Testphase

AnnSophie Frind · Kapitel 6 von 8

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Testphase

Runde 2 - Drabble-Turnier

 

Gruppe A

Format: 5 Doubledrabbles (5 x 200) Prompt: 5 Phasen der Trauer - Euer Charakter erfährt, dass eine ihm nahestehende Person verstorben ist. Dabei durchläuft er in jedem der Drabbles eine der folgenden 5 Phasen: 1. Das-Nichtwahrhaben-Wollen

2. Zorn

3. Verhandeln

4. Depression

5. Akzeptanz.

Stilistische Vorgabe: Schreibt die erste Phase als Gedicht mit mindestens 2 Paarreimen.

Zusätzliche inhaltliche Vorgabe: Verwendet aus der deutschen Musicalversion "We will rock you" des Lieds “No one but you” folgende 2 Zitate als Drabble-Überschriften. Die Drabbles müssen inhaltlich Bezug nehmen!

- “Und heben einmal noch das Glas!”

- “Kein wahrer Held lebt lang”

 

1. Versunken im Chaos

Ich fühle die Welt schwanken,

halte mir den Kopf, um sie abzuhalten vom Wanken, denn noch immer dröhnen mir die Worte in den Ohren: »Bei einem Unfall hat sie ihr Leben verloren.« Wo bleibt der Halt, der mich spüren lässt, dass dies ein simpler Traum nur ist?

Es nicht mehr sein kann, sein darf.

Doch das Leben wetzt das Messer und das ist scharf, hat mir die Schwester genommen ...

Alles rauscht an mir vorbei, ist verschwommen. Nur Chaos wirbelt durch mein Hirn,

ich weiß nicht mehr wohin,

brauch Ruhe gegen den Sturm,

einen festen Halt, gegen den ich mich lehn. Das Ganze ist nur ein schlechter Scherz. Noch am Morgen hatte ich Jessi gesehen, sie zeichnete auf dem Spiegel ein großes Herz. Mit ihrem Lippenstift hatte sie es gemalt, Ihr Lachen war durch den Flur geschallt.

Wie könnte das Leben so grausam sein

Und mir auch die Schwester nehmen?

Ich kriege es einfach nicht in meinen Kopf, zermartere ihn mir bereits seit Stunden – nein, erst seit Minuten. Wie die Zeit schleicht, wenn man hofft,

dass sie eilt, und mich umso schneller hindurch bringt. Dann würde ich einfach aufwachen,

die Augen aufmachen.

Ich wäre in meinem Zimmer,

alles wäre so wie immer.

 

2. Zornige Trauer

Ich floh durch die Flure, hatte den Direktor mit seinen mitleidsvollen Worten weit hinter mir gelassen. Erst in der Schulbibliothek kam ich nicht weiter. Zurück ging es nicht. Das hieße, mich dem stellen zu müssen, was er gesagt hatte.

Müde lehnte ich die Stirn gegen das Fensterglas, schloss für einen Moment die Augen und betete zum hunderttausendsten Mal, dass alles nur ein Traum war.

»Was ist geschehen?« Eine Hand berührte meinen Arm. Erschrocken wandte ich mich zu Hannes um und spürte, wie Verärgerung in mir hochkochte, irrationaler Zorn, weil ich allein sein wollte. Ich war wütend, weil er mich gefunden hatte und auf mich selbst, auf die Schule, auf den Direktor, auf die Welt, auf Gott und auf Jessi.

»Sie ist tot!«, schleuderte ich ihm entgegen. »Das ist passiert!« Harte Worte.

Ich sah den Schock in seinen Augen, nur einen Moment, ehe ich an Hannes vorbeistürmte, ihn dabei zur Seite stieß. »Sie hat mich in dieser gottverdammten Welt allein gelassen!«, schrie ich mit überschlagener Stimme.

»Wer?« Eine simple Frage.

An der Tür wandte ich mich noch einmal um, sah an seinem Blick, dass er eine Ahnung hatte, von wem ich gesprochen hatte. Hilflos schüttelte ich den Kopf, fand keine Worte.

 

3. Verhandeln um den Tod

Hannes hatte mich einfach zu sich mitgenommen. Keine Ahnung, was er dem Direktor erzählt hatte, dass er es zuließ. Seine Eltern waren nicht zu sehen, als er mich durchs Haus und eine Treppe hinauf führte. Irgendeine Tür öffnete er, während er mir etwas erzählte, doch verstand ich kein Wort. Ich ließ alles über mich ergehen, auch dass er mir Schuhe und Hose auszog, mich in weiche Kissen drückte und mich zudeckte.

