Sammelband Gedichte

Alke Bolte · Kapitel 6 von 48

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Sammelband Gedichte

Das alte Hauptbuch

Gestern war´s zu später Stunde

ich drehte noch eine Abendrunde,

da leuchtete aus des Tischlers Haus

trautes Licht auf unsere Straße hinaus.

Wir waren nachbarschaftlich vereint

schon viele Jahre. Er war mir Freund.

Beruf und Werkstatt, das war sein Leben.

Morgen wird er alles dem Sohn übergeben.

Leise trat ich ins Kontor zu ihm ein.

Ich sah ihn sitzen im Lichter Schein,

den Kopf gebeugt über ein altes Buch,

in das er die letzten Posten eintrug.

„Das alte Hauptbuch, es ist an der Zeit.

Mein Sohn ist nun für die Firma bereit“

Voller Gedanken sah er mich an.

„Ich weiß noch, als ich hier einmal begann.

Da erhielt ich vom Vater dieses Buch,

in das er getreulich jeden Tag eintrug,

Soll und Haben, seiner Arbeit Gewinn.

Ich hab es geführt in seinem Sinn.

Nun schau, ich schreibe das letzte Blatt

weil das alte Buch wohl ausgedient hat.

Mein Sohn, er geht mit der neuen Zeit.

Dort steht schon der Computer bereit.

Doch bin ich mir sicher, dass er auch,

so wie es seit Generationen Brauch,

wird Soll und Haben täglich notieren Das Labyrint

ehrlich Geben und Nehmen kontieren.

Im Haus schlafen meine Enkel schon.

Ich hoffe eines Abends wird mein Sohn

genau wie ich heute, sein Werk beenden

und es weitergeben jüngeren Händen.

Und muss von dieser Welt ich gehen,

mein Soll und Haben bleiben bestehen.

Hier im Hauptbuch kann man lesen,

ob ich im Leben erfolgreich gewesen.

Wohl endet heute meine Zeit,

doch steht schon eine neue bereit

die das gemeinsame Werk weiterführt.

Getreulich Soll und Haben notiert.

Lass uns beide nun ein Gläschen heben.

Auf das alte und auf das neue Leben.

Und das im Hauptbuch alle Tage

Soll und Haben halten einander die Waage“