no problem - kannste eh nix machen

Angelika Unseld · Kapitel 11 von 15

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no problem - kannste eh nix machen

Elftes Kapitel

 

1

Ein sonniger Samstagmorgen. Der blitzblanke Himmel spannte sich über das Tal und die Anden. „Der in den Wolken träumt“ streifte sich allmählich die blauen Schatten der Morgenstunden von den Hängen. Letzte Tautropfen schillerten im Gras und in den Rosen, die den zwei Kilometer langen Mittelstreifen der Hauptstraße von Los Abedules bildeten.

„Im Postfach lag eine Benachrichtigung: Eure Pakete sind da“, rief mir Richard aus dem offenen Wagenfenster zu und schwenkte einen gelben Zettel. „Am Montag fahre ich euch in die Kreisstadt auf das Zollamt“, fügte er hinzu, winkte und gab Gas.

Ich machte einen Luftsprung, dann radelte ich, was die Pedale hergaben, auf die Baustelle.

„Willi!“ rief ich aus Leibeskräften, als ich in unseren Weg einbog. „Willi, alle Not hat ein Ende!“

Mein Willi ließ seine Werkzeuge ins Gras fallen und sagte lachend:

„Donnerwetter, das lasse ich mir gefallen. Sechs Richtige im Lotto und ich rühre keinen Finger mehr.“

„Die Pakete, Willi, die Pakete sind da“

Mein Willi strahlte. Schnell hatten wir uns gegenseitig überzeugt, dass diese Nachricht unbedingt gefeiert werden musste. Wir ließen Arbeit, Arbeit sein und bummelten durch den Ort. Sechs Wochen lebten wir jetzt in Los Abedules und hatten uns nie die Zeit genommen, einen Streifzug durch das Städtchen zu machen.

Viele Leute waren unterwegs, denn bald war Weihnachten. Los Abedules ist das wirtschaftliche Zentrum für die Landbevölkerung im Umkreis von fünfzig Kilometern. Aus der näheren Umgebung kommen die paisanos auf dem Rücken ihrer Pferde, die sie unter einer Baumgruppe am Ortseingang anbinden. Andere kommen mit Kind und Kegel in klapprigen Autos.

Es gab keinen TÜV und entsprechend abenteuerliche Vehikel konnte man auf den Straßen sehen. Nicht selten fehlten Türen, Kofferraumdeckel oder sogar die Motorhaube. Es gab Autos, die aus verschiedenen Modellen zusammengeschweißt waren; es gab solche, die auf dem Dach einen Kanister installiert hatten, aus denen über einen dünnen Schlauch das Benzin in den Vergaser floss. Es gab Autos, die man anschieben musste, weil sie längst keinen Anlasser mehr hatten; es gab solche, die keine Beifahrersitze hatten, statt dessen einen Haufen Schaffelle; es gab Fahrersitze ohne Lehnen oder ohne Polsterung, so dass der Chauffeur auf dem blanken Metallfedern saß. Es gab Sechszylinder, die nur noch auf dreien und im Schritttempo fuhren, Autos ohne Rücklichter, manche nur mit einem Scheinwerfer oder mit gar keinem. Rückspiegel, sofern vorhanden, wurden von vielen nur dazu benutzt, um zu sehen, ob der Hut richtig sitzt.

Fahrschulen gibt es in Los Abedules nicht. Den Führerschein bekommt, wer die erforderliche Gebühr entrichtet und sich einem Sehtest unterzogen hat. Deshalb wissen manche zum Beispiel nicht, dass jedes Auto fabrikmäßig mit einem Blinker ausgestattet ist, und dass dieses lustige Licht die Änderung der Fahrtrichtung anzeigt; andere mögen es wissen und machen von diesem Wissen keinen Gebrauch. Vorfahrt hat der Schnellere oder der Aggressivere, überholt wird, wo es gerade Platz hat. Gewöhnlich war damals die Verkehrsdichte so gering, dass all diese Fahrer-Todsünden nicht besonders zu Buche schlugen. Die alten Vehikel fuhren selten schneller, als ein guter Radfahrer hinlegt, und so kam es, dass die meisten ihre Unfälle relativ gut überstanden.

Das war schon wenige Jahre später nicht mehr der Fall. Als der Fortschritt und ein Autohändler nach Los Abedules kamen, raste man mit den blitzenden Limousinen, die man in bequemen Raten 25 Jahre lang abstottern konnte, mit 80 Stundenkilometern durch die Straßen, allerdings weiterhin ohne die Fahrtrichtung anzuzeigen und selbstverständlich respektierte man keine Vorfahrt oder Einbahnstraße. Den Konsequenzen entzog man sich häufig durch Fahrerflucht.

Also wie gesagt, heute war allerhand los, denn Weihnachten stand vor der Tür. An der plaza parkten mehrere Busse, aus denen die Tagesausflügler quollen: Männer in leuchtfarbenen Jogginganzügen, in denen nichts die strammen Bäuche und wabbeligen Hintern beengte; manche Damen traten mit ihren Jogger- Männern im Partnerlook auf; andere bevorzugten in Leggings der Konkurrenz den Hintern zu bieten. Ich war hingerissen vom Selbstbewusstsein der Damen, die ihre dürren Stecken oder fetten Stampfer dem Publikum völlig ungeniert in den synthetischen Beinhäuten darboten. Selbst die kleinen Dellen der Zellulitis blieben nicht verborgen.

Ich selber litt meinen Lebtag unter der Vorstellung, dass die Mehrheit der Frauen, im Gegensatz zu mir, ganz anständige Figuren unter den modischen Hüllen verbergen. Ich wurde hier eines besseren belehrt. Trotzdem käme es mir nie in den Sinn, in Strumpfhosen auf die Straße zu gehen, den Rock sozusagen einfach daheim zu vergessen und schon gar nicht, wenn ich die Kleidergröße 50 weit hinter mir gelassen hätte.

Die Füße der Damen, Herren und Kinder steckten fast ausnahmslos in Turnschuhen: ausgelatschten, eingestaubten, abgewetzten, frisch geschrubbten oder nagelneuen, mit Markenzeichen oder ohne. Die Leute strömten in die Konditoreien, in die Pizzerias, in die Steakhäuser, die hier asaderos heißen. Sie schlenderten um den Weiher, die Ärmeren setzten sich unter den hohen, alten Bäumen in das Gras und packten ihre Thermosflaschen aus, mit dem heißen Wasser für den mate und aßen aus fettigem Papier ihre tortas fritas, das sind in Rindertalg oder Öl ausgebackene Hefeteilchen.

Die Hauptattraktion von Los Abedules ist, außer der Landschaft, der Kunsthandwerksmarkt. Die Stände, meist einfache Holztische waren rund um den Dorfteich herum aufgestellt. Aus dem ganzen Land kamen die Leute, um sich die handgestrickten und –gesponnenen Wollsachen anzusehen, die Holzarbeiten, den Schmuck, die kleinen Kunstwerke aus Trockenblumen, das bunte Spielzeug, die Lederwaren und was es sonst noch alles gab. Es wurde viel geschaut und wenig gekauft. Den meisten Umsatz machten fraglos die Stände, die Kuchen, Torten, belegte Brötchen, Waffeln, Würstchen und was weiß ich noch alles Essbare anboten.

Hinter einem Zeltaufbau aus indischen Flattertüchern las eine Zauberfrau das Glück aus den Karten und kassierte anständig für ihre Zukunftsschau. Der Geruch nach Frittierfett und die psychedelischen Ausdünstung der Haschischzigaretten und Räucherstäbchen hüllte den ganzen Platz ein.

Nicht nur das Warenangebot wies eine ungeahnte Fülle auf, sondern vor allem die Handwerker, Kunsthandwerker und Künstler, die diese Waren herstellten und verkauften, boten ein buntes Bild. Da saß eine sorgfältig hergerichtete alte Dame in gepflegtem Grau und Altrosa hinter ihrem Stand mit Stoffpuppen. Am Tisch daneben bot ein junges Mannsstück, mit verfilzter Mähne, in abgewetzten, verdreckten Jeans und offenem Hemd, seine Holzschnitzereien an. Seine rachitische Brust zierte eine grobgliedrige Kette mit riesigem Amulett: Irgendein Energiespender, ein Artefakt zur Harmonisierung seines Ichs? Daneben offerierte mit dem charmantesten Lächeln der Welt ein Schönling mit gezwirbeltem Schnurrbart seinen Schmuck. Ihm zur Seite eine langhaarige, junge Frau in Mausgrau und Erdbraun, Gesundheitssandalen an ihren wollbesockten Füßen, die ihre Blütenessenzen und Pflanzentinkturen unter die Leute zu bringen trachtete. Ein Stück weiter verlockte eine Blondine mit wallenden Locken und überaus großzügig preisgegebenen Rundungen in knappem Leibchen und höllisch-heißen Höschen die Kunden zum Kauf von bemalten Kacheln.

Ein bunter Markt der Dinge und Menschen.

Mein Willi und ich teilten uns eine knusprige Waffel, mit Himbeermarmelade und Sahne bestrichen und setzten uns zu den Mate-Trinkern unter die Bäume.

„Sobald wir die Pakete haben, können wir das zweite Zelt aufstellen“, sagte ich zu meinem Willi. „Dort können wir unsere Kleider hinein hängen und überhaupt alles lagern, was wir brauchen.“

„Schluss mit den harten Liegematten, jetzt kommen die Luftmatratzen“, sagte mein Willi und rieb sich die Hände. „Gute Zeiten brechen an. Federbetten, Wollpullover und Geli, mein ganzes Werkzeug.“

„Und meine Schreibmaschine“, fügte ich hinzu. „Nun kann ich endlich all die langen Briefe schreiben, alles erzählen, alles notieren.“

2

Wir fuhren mit Richard in seinem Lieferwagen in die Kreisstadt. Auf dem Zollamt ließ man uns in einem dunklen Flur warten. Auf der Benachrichtigung stand, dass montags, mittwochs und freitags zwischen 8 und 12 Uhr Publikumsverkehr sei. Wir waren um halb elf da. Kurz vor Mittag erwies man uns endlich die Gunst von einem mürrischen Beamten bedient zu werden, der die Ausstrahlung eines Giftnickels hatte. Er führte uns in einen kleinen, sonnendurchfluteten Raum. Der ganze Fußboden war zugestellt mit unseren Paketen.

