Testphase

AnnSophie Frind · Kapitel 7 von 8

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Testphase

Runde 3 - Drabble-Turnier

Vorgaben

Format (Anzahl/Wortzahl): 12 Drabbles (12 x 100)

Prompt: From zero to hero - Euer Charakter startet am unteren Ende der Gesellschaft, dies kann z.B durch Verlust des Jobs passieren und ist am Ende des Jahres eine Berühmtheit. Stellt diese Entwicklung im Monatsrhythmus dar.

Stilistische Vorgabe: Jedes der Drabbles muss mit einem Charakternamen beginnen.

Zusätzliche Inhaltliche Vorgabe: Exakt 2 Drabbles sollen im Zirkus stattfinden, eines im Flugzeug und ein weiteres an einem illegalen/moralisch verwerflichen Etablissement.

 

Juli – zu tief

Jessi hatte mich verlassen. Das musste ich mir immer wieder sagen. Ihr plötzlicher Tod hatte mich aus der Bahn geworfen und mich in ein tiefes Loch gestoßen, aus dem ich nun aus eigener Kraft wieder herauskriechen musste. Es war immer nur ein kleines Stück und manchmal hatte ich das Gefühl, als würde mir die fest wirkende Substanz unter den Fingern wegbröseln und mich zurück in das Loch stürzen lassen.

Dann war Hannes an meiner Seite, hielt mich einfach fest, flüsterte Worte, die ich nur als Echo vernahm. Ich nahm sie kaum wahr, doch spürte ich den Trost, den sie vermittelten.

August – Notwendigkeit

Klaus, Hannes’ Vater hatte alles mit dem Jugendamt geklärt und die Vormundschaft bis zu meiner Volljährigkeit übernommen. Warum wusste ich nicht. Ich vermutete, um sein soziales Gewissen zu beruhigen. Solange ich ihn nicht »Vater« nennen musste, konnte es mir egal sein.

Die deutsche Bürokratie verlangte nach ihrem Recht und auch danach, dass spätestens zum Beginn des neuen Schuljahres ein Erziehungsberechtigter benannt wurde. Einfach nur in der gewohnten Umgebung zu leben, war unmöglich: Man liefe außerhalb der Spur, auch wenn zum Leben die Gleichförmigkeit des Alltags gehörte, an die man seit dem Kindergartenalter gewöhnt war. Dafür war Hannes immer bei mir.

 

September – Schulbeginn

Hannes hatte es sich mit seinen Freunden verscherzt und das gleich am ersten Schultag. Keinen Moment wich er von meiner Seite, als hätte er Angst, dass ich zusammenbrechen oder mich einfach in Luft auflösen könnte.

Einerseits bewunderte ich ihn dafür, andererseits hätte ich ihn gern fortgeschickt. Am besten dorthin, wo der Pfeffer wächst. Die Blicke seiner Freunde nervten mich. Sie waren abschätzend, einschätzend. »Hannes, bist du nun auch schwul?«, hörte ich Erik quer durch die Klasse fragen. »Hat er dich angesteckt?« Höhnisch waren seine Lippen verzogen. Mich erstaunte nur, wie wenig Grips man brauchte, um das Abitur machen zu können.

 

Oktober – Hoffnung

Erik war ein Arsch. Trotzdem schaffte er es, mich wachzurütteln. Wo Hannes zu nachsichtig war, platzte er hirnlosen Scheiß heraus, über den jeder denkfähige Mensch die Augen verdrehte. Immer wieder machte er homophobe Bemerkungen zu mir, wovon »Arschficker« sein Lieblingswort wurde.

Einige Zeit konnte man den Blödsinn ignorieren, aber irgendwann schaffte ich es nicht mehr. »Willst du es mal ausprobieren?«, fragte ich, unterbrach damit wirkungsvoll seinen Monolog. Eriks Ohren wurden rot, die Augen traten ihm fast aus den Kopf und sein Mund schloss und öffnete sich wie bei einem Karpfen auf dem Trockenen. Danach war erstmal Ruhe aus Eriks Richtung.

 

November – Zuversicht

Hannes überraschte mich mit Karten für einen Besuch im Zirkus. Ich liebte ihn dafür nur noch mehr.

Die Atmosphäre im Zirkuszelt war unbeschreiblich und das Gefühl, als die Lichter ausgingen und Sekunden später die Scheinwerfer die Manege ausleuchteten, nahm mir fast den Atem. Ich musste auf einen Elefanten reiten, während mir die Menschen applaudierten. Ich hatte Angst und war gleichzeitig begeistert. Es war schlichtweg berauschend.

Als ich wieder an meinen Platz kam, erwartete mich Hannes mit einem breiten Grinsen, das ich ihm von den Lippen küsste. Es war der erste Kuss, seit Jessi mich verlassen hatte, seit einem anderen Leben.

 

Dezember – Flucht nach vorn

Hanna war verständlicherweise wütend, weil Hannes sich nicht mehr für sie interessierte. Verrückter war, dass ich gleichzeitig nicht wollte, dass er sich für mich entscheidet. Es war eine verdrehte Situation, da er neben Schule und Familie ein Leben führte, das er für mich aufgegeben hatte.

