Testphase

AnnSophie Frind · Kapitel 2 von 8

PDF-Seiten

Testphase

Runde 2

Wortvorgabe (Oxymoron):

stummer Schrei

ehemalige Zukunft

bittersüß

Friedenskämpfer

Auswahl: Vier von vier Begriffen müssen im Text verarbeitet werden.

 

Ich spürte Hannas warmen Körper, der sich leicht gegen meinen lehnte, als sie nach meiner Wasserflasche hangelte, die ich ihr mit einem Lächeln überließ.

»Sag mal, Hannes, was ist eigentlich mit dir los?«, fragte sie, bevor sie die Flasche an ihre Lippen hob.

»Schlecht geschlafen«, tat ich ihre Sorge mit einem Schulterzucken ab.

»Seit über einer Woche?«, hakte sie nach. Im nächsten Moment zwinkerte sie mir herausfordernd zu. »Willst du mir etwa untreu werden?« Wieder lehnte sie sich gegen meine Schulter, doch nun anders, weicher, nachgiebiger, als hätte sie tatsächlich Angst, mich zu verlieren.

»Nein, niemals«, versprach ich. Wer würde schon auf die Idee kommen, dass irgendetwas das Vorzeigepärchen der Schule trennen könnte? Mit meinen Lippen berührte ich ihre Schläfe, mehr zur Beruhigung und zum Trost. Für sie – aber auch für mich. Unwillkürlich wanderte mein Blick durch den Klassenraum, blieb schließlich an einer schmalen Gestalt im Karohemd und mit strohblondem Wuschelkopf hängen. Seine Brille erinnerte mich an die von Harry Potter und war wohl eher dem immerwährenden Hype um die Romanfigur geschuldet, als der augenblicklichen Mode. Wie so oft in den Pausen, war er auch dieses Mal in ein Buch vertieft. »Wir gehören zusammen wie Pech und Schwefel«, flüsterte ich und wandte mich wieder Hanna zu, beruhigte sie mit einem weiteren Lächeln, zog sie an mich und wischte meine Gedanken mit der Berührung ihrer Lippen fort.

Ich wusste, dass ich es nicht tun sollte. Mich erinnern und vor allem das Vergleichen zweier so unterschiedlicher Personen. Es gab vieles, was man nicht sollte und doch tat man es. Zum Beispiel anderen Mädels hinterherschauen, während man die Freundin im Arm hielt, bei einem Test abschreiben, schwarz fahren, klauen ... Trotzdem machte man es. Wegen dem Nervenkitzel, weil es alle machten und es unter Freunden schon fast zum guten Ton gehörte.

Und weil es sich einfach geil anfühlte.

Dann gab es wieder Dinge, die einem kribbelig machten, wenn man nur daran dachte und wenn man es hinter sich gebracht hatte, einen schalen Geschmack hinterließen. An das andere Extrem mochte ich nicht denken. Weil es nur weitere Fragen herauf beschwor. Ich wusste, wie meine Zukunft auszusehen hat, was ich aus meinen Leben machen wollte, und dazu gehörte Hanna, die perfekt zu mir passte. Wir waren harmonisch aufeinander abgestimmt. Wie Yin und Yan hatte man uns mal beschrieben. Das Eine konnte nicht ohne dem Anderen leben.

Doch, es könnte - was mir eine einzige Berührung klar gemacht hatte.

Es hatte mein Leben auf den Kopf gestellt, zwei Dimensionen zusammengefügt, die nicht zueinander passten. Eine davon trat immer mehr in den Hintergrund, verblasste und wenn ich es zuließ, gehörte die mit Hanna einer ehemaligen Zukunft an.

»Hey, Schwuchtel!«, tönte Eriks Stimme direkt hinter mir und unwillkürlich zuckte ich zusammen. Gleich darauf flog eine Papierkugel durch den Klassenraum und traf Gondes Schulter. Wie üblich reagierte er nicht. Warum auch? Er wusste, welcher Trottel ihn nervte und versuchte, ihn aus der Reserve zu locken. »Lass ihn in Ruhe«, sagte ich zu Erik, war mir durchaus Hannas erstauntem Blick bewusst und spürte Eriks Hand, die mich an der Schulter ergriff und so meinen Blick zu ihm zwang. »Was?«, fragte er verständnislos. »Was hast du gesagt?« »Lass ihn in Ruhe«, wiederholte ich, mehr Gewicht auf jedes einzelne Wort legend. »Und werde endlich erwachsen.« Mit gerunzelter Stirn musterte er mich. »Bis du etwa zum Homofreund mutiert?«, spie er aus und deutete anklagend in Gondes Richtung. »Hat der dich etwa angefasst und mit seinem Virus infiziert?«

»Du machst mich krank, Erik, und ich frage mich, wen du bereits alles mit deiner Beschränktheit und Ignoranz angesteckt hast!« Wütend fegte ich seine Hand von mir, die mich noch immer an der Schulter hielt. »Du führst dich auf wie ein Friedenskämpfer und Bewahrer der Unschuld von Witwen und Waisen.« »Ich verteidige niemanden!« Sichtlich um Ruhe bemüht, ballte Erik die Hände. »Ich will nur nichts mit diesem Spacko zu tun haben. Der ist ätzend und erinnert mich ständig an meine kleine nervige Schwester.«