„Gott sei Dank“, sagte der Beamte, „dass sie endlich kommen. Wir wussten gar nicht mehr, wohin mit dem Plunder.“

„Gott sei Dank“, pflichtete ich ihm anzüglich bei, „dass der Plunder endlich da ist, nach fünf Monaten.“

Auf jedem Paket war außen ein Formular, in dem wir damals in Deutschland fein säuberlich auf Deutsch und Spanisch vermerken mussten, was darin enthalten ist. Außerdem hatten wir die erforderliche Genehmigung zur zollfreien Einfuhr. Trotzdem und obwohl schon Mittag war, mussten wir eine ganze Reihe Pakete öffnen und alles herausholen. Nachher war es schwierig, den Krempel wieder einzuräumen. Wir ärgerten uns. Ein paar Stunden später ärgerten wir uns aber noch viel mehr, dass wir nicht alle Pakete vor den Augen des Zollbeamten aufgemacht hatten.

3

Am späten Nachmittag waren wir wieder daheim. Wir stapelten die Kartons in Richards zukünftigem Gastraum, der vorläufig eine stillgelegte Baustelle war. Wie Kinder vor dem Gabentisch standen wir vor unseren Sachen. Richard ließ uns allein, und wir lasen fast andächtig die Inhaltslisten auf den Paketen.

„Bücher, lass uns diesen Karton zuerst aufmachen“, bat ich meinen Willi.

„Mensch Geli, Bücher, dafür haben wir überhaupt keine Zeit“, sagte mein Willi.

„Aber Willi, denk an das Gartenbuch.“

Mit einem Seufzer steckte Willi unser Taschenmesser in den Karton und schnitt ihn auf. Wir hockten uns nieder und holten ein Buch nach dem anderen heraus.

„Überleben in der Wildnis- leicht gemacht. Schau Willi“, sagte ich und hielt ihm das Taschenbuch unter die Nase. „Können wir brauchen.“

„Wo kommt das denn her? So ein Quatsch“, meinte mein Willi und rümpfte die Nase.

„Das habe ich mitgenommen, als ich Bücher im Antiquariat umtauschte. Vielleicht sind ein paar nützliche Rezepte für das Kochen am Lagerfeuer drin.“

Ich legte es beiseite und inspizierte weiter die Bücherkiste. Mein Willi blätterte im Überlebensbuch. Halblaut murmelte er vor sich hin:

„Erdbeben, Sturmflut, Flugzeugabsturz, Hochgebirge, Wüste…“ er klappte das Buch zu und steckte es wieder in die Kiste. „Trifft unseren Fall nicht“, sagte er. „Vielleicht muss das Buch Überleben als Auswanderer erst noch geschrieben werden.“

Ich hatte inzwischen das nächste Paket geöffnet und zog eine weiße Trachtenbluse mit Spitzen hervor und einen geblümten Rock. Ein leiser Duft nach Lavendel schwebte in der Luft. Ich vergrub die Nase tief in den Stoffen.

„Putzt du dir die Nase ins Sonntagsgewand?“ fragte mein Willi.

„Schnupper mal“, sagte ich und hielt ihm die Kleider entgegen. „Wie fein das duftet. Hier riechen unsere Klamotten im besten Fall nach Kernseife. Ach Willi, ich möchte mich mal wieder richtig schön machen, Kleider anziehen, die gut riechen, die hübsch sind und ordentlich gebügelt.“

„Jetzt wo wir das andere Zelt aufstellen, haben wir Platz und du kannst dir ein paar Sachen mitnehmen.“

„Schau Willi, meine Stöckelschuhe und dieser Seidenrock dazu. Vier Meter Stoff hat er und schwebt einem so schön um die Beine“, sagt ich und ließ die hauchzarte Stofffülle langsam durch meine Hände gleiten.

„Bei dem vielen Wind hier wirst du ihn weniger um die Beine, als mehr um die Ohren haben“, sagte mein Willi.

Ich legte den Rock aufseufzend wieder in den Karton zurück.

„Ich fürchte, du hast recht“, sagte ich.

„Mein nagelneuer Anzug“, sagte mein Willi und hielt ein dunkles Jackett aus feinstem Wolltuch hoch. „Den ich nur ein einziges Mal anhatte.“

„Ja“, sagte ich fast wehmütig. „Cousine Babettes Traumhochzeit. Du hast eine sehr gut Figur abgegeben, als du den Walzer mit der Braut getanzt hast. Wir sollten uns mal richtig schön machen und zusammen in die Oper gehen. Rigoletto vielleicht oder Die Zauberflöte, wie damals, als wir über Neujahr in Salzburg waren. Weißt du noch, Willi, wie wir im Schein der alten Straßenlaternen durch den glitzernden Schnee gestapft sind und die Flocken leise auf uns herabsanken. Wie wir aus der kalten Nacht in den Peterskeller traten und dort das „Peterskeller- Geheimnis aßen.“

Ich kam richtig ins Schwärmen.

„Erstens, Geli“, riss mein Willi mich aus meinen Träumen, und streckte mir seine Hände entgegen. „Schau dir das einmal an. Wir beide, mit unseren abgearbeiteten Baustellen-, Garten-und Lagerfeuerhänden, könnten uns nur schön machen mit Handschuhen bis zu den Ellbogen. Zweitens haben wir kein Geld, um ordentlich im Supermarkt einzukaufen, wie viel weniger um in die Oper zu gehen. Drittens gibt es hier in Los Abedules nicht einmal ein Kino, das nächste Opernhaus ist an der Hauptstraße um die Ecke und dann immer geradeaus 1700 Kilometer. Zu Fuß und mit Stöckelschuhen ein bisschen weit, was?“

Ich nickte und stopfte alles wieder in den Karton.

„Das Nähkästchen“, frohlockte ich einige Augenblicke später. „Willi, das Nähkästchen! Endlich kann ich ein paar Sachen flicken. Wenn ich daran denke, dass ich es gar nicht mitschicken wollte! Es ist überhaupt nur da, weil wir eine Lücke ausfüllen wollten. Bin ich froh!“

Ich wühlte in den blauen, grünen, roten, grauen, schwarzen und weißen Nähseiden, allerlei Knöpfen und den Stopfgarnen in zehnerlei Farben zu einem bunten Zopf geflochten, Nähnadeln aller Größen, Hosengummi und Druckknöpfe, Stecknadeln und ein Stück Schneiderkreide.

„Lach mich nicht aus, Willi, aber ich freue mich so. Es ist ein kleines Stück Haushalt von daheim. Ein Stückchen normales Leben.“

Mein Willi achtete gar nicht auf mich, er blätterte hingebungsvoll in seinem Kochbuch, das ich ihm letztes Weihnachten geschenkt hatte.

„Lamm, Geli, Lamm“, sagte er und jedes Wort schien ihm auf der Zunge zu zergehen. „Lamm mit Feigen und Aprikosen. Weißt du noch, dein letzter Geburtstag. Die Aprikosen waren mit Mandeln gefüllt, die Feigen mit Haselnüssen. Ich werde gleich verrückt. Und hier, schau, Kaninchen á la Maître mit Kressenudeln, selber geknetet und geschnitten. Mousse au Chocolate, Käsesoufflé, mmmh.“

Er klappte das Buch mit einem Knall zu und legte es in den Karton zurück.

„Und nachher gibt es trockenes Brot und Radieschenblätter. Ach, ich habe die Nase so voll von all dem hier.“

„Also, seit wir im Kamin kochen dürfen, habe ich dir jeden Abend eine warme Mahlzeit serviert“, sagte ich eingeschnappt.

„Eintopf, jeden Tag Eintopf“, murrte mein Willi.

„Ich habe ja auch nur einen Topf“, rief ich ärgerlich.

„Topf“, sagte mein Willi und rieb sich den Nasenrücken. „Wir haben doch irgendwo einen Topf eingepackt. Wo ist der bloß?“

„Da brauchst du gar nicht danach suchen, das ist mein bester, teuerster Topf und kaum benützt. Den werde ich ausgerechnet am Lagerfeuer schwarz machen. Ich glaube, bei dir ist eine Schraube locker.“

„Also weiterhin Eintopf“, resignierte mein Willi erstaunlich schnell, obwohl das, wenn es ums Essen ging, nicht seine Art war.

„Anstatt hier überall ziel- und planlos in den Paketen zu wühlen, sollten wir zuerst den Karton mit dem Zelt mitnehmen, es aufstellen und dann mit der leeren Schachtel wieder herkommen und das, was wir brauchen, hineinpacken und mitnehmen“, schlug mein Willi vor.

„Hier“, sagte ich. „Zelt, Gewürzgläser, Luftmatratzen, steht auf diesem Paket.“

Mein Willi öffnete es.

„Wieso sind da Zeitschriften drin?“ stieß er hervor und nahm die oberste in die Hand. Es war ein argentinisches Wochenmagazin über Autos. Darunter lag ein anderes über Fußball; Maradonna, schweißüberströmt, mit verzerrtem Gesicht als Titelbild. Mein Willi, obwohl eingefleischter Fußballfan hatte im Augenblick kein Auge für den Helden. Hastig warf er die Zeitschriften beiseite. Immer neue kamen hervor.

„Und das Zelt…?“, stammelte er.

Die letzte Zeitschrift war ein Magazin für die Frau, von der uns Lady Di charmant entgegen strahlte. Mein Willi warf sie achtlos beiseite.

„Ich verstehe das nicht“, rief er wütend. „Wo ist das Zelt? Wie kommen die Zeitschriften da hinein? Wo sind die Luftmatratzen?“

„Die Gewürzgläschen sind da“, sagte ich tonlos und wickelte eines aus.

„Geli“, tobte mein Willi los. „Das Pack hat unser Zelt geklaut. Die haben gelesen, was hier drin war und haben alles geklaut. Die zeige ich an.“

„Die Gewürzgläschen haben sie nicht genommen“, stammelte ich.

