no problem - kannste eh nix machen

Angelika Unseld · Kapitel 13 von 15

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no problem - kannste eh nix machen

Dreizehntes Kapitel

 

1

Der Alltag auf dem Campingplatz wurde zum einen von den Touristen bestimmt zum anderen durch allerlei Viehzeug, von dem wir in einigen Fällen nicht recht wussten, ob es uns der liebe Gott geschickt hatte oder der Teufel höchstpersönlich.

Kaum war es Sommer geworden, tummelten sich abends die stachelbewehrten Legionen der Stechmücken unter den Bäumen. Im Blutrausch stürzten sie sich zu Dutzenden auf ihr Opfer. Mein Willi sah bald aus wie ein Streuselkuchen. Vor den Mücken gab es allerdings Zuflucht: im Saloon, im beißenden Qualm eines Lagerfeuers, hinter dem Moskitonetz des Zeltes und in der Kälte der vorgerückten Nacht. Keinerlei Zuflucht gab es dagegen vor den Ohrwürmern. Erna hatte mich längst vor diesen Ungeheuern gewarnt.

„Sie fressen dir den halben Garten kahl“, sagte sie, als ich am Beginn meiner Gärtner- Karriere stand.

„Nein, Erna“, belehrte ich sie. „Das sind äußerst nützliche Tiere, und der Bio-Gärtner bietet ihnen sogar Nester an, um sie im Garten zu halten. Man füllt Blumentöpfe mit Stroh und hängt sie umgekehrt in die Bäume. Das steht alles in meinem Gartenbuch.“

Im Stillen dachte ich, Mensch, Erna, du hast doch Null-Ahnung. Erna lachte aus vollem Hals.

„Na, du wirst ja selber sehen“, sagte sie.

Es war im späten Frühjahr, als ich den ersten Ohrwurm sichtete. Er befand sich in meinem Geldbeutel. Ich kam gar nicht dazu, ihm die Freiheit oder den Tod zu geben, denn wie der Blitz schoss er heraus, ließ sich fallen und verschwand im Gras. Ich nahm das sehr gleichmütig hin. Ein Schaf, ein Puma eine Kuh, eine Schlange, gegebenenfalls auch ein Hase, konnten mir jederzeit einen gelinden Schrecken einjagen. (So geschehen auf unserer Rucksack-Tour durch Feuerland: Wir kauerten mit klopfendem Herzen hinter einem Busch, einen Puma vor Augen, der in langgestrecktem Lauf den gegenüberliegenden Hang entlang jagte. Das gefährliche Biest erwies sich nach Abwägen aller Tatsachen als Hase auf der Flucht.– Wie war das im Märchen mit den Sieben Schwaben?).

Dagegen konnte mir die Gattung der Insekten nur schwer tiefe Gefühle verursachen. Es musste sich schon um besonders gefährliche und abscheuliche Vertreter dieser Spezies handeln, was man vom Ohrwurm nicht behaupten kann. Dennoch warf mich der Ekel fast um, als ich in den Laschen am Zelt, in denen die Zeltstangen steckten, ein ganzes Volk Ohrwürmer entdeckte. Ein Knäuel so groß wie meine Faust wimmelte darin herum. Es war ein abscheulicher Anblick, wie es wuselte und krabbelte. Angewidert zerdrückte ich, so gut es ging, die Sippe mit dem Suppenlöffel. Viele entkamen und fanden sich in den Schuhen und im Rucksack wieder. Ohrwürmer krabbelten in den Hosentaschen herum, stürzten aus den Ärmeln, stolzierten aus dem hermetisch verpackten Brot und flohen flink unter jedem Gegenstand hervor, den man von seinem Platz versetzte. Scharen von Ohrwürmern belagerten das Land. Diese massive Invasion, diese Allgegenwart, brachte mir das Ekeln bei.

„Du musst das Brot klopfen“, sagte Lina.

Ich schaute sie verständnislos an.

„Dann kriechen die Ohrwürmer heraus und du kannst es beruhigt essen.“

Ab jetzt wurde am Brot, bevor es geschnitten wurde, höflich angeklopft.

Es gab auch erfreuliche Tiere, wie die beiden Hunde, die ihrerseits mit mir ich eine herzliche Freundschaft pflegten, die meinerseits etwas distanziert beantwortet wurde. Ihre allzu ungestümen Liebesbeweise enthielten für mich jedes mal ein Quäntchen Bedrohung.