»Und daran ist Gonde Schuld?«, fragte ich. »Wenn du mit ihr nicht klar kommst, ist es dein Problem, nicht unseres und am wenigsten seines.«

Geradezu fassungslos blickte mich Erik an und auch Hanna wirkte, als könnte sie meine Aussage nicht nachvollziehen. Zudem wurde mir die Stille im Raum bewusst und dass zwanzig Augenpaare unserer Auseinandersetzung gefolgt waren. Unwillkürlich blickte ich zu Gonde, der ruhig in seiner Bank saß. Seine Augen wirkten unnatürlich groß, voller Unglauben waren sie auf mich gerichtet.

Ich lächelte ihm zu, zuversichtlich und gleichzeitig entschuldigend, doch irgendwie gelang es mir nicht, mich davon selbst zu überzeugen.

In dem Moment riss ein ungewohnter Laut die Anwesenden aus der Starre. »Endlich ist hier jemand in dieser Klasse, der genug Selbstbewusstsein und Stärke hat, um seine ehrliche Meinung zu vertreten. Bravo, Herr Möhricke!« Unbemerkt war unser Mathelehrer, Herr Riedel, eingetreten, stand nun vor der Klasse und applaudierte mir zu. Ich reagierte nur mit einem abwertenden Schnauben, was ihm ein müdes Lächeln entlockte. »Auch wenn es Ihnen nicht Recht ist, so haben Sie trotzdem meine aufrichtige Bewunderung.« In dem Moment floh Gonde aus der Klasse, wurde auch von Herrn Riedel nicht aufgehalten, als er an ihm vorbei eilte. »Kommen wir nun zum Ernst des Lebens«, sagte dieser stattdessen nur. »Holen Sie Ihre Bücher hervor und schlagen ...«

Die Stimme des Lehrers rauschte an mir vorbei, ich bekam nichts mit. Blicklos starrte ich auf die aufgeschlagene Buchseite und sah doch nichts. Stattdessen nahm ein abstruser Gedanke immer mehr Gestalt an.

»Herr Riedel, ich muss mal austreten.« Erstaunt über die Unterbrechung in seinem Erklärfluss, blickte er mich an, nickt dann jedoch nur zustimmend. Sekunden später eilte ich über den breiten und hellen Flur der Schule, suchte nach der schmalen Gestalt Gondes.

Auf dem Jungsklo fand ich ihn, wie er gerade an einem Waschbecken stand und sich die Hände wusch. Im Spiegel warf er mir einen kurzen Blick zu. »Warum hast du das getan?«, fragte er kalt, stellte das Wasser ab und griff nach den Papierhandtüchern. Mit energischen Bewegungen trocknete er sich die Hände ab. »Du machst es nur komplizierter.« Mit Schwung landete das zerknüllte Papier im Abfallkorb. »Ich wollte dir helfen«, wandte ich ein, verstand nicht, warum er sich darüber aufregt. »Sei doch froh, dass jemand für dich Partei ergreift!«

»Pah!«, machte Gonde abwertend, verschränkte die Arme vor der Brust. »Du willst dich nur im guten Licht dastehen lassen! Während andere sich als Homohater outen, bist du der Liebling der Nation, bekommst den Gutmenschbonus.«

»Was hast du eigentlich gegen mich? Ich wollte mich nur für Eriks große Klappe entschuldigen.«

»Deswegen kommst du her?«, fauchte Gonde. »Das Großmaul hat sich gefälligst selbst zu entschuldigen, wenn er irgendwann mal ausreichend Hirnzellen beisammenhaben sollte. Ansonsten habe ich schon einige von solchen Typen kennenlernen müssen. Erbsenhirne, die nicht weiter als bis zur Spitze ihrer Möhrchen denken können.«

Ich spürte, wie sich ein Lächeln um meine Lippen stehlen wollte. »Erik und die anderen sollten endlich erwachsen werden«, sagte ich, anstatt mich offen über Gondes Wortwahl zu amüsieren, was ihn bestimmt nur noch mehr auf die Palme bringen würde. Skeptisch blickte Gonde mich an, musterte mich. »Und du bist es, ja?«, fragte er. »Oder ist es eher, weil du austesten willst, wie weit du gehen kannst und ich stillhalte, um Ruhe vor dir und deinen Konsorten zu haben?«

Plötzlich war mein Mund so trocken, als hätte sich die Sahara darin ausgebreitet. Mit der Zunge befeuchte ich meine Lippen und hoffe, wenigstens ein Wort über sie zu bringen.

»Danke, Hannes, dein Schweigen ist mir Antwort genug«, sagte Gonde, bevor ich reagieren konnte. Seine Stimme klang gepresst, fast schon enttäuscht. »Ich hatte gehofft, dass du anders bist.« Ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen, schob er sich an mir vorbei.

