no problem - kannste eh nix machen
Vierzehntes Kapitel
1
Auf der Höhe des Sommers standen drei Feste ins Haus, von denen das erste seit 38 Jahren das erste Mal nicht gefeiert wurde, das zweite unversehens der Beginn einer neuen Ära wurde, das dritte uns die Nachtruhe raubte, obwohl wir gar nicht dabei waren.
Das erste Fest, mein Geburtstag, war plötzlich statt im Winter mitten im Sommer. Wir wollten ganz früh morgens in die Himbeeren gehen, dieselben bis zum Nachmittag eingekocht haben, danach mit Muse in unseren Kisten stöbern, um uns zur Feier des Tages in Schale zu werfen, denn mein Willi wollte mich zum Essen ausführen. Für den späteren Abend hatte er Karten für ein Konzert besorgt, bei dem sich die besten Chöre der Provinz ein Stelldichein gaben.
Wir gingen tatsächlich sehr zeitig in die Himbeeren und kamen mit 22 Kilo Beeren zurück - aber erst am Nachmittag. Lina hatte uns Gläser, Deckel, einen riesengroßen Topf und ihren gusseisernen Küchenherd versprochen.
„Ich habe es ganz vergessen“, sagte Lina zerknirscht, als wir mit unseren vollen Eimern vor ihr standen. Während wir von einem Bein auf das andere traten, kletterte sie flugs auf den Dachboden, blieb lange Zeit verschwunden und brachte endlich mehrere Kartons mit verstaubten Schraubgläsern ans Licht, in denen seit Jahren die Spinnen hausten.
Es war also just an meinem Geburtstag, als ich das knarrende Gartentürchen das erste und einzige Mal durchschritt, um in Linas Haus das „Gsälz“ zu kochen. Die Küche war sehr groß und hoch, hatte eine vom Ruß der Jahrzehnte fast schwarze Holzdecke, und auch die Wände waren vermutlich seit undenklichen Zeiten nicht mehr gestrichen worden. Eine lange Bank zog sich die Wand entlang, davor ein ellenlanger Tisch. Gegenüber thronte ein majestätisches, altes Küchenbuffet aus Radal, einem einheimischen Holz. Neben dem mächtigen, schwarzen Herd lehnte ein abgenutzter Spülstein, darüber ragte ein Wasserhahn aus der Mauer, aus dem, sobald man ihn aufdrehte, das Wasser wild nach allen Seiten spritzte.
Nur einmal in meinem Leben, das lag schon eineinhalb Dutzend Jahre zurück, hatte ich versucht Marmelade zu machen und bin daran gescheitert. Ein nagelneuer Edelstahl-Rostfrei-Topf , in dem man leicht die Suppe für eine Kompanie Soldaten hätte kochen können, so groß war er, fand dabei sein Ende, und der Herd blieb den Rest seines Lebens gezeichnet. In meinem jugendlichen Leichtsinn hatte ich Topf, Herd und Pflaumen sich selber überlassen, in der trügerischen Hoffnung, dass das Zeug ja auch allein köcheln könne, während ich im Garten die Sonne anbetete. Irgendwann war aus dem leisen Köcheln ein Kochen geworden, dann ein Überkochen mit all seinen Folgen. Als ich die Katastrophe entdeckte, musste das Überkochen schon seit geraumer Zeit angedauert haben und es verging eine weitere Weile, bis ich den Topf vom Feuer nehmen konnte. Er war nämlich so schwer, dass ich ihn erst zur Hälfte ausschöpfen musste, um ihn vom Herd lupfen zu können. Noch lange roch es im Haus nach verkohltem Pflaumenmus.
Immerhin wusste ich also, dass man das Gsälz nicht verlassen darf, dass man es rühren, rühren, rühren muss, - aber wie lange? Dass es Zucker enthält, viel Zucker – aber wie viel? Auch Linas Erfahrung mit der Marmeladenerzeugung begrenzte sich auf den Griff in das Regal des Supermarktes.
„Wir kriegen das schon hin“, sagte mein Willi.
„Auf jeden Fall brauchst du ein Herdfeuer“, sagte Lina, legte uns die Streichhölzer auf den Herd und ließ uns allein.
„Los Willi, mach schnell Feuer“, ordnete ich an.
Er machte. Es qualmte und erstickte schließlich.