Eines linden Frühlingstages fand Lina ein Katzenbaby, das sich vor der Unbill der Welt in den Krug geflüchtet hatte, den Lina zwischen all dem anderen Plunder auf der Terrasse lagerte. Von dort fauchte das schwarze Biest mit dem weißen Latz jeden an, der ihm guten Tag sagen wollte. Weder sanftes Locken, noch Futterteller und Wassernapf brachten fertig, was „Schatten“ gelang: Das Kätzchen aus seiner Höhle zu holen. Er steckte seine Schnauze in den finsteren Krug und zerrte das Teufelchen ans Licht. Er kümmerte sich weder um die scharfen Krallen, noch um das wütende Fauchen, sondern trug das kleine Bündel Angst und Wut ohne Umstände auf sein Lager. Dort klemmte er es sich grob zwischen die Pfoten, knabberte daran herum und bearbeitete es mit seiner Zunge solange, bis das Kätzchen völlig eingespeichelt war. Unter dieser Behandlung entspannte sich das Energiebündel allmählich.

Krüglein liebte die Hunde und ihre grausamen Spiele. Es stieg auf einen Baum und lauerte, bis einer der Hunde unter ihm hindurchlief; pfeilschnell stürzte es sich im passenden Augenblick wie ein Berglöwe auf den Rücken des Opfers, verbiss und verkrallte sich in dessen Fell. Das war stets der Auftakt zu barbarischen Gefechten zwischen dem Winzling und den Hunden, wobei Krüglein früher oder später zum Zankapfel der beiden Racker wurde. Einer hatte das Krüglein am Hinterteil gepackt, der andere hatte Krügleins Kopf in der geifernden Schnauze, und es begann das reinste Tauziehen. Katzen haben sieben Leben, das konnte ich selber beobachten. Entweder das Katzenvieh war unglaublich zäh oder die Hunde schienen gewalttätiger, als sie waren. Krüglein schrie jedes Mal wie am Spieß dabei. Anfangs griffen wir ein. Mit der Zeit merkten wir, dass dieses Gezeter Teil des Spieles war, denn kaum hatten wir die Katze befreit, sprang sie in kühnem Schwung „Schatten“ ins Genick und alles begann von neuem.

2

Die große Nummer in der Menagerie des Campingplatzes schlüpfte bald nach Neujahr aus dem Ei und drängte sich auf der Stelle dreist in den Mittelpunkt.

„Ich gehe mal nach der Glucke zu sehen“, sagte Pepe und hängte sich den braunen, verfilzten Poncho um die Schultern.

Ein grauer Abend zerrann. Es nieselte. Ich saß in der Küche auf dem Sofa, das mit seinem Auf und Ab den Tälern und Höhen einer Mittelgebirgslandschaft glich. Im alten Badeofen bullerte ein Feuerchen und strömte linde Wärme in den Raum. Julia schenkte mir gerade Tee ein, als Pepe fröstelnd zurückkam.

„Ich brauche eine Schachtel“, sagte er.

Lina stellte die Kanne hart ab.

„Ich möchte mal wissen, wozu dieser fürchterliche Mensch gerade jetzt, wo ich endlich einmal zu Atem komme, eine Schachtel braucht“, seufzte Lina und warf ihm einen sehr finsteren Blick zu.

Pepe zog seine linke Hand unter dem Poncho hervor. Lazarus trat in unser Leben und avancierte unverzüglich zum Nabel der Welt. Lazarus war zu diesem Zeitpunkt noch namenlos, nichts als ein gelbes, flaumiges Etwas, das erst vor wenigen Augenblicken aus dem Ei geschlüpft war.

Als Lina das Küken sah, sprang sie, wie von der Tarantel gestochen, auf und knurrte:

„Bring das sofort dahin zurück, wo du es her hast, erbärmlicher Unglückswurm, nämlich unter die Flügel der Glucke.“

Pepe hielt mir strahlend das winzige Küken unter die Nase.

„Ist der nicht süß?“

„Woran erkennst du, ob es ein Er oder eine Sie ist?“ fragte ich und strich mit dem Finger über den zarten Flaum.