Meinem Willi blitzte die Mordlust aus den Augen. Giftig flüsterte er: „Noch einmal sagst du Gewürzgläschen, dann raucht es.“

„Aber die Gewürzgläschen…“

„Angelika!“ brüllte der zornbebende Willi. „Sie haben uns das Zelt geklaut, die Luftmatratzen und was weiß ich noch alles, und du hackst auf den Gewürzgläschen rum. Wir hätten das Zelt dringend gebraucht. Dringend! Dieses Lumpenpack! Aus - der Traum von einem Platz für bessere Kleider und weiß der Herr, welchen Krempel du noch alles bei der Hand haben wolltest!“

Wütend trat er nach dem Stapel Magazine.

„Das hier haben sie hinein getan, die Gauner, damit das Gewicht stimmt.“

Wir räumten das Paket aus und betrachteten es. Nur bei genauem Hinsehen, konnte man erkennen, dass der Boden sorgfältig aufgeschlitzt und wieder verschlossen war. Nun öffneten wir schleunigst alle Pakete, auf alles gefasst.

„Bloß gut, dass wir Bohrmaschine, Stichsäge, Nähmaschine und Werkzeugkasten als versiegelte Wertpakete verschickt haben. Dafür hätten wir jetzt jede Menge Fußballzeitschriften“, sagte ich bitter.

Mein Willi nickte grimmig.

Meine Kofferschreibmaschine schien unter eine Lokomotive geraten zu sein; sie war fast flach gewalzt, der Deckel in viele Teile zerbrochen. Mir brach bei ihrem Anblick fast das Herz. So viel hatten wir schon erlebt und wollte notiert und erzählt sein.

„Erst die Kamera und jetzt die Schreibmaschine. Es wird keinerlei Dokumentation geben über unseren Daseinskampf“, sagte ich betrübt.

Niedergeschlagen saßen wir auf dem Boden, mitten zwischen unseren offenen Paketen.

„Luftmatratzen weg. Zelt weg“, sagte mein Willi trübsinnig.

Nach einer Weile sprang er auf und trat noch einmal nach dem Stapel Illustrierten und rief wütend:

„Dieses zweite Zelt hätte unsere Lebensqualität entscheidend gehoben. Und wir können den Kerl nicht einmal anzeigen. Hätten wir die Pakete gleich im Zollamt kontrolliert, hätten wir uns wenigstens beschweren können. Jetzt im Nachhinein glaubt uns ja doch keiner.“

„Hör auf, hier herumzuschreien. Mir stinkt das auch, sogar ganz gewaltig, aber wir können nichts daran ändern“, keifte ich böse und lenkte gleich darauf ein: „Wenigstens müssen wir nachts nicht mehr frieren, Willi. Jetzt haben wir das Federbett“,

„Welches du nach Spanien schicken wolltest“, entgegnete mein Willi spitz. „Und das ich verpackt lasse, damit es nicht klamm wird.“

Ich wollte protestieren, aber mein Willi zog eine leichte Schlafdecke hervor und sagte:

„Vielleicht tut es die ja auch, jetzt wo es bald Sommer ist.“

„Wie kommt die hierher? Die haben wir doch gar nicht eingepackt.“

„Du nicht, aber ich. Ich lass doch Großmutters Rheumaunterbett nicht zurück, das einzige Andenken, dass ich von ihr mitnehmen konnte“, sagte mein Willi rührselig.

Am Ende des Tages brachte uns Richard mit dem Wagen auf den Campingplatz. Wir hatten uns einen kleinen Stapel alter Kleider mitgenommen, den Walkman und einige Musikkassetten mit klassischer Musik. So kam es, dass wir uns zwar nicht schick anziehen und in die Oper gehen konnten, dafür aber am nächsten Sonntagnachmittag am Rand des Tannenwäldchens liegen, den herben Duft des Waldes einatmen und dabei Händels „Messias“ hören konnten, jeder mit einem Knopf im Ohr.

4

Die ersten Wochen hatten wir unser Zelt mitten auf der Wiese stehen gehabt, um jeden Sonnenstrahl auszunützen. Als das Frühjahr sich dem Sommer näherte, zogen wir um. Unter einem der zahlreichen Nussbäume, auf halbem Weg zwischen den sanitären Anlagen und dem Aufenthaltsraum bauten wir unser Lager auf. Ein idealer Platz - zunächst.

Mein Haushalt war sehr klein, und ich hielt ihn peinlich in Ordnung. In all dem Neuen, dem Ungewissen, im Durcheinander der alltäglichen Kleinkatastrophen brauchte ich diese Insel, diese Höhle, in die ich mich zurückziehen konnte. Meine kleine „Heile Welt“. Wenn es das Wetter zuließ, zerrte ich jeden Mittag die Schlafsäcke aus dem Zelt, schüttelte und lüftete sie, dass jeder schwäbischen Hausfrau das Herz im Leib gehüpft hätte. Alles wurde ans Sonnenlicht geschleppt, über Leinen gehängt, über Tisch und Bänke gebreitet. Mit einem feuchten Lappen wischte ich den Staub aus dem Zeltinneren. Dann wurde alles wieder eingeräumt.

Wir hatten sogar ein Bettlaken über unsere Matten gelegt. Als Kopfkissen dienten unsere Anoraks, die wir eingerollt, in Herrenunterhemden steckten, deren Zipfel wir zusammenknoteten. Dabei büßten die Unterhemden zwar ihre Form etwas ein, aber das nahmen wir in Kauf, für den Komfort eines sauberen, bequemen Kissens. Niemals wäre es uns eingefallen, mit den Arbeitskleidern ins „Schlafzimmer“ zu kriechen. Wir hatten "Bettkleider".

Seit der Ankunft unserer Pakete froren wir selbst in den kältesten Nächten nicht mehr. Wir zogen uns unter dem Schlafanzug lange Unterhosen an, dazu Wollsocken und jeder hatte einen flauschigen Pullover bereit, falls es uns, trotz Omas Rheumaunterbett und den Schlafsäcken, zu kalt würde.

Unsere sauberen Kleider bewahrten wir in den Rucksäcken auf, die in der hinteren Apside standen. In der vorderen hatten wir die Schuhe stehen. Mein Willi trug bei der Arbeit Turnschuhe. Auf dem Campingplatz benützten wir, wenn es das Wetter zuließ, die Badeschlappen, die wir in Brasilien gekauft hatten. Außerdem hatte ich ein paar bequeme Sportschuhe aus grünem Wildleder.

Eines Nachts ließ ich aus Versehen die Badeschlappen vor dem Zelt stehen. Am anderen Morgen war der eine verschwunden, der andere zernagt. Ich ärgerte mich über den vierbeinigen Übeltäter und über meine Nachlässigkeit.

Wenige Tage später fiel ich wieder, trotz aller Umsicht, dem vierbeinigen Dieb zum Opfer. Er war auf den Geschmack gekommen. Obwohl ich die Schuhe innen im Vorzelt abgestellt hatte, waren sie offensichtlich doch zu nahe am Rand gewesen. Der Räuber hatte einfach die Zeltplane ein wenig angehoben und sich meinen linken Schuh mitgenommen. Während mein Willi auf die Baustelle ging, suchte ich auf drei Hektar moosgrünem Waldboden und grasgrüner Wiese einen flaschengrünen Schuh. Das hatte mir gerade gefehlt. Ich konnte mir in unserer jetzigen Lage unmöglich neue Schuhe leisten. Meter für Meter ging ich den Campingplatz ab. Gegen Mittag stieß ich am Rand einer kleinen Lichtung, mitten im Wald, auf den Verbrecher, der gerade dabei war, seine Beute zu verscharren.

„Schatten!“ schrie ich ihn an. „Pfui! Gib sofort meinen Schuh her.“

Der Ertappte floh durch das Unterholz und entschwand meinen Blicken, mein Wildlederschuh mit ihm. Ich fand den jugendlichen Missetäter kurze Zeit später, friedlich vor seiner Hundehütte dösend. Sein Gewissen schien rein wie frisch gefallener Schnee. Das belastende Beweisstück war er unterwegs losgeworden. War es weibliche Intuition oder war ich in irgendeinem Leben selber Hund gewesen? Ich spürte die Beute schließlich auf. Der Schuh lag, verborgen unter einer dichten, undurchdringlichen Hecke aus Geißblatt und Kletterrosen. Ich ahnte ihn mehr, als dass ich ihn sehen konnte und musste flach auf dem Bauch ein Stück unter das Blättergewirr robben, um ihn zu fassen.

„Versteckst du Ostereier?“ hörte ich Linas Stimme.

Den Schuh in der Hand krabbelte ich rückwärts aus dem stachligen Gestrüpp und verhedderte mich dabei mit meinen Haaren im dornigen Wirrwarr der Rosenzweige. Linas Stiefel standen dicht vor meinem Gesicht, als ich aus dem Dickicht auftauchte. Ich schaute wütend zu ihr hoch.

„Das macht man in Deutschland, nicht wahr?“ fügte sie lächelnd hinzu.

Ich rappelte mich auf und strich mir die Haare aus dem Gesicht.

„Nicht an Weihnachten“, sagte ich und versuchte meinen Ärger zu zügeln.

Sie zeigte auf meinen ramponierten Schuh, der speichelnass und voller Erde war, an der Ferse zernagt.

„Sieht ein wenig mitgenommen aus, was? Du musst besser aufpassen. Wenn du die Erde abgebürstet hast, sieht er bestimmt wieder ganz manierlich aus.“

„Und die Zahneindrücke?“ fragte ich, mit einem Schadenersatzforderungston in der Stimme.

„Ja, wirklich schade um den guten Schuh, aber so schlimm ist das auch wieder nicht. Du kannst ihn noch gut tragen.“

Das war meine erste Lektion in der hiesigen Art der Schadensregelung. Ich war schrecklich wütend. Als die Schuhe, ein Jahr später, in der Mülltonne landeten, musste ich Lina jedoch recht geben; ich hatte sie noch gut ein Jahr lang fast täglich getragen. Kein Mensch achtete auf den Schönheitsfehler, den „Schattens“ spitze Zähne hinterlassen hatten.

