Testphase
Runde 1
Sanftmut
Desinteresse
Missgunst
Sicherheit
Hingabe
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»Verdammte Scheiße!«, entfuhr es mir ungläubig. Fassungslos blickte ich auf das Display meines Handys. Schonungslos brannte sich das Abbild in mein Hirn, setzte sich dort fest. ›Das. Kann. Nicht. Sein!‹ Schwer sickerte das Gesehene in mein von Schreck und Panik schwerem Hirn. Irgendwie fühlte es sich an, als wäre ich in einem Film gefangen.
Vom Flur her tönte auch sofort die Stimme meiner Schwester, die nach dem Warum fragte und gleich darauf blickte sie schon um die Ecke.
»Hier, guck dir das an!«, forderte ich Jessi auf, ihr mit zitternder Hand das Smartphone entgegenhaltend. Im Näherkommen wischte sie sich ihre feuchten Hände am Geschirrtuch ab und musste sich auch leicht den Hals verrenken, um auf das Display schielen zu können.
»Ich werde gedisst!«, sagte ich erklärend, aufgebracht die Worte hervorstoßend. »Gemobbt, fertig gemacht ...« Ich verstummte, weil meine Stimme vollkommen versagte.
Inzwischen zitterte meine Hand so stark, dass Jessi mir das Handy abnehmen musste, um auf dem Display überhaupt etwas erkennen zu können. Verärgert zog sie die Augenbrauen zusammen. »Wer ist dieser Mistkerl?«, fragte sie. »Magic Johnson kann doch nicht sein wirklicher Name sein.«
Ich schüttelte den Kopf. »Nein, er heißt Hannes Möhricke. Er ist in meinem Mathekurs«, setzte ich auf Jessis fragenden Blick noch hinzu.
»Wenn man achtzehn ist, sollte man bereits so viel Grips haben, dass man nicht andere Menschen angreift. Das ist unterste Schublade, was der Kerl abzieht!« Mit einem verärgerten Schnauben reichte Jessi das Handy zurück. »Kennst du ihn näher?«
Ein weiteres Mal schüttelte ich den Kopf. Es gab nur wenige Schüler, die etwas mit mir zu tun haben wollten. Vielleicht weil ich der Streber der Abi-Klassen war? Mit dem kompletten Nerd-Programm, inklusive der Zahnspange, mit der ich noch immer zu kämpfen hatte, der Brille mit dem viel zu dicken Gestell und meine heißgeliebten karierten Hemden. Hinzu kam noch, dass ich weder hochgewachsen und sportlich war, sondern eher schmal und mit meinen eins siebzig nur wenige Mädchen der Klasse überragte. Und mal ehrlich: Welches Girl würde mit einem »Zwerg« ausgehen wollen?
Dann wäre noch etwas, was mich nicht sonderlich beliebt machte und die Idee mit dem Ausgehen als Blödsinn darstellte: Ich war schwul.
Dieser Umstand sicherte mir natürlich das Desinteresse der Mädels und das Interesse der anderen Jungs, die mich nun mit voller Hingabe mobbten. Allen voran Hannes, das Sportass, der dunkelhaarige Schönling, dem die Girls reihenweise hinterher hechelten. Dass er es mit seinen Attacken auf mich (armen Würtschen) abgesehen hatte, konnte ich nur damit erklären, dass ich nicht in sein Weltbild einer heilen und - vor allem - schönen Welt passte.
Wenn mein Leben eine gay-romantische Story wäre, hätte die Autorin - ich gehe mal schwer davon aus, dass es eine Sie ist - es garantiert so gedreht, dass sich der Bad Boy in den Nerd verknallt. Aber nicht mit mir! Hörst du mich, Schreiberling, du Federhalter, Tastenklimperer? Nie und nimmer!
»Was willst du nun wegen dem Kerl unternehmen?«, hakte Jessi nach. Eine berechtigte Frage, bei der ich dieses Mal mit der Schulter zuckte und ein weiteres Schnauben von meiner Schwester provozierte.
Ihn zur Rede stellen - am besten noch vor seinen ganzen Kumpels? Lachflash pur. »Was soll ich schon machen? Ihn einfach ignorieren. Mit hundertprozentiger Sicherheit verliert er irgendwann die Lust am Mobben und wird mich in Ruhe lassen.«
»Ach, Gonde«, seufzte dieses Mal Jessi und erinnerte mich an einen weiteren Punkt auf meiner Scheiß-Leben-Liste und der mich zur Lachnummer der Nation machte. »Du hast die Sanftmut eines Schafes.«
»Du meinst wohl eher: Die, eines hirnlosen Schafes«, antwortete ich mit einem schiefen Grinsen. Tja, ich konnte halt nicht aus meiner Haut. »Bähhh!«
Zum Glück ging Jessi nicht weiter auf das Thema ein und ignorierte mein Schafgeblöke. »Aber mal ehrlich, Gondelchen.« Die liebevolle Anrede ließ mich innerlich zusammenzucken. »Du kannst dir ein solches Verhalten von diesem Arsch nicht gefallen lassen. Geh zum Rektor oder sprich wenigstens mit deinem Klassenleiter oder dem Vetrauenslehrer. Es kann nicht sein, dass der Kerl ungestraft Lügen und Halbwahrheiten über dich verbreitet.«
»Die werden mir kaum helfen können«, grummelte ich frustriert und griff nach dem Handy, das ich auf die Schreibtischecke abgelegt hatte. »Außerdem sind es keine Lügen. Ich bin nunmal schwul. Scheiße ist nur, dass er es in der Öffentlichkeit breittreten muss.«
Wieder blickte ich auf das Display, das ein Bild meines Gesichts zeigte, jedoch bearbeitet und das noch nicht einmal besonders gut. Irgendjemand hatte meinen Kopf auf den Körper eines nackten Mannes gesetzt, dessen eine Hand unter einem dicken fetten schwarzen Balken verschwand, der quer über den Schritt des Modells gelegt worden war. Der Text zum Bild war: »Schwule Jungs bringen’s nicht!« Auf was das Bild abzielte, war ja wohl klar, ging tief unter die Gürtellinie.