Warme Finger strichen durch mein Haar. Wie Jessi, wenn sie ... Ich schloss die Augen. »Warum?« Auf die leise Frage erwartete ich keine Antwort, verlangte sie auch nicht. »Sie wollte heiraten, hatte eine Zukunft und nur, weil ein Besoffener ...« »Hör auf damit«, forderte Hannes.

»Warum?«, fragte ich und setzte mich auf. »Warum muss ein Mensch sterben, der noch das ganze Leben vor sich hat? Das ist nicht gerecht!«

»Und wie sähe deiner Meinung nach Gerechtigkeit aus?«, herausfordernd sah er mich an.

Ich lehnte mich vor, blickte ihm fest in die Augen: »Ein Leben für ein anderes.«

»Du spinnst, Gonde«, erklärte Hannes und drückte mich in die Kissen zurück. »Was geschehen ist, ist tragisch. Trotzdem geht das Leben weiter.«

»Wie?«, verlangte ich zu wissen. »Ich habe nichts mehr.« »Doch: Du lebst.«

 

4. Und heben einmal noch das Glas!

»Was soll die Scheiße?« Hannes entriss mir die Schnapsflasche, die ich gerade an die Lippen heben wollte.

»Mich besaufen!«, erklärte ich, mich tiefer in den Sessel vor dem Kamin lümmelnd.

»Du spinnst!«, grollte er, stellte die Flasche auf einen Beistelltisch, hockte sich vor mir hin. »Ich mache mir Sorgen um dich.« Ich wich seinem Blick aus. »Ich vermisse sie«, sagte ich, gegen Tränen anblinzelnd.

»Und du hoffst, dass dir das Zeug hilft?«, hakte Hannes nach. »Vergiss es. Es zieht dich nur noch weiter runter.« »Es hat mir in den letzten Tagen geholfen.« Ungläubig sah Hannes mich an. »Du besäufst dich, damit du dich besser fühlst?«

»Ich will vergessen«, murmelte ich, wandte den Kopf ab, damit ich seinen Blick nicht sehen musste. »Ich will die Leere vergessen, den Schmerz ...«

»Du willst deine Schwester vergessen!«

Ich war entsetzt über diese Unterstellung. »Nein! Keineswegs!« »Für mich sieht das aber so aus.« Nachdenklich sah er mich an. »Du solltest dich immer an sie erinnern. Anderes hat sie nicht verdient.«

»Wie?«

Wortlos verließ er das Zimmer und kam mit zwei Gläsern Rotwein zurück. Eines gab er mir, zog mich neben ihm vor den Kamin. »Wir heben einmal noch das Glas, damit Jessi nie vergessen wird!«

5. Kein wahrer Held lebt lang

 

Die geleerten Gläser zerschmetterten wir im Kamin und für einen Moment lauschte ich der Stille, die dem Geräusch folgte. Arme legten sich um meine Schultern, zogen mich an Hannes’ Körper. Seine Hände strichen tröstend über meinen Rücken. »Kein wahrer Held lebt lang«, murmelte er.

»Und die Menschen, die Gott liebt, holt er als erste zu sich«, fügte ich hinzu.

Ich löste mich aus den Armen, obwohl ich mich lieber in sie lehnen wollte. »Das ändert nichts daran, dass ... Ach, verflucht!« Der wieder aufkommende Schmerz nahm mir die Luft zum Atmen. Verzweifelt, auf der Suche nach den richtigen Worten, raufte ich mir die Haare. »Jessi fehlt mir. Ich habe ständig das Gefühl, dass sie gleich durch die Tür kommen muss. Dass alles nur ein böser Traum ist. Aber ich weiß, dass sie ... tot ist. Nichts bringt sie wieder zurück. Egal, wie lange ich hier hocke, mich verkrieche.« Dicht trat ich an Hannes heran, sah zu ihm auf. »Danke, für alles. Doch nun ist es besser, wenn ich gehe. Ich habe mich schon zu lange versteckt.« »Du musst nicht gehen, Gonde.«

Ich schüttelte ablehnend den Kopf. »Es wird Zeit. Ich habe viel zu tun, habe in die Fußstapfen meiner Heldin zu treten.«