5

„Wir möchten euch gerne einladen zu Heiligabend und Silvester“, sagte Lina ein paar Tage vor Weihnachten. „Wir feiern nur im ganz kleinen Kreis mit ein paar Freunden.“

Weihnachten. Silvester. Seit Wochen hingen in den Schaufenstern Lametta, Glöckchen in allen Farben und bunte Lichterketten, die chaotisch oder im Takt von „Jingle Bells“ blinkten. Zusammenklappbare Plastikchristbäume wurden zum Verkauf angeboten. Die Kunden füllten ihre Einkaufswagen mit Sidraflaschen und pan dulce, das aus Hefeteig, Rosinen, kandierten Früchten, Nüssen und allerlei Aromen hergestellte, süße Weihnachtsbrot; zuoberst auf den Lebensmittelbergen thronten die zerbrechlichen Nikoläuse aus Schokolade.

An jeder Ladentür prangten Schilder: „Kaufen sie jetzt und zahlen sie später“ oder „Erfüllen sie ihren Lieben alle Wünsche und zahlen sie in bequemen Raten“. Jeder Mensch, auch der Ärmste, schien sich und seinen Lieben die Wünsche zu erfüllen. Man brauchte nur einen Blick auf Inhalt und Menge in den Tragetaschen zu werfen, die Alt und Jung abgehetzt nach Hause schleppten.

Weihnachten war, wie immer, unvergesslicher Höhepunkt des Jahres. Nicht etwa weil man sich an Christi Geburt erinnerte, sondern wegen dem herrlichen Rausch oder der ekelhaften Leberattacke nach dem allzu üppigen Essen unter hochsommerlichen Temperaturen. Dass die Erinnerung nicht allzu schnell verblassen konnte, dafür sorgten die bequemen Raten, die man bis kurz vor dem nächsten Weihnachtsfest abstotterte.

Weihnachten. Allenthalben quäkten im Elektroniksound „Stille Nacht“ und „Joy for the world“. Trotz all dieser Vorbereitungen auf das Fest, kam keine Weihnachtsstimmung in uns auf.

6

„Kannst du dir vorstellen, dass heute Heilig Abend ist?“ fragte ich meinen Willi, der neben mir im Gras lag und wieder einmal den Knopf in sein Ohr gesteckt hatte. Wir hörten Bachs Weihnachtsoratorium.

Er schüttelte den Kopf und sagte: „Bei dieser Affenhitze kann bei mir nicht der kleinste Funken „Leise-rieselt-der-Schnee-Gefühl“ aufkommen.“

Ich sagte: „Jetzt sitzen sie in Deutschland vor den Fernsehern mit ihren kaviar- und lachsgefüllten Wampen und ziehen sich irgendeinen alten Schnulzenfilm rein, das Champagnerglas und die Schüsseln mit Knabberzeug in Reichweite.“

„Ah!“ seufzte mein Willi, während Fritz Wunderlich „Frohe Hirten, eilt, ach eilet“ in unser Ohr sang. „Jetzt ein kaltes Weizenbier und eine Laugenbrezel mit Butter.“

„ Champagner, Kaviar und Lachs, sagte ich.“

„Wenn es denn sein muss, auch recht.“

„Die Bescherung ist vorbei und es war mal wieder eine schöne Bescherung, besonders für die Kinder“, fuhr ich fort. „Während die Alten sich über die ehemaligen Hollywood-Stars schief lachen oder sich derentwegen heimlich eine Träne aus dem Augenwinkel wischen, lassen die süßen Kleinen die Parade ihrer neusten Batmänner und grünen Weltraummonster unter dem Tisch aufmarschieren. Die Feministinnen von morgen behängen ihre Barbies mit Pariser - en vogue-Galaroben, und die ganz Kleinen pennen unter dem Weihnachtsbaum, das Plastikmaschinengewehr im Arm, im Schlaf am Gewehrlauf nuckelnd.“

„Mann, du bist vielleicht altmodisch“, sagte mein Willi und stellte die Musik ab. „Mag sein, dass du noch mit deinen Puppen unter dem Tisch gesessen hast. Heute lümmelt die Zukunft der Menschheit, noch bevor sie lesen und schreiben kann, am Personal- Computer herum und knallt den Feind ab, der gerade vom Weißen Haus als in erklärt ist. Im harmloseren Fall fährt der Bub via PlayStation bloß einheimische Fußgänger tot. Die Kindheit ist Vorbereitung auf das Leben. Die Anforderungen, die an die Menschheit gestellt werden, ändern sich von Epoche zu Epoche. Darauf muss man die Kleinen vorbereiten.“

„ Ich glaube“, warf ich ein, „dass es immer noch ein paar altmodische Typen gibt, die keine Ahnung vom wirklichen Leben haben. Die ihren Kindern trotz Golfkrieg, Finanz- und Regierungskrisen einen Weihnachtsabend zumuten, an dem man zusammen „Es ist ein Ros´ entsprungen“ und „Ihr Kinderlein kommet“ singt, Nüsse knackt und Mandarinen schält, wo die Mutter eine besinnliche Geschichte aus einem dicken Buch vorliest, und der Vater von früher erzählt.“

„Als er fast einmal eine Scheune angezündet hätte“, sagte mein Willi. „Oder wie seine Bande den verhassten Heini in den Wald schleppte und an einem Baum angebunden zurückließ. Das wäre jedenfalls das, was ich meinen Kindern erzählen würde.“

„Willi!“

„Oder wie ich als Zehnjähriger mit dem Opa stockbesoffen vom Stammtisch heimgekommen bin und die Oma uns um ein Haar beide windelweich gehauen hätte.“

Unser erster 24. Dezember in Los Abedules: Hitzeflirrender Sommertag, den wir, unter schattigen Bäumen ausgestreckt, an uns vorüberziehen lassen. Unermüdlich greifen unsere Hände in die große Schüssel voller riesiger, fast schwarzer Kirschen, die Lina uns geschenkt hat.

Während im Persischen Golf die Kriegsflammen in den Himmel lodern, stehen hier die Rentner bis spät nachmittags Schlange vor den Auszahlungsschaltern der Banken. Seit langem werden sie auf „morgen“ vertröstet, um die paar Scheine mit den vielen Nullen in die Hand gedrückt zu bekommen. Zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig. Der Staat ist pleite, stopft mit leeren Versprechungen die hungrigen Münder der Rentner, der kleinen Beamten und staatlichen Angestellten, die seit Wochen auf Bezahlung warten.

Heute ist Geld gekommen. Die Bankangestellten müssen Überstunden machen. Die Alten sollen als erste zu ihrem Recht kommen. Sie stehen sich von morgens bis abends die Füße in den Bauch, viele umsonst, denn als gegen sieben Uhr abends die Banken schließen, weil die Kassen leer sind, hat das Geld längst nicht für alle gereicht. Die das Glück hatten, zu kassieren, gehen als finanzschwache Millionäre nach Hause. Die Weihnachtsfreude einer ganzen Nation wird in Frage gestellt, durch die himmelschreiende Misswirtschaft einer Handvoll kluger Köpfe, die es verstehen, ihre Taschen auf Kosten anderer zu füllen.

Als es dunkel wurde und die Stechmücken wütend über uns herfielen, hatten sich Linas Gäste eingefunden, und wir gesellten uns zu ihnen in den Aufenthaltsraum, um die lange Tafel aus drei zusammengestellten Tischen. Pepe hatte ein Feuer im Kamin angezündet und ein paar dicke Holzscheite hineingestellt. Die Wärme tat gut, denn kaum war die Sonne hinter den Bergen versunken, wurde es kalt.

Ich weiß beim besten Willen nicht mehr, was wir aßen oder tranken, wer anwesend war, noch was gesprochen wurde. Dieser erste Heilige Abend in Los Abedules zog an mir vorbei wie ein abstraktes Theaterstück, an dem ich nur als Zuschauer beteiligt war und von dem ich keinen Deut verstand. Auf einem fernen Planeten hätte ich mich nicht fremder fühlen können, als zwischen all den freundlichen, lachenden Menschen, die mir dauernd zuprosteten und mich fragten, wie es mir in Los Abedules gefalle.

Ich lachte und tat fröhlich, versuchte im Hier und Jetzt zu sein, aber meine Seele vagabundierte durch 37 erlebte Weihnachtsfeste. Da waren Krippenfiguren aus dem Erzgebirge, die auf den wattebedeckten Bergen aus Schuhschachteln auf und ab wanderten, um das Christkind zu besuchen, das auf einem Häufchen Heu schlummerte. Düfte nach Bienenwachskerzen, Mandarinen, Orangen und Honigkuchen erfüllten die Wohnung. Immer war dies der Höhepunkt des Jahres, eine Zeit voller Zauber. Meine gefühlvolle Mutter hatte dies in meine Kinderseele gelegt. Ich habe jene Weihnachtstradition nach ihrem frühen Tod sorgfältig weiter gepflegt. Weihnachten blieb für mich die Zeit der kleinen Überraschungen und ganz großen Gefühle.

7

Die Nacht war sternenklar und sehr kalt. Mein Willi und ich kuschelten uns auf unserem Lager eng zusammen, und ich fragte leise:

„Weißt du noch, unser letztes Weihnachtsfest?“

Es wird für immer ein unvergessliches Fest bleiben und bekam jetzt, wo Weihnachten für uns nur noch auf dem Kalender existierte, sogar einen verklärten Symbolcharakter.

Wir hatten uns am frühen Nachmittag aufgemacht und fuhren mit dem Bus aus der Stadt hinaus. Die anderen Fahrgäste sahen uns mit Abscheu an, denn es ging aus unserer Tasche ein atemberaubender Duft aus. Wir hatten kleingeschnittenen Tintenfisch und jede Menge gehackten Knoblauch dabei und obwohl alles gut verpackt war, durchdrang der Gestank den ganzen Bus. Sie und wir atmeten auf, als wir in Waldenbuch an die frische Luft kamen.

