no problem - kannste eh nix machen
Zwölftes Kapitel
1
Längst war nicht alles bereit, als die Touristen, kaum war Neujahr vorbei, in Los Abedules einfielen. Pepe hatte die Feuerstellen nicht fertig, es fehlten Tische und Bänke, deren Holz er schon vor Monaten gekauft hatte, weil er sie „eigentlich selber machen“ wollte, die dritte Dusche bei „Herren“ war noch so, wie er sie im Frühjahr begonnen hatte. Lina schäumte. Pepe mähte Rasen.
Der Zeltplatz füllte sich und unser Heim stand plötzlich nicht mehr idyllisch im ruhigen Schatten eines Nussbaumes, sondern sozusagen an der Hauptverkehrsader, auf der täglich mehrmals über hundert Menschen und viele Autos und Motorräder passierten. Wir zogen um, natürlich wieder unter einen Nussbaum. Seine Äste berührten an einer Seite fast den Boden. Dies und die kleine Hecke auf der anderen Seite gaben uns sogar dann noch die Illusion allein zu sein, als wir eingekesselt waren von Autos, Wohnanhängern und Zelten.
Im Saloon wurden die Sitzplätze knapp. Wenn das Wetter schlecht war, kochten die Leute schichtweise im Kamin. Lina sprach gleich nach Neujahr das rettende Wort. Ich durfte fortan die Küche neben dem Aufenthaltsraum mit ihr teilen. Das war eine absolut umwälzende Veränderung unseres Lebens. Ich hatte Geschirr, Töpfe, einen Platz im Eisschrank, einen Backofen, einen Gasherd, einen Platz im Regal für meine Lebensmittel und sooft ich wollte, Linas lustige Gesellschaft. Mühelos und schnell war ein Tee aufgebrüht, eine Suppe warm gemacht, die man vorgekocht im Kühlschrank aufbewahrt hatte. Welch ein Luxus!
Lina hatte ein altes Sofa in die Küche gestellt, und einen betagten Badeofen. Diese beiden heruntergekommenen Gegenstände erwiesen sich als wahre Wohltäter. So mancher kalte Regentag bekam, von der quietschenden, knarrenden Liegestatt aus besehen, ein überaus freundliches Gesicht, strahlte geradezu vor Behaglichkeit am wärmestrotzenden Ofen. Ich sagte Lina dafür nicht nur „danke“, sondern spülte ihr fortan das Geschirr, half ihr beim Bekochen der Touristen und betreute die Gäste, während sie und Pepe sich zu der nachmittäglichen Siesta in das Haus zurückzogen.
2
Carla kam. Bunt und schön wie ein Schmetterling gaukelte sie fortan durch unsere Tage. Sie war Pepes Tochter aus irgendeiner verflossenen Bindung, süße neunzehn Jahre alt und Balletttänzerin. Sicherlich gab es viele rechtschaffene Leute, die, wenn man sie gefragt hätte, der Meinung gewesen wären, dass Carla zu nichts tauge. Sie schlief bis in den Mittag hinein, vergaß umgehend, was man ihr auftrug, hatte zwei linke Hände für jede Art von Arbeit und verdrehte die Köpfe der Männer. Letzteres, und das brachte alle vollends um den Verstand, bemerkte sie in ihrer natürlichen Bescheidenheit gar nicht.
Carla brachte Sonnenschein in den düstersten Regentag, machte aus einer Ansammlung fremder Menschen im Handumdrehen eine Gruppe und aus jedem Zusammensein ein Fest. Carla lachte, sang und tanzte und alle lachten, sangen und tanzten mit ihr. Jeden Abend war der Saloon brechend voll. Die Gitarre hing nur mehr selten an der Wand, meistens wanderte sie von Hand zu Hand. Carla brachte es fertig, dass jeder, auch der Schüchternste, irgend etwas zum Besten gab, selbst die, die eigentlich völlig ohne Talent waren. Alle nahmen auf irgend eine Weise teil, jeder hörte jedem zu und jeder spendete jedem Beifall.
Wir spielten Ratespiele, machten Pantomimen, führten improvisierte Sketche auf. Alles war heitere Gelassenheit um Carla. Solange sie da war, gab es keine Betrunkenen, keine Streitereien, kein Gegröle. Sie war Künstlerin und trotzdem war nichts gekünsteltes an ihr; sie war eine Schönheit, mit ihrem schwarzen, langen Haar, das ihr glatt und schwer auf den Rücken fiel, die dunklen Augen lachten jeden an und trotz all dem Glanz, der sie umgab, war sie bescheiden und natürlich. Jeder Abend war ein Feuerwerk der Lebensfreude, an dem jung und alt teilnahm. Jeder, der hereinkam, ließ sich mitreißen. Bis auf eine Ausnahme, wie es zunächst schien.
Eines Tages fuhr ein Lieferwagen vor, aus dem ein dicklicher, untersetzter Mann herauskugelte. Es war ein Verkäufer für Damen- und Herrenunterwäsche, Teig- und Schreibwaren. Alles en Gros. Ich stand in der Küche und hantierte mit dem elektrischen Handrührgerät, als er den Saloon betrat. Ich schaltete das Gerät aus, stellte es neben die Schüssel und ging hinüber in den Aufenthaltsraum. Wie immer um diese Zeit, machte Lina ihren Mittagsschlaf, deshalb kümmerte ich mich um den Neuankömmling. Der Dicke verbeugte sich kurz und zackig vor mir und sagte:
„Gestatten, Álvarez, Unterhosen, Nudeln und Schreibwaren. Was kostet die Übernachtung für mich und meinen Lieferwagen?“
Während ich ihm die Preise nannte, ließ er den Blick durch den Raum schweifen, der um diese Zeit menschenleer war. Anschließend machte er ein paar Schritte, zog rasch den Vorhang beiseite, der die Küche vom Aufenthaltsraum trennte, und warf einen Blick in die Küche.