»Und was ist mit dem Spruch?«, hakte Jessi nach und ohne sie anzusehen wusste ich, dass sie grinste.
»Ich werde mit irgendjemandem sprechen«, sagte ich schließlich, sie mit voller Absicht falsch verstehend. Es beantwortete aber ihre andere Frage, auf die ich noch nicht reagiert hatte.
Obwohl sie diese oder eine ähnliche Antwort dazu erwartet hatte, verzog sie skeptisch die Lippen, sagte jedoch nichts weiter. Stattdessen verschwand sie wieder in Richtung Küche, ließ jedoch die Zimmertür nur angelehnt. So konnte ich sie hantieren hören und als es ruhiger wurde, hörte ich ihre Stimme. Sie telefonierte, wahrscheinlich mit Stefan, ihrem Freund. Ich konnte hören, dass mein Name fiel und sich ihre Stimme mit Sorge füllte und die Wärme einbüßte, die sie mit Stefan verband.
Irgendwie schmerzte es, dass ich eine solche Reaktion bei ihr auslösen konnte. Aber was sollte ich dagegen tun können? Wenn es nur daran lag, hätte ich mir gewünscht, dass ich hetero wäre. Aber das hätte dann wieder keinen Einfluss auf mein Aussehen: Ich wäre noch immer der unsportliche Streber mit Denkerbrille und Karohemd und ich vermutete, dass das keine große Verbesserung zur jetzigen Situation darstellen würde.
Egal, wie sehr ich die Augen davor verschlossen hielte: Ich kam um eine Auseinandersetzung mit »Magic Johnson« nicht herum.
Obwohl wir teilweise die gleichen Kurse besuchten, ergab sich erst gegen Ende der folgenden Woche eine Möglichkeit, mit Hannes zu sprechen. Ich sollte wohl besser sagen: Er fand eine Gelegenheit.
Wir hatten in den letzten beiden Stunden Sport. Ürgs! Handball. Doppel-Ürgs!
Wie immer war ich mal wieder nicht in eine der Mannschaften gewählt worden, was mich absolut nicht störte. Und da sich der Unterricht auf Sport bezog, durfte ich nicht so tun, als würde ich mich für andersartigen Unterricht interessieren und ein Buch in die Hand nehmen. Es war strengstens untersagt, sich zu bilden. Daher war ich gezwungen, den anderen zuzusehen und da einige der Jungs Angst hatten, dass ich ihnen etwas »abgucken« könnte, schaute ich den Mädels beim Training zu. Das fiel mir natürlich auf die Füße - aber das wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht, aber kurze Zeit später schon.
Wie immer hatte ich mir Zeit gelassen, in die Umkleide zu kommen, wo es nach Feuchtigkeit und Schweißfüßen roch. Unangenehme Mischung.
»Hey, Schwuchtel!«, tönte es aus dem kurzen Gang, der zu den Duschen führte. Damit erstarb meine Hoffnung, still vom Schulgelände verduften zu können und selbstverständlich hatte Hannes mich ... abgepasst? Abgefangen? Whatever. Auf alle Fälle kam er nur mit einem Handtuch um die Hüften gewickelt auf mich zu.
»Was willst du?«, fauchte ich ihn an, was sich wegen der Zahnspange mehr wie ein Zischen anhörte. »Hast du nicht schon genug Scheiße gebaut?« Wütend riss ich meinen Spind auf, zerrte meine Tasche heraus und begann, mich umzuziehen. Dass Hannes mit mir im gleichen Raum war, ignorierte ich. Ja, im Ignorieren bringe ich es noch weit!
»Steigst du neuerdings den Weibern hinterher, weil du sie die ganze Zeit beobachtest? Oder hast du Angst, dass dir einer abgeht, wenn du richtige Männer beobachtest?« Wenn Hannes Stimme nicht so höhnisch geklungen hätte, hätte ich gelacht, lauthals. Stattdessen schloss ich nur kurz die Augen und versuchte, ihn weiterhin zu ignorieren.
