Testphase
Runde 3
Wortvorgabe (Diminutiv):
Bäumlein
Wehwehchen
Sümmchen
Lichtlein
Märchen
Auswahl: Fünf von fünf Wörtern müssen unverändert im Text verarbeitet werden.
Die Musik war laut. Selbstverständlich war sie es. Musik musste bei mir immer laut sein. Laut genug, um das Denken auszuschalten. Laut genug, damit ich mich in ihr fallen lassen konnte. Kopfhörer? Fehlanzeige.
Unsere Nachbarn waren anderer Meinung. Selbstverständlich, da sie sich von meinem Hörgeschmack angegriffen fühlten: Laute Musik nur mit Kopfhörer und vorherigem stundenlangen Vortrag darüber, wie schädlich die Lautstärke für das Hörvermögen ist. Häh? Wollten sie, aber bei mir nicht. Dafür bekam leider Jessi alles ab und stand nun zum wohl hundertsten Mal in meinem Zimmer, weil ich ihr Klopfen überhört hatte und selbstverständlich erwischte sie mich dabei, wie ich ein herzzerreißendes ›sorry‹ zur Wand hauchte. Ich hockte mal wieder im Schneidersitz auf meinem Schreibtischstuhl und balancierte ein Buch auf den Beinen. »Gonde!«, versuchte sie, gegen Justin Bieber anzuschreien, was mir einen gehörigen Schrecken einjagte und mich fast vom Stuhl fegte. »Die Nachbarn beschweren sich schon wieder!« »Dann sollen sie Ohropax benutzen«, erklärte ich brummig, hangelte trotzdem nach dem Regler und drehte ihn runter. »Was ist eigentlich mit dir los? Du bist in letzter Zeit so komisch und ich sehe dich nur noch selten.« Typisch Schwester, die auf Mutter macht, setzte sich Jessi auf meine Bettkante, blickte mich erwartungsvoll an. »Nervt dich der Typ schon wieder? Dieser ... ›magic Johnson‹?«
Ja. »Nein.« Mein entnervtes Seufzen erzählte ihr da wohl irgendetwas anderes, aber nicht, dass ich nicht bereit war, mit ihr darüber zu sprechen. »Er nervt mich nicht«, erwiderte ich. »Es ist einfach die Schule. Einfach alles.«
Skeptisch zog Jessi eine Augenbraue hoch. »Du erzählst mir kein Märchen?«, hakte sie trotzdem nach.
»Es war einmal ein Bäumlein im finsteren Wald. Eines Tages kamen die sieben Zwerge und fällten es. Aus dem Holz dreckselten sie eine Öllampe, um mit dem Lichtlein Rotkäppchen und dem bösen Wolf heimleuchten zu können.« Erwartungsvoll sah ich Jessi an, die nichts weiter Tat, als mich ebenfalls anzublicken. Prüfend. »Aus dem Wolf wurde ein Bettvorleger und Rotkäppchen ...«, setzte ich reichlich planlos hinzu.
Jessi schüttelte nur den Kopf, konnte sich aber ein Grinsen nicht verkneifen. »Ach, Gondelchen, wenn du wegen dem Kerl Probleme hast, dann sag es und friss es nicht in dich rein«, sagte sie eindringlich nach einem tiefen Seufzer und wollte nach meiner Hand greifen, doch ich entzog sie ihr.
»Darüber haben wir uns schon oft genug unterhalten, Schwesterherz«, schnaubte ich. »Und ich gehöre definitiv nicht zu denen, die wegen jedem Wehwehchen zum Vertrauenslehrer rennen.«
»Das verlange ich nicht. Das weißt du genau. Es geht ganz einfach darum, dass ich Angst habe, dass du gemobbt wirst.« »Du musst eine Angst haben, Jessi«, forderte ich leise. »Es ist alles in Ordnung.« Und das war es tatsächlich. Das soziale Gefüge passte wieder und alles schön voneinander getrennt durch eine Wand, festgefügt, wie die Chinesische Mauer.
Dort: Die Schönen, die Gehypten. Hannes. Hier: ich, Gonde.
Alles war wieder im Gleichgewicht.
Nur ich nicht.
