no problem - kannste eh nix machen

Angelika Unseld · Kapitel 9 von 15

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no problem - kannste eh nix machen

Neuntes Kapitel

 

1

Die erste Zeit in Los Abedules schien die Sonne und tagsüber war es schon recht warm. In den sternklaren Nächten jedoch wälzten sich Fröste von den schneebedeckten Bergen hinab in das blühende Tal. Fast alles Obst erfror. Die Nußbäume auf dem Campingplatz bekamen schwarze Blattspitzen. Morgens glitzerte innen an den Zeltwänden Rauhreif.

Mein Willi war von der ungewohnt schweren körperlichen Arbeit abends fix und fertig und schlief sofort erschöpft ein, wachte aber nachts ein um das andere Mal völlig durchgefroren wieder auf. Ich lag stundenlang wach und schlotterte vor Kälte in meinem Schlafsack. Ich zog mir den Anorak über den Schlafanzug; ich bewegte unablässig die Beine, die Füße, die Zehen; manchmal stand ich auf, um einige Runden auf der Wiese zu rennen. Die Nächte schienen endlos. Ein Wunder, dass wir nicht einmal einen Schnupfen bekamen.

Wann kommen endlich unsere Pakete mit Wollstrumpfhosen und Federbetten?

Jede Minute, die ich erübrigen konnte, kniete ich in meinem Gärtchen und zerkrümelte von Hand die schwere, nasse Erde, die mein Willi herbei karrte. Angesichts unserer finanziellen Lage wagten wir es nicht, unser Geld für Spaten, Harke oder Rechen auszugeben. Trotzdem entstand allmählich ein ganz ansehnliches Viereck mit schwarzer Erde. Es war schon weit über Mitte November und allerhöchste Zeit zum Säen, wenn ich in diesem Sommer noch irgendetwas ernten wollte. Ach, hätte ich jetzt meine Bücher und Notizen gehabt!

Was eignet sich überhaupt, um zu dieser Zeit gesät zu werden?

In der Samenhandlung drängelten sich die Kunden am Ladentisch und zwischen den Tonnen mit Sämereien und Tierfutter. In brechend vollen Käfigen kauerten neugeborene Küken unter einer Rotlichtlampe, in anderen lagen junge Hasen, dösten zwei Welpen, glotzte eine Schildkröte. Von der Decke hing Sattelzeug, an den Wänden Sägen und Mistgabeln und eine Fülle mir völlig unbekannter Dinge. Ein junger Mann füllte das Saatgut aus großen Dosen in kleine Tütchen, wickelte vier Hufeisen in Zeitungspapier, die passenden Nägel dazu, notierte die Bestellung von tausend Meter Draht und kratzte sich, sobald er eine Hand frei hatte, den Nacken. Die Verkäuferin flatterte wie ein aufgescheuchtes Huhn aufgeregt hin und her, gackerte hier, gackerte dort, riß Schubladen auf, wühlte in den Regalen herum und sorgte allenthalben für Verwirrung. Sie schrieb die Rechnungen und kassierte. Daraus und weil man sie nicht wegen Untauglichkeit längst entlassen hatte, schloß ich, dass sie die Chefin sei.

Fieberhaft versuchte ich, Ordnung in meine Gedanken zu bringen und mich zu entscheiden, was ich säen wollte. Viel zu schnell kam die Reihe an mich.

„Señora, was möchten Sie?“

Ich zeigte wahllos auf verschiedene Gemüse- und Salatsorten.

„Wieviel brauchen Sie?“ fragte mich der Verkäufer.

In meinem ganzen Leben hatte ich niemals gesät oder Samen gekauft und überhaupt keine Vorstellung, welche Menge man pro Quadratmeter rechnet. Ich schaute ratlos von einem zum andern. Der Verkäufer wandte sich dem nächsten Kunden zu, füllte Mais in einen Sack, suchte im Regal nach einem Mittel gegen Parasiten, gab Auskunft über Mastfutter, während in meinem Kopf die Gedanken durcheinander purzelten. Schließlich erbarmte sich der Verkäufer meiner und fragte mich: „Wie viele Hektar hat denn die Anbaufläche?“

„So fünf Meter auf zehn Meter“, antwortete ich verlegen.

Ohne eine Miene zu verziehen legte er mir mehrere Päckchen mit jeweils zehn Gramm Samen hin, packte mir ein halbes Pfund schrumpeliger, getrockneter Erbsen ein und kassierte ein Vermögen.

Eine halbe Stunde später stand ich vor meinen Beeten, unentschlossen wohin ich die verschiedenen Sachen säen sollte, denn immerhin hatte ich noch im Gedächtnis, dass nicht alle Pflanzen sich vertragen. Aber wer war Freund oder Feind des anderen? Welchen Abstand brauchten sie, um sich entfalten zu können? In welcher Tiefe wollten sie aus dem Schlaf erwachen? Alles vergessen. Ein paar mal darüber zu lesen, hatte eben nicht gereicht.

Ich setzte mich ratlos in den Schubkarren und ließ die Beine baumeln. Ach Oma, hätte ich dir öfter in deinem Garten geholfen, dann stünde es besser um mein Wissen über die uralten Geheimnisse der Aussaat. Jetzt ist es zwanzig Jahre zu spät. Längst bist du zur Erde zurückgekehrt und schaust vielleicht aus höheren Gefilden kopfschüttelnd auf mich herab.

Schließlich, um überhaupt eine Einteilung zu haben, sortierte ich die Samenpäckchen alphabetisch nach ihren Namen. Dann begann ich auszusäen. Ich machte tiefe Rillen und verteilte die Saat großzügig darin. Schon bald waren alle Tütchen leer, obwohl ich kaum ein Drittel der Beete damit gefüllt hatte. Sofort schwang ich mich auf mein Fahrrad, radelte in die Samenhandlung und kaufte doppelte Menge Nachschub.

Nur wenige Tage später lugten die ersten grünen Spitzen der Erbsen aus dem Boden. Wenig später der Salat, der bald darauf, wie von Zauberhand, wieder verschwunden war.

„Schnecken!“ stellte Herr Kain die Anhiebsdiagnose und befahl: „Nachsäen!“

Ich säte nach und freute mich einstweilen am üppigen Wachstum der Erbsen.

Als ich eines Morgens auf unser Grundstück kam, hörte ich meinen Willi schon aus der Ferne unartikulierte Schreie ausstoßen, und dann sah ich ihn, wie er, mit einem großen Stock bewaffnet, ein paar Ochsen aus meinem Gemüsegarten zu vertreiben versuchte. Die Viecher stierten meinen grausig brüllenden Willi stumpfsinnig an und brüllten dann ihrerseits zurück, bevor sie gemächlich über die Wiese davon trotteten. Den einfachen Drahtzaun, den Paul um das Grundstück gezogen, hatten sie niedergerissen, die meisten Erbsenpflanzen gefressen; der Rest lag zertrampelt am Boden. Mir brach das Herz.

„Nachsäen!“ befahl Herr Kain.

Ich säte nach.

Mein Willi schälte 22 zweieinhalb Meter lange Stämme, bestrich den unteren Teil dick mit Teer und setzte sie als Zaunpfosten. Acht Linien Draht wurden gezogen, ganz oben Stacheldraht, ganz unten auch und im unteren Drittel eine weitere Reihe. Mein Willi war nach hundert Metern zwar noch kein Experte, hatte aber gelernt, mit einfachsten Mitteln einen Zaun zu ziehen.

„Schau!“ sagte er und tippte mit den Fingern auf die Drähte. „Stramme Sache, was?“

2

Herr Kain verkaufte mir Tomatenpflanzen, die ich eigentlich gar nicht haben wollte, denn auf den Beeten war kein Platz mehr dafür da.

„Roden!“ bellte er meinen Willi an, der eh schon nicht mehr wusste, wo ihm vor Arbeit der Kopf stand und drückte ihm den mitgebrachten Spaten in die Hand.

„Rigolen!“ schnauzte Herr Kain.