Ich sagte zu meinem Willi:
„Lass mich das machen. Geh du ins Dorf und hole Zucker.“
Beleidigt zog er ab, während ich das glimmende Holz und die dicken Papierknäuel aus dem Herd holte und alles neu einräumte. Ich zündete es an, öffnete und schloss Klappen am Herd und am Abzugsrohr. Als mein Willi eine halbe Stunde später wiederkam, machte ich immer noch Feuer.
„Hol Lina her“, knurrte ich entnervt. Willi holte. Lina zündete an. Das Feuer brannte im Handumdrehen. Jetzt füllten wir den riesengroßen Topf mit Himbeeren und hievten ihn auf den Herd. Mein Willi rührte darin herum, während ich die Gläser und Deckel zu schrubben begann. Wir rührten und schrubbten, schrubbten und rührten. Endlich kochten die Himbeeren und alle Gläser standen bereit, hundertundzwei an der Zahl.
„Der Zucker?“ fragte mein Willi. Ach du liebe Zeit, der Zucker! Der passte leider in den vollen Kochtopf nicht mehr hinein. Wir warfen uns ein paar sehr böse Blicke zu, schluckten jedoch gegenseitige Anschuldigungen aus Zeitgründen hinunter und füllten wortlos einen Teil der heißen Himbeeren in Schüsseln und Töpfe. Um Herd und Tisch sah es aus, wie nach einer blutigen Auseinandersetzung, - himbeerrot.
Bis zum Abend hatten wir den Grundstock für unsere Vorratshaltung gelegt: die gefüllten, verschraubten Gläser standen in Schachteln bereit, der Herd blitzte, der Fußboden auch und wir selber waren verschwitzt, müde und hungrig. Nach einem Blick auf die Uhr, wuschen wir uns rasch die Hände und das Gesicht, dann radelten wir, wie die wilde Jagd, ins Dorf. Wir hatten einen Bärenhunger, aber jetzt war keine Zeit mehr für ein festliches Abendessen im Restaurant, deshalb deckten wir uns beim Bäcker mit zwei Stangen Weißbrot ein. Während wir zur Turnhalle hetzten, in der das Konzert stattfinden würde, schlangen wir das Brot hinunter.
Obwohl bis zum Beginn des Konzertes nur noch zehn Minuten fehlten, waren außer uns nur ein paar Kinder da, die zwischen den aufgestellten Stuhlreihen Fangen spielten. Erschöpft sanken wir auf die kleinen Kinderstühle und streckten die Beine weit von uns. Gibt es einen größeren Genuss, als einfach dazusitzen und die Hände in den Schoß zu legen?
Mit fast eineinhalb Stunden Verspätung begann der Sängerwettstreit. Viele Leute hatten keinen Sitzplatz mehr gefunden und lehnten nun an den Wänden, oder saßen auf dem Fußboden. Die Bühne war völlig schmucklos, das Licht so spärlich, dass die Sänger Mühe hatten, ihre Partituren zu lesen. Alles machte einen so armseligen, heruntergekommenen Eindruck, bis der Dirigent die Arme hob und die Töne die Luft erfüllten. Wer hätte gedacht, dass hier, im letzten Winkel der Erde, Kunstgenüsse von solcher Qualität dargeboten werden? Wir vergaßen allen Ärger, alle Müdigkeit und waren nur noch Herz und Ohr.
2
Das zweite Fest, nur wenige Tage später, war Pepes Geburtstag. Was schenken wir ihm? Geld hatten wir nicht, aber auf dem Dachboden lagen Nüsse, im Garten Frühäpfel und in meinen Koch- und Backbüchern gab es Rezepte dafür, wie man beide Teile schmackhaft vereint.
Lass mich im Laufe meines Lebens zehn Kuchen gebacken haben! Nach ein paar missglückten Versuchen war auch das letzte bisschen Lust vergangen, und fortan ließ ich mich zum Kuchenessen lieber einladen. Ach, du bist dem Teig so hilflos ausgeliefert. Werden dein Abwiegen, Sieben, Kneten und Rühren, dein Hoffen und Bangen von Erfolg gekrönt sein oder wird sogar dein Hund sich abwenden, wenn du ihm dein zusammengesunkenes, außen verkohltes, innen noch teigiges Werk zum Fraß vorwirfst? Erst wenn der Kuchen aus dem Ofen kommt, aufgeschnitten und probiert wurde, wirst du Gewissheit erlangt haben, in den meisten Fällen unter den skeptischen Augen der Gäste.