Mein Wunsch war, dass er so weiterlebte, wie zuvor: Er sollte seine Freunde treffen, seinen Sport treiben und mir gleichzeitig den Raum lassen, mich selbst zu finden.

»Ich will aber, dass du mitkommst!«, erwiderte er. »Du bist ein Teil meines Lebens.«

Ich zögerte. »Was werden die anderen dazu sagen?« »Akzeptieren«, sagte Hannes mit einem Schulterzucken.

 

Januar – Gewohnheit

Hannes war ein Optimist, ich dagegen Realist. Er war nie wegen des Aussehens bei seinen Mitmenschen angeeckt. Ich wiederum war ein Nerd und auch modische Klamotten konnten es nicht verbergen. Komischerweise hingen die superteuren Hemden genauso an mir, wie die billigen vom Discounter. Und nur weil die Sachen mit Labels versehen waren, trug ich noch lange keines.

Widerwillig hatte ich schließlich einem Treffen zugestimmt. Ich würde sowieso nie in diese Clique gehören, auch wenn Hannes es anders sah. Erik und Hanna sahen es wie ich. Kalte Ablehnung schlug mir entgegen, sobald ich ihnen gegenüber stand. Etwas, was ich gewohnt war.

 

Februar – Panik

Hannes hatte mir einen Platz im Flugzeug freigehalten. Zu doof nur, dass gerade Erik hinter mir saß. Immer wieder stieß er gegen meine Rückenlehne oder rüttelte an der Kopfstütze. Es war absolut nervig. Aber eigentlich noch schlimmer war, dass er die Toilettentür versperrte und ich in der Enge der Kabine panisch reagierte. Ich habe keine Ahnung, mit was er sie blockiert hatte, aber da wir kurz vor der Landung waren, gab der Flugkapitän das Okay, die Tür mit Gewalt zu öffnen.

Ich war wütend, kurz vor dem Explodieren, als ich in Eriks grinsendes Gesicht sah. Ich fühlte mich vollkommen machtlos.

 

März - Unglauben

Hannes hatte mir etwas in meinen Terminplaner gelegt. Heimlich. Eine Eintrittskarte in einem schlichten weißen Umschlag. Doch er wartete nicht auf mich. Der Sitz neben mir blieb leer und erst, als der Messerwerfer mich aus dem Publikum auswählte, kam mir ein Verdacht: Hannes hatte mich nicht versetzt. Er wusste gar nichts davon.

Es war Erik, den ich am Rand der Manege entdeckte, direkt hinter dem Messerwerfer stand er und freute sich diebisch darüber, wie gut sein Plan funktioniert hatte.

Ich zuckte kaum zusammen, als das erste Messer mit dem bunten Griff neben meinem Kopf in die Holzwand hinter mir einschlug.

 

April – Wut

Erik hatte es ein weiteres Mal getan: Er hatte mich schon wieder aufs Kreuz gelegt und ich könnte mich dafür in den Arsch beißen! Dieses Mal stand ich nicht im Licht der Zirkusmanege, sondern im dämmerigen Licht einer Bar. Einer Bar in einem Bordell genauer gesagt. Es dauerte einige Sekunden, bis ich verstand, wo ich mich befand.

»Hallo, Kleiner!«, sagte eine Frau. Hübsch, freundliches Lächeln, sah mich prüfend an. »Du dürftest gar nicht hier sein. Zu jung.« »Jemand hat mir einen Streich gespielt.« Sie nickte. »Ein fieser Streich. Du solltest ihn nicht so davonkommen lassen.«

Das war auch meine Meinung.

 

Mai – Konfrontation

Erik taumelte zurück, fing sich nach drei Schritten. Vermutlich hatte ich genau den richtigen Punkt am Kinn erwischt. Wäre ich trainiert, hätte ich ihn wahrscheinlich auf die Bretter befördert. So schüttelte er nur kurz den Kopf, um ihn wieder frei zu bekommen. »Du bist so ein Riesenarschloch!«, fauchte ich und setzte nach, bekam ihn am Shirt zu fassen. »Du hast mich mit dem Zirkus verarscht und nun die Aktion mit dem Bordell!«

Eriks Lippe blutete. Als er sie in einem Grinsen verzog, waren auch seine Zähne blutig verschmiert. Grotesk sah es aus. »Die Huren hätten es schon geschafft, dich einzunorden.«

 

Juni – Leben

Klaus hatte mich zum Kieferorthopäden begleitet. Einen Tag vor dem Abschlussball. Heute wurde die Zahnspange entfernt und Hannes wusste nichts davon. Meine Überraschung. Ebenso überraschend wie Eriks Verhalten. Seit ich ihn mit einem harten Schlag auf die Bretter befördert hatte, ließ er mich in Ruhe. Er schien nur eine Sprache zu verstehen und akzeptierte mich, auch wenn der Schlag nur ein Glückstreffer war. Nun lächelte ich, als ich auf Hannes zuging, sah sein Erstaunen. »Du hast dich verändert«, stellte er fest.

Ja, mehr als das.

»Heute wird dein Wunsch erfüllt«, setzte er hinzu, strich mir über die Wange.

Ich lebe.