Zwischen den Rassen
Kapitel V
Nachts stiegen sie in Mantua aus, aber es war schwül wie bei Tage. Am Morgen
erschrak Mai über Lolas Aussehen. Sie habe kaum atmen können, sagte Lola;
Mücken seien unter ihren Bettschleier gedrungen. Und Mai:
„Ah! Du verträgst nichts. Drüben bei uns würdest du etwas erleben.“
Kaum aufgestanden, streckte sie sich wieder aus. Von den geschlossenen
Läden war ein grünlicher Schimmer auf ihrem weißen, runden Arm, den sie mit
kindlicher Genugtuung betrachtete.
„Jetzt ist’s ganz wie zu Hause.“
Nie hatte Lola sich weniger heimisch gefühlt. Sie überlegte, daß sie hierher
nur wegen einer Persönlichkeit geraten sei, die es gar nicht gab.
„Nun muß ich mich wohl nach meiner Freundin umsehen,“ äußerte sie.
„Es ist wahr, du bist schon wieder angezogen. Eine richtige Deutsche bist du!“
Lola überließ Mai der Einschläferung durch die träumerischen Geräusche im
Hof und ging aus. Die Straße war von Hitze wie verzaubert. Unter dem alten
Urturm hatte ein kleines, von Zeltdächern beschirmtes Marktgedränge etwas
künstlich Aufgewecktes: als würden diese paar munteren Wesen dem
ungeheuren Druck der leeren, heißen Stadt auf einmal nicht mehr widerstehen
können, sich aneinander lehnen und einschlafen. Am Ende der nächsten Gasse
galt es, sich in einen Platz zu stürzen, über dem das Licht wogte und blendete,
wie auf einem Meer. Dort weit hinten, am schmalen Schattenufer von kaum
durchdringlicher Schwärze, begegneten zwei schwarze Gestalten sich, neigten
mit groteskem Ruck die großen Priesterhüte gegeneinander, — und plötzlich
klappte die Matratze der Domtür über ihnen zu.
Lola eilte mit angehaltenem Atem durch die Sonne. Ein Arkadenhof nahm sie
auf, überlieferte sie einem zweiten mit einer feurig geschweiften Kirchenfassade,
— und dann fand sie sich in einem, um den die Säulen zerbrechlicher tänzelten
und, wie unter Komplimenten, zu einem kleinen gezierten Theater geleiteten,
das geborsten, bemoost, mit Schutt auf seinen rosigen Marmorschwellen, noch
zu lächeln schien, galant und schmerzlich, wie ein Rokokogesicht, worauf die
Schminke eintrocknet in Staub. Gras wuchs aus den feinen Fliesen; darüber flimmerte die Luft; und ging man, wandte man rasch noch den Kopf nach einem
gespenstischen Kichern und Fächerschlagen . . . Da starrte aber, im nächsten
Hof, eine riesige dunkle Burg einen an. Hinter ihrem Tor setzte eine graue
Brücke ein, um, ein endloser Trauermarsch, durch Sümpfe zu ziehen.
Wie Lola sich in ihre Straße zurückgefunden hatte, ward vor einem Café,
dessen Tür Karyatiden bewachten und worin niemand saß, ein sehr alter Herr
von Wirt und Kellner an eine ungetüme schwarze Karrosse begleitet. Der
Kutscher nahm die schwarze Peitsche in seinen schwarzen, faltigen Handschuh,
und knarrend bewegte sich das Gefährt.
Im Hotel hing Mais Hand noch über dieselbe Armlehne.
„Meine Freundin ist —“
Lola hatte sagen wollen: „Abgereist,“ schrak aber vor einer ganzen Lüge
zurück.
„— ist nicht zu finden,“ sagte sie.
Mai erstaunte nur leicht.
„Wirst du sie noch einmal suchen?“ fragte sie.
Lola suchte sie bis zum Abend noch mehrmals. Dann erklärte sie die
Wohnung der Freundin für gefunden, sie selbst aber kehre erst in mehreren
Tagen von einer Reise zurück.
„Wir haben nichts Besonderes vor, wollen wir nicht hier warten?“
Mai wandte nichts ein. Wenigstens war Zeit gewonnen.
Und Lola, die im Zimmer nicht Ruhe fand, durchirrte weiter die tote Stadt,
betrat hinter verlassenen Haustoren, über denen die schöne Palastmauer barst,
feuchte Höfe mit schmuckreichen und zerbrochenen Brunnen — und mußte
denken: wenn die müde, ausgestorbene Treppe nun in all seiner Lebendigkeit
Pardi herabliefe! Da drückte die Sonne noch dumpfer auf das leere Pflaster. Alle
hatten sie sich selbst überlassen!
Auf der Flucht vor der nahenden Sehnsucht fuhr sie, ganz allein, in das
braune, traurige Land hinaus. Weiß stand darin, auf ihren groben Säulen, eine
kleine Gnadenkirche: innen bäurisch bunt und die Wände umringt von
Holzfiguren in den schweren Stoffen und Rüstungen von einst, von den Bildern
Geretteter. Jener Ritter war aus der Schlacht bei Pavia heil hervorgegangen,
diese Dame von einem Pestgeschwür gesundet, und der verdächtige Gauch dort
in Schnürkittel und schütterem Bart hatte schon im Block gelegen, mit Feuer an
den Füßen, und doch hatte die Madonna ihn freigemacht. Und Lola erschien sich
auf einmal als die Beute einer Leidenschaft, einer Krankheit, eines barbarischen
Übels; wünschte sich, gleich diesen die Madonna anrufen zu können; sank,
vernichtet von der Einsamkeit dessen, den keine Götter mehr hören, auf eine
Bank.
Als ihr dann wieder die Sonne ins Gesicht schien, war sie beschämt, als habe
sie sich dort innen eine Komödie vorgespielt.
„Dieses Leben macht mich verrückt. Warum laß ich ihn nicht kommen: alles
wäre so einfach, wäre freundschaftlich abzumachen.“
Zwar bedachte sie sogleich, er sei kein Freund: er, der mit jedem Tage
schwerer zu Vermeidende . . . Und auch Mai hatte Lola hierbei nicht zur
Freundin. Das erbitterte sie. Wie oft hatte Mai sich, wenn’s nicht not tat, zu
einem Opfer erboten. Jetzt kam’s darauf an, — und Mai schwieg. Sie hütete sich,
noch einmal, wie am Anfang der Bekanntschaft, Lola zu fragen, ob sie Pardi
heiraten wolle; denn diesmal fürchtete sie eine andere Antwort zu bekommen.
Sie tat, als sei nichts los, und nötigte Lola, zu heucheln. Die Unaufrichtigkeit
und die geheime Spannung zwischen ihnen beiden lagen, fand Lola, nur an Mais
bösem Willen.
Genug, ein Ende mußte gemacht werden; und wie Lola eintrat, sagte sie sofort
heraus:
„Also sie kommt nicht mehr zurück nach Mantua. Damit wir nun nicht ganz
umsonst gewartet haben, könnten wir wenigstens Pardi kommen lassen. Er hat es
mir angeboten.“
Gelassen antwortete Mai:
„Mir auch. Ich dachte sogar, wenn wir ankämen, würde er schon da sein. Du
würdest dafür gesorgt haben.“
Lola starrte Mai an. Da hatte sie die ganze Zeit gelegen, hatte Lola gewähren
lassen und sich ihr Teil gedacht!
„Dann haben wir wohl Verstecken miteinander gespielt?“ fragte sie. Mai
erwiderte:
„Komm her, ich will dich umarmen.“
Aber während der Liebkosungen errötete Lola. Sie ging hinaus. „O, sie hat
sich gehütet, zu fragen, ob ich ihn liebe!“
Bei seiner Ankunft waren sie am Bahnhof. Lola dachte: „Das erstemal, daß Mai
sich angezogen hat.“ Er begrüßte Lola zuerst mit den Augen und Mai zuerst mit
der Hand. Lola achtete peinlich darauf. Keine Einzelheit seines Verhaltens gegen
sie und Mai entging ihr. Den Champagner bestellte er, nachdem Lola ihn
abgelehnt und Mai ihn angenommen hatte. Lola trank keinen Tropfen. Er
wünschte noch in Mantua zu bleiben.
„Wir haben es genossen,“ erklärte Lola. Mai war’s recht.
„Wunder romantischer Versunkenheit werde ich Ihnen zeigen,“ verhieß er.
„Wir bekommen noch das Fieber,“ meinte Lola; und Mai:
„Bisher hast du dich gar nicht gefürchtet und warst immer unterwegs.“
Im Palazzo del Tè, unter dem Schwall der Fleischlichkeiten, die nach
Jahrhunderten noch aus Decken und Wänden überquollen, beneidete und
verachtete Lola Mais unbefangene Freude. Sie selbst konnte Pardi nicht in die
Augen sehen und gab zornige Antworten. Er neckte sie anfangs mit ihrer
Übellaunigkeit, dann zeigte er sich um ihr Befinden besorgt, und auch Mai
äußerte Besorgnis. „Sie weiß ganz gut —“ dachte Lola und verlor vollends die
Herrschaft über ihre Nerven. Als man sich in der Stadt eine Kapelle zeigen ließ,
stand sie teilnahmslos neben dem Sakristan, der den Stock mit der Kerze über
die Wände hinführte. Pardi drehte ihr, auf Mai geneigt, den Rücken. „Ich werde
ihnen nicht im Wege sein,“ sagte Lola sich; „aber zu ihrer Bedeckung gebe ich
mich auch nicht her!“ Und wie der Sakristan den Schrein aufschloß, machte sie
sich leise davon, schmerzlich berauscht von ihrer Rache. Sie erwartete, Mai
werde an ihr Bett kommen, und war entschlossen, sich schlafend zu stellen. Aber
Mai blieb aus.