Obwohl ich mich dagegen gewehrt hatte, hat mir die verblödete Romanceautorin eine Highschoolliebe aufgedichtet, die ich absolut nicht ausstehen kann. Ich bin zwar das allbeschriene hässliche Entlein, werde aber definitiv nicht als stolzer Schwan zur Abschlussfeier erscheinen. Neee ... Das würde mir ein ganz schönes Sümmchen kosten, damit ich einen solchen Auftritt hinlegen könnte. »Nun gut, mein Lieber«, seufzte Jessi mal wieder und stand auf. »Aber, rede mit mir, wenn du Probleme hast!«, forderte sie und fuchtelte mit einem Finger vor meiner Nase herum. »Versprochen.« Nein.
Ich wartete, bis sich die Tür hinter Jessi geschlossen hatte und dreht wieder die Musik lauter. Nun aber in einer gemäßigten Lautstärke. Beim Zurücksetzen auf den Stuhl griff ich nach meinem Handy, das auf dem Schreibtisch lag. Im Grunde war es sinnlos, durch die Nachrichten zu scrollen, da keine neuen hinzugekommen waren. Ich bekam sowieso keine Nachrichten. Bis auf die eine ... Vor zwei Tagen erhielt ich eine SMS. Nachts um zehn summte plötzlich mein Handy und brachte mich damit für den Rest der Nacht um den Schlaf.
»Es war schön. H.« war dort zu lesen.
Im ersten Moment schlug mir das Herz bis zum Hals hinauf, um dann in ungeahnte Tiefen abzusinken. Ich ärgerte mich über meine eigene Blödheit und dass ich mich zu diesem Test hatte überreden lassen.
So ne Scheiße aber auch! Hätte er den ersten Kuss nicht einfach auf sich beruhen lassen können? Nein, da musste er mich geradezu anflehen, es noch einmal ausprobieren zu dürfen, weil er sich nicht »sicher« war und ich doofes Kalb hatte dem auch noch zugestimmt! Wie verblödet musste man eigentlich sein, jemanden zu küssen, nur weil er es wollte? Ja, schöne Augen hatte er und die Stimme ... Kein Wunder, dass Hanna auf ihn fliegt, sind ja auch zusammen ein hübsches Pärchen.
Nun hockte ich schon wieder hier und schmachtete diesen einen Satz an. Ich spürte schon wieder diese Wärme, die sich in mir breitmachte, mir den Hals zuschnürte und mich so weichspülte, dass ich tatsächlich zu träumen begann. Was wäre wenn ... ich nicht der wäre, der ich bin? Kein Nerd mit Brille und Zahnspange und dem Hang zu Star Treck?
Träum weiter, Alter!
»Warum meldest du dich nicht?«
Seit dieser ganze Schlamassel mit Hannes begonnen hatte, flitzte ich so schnell wie möglich zu den Fahrradständern, um noch vor ihm, das Schulgelände verlassen zu können. Nichts wäre schlimmer, als dass er mich noch ein Mal abpassen würde. Wer weiß schon, was ihm dann ins Hirn geschissen haben könnte? Noch ein Test? Noch ein Kuss?
Und nun stand er doch tatsächlich vor mir. Die Arme vor der Brust verschränkt, blickte mich herausfordernd an und wollte wissen, warum ich mich nicht melde?
»Warum sollte ich?«, stellte ich die Gegenfrage und machte mich an meinem Drahtesel zu schaffen. Das Fahrradschloss stopfte ich in meinen Rucksack, schulterte ihn und zerrte das Fahrrad aus dem Ständer. Dass ich auf dem Weg zum Tor dicht an Hannes vorbei musste, versuchte ich zu ignorieren. »Oder ist da etwas, von dem ich wissen sollte?«, fragte ich ihn, als ich mit ihm auf einer Höhe war. Mehr aus den Augenwinkeln sah ich sein verdattertes Gesicht. Ich wusste ja nicht, was er erwartet hatte, womöglich, dass ich mich ihm freudestrahlend an den Hals werfen würde, nur weil sich ein Herr Möhricke dazu herablässt, mit mir zu sprechen? Ich konnte darauf verzichten. Die Blöße, die ich mir in seiner Gegenwart geleistet hatte, war doch ausreichend. Wenn ich an meine überstürzte Flucht aus dem Waschraum denke, könnte ich mit dem Kopf gegen die Wand rennen. Noch offensichtlicher konnte es doch nicht sein, dass ich mit der Situation nicht umzugehen verstand. Tja, wie gesagt: Nun stand er hier und verlangte eine Erklärung von mir. »Oder benötigst du noch einen Test, um zu wissen, wie rum du gepolt bist?«, warf ich ihm bissig an die pickelfreie Stirn. »Ich weiß sehr wohl, wie rum ...« Im letzten Moment biss Hannes sich auf die Unterlippe und blickte über meine Schulter in Richtung der Schule. Als wäre nichts weiter, grinste er und nickte grüßend. Bestimmt seine Kumpel. »Ich muss mit dir sprechen«, zischte er und blickte mich mit zusammengezogen Augenbrauen an, als wäre er mit irgendetwas unzufrieden, der Beweis für mich, dass in meinem Rücken seine Clique herumlungerte.