Kaum jemand begegnete uns, als wir durch die Straßen dem Ortsrand zustrebten und hinaus über das Land wanderten. Es lag eine dünne Schneedecke über den braunen Erdschollen der gepflügten Felder. Die Sonne schien fahl hinter einem dünnen Wolkenschleier.

Auf einem Grillplatz machten wir Feuer und stellten unsere Paellapfanne darauf. Wir brutzelten, bei kleiner Hitze, die Hähnchenteile, bis sie goldbraun waren, dann fügten wir die kleingeschnittenen Grünen Bohnen und Paprikaschoten hinzu, ließen alles noch eine geraume Zeit langsam schmoren. Dann hinein mit den kleingeschnittenen Tintenfischen, den Tomatenstückchen und dem Knoblauch, weiter schmoren und jetzt zieht bereits der typische Paelladuft verheißungsvoll in unsere Nasen. Schließlich den Reis und das Wasser dazugeben, mit Salz und einem Suppenwürfel abschmecken. Eine Paella, so wie ich sie während meiner Zeit in Spanien, bei einer hervorragenden Köchin aus Alcira, zubereiten gelernt hatte.

Wir deckten einen der Tische mit kristallenen Weingläsern, stellten die frische Ananas darauf, das Schraubglas mit der steif geschlagenen Sahne und den spanischen Wein, in dem noch die heiße Sonne Andalusiens glühte und mit jedem Schluck das Feuer maurischer Nächte durch die Adern trieb.

Als die Sonne sich dem Horizont näherte, war der Reis gequollen und wie es sich gehörte, goldgelb am Pfannenboden angebacken. Wir dinierten mit kalten Füßen und warmen Herzen. Bleich verging die Sonne hinter dem Auf und Ab der Felder. Hauchdünne, blaue Schatten stiegen schwerelos aus den Mulden und Senken herauf und glitten über die Flur. Atemwölkchen standen vor unseren Nasen, als der Frost durch das Land zog.

Wir packten unsere Sachen und wanderten ein Stück die verwaiste Landstraße entlang, um bald in einen Weg einzubiegen. Während wir durch das Siebenmühlental marschierten, legte sich langsam die Dunkelheit über Flur und Wald. Es war eine stille Nacht, jene Heilige Nacht und die Stadt mit ihren Lichtern, den Autos und den Menschen hatte nie existiert. Frieden auf Erden.

Wir gingen auf dem breiten Weg unter den Bäumen das Tal entlang. Längst war unsere Rede verstummt, unsere Seelen offen für den Zauber dieser Weihnacht. Der Mond war aufgegangen. Er stand als fast runde Scheibe über den Baumwipfeln am gegenüberliegenden Hang des engen Tales. In der Talaue tauchten weiße Nebelfeen aus dem Fluss auf und tanzten lautlos über die glitzernden Wiesen.

Wir beschlossen, den Weg zu verlassen und hinabzusteigen in den Dunstkreis der Nebelschleier. Es war ein wundersames Schreiten, fast wie im Traum, durch die kniehohen Schwaden, die über dem Talboden schwebten. Das froststarre Gras knisterte leise unter unseren Tritten. Die Bäume, die den Wasserlauf säumten, streckten ihre schwarzen, nackten Arme dem Himmel entgegen.

Ein Stück weiter drangen wir in den Wald ein. Wir hatten eine Handvoll Kerzen mitgebracht, die wir nun im Moos aufstellten und an den Zweigen der Tannen befestigten. Das Mondlicht fiel durch die Bäume. Es war kalt. Wir lehnten uns jeder an einen Baum und sangen die vertrauten Weihnachtslieder. Später schwiegen wir und lauschten dem Echo der alten Weisen, das in unseren Herzen nachhallte. Alles war so still und friedlich und der Alltag mit seinen Anforderungen so weit fort.

Nach geraumer Zeit löschten wir die Kerzen, bis auf eine, die wir im schneeüberstäubten Moos stehen ließen und brachen auf. Wir sprachen nicht, nur unsere Schritte knirschten auf dem Kies des Fahrweges, auf den wir einbogen, in Richtung Stadt. Immer wieder blickten wir uns nach der winzige Flamme um, die in der großen Dunkelheit zurückgeblieben war. Das Kerzenlicht leuchtete weit, viel weiter, als wir es uns jemals vorgestellt hatten. Wenn es auch hin und wieder für einen Augenblick hinter den Baumstämmen verschwand, so vermochten weder die Finsternis noch der Raum es zu verschlingen. Erst als der Weg über eine Kuppe führte, verloren wir es endgültig aus den Augen.

„Frohe Weihnachten“, sagten wir zu dem Straßenbahnfahrer, als wir an der Endhaltestelle einstiegen und „Einen schönen Abend noch“, als wir in der Stuttgarter Innenstadt ausstiegen. Kein Mensch begegnete uns auf unserem kurzen Heimweg, nur wenige Autos waren unterwegs. Der Mond, der noch vor einer Stunde am wolkenlosen, klaren Firmament gestanden, war nur noch eine diffuse Scheibe hinter einem Dunstschleier am rötlichen Himmel. Unser letztes Christfest in Deutschland! Unser letztes Weihnachten für viele Jahre, aber daran dachten wir damals nicht.

„Kirschen und Weihnachten, Willi, das geht bei mir einfach nicht“, sagte ich.

„Wir können ja unser ganz persönliches Fest im Juni feiern, Geli, wenn hier die Nächte lang sind und die Tage kurz und trübe. Wir stellen einen Christbaum auf“, versuchte mich mein Willi zu trösten.

„Das geht nicht, das ist nicht dasselbe.“

„Aber Lebkuchen, Geli, Lebkuchen und Spekulatius und Vainillekipferl, die kannst du doch backen, gell?“

„Ach Willi, du denkst wieder nur ans Essen.“

Während ich auf den Schlaf wartete, fiel mir ein, dass wir noch nicht einmal daran gedacht hatten, uns gegenseitig ein kleines Weihnachtsgeschenk zu machen.

In dieser Heiligen Nacht, während wir schliefen, erblickte Schneeflocke das Licht der Welt, das süßeste aller Weihnachtsgeschenke, flauschig und voller Leben. Sie erfreute und erwärmte in den nächsten Tagen unsere Herzen mit ihren lustigen Bocksprüngen, mit ihren sanften Augen. Schneeflocke, flüchtig, wie alle Schneeflocken, die auf deine warme Handfläche fallen. Warum sind alle Freuden dieser Welt so kurzlebig?

8

Der Weihnachtsmorgen begrüßte uns mit Vogelgezwitscher. Im Gras schimmerte der Tau, der Himmel hatte sein blauseidenes Tuch über das Tal und die Berge gespannt. Wir blieben nach dem Aufwachen noch eine Weile liegen, machten das Zelt weit auf und blickten aus unseren mollig warmen Schlafsäcken in den kalten Morgen hinaus.

Die Sonne tastete mit ihren Fingern über die Gipfel im Westen, streifte die Gletscherfelder, die für kurze Zeit unter dieser Berührung erröteten, glitt dann an den Hängen herunter und rührte schließlich den Talboden an. Noch war ihre gleißende Scheibe für uns hinter dem „Der in den Wolken träumt“ verborgen, aber schon fassten die Strahlenkegel nach den schroffen Zacken. Die Kältegesellen ergriffen die Flucht vor ihrem warmen Licht und fuhren über die Hänge herab in die Niederung. Die Atemwölkchen vor unseren Nasen wurden ganz weiß.

Auf einmal war sie da! Obwohl lange angekündigt, hatte ihr jähes Auflodern zwischen den Felsgraten uns schließlich doch überrascht. Der Tau entwich im Sonnenschein als allerfeinstes Nebelgespinst, die Kältegesellen verkrochen sich eine kurze Galgenfrist lang im Wäldchen, bevor sie sich in Nichts auflösten. Ein neuer Sommertag lockte uns aus dem Bett.

„Zeit zum Frühstücken“, sagte mein Willi. „Hörst du, wie mein Magen knurrt?“

„Willst du das heute wirklich für mich machen? Ach Willilein und ich bleibe solange hier liegen.“

Er grinste mich frech an und sagte:

„Tut mir schrecklich leid, Madame, ausgerechnet heute habe ich überhaupt keine Zeit für solch banale Dinge. Mein Barbier wartet mit dem Rasierpinsel in der Hand auf mich. Vielleicht kann der Butler heute das Mahl auffahren.“

Schon war er fort. Da der Butler frei hatte, blieb es mal wieder an mir hängen, den Kamin auszuräumen, Holz herbei zu tragen, Feuer zu machen, Teewasser aufzusetzen, Brot zu rösten, eben all die, wie mein Willi sagte, banalen Dinge zu erledigen, die einem einfachen Frühstück vorausgehen.

Es dauerte allerdings geraume Zeit, bis ich aus dem Zelt hervorkroch. Ich holte zunächst aus meinem Rucksack frische Unterwäsche, dann entrollte ich zwei dicke Kleiderrollen und betrachtete meine schäbige, auf ein kümmerliches Häufchen geschrumpfte Garderobe. Da war wahrlich nicht viel Staat zu machen. Alles war dem Umgang mit Lagerfeuern, der unmittelbaren Berührung mit dem Erdboden und dem einfachen Leben auf dem Land angepasst. Anfangs schämte ich mich oft über meinen Aufzug, aber unter den gegenwärtigen Lebensumständen wurde die tadelnde Stimme in meinem Inneren schnell leiser, die da sagte:

„So kannst du doch nicht herumlaufen.“

Noch bevor ich die letzten Zweifel beseitigen konnte, dass es sich um Kusine Babettes Stimme handeln musste, war sie verstummt. Bei unserem nächsten Wiedersehen, das gewiss ganz stilgerecht bei einem Glas perlendem Champagner vor sich gehen würde, musste ich dem Bäsle, das immer ganz genau wusste, wie man gerade herumlaufen konnte und wie nicht, schildern, wie unmenschlich es mir erging und wie ich durchaus damit leben konnte, weil ich damit leben musste. Nicht in der müßigen Absicht, Kusine Babette in ihren perfekt gestylten Kleidungsgepflogenheiten zu beeinflussen, das sei ferne, sondern einzig, um ihr ein entsetztes:

„Um Gottes Willen, Angelika“ zu entlocken, wobei sie ihren Sektkelch hart auf dem Glastischchen aufsetzen würde.