„Überhaupt nicht !“ fauchte Lina in meine Richtung und dann zu Pepe gewandt: „Bringe das Vieh augenblicklich zurück, du Hohlkopf.“

Pepes schwarze Augen verdüsterten sich. Er sagte:

„Die Schachtel, sag ich.“

Es klang wie fernes Donnerrollen.

Während das Neugeborene sich wohlig in Pepes Hand kuschelte und die Äuglein schloss, brach ein wahres Unwetter über die Küche herein. Es hagelte Schimpfworte, Blitze schossen von einem zum anderen, Donnerschläge erschütterten die ganze Hütte, die Sturmböen der Entrüstung rissen alles mit sich. Die beiden Streithähne riefen mich unentwegt als Kronzeugin auf, und da ich eh nicht verstand, was jeder im Einzelnen vorbrachte, nickte ich geflissentlich in beide Richtungen. Plötzlich, wie alle echten Sommergewitter, ließ der Regen nach, der Sturm legte sich, die Wolken verzogen sich rasch. Man sah wieder klarer und es stellte sich heraus, dass Pepe befürchtete, die Glucke würde ihr Brutgeschäft, dem sie ohnehin lustlos nachgegangen war, nun völlig aufgeben, nachdem sich der erste Piepmatz aus dem Ei geschält hatte.

„Morgen früh, Lina, wenn alle geschlüpft sind, bringe ich es wieder in das Nest“, lenkte er ein.

„Die Hühner nehmen das Küken morgen früh nicht mehr an. Sag dann bitte nicht, ich hätte dich nicht gewarnt“, schloss Lina ihre zornige Rede und stapfte mit verkniffenen Lippen die schmale Leiter zum Dachboden hinauf.

Gleich darauf flog ein Karton mit der Aufschrift „Nudeln aus frischem Landei“ von oben herab, in den das Küken hineingesetzt wurde. Es bekam einen hellblauen Schal aus Angorawolle als Mutterersatz; Deckel zu und unter das Sofa damit.

„Ich gehe noch einmal raus, um nach dem Rechten zu sehen“, sagte Pepe und verschwand erneut hinaus in die Dämmerung.

„Nach dem Rechten sehen“, schnaubte Lina verächtlich und saugte lautstark am Mate-Röhrchen. „Es ist ja gar nicht auszuhalten, was ich mit diesem fürchterlichen Menschen alles mitmachen muss.“

Bei den letzten Worten schwoll ihre Stimme an, und sie schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, sprang unversehens auf, zog den Karton unterm Sofa hervor und öffnete ihn. Das Küken zuckte zusammen und flitzte laut piepsend in der Kiste herum, bis Lina es zu fassen kriegte.

„Ach du armes Ding, du“, sagte sie zärtlich und streichelte das Fläumchen. „Ersticken wollte er dich, dieser fürchterliche Mensch.“

Sie drückte mir das Küken in die Hand. Mit einem großen Messer schnitt Lina Löcher in die Seitenwände und in den Deckel der Schachtel. Das Tierlein wurde wieder hinein gesetzt.

Als ich am anderen Morgen die Küche betrat, verkündete Lina triumphierend:

„Ich habe es gleich gesagt!“

„Bisher hast du noch gar nichts gesagt, Lina“, sagte ich. „Um was handelt es sich denn?“

„Die ganze Sippe, samt der Mutter, ist heute morgen über den Winzling hergefallen, als dieser fürchterliche Mensch das arme Kerlchen seinen Mördern zum Fraß vorwarf“, erzählte Julia mit leuchtenden Augen und setzte befriedigt hinzu: „Ich habe es ja gleich gesagt.“

„Haben sie es getötet?“ fragte ich erschrocken.

„Unsinn, meinst du, ich hätte tatenlos zugesehen, wie dieser armselige Einfaltspinsel von Pepe, das Küken seinen Widersachern preisgab? Ich habe mir genau eine Sekunde angeschaut, wie sich die Meute über das bisschen Huhn hermachen wollte, und es dann unter meine Fittiche genommen. Wenigstens hat der Kerl gesehen, dass ich recht hatte.“

Das Küken zog endgültig aus dem Hühner- in den Menschenstall und begann unverzüglich seine Karriere als Haustyrann. Das artgerechte Futter, auf dem Lina bestand und das Pepe in einem kleinen Schälchen bereitstellte, verschmähte der Kleine auf Anhieb, statt dessen pickte er, wenn er nicht gerade schlief, allerlei ungesunde Naschereien vom Boden der Küche oder aus den Händen und Tellern der Gäste im Aufenthaltsraum. Er gedieh prächtig dabei. Sein durchdringendes Piep-Piep-Piep erfüllte fortan unser Dasein.