»Gonde.« Nicht mehr als seinen Namen flüsterte ich, weil ich aus einem irrwitzigen Impuls heraus nicht wollte, dass er geht. Zumindest nicht so, ohne ein Wort der Erklärung. Die Hand auf der Türklinke, wandte er sich zu mir um. »Was? Ich bin kein Spielball und kein Testobjekt. Ich bin noch immer ein fühlendes Wesen, auch wenn es manche Honks nicht glauben wollen und außerdem denke ich nicht, dass du aus heiterem Himmel dein Herz für Schwule entdeckt hast. Wie ich bereits sagte, verkomplizierst du nur alles. Bleibe in deiner Welt und lass mir meine.« »Ich kann nicht«, flüsterte ich. Leicht hob ich die Hand, als würde ich nach seiner greifen wollen, ließ sie jedoch wieder sinken. »Ich habe es versucht.«

Über meine schwach hervorgebrachten Worte runzelte Gonde die Stirn.

Zum Glück nahm er die Hand von der Klinke und wandte sich mir voll zu. Den Kopf leicht schräg gelegt, blickte er mich abwartend oder wohl eher herausfordernd an. »Was willst du? Ist die Abmachung hinfällig? Oder verlangst du tatsächlich mehr?« »Ich weiß es nicht, verdammt noch mal!«, fluchte ich, fuhr mir mit beiden Händen durch die Haare, barg das Gesicht in ihnen. »Vorhin war noch alles so einfach und nun weiß ich gar nichts mehr. Es macht mich verrückt.«

Kühle Finger schlossen sich um meine Handgelenke, zogen sie herab und gaben den Blick auf Gondes Gesicht frei. Dessen Wangen färbte eine leichte Röte. Sein Blick wirkte wachsam und unsicher gleichermaßen. »Was macht dich verrückt?«, fragte er leise, geradezu sanft.

»Nicht zu wissen, was das Richtige ist.« Ich fühlte mich beschämt, es zuzugeben. Der große Hannes Möhricke, Sportass und Liebling der gesamten Schule wusste nicht mehr, was er wollte. Den Unglauben darüber zeigte mir Gondes Gesicht nur zu deutlich. »Ich soll dir helfen dieses ›Richtige‹ zu finden und dafür verlangst du nur einen weiteren Kuss? Mehr nicht?«, fragte er, was jedoch mehr wie eine Feststellung klang. »Warum, was bekomme ich dafür?« Unbestimmt zuckte ich mit einer Schulter, spürte gleichzeitig etwas Leises wie Hoffnung in mir erwachsen. »Was verlangst du?«, stellte ich die Gegenfrage.

Nachdenklich zog Gonde die Unterlippe zwischen die Zähne, gleichzeitig vertiefte sich die Röte auf seinen Wangen. »Okay. Ich weiß zwar nicht, wie ein weiterer Kuss dir bei deiner Selbstfindung helfen soll ... Aber, okay.«

»Wenn du es genau wissen willst: Ich will einfach nur wissen, wie ich fühle«, sagte ich mit einem leisen Seufzen, zufrieden, die Worte endlich herausgebracht zu haben, und gleichzeitig erstaunt darüber, wie befreiend manche Worte wirken können. Gonde äußerte sich dazu nicht, sondern deutete nur auf eine der Kabinentüren. »Wenn du nicht dabei erwischt werden willst, wie du einen anderen Jungen abknutschst, geh rein. Noch besser wäre, wenn du dich auf den Deckel hockst. Auf alle Fälle nimm die Füße hoch.« Auf meinen fragenden Blick hin zuckte er mit den Schultern. »Wie willst du jemanden erklären, dass zwei Jungs auf Klo sind?«, setzte er mit einem frechen Grinsen hinzu. Ja, klar. Im Schneidersitz setzte ich mich auf den geschlossenen Toilettendeckel und blickte Gonde entgegen, der gerade hinter sich die Tür schloss und den Riegel betätigte. »Du willst es wirklich?«, fragte er noch einmal, was mir ein genervtes Schnauben entlockte.

Im nächsten Moment legten sich kühle Hände um mein Gesicht, streichelten weich über die Haut, bevor sich Gonde zu mir herab beugte und seine Lippen meine berührten. Wie ein bittersüßes Zittern ging durch meinen Körper. Ich glaubte, den Halt zu verlieren und krampfte meine Finger in seine Hüften. Wohl deswegen stöhnte er leise. Oder war es, weil ich mich auf ihn einließ und den Kuss vertiefte?

Fast hätte ich tatsächlich den Halt verloren, als Gonde plötzlich einen Schritt zurücktat. Seine Lippen waren wie in einem stummen Schrei geöffnet. Nur für einen Augenblick, dann presste er die feucht glänzenden Lippen zusammen. Seine Hand tastete nach dem Riegel. Bevor ich ihn zurückhalten konnte, hatte er die Tür aufgerissen und stürmte hinaus.

Ich blieb wie vor den Kopf geschlagen zurück, musste das soeben Geschehene irgendwie verarbeiten und musste feststellen, dass ich der Lösung meines Problems keinen Schritt näher gekommen war. Viel eher, habe ich mich von ihr entfernt.