Sie konnte sich so himmlisch aufregen, wenn jemand under-, over-, oder obacha -gedresst war. (obacha = unmöglich auf schwäbisch)

Liebstes Bäsle, wie hättest du gelitten unter meinen modischen Ausrutschern!

Zum einen ist ein Rucksack kein Kleiderschrank. Das hat den Vorteil, dass man nicht stundenlang davor stehen kann und, angesichts der Fülle der Möglichkeiten, sich damit abquälen muss, was man heute anziehen soll. Zum anderen ist ein Rucksack tatsächlich kein Kleiderschrank, und das hat den Nachteil, dass man ihm nur solche Kleidungsstücke anvertrauen kann, die nicht alle paar Stunden nach einem Bügeleisen schreien.

Die Auswahl meiner Kleidung richtete sich in jenen Monaten danach, was dem Wetter und dem Schmutzgrad meiner Tätigkeit angemessen war, außerdem durfte das erkorene Kleidungsstück weder eingeweicht sein, noch zum Trocknen an der Leine hängen. Unter dem Zwang dieser Gegebenheiten war es kaum möglich, der Ästhetik Genüge zu tun. Dies focht mich, nach anfänglichen Skrupeln, bald nicht mehr an, denn ich besaß nur einen Taschenspiegel und die Spiegel über den Handwaschbecken waren glücklicherweise ebenfalls kaum größer. Als einzige Ankläger meines Erscheinungsbildes traten die Schaufensterscheiben auf. Ich vermied sie angelegentlich.

Ach Babette, du, die sich grämte, dass die Schwiegermama die Handtücher für das neue „sturmblaue“ Badezimmer in „Königslila“, anstatt in „Dämmerviolett“ gekauft hatte, was hättest du dazu gesagt, dass wir nunmehr überhaupt lediglich ein einziges Handtuch hatten, dazu noch das fadenscheinigste, weil es am wenigsten wog und am schnellsten trocknete. All die schönen, schweren, flauschigen Dinger hatten wir dem Studenten überlassen und nun war kein Geld da, auch nur ein ganz dünnes, kleines in praktischem „Staubgrau“ mit „erdbraunem“ Muster zu kaufen.

Bei unserem nächsten Glas Champagner, liebste Babette, werde ich dir anvertrauen, wie man sich in moosgrünen Hochwasserhosen und einer rotweiß-karierten Bluse fühlt, unter der man ein quittegelbes T-Shirt trägt. Weil alle anderen Socken dreckig sind, müssen es dann eben die minzgrünen mit den ehemals herbstorangenen Streifen auch tun, die nach der letzten Wäsche trübgrün aus der Lauge gekommen sind.

Ich kann allen Babettes der Welt versichern, dass ich mich schrecklich darauf freute, mal wieder mein tropischrosa-blaßpflaume Reinseidenes anzuziehen, dass es aber tatsächlich nicht das Wichtigste im Leben ist, ja eigentlich erst unter ferner liefen eingeordnet werden kann. Das einfache Leben auf dem Land ringt mir ganz andere Prioritäten ab und mein Selbstwertgefühl ist weniger auf diese Äußerlichkeiten angewiesen, sondern wächst an den Siegen über die kleinen Widerwärtigkeiten und für mich ungewohnten Herausforderungen meines Alltags.

9

Als ich angezogen war, rollte ich meine Kleider sorgfältig wieder zusammen, schön straff, dass die Hosen so etwas wie Bügelfalten bekamen und die T-Shirts und Blusen fast geplättet aussahen. Dann kam alles in eine Plastiktüte, fest verschnürt, dass die Rolle nicht aufgehen konnte. Ein heißer Tipp für alle, die mit Rucksäcken und Satteltaschen unterwegs sind.

Nach einer Katzenwäsche, räumte ich den Kamin aus, trug die Asche weg, holte Holz, suchte Papier, entfachte das Feuer, stellte das Teewasser auf, deckte den Tisch, na ja, viel zu decken war da ja nicht, und auf der Holzkohlenglut, die sich inzwischen gebildet hatte, verwandelte ich schließlich das gummiartige, alte Weißbrot in knuspriges Toastbrot.

Mein Willi saß frisch rasiert am Tisch, der Hunger stand ihm ins Gesicht geschrieben. Rasch bestrich er sich drei kleine Brote dick mit Marmelade und stopfte sie in sich hinein. Wäre nicht Weihnachten gewesen, hätte ich mich vielleicht geärgert, über die Selbstverständlichkeit und Selbstgefälligkeit, mit der er sich an den Frühstückstisch setzte, nach Rasierwasser duftend, während ich schon wieder rußige Finger hatte. Wenn schon nicht Frieden auf Erden, so doch wenigstens hier unter unserem Nussbaum.

„Ein ganzer Tag ohne Baustelle“, nuschelte er mit vollem Mund, „wir sollten irgend etwas ganz Tolles unternehmen. Wie wäre es mit einem Badetag am See, wenn es heute wieder so heiß wird wie gestern?“

„Die Busfahrt bringt uns an den Bettelstab!“ gab ich zu bedenken.

„Ach Geli, es ist doch Weihnachten. Oder willst du die 18 Kilometer mit dem Rad fahren?“

„Hin schon. Zurück? Nein danke. Das geht ja alles den Berg herauf.“

„Aber nicht steil.“

„Aber 18 Kilometer.“

„Also doch mit dem Bus.“

Als ich unseren Haushalt in Ordnung gebracht hatte, packten wir unseren Matchsack für einen ausgedehnten Badetag am Strand des Lago Blanco, wobei mein Willi sich ungemein hilfreich hervortat, indem er seinen Kamm einpackte. Mein Ärger über seine unaufdringliche Hilfe war wirklich nicht der Rede wert und schließlich war ja immer noch Weihnachten.

Es war Mittag, als wir unser Gepäck schulterten und auf der Landstraße dem Ort zu wanderten. Selbst ein ungeübter Beobachter hätte leicht festgestellt, dass mein Willi ausgeruht war. Forsch schritten seine langen Beine voran, während ich ein gutes Stück hinter ihm her hechelte. Ich klammerte mich an die Weihnachtsidee vom Frieden. Die Sonne stach heiß vom Himmel, die Luft war sehr klar und trocken. Ganz erhitzt standen wir eine halbe Stunde später mitten im Dorf an der Bushaltestelle. Wir ließen uns auf der Bordsteinkante nieder und warteten.

„Der Bus fährt um eins. Jetzt ist es fünf nach eins“, sagte mein Willi, nachdem er stirnrunzelnd auf seine Uhr geschaut hatte.

„Du kennst das doch allmählich, Willi, ich begreife nicht, dass du dich immer noch darüber aufregst.“

„Diese Hitze und kein Schatten“, jammerte mein Willi zehn Minuten später. „Jetzt könnte der Bus endlich kommen.“

Um halb zwei glaubten wir nicht mehr an sein Kommen. Kein Mensch, den wir nach dem Ausbleiben des öffentlichen Transportmittels hätten fragen können, war auf den Straßen zu sehen.

„Versuchen wir es per Anhalter“, sagte ich.

„Weil ja alle paar Sekunden Autos vorbeifahren“, murrte mein Willi.

Schwitzend schleppten wir uns die avenida entlang und waren schließlich die fast zwei Kilometer bis zum Ortsausgang gegangen. Keines der drei Autos, die an uns vorbeigefahren waren, hatte uns mitgenommen. Wir setzten uns in den Schatten einer Baumgruppe und packten unser Vesper aus. Grillen zirpten um uns im Gras, die Hitze flimmerte über dem Asphalt der Landstraße, kein Lüftchen regte sich. Mein Willi hatte ein krebsrotes Gesicht, das er ärgerlich in Falten gelegt hatte.

„Typisch Dritte Welt“, grantelte er. „Kaum ist Feiertag und schon bricht der öffentliche Transport zusammen.“

„Und? War das in Deutschland anders? Wollten wir am Wochenende aus Stuttgart raus, um über die Dörfer zu wandern, war genau da Schluss, wo die S-Bahn ihre Endstation hatte.“

Mein Willi knurrte, ich schwieg. Eine scharfe Bombe sollte man nicht anfassen.

Das gleißende Licht des Nachmittags hatte alle Tiefe aus dem Relief der Felsen des „Der in den Wolken träumt“ genommen. Die Sommersonnenglut flirrte über dem Land, ließ alles Lebendige ermatten, trocknete die Kehle aus. Ich sehnte mich fort von diesem staubigen Straßenrand, hinein in die Bergwälder, wo kühle, klare Wasser über Steine springen mochten, die Farne und Fuchsien im Schatten der Südbuchen den Nachmittag verträumten.

„Gehen wir auf den Zeltplatz zurück?“

Ein leises Schnarchen antwortete mir. Wie ein halb zusammengeklapptes Taschenmesser lehnte mein Willi neben mir am Baumstamm, sein Kopf war ihm auf die Brust gefallen. Ich mochte ihn überhaupt nicht leiden. Wäre jetzt ein Zauberprinz dahergekommen, in einem klimatisierten Mercedes, ich hätte meinen Willi glatt sitzen lassen.

Nach einer halben Stunde schnappte er mit einem Grunzer nach Luft und erwachte, gähnte ausgiebig und stand auf.

„Gehen wir“, sagte er kurz angebunden, schulterte den Matchsack und ging die Straße Richtung Ort zurück. Das war also unser erster und vorerst letzter Ausflug.

10

Als wir müde und griesgrämig auf dem Campingplatz eintrafen, lief uns ein freudestrahlender Pepe über den Weg.