Am Morgen beschäftigte Pardi sich nur mit Lola. Ihr schien’s, daß Mai sich
zurückhalte; und sie argwöhnte, dies sei Verabredung, er habe Mai im voraus um
Entschuldigung gebeten. Sie sah ihn plötzlich fest an.
„Sie brauchen nicht so viel Rücksicht auf mich zu nehmen, wissen Sie.“
Wie er etwas einwandte, hob sie die Schultern.
„Nachgrade habe ich doch schon Erfahrung darin, daß meine Mutter besser
gefällt als ich; und ich kann Ihnen versichern, daß mich das nicht beleidigt.“
„Sie sind kokett.“
„Gar nicht. Ich brauche niemand. Jeden gönne ich meiner Mutter.“
Er sagte zuredend:
„Sie werden doch begreifen, daß ich Ihrer Mama den Hof machen muß.“
Lola fand nichts mehr. Wie lag es nun? O, grundfalsch! Sie erschrak tief, wie
schlimm sie sich schon verrannt habe. Am zweiten Tage! „Was soll daraus
werden. Wenn ich mich nicht zusammennehmen kann, bin ich verloren.“ Von der
Minute an war sie ruhig. Und aus der Genugtuung, daß sie nichts mehr
durchblicken ließ, ward allmählich wirkliche Überlegenheit.
Sie brachen nach Viareggio auf. Pardi hielt sie noch einen Abend in Florenz
zurück, obwohl Mai gern ihre Sachen ausgepackt und Lola lieber am Meer als in
der heißen Stadt geschlafen hätte. Aber er erklärte, es würde nicht gut aussehen,
wenn er mit fremden Damen so spät noch ankäme. Auch das Hotel zum
Übernachten wählte er ohne Rücksicht auf ihre Wünsche. Zuvorkommend und
bestimmt brachte er sie in eins, wo sie bessere Bedienung und ein gediegeneres
Publikum finden würden. Bevor er sich verabschiedete, um in sein eignes Haus
schlafen zu gehen, empfahl er sie dem Hotelier. Er, der Conte Pardi, sei verantwortlich für die Damen.
„Hast du nicht auch den Eindruck?“ sagte Lola nachher zu Mai. „Wenn wir
jetzt abreisen wollten, würde man ihn holen und uns vorher gar nicht fortlassen.“
„Eigentlich ist es ganz hübsch hier,“ antwortete Mai; und Lola dachte, klarer
als Mai: „Einmal nicht allein über sich bestimmen; nicht mehr gar so frei sein
und überall hingehen dürfen, ohne daß etwas darauf ankommt: beinahe tut es
wohl . . .“
Dennoch geriet sie noch vor der Weiterfahrt mit Pardi aneinander. Sie mußte
aus einem Coupé wieder aussteigen; ein Paar hatte darin gesessen, dessen
gesetzliche Zusammengehörigkeit Pardi leugnete.
„Aber Sie werden jetzt schrecklich!“
„Ich bin für Sie verantwortlich! Sie kompromittieren mich!“
Lola war fassungslos. Mai äußerte schüchtern:
„Auch ich habe dir so etwas schon manchmal verweisen wollen, Lola.“
Plötzlich fuhr Lola auf, als habe sie nun verstanden.
„Wie kann ich denn Sie —“
Aber sie nahm sich zusammen und sah lächelnd und mit Kopfschütteln zum
Fenster hinaus.
Bei der Ankunft wollte sie zu Fuß gehen, mußte aber, denn ein Auftritt drohte,
in den Omnibus steigen. Die Hotelzimmer, die Pardi seinen Damen zugedacht
hatte, waren am Abend vergeben. Lola sah ihn bei der Gelegenheit zum
erstenmal in Wut; sie dachte: „Gut, daß ich ihn kennen lerne.“ Der Wirt war
trostlos, die Kellner traten mit den Zehen auf. Mai und Lola saßen, von
neugierigen Badegästen umringt, im Salon, wie feindliche Fürstinnen, denen ihr
Marschall die Unterwerfung der Völker erzwang, und die ihm mit ebensoviel
Angst wie Stolz dabei zusahen.
Er erreichte, daß die Fremden die Zimmer räumten. Dafür wurden Mai und
Lola beim Lunch mißbilligend gemustert. Pardi sah den Männern nacheinander
in die Augen, die auf einmal unbeteiligt dreinblickten. Er erklärte, man habe die
Leute nicht nötig, und bestellte die Gedecke künftig an eigenem Tischchen.
Dann führte er seine Damen in ihre Zimmer, mit einer anmutigen Größe, als
vertrete er eroberte Provinzen. Die weißen Vorhänge flatterten von Stößen blauer
Luft. Die großen eisernen Betten sahen kühl aus unter ihren Musselinzelten. In
dem kleinen Salon standen die Theaterstühle in zwei Reihen an den Wänden.
Überall Spiegel: und wenn sie schräge hingen, rollten Wellen darin und sprang
Schaum.
„Mit Verlaub“ — in vier Stimmen; und vier Herren ließen sich vorstellen,
hatten schlechterdings nicht länger warten können, machten Pardi Vorwürfe, daß
er ihnen die Damen drei Tage vorenthalten habe, und fingen gleich an:
„Du weißt nicht, daß die kleine Miß Edith . . .“
Mai und Lola wurden auf das Laufende gebracht. Die ganze Gesellschaft zog
an ihnen vorbei, jedem war eine Bosheit angeheftet. Ihnen wurden alle geopfert;
sie brauchten nur fragend einen Namen nachzusprechen, und sogleich
beleuchteten ihn Geschichten. Die einzigen Unanfechtbaren blieben sie selbst;
und eine Ergebenheit ohne Grenzen, die rückhaltloseste Zutraulichkeit und eine
spontane Verehrung drangen in knabenhaft ehrlichen Lauten und Gesten von vier
Seiten auf sie ein. Nutini zog gleich seine leeren Taschen ans Licht: alles
verspielt. Der Leutnant Cavà handhabte seinen Säbel mit so glücklichem
Gesicht, als habe er ihn soeben geschenkt bekommen; und seine
Ballhandschuhe, errötend mußte er’s gestehen, trug er schon aus Vorfreude auf
heute abend. Deneris sprach mit etwas schwächerer Stimme als die andern; aber
Botta wippte beim Reden mit den Absätzen und schlug sich auf die fette, straff
bekleidete Brust. Allen saßen die Anzüge nach der Mode vom nächsten Jahr und
ohne eine Falte, wie auf guten Bühnen.
Sobald Nutini zu Lola ein unbemerktes Wort sprechen konnte:
„Er hat Sie nicht früher herbringen wollen, wie? Und er hat recht gehabt: denn
die Damen Arletti sind erst heute früh fort.“
„Was machen uns die Damen Arletti?“
„O — Ihnen, nichts. Aber ihm!“
Und Nutinis Miene stellte so viele Enthüllungen in Aussicht, daß Lola etwas
wie Schrecken kam.
„Sind Sie nicht sein Freund?“ fragte sie.
„Versteht sich . . . Und weil ich sein Freund bin, freut mich’s, daß die Arletti
fort sind. Ich glaube, es waren Abenteurerinnen. Er läßt sich zu leicht ein. Sein
Temperament ist sein Unglück. Ah, bitte, so viel Geld als er nötig hätte, kann
ihm auch der beste Freund nicht geben. Darum habe ich vorhin meine Taschen
sehen lassen.“
Lola lachte mit; aber indes sie Nutinis Augen funkeln sah in seinem
eingefallenen Gesicht, nahm sie sich, unter einer Wallung von Freundschaft, vor,
Pardi über diesen Feind aufzuklären. Pardi spähte schon herüber. Noch bevor er
da war, zeigte Nutini vom Balkon nach Badenden. Cavà rief über Lolas
Schultern, unaufhaltsam:
„Ist sie schön, die Mistreß Nicholson!“
„Bravo!“ machte Pardi. „Sicher ist sie die längste der gelben Stangen.“
Nutini klopfte Cavà auf die Schulter.
„Mich hat er einmal mit meiner sechzigjährigen Sprachlehrerin gehen sehen,
und dann fragte er mich: Du, sag, wer war die wunderschöne Amerikanerin?“
Lola wandte sich lächelnd nach dem Leutnant um. Er lachte wehrlos. Seine
Augen in ihren sorgfältigen Wimpernhecken blickten aus seinem rosigen Gesicht, wie aus einem Öldruck. Lola erinnerte sich, daß er vorhin nur den
harmlosen Klatsch mitgemacht habe.