„Nett, sehr nett“, sagte er. „Telefon haben sie auch; das ist sehr gut.“
Mit diesen Worten wies er flüchtig auf das Handrührgerät. Lina brüllt vor Lachen, als ich es ihr später erzählte.
Ich schob ihm das Anmeldungsbuch hin und bat, er möge seine Daten eintragen. Umständlich zog er einen silbernen Kugelschreiber aus der Tasche und malte feierlich seine Angaben auf das Papier.
Er blieb drei Nächte.
Tagsüber war er in Sachen Unterhosen, Nudeln und Schreibwaren unterwegs, abends parkte er seinen Wagen direkt neben den Toiletten, machte hinten die Tür zum Laderaum auf, in dem er offensichtlich auch schlief, und kam mit einem tragbaren Fernsehgerät wieder zum Vorschein, das er, zu unser aller Entsetzen, im Aufenthaltsraum aufstellte. Er bestellte eine große Flasche Bier, dazu eine Pizza, und schaute sich zuerst die Nachrichten an und danach eine dieser dümmlichen Shows, in der zweitklassige Sänger und drittklassige Tänzer auftreten, alles mit viel Flitter und Tand, um von der viertklassigen Qualität abzulenken. Die ersten Minuten schwieg alles betreten, dann wurde sich da und dort leise murmelnd unterhalten. Lina zischte mir in der Küche zu:
„Den Stimmungsverderber sollte man rauswerfen.“
Schließlich nahm ein Beherzter die Gitarre von der Wand und klimperte zaghaft eine argentinische samba. Herr Álvarez stellte den Fernseher auf höchste Lautstärke und blickte den Musikanten vorwurfsvoll an. Krieg lag in der Luft. Nach der samba kam, weniger zaghaft, eine chacarera, dann ein llamamé aus Chile, das ein älteres Ehepaar, trotz kolossaler Leibesfülle, leichtfüßig tanzte, wobei sie beide bunte Tücher schwangen und sich heiße Blicke zuwarfen. Unvermittelt sprang der Herr Álvarez, Unterhosen, Nudeln und Schreibwaren en Gros, auf und rief zornbebend:
„Ja, will denn hier keiner fernsehen?“
Alles schwieg verlegen. Die Tänzer ließen sich schnaufend auf die Holzbank sinken. Vierundzwanzig Augenpaare schauten Herrn Álvarez an, der mit umwölktem Blick die Flimmerkiste abschaltete, sie unter den Arm nahm und sich in seinen Lieferwagen verzog.
Am anderen Abend kam er wieder und stellte den Fernseher wieder auf. Diesmal ohne Ton. Während wir sambas sangen und Sketche aufführten, starrte er auf den Bildschirm. Er bat um ein Essen. Lina sagte, sie hätte nur Hamburger oder Pizza. Er bestellte, wie am Vorabend eine Pizza. Während er noch auf sein Essen wartete, servierte ich meinem Willi einen deftigen Bohneneintopf. Als dem Herrn Álvarez der Duft nach Chilipfeffer, Paprika, Bohnen und Fleisch in die Nase stieg, drehte er sich um, sprang auf und kam an unseren Tisch.
„Aha! Pizza und Hamburger!“ stellte er lakonisch fest und zeigte auf den Teller. „Ich will sofort dieses Essen haben.“
„Nun mal langsam, Señor“, brummte mein Willi. „Das ist mein Teller und was darauf ist, gehört auch mir. Warten sie gefälligst, bis ihr Essen fertig ist.“
Herr Álvarez riss wütend den Küchenvorhang beiseite und rief:
„Bedienung! Warum verschweigt man mir, dass es Eintopf gibt?“
Lina rief empört: „Ich sagte ihnen bereits, dass es Pizza und Hamburger gibt, sonst nichts.“
„Und das da?“ rief Herr Álvarez erzürnt und zog meinem Willi den Teller unter dem Löffel weg.
Er stürzte damit in die Küche und hielt Lina das Beweisstück unter die Nase. Sie schnappte empört nach Luft. Als mein Willi wieder zu sich kam, sprang er auf und haute mit dem Löffel auf den Tisch und schrie:
„Her mit meinem Essen!“
Es gab einen ziemlichen Disput, bis Herr Álvarez begriffen hatte, dass dies unser ganz privater Eintopf war. Mit verstockter Miene setzte er sich wieder vor den Fernseher und pickte an seiner kalt gewordene Pizza herum.
Am dritten Abend betrat Herr Álvarez die Küche, und weil er es mir nichts dir nichts tat, schnappte Lina wieder einmal nach Luft.
„Darf ich Ihr Telefon benutzen?“ fragte Herr Álvarez.
„Señor, wir haben kein Telefon“, antwortete Lina etwas unwirsch.
Herr Álvarez zog hörbar die Luft durch die Zähne in sich hinein und sagte dann gepresst:
„Sie haben kein Telefon? Ich habe es aber zufällig bei meiner Ankunft gesehen. Ich glaube man will mich hier hinausekeln. Bezahle ich nicht, wie jeder andere Kunde auch?“
„Señor, wenn ich sage, ich habe kein Telefon, dann habe ich kein Telefon, und jetzt bitte ich Sie, meine Küche sofort zu verlassen. Wir können das Gespräch gerne ein andermal fortsetzen.“
Ich stand am Ausguss und spülte Geschirr, während mein Willi am Küchentisch saß und Walnüsse knackte. Er hatte schon eine ganze Schüssel voll Kerne vor sich, als Herr Álvarez, sei es aus Gedankenlosigkeit, Frechheit oder Verfressenheit, in die Schüssel griff. Bevor er jedoch auch nur eine Nuss in die Finger bekam, erhielt er einen Klaps auf die Hand. Er zog sie mit einem Aufschrei zurück, stürzte in den Aufenthaltsraum und schrie:
„Man hat mich geschlagen! Dieser Deutsche hat mich geschlagen! Er hat mich geschlagen! Wegen ein paar Nüssen hat er mich geprügelt.“
Pepe stürzte mit verdattertem Gesicht in die Küche.