3

Wenige Tage später stellte Pepe sinnig fest:

„Der Kerl scheißt uns den ganzen Boden voll.“

Worauf Lina ihn strafend anblickte und vorwurfsvoll sagte:

„Dabei bist du Akademiker.“

Überrascht schaute Pepe von seinem Milchkaffee, in dem große Brotbrocken schwammen, auf und legte seine Stirn gedankenschwer in Falten.

„Was hat das damit zu tun?“

„Musst du eigentlich immer so ordinär sein?“

„Wieso ich? Ich scheiße doch nicht hier herum.“

„Pepe, Schluss jetzt!“ rief Lina. „Wenn dich jemand hört! Man kann das auch anders ausdrücken.“

Pepe winkte ab:

„Kann ich nicht und das Viech auch nicht. Jeder lässt halt das fahren, was in ihm ist.“

Nach einigem Hin und Her über die genaue Formulierung des Tatbestandes einigten sich die Parteien dahingehend, dass fortan dem Küken der Zugang zum Menschenstall einzig zur Schlafenszeit gestattet sei und auch das nur eingesperrt in der Schachtel unter dem Sofa.

Das Vögelchen, nicht um seine Meinung gefragt, nahm keinerlei Notiz von dem Abkommen. Schubsten wir es vor die Küchentür, die wir schnell hinter ihm schlossen, trippelte es bald darauf zur Tür des Aufenthaltsraumes wieder herein. War es eine längere Zeit im Freien, weil alle Türen geschlossen waren, drehte es die Lautstärke seines „Piep-Piep-Piep“ auf „nervtötend“ und fand am Ende jedes mal Helfershelfer, die ihm nicht nur Einlass ins verbotene Paradies gewährten, sondern es auch noch reichlich mit Leckerbissen für entgangene Freuden und erlittenen Verdruss entschädigten.

Es zeigten sich bereits allerhand Federn in seinem Kinderkleid, als er schwer verunglückte. Es herrschte reges Treiben im Saloon. Eine Gruppe Neuankömmlinge braute sich am Kaminfeuer ihr Süppchen. Unser Küken hatte die Unwissenheit der Burschen um das Aufenthaltsverbot schamlos ausgenützt. Nach späteren Zeugenaussagen sei das Vögelchen geschäftig herumgewuselt, sei nach Strich und Faden verwöhnt worden, bis der unbedachte Schritt eines der Buben dem Treiben ein jähes Ende bereitet habe. Nach einem allerletzten gellenden Piiiep, als es zwischen Boden und Wanderschuh gequetscht wurde, lag das Tierchen leblos da.

„Ich habe es sogar knacken gehört. Der ist hin“, gab sich einer ganz abgebrüht, als ich, just nach dem Unfall, den Raum betrat.

„So ist er wenigstens dem Kochtopf entronnen“, sagte ein anderer.

„Halt dein dreckiges Maul!“ schnauzte ihn der mutmaßliche Mörder an.

Betrübt nahm ich das tote Küken. Wie winzig es auf einmal war, wie federleicht und fremd. Ich trug es hinter das Blockhaus.

„Wenn Lina und Pepe vom Einkaufen zurückkommen, kriegst du eine richtig schöne Beerdigung“, flüsterte ich, während ich den armen Kerl ins Gras bettete.

Ich setzte mich daneben und lehnte meinen Kopf an die Bretterwand, die ein wenig nach Harz duftete. Wieder einmal war der Tod Anstoß über das Leben nachzudenken. Hatte sich unser kleiner Freund nicht eben noch aufgeplustert, war herumstolziert, hatte sich gierig den Kropf gefüllt? Ein einziger ungeschickter Schritt hatte genügt, dem allem schlagartig ein Ende zu setzen.

Das Krüglein kam um die Ecke geschlichen, beschnupperte den Verblichenen, strich mir um die nackten Füße und stemmte sodann seine Vorderpfötchen auf meine Schenkel. Prüfend schaute es mir ins Gesicht. „Miau!“ brach es nach längerer Zeit das Schweigen. „Die Welt ist absolut in Ordnung. Ich bin ja noch da und du auch. Mach nicht so ein Gesicht.“ Sie rollte sich, nach solcher Rede, auf meinem Schoß zusammen und schnurrte wie eine gut geölte Nähmaschine.