„Sie haben alle in Italien diese Vorliebe für die Amerikanerinnen, und über
Ihre eigenen Damen wissen Sie nur Unvorteilhaftes. Wie kommt das?“
„Ja, sie sind nicht so schön,“ erklärte Cavà. „Sie sind nicht blond.“ Botta
wußte mehr.
„Wenn wir uns mit einem unserer jungen Mädchen sehen lassen, heißt es
sofort; wir sind verlobt.“
„Mit jungen Mädchen ist hier nicht zu verkehren,“ bestätigte Nutini; und
Botta setzte hinzu:
„Auch haben andere mehr Herz.“
„Schon wieder deine Olimpia? Dieser Gigi hat nämlich hier im Walde an
einem Teich einen halben Sommer mit einer Balletteuse verbracht.“
„Ach ja,“ seufzte Botta und schlug sich auf die Brust, daß sein fetter Tenor ins
Zittern kam. Nutini störte ihn: schließlich sei sie ihm doch davongelaufen; und
Botta fuhr verwundet gegen ihn los.
Deneris seufzte laut. Er lehnte rückwärts auf den Balkon und schmachtete von
unten Mai an. Seit seinem Eintritt hatte er sich keinen Augenblick von Mai
getrennt. Es gäbe wertvollere Frauen, versicherte er in gezogenem Ton, als die
Balletteuse Olimpia.
„Wenn die Mühe, die man sich ihretwegen gibt, ihren Wert bestimmt —“
meinte Pardi. Nutini klopfte nun Deneris.
„Ja, du hast das Talent, unglücklich zu lieben.“
„Könnten Sie das?“ sagte Cavà kindlich zu Lola. Sie mußte lächeln.
„Ich habe in der Liebe keine Erfahrung.“
Sogleich begann Botta, um Lola die Liebe zu erläutern, wieder von seiner
Olimpia. Und auf Lolas ungläubiges Lächeln:
„Denken Sie nur an die Lieblingspuppe, die Sie gewiß gehabt haben, und
wenn Sie sich die Arme Ihres kleinen Lieblings um den Hals legten. Auch wir
jungen Leute spielen gern mit Puppen, aber ach! nicht selten werden sie uns
gefährlich.“
„Wirklich?“ machte Lola, dankbar. Botta sprach mit dicker Zunge,
schmatzend, und rollte in seinem massigen Gesicht selbstzufriedene Kuhaugen.
Aber Deneris wartete nur, daß er fertig sei. Er hatte sich aufgerichtet, das
Monokel eingesetzt und trachtete mit Gesten, die beiden Damen um sich zu
versammeln. Auf seinem kleinen blassen Kopf lagen die kanariengelben
Härchen seiden wie Kinderhaare. Seine blauen Augen starrten ängstlich.
„Wissen Sie wohl, daß ich um die, die ich liebte, zu sehen: jawohl, nur um sie
zu sehen, täglich sechs Stunden mit der Bahn gefahren bin? So ist es: dreiundeinenhalben Monat täglich nach Pisa und unter ihrem Fenster vorbei.
Selten ließ sie sich sehen; aber im Salon eines Photographen stand ihr
lebensgroßes Porträt, — vor dem ich mich eines Tages fast erschossen hätte.
Wäre nicht gerade der Photograph gekommen —“
„Er spricht wahr,“ sagte Cavà, mit Achtung. „Der Photograph hat es überall
erzählt.“
„Dein Tod, mein Lieber,“ sagte Nutini und klopfte Deneris, „wäre zu
öffentlich gewesen. Viel zartfühlender handelte doch die Contessa Gavazzo, als
sie um meinetwillen Gift nahm. Eigens reiste sie nach der Schweiz.“
„Sie war eine Morphinistin, mein Lieber,“ wandte Botta ein.
„Mein Lieber —“ und Nutini nickte dringlich, „ich weiß wie jene Frau mich
liebte.“
„Ich aber weiß,“ entgegnete Botta, von sich erfüllt, „wie es war, als ich die
Olimpia liebte; und ich werde es Ihnen erklären, mein Fräulein.“
Pardi unterbrach ihn:
„Ich könnte Liebe nicht erklären: ich vergesse jedesmal wieder, wie es war. Ist
sie aber da, weiß ich’s, und handle!“
Als er der Wirkung ein wenig Zeit gelassen hatte:
„Wir holen die Damen ab, nachdem sie sich angezogen haben.“
Von der Schwelle mußte er noch mahnen:
„Marchese, komm!“
Denn Deneris konnte sich von Mai nicht trennen. Sie strahlte.
„Ist das nicht ein reizender Mensch? Sage, Lola! Es scheint, daß er mich
liebt?“
Und Lola, voll Freude:
„Gewiß, Mai! Das muß jeder sehen!“
Die Dazwischenkunft all dieser Männer hatte ihre Spannung unterbrochen.
Zum erstenmal konnten sie einander wieder unbefangen und mit Wohlwollen ins
Gesicht sehen.
„Ich freue mich eigentlich auf das Ausgehen. Es ist doch schön, daß wir
hergekommen sind!“ sagte Lola. Und Mai:
„Heute abend werden wir also tanzen! Was soll ich nur anziehen?“
Lola ging mit in Mais Zimmer. Wie sie zurückkehrte, stieß sie im Korridor auf
Nutini. Sie blieb unschlüssig auf der Schwelle des Salons.
„Dieser Botta macht mich lachen,“ sagte Nutini. „Wissen Sie wohl, daß er von
seiner Olimpia ganz einfach ausgehalten worden ist?“
„Nicht möglich —“ und Lola brach ab. Sie hatte sagen wollen, Botta mache
ihr gerade den Eindruck des vollkommenen Liebhabers. Nutini zuckte die
Achseln.
„Aber nicht dies führt mich her. Sondern ich möchte Sie bitten, mir doch
gleich jetzt Ihre Noten zu geben. Im Augenblick habe ich Zeit, die Begleitung zu
üben. Denn das Geschwätz der andern zieht mich nicht an.“
„Wohin sind die andern gegangen?“
„Ich weiß es nicht einmal.“
„Aber die Noten sind unten im Koffer, und er steht in meinem Zimmer.“
„Mein Fräulein! Ein guter Freund spricht mit Ihnen, — wenn er’s auch erst
seit kurzem ist. Wären Sie eins unserer Püppchen, ich würde mich Ihnen zum
Auspacken Ihres Koffers nicht anbieten. Aber Sie sind eine Amerikanerin . . .“
Lola erinnerte sich, daß nicht sie, sondern Germaine die Sachen hineingelegt
habe: sie lagen sicher sehr ordentlich. Sie öffnete Nutini ihr Zimmer.
Er schob zuerst die Jalousietür weg, half ihr dann geschickt und diskret und
trat mit den Noten ans Licht, auf den Balkon. Er schien sich in die Musik zu
vertiefen und stieß nur seltene Worte der Bewunderung aus. Lola mußte auf die
Stimmen hören, die aus der Nähe kamen. Zuerst war’s die kindliche des
Leutnants Cavà; Lola wollte es nicht glauben, daß sie diese Dinge sagte; dann,
bevor Lola sich gefaßt hatte, die schmatzende Bottas und Deneris’ näselnde. Eins
seiner Worte ward von Gelächter zugedeckt. Dann beglückwünschten sie Pardi.
Er antwortete:
„Mich reizte es, sie einem Deutschen wegzunehmen.“
Bei seinem verächtlichen Auflachen errötete Lola und erblaßte wieder. Sie
hielt sich am Pfosten, begriff nicht, daß sie noch dastand, und starrte angstvoll
auf Nutini, der über die Noten geneigt blieb und manchmal entzückt den Hals
bewegte. Lola dachte in einem Atem und im Wechsel ihres Errötens und
Erblassens: „Wenn er hört!“ und „Er hat mich herausgeholt, damit ich hören
sollte!“
„Was ist Ihnen?“ fragte plötzlich Nutini und warf alles hin. Sie brachte nichts
hervor; und deutlich kamen Bottas Worte herauf:
„Wenn ich wählen sollte: Teufel. Vielleicht beide — auf einmal.“
„Prahlhans!“ rief Pardi scharf. „Handeln ist alles!“
„Wovon redet man? Mein Gott! Doch nicht —“
Nutini schlug sich vor die Stirn.
„Ich Unseliger! Konnte ich aber ahnen, daß diese Leute drunten bei offenem
Fenster solche Abscheulichkeiten von sich geben würden? Halte ich selbst mich
doch meist von ihnen zurück. Aber dieser Art Menschen ist nie zu trauen . . .“
Und drinnen, flüsternd:
„Dem Pardi noch weniger als den anderen. Wenn ich Ihnen erzählen wollte,
wie er’s mit den Damen Arletti getrieben hat . . .“
„Lassen Sie’s!“ stieß Lola aus. Sie warf die Balkontür zu.