„Was geht denn hier vor sich?“
Mein Willi stotterte vor Aufregung:
„Der soll seine dreckigen Pfoten aus meiner…aus meiner… F…F…Flasche lassen.“ Er zeigte dabei auf die Schüssel.
Lina presste beide Hände vor ihren Mund und schüttelte sich vor Lachen über Willis Sprachschnitzer. Er habe nur den Schatten einer Hand gesehen, erklärte mein Willi später glaubhaft, dachte es sei meine und habe eben einen Klaps ausgeteilt. Von Schlagen könne überhaupt keine Rede sein, aber er bereue es fast, dass er nicht ordentlich zugehauen habe, nach allem was dieser Unterhosenfritze sich hier schon geleistet habe.
Im Saloon rief Herr Álvarez nach der Rechnung. Unmöglich könne er auch nur eine weitere Nacht hier zubringen, wo man ihn offensichtlich und aus unerfindlichen Gründen, hinausekeln wolle. Das sei durchaus nicht nötig, er gehe auch so. Schlagen lasse er sich schon gar nicht. Lina versuchte ihn zu beschwichtigen, aber Herr Álvarez war zu tief gekränkt über die schmachvolle Behandlung, die ihm in jeder Hinsicht zuteil geworden sei.
Carla tippte ihn auf den Arm und wisperte
Á
„Señor Álvarez, bitte gehen sie nicht bevor wir beide einen Tango getanzt haben.“
Unterhosen-Álvarez schaute verblüfft auf die zarte Gestalt, die ihn mit großem Augenaufschlag ansah. Carla flötete:
„Sie müssen ein wunderbarer Tango-Tänzer sein, Señor Álvarez, bitte tun sie mir den Gefallen.“
Mit diesen Worten legte sie eine Musikkassette in den Radiorecorder ein und stellte sich vor dem Mann auf, dessen Augen plötzlich glänzten.
„Bitte sehr, Señor Álvarez“, flüsterte sie lächelnd und blickte ihn abgrundtief an.
Er griff nach ihr, schloss kurz die Augen und dann legten beide einen wunderbaren Tango auf den Zementfußboden, der sicher für diese hohe Kunst nicht der richtige Untergrund war, aber ihrem Können keinen Abbruch tat. Als sie fertig waren, klatschten alle begeistert und forderten eine Zugabe.
Herr Álvarez war zwar etwas außer Atem geraten, der Schweiß stand ihm in kleinen Perlen auf der Stirn und in großen Flecken unter den Achselhöhlen, gleichwohl ergriff er, mit einer Mischung aus Stolz und Trotz, erneut Carlas Hand und ihren biegsamen, schlanken Leib. Wahre Beifallsstürme brachen über die beiden herein, als auch dieser Tanz zu Ende war. Carla strahlte Herrn Álvarez an. Herr Álvarez schluckte und versuchte nicht zu strahlen, aber seine Augen verrieten ihn.
„Señor Álvarez, es war mir wirklich eine ganz große Ehre“, säuselte Carla und der kleine Dicke wuchs in die Höhe und war ganz Mann.
„Wir wollen das auch lernen“, rief einer der jungen Burschen. „Warum machen wir heute Abend nicht einen Tango-Abend?“
Jedermann stimmte begeistert zu, alle redeten gleichzeitig auf Carla und Álvarez ein.
„Ruhe!“ wehte es von Carlas Lippen.
Alles schwieg sofort. Sie raunte ihrem Tanzpartner zu:
„Señor Álvarez, sie sind ein wunderbarer Tänzer. Mir kommt es fast unverschämt vor, sie damit zu belästigen, trotzdem möchte ich Sie fragen, ob Sie nicht die Güte hätten und uns die Freude machen würden, den Herren hier die Grundschritte beizubringen. Ich übe mit den Damen.“
Señor Álvarez errötete, reckte die Brust und sagte gönnerhaft:
„Nun gut, aber zuerst brauche ich einen Schluck Wasser.“
Längst hatte mein Willi seine Nüsse im Stich gelassen und die Szene von der Küchentür her verfolgt. Jetzt trat er näher und reichte Herrn Álvarez ein Glas mit eiskaltem Bier.
„Ich lade sie ein“, sagte er.
Herr Álvarez zögerte einen Moment, bevor er das Friedensangebot aus des Feindes Hand entgegennahm, ergriff dann das Glas und trank es auf einem Satz leer. Mein Willi füllte es unverzüglich wieder, um seine guten Absichten zu unterstreichen.
„Fangen wir an. Übrigens, ich heiße Gabriel, für meine Freunde Gabi “, sagte er.
Es wurde ein ganz außerordentlich vergnügter Abend, und erst lange nach Mitternacht gingen wir auseinander. Alles verabschiedete sich mit Handschlag von Gabi, der ganz ausgepumpt, aber glücklich war.
„Woher hast du eigentlich gewusst, dass Gabi so gut Tango tanzen kann?“ fragte ich Carla, als wir in die sternklare, kühle Nacht hinaustraten und gemeinsam ein Stück Wegs gingen.
