Testphase

AnnSophie Frind · Kapitel 4 von 8

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Testphase

Runde 4

Wortvorgabe (Homonyme):

Flügel = Klavier / Flügel zum Fliegen (z. B. Vogel oder Flugzeug) Leiter = Leiter einer Gruppe (etc.) / Leiter zum Klettern Umzug = Parade / Wohnungswechsel

Auswahl: Zwei (vier) von drei (sechs) Wörtern müssen unverändert im Text verarbeitet werden.

 

»Was machst du hier, Hannes?« Ich konnte nicht mehr als seinen Schatten erkennen, als sich Gonde aus dem Fenster lehnte. »Weißt du überhaupt, wie spät es ist?«

»Ich muss mit dir reden«, erwiderte ich drängend und trat dichter ans Haus, hinaus aus dem Lichtkegel, den die Straßenlaterne warf. Ein unzufriedenes Schnauben war über mir zu hören. »Du hast echt Nerven, hier noch einmal aufzutauchen, Mann!«, zischte Gonde. »Kann das nicht bis morgen warten?«

Heftig schüttelte ich den Kopf. Zu spät wurde mir bewusst, dass er es im Hausschatten nicht sehen konnte. »Nein, es ist wirklich wichtig.«

»Genauso wichtig wie das, was du mir vorhin erzählen wolltest?« Unglauben und verdienter Spott schwangen in der Stimme mit. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, wie leicht Gonde einzuschätzen war. Er verstellte sich nicht, war ehrlich. Nicht so wie die, mit denen ich jeden Tag zu tun hatte, wie Hanna oder Erik oder all die anderen. Oder ich selbst. »Du knallst mir irgendwas an den Kopf und haust dann ab.«

»Ich entschuldige mich dafür, aber ...« In einer hilflosen Geste fuhr ich mir mit der Hand durch die Haare. »Bitte, lass mich hochkommen.«

»Du spinnst, Hannes Möhricke! Lass dir Flügel wachsen!« Im nächsten Moment wurde über mir das Fenster mit einem endgültig klingenden Geräusch geschlossen.

Super, Hannes! Das hast du echt toll gemacht! Nachdenklich nagte ich an meiner Unterlippe, sah prüfend die Hauswand hinauf. Ein Rosenspalier war daran befestigt, das zwar nicht bis ganz an Gondes Fenster reichte, doch könnte es mir gut als Leiter dienen und für den letzten halben Meter müsste ich Spiderman spielen. Verrückter Einfall, trotzdem rüttelte ich kurz am Holzgestell. Mist. Zu locker.

»Du willst doch nicht etwa dort hochklettern?«, erklang dicht neben mir Gondes amüsiert klingende Stimme. »Du würdest dir den Hals brechen.«

»Flügel hab ich keine«, erwiderte ich leise. Ich spürte seinen fragenden Blick fast körperlich. »Ich dachte, dass du nach Hause gegangen wärst. Oder zu Hanna. Also, was suchst du hier?«

»Könnten wir uns irgendwo in Ruhe unterhalten?«, fragte ich leise. Ich nahm schon an, dass Gonde mir eine Absage erteilt, als er schließlich zustimmend nickte. »Komm mit.« Er führte mich durch den spärlich erleuchteten Flur des Mietshauses zur Hintertür, die auf einen Innenhof hinaus ging. Aus einigen Fenstern fiel Licht auf den Hof, ausreichend, um ihn zu beleuchten und um zu sehen, dass Gonde auf eine Bank neben einem Sandkasten zuhielt, neben der er stehen blieb. »Was ist nun schon wieder los?«, fragte er leise. »Hat Hanna nicht mit dir sprechen wollen?«

Ich ließ mich auf die Bank fallen. »Mir fehlte der Mut.« Leise lachte Gonde, keineswegs hämisch, wie ich vermuten hätte, eher mitleidig. »Dem Herrn Möhricke gehen die Eier auf Grundeis.« »Ja«, gab ich zu.

Für einen Moment war Stille. »Was soll nun werden?« »Ich weiß es nicht«, gab ich zu.

Mit einem Seufzen setzte sich Gonde neben mir. »Du hast noch mit niemandem darüber gesprochen, dass du schwul bist?« »Ich bin nicht schwul«, widersprach ich.

»Was bist du dann?«, wollte er wissen.

Verwirrt zog ich die Augenbrauen zusammen. »Ich bin noch immer der gleiche Mensch wie vor einem Monat.« Nein, ich hatte mich nicht verändert.

Leicht lehnte sich Gonde vor. »Dann war es wohl nur ein Zufall, dass du unbedingt austesten wolltest, was der Unterschied beim Küssen ist?«

Ja. Es waren die äußeren Umstände. Ich bin beeinflusst worden. Ich bin von einer fixen Idee beeinflusst worden. Basta. »Bist du noch immer in der Testphase?«, hakte Gonde nach. »Soll ich Hanna anrufen? Sie kommt bestimmt vorbei, wenn ich ihr sage, dass du einen direkten Vergleich benötigst. Wir beide sind deine Testobjekte.«

Über den irrwitzigen Vorschlag hätte ich nur den Kopf schütteln können. Tat es aber nicht. Stattdessen lehnte ich mich vor, stützte die Arme auf meinen Knien ab und schloss für einen Moment die Augen. »Es ist so, wie ich es vorhin gesagt hatte: Ich werde mich von ihr trennen.«

Ich spürte Gondes Bewegung, als würde er ein Stück näher rutschen. »Warum?«, wisperte er.