„Sie haben gehört, wie er über Sie und Ihre Frau Mutter spricht. Denn so
ungeheuerlich es mir vorkommt, er meinte offenbar Sie! Ich kann nur
wiederholen, wie schmerzlich ich bedauere —“
„Ich vermute,“ sagte Lola kalt, „daß so über alle gesprochen wird.“
„In der Tat, es gibt Männer: die Mehrzahl sogar, kann man sagen, ändert,
kaum daß sie die Damen verlassen hat, durchaus den Ton. Die Damen, die all die
Achtung und Rücksicht um sich sehen, ahnen nicht —“
„Es ist auch nicht nötig.“
Unvermittelt kam ihr Wut auf sich selbst, daß sie diesen Menschen nicht
hinauswies. Vorgebeugt, ihre dicke Falte zwischen den Brauen, sagte sie in
unheimlich hellem Frageton:
„Wollen Sie mich jetzt nicht allein lassen? Ich habe etwas Kopfschmerzen.“
„Tatsächlich sind Sie sehr blaß,“ stammelte Nutini, und sein eingefallenes
Gesicht erblaßte selbst noch mehr. Er verbeugte sich. Lola sah, immer in
derselben Haltung, seinen weichlich geschweiften Rücken sich dem Ausgang
zuwiegen. Als sein Händchen in dem nach vorne weibisch erweiterten Ärmel die
Tür geöffnet und geschlossen hatte, fiel Lola auf einen Stuhl, gelähmt von Ekel.
So war nun hier die Welt! Weil sie gerade aus einer anderen kam, hatte sie sich
eine Stunde lang täuschen lassen können. Sonnig, elegant und herzlich hatte es
sich ausgenommen: alles gerade entgegengesetzt den schlecht gekleideten,
geistig hochmütigen Menschen dort hinten in ihrem Nebel. Aber wäre jener
Arnold fähig gewesen, mit allen Leuten und zum offenen Fenster hinaus über
ihren Körper zu verhandeln? Die Frage demütigte sie so, daß sie das Gesicht in
die gerungenen Hände drückte . . . Auch Gugigl hätte das nicht fertig gebracht,
und nicht einmal Gwinner! So aber war man hier. So war der Mann, den sie
vielleicht lieben wollte. Ach! es hatte keinen Sinn, sich ihm befreundet zu
fühlen, ihn vor diesem Nutini zu warnen. Der Intrigant und der Brutale waren
einander wert.
Mai wußte schon durch Germaine, Lola sei schlechter Laune. Zögernd kam sie
herein.
„Bist du fertig? Mein Gott, hast du mit den Sachen herumgeworfen! Die
letzten Haare wirst du dir noch abbrennen!“
„Mach mich nicht ganz verrückt, ich bitte dich, Mai!“
„Dort liegen diese dummen Bücher! Du hast gewiß wieder gelesen, und dann
kommen die Kopfschmerzen.“
„Ja, ich habe gelesen.“
„Sie liest, Pardi! Kommen Sie doch herein und schelten sie! Sie ist ein wahres Kind.“
„Sie sind schlecht angezogen,“ sagte Pardi sofort. „Sie müssen sich noch
einmal umziehen.“
Lola fuhr auf.
„Was fällt Ihnen ein!“
„Wenigstens müssen Sie das Halsband anders stecken, es liegt in Falten. Auf
den Schultern haben Sie übrigens zu viel Puder.“
„Das ist nicht Ihre Sache. Erwarten Sie mich im Salon! Hätten Sie sich früher
vielleicht erlaubt, mein Zimmer zu betreten?“
„Hier ist es etwas anderes. Ich bin für Sie verantwortlich.“
„Ach ja, ich kompromittiere Sie! Warum aber sagen Sie Mai niemals etwas?“
„Ihre Mama ist tadellos angezogen.“
Mai konnte ihren frohlockenden Blick nicht mehr zurückholen. Lola hatte ihn
aufgefangen und wandte sich stumm weg.
Beim Aufbruch hatte sie noch etwas gefunden, was ihn treffen sollte.
„Jetzt sagen Sie mir, was Sie auf der Reise ausgelegt haben!“
„Das hat Zeit, gehen wir!“
„Ich will Ihnen nichts schuldig sein.“
„Gehen wir! Die Herren warten.“
„Ich soll gehen, ich? Weil die Herren warten?“
„Aber Lola!“ sagte Mai, ganz erschrocken über so viel heftigen Widerstand.
Pardi nickte ihr zu.
„Ihre Tochter ist tatsächlich noch ein Kind.“
Aber er rechnete zusammen. Lola gab ihm das Geld, mit vielem Geklapper
der Münzen. Pardi schloß kaltblütig:
„Ehrlich sind Sie.“
Lola war sprachlos. „Hat er das nicht erwartet?“ dachte sie. „Er tut, als wäre
ich eine Kokotte . . . Das stimmt mit dem Gespräch beim offenen Fenster.
Wenigstens ist er konsequent.“
Und mochte sie’s noch zu leugnen versuchen, seine Art, sie zu nehmen, ohne
Rücksicht auf ihre Stimmungen, ohne Verzärtelung: seine Art besiegte sie und
erleichterte sie. Auf der Treppe bemerkte sie, daß sie sich hätte weigern sollen,
mitzukommen, und ärgerte sich, weil sie keine Lust hatte, umzukehren.
Den ganzen Abend unterhielt sie sich, und nicht schlechter am nächsten. Die
Tage vergingen mit Baden und Nichtstun. Das Bad dauerte Stunden. Man lebte
in diesem durchsonnten, blauen und weichen Wasser. Mai lachte vor Glück,
wenn sie ihre Hand hineintauchte, und sagte, es sei, wie wenn sie durch den
Stoff eines Ballkleides gleite. Man schwamm, so weit man mochte; und
ermüdete man, waren immer Herren mit einem Boot da. Man kletterte hinein; — und indes man recht unbeteiligt und träumerisch die Augen schloß, gewahrte
man durch ihren Spalt doch die hungrigen und diskreten Blicke des halbnackten
Ruderers. Sie prickelten einem auf der Haut. Pardi verbot ihnen diese Rast im
Boot; Lola hatte, in aller Beisein, einen Auftritt mit ihm. Er hielt ihr Mai als
Beispiel vor.
„Ihre Mama ist noch eine der wirklich weiblichen Frauen, die gehorchen
können. In Ihnen ist etwas Feindliches.“
„Glücklicherweise,“ sagte Lola höhnisch.
Denn dies Feindliche reizte ihn! Lola sah immer deutlicher: „Mai gefällt ihm.
Zu mir zieht ihn seine Herrschsucht.“
„Eines Tages,“ verhieß er, „werden wir uns auseinandersetzen müssen: ich
sage es Ihnen voraus.“
„Ich glaube, wir haben uns gar nichts zu sagen.“
„Zu sagen vielleicht nicht viel.“
Er lachte, und sie drehte ihm den Rücken. In dieser Minute hätte sie keine
heftige Antwort gewußt. Sie war erschlafft und einem weichen Weinen nahe.
Manchmal spürte sie so, inmitten seiner Unverschämtheiten, eine begehrliche
Wärme von ihm her, etwas wie einen jähen Stoß Südwind, daß einem der Atem
stockt; oder wie den heißen Brodem aus einem Tigerrachen, die Sekunde, bevor
er zuschnappt.
Tags darauf schwamm sie wie gewöhnlich hinaus.
Mai hatte ihr zugerufen, sie dürfe nicht weiter. Wie sie ins Boot wollte, war
keins zu sehen. „Diese Feiglinge!“ Lola kehrte um. In immer kürzeren Pausen
mußte sie sich auf dem Rücken ausruhen. Solange sie noch einen Überschuß an
Kraft fühlte, dachte sie mit befriedigter Rachsucht daran, daß sie nun vielleicht
umkommen werde. In dem Augenblick, als es ihr ängstlich ward, tauchte neben
ihr Pardis Kopf auf. Wie lange war er denn unter Wasser geschwommen?
„Rühren Sie mich nicht an!“
Auf der Stelle hatte sie ihre Kraft zurück und schoß in großen Zügen dem
Strande zu. Mai winkte mit dem Sonnenschirm.
„Kind, mein Kind! Hat er dich gerettet?“
Und sie fiel Lola um den Hals. Lola mußte erst zu Luft kommen. Sobald sie’s
hervorbringen konnte:
„Wie käme ich dazu, mich von diesem Herrn retten zu lassen?“
Aber sie fühlte sich dennoch von Pardi überrumpelt und in ihrer Niederlage
glücklicher als Mai. Auch Mai mußte es fühlen. Sie sah von Lola zu Pardi, der
stumm blieb und ruhig atmete. Darauf betrachtete sie besorgt ihr eigenes Kleid
und dann die beiden in ihren triefenden, um die Körperformen geklatschten
Kostümen. Plötzlich wandte sie sich ab.
„Ich bin nicht schuld, wenn sie sich schlecht benimmt. Man hat mit nicht
erlaubt, sie zu erziehen.“
„Wir werden es nachholen,“ sagte Pardi, — indes Lola schon von dannen war.