„Ich habe es nicht gewusst, aber ich habe ihn neulich beobachtet, als im Fernsehen ein mieses Tango- Paar auftrat und hatte das Gefühl, der Mann hat Ahnung. Als er heute so einen Auftritt vor seinem Abtritt machte, da fiel es mir spontan ein und ich dachte: So nicht! So können wir den armen Kerl nicht gehen lassen.“
Sie hauchte mir einen Kuss auf die Wange und verschwand in der Dunkelheit Richtung Haus.
3
Außer uns gab es noch sechs andere Paare, die deshalb hier zelteten, weil sie die Absicht hatten in Los Abedules zu leben und zu arbeiten. Tatsächlich sind nur zwei Paare hergezogen und das auch erst im Sommer des darauffolgenden Jahres. Damals waren jedoch alle überzeugt, dass sie sofort und für immer bleiben würden. Sie suchten nach billigen Grundstücken, Arbeitsmöglichkeiten, stellten Sachen her, die sie zu verkaufen versuchten und träumten ihre Träume vom artgerechten Dasein. Als es nach einigen Sonnentagen wieder zu regnen anfing und sehr kalt wurde, packten die ersten ihre Sachen.
Die Liebe und Eintracht der Zweiten bekam gefährliche Risse durch die Beschwernisse des einfachen Lebens und zerschellte eines Abends in unserem Beisein, an einem Brotlaib, der in der Glut des Lagerfeuers gebacken worden war und dabei verkohlte. Die Kontrahenten reisten am anderen Morgen völlig zerstritten ab.
Die Dritten bekamen ein Baby, das fast im Wäldchen das Licht der Welt erblickt hätte, wenn Pepe die kreisende Frau nicht schnell ins Hospital gefahren hätte. Als sie zwei Tage später mit dem Neugeborenen in ihrem Zelt lag, hatte der junge Vater, laut eigenen Angaben, eine Vision. Sein Sohn sei kosmischen Ursprungs und müsse schnellstens in die Berge bei Córdoba, um mit seiner kosmischen Energie in Verbindung zu treten.
Das vierte Pärchen hatte ein kleines Mädchen, das Herbst hieß und tatsächlich wirkte, wie ein fahler, nebelverhangener Novembermorgen. Nie sahen wir sie lächeln, die kleine Zweijährige. Oft blieb sie allein in der Obhut irgendeines Campingnachbarn, während die Eltern unterwegs waren. Der Vater, ein stilles Wasser, mit schön geschnittenem Indianergesicht und langem, blauschwarzem Haar, legte sich eines Tages zu einem hässlichen Entchen ins Zelt. Herbst und ihre Mutter zogen allein weiter.
Es kamen allerlei Leute: Nette, zurückhaltende, ruppige; solche, die ihre Kinder an den Ästen turnen ließen, bis der Boden bedeckt war mit Zweigen und grünen Äpfeln und Lina vor einem Nervenzusammenbruch stand; es gab solche, denen nichts passte und solche, die Tannen im Wald abschlugen, um Lagerfeuer zu machen, obwohl Lina für einen Spottpreis Feuerholz verkaufte. Es kamen lustige Leute, laute und leise, zu Fuß, per Anhalter, auf dem Fahrrad oder mit dem Auto. Es war eine bunte Gesellschaft, aus fast allen Erdteilen. Der Japaner, der mit dem Fahrrad Argentinien vom hohen Norden bis in den tiefen Süden abstrampelte, ein Nervenarzt, ein Chirurg, ein Gynäkologe, alle drei aus Frankreich, die ebenfalls mit dem Rad unterwegs waren, Yankees und Schweizer, Deutsche und Chilenen, ein Norweger, zwei Neuseeländer und jede Menge Porteños, das sind die Leute aus Buenos Aires. Allen gemeinsam, wenn auch aus verschiedenen Gründen, war, dass sie nur kurz in Los Abedules blieben.
Die Chilenen übernachteten hier, auf der langen Fahrt nach Punta Arenas, der südlichsten chilenischen Stadt, die nur über Argentinien zu erreichen ist, denn der äußerste Süden Chiles besteht aus Gebirge, Gletschern, Urwald, Wasser und Inseln, ist fast unbewohnt und teilweise nicht einmal durch Trampelpfade erschlossen, viel weniger durch Wege oder Straßen.
Die Argentinier blieben kurze Zeit in Los Abedules, weil die meisten nur ein paar Tage Urlaub im Jahr haben, und wenig Geld. Die Weltenbummler hatten zwar Zeit, aber für sie war Los Abedules eben nur eine Station unter vielen. So kam es, dass selten jemand länger als drei Tage auf dem Campingplatz sein Lager aufschlug. Die Gesichter wechselten ständig.
Manchmal war das tröstlich, wie im Falle unseres Zeltnachbarn, der nicht nur drei quengelige Gören hatte, einen kläffenden Pekinesen und eine Frau mit kreischender Stimme, sondern jedes Mal, wenn er mit dem Auto wegfahren wollte, zuerst eine viertel Stunde lang den Motor warmlaufen ließ und uns dabei fast vergast hätte.
Manchmal war es traurig, wie damals, als die Gruppe junger Männer abreiste, unter ihnen einer, bei dessen ersten Anblick Lina durch die Zähne gepfiffen hatte. Der schöne Jüngling war sehr schlank, hatte schmale Hände und lange Finger, war braungebrannt, hatte schwarzes, kurzgeschnittenes Haar und dunkelblaue, melancholische Augen.
„Schade, dass ich nicht einmal Zeit für einen Flirt habe“, seufzte Lina. „Mensch, Geli, lass ihn dir nicht durch die Lappen gehen, der hat Klasse.“
Sie blinzelte mir vielsagend zu.