Haben Sie schon einmal schweren, lehmigen Boden in Windeseile auf doppelte Spatenstichtiefe umgraben müssen? Die nasse Erde haftet am Spaten und klebt zäh an den Schuhsohlen. Mein Willi stach eine Rasensode ab, hob einen Spatenstich aus, noch einen Spatenstich tiefer und legte dann die Rasensode umgedreht in das Loch, legte den nächsten Spatenstich darauf und so weiter. Der Schweiß lief ihm über das Gesicht, das Hemd klebte am Rücken. Er zerschlug die Erdbatzen so gut es ging; ich kroch neben ihm her und zerkrümelte die Erde mit den Fingern. Herr Kain stand den halben Nachmittag dabei, die Hände in die Hüften gestützt und kontrollierte, ob mein Willi die 10 Quadratmeter auch wirklich rigolte.

Im letzten Abendlicht ging ich mit einer Plastiktüte über die Wiese und sammelte vertrocknete Pferdeäpfel ein, in dem Glauben, sie seien ein hervorragender Dünger. Ich wusste nicht, dass der Regen die meisten Nährstoffe längst herausgewaschen hatte. Sie waren nicht viel mehr, als geballte Ladungen Unkrautsamen. Ich pflanzte die 13 Tomatenpflänzchen, goß sie sorgfältig an, wie es Herr Kain befohlen hatte, und tat noch ein Übriges, als ich die Pferdeäpfel um die Pflänzchen legte. -

Eine Woche später waren sie erfroren.

Eines Tages lugten die Möhren aus der Erde.

„Auslichten!“ kläffte Herr Kain, nachdem er mir lautstark und völlig außer sich erklärt hatte, dass ich viel zu viel Samen „hingeschmissen“ hätte.

Ich kniete nieder und lichtete aus. Mehrere Vormittage hindurch kauerte ich zwischen den Beeten und lernte, wie zeitraubend es ist, wenn man zu viel Samen in die Furchen wirft und nachher 90 Prozent der Pflänzchen wieder herausreißen muss.

Auf vielen Beeten wucherte nur Unkraut, das ich aber anfangs nicht als solches erkannte. Ich ließ es wachsen, im Glauben es handle sich um Wirsing, Lauch und Sellerie. Herr Kain regte sich furchtbar auf über mein Unwissen. Er schrie im Garten herum, fuchtelte wild mit den Armen und stolperte vor Aufregung erst über meinen Eimer, Sekunden später über eine vom Gras bedeckte Vertiefung im Boden und schließlich über ein Drahtstück, das er aufhob und schwungvoll hinter sich warf, nur um wenige Minuten später, bei seinem temperamentvollen Abgang, erneut über das gleiche Drahtstückchen zu stolpern. Sein Vorrat an Flüchen war nicht besonders abwechslungsreich, dafür aber unbeschreiblich unflätig.

Tags darauf kam er mit einem Korb voller Pflänzchen. Er brachte eine Harke mit und ließ mich die Beete vom Unkraut säubern. Offenbar hatte ich an manchen Stellen den Samen so tief vergraben, dass einfach nichts aufgehen konnte. Er zeigte mir, wie ich den Salat, den Lauch und Kohl pflanzen musste. Wenn er auch kräftig dafür abkassierte, so ist es dennoch Herrn Kain zu verdanken, dass wir im späten Sommer ein paar Salate und Gemüse ernten konnten, und vor allem, dass ich schnell ein paar sehr nützliche Dinge über Gartenbau lernte.

3

Das Wetter wurde sehr unbeständig. Sonne und Regen wechselten schnell. Alle sagten: „El Niño.“ Das ist eine Meeresströmung, von der das Wetter in Südamerika entscheidend geprägt wird. Eines sonnigen Tages blies ein trockener, warmer Wind aus Norden, der immer stärker wurde und in der darauf folgenden Nacht zu einem Sturm anwuchs. Als wir morgens zu unserem Haus radelten, beutelte uns der Gegenwind. Keuchend traten wir in die Pedale. Ein paar Mal kamen die Böen so stark, dass wir die Räder, in den Wind gebeugt, schieben mussten. Über den Bergen ballten sich Wolken zusammen. Nachmittags war der Himmel grau.

Zuerst lackierte ich die Baumstämme, die mein Willi die letzten Tage bearbeitet hatte, aber ich gab es bald auf, denn zu viel Staub war in der Luft.

Bautista und seine Jungs stiegen vom Gerüst und arbeiteten innen im Haus; mein Willi schälte mit flatterndem Hemd und Hose seine Stämme. Eine Nachbarin hatte mir ihre Hacke geliehen, und ich harkte und jätete meine Salat- und Gemüsebeete. Der Sturm nahm zu. In den Böen musste ich mich fest auf den Stil der Hacke stützen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Große Staubwolken wirbelten über das Land und das Brausen in der Luft verdichtete sich mehr und mehr. Die Windstöße kamen so hart, dass ich mich schließlich lieber hinkniete, um Energien zu sparen. Ich ließ das Harken, kroch stattdessen auf allen Vieren um das bepflanzte Geviert und riß das Gras und den kriechenden Hahnenfuß, die sich verschworen hatten, das verlorene Land zurückzuerobern, von den Rändern ab.

Am späten Nachmittag brach das Inferno los. Ich kauerte zunächst wie angewurzelt am Boden und sah, wie eine Windhose links das Tal entlang kam. Staub, Kies, Blätter und Zweige stiegen in den Himmel. Ein Teil der Pappelreihe, die unweit vom Haus das Tal quer durchschnitt, fiel mit scharfem Knallen und Splittern um wie Spielzeug. Ich sah mit Entsetzen, wie die Bretterbude, die einem Nachbarn als Werkstatt diente, ein Stück senkrecht in die Höhe gehoben wurde, dann zurückfiel, während das Dach über die Wiese geradewegs auf mich zugerollt kam, auf halber Strecke aber in mehrere Einzelteile auseinanderbrach, die teils auf die Wiese stürzten, teils nahe an unserem Haus vorbei trudelten. Ich wollte aufspringen und weglaufen. Da krachte es nur wenige Meter neben mir. Eine mächtige Tanne knickte um wie ein Streichholz und riß einen Teil der verhaßten Nachbarsmauer ein.

Dann war der grausige Spuk vorbei. Ich hätte nicht zu sagen gewußt, ob sich alles in Sekunden, Minuten oder Stunden abgespielt hatte. Ich kniete immer noch auf der Erde, hatte die Hände vor das Gesicht geschlagen und zitterte am ganzen Leib, als mein Willi heran gestürzt kam und mich in die Arme schloß.

„Geli, du musst auf den Campingplatz und nach dem Zelt sehen“, sagte er.

Das Zelt! Mir wurde ganz flau im Magen.

„Niemals, Willi, das ist bestimmt davon geflogen. Ich trau mich nicht hin.“

„Mach keinen Quatsch!“ sagte mein Willi unwirsch. „Man muss danach sehen. Jetzt geh. Du kannst gleich dort bleiben.“

„Ich trau mich nicht durch das Dorf. Und wenn ich unterwegs von einem Baum erschlagen werde? Hier ist es wenigstens sicher.“

Ich blieb da. Mein Willi ärgerte sich. Er machte an diesem Tag bald Feierabend, denn er war beunruhigt, was wohl aus unseren vier Wänden geworden war.

Beklommen bogen wir auf den Campingplatz ein. Auf den ersten Blick schien alles in Ordnung, dann sahen wir, dass kaum dreißig Meter von unserem Zelt entfernt eine hohe Pappel auf den Feldweg gefallen war, der draußen hinter dem Zaun vorbei führte.

Das Zelt? Ganze Gebirge fielen mir vom Herzen, als ich es sah. Es stand da, als sei überhaupt nichts geschehen.

Viele Häuser waren an diesem Tag schwer beschädigt worden, Dächer abgedeckt, Bäume stürzten im Ort und der Umgebung. Wir waren mit dem Schrecken davongekommen. Nur um wenige Meter sind wir jeweils der Zerstörungswut der Windhose entronnen.

4

In dieser Nacht tat ich kein Auge zu, denn der Sturm tobte in kurzen Abständen bis zum Morgengrauen weiter. Angespannt lauschte ich auf das Tosen in der Luft und horchte, wie die Bäume unter dem Ansturm der „wilden Jagd“ quietschten, kreischten und knackten. Schließlich hielt ich es vor Angst nicht mehr aus.

„Willi, komm wir gehen in das Klohäuschen. Das hat wenigstens feste Wände.“

Mein Willi gab keine Antwort und rührte sich auch nicht.