Und es ward Mittag, und man flüchtete auf die Hotelveranda, an den
Frühstückstisch. Sah man hinaus, ward das Auge verbrannt von Sand und See;
von dem frechen Wirrwarr der roten, grünen, gelben Karren vor dem wütenden
Meerblau; von den weißen Flammen der Zelte, der Anzüge. Die Gäste traten
aufatmend in den Schatten, oder sie schlichen an seiner Grenze vorbei, die
Häuserreihe hin, in deren grausame Helle die Balkone scharf, dünn und schwarz
hineinschnitten. Ermattete, schöne Frauen, die sich rückwärts bogen, willenlos
und doch in einer Linie, als hätten sie Ballett tanzen gelernt, riefen mit sehr
häßlicher Stimme einen Namen, streckten, ohne umzublicken, einen Arm nach
hinten, — und eins dieser Kinder hängte sich daran, die nie ganz Kinder waren,
die schon kokett waren, keine Ungeschicklichkeit begingen, und deren
schmelzend blasse Gesichter manchmal, wie von Strapazen, die erst noch
auszuhalten waren, unter den Augen bräunlich dunkelten. Matronen flankierten,
mit erfahrenem Lächeln, Töchter, deren weißes Gesicht wie ein schmales Stück
aus dem der Mutter aussah. Näherten sie sich, lagen beide, das der Mutter und
das der Tochter, unter einem Teig von Schminke. Die alternden Männer bekamen
Säcke unter die gewölbten Augen; den sehr alten entleerte sich das Gesicht von
Blut; — aber sie blieben schlank, behielten den aufrechten, raschen Gang des
Jünglings und trugen, wie er, ihre silbernen und goldenen Stockgriffe, über den
Arm gehängt, spazieren. Die aristokratische Gruppe auffallender, lauter Damen
und verlebter Herren in großgewürfelten Anzügen streifte an eine Bande von
Lastträgern und Schiffern; und beide sprachen mit schleierlosen Stimmen und
Gebärden von Liebe und von Geld. Alle waren aus einem Blut; und wie sie
gleichmäßig schritten und sich kleideten, war sicher, meinte Lola, auch die Art,
zu denken und zu lieben, bei allen dieselbe. Lola gedachte der Menschen im
Norden, die sie verlassen hatte, wie an Sonderlinge, von denen jeder seinen
kleinen verrückten Kreis lief. Der alte Baron Utting übertrieb nur ein wenig die
Sucht der übrigen. Hier ließ sich keiner aus der Masse reißen: er wäre verloren
und sinnlos gewesen. Die Amerikanerinnen allein kreuzten dazwischen in gelben
Winkeln, zu scharf von Umriß, um von der Sonne gedämpft zu werden. Die
anderen alle schwammen ohne Mühe und jeder für sich fast unbemerkt, in dieser
Atmosphäre, die sie getönt hatte und ineinander mischte.
Die Sonne tränkte gleichmäßig alles, berauschte, erschlaffte und verzauberte
alles und einen selbst. Hohe, dünne Gerten mit Blumen, die nicht daran gewachsen waren, umstanden einen als Hecken, man lehnte sich in grell
lackierte Sessel, hörte springenden oder schmachtenden Noten zu, fühlte sich, in
seiner gewagteren Strandkleidung, freier und dreister als sonst, trank mehr,
lachte mehr, ließ losere Worte zu, glaubte halb, man träume, und empfand bei
allem, was geschah und was man tat, daß nichts darauf ankomme. Mit Cavà
hatte Lola Freundschaft geschlossen. Seine rohen Worte von neulich deuchten
ihr kaum noch wirklich, wenn sie seine Knabenaugen ansah. „Man vergißt hier
so rasch. Übrigens würde man mit niemand leben können, wollte man daran
denken, was die Leute sagen und tun, wenn man nicht dabei ist.“
An Mais und Lolas Tisch war ein Hin und Her von Herren: Nutini, Botta und
Deneris führten Freunde ein. Der Dichter Merluzzo war dabei, mit den
Puppenaugen in seinem Modellkopf, auf seinem langen, nackten Halse. Er
huldigte Lola mit seiner Altweiberstimme und versprach ihr, vorzulesen, wenn
sie singe. Sie sang, ohne ihn um das Seine zu bitten: sang leichtfertig darauf los
und freute sich des Beifalls, ob er verdient oder unverdient war. Sie lachte.
„Klatschen Sie! Sie klatschen doch auch, wenn der kleine Beppo aus Neapel
uns in seinem weiten Frack und seinem Riesenzylinder Späße vormacht. Fragt
man das Kind, ob es auch in Rom auftreten werde, schneidet es eine betretene
Fratze und sagt: ‚O nein, so stolz sind wir nicht.‘ Auch ich bin nicht so stolz . . .“
In aller Ausgelassenheit fühlte sie sich eifersüchtig bewacht von Pardi. Mai,
harmloser, vergaß; einmal hörte sie Deneris zu lange an. In seiner
schwermütigen Schwärmerei war er eben dahin gelangt, daß er nach Afrika
wollte, um sich von der Schlaffliege den rätselhaften Tod geben zu lassen. Da
erklärte ihm Pardi, daß diese Dame unter seinem Schutze stehe! — und
verblüfft, des Widerstandes unfähig wich unter seinem Ansturm Deneris vom
Tisch. Nur noch heimlich wagte er sich, dem Verbot zum Trotz, an Mai. Sie
ergab sich dann zum voraus in das Geschick, die Seufzer des einen mit der
barschen Rüge des anderen zu büßen. Lola versuchte umsonst, sie aufzuhetzen.
„Du kennst das nicht: so sind sie. Auch dein Vater war so.“
Pardi faltete die Brauen, und Mai senkte die Stirn.
Den und jenen schloß er von der Vorstellung aus: sie hatten sich mit einer
zweifelhaften Person gezeigt!
„Und sie sind wohl nicht langweilig genug?“ fragte Lola, kampfbegierig.
Dann:
„Warum machen Sie uns mit keiner Dame bekannt? Fürchten Sie, daß uns
Geschichten über Sie zu Ohren kommen? Wie sind die beiden puppenhaften
Blonden mit den rotgeschminkten Lidern?“
Cavà antwortete statt Pardis:
„Die Contessa Bernabei und ihre Schwester.“
„Eher die hätte ich für zweifelhaft gehalten.“
„Bedenken Sie, was Sie sagen!“ heischte Pardi.
„Ach! Sie sind sehr befreundet mit ihnen?“
Lola lag nichts an Frauen. Dennoch warf sie es Pardi immer wieder vor, daß er
gleich bei der Ankunft durch seine rücksichtslose Eroberung der Zimmer alle
Damen des Hotels zu ihren Feindinnen gemacht habe. Einmal, im Wasser, hoffte
sie eine für sich gewonnen zu haben, eine noch Unbekannte. Als nachher Pardi
ihnen entgegenkam, ward die neue Freundin verlegen, Pardi verhielt sich
unleidlich abweisend und Lola brach, als die Fremde sich ängstlich entschuldigt
hatte, in ernste Wut aus. Er wartete mit steinernem Gesicht, bis sie ihn sprechen
ließ.
„Sie ist eine Chanteuse.“
Erst als Lola sich durch diese Enthüllung nicht geschlagen zeigte: was das
schade, im Wasser habe die Dame keine schlüpfrigen Lieder gesungen, — da
verfiel auch er in Sturm. Lola habe haarsträubende Begriffe; er werde sich von
ihr trennen oder sie einschließen müssen. Er verstieg sich zu der Frage:
„Warum sind Sie hergekommen, wenn Sie eine Wilde bleiben wollen?“
„Ich werde abreisen, um Sie nicht länger zu kompromittieren,“ entschied sie
mit Leidenschaft. Statt dessen hielt sie sich bei Tische heftig über Pardis
Lächerlichkeit auf; denn er habe ein hübsches Mädchen nur darum vom
Blumenkorso ausgeschlossen, weil sie eine Schneiderstochter sei. Woher sie’s
wisse, fragte er; und kaum, daß sie einen Namen genannt hatte, stand er auf.
Man sah dort hinten ihn und den andern gegeneinander fuchteln. Pardi verlangte,
daß ein Gericht sich bilde und sofort über seine Handlungsweise entscheide. Als
er recht bekommen hatte, forderte er seinen Kritiker. Mit Mühe besänftigte man
ihn; — und wie er dann, entladen, heiter, bezaubernd, unter lauter bewundernden
Blicken an den Tisch zurückkehrte, begann Lolas Herz nachträglich zu klopfen.
Was sie nun fast angerichtet hätte! Sie kannte ihn doch: er verlor mitunter die
Besinnung. Einen Engländer hatte er aus dem Spielzimmer weisen wollen, weil
ihm sein Tabak nicht gut roch. Der Engländer aber hatte Humor gehabt, und jetzt
spielte Pardi mit ihm und rauchte aus seinem Beutel. Lola bemerkte erstaunt, daß
er, der sich mit hundert Dummheiten aufhielt, sich an die Leitung von hundert
Festen verzettelte, hundert Ehrenhändel erregte, bei alledem nicht kleinlich
wirkte. Denn er trat für jede Nichtigkeit mit ganzer Persönlichkeit ein: immer
bereit zur Verantwortung, immer im Begriff, sich zu verfinstern, sich mit dem
Zweifler zu messen. Lola dachte an seine Erzählungen aus Afrika. Im Großen,
das ihm bekannt war, blieb er derselbe, wie hier im Flüchtigsten. Er war das
Kind, das das Meer vor sich hat, und doch darauf besteht, aus einem Sandloch,
worin das Wasser versickert, ein zweites Meer zu machen.
