Sammelband Gedichte

Alke Bolte · Kapitel 33 von 48

PDF-Seiten

Sammelband Gedichte

Migrantensommer

Ein Sommerabend senkt sich über den kleinen Ort.

Kein Windhauch treibt die Hitze des Tages fort,

wo in engen verwinkelten Plätzen und Gassen

Haus an Haus sich drängt zwischen Asphaltstraßen.

Noch am Abend dringt aus der Steine Meer

die Sonnenhitze des Tages her.

An einem der Häuser, gleich neben dem Tor

sitzt eine alte Frau davor.

Ein Kopftuch bedeckt ihr ergrautes Haar.

Um sie herum tobt eine Kinderschar.

Schwarze Augen schauen her zu mir

voller Neugier, sind eben Fremdlinge hier.

Nur auf dem Stuhle vor der Wand,

die alte Frau, regt keine Hand.

Die Hände liegen auf ihrem Schoß verschränkt.

Woran sie an diesem Abend wohl denkt?

Denkt Sie an die Sommer in dem südlichen Land

wo einstmals das Haus ihrer Eltern stand?

Vielleicht zwischen Bergen in einem südlichen Tal

wo auf Trockenweiden Schafe ihr karges Mahl

unter der Sommersonne gefunden

in den kühlen Abendstunden.

Oder lag es vielleicht am Meer hinterm Strand

wo Fischer am Abend ihre Netze gespannt?

Vielleicht wuchs auch gleich beim Haus ein Hain

von Olivenbäumen zwischen Reben für Wein.

Wo immer ihr Elternhaus auch stand,

ein tiefblauer Himmel hat es umspannt.

Doch dann kam ein Krieg. Zerstörte den Ort

ihrer Kindheit, so zog sie im Alter noch fort

mit den Kindern in ein nördliches Land, Moor im November

wo Sohn oder Tochter neue Arbeit fand.

Sie, die inzwischen viel Jahre alt

sitzt nun hier zwischen Stein und Asphalt

Vielleicht träumt sich sich in ihre Kindheit zurück

in ihr freies südliches Sommerglück!