hatten schon früher meine Lehrer zu der Auffassung gebracht, dass meine Stärke eher im Abstrakten liege. Mit meinen Zeichnungen in der Hand stand ich auf der Baustelle und versuchte den Männern klar zu machen, was für mich selber eigentlich noch völlig unklar war.
Mein Willi schälte von morgens bis abends die verkohlte Rinde von den Stämmen. Er glättete das Raue mit grober Feile, mit feiner Feile und Schmirgelpapier und strich die Balken schließlich mit Firnis. Er arbeitete im Akkord und schaffte trotzdem höchstens zwei Stämme pro Tag. Zuerst hatte er nur Blasen an den Händen, die später aufgingen und eiterten, dann kamen die Schwielen, und eine Woche später bekam er morgens die im Schlaf geballten Fäuste nicht mehr auseinander. Einen Finger nach dem anderen musste ich ihm langsam aufbiegen und behutsam massieren.
Es wurde ein Hilfsarbeiter eingestellt, der schon zwei Tage später wegen unüberwindlicher Arbeitsscheu wieder entlassen werden musste. Ein anderer kam, lungerte herum und kassierte vier Abende seinen unverdienten Tagelohn. Der dritte hatte außer einer großen Klappe auch nicht viel zu bieten, und schließlich schälte mein Willi seine verkohlten Stämme wieder allein. Der Bau ging rasch vorwärts und das Herrichten der Stämme war der reinste Wettlauf mit den Handwerkern, die nach den Balken verlangten, um die Zwischendecke einzuziehen.
Wenn mein Willi gerade nicht wie ein Wilder schälte, grub er wie ein Wilder die Gräben für das Verlegen der Wasserleitung, für die Rohre des Brauchwassers und den Ablauf der Jauchegrube, für die Entwässerung des Grundstückes, alles in allem etwa 200 Meter Gräben verschiedener Tiefe. Hunderte von Schubkarren mit schwerer, lehmiger Erde füllten nach und nach das Loch, das einmal Pauls Gemüsegärtchen gewesen war. Meinem Willi fielen fast die Arme ab und längst war seine Begeisterung für „die Männerarbeit“ einer dumpfen Verzweiflung und Erschöpfung gewichen.
6
Unser Maurer hieß Bautista, war mittleren Alters, kräftig gebaut und hatte ein Wieselgesicht. Sein Blick war verschlagen und immer spielte ein Lächeln um seine Lippen. Er sprach nur das Nötigste und nuschelte dabei so fürchterlich, dass wir selten auf Anhieb verstanden, was er sagte. Ein unsympathischer Mann, der aber, bis auf wenige Tage, immer pünktlich auf der Baustelle erschien und in uns blutigen Laien wenigstens anfangs den Eindruck erweckte, sein Handwerk zu beherrschen.
Sein vierzehnjähriger Sohn ging ihm zur Hand. Er war ein ungemein hübscher Bursche, mit verträumten, schwarzen Augen, schüchtern und wortkarg. Seine feingliedrigen Hände hätten eher an ein Klavier gepasst, als an eine Maurerkelle.
Der älteste Sohn, Fernando, unser Nachtwächter, war ein athletischer Kerl, mit großen, kräftigen Händen, die zupacken konnten. Er war gescheit und ehrgeizig. Nach Feierabend saß er auf seinem Lager im Schuppen und studierte in einem zerfledderten, vergilbten Buch das Bauen von Holzhäusern. Begeistert erzählte er bei jeder Gelegenheit von seinen Zukunftsplänen: Wenn er genug Geld beisammen habe, wolle er sich in seinem Heimatland Chile niederlassen. Der Familienclan besaß irgendwo mitten in der unberührten Natur einige Hektar Wildnis. Er wollte dieses Paradies dem Abenteuertourismus erschließen. Schon ein Jahr später sind ihm große Geschäftemacher zuvor gekommen. Aber in jenem Sommer beflügelte dieser Traum den jungen Mann. Manchmal kam der Jüngste mit auf die Baustelle, ein strammer Bursche, etwa zwölf Jahre alt. Mit gewichtiger Miene bediente er die Betonmischmaschine und füllte den Mörtel in die Eimer. Das war also unsere kleine Mannschaft.
Fast täglich bat uns Bautista um einen Vorschuss. Zunächst zahlten wir bereitwillig. Aber als die Lücke zwischen getaner Arbeit und bezahltem Vorschuss immer größer auseinander klaffte, zögerten wir mit dem Ziehen des Geldbeutels. Bautista war tief gekränkt. Wir blieben ein paar Tage eisern. Bautista erzählte uns Geschichten, die einen Stein erweicht hätten. Wir wunderten uns, wie schnell er das Geld unter die Leute brachte und drückten ihm wieder ein paar Scheine in die Hand. Wir forderten von ihm eine Abrechnung der bisher geleisteten Arbeit. Er nickte und machte sie nicht. Wir forderten mit Nachdruck. Er nickte. Wir drängten. Er nickte. Nach sechs Wochen brachte er ein Stück Papier, aus einem Heft herausgerissen, mit Kaffeeflecken besudelt, auf dem mit Bleistift alle erledigten Arbeiten aufgelistet waren. Unten sprang uns fett, mit Filzstift geschrieben, der Endbetrag an. Mein Willi und ich zuckten zurück und blickten uns entsetzt an. Trotz der vielen Vorschüsse schuldeten wir unserem Maurerteam immer noch eine beträchtliche Summe, aber Herr Kain fand alles in der Ordnung. Wir bezahlten. Unser Vertrauen in ihn war naiv und grenzenlos, bis uns eines Tages die Augen aufgingen.