„Aber Lina“, sagte ich vorwurfsvoll und wurde rot wie ein Schulmädchen. „Wir sind doch alte Schachteln gegen ihn. Das ist ja lächerlich.“
„Dummerchen, die guten Männer wissen, dass die reifen Früchte besser schmecken, als die grünen. Du wirst sehen, die besten und jüngsten Liebhaber hast du, wenn du erst mal die fünfzig überschritten hast, dann wirst du für die Kenner erst richtig interessant.“
„Meinem Willi wird das nicht gefallen.“
„Also Geli, ein bisschen Raffinesse muss ein Weib schon haben, sonst taugt sie nicht einmal für den eigenen Mann“, sagte Lina. „Gefällt er dir nicht?“
„Hm!“
Lina brachte meine Grundsätze über eheliche Treue beträchtlich ins Wanken, aber meine Skrupel und die Schüchternheit des Blauäugigen ließen schließlich nichts anders zu, als dass wir uns zwei Nachmittage lang über vier leere Tische hinweg verträumte Blicke zuwarfen, während draußen herrliche Sommernachmittage lockten. Der Taumel meiner Gefühle rang mir schließlich ein paar Gedichte ab, die ich in ein altes Heft ergoss. Am dritten Nachmittag saß ich alleine und starrte den leeren Platz gegenüber an. Der Blauäugige und seine Freunde waren abgereist. Ach, wäre ich doch schon fünfzig.
Die träumerischen Blicke aus Augen, die so geheimnisvoll waren, wie unergründlich tiefe Bergseen, hatten mich schmerzlich aufgeweckt. Ich spürte einen nagenden Hunger in meinem Herzen nach Zärtlichkeit und Romantik, für die es schon so furchtbar lange keinen Raum mehr gab. Wir waren Arbeitstiere geworden und unser ganzes Tun und Trachten war ausgerichtet auf das Überleben. Würde am Ende zwar das Haus fertig, aber unsere Ehe zerbrochen sein?
4
Unser Haus machte Fortschritte, trotz all der kleinen Zwischenfälle, die eben überall in der Welt beim Bauen passieren. Ein weitverbreitetes, ja geradezu typisches Phänomen, das uns sehr zu schaffen machte, war das, was ich die Vertrauen-Vorschuss-Spirale nannte.
Der Klempner sagt:
„Ich muss das Material kaufen.“
Dafür brauche er Geld. Du duckst dich und verkrampfst deine Hand um den Geldbeutel in deiner Hosentasche. Einen Vorschuss müsse er auch haben, fährt er fort, sonst könne er mit der Arbeit gar nicht anfangen, denn er habe drei Kinder und eine Frau, die Miete sei auch noch nicht bezahlt und gerade heute habe seine Schwiegermutter wieder einen Haufen Geld zum Doktor und zum Apotheker getragen. Er seufzt tief, legt das Gesicht in Kummerfalten und sagt wehmütig den argentinischer Standardsatz, passend für alle Lebenslagen:
„Y bueno, qué quiere que haga?“ (Nun gut, was soll man da schon machen?)
Du ziehst den Geldbeutel.
„Wenn Gott will, sehen wir uns morgen“, sagt er und steckt das Geld, das du mühsam verdient hast, achtlos in die Hosentasche.
Nachdem er weg ist, kommen dir doch Bedenken, die du aber schnell verscheuchst, denn der Mann macht einen wirklich netten Eindruck. Allerdings, eine Quittung hat er dir nicht unterschrieben. Na, wird schon klappen.
Morgen kommt, aber nicht der Klempner. Es kommt Übermorgen und immer noch schaust du vergeblich nach ihm aus. Drei Tage, vier Tage, eine Woche. Offensichtlich ist es nicht Gottes Wille. Du raufst dir die Haare und schwörst, dass du nie, nie mehr einen Vorschuss zahlst, schon gar nicht ohne Quittung und alles Material in Zukunft selber einkaufst.
Eines Tages hältst du es nicht länger aus.
„Dem Kerl werde ich was husten“, sagst du.
Mit Wut im Bauch machst du dich auf den Weg zu diesem Halunken. Unterwegs, als dir die Wut schon am Hals sitzt und dringend raus will, fällt dir ein, dass du ja Ausländer bist und deshalb besser keine zu große Lippe riskierst, denn man ist ja angewiesen auf die Leute, will es mit niemanden verderben. Du schiebst die Wut wieder in den Bauch hinunter und setzt ein verbindliches Gesicht auf.
Der herzliche Empfang durch die Klempnersfrau und den Jüngsten, der dir mit schokoladenverschmiertem Gesicht und Patschhänden, die Ärmchen entgegenstreckt, erstickt auch die letzte Absicht in dir, als abscheulicher Gringo aufzutreten. Frau Klempner, gnadenlos gegenüber jedwedem Besucher, wie alle vernarrten argentinischen Mütter, sagt zum klebrigen Jüngsten:
„Juanito, gib der Tante ein Küsschen.“
Du zuckst entsetzt zurück. Alles nur das nicht, aber es bleibt dir keine andere Wahl, als den feucht- süßen Kuss angeekelt zu erleiden.
Ab jetzt gehst du jeden Tag bei Klempners zu Hause vorbei.
„Da lasse ich einfach nicht locker, bis der Kerl kommt“, sagst du.