»Was ist?«, stichelte er weiter und musste dabei dicht hinter mich getreten sein, weil ich seinen Atem im Nacken zu spüren glaubte. »Womit habe ich deine Missgunst erregt?«, fragte er nun leiser, aber nicht minder herausfordernd. »Hat es dir die Sprache verschlagen?«
Schlagen ... Am liebsten hätte ich ihm das Grinsen aus dem Gesicht geprügelt, das er unter Garantie aufgesetzt hatte. Mit einem tiefen Atemzug versuchte ich, mich wieder zu beruhigen. ›Nur nicht ausrasten!‹
In dem Moment spürte ich eine Berührung an der Schulter und ich reagierte.
Nur Sekunden später fand ich mich Hannes gegenüber wider. Keine Ahnung, wie ich es geschafft hatte, ihn gegen die gegenüber liegende Spindreihe zu drängen, wo ich ihn mit beiden Händen hielt. Es wird wohl der Überraschungsmoment gewesen sein, weil er nicht damit gerechnet hatte, dass ich Knirps mich gegen ihn auflehnen würde.
»Lass mich - verdammt nochmal - in Ruhe«, grollte ich ihn an und war gleichzeitig stolz darauf, dass es wirklich ein Grollen war. Seltsam, was mir in dem Moment alles durchs Hirn schoss. Zum Beispiel auch, dass sich Hannes Haut unter meinen Händen verflucht heiß und glatt anfühlte und ich sogar seinen Herzschlag zu spüren glaubte. Irre. Verrückt.
»Du hast schöne Lippen.«
Irritiert blickte ich Hannes an und musste feststellen, dass er mir tatsächlich auf den Mund starrte. Sein Blick wirkte dunkel, fast samtig.
»Du bist echt ein riesiges Arschloch, Hannes«, brachte ich schließlich hervor. Nur mit Mühe konnte ich ein angestrengtes Stöhnen unterdrücken, weil er sich gegen meine Handflächen lehnte. »Was soll der ganze Scheiß, den du veranstaltest?«
Ein leichtes Lächeln zuckte um seinen Mund, was mich eigentlich hätte warnen sollen. »Beweis mir, dass meine Behauptung falsch ist- und wir sind quitt, dann hast du deine heißgeliebte Ruhe.«
Im ersten Moment wusste ich überhaupt nicht, was Hannes meinte, bis mir das Bild wieder einfiel und sofort schoss mir das Blut ins Gesicht. Allein schon, sich hier so einfach hinzustellen und die Widerlegung einer hirnrissigen Behauptung zu verlangen, schlug dem Fass den Boden aus.
»Nur ein einziger Kuss«, murmelte Hannes. Fasziniert beobachtete ich, wie er seine Lippen mit der Zungenspitze befeuchtete, als wären sie spröde. »Danach lasse ich dich in Ruhe. Versprochen.«
Oh, Scheiße. Was sollte ich nur machen? Ablehnen oder es darauf ankommen lassen, ob er wirklich dazu steht oder mich nur verarscht? »Führst du mich nicht aufs Glatteis?«, hakte ich nach, bekam jedoch nur ein leichtes Kopfschütteln und ein Lächeln zur Antwort.
So, und was sollte nun geschehen? Seit gefühlten Stunden standen wir bereits hier und noch immer lagen meine Hände auf Hannes Brust. Die ganze Situation fühlte sich absurd an. Und warum sollte mich Hannes küssen wollen?
»Ich habe noch nie einen Mann geküsst«, flüsterte er, als hätte er meine Gedanken gelesen. »Ich will wissen, wie es sich anfühlt und du bist der erste.«
Oh, super! Premiere! Ich bin der erste einer langen Reihe. Wie erbaulich!
Dann berührte etwas meine Lippen, weich und mehr wie ein Streicheln. Meine Augen fielen zu und mein Hirn stellte für einen Moment das Denken ein.
Der Kuss endete viel zu schnell für meinen Geschmack. Ich hätte in dem Gefühl der Wärme versinken können, tiefer, intensiver. Stattdessen blieb nur so etwas wie Enttäuschung zurück.
Ich blickte in das nachdenkliche Gesicht von Hannes und quälte mir ein schiefes Grinsen ab. »Und? Was ist nun?«, fragte ich herausfordernd. Ich gebe es nicht gern zu, aber ich wollte seine Meinung zu dem Kuss wissen.
Hannes jedoch zuckte nur kurz mit einer Schulter. »Ich stehe zu dem, was ich versprochen habe«, sagte er, bevor er sich seinem Spind zuwandte und sich anzukleiden begann. Damit schien das Thema für ihn erledigt zu sein.
Okay, für mich sollte es das auch, jedoch ...
Sobald ich zu Hause angekommen war, rief ich die Internetseite auf, auf der ich das Bild gefunden hatte. Es war gelöscht worden.
Auch an den folgenden Tagen war es ruhig und ich äußerte gegenüber Jessi die Hoffnung, dass es sich gelohnt hat, mit Hannes zu »reden«. Was der wirkliche Grund war, dass er mich in Ruhe ließ, musste ich ihr nicht auf die Nase binden.
Aber was mich an der Situation unerklärlicherweise störte war, dass Hannes mir auswich.