„Frohe Weihnachten, ihr beiden“, sagte er. „Wir haben heute Nacht ein kleines Christkind bekommen. Wollt ihr es sehen?“

Neugierig folgten wir ihm zum Unterstand der Schafe. Ein neugeborenes Lämmlein lag da, an das Mutterschaf gekuschelt und schlief. Die Alte wurde sofort unruhig, als sie uns sah. Wir gingen ein Stück beiseite, während Pepe sich bückte, das weiße Bündel vorsichtig auf den Arm nahm und zu uns her trug. Die kurzen, weißen Locken waren seidenweich, und der zarte Körper zitterte leicht unter unseren Händen. Ich hielt dem Baby den Zeigefinger hin, den es beschnupperte und dann kräftig daran saugte. Pepe stellte den kleinen Schafbock ins Gras, wo er erst steifbeinig stehen blieb und „määäh“ sagte, bevor er mit ein paar ungelenken Sprüngen zur Mutter floh, die längst aufgestanden und ihrem Kind entgegen geeilt war, soweit es der Strick, an dem sie angebunden war, zuließ.

Breitbeinig stand die Alte da, während das kleine Böcklein, unter kräftigen Stößen in die Mutterbrust, die Milch aus den Zitzen schmatzte. Dabei wackelte es wild mit dem Stummelschwänzchen hin und her.

Ein rotbrauner Schopf tauchte hinter der Hecke auf. Pepe machte sich rasch in die andere Richtung davon, ehe Lina um die Ecke bog. Wenige Augenblicke später sah man ihn den Rasenmäher über die Spielwiese schieben.

„Ich sage es ja“, schimpfte Lina ärgerlich vor sich hin, „Rasen mähen, nichts als Rasen mähen, dabei kommen nächste Woche die Touristen, und dieser fürchterliche Mensch mäht das Gras, anstatt die Feuerstellen auszubessern.“ Dann sah sie uns und sagte munter. „Frohe Weihnachten! Habt ihr schon das Lamm gesehen? So ein süßes Kerlchen, gell?“

Sie stemmte die Arme in die Hüften und schaute den Tieren vergnügt zu. Unversehens verdüsterte sich ihr Blick und ärgerlich stieß sie hervor:

„Als wenn die beiden Schafe nicht genug Scherereien machen würden, jetzt hat dieser Hanswurst für ein drittes gesorgt. Es ist nicht zu fassen.“

„Aber Lina, die Schafe stellen überhaupt nichts an, stehen bloß herum, fressen oder schlafen“, sagte ich. „Außerdem sind sie angebunden und können gar keinen Unsinn machen.“

„Angebunden! Jawohl, angebunden. Das ist es ja gerade. Tierquälerei. Typisch ist das für diesen fürchterlichen Menschen, der außer Flausen nichts im Kopf hat, keine Ahnung von nichts, und was er anpackt, verpfuscht er. Du kannst nicht Tiere und Touristen haben, glaubt mir das. Erstens haben wir gar keine Zeit für das Viehzeug und zweitens treiben die Touristen ihr Schindluder mit den armen Tieren, die nicht einmal weglaufen können, drittens kannst du sie nicht losbinden, weil die blöden Schafe sofort weglaufen, und die Ziegen stopfen sich die Baumrinden, die Blumen und die Zeltplanen der Touristen in den Bauch.“

Sie strich sich aufgeregt die Haare aus der Stirn und warf den Kopf zurück. Kampflust blitzte in ihren Augen.

„Begreift ihr denn nicht?“ rief sie außer sich, als wir sie stumm ansahen. „Wenn ich schon Viecher haben will, dann muss ich sie auch artgerecht leben lassen. Dazu ist dieser Dummkopf von Pepe gar nicht in der Lage.“

Wütend stapfte sie davon, die Hände in den Hosentaschen vergraben.

Die nächsten Tage verbrachte ich fast jede freie Minute bei Schneeflocke und Mutter Hinz. Das Lämmlein war sehr mager auf seinen hölzernen Steckenbeinchen, die schwarzen Knopfaugen lugten erstaunt in die Welt. Manchmal stand es lange einfach nur da, dann wieder tat es ganz unvermittelt die wildesten Bocksprünge. Ich hätte es zu gerne gestreichelt, aber es ließ sich nicht herlocken und einfangen wollte ich es nicht.

Ich war ein typisches Stadtkind, der Umgang mit Tieren war mir fremd. Ich fühlte mich einerseits zu ihnen hingezogen, andererseits hatte ich Angst, sie könnten mich beißen. Ich setzte mich mit gebührendem Abstand ins Gras, sprach mit Schneeflocke und Hinz, wobei das alte Schaf mir aufmerksam zuzuhören schien, denn es wandte keinen Blick von mir. Wer hat mehr Angst, Hinz, das ist die Frage, du oder ich?

Jeden Tag setzte ich mich ein Stück näher, aber immer außerhalb der Reichweite des angebundenen Tieres. Manchmal brachte ich ein paar Kräuter vom Bachrand mit, in der stillen Hoffnung Hinz damit freundlich zu stimmen. Ich streckte es ihr zögernd hin. Sie kam allmählich näher, aber schließlich ließ ich doch wieder alles zu Boden fallen, aus Angst, das Schaf könnte mich beißen.

11

Das Jahr ging zu Ende. Nach heißen Sommertagen schlug das Wetter über Nacht um. Silvester versank im Regen und Nebel. Schneeflocke hatte seit einem Tag nichts mehr zu sich genommen. Pepe rief den Tierarzt an. Er war verreist. Pepe kratzte sich den Bart. Lisa konsultierte Cacho, den Mestizen, der überzeugt war, dass das Lämmlein wahrscheinlich nicht zu retten sei, weil Lina die Zwerge verärgert habe, als sie deren Lager einfach weggeräumt hatte.

„Ich habe dich gewarnt, mein Kleines“, sagte er zu Lina. „Mit den Geistern ist nicht zu spaßen.“

Sie kam wutschnaubend wieder.

„Scherereien, ich sage es ja, nichts als Scherereien hat man mit dem Viehzeug. Der hat doch einen Vogel, der alte Quatschkopf“,schimpfte sie herum. „Möhren und Knoblauch soll ich unter die Tannen legen, als Geschenk für die Zwerge. Ist es in diesem korrupten Land schon so weit gekommen, dass man jetzt auch die Heinzelmännchen schmieren muss? “

Pepe hängte sich seinen Gummimantel um und kroch mit einer alten Wolldecke unter dem Arm zu Hinz und Schneeflocke in den Unterstand. Ich stand ratlos dabei. Der Regen lief mir über das Gesicht und den Hals hinab, aber ich spürte es kaum. Schneeflocke, was können wir bloß für dich tun? Das Lämmlein lag ganz teilnahmslos da. Hinz stampfte unruhig und blökte uns ihr jämmerliches „mähmähmäh“ entgegen. Wir bereiteten mit Heu und Wolldecke der Schafmutter und ihrem Kind ein Lager.

„Vielleicht ist es am besten, wir lassen die zwei allein, damit sie Ruhe haben. Wir können eh nichts Vernünftiges für das Tierlein tun“, sagte Pepe.

Lina blieb den ganzen Tag im Haus verschwunden. Man hörte sie mit Töpfen und Schüsseln lautstark hantieren, hin und wieder flogen Türen, Flüche zerrissen die düstere Stille des Nachmittags.

Am späten Nachmittag kam Pepe in den Saloon, mit einem kleinen Eimer in der Hand. Er sagte:

„Mir lässt das keine Ruhe, Geli, ich werde versuchen Hinz zu melken, aber ich habe keine Ahnung wie das geht. Und du?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Wie willst du die Milch der Schneeflocke füttern?“ fragte ich.

„Wir flößen es ihr mit dem Löffel ein.“

Er band Hinz sehr kurz an.

„Mein Gott, Geli“ sagte er, „ich habe wirklich keine Ahnung, aber irgend etwas müssen wir doch tun.“

Hinz hielt überraschend still, und Pepe gelang es, ein klein bisschen Milch aus den Zitzen zu melken. Sie bedeckte kaum den Boden des Eimerchens. Völlig verdreckt kroch Pepe aus dem Unterstand. Mit Lamm und Milch gingen wir in den Aufenthaltsraum, wo ein Feuer im Kamin brannte. Pepe hielt Schneeflocke auf dem Schoß und steckte ihr den Finger ins Maul, um es offen zu halten. Ich versuchte dem Tierlein mit einem Teelöffel die Milch einzuflößen, während Pepe ihm sanft den Hals massierte, um es zum Schlucken zu bewegen, aber die Milch lief einfach rechts und links hinab auf Pepes Hosen und auf den Boden. Lina kam mit eisiger Miene und deckte den Tisch für die Gäste, die sie geladen hatte. Im Hinausgehen warf sie uns einen erbitterten Blick zu.

„Ich hole Hinz“, sagte Pepe und kam wenig später mit der Wolldecke und dem Mutterschaf zurück.

In einer Ecke des Saloons machte er den beiden ein Lager. Ganz kraftlos lag das Lämmlein da. Hinz stand herum, schaute uns verwirrt an und blökte, dann drängte sie zur Tür, wollte hinaus. Die fremde Umgebung des Menschenstalles gefiel ihr nicht. Pepe ließ sie hinaus.

„Vielleicht hat das Lamm Verstopfung“, meinte Pepe. „Schau dir bloß mal den dicken Bauch an. Wir werden es mit einem Klistier versuchen.“

Er ging und kam bald darauf mit lauwarmem Kamillentee und einem Klistierball zurück.

„Wenn wir es vorsichtig machen, kann das gewiss nichts schaden. Vielleicht kann ja bloß nichts vorne rein, weil hinten nichts mehr hinaus geht“, sagte er kummervoll.

In der Tat hatte das Tierlein einen recht dicken Bauch. Vorsichtig nahm er das Lamm auf den Schoß und ging ans Werk, aber es wollte nicht so recht klappen. Der Kamillentee lief ihm über die Hosenbeine, aber schließlich hatte er es doch geschafft, dem kleinen Darm eine Ladung zu verpassen. Das Resultat lag ihm sozusagen auf der Hose.

„Du wirst sehen, jetzt geht es aufwärts mit dem Kleinen“, sagte Pepe.