Warum sich um das „Morgen“ und „Übermorgen“ und „In einem Jahr“ sorgen und verzehren, wie ich es besonders in den letzten Tagen und Nächten wieder einmal zu tun pflegte, angesichts der Möglichkeit, dieses „Morgen“ niemals zu erleben? Es kommt sowieso alles, wie es kommen muss, Angelika, wann wirst du das begreifen? Mach lieber die Augen auf und nimm wahr, was das Leben dir an Freude schenkt, anstatt solange zu grübeln, bis du vor Sorgen die Sonne nicht mehr sehen kannst. Es ist nämlich die Freude, die dir die Kraft verleiht, die Härten des Lebens durchzustehen. Wenn dich eines Tages unvermittelt der Schuh zerquetscht und deinem Sorgen und Mühen ein jähes Ende bereitet, dannmusst du sagen können: Ich habe gelebt und nicht nur in kleinmütigem Sorgen dahinvegetiert.

Ich hob den Blick und bemerkte, dass in den Apfelbäumen die ersten reifen Früchte rot aus dem grünen Laubwerk leuchteten. Der Himmel spannte sich blau über das Tal und die Berge. Kleine weiße Sommerwölkchen huschten darüber hin.

Am späten Nachmittag kamen Lina und Pepe von ihrer Einkaufsfahrt zurück. Unzählige Kisten und Schachteln wurden aus dem klapprigen Lieferwagen geladen, Kästen mit Bier- und Limonadeflaschen ins Haus geschleppt. Als endlich alles verstaut war, verschanzte sich Pepe in seiner Werkstatt und Lina schritt zum Ritual des Mate-Trinkens.

„Du, Lina, das Küken…“, weiter kam ich nicht.

Ein Auto mit Wohnanhänger fuhr den Weg vom Tor herauf, und Lina stürmte hinaus.

„Vier Erwachsene! Drei Tage!“ verkündete sie wenig später freudestrahlend und fiel dann, ehe ich etwas sagen konnte, nahtlos in das Klagelied mit dem Titel „Einkaufen mit Pepe“ ein.

„Ach war das schrecklich! Dieser fürchterliche Mensch hat das Geld wie immer mit beiden Händen hinausgeschmissen. Völlig hirnlos, sage ich dir. Hast du die Fleischberge gesehen, die er in den Eisschrank gestopft hat? Bei dieser Leber!“

„Welche Leber?“ heuchelte ich Interesse, um sie nicht zu kränken.

„Na, seine“, sagte Lina und deutete mit dem Daumen Richtung Werkstatt.

Ich nickte verständnisvoll, denn erst neulich lag Pepe, wie so manches Mal, kreidebleich und mit Bauchschmerzen im Bett, wobei Lina jedes mal routinemäßig eine Leberkrise diagnostizierte. Sie saß stundenlang am Leidenslager, hielt seine schwielige Hand und strich ihm zärtlich über die Stirn. Mit Hingabe kochte sie für den Sterbenskranken leichte Süppchen, die er verabscheute und flößte ihm bittere Tees ein. Es sei dahingestellt, ob es die leberwirksamen Stoffe der Kräuter waren oder die Abneigung gegen ihren gallebitteren Geschmack, Tatsache war, dass er jedes mal schnell auf die Füße kam.

„Natürlich, Lina, die Leber“, sagte ich und fügte schnell hinzu: „Das Küken…“

„Er wird sich eines Tages zu Tode fressen. Mir wird jedes mal speiübel, wenn ich sehe, wie hastig er mengenweise all das fette Fleisch in sich hineinstopft. Schau ihn doch an, wie er aussieht, grau, mager, abgetakelt, geradezu siech.“

Ich nickte und hakte rasch ein:.„Lina, wenn wir schon vom Tod sprechen…das Küken…“

„Ach ja, das Küken, wo ist es überhaupt?“ fiel sie mir ins Wort.

„Tot!“ sagte ich.

„Nee!“ sagte sie und fuhr sich mit der Linken durch das verstrubbelte Haar, wie immer wenn ihr etwas nahe geht.