„Willi, ich habe Angst. Komm laß uns gehen“, sagte ich und schüttelte ihn. Er drehte sich wortlos auf die Seite.

„Willi, wenn uns ein Baum erschlägt…“

„Hör auf!“ schrie er mich unvermittelt an und setzte sich auf. „Soll er uns doch erschlagen, dann hätte ich wenigstens meine Ruhe. Von früh bis spät schufte ich, alles tut mir weh, und zum Fressen kriege ich täglich trocken Brot. Tagsüber schwitze ich wie ein Schwein. Nachts klappern mir vor Kälte die Knochen. Kain labert mich den ganzen Tag dämlich an. Die Arbeiter ziehen mir kaltblütig das Geld aus der Tasche. Und jetzt will ich schlafen! Hörst du: s c h l a f e n! Den ganzen Scheiß für ein paar Stunden vergessen! Aber nein, du willst mit mir aufs Klohäuschen. Mach mich doch nicht wahnsinnig! Geh doch allein!“

Ich schluchzte: „Ohne dich gehe ich nicht. Glaubst du ich will sehen, wie dich ein Baum erschlägt?“

„Mensch Geli“ brüllte er mit dem Wind um die Wette. „In der Richtung, aus welcher der Wind kommt, steht im Umkreis von fünfzig Metern kein einziger Baum. Und jetzt hau ab oder halt die Klappe.“

Ich verkroch mich in die Tiefen meines Schlafsackes. Jedes Wort, das er mir entgegen geschleudert hatte, war ja wahr. Was hatten wir uns da bloß eingebrockt!

Trotzdem, was konnte ich dafür, dass ich meinem Willi wirklich bloß ein Stück trockenes Brot mit einem Joghurt oder einem harten Ei als Vesper auf die Baustelle mitgeben konnte? Manchmal bekam ich altes Brot, das billiger war, als das frische, dann gab ich ihm einen Liter Milch dazu, um es darin einzuweichen. Mein eigener Speiseplan sah noch schlechter aus.

Unsere finanzielle Lage war fürchterlich. Täglich bekamen wir weniger argentinische Australes für unsere Dollar, während die Preise gnadenlos stiegen. Allein durch den ungünstigen Wechselkurs hatten wir seit unserer Abreise aus Deutschland schon 20 Prozent unseres Kapitals eingebüßt.

Um diese Jahreszeit gab es praktisch kein Obst und kein Gemüse, und ich freute mich wie ein Schneekönig, als Herr Kain uns zwei Mal eine Tüte Radieschen verkaufte. Die Blätter schnitt ich klein und belegte die Butterbrote fingerdick damit. Mein Heißhunger nach Grünzeug trieb mich an die Bachränder und in den kleinen Tannenwald, der den dritten Teil des Campingplatzes einnahm, auf der Suche nach Eßbarem, und ich verwünschte meine Unaufmerksamkeit, als wir in der Heilpraktikerschule mit einem Apotheker einen Spaziergang über die Fluren gemacht hatten, um eßbare Wildpflanzen und Heilkräuter zu bestimmen. Gar nichts, aber auch gar nichts war hängen geblieben. Ich pflückte Löwenzahnblätter, die aber schon recht hart und sehr bitter waren und machte mit Zwiebeln einen Salat daraus. Er schmeckte fürchterlich und selbst der Hinweis auf lebenswichtige Vitamine und Mineralien konnte meinen Willi nicht dazu bewegen, dieses Zeug zu essen.

Ich lechzte förmlich nach Obst, Gemüse und Salat, die bis dahin die Basis unserer Ernährung gewesen waren. Ich hätte meine Seele für eine Quarkspeise mit Erdbeeren gegeben, aber Quark gehörte mit seinem Kilopreis von fast 10 Mark auf die Liste der unerreichbaren Köstlichkeiten, von den Erdbeeren ganz zu schweigen. Ich ging ratlos die Regale des Supermarktes auf und ab. Alles was wir in Deutschland zu essen gewöhnt gewesen waren, war hier einfach unerschwinglich geworden. Ich wusste nicht, mit was ich unsere Mägen füllen sollte.

Wollten wir etwas Warmes in den Bauch bekommen, musste ich ein Lagerfeuer machen. Ich kochte ein paar Kartoffeln mit Möhren und schnitt ein kleines Würstchen hinein oder bereitete Nudeln mit Öl und Knoblauch. Selbst das Abgießen des Nudelwassers war schwierig, denn ich hatte keinen Deckel zum Topf. Mehr als einmal landete die Hälfte der Nudeln im Gras, und wir sammelten sie Nudel für Nudel wieder zusammen. Wenn es regnete oder der Wind zu stark blies, war an kochen überhaupt nicht zu denken.

Mein Willi schrie vergeblich nach Schwarztee und Kaffee. Ich sammelte Minze im Garten. Das Gebräu schmeckte nach dem Rauch des Lagerfeuers, war scheußlich und eigentlich ungenießbar. Wir tranken es mit Todesverachtung und ohne Zucker (den hatten die Ameisen gefressen) aus Joghurtbechern.

Unsere Kücheneinrichtung war die gemauerte Feuerstelle mit einem etwas schiefen Rost, den wir aus Drahtabfällen fabriziert hatten, auf dem ich mein einziges Töpfchen, jenes aus der Zeit unserer Trekking-Tour durch Patagonien, über das Feuer stellen konnte. Neben unserem Zelt standen ein Tisch und eine Bank aus Holz. Ich schrubbte die Tischplatte mit einer Wurzelbürste und Kernseife. Fortan war er uns Tisch, Schneidebrett und Teller in einem. Dies, ein gutes Taschenmesser, ein einziger Löffel, ein paar leere Joghurtbecher und einige saubere Plastiktüten stellten in den ersten Wochen unseren gesamten Hausrat dar. Die Baustelle fraß sich gierig in unser schwindendes Kapital, und es bestand keine Aussicht, unseren winzigen Hausstand zu vergrößern. Alles in allem war das für uns Wirtschaftswunder- Kinder eine harte Lehrzeit.

Allmählich lernten wir, die wir aus einer Wegwerfgesellschaft kamen, gar nichts, aber auch gar nichts mehr wegzuwerfen. Alles könnte irgendwann einmal gebraucht werden. Bautista war unser erster Lehrmeister. Mein Willi fand hinten im Garten einen alten Fahrradschlauch, den er in den Müllsack steckte. Am anderen Morgen lag er sorgfältig zusammengewickelt und mit einem Stück Schnur umwunden im Schuppen.

„So etwas wirft man nicht weg“, sagte Bautista vorwurfsvoll. „Es ist nützlich für tausend Dinge.“

Wir konnten uns das damals nicht vorstellen, dennoch hörten wir auf ihn. Bald darauf hatten wir unseren ersten Anschauungsunterricht in aktivem Recycling. Bautista zerschnitt den Schlauch in schmale Streifen und legte diese zwischen die Deckenbalken und die Bodenbretter im Obergeschoß.

„Dann knarrt der Boden nicht“, sagte er.

5

Am Morgen nach der Sturmnacht regnete es, und auf den Bergen lag Neuschnee bis auf achthundert Meter. Mein Willi machte sich verdrossen zur Baustelle auf, während ich den halben Vormittag einfach liegen blieb. Ich fühlte mich jämmerlich, einsam und alles erschien mir völlig sinnlos. Im Kopf schlugen Schmiedehämmer gegen die Schädeldecke, über meine Knochen war ein Lastwagen gefahren, und ich fröstelte, als wenn ich Fieber hätte. Ich wollte nie, nie wieder aufstehen.

Zunächst ließ ich mich gewähren, immerhin hatte ich eine schreckliche Nacht hinter mir. Dann trat ich in Verhandlungen mit mir selber, die am späten Vormittag soweit gediehen waren, dass ich aufstand und ins Dorf radelte, um ein paar Besorgungen zu machen. Ich konnte schließlich nicht den ganzen Tag herumliegen, Trübsal blasen und Elend geigen.