»Weil ich vielleicht doch das bin, was du gesagt hattest.« »Schwul?«

Mit einem schweren Seufzen barg ich das Gesicht in den Händen. »Mir gefällt das Wort nicht«, sagte ich. Genauso wenig wie es mir gefiel, zuzugeben, dass ich es doch sein könnte. »Wie willst du es dann nennen? Such dir irgendein Wort aus. Doch egal, welches du nimmst, wird es nichts daran ändern, was du bist. Oder wie Shakespeare sagte: Was ist ein Name? Was uns Rose heißt, wie es auch hieße, würde lieblich duften.« »Das würde nichts daran ändern, dass mich mein Vater lynchen wird, wenn er erfährt, dass ich ... einen Jungen geküsst habe.« »Du wirst kaum drum herum kommen«, murmelte Gonde. »Entweder er erfährt es von dir oder von jemand anderem. Überlege, was dir lieber ist.«

»Und was ist, wenn ich doch nicht schwul bin?« Was-wäre-wenn. »Warum fragst du mich?«, verlangte Gonde seinerseits zu wissen. »Ich weiß, was ich bin und habe kein Problem damit. Nur meine Umwelt kommt damit nicht klar und ich denke, dass es das sein könnte, wovor du Angst hast.«

»Mein Vater«, erzählte ich, »er ist der Leiter der Produktionsabteilung. Für ihn ist ein schwuler Sohn eine Schande. Er betont immer wieder, wie wichtig ihm das Ansehen ist, die Stellung in der Firma und in der Gesellschaft.« Eine Hand legte sich auf meine Schulter, drückte sie. »Und was ist mit deiner Mutter?«

»Sie ist in ihre Musik vernarrt«, sagte mich mit einem Schnauben. »Am liebsten würde sie den ganzen Tag an ihrem Flügel sitzen und ich wüsste nichts, was ihr wichtiger wäre.« »Selbst ihr eigener Sohn nicht?« Traurigkeit und Mitgefühl schwang in der Stimme mit. Im nächsten Augenblick schlang sich ein Arm um meine Schultern, zog mich an den warmen Körper. Es war eine tröstende Geste, in die ich mich fallen ließ. Zum ersten Mal an diesem Tag spürte ich so etwas wie Ruhe in mir. So viel Ruhe, dass ich die Füße auf die Bank zog und meinen Kopf in seinen Schoß legte. Erstaunt stieß Gonde die Luft aus, ließ es jedoch geschehen.

Ich kann nicht sagen, wie lange wir so gesessen hatten. Es war still, nur hin und wieder durchbrochen von fernem Hundegebell und dem müden Tschilpen eines Vogels in der Nähe. »Du hast mir noch einen Wunsch zu erfüllen«, murmelte Gonde. »Für den Kuss im Klo.«

»Du hattest ihn noch nicht genannt«, erwiderte ich nach einigen Sekunden. »Ist dir inzwischen etwas eingefallen?« Ich spürte mehr das Nicken über mir, als es in der Dunkelheit zu sehen. »Ich möchte mit dir zum Abschlussball gehen.« Erstaunt richtete ich mich auf, blickte Gonde ins Gesicht. »Mit mir?«, hakte ich nach, unsicher, ob ich mich verhört hätte. »Ich weiß, dass es noch einige Monate hin sind und ich habe mich nie dafür begeistern können. Das ist aber das Einzige, das ich mir von dir wünschen möchte.«

»Du musst dich nicht dafür entschuldigen«, flüsterte ich. »Nur weiß ich nicht ...« Ich stolperte über meine eigenen Gefühle, über die Wärme, die sein Wunsch in mir auslöste und zugleich der Knoten in meiner Brust, der sich aus einer ganzen Reihe Eventualitäten gebildet hatte.

»Ist schon klar, Hannes«, sagte Gonde, ohne jede Verurteilung. Ich spürte Finger, die über meine Wange strichen, in einer tröstenden Geste. »Die anderen.«

»Ich kann es nicht versprechen«, erwiderte ich, als hätte ich seine Worte nicht vernommen.

Mit einem Seufzen richtete sich Gonde auf, lehnte sich zurück. »Es war sowieso nur ein dummer Gedanke.«

»Wenn es mir möglich ist, würde ich gern mit dir hingehen.« Ich griff nach seiner Hand, die neben ihm auf der Bank lag, nahm sie in meine, strich mit dem Daumen über die Haut. Was tat ich hier eigentlich? Händchenhalten mit einem anderen Typen, einem Jungen aus meiner Klasse. Im Dunkeln, wo mich niemand sehen konnte. Da war es einfach. Kurz schloss ich die Augen, würgte den Klumpen Zweifel hinunter, als mir bewusst wurde, dass ich tatsächlich schwul war. »Ich mag dich, Gonde.« Aber ...

Ich wartete darauf, dass sich mir dieses Aber auftat. Ich wartete vergebens. Stattdessen spürte ich ein weiteres Mal, wie Finger mein Gesicht berührten.

»Geh nach Hause, Hannes«, wisperte Gonde. »Geh nach Hause, schlaf und vergiss, dass du hier warst. Ich werde es auch. Was hier gesprochen wurde, wurde nie gesagt.«