Ich wusste, dass ich mich nicht darauf einlassen durfte und doch formte mein überlastetes Hirn das Wort, die über meine Zunge rutschten, ohne mich um Erlaubnis zu fragen. »Wo?« »Bei dir. Um sechs«, murmelte er und wandte sich ab, ohne eine Antwort abzuwarten. So ganz einfach. Aber was hatte ich denn eigentlich erwartet?
Beim mir ... Langsam tröpfelten die Worte in mein Hirn, eroberten das Terrain. Das geht nicht! Jessi ist zu Hause und ... Nein, das geht nicht. Wenn sie aufeinandertreffen sollten ... Mit der freien Hand pulte ich mein Handy aus der Hosentasche und tippte »heute nicht« ein. Eine Sekunde später war die Nachricht unterwegs und ich beobachtete Hannes, der gerade mit Hanna sprach, die mal wieder eine Schnute zog, von der sie dachte, dass sie unglaublich sexy wäre. War sie nicht, eher kindisch. Ich sah, wie Hannes nach seinem Handy in der Gesäßtasche griff, es herauszog und auf das Display schaute. Irgendwie unwillig zog er die Augenbrauen zusammen und blickte dann zu mir her. Nur kurz, dann senkte er den Kopf über sein Handy und gleich darauf spürte ich mein Telefon vibrieren.
»Nein. Ist wichtig.«
Schon um fünf Uhr war ich ein nervliches Wrack, weil mir gefühlte Hunderttausend unterschiedliche Gründe ins Hirn schossen, warum Hannes unbedingt mit mir sprechen wollte. Mit mir, dem größten Nerd der Nation. Darüber, dass ich mal wieder sein Testobjekt sein sollte, wollte ich nicht nachdenken. Außerdem müsste er doch inzwischen aus der Phase heraus sein. Oder nicht? Wie lang soll sowas eigentlich dauern? Spätestens nach dem zweiten Kuss sollte sowas gegessen sein. Normalerweise.
Jessi schaute mich genervt an, nur weil ich schon wieder in der Tür zum Esszimmer herumlungerte, von wo ich mich mit ihr unterhalten konnte und zugleich die Eingangstür im Blick hatte. »Ich könnte glatt denken, dass du einen Freund eingeladen hast«, meinte sie mit einem Zwinkern. Selbstverständlich hatte ich ihr nicht gesagt, wer sich eingeladen hat. Sollte ich es ihr sagen? Nein, lieber nicht.
»Nein, wir wollen wirklich nur lernen«, erklärte ich ihr und spürte, wie ich schon wieder rot wurde. Ich weiß nicht, wie oft ich ihr schon gesagt hatte, dass »er« nur zum Lernen kommt. Aber jedes einzelne Mal waren meine Ohren unangenehm heiß geworden. »Mehr nicht.« Schon wieder blickte mich Jessi skeptisch an, als sie die Salatschüssel auf den Tisch stellte. »Ist es wegen deiner Zahnspange, dass du noch keinen Freund hast? Ich kann mir vorstellen, dass es schon ... einschränkend sein kann, besonders wenn der Freund ein Piercing hat.«
»Jessi!«, entfuhr es mir gequält. »Ich werde definitiv nicht mit dir darüber diskutieren, ob es an dem Gitternetz liegt, dass ich ...« Ich hatte keine Ahnung, wie ich den Satz zu Ende bringen sollte, aber glücklicherweise schellte es in dem Moment an der Tür. Gott sei Dank!