Auf dem Postamt lag ein Brief für mich, von meinem Onkel Hans. Der allererste Gruß aus der Vergangenheit. Mein erster Impuls: Gleich hier lesen. Dann: Schnell zurück ins Zelt, wo ich meine Ruhe habe. Auf halbem Weg hielt ich es nicht länger aus. Ich drückte mich mit meinem Fahrrad, vor dem Regen Schutz suchend, in eine Mauernische und riß mit klammen Fingern den Umschlag auf.

Mein Onkel erzählte mir von Tante Anna, der Gäßles-Bäuerin, auf der Schwäbischen Alb. Sie war alt geworden. Der alte Gäßles-Bauer hatte einen Schlaganfall gehabt, und es war nicht mehr viel mit ihm los. –

Wie oft war ich als Kind zu Besuch im Gäßle! Die zwei Buben, das Mädle und ich krochen auf den dämmerigen, duftenden Heuboden und spielten, je nach unseren moralischen Gelüsten, „Doktorles“ oder „Gottesdienst“. Ich fühlte meine Berufung damals schon im medizinischen Bereich, und wohlig schaudernd ermittelten wir selbst in den anstößigsten Regionen unseres Fleisches die anatomischen Einzelheiten.

Während wir drei anderen einen starken Zug zur Fleischeslust hatten, drängelte das Gerhardle immer auf Buße. Er war der Priester, und wir beugten uns seiner geistlichen Autorität. Mit Vorliebe ließ er seine Gemeinde Lieder zum Gedächtnis der Entschlafenen singen, bis wir völlig heiser waren. Manchmal erhellte ein Sonnenstrahl, der durch eine Ritze in der Bretterwand fiel, seine ergreifende Predigt über die Vergänglichkeit allen Fleischlichen und tausend silbrige Stäubchen tanzten auf der goldenen Bahn.

Vom Obstgarten aus lugten wir durch die dreckverschmierten Fenster in eine kleine Fabrik, die Zementplatten herstellte. Gewöhnlich war ich am Wochenende, auf dem Gäßles- Hof zu Besuch, und kein Mensch war in der Fabrik. Wir johlten unflätiges Zeug durch ein Loch in einer der Fensterscheiben und rülpsten was das Zeug hergab. Es hallte großartig. Eines Abends, es war schon fast dunkel, trat ein großer, kräftiger Mann mit schwarzem Kraushaar hinter einer Lore hervor.

„Der Teufel! “ kreischten die Buben, und wir stoben in alle Winde davon. Zitternd flüchtete ich mich in den Kuhstall. Ich flitzte durch die schmale Gasse, die rechts und links von den mahlenden Mäulern der Kühe gesäumt wurde. Plötzlich packte etwas meinen Rock und riß mich hart zurück. Ich schrie und warf mich nach vorn und entkam so mit knapper Not. Zeter und Mordio schreiend sauste ich aus dem Stall über den Hof.

„Mach mr meine Viecher net verruckt!“ sagte barsch der Bauer, der mich am Arm faßte und meine Raserei bremste.

„Dr Deifel hot me packt!“ stieß ich atemlos hervor.

Ich bekam zwei Ohrfeigen.

„Oina isch fers liaga ond de ander weil du dir dei schees Reckle hegmacht hosch, du elendigs Mensch“, sagte er und zeigte auf meinen Rock, in dem hinten ein langer Riß klaffte. –

Dem Vetter Albrecht hatte man den Führerschein entzogen. Wann würde der Saukerle endlich gescheit? Bloß gut, dass er erwischt wurde, bevor etwas passierte. Und die Tante Gretel läßt ausrichten: Mädle, auch wenn Du in weiter Ferne bist, darfst Du nicht vergessen, dass Du bei uns immer ein Bett hast und eine Heimat. Es gibt nichts schlimmeres, als in der Fremde heimatlos zu sein. Du darfst dich niemals heimatlos fühlen.

Tropfen kullerten mir die Wangen hinab. Waren es Regentropfen oder Tränen? Ich legte den Brief zusammen und schob ihn in meine Anoraktasche. Für ein paar Augenblicke hatte ich Kälte und Einsamkeit vergessen, das Kopfweh nicht mehr gespürt. Ich schob mein Fahrrad den Gehweg entlang und dachte: Warum habe ich, als ich noch in Stuttgart lebte, diese lieben Menschen nicht öfter besucht? Jetzt liegt ein ganzer Kontinent und ein Ozean zwischen mir und dem Kuhnest auf der Schwäbischen Alb, wo ich jetzt gerne, und wäre es nur für eine Stunde, am Tisch sitzen möchte und einfach nur zuhören, den kleinen, vielleicht unbedeutenden Geschichten, die das Leben ausmachen und deren Protagonisten mir von Kindesbeinen an vertraut sind. Aber ich war hier. Weit fort.

„Hallo Geli!“ riß mich Richards Stimme aus meinen Gedanken. „Du siehst aus, wie eine Katze, die man versucht hat zu ersäufen.“

„Gerade so fühle ich mich auch.“

„Weißt du was? Steig ein, ich nehme dein Rad hinten drauf. Die Erna hat eine warme Küche und einen heißen Kaffee.“

Wenige Minuten später saß ich in der warmen Küche und schlürfte den heißen Kaffee.

„Na siehst du“, sagte Erna, „jetzt sieht die Welt schon wieder besser aus. Ich sage immer, eine gute Tasse Kaffee ist eine Gabe Gottes und wirkt Wunder.“

Später schob sie mir einen Teller Eintopf hin. Ich blieb den ganzen Nachmittag und spielte mit Markus, dem Enkel, der gerade in seinem Laufstall das Stehen übte. Während Erna und Richard irgendwo im Haus rumorten, krähten und lachten wir zusammen, bis das Kerlchen darüber erschöpft einschlief. Da lag er friedlich auf dem Bauch, eine Faust in den Mund gesteckt und kümmerte sich einen Dreck um seine Zukunft. Ich schaute dem Auf und Ab seines Atems lange zu, trat dann leise an das Fenster und blickte, am Kirschbaum vorbei, auf den „Der in den Wolken träumt“.

Der Regen hatte nachgelassen, und die Wolken hatten sich ein wenig gelichtet. Ein flüchtiger Strahl der sich neigenden Sonne fiel auf die Zacken des Massivs, die mit Neuschnee überpudert waren. Nur kurz leuchteten die Spitzen golden auf und dann war alles wieder grau. Trotz allem was mich bedrängt hatte, fühlte ich einen warmen Strom durch mein Herz ziehen und dachte, solange es noch irgendwo in der Welt warme Küchen gibt und Tische an denen Menschen sitzen, die dir einen Teller hinschieben und ein Stück ihres Herzens dazu, solange bist du niemals wirklich verloren.

6

Mein Willi war täglich von früh bis spät auf der Baustelle. Ich war, besonders morgens, oft mit Herrn Kain unterwegs, um Material zu besorgen. Wir klapperten die Sägereien der ganzen Umgebung ab und bekamen nirgends abgelagerte, trockene Bretter für den Fußboden des Obergeschosses und die Decke. Wir mussten nehmen, was es gab und bezahlten es obendrein teuer.

Mein Willi und ich hatten in Deutschland ganz genaue Vorstellungen gehabt, mit welchen Materialien wir unser Haus bauen wollten. Alles sollte baubiologisch unbedenklich sein. Die Realität sah ganz anders aus. Obwohl es mehrere Geschäfte gab, die mit Baustoffen handelten, bekamen wir nicht, was wir im Sinn hatten. Es blieb uns keine Wahl, wir mussten akzeptieren was machbar war. Kein Mensch sprach mehr von gestampftem Lehmboden oder einer transportablen Latrine. Niemand war in der Lage, uns ein Grasdach zu machen. Ja, wir dachten nicht einmal mehr daran, dass wir das alles einmal in Erwägung gezogen hatten. Für uns gab es nur ein einziges Ziel: Im Herbst musste das Haus bezugsfertig sein, egal ob baubiologisch unbedenklich oder nicht. Hauptsache ein Dach über dem Kopf.

In der ersten Zeit mussten fast täglich Behördengänge gemacht werden. Ich war froh, dass Herr Kain mich oft dabei begleitete, denn ich wusste nicht, wo die verschiedenen Institutionen ihre Büros hatten. Der Trinkwasseranschluß musste beantragt werden, der Anschluß an das Stromnetz, dafür mussten wieder Papiere herangeschafft werden, die uns als Besitzer auswiesen, Papiere, die bewiesen, dass wir alle Steuern und Abgaben bezahlt hatten, Papiere, Papiere… Bei dieser Gelegenheit stellten wir fest, dass weder Paul, noch die Witwe García, noch der verstorbene Gatte jemals Steuern bezahlt hatten, und nun wir dafür geradestehen mussten.