Sie ging umher und sann ihm nach. So war er. Er war etwas Ganzes, — und
dies Ganze war vielleicht nicht weit von einem Helden. Die Frau, die ihn geliebt
hätte, wäre beinahe gerechtfertigt gewesen. Und eigentlich war’s von einer
weniger starken Natur unnütze, peinliche Streitsucht, sich ihm zu widersetzen . .
. Da schrak sie auf. Lieben? Diesen Abenteurer, der nur nach außen und nach
allen Seiten lebte? Der sich nie hätte zusammenhalten können für eine? Diesen
unzuverlässigen Spieler, für den kein Gewinn, nichts in Spiel oder Leben
endgültig war? Diesen immer von seinen Launen gequälten Mann aller Frauen?
„Mai will er gerade so sehr wie mich! Mehr vielleicht!“
Das war das Schlimmste. Darüber hätte man die Augen schließen mögen und
gar nicht mehr aufstehen. Aber Lola wollte alles wegwerfen. „Sollen sie tun, was
sie wollen!“ Und sie kam nicht zu Tisch; war gleich nach dem Bade in den
Pinienwald gelaufen und durchstrich ihn weiter und weiter. Er nahm kein Ende.
Man konnte sich verirren: wie das kitzelte! Sie drehte sich mit geschlossenen
Augen mehrmals um und wußte nun die Richtung nicht mehr. Das weiße Schloß
lag tief, tief in den Bäumen: so gedämpft blaß, als hätte nie Sonne es beschienen.
Daß nun der Wald sich wie mit Schleiern füllte! War das Dämmerung? Schon?
Man konnte hier sitzen und sich in den fremden, gelben Geruch all dieses
Gestrüpps hineindenken, bis man weit fort war und die Zeit vergaß. Zwar hatte
man den ganzen Tag nichts gegessen, — und dort, auf der Lichtung, packten
Holzfäller ihr Gerät zusammen und legten Brote auf den Baumstamm . . . Nein,
noch weiter: jetzt gerade, nun man schon sehr, sehr müde war und die Nacht kam
. . . Da sah mit Eulenaugen das Meer zwischen die Stämme; die Richtung war
wiedergefunden, die Stelle erkannt. „Eine halbe Stunde höchstens nach Haus!
War ich dumm!“
Sie kam zurück und fühlte sich ganz fremd und verachtend. Sie brauchte von
dem hellen, lauten Tisch nur wegzublicken, — und ins Dunkel, jenseits der
Terrasse, waren friedevolle Bäume gezeichnet und Waldwege, die stumm
verrannen. Ganz erfüllt war sie noch von ihrem schönen Tag in Einsamkeit, und
das zwischen Menschen galt ihr gleich.
Erst Tags darauf fühlte sie, daß ihre Abwesenheit Mai und Pardi einander
irgendwie näher gebracht habe. Mai hatte ihr nur laue, etwas künstliche
Besorgnis gezeigt, Pardi ihr keinen Auftritt gemacht. Als die andern von einer
gestrigen Ruderpartie anfingen, schwiegen sie. Waren sie allein geblieben? Mai
sah an Lola, die sie prüfte, vorbei. Lola tat keine Frage. Sie sprach mit vom
Rudern. Pardi fiel ein:
„Sie wären gern dabei gewesen? Dann gehen Sie also heute mit! Ihre Mama
verträgt die See nicht, ich leiste ihr Gesellschaft.“
Lola sah von ihm zu Mai. Sie suchte nach einer spöttischen Ablehnung. Plötzlich aber stieß sie hervor:
„Gut denn!“
Sie hatte sich geschämt! Als sie ins Boot stieg, bereute sie’s. Mai gab den
Herren lauter Empfehlungen mit, zu Lolas Wohl. „Wie sie heuchelt!“ Lola
dachte weiter: „Warum erlaube ich ihr, daß sie ihn mir wegnimmt! Gebe ich
mich denn auf? Ich habe doch mein Recht aufs Glück!“ Sie beschloß: „Ich
werde mich nicht mehr fortdrängen lassen! Ich kann ihn gerade so gut haben wie
Mai. Er hat mir sogar gesagt, daß er Mai nur meinetwegen den Hof macht.“ Sie
verlangte nach einer Bucht weit dort hinten; und wie eingewendet ward, ihr
Vormund werde böse sein:
„Meinen Vormund nennen Sie ihn? Es fehlte noch, daß er’s wäre! Finden Sie
ihn nicht, im Ernst, ziemlich anmaßend?“
„Wenn man einen unverschämten Menschen sucht,“ sagte Cavà frisch, „da hat
man ihn.“
„Er geht so weit, daß er mir manchmal unsympathisch wird,“ sagte Botta.
„Das ist recht!“ — und Lolas üble Laune hob sich — „schimpfen wir ein
bißchen auf ihn! Was wissen Sie von ihm, Marchese?“
Deneris antwortete:
„Als junger Mann hat er sich einmal selbstmorden wollen.“
„Das — wollten Sie doch selbst schon.“
Deneris, tief erstaunt:
„Das ist doch etwas anderes. Übrigens hatte er keine unglückliche Liebe.
Höchstens Schulden.“
„Die sind ihm treu geblieben,“ begann Nutini. „Trotz seinem großen
Familienbesitz kann man den Zeitpunkt seines Ruins schon berechnen. Leute
wie er, enden immer schlimm.“
„Tatsächlich hat er zusammengewachsene Brauen,“ bemerkte Cavà. Botta
bedauerte das Haus Pardi.
„So altadelig!“
Deneris widersprach:
„Alt wohl, aber nicht lange adelig. Diese florentiner Bürgerhäuser sind spät
geadelt.“
Nutini wollte auf die Geldsachen zurückkommen, aber Lola verlangte:
„Lassen wir ihn gehen!“
Sie ertrug es auf einmal nicht mehr, hier draußen, abgesondert von ihm,
gemeinsame Sache zu machen mit seinen Feinden, von denen keiner sich an ihn
wagte. Auf einmal fühlte sie sich voll Angst: beklommen und gereizt durch all
das feindliche, leere Blau um sie her, durch die Gesichter, die sie ansahen. Er
liebte Mai: man mußte schnell ans Land, — liebte Mai. Und Mai ihn.
Sie begann Mai neu zu beobachten, mit Blicken, die sie selbst schmerzten, und
unter denen Mai sich verwandelte. Ihre liebenswürdigen kleinen Torheiten
bekamen etwas Untergeordnetes, ihre Kindlichkeit ward albern. Bei jeder von
Mais Äußerungen sah Lola in den Schoß, schämte sich und empfand
Genugtuung in einem. „Wie kann man so dumm sein!“ Diese verbrauchten
Listen! Daß eine Mutter die Tochter, die sie fürchtete, als Kind behandelte: es
war so alt, so alt. Nur ein wenig Geschmack, und man ließ es. Aber Mai wäre, in
ihrer Eifersucht, nicht einmal davor zurückgeschreckt, Lola schlecht anzuziehen!
Mais Ratschläge empfing Lola nur noch mit Mißtrauen. Einmal machte sie die
Probe: frisierte sich absichtlich sehr unvorteilhaft und fragte Mai, wie es ihr
stehe. Mai war entzückt: Lola wußte nun Bescheid. Zum Schein ging sie ein
Stück mit; — aber unten auf der Treppe blieb Mai stehen, ihr Gesicht war
verwirrt und errötet, und sie sagte:
„Laß dich noch einmal ansehen: nein, ich glaube, es geht doch nicht.“
Mais Kampf rührte Lola nicht. Es verdroß sie, daß sie nun weniger harte
Gedanken hegen mußte. Sie wollte jetzt wirklich, wie sie war, unter die Leute.
Aber Mai flehte und jammerte, bis sie Lola wieder oben im Zimmer hatte und
sie eigenhändig, mit eifrigen, reuigen Händen, von neuem frisieren konnte. „Ist
es Verstellung? Was hat sie vor?“ dachte Lola und haßte sich selbst dafür. Aber
sie konnte nicht dagegen, daß Mais Hände auf ihrem Kopf ihr widerstrebten. Sie
konnte nicht hindern, daß Mais Art mit den Männern sie erbitterte, ihr
schließlich übel machte. Dieses Schnurren und Schmachten, diese singende,
lispelnde Sprechweise, diese seitwärts geneigten Köpfe, unenthaltsamen Blicke,
und dies ironische Lächeln einer gedämpften Wollust, womit ein Mann und eine
Frau sich verständigten! Und der Mann war irgendeiner, — nicht bloß Pardi:
früher auch Deneris, neuerdings auch Botta; und die Frau, das lockende
Weibchen, war Lolas Mutter, ihre eigene Mutter! Die Kokotten nebenan
mochten dasselbe treiben, und die Aristokratinnen; Lola mochte umringt sein
von unreiner Weiblichkeit; — erst in Mai aber bekam sie etwas Groteskes und
etwas, das Grauen machte. Eine Mutter hatte nicht das Recht, noch Weib zu
sein!