Diesmal wurde die Schilderung des tragischen Ereignisses von einer Gruppe Mädchen verhindert, die lautstark ihre Ankunft kund tat. „Geschäft“, sagte Lina und setzte ihr kommerzielles Lächeln auf, als sie ins Freie eilte.

Ich stand am Fenster und beobachtete, wie Lina mit den Mädchen verhandelte, mit ihnen scherzte, mit einer Leichtigkeit, die ich niemals zuwege bringen würde. Plötzlich fuhr ich, aufgeschreckt durch ein durchdringendes „Piiiep“ herum, und sah den Geist des Kükens unter dem Tisch ein paar Kuchenkrümel aufpicken.

„Ja, aber…aber…“ stammelte Lina, die gerade wieder hereinkam. „Der Hahn ist doch tot.“

Behutsam hob sie das Federvieh auf den Tisch, wo es sich ärgerlich ihren Händen entwand, um sich auf einen Teller mit Keksen zu stürzen.

„Liebes, so wie der reinhaut, ist er quicklebendig und hungrig wie ein Löwe“, sagte sie.

„Ich schwöre dir, dass er tot ist. Mausetot und das schon seit Stunden.“

Wir schauten uns mit Leichenbittermienen an und brachen dann in schallendes Gelächter aus.

„Lazarus!“ riefen wir wie aus einem Mund.

So kam es, dass das Küken aufgehört hatte, ein namenloses Federvieh zu sein.

4

Lazarus hatte zwei Lieblingsplätze. Der eine war im Kamin, möglichst nahe dem Feuer oder direkt in der noch warmen Asche. Mehr als einmal roch es nach versengten Federn. Der andere Platz war zwischen Krügleins Pfoten. Dort genoss er mit geschlossenen Augen die, je nach Laune der Katze, sanfte oder heftige Massage mit der rauen Katzenzunge. Krüglein klemmte sich das Küken zwischen die kleinen Tatzen, leckte mit Hingabe über das Federkleid, knabberte hier am Flügel, dort am Hals und hätte, als Lazarus noch klein und namenlos war, das Hähnchen einmal dabei fast gefressen. Das markerschütternde Piepsen des Vögelchens rief in Windeseile verschiedene Helfer auf den Plan, die das Kerlchen den Fängen des gezähmten Raubtieres entrissen und dem Katzenkind ein paar überzogen.

Krüglein trug einen gehörigen Schrecken davon, zog sich stundenlang schmollend auf den Dachboden zurück und ließ fortan sehr viel Vorsicht walten im Umgang mit dem Flaumknäuel; das Küken hatte, obwohl ein winziges Blutströpflein sein Kleid verschmierte, bereits eine Sekunde später das Unheil vergessen, und fraß seinen Lebensrettern Brotkrümel aus der Hand.

5

Im zarten Alter von vier Wochen war Lazarus bereits uneingeschränkter Herrscher über Menschen und Tiere auf dem Campingplatz. Den Menschen luchste er die Leckerbissen mit List ab. Er piepste einschmeichelnd, legte den Kopf schräg und alle Herzen flogen ihm zu, die Leckereien hinterdrein. In hartnäckigen Fällen flatterte er auf die Bank und von dort auf den Tisch und nahm sich, wovon er glaubte, es stünde ihm zu. Es stand ihm einfach alles zu.

Als Pepe am Ende des Winters die Hühner angeschafft hatte, waren „Schatten“ und „Kleine“, die beiden Hunde, sofort vom Jagdfieber befallen worden, wovon Pepe sie mit mehreren Tracht Prügel nachhaltig heilte. Meist hielten sie zu Lazarus Abstand, schauten in eine andere Richtung, während er mit gleichgültiger Miene an ihnen vorüber stolzierte.

Es war meine Schuld, dass es eines Tages zum offenen Kampf zwischen Lazarus und den Hunden kam. Das Hähnchen hatte das Kinderkleid abgelegt und war unter die jugendlichen Rowdys gegangen. Von der Größe einer Taube, stellte das Handvoll Hähnchen immer noch nicht viel dar, aber seine Unverschämtheit übertraf haushoch seine Körpergröße.