„Falls du ihm nicht inzwischen den Rest verpasst hast“, giftete Lina im Vorübergehen.

Schließlich waren die Gäste eingetroffen. Lina versammelte uns um den Tisch. Ihre Stimme klang schrill und ihr Lachen künstlich. Pepe kam etwas später, angetan mit frischen Hosen, saß mit gerunzelter Stirn da und antwortete sehr wortkarg. Mir steckte ein dicker Kloß im Hals. Mein Willi schaute mich besorgt an und flüsterte mir zu:

„Das wird schon wieder.“

Alle anderen schienen sich ganz gut zu amüsieren. In der Ecke lag Schneeflocke und schlief.

Es war schon spät, als im Dorf plötzlich die Sirenen heulten. Alles sprang auf. Ich rief erschrocken:

„Um Himmels Willen, es brennt!“

Sie lachten schallend über mich und erhoben ihre Gläser. Silvester, Mitternacht, Neujahr, ich hatte es vergessen.

Dieses „Es brennt“ gibt Lina bis heute noch gern zum besten und vergiss auch nicht, hinzuzufügen:

„Und dann hat Geli mit großen Augen gefragt: Muss man jetzt alle küssen?“

Damals brüllte alles vor Lachen, nur ich fand das eigentlich gar nicht lustig. Unter großem Hallo fielen sich reihum alle um den Hals, und jeder küsste jeden rechts und links auf die Wangen.

Lange nach Mitternacht brach die Gesellschaft auf. Pepe und ich versuchten noch einmal, der Schneeflocke etwas Milch einzuflößen, dann trugen wir sie zu Hinz in den Unterstand.

„Vielleicht trinkt sie ja doch lieber von der Mutter.“

Schneeflocke lag nur kraftlos da. Pepe melkte noch einmal an Hinz herum und es gelang ihm tatsächlich eine halbe Tasse Milch zu bekommen.

„Ich bleibe heute Nacht bei Schneeflocke“, sagte ich zu ihm. „Du musst morgen arbeiten, ich kann ja ausschlafen.“

12

Wir legten im Kamin kräftig Holz nach. Im zuckenden Schein der Flammen, versuchte ich, dem Lamm die Milch einzuträufeln, aber es ließ nur müde seinen Kopf hängen. Ich hielt es im Arm, während es schlief. Draußen regnete es leise, dazwischen pochten dicke Tropfen vom Nussbaum auf das Dach. Ich beobachtete die schwarzen Schatten, die über die Wände zuckten und an der Decke tanzten und ließ das vergangene Jahr an mir vorüberziehen, all die Stationen, die mich hierher in diesen Raum gebracht hatten.

Ich betrachtete das schlafende Tierlein und ließ meine Finger durch das weiche Fell gleiten. Artgerecht, hatte Lina gesagt, artgerecht muss man sie halten, nicht irgendwo an einen Baum angebunden. War es artgerecht, dass wir beide, Schneeflocke und ich, hier auf dem Zementfußboden dieser Hütte saßen und auf diese Weise das Neue Jahr begannen?

Was war für den Menschen artgerecht? In Stahlbetonkäfigen zu nisten? Im Schein der Neonlichter, berieselt mit synthetischer Musik, unter dem künstlichen Wetter der Klimaanlage, in einer Landschaft aus Plastik, Chrom und Glas sein Futter zu erkämpfen, oder an langen Bändern sitzend, acht Stunden am Tag die gleiche Handbewegung auszuführen? War es artgerecht, die Zeit, die danach noch übrigblieb, in den High-Tech-Traumtempeln oder im abgedunkelten Verlies auf dem elektronischen Heimaltar den Freizeitgöttern zu opfern, oder auf Rädern über die Betonpisten des Zivilisationsdschungels zu rasen? War das artgerecht?

Waren nicht fast alle, wie Hinz und Kunz, an irgendeinem Baum angebunden? Mancher sitzt auf dem Schuldenbaum, an dessen glattem Stamm er sich vergeblich bemüht, wieder auf den Boden zu kommen, und der eine oder andere hat sich dabei schon das Genick gebrochen. Ferner gibt es den, der mit einer Meute anderer am Man-muss-doch-mitmachen-Baum herumturnt, oft ein ganzes Leben lang. Oder der, der ganz abgekämpft am Der-hat-das-doch-auch-Baum hochzukraxeln versucht und dabei Kopf und Kragen riskiert. Der nächste erklimmt den Karrierebaum, hat sich irgendwann in schwindelnder Höhe eingerichtet und glaubt, weil er die bessere Aussicht hat, bereits die Freiheit zu besitzen und merkt nicht, dass ein anderer längst an seinem Ast sägt. Ohnehin werden mit zunehmender Höhe die Äste und Zweige immer dünner und brüchiger, trotzdem will jeder hoch hinaus. Lebten sie artgerecht?

Und wir? War es artgerecht, in einem kleinen Nylonzelt zu hausen? An einer Feuerstelle zu hocken und zu kochen, fast wie am Morgen der Menschheit? Anstatt es zu etwas zu bringen, mit all den Schul- und Ausbildungen, die uns Eltern und Staat ermöglicht haben, hier, auf der Höhe unseres Lebens monatelang Baumstämme zu schälen und in der Erde zu buddeln? War das artgerecht? Was war überhaupt artgerecht?

Über all diesen Gedanken muss ich eingenickt sein.

Ich erwachte. Die Glut glimmte nur noch schwach im Kamin, die Kälte schlüpfte durch alle Ritzen herein, und das Lamm lag schwer auf meinen Knien. Ich wollte mich strecken, aufstehen und Holz nachlegen. Als ich Schneeflocke deswegen vorsichtig beiseite legte, merkte ich, dass sie tot war. Das Leben, das vor einer Woche ungestüm ans Licht gedrängt hatte, das so viel Lust zum Dasein hatte, so voller Neugier in die Welt geschnuppert hatte, es war einfach entwichen, still, unbemerkt und für immer. Wie zerbrechlich, wie flüchtig ist das, was oft so stark und beständig scheint. Ein schwerer Stein legte sich auf meine Brust.

Ich schlug die Decke über den kleinen Körper, der in sich zusammengesunken schien und erhob mich steifbeinig. Draußen dämmerte fahl der Erste Januar herauf. Ich fröstelte und zog die Jacke enger um mich, trat an das Fenster und lehnte meine Stirn gegen die Scheibe. Ich schaute hinaus in die nasse Welt und sah, dass es auf der Höhe geschneit hatte und der Schnee an den Hängen bis fast in das Tal herab lag. Mitten im Sommer war der Winter zurückgekehrt.

Ich war müde und dennoch wollte ich mich nicht hinlegen. Nicht jetzt. Es war so viel Unruhe in mir. Ich hätte laufen mögen, laufen, bis an das Ende der Erde und wusste doch, es gab kein Entrinnen, nicht vor mir selber, nicht vor dem Da-Sein. Eines Tages würde das Leben genauso aus meinem Körper weichen, unwiderruflich die Reise über die Erde zu Ende sein. Würde ich dann sagen können, dass ich artgerecht gelebt hätte? War das überhaupt wichtig, gab es nicht eine viel wichtigere Mission des Daseins? So viele Fragen purzelten durch mein Gehirn, wühlten das Herz auf. Schließlich lähmte die Kälte all meine Gedanken. Ich kroch in unser Zelt, suchte meine Zuflucht im Schlaf.

Als ich gegen Mittag aufstand, hatte Pepe die Schneeflocke bereits vergraben. Lina war eben dabei, ihm eine furchtbare Szene zu machen. Sie drohte damit, für die restlichen Viecher einen Metzger kommen zu lassen, um die armen Kreaturen zu erlösen. Er müsse wählen zwischen ihr und den Schafen und Ziegen. Pepe schrie, dass ihm die Wahl nicht schwerfalle und seinem Glück nur eine einzige Ziege, nämlich eine zweibeinige, im Wege stünde. Sie schrie mit sich überschlagender Stimme, dass er ja gleich heute abhauen könne, mitsamt seinen Mistviechern, die er, wie seine Frau auch, sowieso nur dazu hätte, um sie zu Tode zu quälen. Er schlug zurück, indem er ihr an den Kopf warf, dass sie ja, Gott sei's geklagt, sehr langlebig und robust sei, ganz im Gegensatz zu den armen Tieren.

Der Disput fand ganz ungeniert statt, während die beiden die Küche neben dem Aufenthaltsraum einräumten. Sie schleppten den Gasherd aus dem Haus herbei, Kisten mit Geschirr und Lebensmittel folgten. Unterdessen blieben sie sich kein Wort schuldig. Ich rührte als verlegener Zeuge in meiner Suppe, die ich im Kamin kochte und wäre am liebsten in ein Mauseloch gekrochen.

Mein Willi kam von einem kurzen Rundgang zurück.

„Hinten im Wäldchen, am Rand der Lichtung, liegen ein paar Knoblauchknollen und ein Häufchen Möhren. Lina hat die Zwerge geschmiert. Hätte ich nicht von ihr gedacht“, sagte er und fügte nach einer Weile nachdenklich hinzu: „Vielleicht schreit sie heute bloß deshalb so herum, weil ihr das mit der Schneeflocke nahe geht. Könnte doch sein?“

„Dass du das so schnell merkst!“

„Mensch, Geli, ich bin halt kein Psychologe.“

„Wahrhaftig nicht und obendrein ein Mann“, frotzelte ich bissig.

„Geli, suchst du Streit?“

„Vielleicht ist das eben meine Art damit umzugehen, wie locker du Dinge wegsteckst, die mir nahe gehen“, sagte ich.

„Aber, Gelikind, es war doch nur ein Schaf.“

„Siehst du, wie du nichts begreifst, gar nichts“, erwiderte ich. „Es geht um Leben und Tod, um Werden und Vergehen, ach und überhaupt…“

Ich legte den Kopf auf die verschränkten Arme und schluchzte.

„Ja seid ihr denn alle verrückt geworden“, brüllte mein Willi und rannte aus dem Raum, die Tür wild hinter sich zuknallend.