Seine Frau kennt dich schon und freut sich auf deinen Besuch. Gelegenheit für ein Plauderstündchen. Manchmal ist der Meister selber daheim. Man sitzt traut am Tisch und lässt den mate kreisen, wie weiland die Indianer ihre Friedenspfeife. Man spricht über dies, man spricht über das und wenn man geht, lässt man nebenbei ein paar Worte fallen, über die Notwenigkeit seines Besuches auf der Baustelle, möglichst ausgerüstet mit Zeit und Werkzeug, damit endlich einmal Gasrohre in den Boden kommen und der Estrich gelegt werden kann. Der Klempner versichert im Brustton tiefster Überzeugung, dass er selbstverständlich ohne jeden Aufschub morgen zur Stelle sei.
„So Gott will!“
Das Verrückte an der ganzen Sache ist, dass es dieser Klempner jeden Tag aufs Neue so leicht fertig bringt, in dir die Überzeugung zu festigen, dass er morgen, ohne weiteren Aufschub, die Gasleitung legt.
Mit dem Elektriker läuft das anders. Jetzt hast du Erfahrung. Er kommt, schaut sich die Sache an und will gleich morgen anfangen. Gut, das lobe ich mir! Aber ohne Vorschuss, sagt er, laufe gar nichts. Er habe Frau und einen Stall voller Kinder und die Schwiegermutter Diabetes. Er brauche das Geld auf jeden Fall. Alle Ampeln stehen auf Rot. Du schüttelst heftig den Kopf. Er sagt, dass er es sich nicht leisten könne, auf den nächsten Zahltag zu warten, der - er druckst ein bisschen herum-meistens überhaupt nie käme. Er habe schon zu viele Schuldner, lauter Geldleute wie du (das „wie du“ sagt er nicht, steht ihm aber in den Augen), die zahlen könnten, aber die Zahlungsmoral sei unter aller Sau, und er sitze lieber daheim, als gratis zu arbeiten. Du versicherst ihm, dass er, nach Abschluss einzelner Arbeitsschritte das Geld sofort ausgehändigt bekommt. Er schüttelt den Kopf. Er könne es sich, leider Gottes, nicht leisten. Du sagst:
„Ich auch nicht.“
Er sagt eingeschnappt, wenn du kein Vertrauen in ihn hättest, könne man ja sowieso auf eine Zusammenarbeit verzichten. Das gleiche, aber umgekehrt denkst du dir ebenfalls, schweigst jedoch lieber, denn du brauchst den Stromanschluss. Kerzenlicht ist zu teuer und zu umständlich. Der Kerl sitzt am längeren Hebel. Du drückst ihm am Ende mit wehem Herzen ein paar Scheine in die Hand und damit auch dein weiteres Schicksal. Mit Handschlag verabschiedet er sich und schaut dir tief in die Augen, als er sagt:
„Bis morgen. So Gott will.“
Es ist immer herzergreifend, dass es in dieser scheinbar gottlosen Zeit so viele Menschen gibt, die nach dem Willen Gottes fragen.
Es kommt Morgen, es kommt Übermorgen, aber nicht der Elektriker. Jetzt machst du schon zwei Besuche täglich. Du lernst, dass das Leben nicht nur aus Arbeit bestehen kann. Man muss genauso die sozialen Kontakte pflegen.
Auch bei Elektrikers fühlst du dich schnell heimisch. Es sind die gleichen wackeligen Stühle mit verrosteten Metallfüßen und aufgeschlitzten Plastiksitzkissen, wie bei Klempners, die gleichen Kekskrümel in Milchkaffeepfützen auf dem Tisch, die gleichen feuchten Schokoladenküsse aus gespitztem Kindermund, nur der schwarze Köter, der einem Hängebauchschwein verblüffend ähnlich sieht, kläfft giftiger.
Dass eines schönen Tages doch die Gasrohre im Boden waren und die Stromleitungen in der Wand, beweist einmal mehr, dass alles kein Problem war, und wir nur künstlich aufgebauscht hatten, was seinen natürlichen Lauf nahm. Wann werden wir endlich lernen, dass wirklich etwas daran sein muss, wenn ein ganzes Volk unaufhörlich wiederholt: „No te hagas problemas.“ (Mach dir keine Probleme!)
5
Also, wie gesagt, trotz all der kleinen Zwischenfälle wuchs das Haus und gedieh. Es kam der Tag, wo es so groß geworden war, dass man die Hütte versetzen musste, denn wo ein Körper ist, das pflegte der verflossene Albert mir bei jeder Gelegenheit einzubläuen, da kann kein zweiter sein. Man hätte selbstverständlich aus der Hütte Kleinholz machen können, aber dafür war sie zu schade. Da stand sie, drei Meter lang und breit, die Eck- und Mittelpfosten in einem Betonwürfel in den Boden versenkt, mit einem Zementfußboden. Ja du liebes bisschen, was machen wir denn da? Der schwäbische Indianer-Antú hatte eine verwegene Idee, die uns fast zum Kauf einer Fotokamera verleitet hätte, um die Aktion im Bild festzuhalten. Ich wurde zunächst gefragt, wo ich die Hütte haben wollte. Wieso ich? Na klar, wer soll denn sonst die Verantwortung übernehmen, wenn sie nachher an einer ganz blöden Stelle steht.
Ich schritt zwei Tage auf unserem Grundstück herum und ließ mein räumliches Vorstellungsvermögen zur Hochform auflaufen, dann bestimmte ich den Platz. Mit der Motorsäge wurden die Pfosten unten abgesägt, und die ganze Blockhütte mit drei langen Stangen, die als Hebel dienten, hochgehievt auf Baumstämme. Mit Hebeln und Seilen, mit Manneskraft und Flüchen wurde das gute Stück Meter für Meter durch den Garten geschleift, nach dem Vorbild der ägyptischen Pyramidenbauer, genau an den Platz, den ich vorher dafür bestimmt hatte. Bis heute finden wir, dass es tatsächlich der absolut beste Platz ist. Ich habe Glück gehabt. Auf den Baumstämmen, auf denen sie angerollt gekommen war, nagelte Antú einen Bretterboden. Der Umzug war gelungen.