Am Vorabend hatten wir eine Lammkeule gebraten, jetzt rief ich die beiden Hunde an die Küchentür. Wahrscheinlich waren sie mit wichtigen Dingen beschäftigt, denn sie kamen erst, als ich nicht mehr mit ihnen gerechnet hatte und bereits wieder am Küchentisch hantierte. Ehe ich ihren Einmarsch in die Küche verhindern konnte, waren sie schon schwanzwedelnd eingedrungen. Ich ermahnte die Plagegeister höflich, wieder zu gehen, aber für leise Töne waren ihre Ohren taub und für laute fehlte mir, angesichts ihrer Körpergröße und ungezügelten Temperaments, der Mut. Um sie abzuwimmeln, holte ich die Keule aus dem Kühlschrank, in der Absicht sie aus der Tür zu werfen, aber die Bestien bedrängten mich dermaßen, dass ich, weil mir meine Haut lieb war, den Knochen auf den Küchenboden fallen ließ. Beide warfen sich auf die Beute, an der noch reichlich Fleisch hing.

Im gleichen Moment stürzte, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, der flügelschlagende Lazarus auf den Schauplatz. Ein paar rasche, gezielte Hiebe auf die empfindlichen Hundenasen und die zweimal dreißig Kilo Hund wichen verblüfft zurück. Diese kleine Unsicherheit nutzte der Held, um sich über die Fleischfetzen herzumachen. Wie die Miniaturausgabe eines Geiers hockte er auf dem Knochen und hackte rabiat auf das Fleisch ein. Nachdem sich die Hunde vom Schreck erholt hatten, schritten sie zur Rückeroberung ihres rechtmäßigen Eigentums. Zögernd schoben sie ihre Schnauzen immer näher, woraufhin das Hähnchen seine beachtlich wirkungsvolle Drohhaltung einnahm, was die beiden Vierbeiner unverzüglich zu Salzsäulen erstarren ließ.

Schließlich wurde es „Schatten“ zu dumm. Er packte den Knochen, mitsamt dem Hähnchen darauf. Dieses, anstatt zu fliehen, pickte ihm die Nase blutig, woraufhin der Knochen, samt dem sich daran festgeklammerten Göckelchen, zu Boden fiel. Sekundenbruchteile kämpfte Lazarus mit dem Gleichgewicht, während die Hunde die Stätte ihrer Niederlage mit eingezogenen Schwänzen verließen. Das Hähnchen verhielt ein paar Atemzüge lang stolz auf seiner Beute, verlor plötzlich das Interesse daran und begab sich auf einen Spaziergang unter die Nussbäume.

6

Wir hatten es bald aufgegeben, das Hähnchen aus dem Blockhaus fernzuhalten. Erstens gelang es uns sowieso nicht und zweitens hatte es uns bald davon überzeugt, dass seine Qualitäten als Ohrwurmvernichter die Nachteile eines Hühnerschißchens hier und eines Hühnerschißchens dort bei weitem ausglichen. Eines Tages schnitt ich einen Apfel auf und aus dem Kerngehäuse heraus fielen zwei dieser scherenbewehrten Biester, ließen sich geschwind aus luftiger Höhe zu Boden fallen und ehe sie sich versahen, hatte Lazarus sie vom Erdboden vertilgt. Jetzt ging mir ein Licht auf: Deshalb gab es in der Küche fast keine Ohrwürmer, Lazarus hatte sie alle auf dem Gewissen.

Ich trug Lazarus zu unserem Zelt, klappte alle Seitenteile hoch und stellte Schuhe und Rucksäcke beiseite. Überall wimmelte es von Ohrwürmern, die überrascht das Weite suchen wollten. Das Küken beförderte mit unglaublicher Geschwindigkeit und Gründlichkeit das bei uns logierende Ungeziefer in seinen Magen hinein. Von da ab fand sich Lazarus täglich am Zelt ein, pickte hier und da, scharrte ein bisschen in der Gegend herum und machte den Ohrwürmern das Leben schwer, woraufhin diese es vorzogen, das Feld zu räumen. Nur noch ganz selten verirrte sich eines dieser Biester in unsere Sachen.

Aus dem süßen Küken wurde allzu schnell ein gewalttätiger Bursche, der er auf dem Campingplatz nicht mehr tragbar war. Als der Sommer sich dem Ende neigte, klemmte sich Lina eines Tages den störrischen Hahn unter den Arm und brachte ihn dem Mestizen, dessen Hennen schon lange auf einen Gockel warteten.