„Ich verstehe das nicht“, sagte ich zu der jungen Angestellten der Stadtverwaltung, die mich mit unschuldigem Augenaufschlag ansah. „Beim Verkauf müssen doch alle Schulden bezahlt sein.“

Sie zuckte mit den Schultern.

„Das hätte sich der Notar von uns bescheinigen lassen müssen“, sagte sie und legte mir, wieder mit unschuldigem Augenaufschlag aus nußbraunen Augen, die Rechnung mit Zins und Zinseszins vor.

Wutschnaubend radelte mein Willi zu der Witwe García und stellte sie zur Rede. Ein gequältes Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie sagte:

„Ich habe von nichts gewußt.“

Er strampelte, was die Pedale hergaben, zum Notar. Dieser ließ meinen zornigen Willi erst eine halbe Stunde warten, um ihm dann ausrichten zu lassen, dass er keine Zeit habe. Im Übrigen sei die Sache für ihn erledigt und bei der Witwe García eh nichts zu holen. Wollten wir Strom- und Wasseranschluß, blieb uns nichts anderes übrig, als diese Schulden zu bezahlen. Wir griffen dafür sehr, sehr tief in die Tasche. Trotzdem wäre doch noch fast alles gescheitert. Der graumelierte Pockennarbige auf dem Wasserwerk sagte:

„Wenn Sie mehr als 60 Meter von der Straße weg sind, geben wir kein Wasser.“

Wir hatten Glück. Es waren 59 Meter. Mein Willi schaufelte wie ein Maulwurf den Graben zwischen den Weiden hindurch bis zur Straße. Ein Schlauch wurde gelegt. Wir hatten Wasser.

Strom bekamen wir ohne weiteres, nachdem wir einen Stapel Papiere, mehrere Masten, hunderte Meter Kabel und ein Kistchen Isolatoren abgeliefert hatten. Wir wurden verpflichtet, die Masten selber fachgerecht aufzustellen. Am Grundstücksrand musste ein Pfeiler gemauert werden, in dem der Zähler installiert wurde. Oben kommt der Strom herein, geht durch den Zähler hindurch und oben wieder hinaus in das Haus. Das alles musste genau nach einem Plan des Elektrizitätswerkes gemacht werden. Kleinigkeiten eben! Weitere Auflagen gab es keine! Irgendwann waren wir an das Stromnetz angeschlossen.

7

Eines verregneten Sonntags war ich auf einen Kaffeeklatsch bei Paula eingeladen. Wir hatten uns beim Einkaufen kennengelernt. Die charmante Wienerin, etwa in meinem Alter, war, wie wir, vor Jahren mit dem Rucksack durch Los Abedules gekommen und hier hängen geblieben, wie so viele vor und nach uns. Sie hatte auf einer Farm gejobt, sich beim Schifahren in einen potthäßlichen, außerordentlich galanten Argentinier verliebt und sich mit ihm verheiratet.

Während der Wind den Regen gegen die Scheiben trieb, saßen wir bei Kerzenschimmer um den Tisch und aßen Apfelstrudel mit Schlagobers. Paula hatte alte Freunde zu Besuch. Sie bauten gerade ein Haus und Paula ein Geschäftslokal. Ich hörte ihren Fachsimpeleien aufmerksam zu. Man sprach über Materialien, über die Qualität der Arbeit und über Preise. Zuerst glaubte ich, ich hätte nicht richtig verstanden, was da gesprochen wurde. Hakte ein. Fragte nach. Bekam ganz große Augen. Wir waren aufs Kreuz gelegt worden.

Fuchsteufelswild schwang ich mich auf das Fahrrad und strampelte durch den verregneten Abend zum Campingplatz. Im Laufe der Kilometer verrauchte mein Zorn im nasskalten Gegenwind und machte einer tiefen Mutlosigkeit Platz. Wie konnten wir nur so leichtsinnig gutgläubig sein! Nicht einen einzigen Kostenvoranschlag hatten wir zum Vergleich eingeholt, hatten Herr Kains Wort unbesehen geglaubt. Selbst als uns Zweifel gekommen waren, hatten wir nichts unternommen, als Bautista uns seine unverschämte Rechnung vorgelegt und Herr Kain das in Ordnung gefunden hatte. Waren wir denn von allen guten Geistern verlassen?

Als ich auf den Campingplatz einbog, sah ich meinen Willi verfroren an der Wand des Klohäuschens lehnen.

„Schöne Fee, gut, dass Sie mich vor dem Erfrierungstod retten. Ich warte schon seit zehn Minuten auf Sie und habe das goldene Zauberringlein schon ungezählte Male gedreht.“

„Wahrscheinlich in die falsche Richtung“, sagte ich atemlos, während ich mein Rad an die Mauer lehnte und mich zu meinem Willi unter das Vordach stellte.

„Hast du den Hausschlüssel verloren?“

„Wieso?“

„Weil du herumstehst, wie bestellt und nicht abgeholt“, sagte ich. „Ich bringe dir eine Überraschung mit, die dein Blut in Wallung bringen wird.“

„Gar nicht schlecht, bei dieser Kälte“, sagte mein Willi. „Spuck es aus, damit ich mich daran erwärmen kann.“

„Würdest du, anstatt im Abenddämmer am Klohäuschen zu lehnen, Schutz suchend vor Wind und Regen, wie ein herrenloser Köter, nicht lieber in einer netten Wohnung am warmen Ofen hocken?“

„In einem Ohrensessel? Ich werde es mir bei Gelegenheit überlegen. Hast du wieder einen Gönner gefunden wie in Salvador?“

„Wir selber hätten es uns gönnen sollen, wir Trottel, anstatt Bautista drei Monatsmieten in den Rachen zu werfen.“

„Wieso?“

„Das dürfte, nach meiner ersten Hochrechnung, etwa die Summe sein, die wir dem Halsabschneider zuviel bezahlt haben.“

„Wieso?“

„Wenn du noch einmal wieso sagst, kriege ich wahrscheinlich einen Schreikrampf“, rief ich gereizt.

„Aber wieso, Geli, wieso redest du so wirres Zeug?“, fragte mein Willi, nahm mein Gesicht in seine Hände und schaute mich prüfend an. „Du siehst eigentlich ganz o.k. aus. Vielleicht ein wenig abgehetzt. Gegenwind gehabt, wie?“

„Laß das! Willi, hör zu, wir haben dem Halunken mindestens doppelt soviel bezahlt, als üblich gewesen wäre. Der Kain muss das gewußt haben, wenn er sich wirklich so gut auskennt mit dem Bauen, wie er vorgibt. Entweder Kain hat keine Ahnung oder er steckt mit dem Maurer unter einer Decke.“

Mein Willi schaute mich entgeistert an.

„Jetzt sag halt was“, sagte ich. Er starrte und schwieg.

„Bist du stecken geblieben? Jetzt sag halt was.“

„Geli, wenn das war ist! Wir frieren uns auf dem Campingplatz den Arsch ab, währenddessen die beiden im Warmen hocken, sich ins Fäustchen lachen und auf unsere Kosten vollfressen. Der Kain und der Bautista fliegen raus.“

„Aber wir brauchen sie doch. Wir kennen uns überhaupt nicht aus. Wir sind auf sie angewiesen“, sagte ich.

„Reinlegen lassen kann ich mich auch ohne Hilfe, Geli. Gleich morgen mach ich Rabatz, das sage ich dir.“

„Vielleicht wäre es besser, erst einmal verschiedene Kostenvoranschläge einzuholen, bevor du dem Bautista was hustest. Dann haben wir etwas in der Hand. – Apropos husten: Warum stehst du eigentlich hier so verfroren herum?“

„Ich habe den verdammten Reißverschluß wieder nicht aufgekriegt. Fast hätte ich es auf meine Art versucht, kam aber zu dem Entschluß, dass wir ihn noch lange brauchen werden, und es daher besser sei, das ärgerliche Geschäft deiner zarten Frauenhand zu überlassen.“

„Also doch. Den Hauschlüssel verloren“, sagte ich und rannte über die nasse Wiese zu unserem Zelt.