6
Eines sonnigen Nachmittags, an dem ich mich, zu keinem anderen Zweck, als mich des Lebens zu freuen, ins Gras gelegt hatte und mich dem gründlichen Studium der Wesensart eines alten Nussbaumes widmete, kam Indianer-Antús Lieferwagen vorgefahren. Er winkte mich her und öffnete die Klappe der Ladefläche, wo mein Willi auf prallen Zementsäcken hingestreckt lag, wie die Römer beim Saufgelage. Er lächelte mir etwas gequält zu.
„Er ist von der Leiter gefallen, hilf mir beim Abladen“, sagte Antú.
„Pech gehabt, Kleines, das verfluchten Ding ist einfach unter mir weg gerutscht“, sagte mein Willi mit sterbenskranker Stimme. „Beide Füße kaputt.“
Mir wurde plötzlich schwindelig und alle Geräusche drangen wie aus weiter Ferne zu mir. Antú fing mich in seinen starken Armen auf, als mich die Nebel einhüllen wollten. Mein Gott, Angelika, nimm dich zusammen, gebot ich mir selber und im gleichen Augenblick kam die Sonne durch die trüben Schleier. Ich sah wieder klar. Antú und ich schleppten den Verletzten zunächst in den Saloon. Ich schob zwei Bänke zu einer Liege zusammen, um den Blessierten zu lagern.
Als ich mich von dem Schreck etwas erholt hatte, immerhin sah mein Willi bei genauerer Inspektion nicht allzu mitgenommen aus, zog ich ihm Schuhe und Socken aus, krempelte seine Hosenbeine hoch und tastete die Gelenke ab. Antú verschwand, während ich meinem Willi wegen seiner Unvorsichtigkeit schwerste Vorwürfe machte, die darin gipfelten, dass ich ihm vorhielt, mich vor Sorgen um ihn vorzeitig ins Grab zu bringen.
„Fern der Heimat in fremder Erde verscharrt wie ein Hund“, schloss ich meine Vorhaltungen.
„Hör auf mit dem Seich und mach etwas, bevor das immer mehr anschwillt“, stöhnte mein Willi.
„Sollte man die Füße nicht röntgen?“ schlug ich vor.
„So ein Quatsch!“ rief mein Willi aufgebracht. „Das sage ich dir gleich, ins Hospital gehe ich nicht.“
„Hast du nicht einmal gesagt, dass das Hospital besser sei, als gar nichts, wenn man sich das Bein halb abgehackt hat?“ stichelte ich.
Vorsichtig mobilisierte ich die Fußgelenke. Mein Willi verzog das Gesicht.
„Erstens handelt sich es um Füße und nicht um ein Bein“, presste er zwischen den Zähnen heraus. „Zweitens sind sie nur etwas lädiert, nicht abgehackt. Wozu habe ich dich denn geheiratet? Anderer Leute Knochen biegst du hin und schmierst Zeug drauf und mich willst du abschieben, bloß weil ich dich nicht bezahle.“
Ich rieb, schmierte, flößte ein, sprach im Sinne von „Heile, Heile, Segen…“ auf den Verletzten ein, der unter dieser Behandlung zusehends verfiel, um genau dann eine sprunghafte Steigerung seiner Selbstheilungskräfte zu erfahren, als einige Zeit später eine hochbusige, langbeinige, knackarschige Puppe in den Saloon stöckelte. Sie setzte sich an einen der freien Tische und legte, nachdem sie meinem Willi ein strahlendes Lächeln zugeworfen hatte, das mir die Tollwut durch die Adern trieb, einen Schreibblock vor sich hin. Sie begann hingebungsvoll an ihrem Bleistift zu nagen und sah verträumt in unbestimmte Fernen. Zwischendurch strich sie die langen, ebenholzfarbenen Haare nach hinten und feuerte Blicke auf meinen Willi, der mit einem dümmlichen Lächeln antwortete. Die Eifersucht feuerte meinen Blutdruck in die Höhe, was wenigstens dazu beitrug, meinen angeknacksten Kreislauf zu stabilisieren. Nach einer endlosen Weile packte sie ihre Sachen und verließ uns wieder.
Kaum war die Puppe abgetreten, musste mein Willi sehr dringend austreten. Jetzt war guter Rat teuer. Die eine Hälfte der Menschheit war unterwegs, die andere lag im tiefsten Mittagsschlaf. Kein Helfer war in Sicht. Kennen sie die Geschichte der Weiber von Weinsberg? Sie haben, laut Überlieferung, ihre Männer aus der Stadt getragen, als die Belagerer die Frauen ziehen ließen, wobei jede mitnehmen durfte, was sie auf dem Rücken tragen konnte. Aus mir völlig unerklärlichen Gründen entschlossen sie sich, ausgerechnet die Männer aus der Stadt zu schleppen. Damals war die strahlende Epoche der Frauenemanzipation, die Befreiung vom Mannesjoch, eben noch im Dunkel der Zukunft.
Trotz meines Willis heftigsten Widerstandes, der seinen Ursprung fast ausschließlich in der Angst vor Lächerlichkeit hatte, weniger in der Sorge um meine Knochen, lud ich mir seine 185 Zentimeter auf meine 158 und trug ihn die dreißig Schritte bis hinein in das stille Örtchen. Mein Willi überzeugte mich, dass er mit seinen Hosen alleine zurechtkam.