Da lobe ich mir das Kochen! Du kannst jederzeit dies und jenes hinzufügen, probieren, verdünnen oder eindicken, noch ein Weilchen kochen, und wenn es durchaus nichts werden will, pürierst du das ganze und machst eine Überraschungssuppe daraus. Schon wahre Begeisterungsstürme habe ich damit ausgelöst.
War es die Not oder war es eine höhere Eingebung, dass ich, trotz meiner erfolglosen Laufbahn als Kuchenbäckerin, einen halben Nachmittag bei Richard in unseren Kisten nach dem einzigen Kuchenrezept, das mit je gelungen war, stöberte. Ich fand es zwischen den Seiten von Goethes „West-Östlichen Diwan“ und fragte mich, was mich wohl dazu bewogen haben mochte, es dort zu lagern.
Gedeckter Apfelkuchen im Mürbeteig. Ich machte gleich zwei. Ein köstlicher Duft zog über den Campingplatz, als ich sie aus dem Ofen zog. Solange sie in der Springform eingezwängt waren, sahen sie so schön aus, wie auf dem Foto des Rezeptes. Kaum hatte ich den Rand der Kuchenform entfernt, kam Bewegung in das Backwerk. Der Deckel sackte hinunter und an den Seiten quollen die Äpfel heraus. Das Obst war zu saftig gewesen und lief einfach davon. Beide Kuchen waren völlig durchgeweicht. Ein Rückzug war unmöglich, denn mein Tun und Treiben war nicht verborgen geblieben und Pepe wartete bereits sehnsüchtig auf das Ergebnis meiner Mühe. Verschämt zeigte ich ihm die Katastrophe. Er war hell begeistert.
Als er mich und die Kuchen seinen Gästen präsentierte, wäre ich am liebsten in ein Mauseloch gekrochen, die Festgesellschaft ließ mich meine Niederlage jedoch bald vergessen. Unter vielen Lobeshymnen griff sie tüchtig zu, und es blieb auch nicht ein Krümel übrig. Gleich am nächsten Morgen machte ich, um meine Ehre zu retten, noch einmal den gleichen Kuchen, ganz für Pepe allein. Diesmal ließ ich die gezuckerten Äpfel erst eine Weile Saft ziehen, den ich in einer Schüssel auffing, bevor ich den Kuchenboden mit dem Obst füllte. Dieses Backwerk, dem an seiner Vollkommenheit außer ein Mehr an Äpfeln nichts mangelte, läutete meine ruhmvolle Ära als Kuchenbäcker ein.
Lina war begeistert von der Aussicht, mit dem Fallobst und den Nüssen auf dem Dachboden Geld zu machen. Von da an verbrachte ich meine Tage Äpfel schälend und Nüsse knackend. Die Nachfrage übertraf meistens das Angebot. So kam es, dass ich mein erstes Geld auf dem fremden Kontinent ausgerechnet mit dem verhassten Backen verdiente.
3
Das dritte Fest war das Dorffest. Der Campingplatz platzte fast aus den Nähten. Vor den Duschen und Toiletten standen die Leute Schlange. In ganz Los Abedules gab es kein freies Bett mehr. Während sich Tausende aus Nah und Fern drei Tage und Nächte lang vergnügten, schälten mein Willi und ich Tag und Nacht Äpfel und knackten Nüsse, knackten Nüsse und schälten Äpfel. Für jeden Kuchen mussten wir einen ganzen Eimer wurmstichiges Fallobst schälen, ausputzen und kleinschneiden. Die Nachfrage war ungeheuer, selbst aus dem Dorf kamen Leute, um sich meinen Apfelkuchen in Mürbeteig zu kaufen. Wir kamen mit dem Backen nicht nach.
Montags, als alles vorbei war, machten wir Kassensturz. Ein armseliger Stundenlohn von einer Mark und zweiundachtzig Pfennig für jeden! Das war eine Kostprobe, wie es ist, wenn man fast rund um die Uhr schuften muss, für ein Butterbrot – ohne Ei. Immerhin hatten wir in drei Tagen, die Campingplatz-Gebühr für einen halben Monat eingenommen. Zum ersten Mal seit acht Monaten hatten wir nicht nur Ausgaben, sondern eine kleine Einnahme verzeichnet. Ein etwas bitterer Triumph, wenn ich mir vorstelle, dass es mit uns auf diese Weise weitergehen würde. Nie kämen wir auf einen grünen Zweig.