Die Reißverschlüsse waren eine delikate Angelegenheit geworden. Manchmal bekamen wir sie nicht auf, andere Male nicht zu, meistens schlossen sie nicht, vornehmlich dann, wenn wir es eilig hatten. Ich hatte meine Tricks, mit denen ich es bisher immer geschafft hatte, die störrischen Reißverschlüsse zu überlisten.

Ich holte meinem Willi ein paar frische Sachen zum Anziehen und den Waschbeutel, damit er, wenn er bei diesem Sauwetter schon nichts Warmes in den Leib bekam, wenigstens eine heiße Dusche nehmen konnte. Da der Campingplatz so früh im Jahr offiziell nicht geöffnet hatte, waren wir die einzigen Gäste. Warmes Wasser gab es bloß abends und nur so viel, wie man für eine ausgiebige Dusche benötigte. Während mein Willi sich unter der Brause aufwärmte, stellte ich ihm sein Abendessen zusammen. Nachdem er sich gründlich mit dem Handtuch abgerubbelt hatte und in seine Kleider geschlüpft war, saß er in Dampf gehüllt auf der Bank im Duschraum.

„Was haben wir denn heute wieder für lukullische Genüsse?“

Aufmerksam betrachtete er die zwei rosafarbenen, kalten Wienerwürstchen in seiner Rechten, dann die 25 Zentimeter Stangen- Weißbrot in seiner Linken und die etwas angewelkten Radiesblätter in der Plastiktüte. Sodann aß er kommentarlos alles auf, samt dem Apfelstrudel, den Paula mir für ihn mitgegeben hatte. Am Schluß schleckte er das Papier, in das der Strudel eingewickelt gewesen war, gründlich ab.

„Wie ein Hund“, neckte ich ihn.

„Bin ich ja auch. Ein ganz armer Hund“, erwiderte mein Willi mit hängenden Ohren.

„Mensch, Geli“, sagte er nach einer Pause. „Ich glaube wir waren ganz schön blöd, dass wir überhaupt hergekommen sind. Wir hätten doch in das Spießernest im Neckartal ziehen sollen, dann säße ich jetzt in meinem klimatisierten Büro und du in deiner gemütlichen Praxis.“

„Konrad, sagte der Vater, hol die Axt raus“, erinnerte ich meinen Willi.

Wir hatten vor Jahren ein Buch gelesen, über die deutsche Einwanderungswelle in Chile, Mitte des vergangenen Jahrhunderts. In ihrer materiellen Not folgten viele den Anwerbern in die neue Welt, voller Hoffnung auf ein besseres Leben. Es waren viele Schwaben unter ihnen. Es wird auf Grund von Tagebüchern und Briefen unter anderem von einer Familie erzählt, die nach unvorstellbaren Abenteuern und jahrelangen Entbehrungen endlich ein Stückchen Land gerodet und darauf ein Holzhaus gebaut hatte. Als in der Nähe ein Vulkan ausbrach und die glühenden Lavabrocken weit ins Land schleuderte, brannte das Haus ab. Ein Teil der Familie kam ums Leben. Der Sohn Konrad drohte unter den Umständen zusammenzubrechen. Der Vater bot, trotz seiner Verzweiflung, dem Schicksal die Stirn und gab dem völlig verstörten Buben den Befehl, die Axt zu holen, um neu zu beginnen.

Mein Willi erhob sich und sagte zackig:

„Okay Boß, wir geben nicht klein bei. Ab jetzt nehme ich den Bau selber in die Hand. Ich habe von diesem Herrn Kain schon lange die Nase voll. Diesen Menschen habe ich überhaupt nur ausgehalten, weil ich immer dachte, ich sei auf ihn angewiesen.“

„Sind wir das denn nicht?“

„Das werden wir sehen. Morgen lese ich ihm jedenfalls die Leviten.“

Herr Kain war ein forscher Mann und trotz seiner fast achtzig Jahre körperlich und geistig ungebeugt. Er war immer noch ein gutaussehender Mann und man konnte sich vorstellen, dass er in jungen Jahren ein flottes Mannsbild gewesen sein musste. Er war starrköpfig, angriffslustig und sehr ordinär im Umgang mit den Leuten. Ich schämte mich täglich mehr, in seiner Gegenwart gesehen zu werden. Ich spürte, dass niemand ihn mochte. Bald wussten wir auch, dass Herr Kain in Deutschlands dunkelster Epoche Mitglied jener arischen Elitetruppe gewesen war, die glaubte, zum Wohl des deutschen Volkes einen Teil seiner Brüder erschlagen zu müssen. Keine Gelegenheit ließ er aus, uns von seiner Denkweise überzeugen zu wollen. Er stieß bei uns auf taube Ohren und stumme Münder, aber seine Haßtiraden wühlten mich auf. Wir hätten ihm erwidern können, dass es unser Herz nicht zuließ, Menschen ihrer Herkunft wegen zu verachten und gar zum Tode zu verurteilen. Wir schwiegen, waren zu bequem, uns auf ideologische Wortgefechte einzulassen, wollten unseren Frieden und ein Dach über dem Kopf, wenn der Winter kam. Feige Opportunisten eben!. Erst jetzt, als es uns an den Geldbeutel ging, waren wir bereit, uns von diesem Mann zu trennen.

Mein Willi bereitete sich eine schlaflose Nacht lang darauf vor, Herrn Kain die Leviten zu lesen, aber dieser erschien anderntags nicht auf der Baustelle.

8

„Der feige Kerl traut sich nicht her“, sagte mein Willi, als Herr Kain sich bis Mittag nicht blicken ließ.

„Quatsch! Der weiß doch gar nichts von seinem Glück“, wendete ich ein.

Herr Kain tauchte auch nachmittags nicht auf. Bautista wollte wieder einen Vorschuß und war schwer beleidigt, als wir den Kopf schüttelten.

Paula und Richard hatten mir Adressen von Maurern gegeben. Nachmittags radelte ich dorfauf und -ab und suchte sie alle auf. Ich legte ihnen eine Liste der Arbeiten vor, die gemacht werden sollten und bat um einen Kostenvoranschlag.

Am nächsten Morgen kam Frau Kain.

„Der unvernünftige Mensch musste dieses Pferd ja unbedingt haben, als sei er ein junger Spund“, sagte sie bekümmert. „Dabei ist er eine Ewigkeit nicht mehr geritten. Er will es einfach nicht wahrhaben, dass er viel zu alt zum Reiten ist. Kaum war er aufgestiegen, ist er auch schon drüben wieder heruntergefallen. Jetzt liegt er da.“

„Tja, liebe Frau Kain, das tut uns aber leid für ihren Mann“, sagte mein Willi und rieb sich hingebungsvoll den Nasenrücken. „Gerade heute wollte ich…“

„Hoffentlich geht es ihm bald wieder besser“, unterbrach ich ihn.

Mir tat die Frau leid, die den ungebärdigen Mann nun pflegen musste.

„Ich fürchte, mein Mann wird im Augenblick nicht in der Lage sein, Ihnen weiter beim Bau behilflich zu sein“, sagte sie.

„Tja, liebe Frau Kain“, sagte mein Willi und rieb sich immer noch den Nasenrücken. „ Äh…hm…tja. Da war noch eine Sache.“

„Frau Kain, machen sie sich bloß um uns keine Sorgen“, fiel ich meinen Willi ins Wort und warf ihm einen warnenden Seitenblick zu. „Wir schaffen das auch allein. Grüßen Sie ihren Gatten ganz herzlich und gute Besserung. Wir schauen einmal bei ihm vorbei.“

Frau Kain verabschiedete sich und ging.