Es war Hannes und er hatte doch tatsächlich die Frechheit, mich anzulächeln. »Hey!«, sagte er und ich war sprachlos. »Hallo!«, tönte es hinter mir von Jessi und eine Hand schob mich sanft zur Seite. »Ich bin Gondes Schwester«, stellte sie sich vor. »Schön, dass Sie nun da sind, dann können wir gleich essen.« Ohne eine Antwort abzuwarten, dreht sie sich um und verschwand in der Küche.
»Essen?«, fragte Hannes leise, als er den schmalen Flur betrat. »Eine Stunde später wäre günstiger gewesen«, erklärte ich ihm und beobachtete, wie er sich aus den Schuhen schälte. »Ich hab Jessi gesagt, dass du zum Lernen vorbeigekommen bist.« »Okay«, stimmte Hannes zu und folgte mir in das Esszimmer, das im Grunde nur genutzt wurde, wenn sich Besuch angekündigt hatte. Es war ein sehr stilles Essen. Das lauteste Geräusch war das Kratzen des Bestecks auf den Tellern.
»Ich dachte schon, dass das Essen nie endet!«, lachte Hannes, als ich die Zimmertür hinter uns schloss. »Ist es immer so steif bei euch?«
»Nein, nur wenn sich Besuch angekündigt hat«, erklärte ich und lehnte mich gegen die Tür. Dabei beobachtete ich Hannes, der sich seinerseits interessiert umblickte.
»Hübsch«, meinte er schließlich mit einem breiten Grinsen und setzte sich auf meinen Schreibtischstuhl. »Sieht überhaupt nicht aus, wie bei einer Schwuchtel.«
Aua. Vermutlich hatte er gedacht, dass ich einen überquellenden Kleiderschrank mit ... Was-auch-immer hätte und mein Schreibtisch eher einem Schminktisch ähnelt. Tja, falsch gedacht. »Was willst du eigentlich, Hannes?«, fragte ich gereizt. »Wenn es so dringend gewesen wäre, hättest du es mir noch in der Schule erzählen können.«
»Vor allen anderen oder vielleicht auf dem Schulklo?«, erwiderte er und zog spöttisch eine Augenbraue hoch. »Die anderen hätten dämlich geguckt, wenn ich dich dorthin gezerrt hätte.« »Versuch es das nächste Mal ganz einfach mal mit Fragen«, beschied ich ihm grummelnd.
Hannes sagte dazu nichts, sondern spielte mit einem Stift, den er sich vom Schreibtisch gegriffen hatte. Auch schien er nicht so, als würde er noch mit der Sprache herausrücken. »Was ist nun?«, hakte ich genervt von der Stille nach. Mit einem schweren, tiefen Seufzen erhob sich Hannes vom Stuhl, und warf den Stift auf den Tisch zurück, wo er leise polternd liegen blieb. Eher unschlüssig stand er in meinem Zimmer, blickte mich kurz an, nur dass der Blick sofort wieder abdrifteten, als fänden die Augen keinen festen Halt, keinen Punkt, auf den sie sich fokussieren konnten.
»Ich werde mich von Hanna trennen«, erklärte er schließlich leise mit gesenktem Blick.
Unwillkürlich löste ich von der Tür und tat einen Schritt auf Hannes zu, neigte mich vor, um ihm in die Augen blicken zu können. »Das ist jetzt nicht dein Ernst!«, zischte ich. »Ihr seid das perfekte Paar. Ihr gehört zusammen, wie ... Donald und Daisy, Batman und Robin.« »So perfekt ist es wohl doch nicht mit uns.« Fassungslos blickte ich Hannes an. »Warum?«, verlangte ich zu wissen und wollte es zugleich nicht.
Im nächsten Moment ruckte sein Kopf hoch. »Kannst du es dir nicht denken?«
Sekunden später klappte meine Zimmertür hinter Hannes zu und kurz danach hörte ich, wie sich die Haustür schloss. Eigentlich sollte ich ... Aber fünf Minuten später starrte ich noch immer auf die Stelle, auf der Hannes gestanden hatte.