Je länger sie sich hineindachte, um so überwältigender deuchte ihr das
Unrecht, das sie von Mai erfuhr. „Als ich sie damals für gefallen hielt, war’s
weniger schlimm. Es war wirr wie ein Weltuntergang; es peinigte nicht, denn
alles war auf einmal aus; — und es war eigentlich nur, weil ich Romane gelesen
hatte. Ich wußte nichts, ich stand draußen. Jetzt sehe ich von innen, wie alles
geschieht. Ich liebe einen der Männer, mit dem sie kokettiert: denn so würde sie es nennen, und doch ist es entsetzlicher, als wenn sie ihn mir einfach wegnähme.
Dann würde ich mich vielleicht töten! So aber äfft sie, mit allen und ihm, die
Liebe nach, die ich fühle, zeigt mir, namenlos verzerrt, was eine Frau ist, macht
mir Grauen, daß ich eine bin. Ich liebe einen, mit dem meine Mutter solche
Blicke wechselt! Bin ich nicht beschimpft und ganz beschmutzt durch das, was
ich in mir trage? Ich will nicht Frau sein! Ich will nicht lieben!“
Sie machte sich jungfräulich steif, hörte von den Reden weg, die auf allen
Wegen zur Liebe glitten, und verlangte, daß man in ihrem Dabeisein von ernsten
Dingen spreche.
„Ich begreife nicht, daß man hier in einer Gesellschaft von Männern und
Frauen sich immer nur miteinander, nie mit unpersönlichen Fragen beschäftigen
kann.“
„Ja, Sie sind eine Amerikanerin,“ sagte Cavà . . . Lola sah von allen Seiten
Komplimente für die Amerikanerinnen kommen, fiel nervös ein und erklärte die
Stellung der Frau in Italien für unwürdig und vollkommen veraltet.
„Glücklicherweise wollen Ihre Minister endlich die Ehescheidung einführen.“
Botta bat:
„Nur das nicht. Wenn die Scheidung, was Gott verhüte, Gesetz wird, sind wir
verloren.“
„Sie machen wirklich ein ganz betretenes Gesicht. Solche Angst haben Sie vor
den Frauen?“
„Im Gegenteil,“ versicherte Botta. „Ich habe Angst für sie. Denn sie zuerst
werden unter dem Gesetz leiden: haben sie doch wenig Urteil, die Armen. Sie
werden, kaum daß etwas sie ärgert, aus der Ehe laufen. Dann meiden alle sie,
und sie verkommen.“
„Schon jetzt,“ begann Deneris, „sitzt die Caputi allein in den Konditoreien,
und sie ist nur getrennt. Was werden erst die Geschiedenen tun!“
Nutini bemerkte:
„Ein Sodom und Gomorra wird entstehen. Wir jungen Leute werden uns nicht
darüber zu beklagen haben.“
Deneris aber klagte:
„Uns wird die poetischste Sache verloren gehen, nämlich unsere unbedingte
Ehrfurcht vor der Frau, die in der Ehe unantastbar und die Erste ist.“
„Ich hätte meine Mutter nicht achten können, wenn mein Vater sie hätte
entlassen dürfen!“ rief Botta.
„Gut, Advokat!“ machte Nutini.
„Die Frau, die geschieden werden kann, wird man vielleicht nicht einmal
mehr zuerst grüßen,“ fürchtete Deneris. Cavà rief entschlossen:
„Ich werde sie grüßen!“
„Genug,“ folgerte Botta, „wir haben die Pflicht, die Frauen vor sich selbst zu
schützen.“
Lola hätte gern erwidert: „Und wie schützt ihr sie jetzt? Indem ihr möglichst
viele von ihnen zum Ehebruch verführt?“ Aber Pardi kam über den Sand herbei.
„Und Sie? Sie sind natürlich für die Scheidung?“ fragte Lola ihn. Er
antwortete:
„Ich bin der unversöhnliche Gegner jeder Regierung, die sie uns aufzwingen
will!“
Cavà bedeutete Lola mit einem Blick, daß sie auf ihn sich verlassen könne.
„Warum soll unser Land das letzte von allen sein?“ rief er hell. „Die
Amerikanerinnen sind meistens geschieden, und sie sind reizend . . .“
Botta unterbrach.
„Der Fortschritt! Das ist euer Wort. Wenn es nun aber bewiesen ist, daß die
Scheidung geschichtlich und etnographisch eine tiefstehende Einrichtung ist und
sich in direkter Verbindung mit allen Entartungserscheinungen der menschlichen
Psyche befindet, als da sind Verbrechen, Selbstmord, Wahnsinn und — noch mit
einer, die ich vor Damen nicht nennen kann?“
„Gut, Advokat,“ sagte Nutini. Cavà behauptete frisch:
„Die Ehe ist das Grab der Liebe!“
Seine drei Widersacher fielen zugleich über ihn her. Pardi verschränkte die
Arme und wartete. Als er sprechen konnte:
„Die Ehe ist das Grab der Liebe, wenn man von Liebe einen falschen Begriff
hat, wenn man für Liebe hält, was nichts weiter ist als tierische Fleischlichkeit,
nichts als die Berührung zweier Epidermen. Die echte Liebe aber, die in der
Seele wohnt und gereinigt, vergeistigt und von den Launen der Sinne
unabhängig ist, kann nur eine einzige Person angehen und nirgends vorkommen
als in der unlösbaren Ehe! Nur sie ist der ganz reine Herd dieser Liebe!“
Lola betrachtete ihn: da stand er, der Idealist, und glaubte an sich! Unter
denen, die ihm so leidenschaftlich zustimmten, hätten vielleicht noch einige
Ehefrauen sein sollen, deren reiner Herd dank ihm etwas weniger rein war, und
ein paar Gatten, die er halbtot gestochen hatte.
„O!“ machte sie. „Was Sie da sagen, ist die Logik eines Dichters. Wenn nun
die Wirklichkeit nicht immer so logisch wäre? Dann würde man, Ihrer Poesie
zuliebe, unglücklich!“
Er merkte gar nicht ihren Spott. Mit Strenge entgegnete er:
„Auf diese oder jene, vielleicht vorschnell geschlossene Ehe kann nicht
Rücksicht genommen werden, wo es sich um die Ehe als Grundstein des
gesamten gesellschaftlichen Gebäudes handelt.“
„Sehr richtig!“ bemerkte Botta. „In der Ehe befiehlt der Staat.“
„Besteht der Staat nicht aus Menschen?“ fragte Lola. Pardi erklärte:
„Sie haben sich zu opfern. Nicht ihr Glück ist das Wesentliche. Das Wohl der
Kinder geht ihm vor, der Bestand der Gesellschaft. Wer mit seinem freien Willen
gewisse Pflichten eingegangen ist, hat, was nachkommt, nur sich zuzuschreiben
und kein Recht, sich zu beklagen. Ich würde mich nicht beklagen,“ schloß er,
durchdrungen.
„Und er ist ein Mensch,“ dachte Lola, „der noch keine Handlung mit ruhigem
Blut und Voraussicht der Folgen begangen hat!“ Sie äußerte:
„Wie Sie von Pflicht zu sprechen wissen! Sie sind förmlich ehrwürdig!“
„Tatsache ist,“ sagte Botta, „daß Sie einen ausgezeichneten Verteidiger der
guten Sache geben würden; — und Gott weiß, daß sie Verteidiger braucht . . .“
Er wartete, ob man nicht ihn selbst auffordern werde. Dann beschied er sich:
„Stellen Sie doch Ihre Kandidatur auf!“
Deneris und Cavà stimmten ein. Lola bestätigte:
„Sie müssen ins Parlament und die Ehe retten.“
Er sah ihr spähend in die Augen. „Sein Tigergesicht,“ dachte sie.
„Von diesem Augenblick bin ich entschlossen, — und Sie werden sehen, wer
recht behält!“
„Also wetten wir: für und gegen die unlösbare Ehe?“ schlug Lola vor.
„Nein! Dafür ist es zu ernst. Aber Sie können schreiben, Nutini, daß ich
kandidiere. Bereiten wir doch gleich das Nötige vor . . .“
Schon ward er umringt, im voraus beglückwünscht und begann einem Kreise
Neugieriger sein Programm zu entwickeln. Die Hotelgäste kamen die Terrasse
herunter, und von weither sah man laufen. Die aristokratische Gesellschaft mit
ihren gewürfelten Anzügen und riesigen Schleiern drängte sich, warf skeptische
Bravos in die Rede, fächelte, plapperte; und während der Kopf nach der andern
Seite lächelte, betasteten unten sich irgendwelche Hände.
Pardi ließ keinen einzigen Scheidungsgrund zu, nicht Zuchthausstrafe, nicht
Wahnsinn.
„Wenn erst Bresche gelegt ist, gibt’s kein Halten, und man endet dabei, daß
der Wunsch des einen Gatten genügt! Eher bin ich dafür, daß das Band noch
fester geknüpft wird, daß wir, meine Herren, die Verantwortung für unsere
Frauen übernehmen und sogar ihre Verbrechen büßen!“
„Welch wilder Romantiker!“ dachte Lola, auf ihrem Sesselchen im Schatten
des Badekarrens.