„Aus mit dem Levitenlesen!“ bedauerte mein Willi. „Dabei war ich so schön in Fahrt.“

„Tja, äh, hm“, äffte ich ihn nach. „Das nennst du in Fahrt sein?“ sagte ich grinsend. „Der kommt nicht wieder, Willi. Wir sind den Mann los. Das ist es schließlich, was wir wollten. Warum jetzt noch auf die Pauke hauen? Wozu der armen Frau das Herz schwer machen?“

„Du hast recht“, lenkte mein Willi ein. „Ich habe sowieso keine Lust, mich mit dem alten Haudegen anzulegen. Hauptsache wir haben ihn uns vom Halse geschafft. Fast tut mir der Halunke schon wieder leid.“

9

Zwei Tage nach dem Reitunfall des Herrn Kain besuchten wir ihn im Hospital. Wir waren übereingekommen, dass sich das gehörte. Die wenigen Blumen, die in unserem Garten blühten, hatten wir schwer geplündert und einige Wildblumen und Grünzeug von der Wiese dazu getan. Mit einem riesigen, bunten Strauß betraten wir den düsteren Leidensort. Die Eingangstür quietsche erbärmlich, als wir sie aufstießen. In einer kleinen Halle standen Männer herum. Einige waren sehr ärmlich gekleidet, andere trugen den Sonntagsstaat der Landbevölkerung: den weit ausladenden Hut, Halstuch und bunte fajas um die Hüften, die weiten, gefältelten Hosen und spiegelblank gewichste Stiefel. Auf den beiden Holzbänken, die an den Wänden standen, saßen Frauen, manche mit ihren Kindern. Einige säugten ihre Babys; eine hatte sogar einen mindestens dreijährigen Brocken auf dem Schoß, der gelangweilt an der Mutterbrust herum nuckelte, während er seine Augen schweifen ließ. Lauter einfache Leute, die geduldig darauf warteten, dass ein Arzt sich ihrer Leiden annahm.

Hinter einer Glasscheibe thronte eine Weißgeschürzte. Mit strengem Blick und barscher Stimme wies sie uns den Weg. In den verwinkelten, dunklen Gängen roch es nach Desinfektionsmitteln und abgestandenem Essen. Der Verputz bröckelte von den Wänden, im gekachelten Fußboden waren meterlange Risse. Manche Räume hatten Türen, andere weiße Vorhänge, die etwa einen halben Meter über dem Boden endeten. Irgendwo schrie ein Kind wie am Spieß. Mir wurde ganz flau im Magen. Als wir in die Männerabteilung kamen, trat uns eine kleine, dicke, mild lächelnde Schwester entgegen.

„Herr Kain? Hier bitte.“

Mit diesen Worten schob sie den Vorhang beiseite und ließ uns eintreten. Da lag der große, stattliche Mann, in einem zu kurzen, schmalen Bett, dessen eisernes Gestell einmal weiß gewesen sein mag, unter der Last der Jahre aber einen elfenbeinfarbenen Ton angenommen hatte. Der Lack war an vielen Stellen ab, so dass das blanke Metall zum Vorschein kam. Der alte Kain lag bleich in die viel zu weiche Lagerstatt eingesunken. Mehrere dünne Schaumstoffmatratzen ohne Hülle, mit einem weißen Laken dürftig bedeckt, ein kleines Kopfkissen und zwei graue Wolldecken, in ein weißes Bettuch geschlagen, bildeten das kümmerliche Krankenlager in dem düsteren Raum; aus dem Hinterhof sickerte das Licht nur spärlich durch die schmutzigen Fensterscheiben, deren unterer Teil aus Milchglas war. Herr Kain teilte sein Zweitbett- Zimmer mit einem Stapel Matratzen, die turmhoch auf dem anderen Bettgestell aufgehäuft waren.

„Na, Sie machen ja Sachen“, sagte mein Willi und versteckte unsere Verlegenheit hinter dieser burschikosen Floskel.

Wir schüttelten dem Kranken die Hand.

„Bin ganz gut beieinander“, sagte Herr Kain. „Nur ein paar blaue Flecke. Nichts gebrochen.“

„Gott sei Dank. Sie müssen sich jetzt aber sehr schonen“, sagte ich.

„Ach was!“ entgegnete Herr Kain. „Wer rastet, der rostet. Wie klappt es auf der Baustelle?“

„Darüber dürfen Sie sich keine Sorgen machen“, sagte ich. „Sie müssen sich ganz auf Ihre Genesung besinnen.“

„Ja wirklich“, fügte mein Willi hinzu und tätschelte dem Alten kurz die Hand. „Sie dürfen Ihre Energien nicht vergeuden.“

„Salbadern Sie nicht so geschwollen daher. Morgen bin ich wieder daheim, übermorgen auf der Baustelle“, entrüstete sich Herr Kain und blühte förmlich auf.

Wir schwiegen betreten.

„Tja, Herr Kain“, begann mein Willi zögernd. „In diesem Fall wäre da noch eine Sache…“

Ehe er weitersprechen konnte, wurde der Vorhang beiseite geschoben und ein Arzt betrat das Zimmer. Er mochte in den Fünfzigern sein, war sehr hager und verhärmt. Etwas Hoffnungsloses ging von ihm aus. Sein vergilbter Kittel war ziemlich schmuddelig, und nur mit zwei Knöpfen geschlossen; die anderen fehlten. Darunter trug er ein weißes T-Shirt und zerschlissene Jeans. Die nackten Füße steckten in völlig ausgelatschten Turnschuhen. Hastig sog er an einer Selbstgedrehten und stieß den Rauch durch die Nase aus. Er murmelte eine Entschuldigung, als er uns sah und wollte sich zum Gehen wenden. Wir verabschiedeten uns rasch.

„Mensch, Willi“, sagte ich beklommen, als die quietschende Eingangstüre sich mit einem harten Schlag hinter uns schloss. „Ich wäre lieber tot, als hier krank zu liegen. Das ist ja furchtbar.“

„Meinst du? Du hast den Friedhof ja noch gar nicht gesehen, Gelikind. Wer weiß, wie es dort aussieht“, sagte mein Willi lapidar. Nach einer kleinen Weile fügte er hinzu: „Besser dies, als gar nichts, wenn du dir das Bein beim Holzhacken halb abgehackt hast. Und gratis obendrein.“

„Allein der Gedanke an diesen abgetakelten Doktor jagt mir einen Schauder über den Rücken“, schloß ich meinen entsetzten Bericht über unseren Besuch im Krankenhaus, den ich Paula ein paar Tage später gab.

„Ja, es geht furchtbar armselig zu im Hospital. Nie ist Geld da und dauernd fehlt es am Nötigsten“, sagte sie. „Und was den abgetakelten Doktor betrifft, das ist ein ganz armer Schlucker. Ihn traf im wahrsten Sinne des Wortes ein harter Schlag, von dem er sich noch nicht völlig erholt hat.“

Sie erzählte mir, dass seine Frau ihn mit seinem besten Freund betrogen habe. Es gab die üblichen Auseinandersetzungen. Im Laufe der Wochen war ihr Verhalten immer merkwürdiger geworden. Sie begann mit allen Leuten in ihrer Umgebung Streit, schloß sich stundenlang in ihr Zimmer ein, vernachlässigte ihr Äußeres mehr und mehr, und eines nachts, als ihr Mann schlief, nahm sie die bronzene Nachttischlampe und schlug ihm damit über den Schädel. Daraufhin holte sie ein Küchenmesser und stach dem Bewusstlosen damit in den Leib. Dann lief sie im blutverschmierten Nachthemd auf die Straße, wo sie schreiend zusammenbrach. Ein paar späte Zecher lasen sie auf und riefen die Polizei. Die Frau landete in einem Irrenhaus in Buenos Aires.

Der Mann erholte sich recht schnell von den schweren Körperverletzungen, aber nur langsam von seinem seelischen Schmerz. Er litt monatelang unter starken Depressionen, versuchte dann aber, um seiner halbwüchsigen Kinder willen, sein Leben wieder in die Hand zu nehmen.

„Du siehst, auch Los Abedules hat seine Dramen“, sagte Paula.

10

Kaum war Herr Kain aus dem Hospital entlassen, kam seine Frau zu uns.

„Mein Mann läßt Ihnen Grüße bestellen und möchte sie zum Mittagessen und zu einer Arbeitsbesprechung bitten.“

Mein Willi und ich sahen uns betreten an.

„Tja Frau Kain“, sagte mein Willi, „ da ist noch eine Sache… also das ist so…tja.“

Mein Willi bekam einfach die Kurve nicht. Frau Kain schaute fragend von einem zum anderen.