„Es sind die Füße, Geli, die Füße und nicht die Hände und jetzt zisch ab.“
Ich zog mich diskret zurück. Bei meinem Abgang aus dem „Herren“ stieß ich auf einen solchen, der gerade dabei war, seinen Hosenladen zu öffnen und mich entsetzt anstarrte, als ich an ihm vorbeischoss, hinaus ins Freie. Nach Ablauf einer angemessen Frist, schaute ich nach meinem Willi, nicht ohne mich vorher dessen zu versichern, dass kein anderer Adam seinen leiblichen Geschäften nachging.
„Jetzt, wo du einmal hier bist, duschst du dich gleich und dann ab ins Bett“, sagte ich.
Mein Willi wehrte entsetzt ab.
„Duschen? Willst du einen kranken Menschen ins Grab stoßen? Fern der Heimat und in fremder Erde?“
„Ohne mit der Wimper zu zucken, wenn er eh schon stinkt wie ein Kadaver.“
Ich blieb Sieger in dem kurzen Disput der folgte, denn er hatte kein anderes Argument aufzuführen, als dass ich einen kranken Mann zu Tode quälen wolle, was mir nicht schwerfiel zu widerlegen. Eine viertel Stunde später lud ich mir seine frisch geschniegelten 80 Kilo auf den Buckel und bugsierte sie, wie einen Sack Kartoffeln, die 70 Meter bis zum Zelt. Da lag das Mannsbild nun, sauber wie ein frisch gewickeltes Baby, aber quengelig wie ein ungezogener Balg, und ich war heilfroh, dass ich mich seiner Laune entziehen konnte. Ich musste ein paar Besorgungen im Ort machen.
Am anderen Tag konnte mein Willi bereits recht gut gehen, auf meine Schulter und einen dicken Stecken gestützt. Mir tat noch wochenlang das Kreuz weh. Am dritten Tag wäre er, trotz meines Einspruchs am liebsten auf die Baustelle gegangen, aber es regnete. Über Nacht hatte sich der Regen eingestellt, buchstäblich aus heiterem Himmel.
7
Tags darauf schien die Sonne und gegen Mittag war mein Willi nicht mehr zu halten. Er schwang sich auf sein Rad und fuhr zur Baustelle. Erstaunlich schnell war er wieder zurück. Er ließ das Rad ins Gebüsch fallen und sagte mit wütend funkelnden Augen:
„Jetzt reicht es aber!“
Ich schaute ihn fragend an.
„Das ganze Dach ist futsch“, stieß er wütend hervor.
„Geklaut?“ fragte ich atemlos.
„Ach was, geklaut! Verdorben, von diesem Granatenheini verdorben! Alles hin, verdreht, aufgeworfen, was weiß ich“, sagte mein Willi und ließ sich auf die Bank fallen. „Kein Mensch auf der Baustelle. Ich flippe gleich aus.“
Ich flitzte mit dem Rad hin. Tatsächlich, die ganze Holzdecke aus Nut- und Federbrettern war ein verdrehtes Auf und Ab.
„Wie konnte das bloß passieren?“ fragte ich meinen Willi später.
„Ist doch klar, erst regnet es und das Holz quillt auf, springt aus der Nut, dann knallt einen Tag lang die Sonne darauf und alles verzieht sich.“
Mein Willi erklärte mir, dass die Dächer hier aus mehreren Schichten bestehen. Zuerst werden Nut- und Federbretter auf die Dachbalken genagelt, darauf kommt eine Schicht Dachpappe, darauf werden dünne Vierkanthölzer genagelt, jetzt kommt eine Isolierschicht aus Glaswolle oder wie in unserem Fall aus Styroporplatten. Abgedeckt wird das ganze mit Zinkblech oder Eternitplatten. Besonders ideal sind die Dächer nicht, aber so ist das eben hier üblich.
„Wir hätten doch ein Grasdach machen sollen“, sagte ich.
„Wir hätten gar nicht herkommen sollen“, sagte mein Willi.-
„Das muss runter!“ sagte mein Willi am nächsten Morgen zu Antú.
„Das muss runter!“ pflichtete ich ihm bei.
„Das bleibt drauf“, sagte Indianer- Antú, die Hände in die Hüften gestützt.
„Das muss runter! Und zwar auf deine Kosten, Antú. Das hast du verpfuscht. Warum hast du nicht gleich die Dachpappe drauf genagelt. Jetzt ist alles hin.“
„Das bleibt drauf“, sagte Indianer-Antú hartnäckig. „Ich werde das wieder hinklopfen. Die Extra-Arbeit muss ich aber berechnen. Es ist schließlich nicht meine Schuld.“
„Ja meine vielleicht?“ schrie mein Willi außer sich. „Das Zeug kommt runter. Auf deine Kosten.“
„Das Zeug bleibt oben. Ich klopfe das wieder hin, auf Deine Kosten. Es ist schließlich nicht meine Schuld, dass es geregnet hat.“
„Aber dass du die Dachpappe nicht darauf genagelt hast.“
„Es war blauer Himmel. Ich konnte ja nicht wissen, dass es regnen würde.“
„Und warum warst du überhaupt nicht mehr auf der Baustelle?“
„Ich konnte ja nicht wissen, dass sie so schnell wieder auf den Beinen sein würden, da habe ich eben woanders gearbeitet.“
Das Zeug blieb tatsächlich drauf. Indianer-Antú konnte die Holzdecke einigermaßen retten, allerdings haben wir, solange wir in diesem Haus wohnen werden, die deutlichen Spuren jenes Wochenendes vor Augen, als es aus heiterem Himmel auf unsere neue Holzdecke regnete.
Mit Dächern schienen wir kein Glück zu haben.