„Willi, ich glaube der Maurer hat dich gerufen“, sagte ich, hakte mich bei Frau Kain unter und ging mit ihr über die Wiese.

Etwas umständlich und so schonend, wie es mir möglich war, erzählte ich ihr, dass wir das Vertrauen in ihren Mann sehr teuer bezahlt hatten. Sie war sehr betroffen und versicherte eins ums andere Mal, dass ihr Hermann uns das niemals mit Absicht angetan habe.

„Er ist einfach zu alt“, sagte sie. „Und ein sturer Bock dazu. Ich habe ihm gleich gesagt, dass er gar nicht mehr auf dem Laufenden ist. Aber er hört auf niemand. Bitte verzeihen sie ihm. Ich werde mit ihm sprechen.“

Ich brachte sie zum Wagen, und wir verabschiedeten uns.

„Mensch, Geli“, stöhnte mein Willi. „Ich habe einfach nicht gewußt, wie ich der netten Frau Kain die Hiobsbotschaft sagen sollte. Ich glaube, jetzt sind wir den Kain wirklich los und gar nicht so unelegant.“

„Ach nee. Gar nicht so unelegant“, äffte ich ihn nach. „Mir war das alles schrecklich peinlich.“

„Wieso peinlich? Der hat doch uns reingelegt und nicht wir ihn.“

„Typisch Willi, jetzt wo ich die Kastanien aus dem Feuer geholt habe, da bist du gleich wieder obenauf. Jedenfalls scheint die Sache erledigt. Den sehen wir nie wieder.“

Schon bald sollten wir ihn wiedersehen.

11

Drei Tage später hatten wir alle Kostenvoranschläge beieinander. In der Mittagspause knöpfte sich mein Willi den Bautista vor. Der schaute zuerst stumm auf die ihm vorgehaltenen Zettel mit den Zahlenkolonnen, dann nuschelte er irgendetwas vor sich hin, nahm sein Fahrrad und ging, tief verletzt, weg. Sein Sohn, der Nachtwächter, verzog sich in die Hütte.

„Willi, ich habe eine Idee. Laß mich mal machen“, sagte ich und ging nach ein paar Minuten dem Nachtwächter nach. Ich setzte mich neben ihn auf sein Lager.

„Hör zu, Fernando, auf dieser Baustelle wäre noch viel Geld für euch drin gewesen, aber dein Alter hat uns über den Tisch gezogen und ihr fliegt alle raus. Dein Projekt Abenteuertourismus kannst du, wenn du deinen Job verloren hast, vorläufig einmotten.“

Der junge Mann schaute sich aufmerksam die Kostenvoranschläge der anderen an und schwieg.

„Ich mache dir ein Angebot. Ich will nicht kleinlich sein. Wir berechnen eure Arbeit neu, nach den Preisen des teuersten Voranschlages“, sagte ich und begann Zahlen zu schreiben und zusammenzuzählen. „Was ihr zu viel kassiert habt, müßt ihr abarbeiten, bevor es wieder Geld gibt. Hernach orientieren wir uns an den billigeren Preisen. Rede mit deinem Vater. Andernfalls, kann er noch heute sein Werkzeug mitnehmen.“

Fernando ging. Als wir Feierabend machten, war er noch nicht zurückgekehrt.

Am nächsten Tag waren Bautista und seine Söhne wieder da. Einige Tage werkelte der Alte stumm und mit saurer Miene vor sich hin, dann wollte er wieder Vorschuß, obwohl er uns noch mindestens zwei Wochen Arbeit schuldete. Ich erklärte ihm geduldig, warum wir ihm jetzt kein Geld geben könnten. Am nächsten Tag das gleiche. Mein Willi setzte ihm leicht entnervt auseinander, dass er einige Tage warten müsse. Zwei Tage war Ruhe, dann verlangte er hartnäckig einen Vorschuß. Wir gaben ihm einen kleinen Betrag.

„Wir haben entweder kein Rückgrat oder sind wahnsinnig“, folgerte ich.

„Beides, liebe Geli. So geht das nicht weiter“, sagte mein Willi. „Ich brauche den Kerl bloß anzuschauen und habe schon Angst, dass er mich gleich wieder um Geld angeht. Ich habe nicht das Zeug, diesem Blutsauger dauernd zu widerstehen. Ein anderer Maurer muss her.“

„Mitten in der Bausaison einen arbeitslosen Maurer finden, der etwas taugt? Kinder, ihr glaubt an Wunder. Alles was eine Kelle schwingen kann, ist auf irgendeiner Baustelle beschäftigt“, sagte Richard, als ich ihn zu Rate zog, nachdem wir nur Absagen erhalten hatten.

Ich brachte es meinem Willi schonend bei. Er pfefferte die Feile ins Gras, mit der er gerade einen Stamm bearbeitet hatte und schleuderte die Schaufel, die müßig am Baum lehnte, weit in den Garten.

„Katastrophe!“ tobte er. „Bautista bringt mich an den Bettelstab bevor auch nur das Dach gedeckt ist. Schmeiße ich ihn raus, sitzen wir im Winter auf der Straße. Diesem Kain sollte man den Kragen umdrehen, weil er uns das eingebrockt hat. Wenn ich diesen Schweinehund erwische, breche ich ihm alle Knochen einzeln.“

„Ärmel hoch und los!“ flüsterte ich und wies mit einer Kopfbewegung hinter ihn.

Mein Willi drehte sich um und pfiff leise durch die Zähne. Herr Kain kam den Weidenweg entlang gestapft.

„So, meine Herrschaften“, rief er forsch wie immer. „Sieht ja schon ganz ordentlich aus.“

„So, Herr Kain, wieder auf dem Damm? Schnelle Genesung. Freut mich“, sagte mein Willi.

„Erstklassige Rasse, junger Mann. Zäh wie Leder.“

Herr Kain stapfte auf der Baustelle herum, mein Willi schlappte hinterdrein und rubbelte sich nervös die Nasenwurzel. Ich desertierte und verschanzte mich zwischen Wirsing und Möhren. Wenig später stiefelte Herr Kain den Gartenweg heran. Es gab kein Entrinnen mehr. Er ließ die Augen über die Beete schweifen und sagte:

„Señora, das sieht ganz hervorragend aus.“

Das allererste Lob aus seinem Mund. Ich war zu verblüfft, um etwas darauf zu sagen. Was war nur in das Mannsstück gefahren? Nach kurzem Gruß zog der Widersacher ab. Mein Willi kam in den Gemüsegarten gespurtet.

„Vielleicht bringt Kain die Rettung“, rief er.

„Um des Himmels Willen, nicht schon wieder“, wehrte ich ab.

„Hör zu. Der Alte ist fast kleinlaut. Hat sich quasi entschuldigt und wollte mit Bautista verhandeln. Ich habe ihm klargemacht, dass ich dem Burschen auf die Dauer nicht gewachsen bin, und dass wir einen anderen Maurer brauchen, aber keinen finden.“

Am nächsten Morgen kam Herr Kain in der Begleitung eines stämmigen, kleinen Mannes. Er hatte sehr dichtes, pechschwarzes, Haar, buschige Brauen unter denen freundliche, dunkelbraune Augen in die Welt blickten.

„Das ist Antú, die Sonne. Ein schwäbischer Indianer“, sagte Herr Kain. „Ein hervorragender Handwerker und nach Weihnachten frei.“

Antú sprach tatsächlich fließend schwäbisch. Wir kamen übrigens nie dahinter, wie und wo er es gelernt hatte. Er schaute sich das Haus an und brachte schon am nächsten Abend eine exakte Aufstellung aller noch anfallenden Arbeitskosten in Dollar, Zahlungsbedingungen und wann die einzelnen Bauabschnitte fertiggestellt sein mussten. Das warf uns fast um.

Bautista verließ uns, als er uns noch eine Arbeitswoche schuldete. Mein Willi war nun allein auf seiner Baustelle. Er schälte immer noch täglich von morgens bis abends die verkohlte Rinde von seinen Baumstämmen, glättete das Rauhe mit grober Feile, mit feiner Feile und Schmirgelpapier und strich sie schließlich mit Firnis. Er arbeitete im Akkord und schaffte immer noch höchstens zwei Stämme pro Tag. Zwischen Weihnachten und Neujahr übernahm Antú das Kommando über den Bau.