„Dafür muß unsere Herrschaft nicht lockerer, sondern noch fester werden.
Meine Herren, es haben sich Richter gefunden, die entgegen dem Gesetz eine
Frau der Verpflichtung enthoben haben, ihren Mann zu begleiten, wohin immer
er befiehlt . . .“
Eine der beiden puppenhaften Blonden mit den rot geschminkten Lidern, die
Contessa Bernabei, wandte sich Lola zu, machte einen Schritt aus der Masse,
daß ihr Schatten darauf fiel, und hob, mit angeregter Miene, nochmals den Fuß.
Als Lola gleichgültig sitzen blieb, trat sie ärgerlich zurück, sprach nach links und
nach rechts, als rührte sie in einem Sandhaufen, — und auf einmal waren drei,
vier Lorgnons auf Lola gerichtet.
Aber eine Stimme, Deneris’ Stimme, zog die Aufmerksamkeit ins Innere des
Kreises zurück.
„Die Furcht vor der Scheidung würde keine Frau vom Ehebruch abhalten und
keinen Liebhaber. Denn in der Leidenschaft fürchten wir nichts.“
„Meine Meinung!“ rief Pardi; und die beiden streckten einander die Hände
hin.
„Mag der Gatte aufpassen!“ höhnte Cavà, knabenhaft hell; und der Chor
erklärte sich fürs Aufpassen.
Die Versammlung bröckelte ab; auch Mai löste sich heraus, mit Deneris hinter
sich.
„Hat er reizend für die Scheidung gesprochen, und auch Sie, Marchese! O! ich
schwärme für die Scheidung. Meine Tochter übrigens auch: Nicht wahr, Lola?“
— und Mai lief trippelnd herbei, ganz unbefangen, wie immer, wenn Leute dabei
waren. Deneris hielt sie zurück; er hatte ihr etwas zuzuflüstern. Mai schüttelte
auf alles den Kopf. Schließlich sagte sie:
„Gut, daß Sie mit Pardi versöhnt sind; jetzt können Sie wieder mit uns reden.
Sonst aber: lieber Marchese, Sie dürfen es nicht übelnehmen, eine glückliche
Liebe würde Ihnen nicht stehen. Ihnen steht eine unglückliche. Als Sie täglich
sechs Stunden gereist sind und sich bei einem Photographen haben erschießen
wollen, da müssen Sie schön gewesen sein . . . Sollen wir jetzt nicht baden,
Lola?“ — und Mai ließ Deneris zurück.
Lola dachte: „Sie ist so dumm, daß sie keine zwei Worte versteht, die etwas
Allgemeines sagen. Gleich darauf aber, wenn es sich um ihren Körper handelt
und um die Sinne eines Mannes, wird sie beinahe geistreich. Muß man als Frau
so sein? Dann bin ich ein verfehlter Mann. Wenn ich hätte auftreten dürfen: wie
ich denen dort die Wahrheit gesagt hätte! Was für eine Gesellschaft! Sie sind
schlaff und unmenschlich zugleich; frivol und philisterhaft, alles beides. Pardi ist
das alles auch: nur heftiger als die anderen. Ich kenne ihn: sich würde er alle
Freiheiten nehmen und seine Frau würde er einsperren. Draußen würde er wie
ein wildes Tier herumstreichen oder wie ein Narr, und in seinem Hause würde er
alles abgezirkelt und niedlich wie in einem Vogelbauer wollen. Kann man so
abscheulich ungerecht sein! Nein, ich möchte kein Mann sein. Oder ich wäre
einer wie Arnold . . .“
Zornig riß sie sich die Bluse auf, — da erschien um die Ecke des Karrens auf
nacktem Hals der Modellkopf des Dichters Merluzzo. Seine Puppenaugen
spähten hinein.
„Was wollen Sie, mein Gott!“
Mai, schon halb entkleidet, schrie und stürzte umher.
„Endlich treffe ich Sie allein. Erinnern Sie sich nicht, daß ich Ihnen eine
Novelle vorlesen wollte?“
Es mußte sofort sein. Lola ließ ihn sich auf die Karrentreppe setzen und
versprach, hinter dem Vorhang genau zuzuhören. Aber die weichliche Stimme
reizte sie noch mehr. Zum Schluß sagte sie:
„Recht hübsch. Aber den Gedanken, daß an der Untreue der Frau auch der
Gatte schuld haben kann, finde ich sehr kühn.“
„Nicht wahr?“ — ganz stolz. „Das sagten mir schon andere: die Idee sei neu
und vielleicht zu kühn. Auch der Conte Pardi sagte es.“
„Das dachte ich mir,“ — Lola schlug den Vorhang zurück und ging in ihrem
Mantel an Merluzzo vorbei. Im Wasser erklärte Mai:
„Ich mag diese Dichter nicht. Dieser ähnelt wieder dem vorigen, dem in
Deutschland.“
Lola antwortete:
„Liebe Mai, solche Leute wie Deneris verstehst du sehr gut;“ — und dann
schwamm sie unter Wasser davon.
Mai sprach sie nicht wieder an. Am Abend ward Lola von Pardi zur Rede
gestellt. Sie sei so unartig, daß ihre Mutter geweint habe, und dabei verschwende
sie das Geld ihrer Mutter. Wie sie dazu komme, die ganze Familie des
Stubenmädchens zu unterhalten. Ob sie nicht sehe, daß der Mann ein Lump sei,
der nicht arbeiten wolle und sie belüge. Sie wisse es, sagte Lola; da er aber
einmal so sei und die Familie Not leide —
„Das ist unmoralisch!“ behauptete Pardi.
„Wenn ich fragen wollte, wem ich helfe, käme ich nie zum Helfen. Glauben
Sie, daß der betrunkene Bauer in Deutschland, den Sie ins Dorf trugen und so
reich beschenkten, würdiger war?“
„Er war ein sehr guter Mann, ich habe mit den Leuten gesprochen.“
„Ich auch. Und er hatte die Messerstiche, weil er gestohlen hatte. Aber Ihr
Geld verdiente er darum, meine ich, nicht weniger.“
Da Pardi nur fuchtelte:
„Sehen Sie, Sie waren in Afrika, haben so vieles hinter sich: ich aber, die ich
nichts erlebt habe, bin enttäuschter als Sie. Sie brauchten mich wirklich nicht so
oft zu belehren.“
Das war ein Triumph! Auch daß er Merluzzos Albernheiten kühn gefunden
hatte, war einer; und daß die süßlichen Bilder im Saal ihn entzückten. Für alles,
was süßlich und veraltet war, für jeden Kitsch war er zu haben. Er mußte als
Held in älteren Romanen vorkommen. Seine Abenteuer, sein Ehrbegriff, seine
Ideen, seine Lebensanschauung und sein Urteil über Menschen rührten von
solchem Helden her. Für ihn gab es natürlich nur Gute und Böse, Ehrenmänner
und Schufte, und wer das Fechten verstand, erhielt sich stets auf der Seite der
Ehrenmänner. Eine Welt, so einfach in ihrer Wildheit, daß es nicht zu glauben
war. Eine Naivität, die manchmal rührte, manchmal empörte: nur Achtung
konnte sie nicht eingeben.
Ihre Beobachtungen rieben sie auf, sie erschrak bei jeder neuen Waffe, die sie
gegen ihn in die Hand bekam, denn mit allen traf sie sich selbst. Sie schlief nicht
mehr, verbarg mit Mühe ihre ständige Gereiztheit, und von früh bis spät war sie
in der Angst, einen Zug an ihm zu bemerken, der ihn entstellte, der ihn
vervollständigte. Nutini war ihr Schrecken; bei jeder Begegnung lüftete er,
feixend oder unter Freundschaftsbeteuerungen, wieder ein Stück von Pardis
Vergangenheit. Pardi hatte die Chiarini, als sie von ihm in anderen Umständen
war, mit dem Wagen umgeworfen, wobei sie umkam . . . Nutini verhehlte nie,
Lola auf den Mut hinzuweisen, womit er sie über den gefürchteten Duellanten
aufkläre. Sie hielt trotzdem das meiste für Verleumdung; aber ein ruheloses
Mißtrauen und eine verzweifelte Lust an seinem Gezischel trieben sie zu Nutini.
Sie standen zusammen abseits, wiesen nach dem Horizont, lachten laut, und
dabei sagte Nutini:
„Sie wissen wohl nicht, warum die Bernabei Sie so viel durchs Lorgnon
ansieht?“
„Die mit dem zusammengedrückten Gesicht und den roten Lidern? Nein.“
„Weil sie Pardis Geliebte ist . . . Ja, man spricht seit zwei Tagen davon, aber
ich habe mich erst überzeugen wollen . . .“
Lola hörte gierig die Einzelheiten von Nutinis Entdeckung an.
„Sie begreifen nun, die Bernabei ist auf Sie eifersüchtig.“
„Aber neulich, als Pardi seine Rede gegen die Scheidung hielt, schien sie sich
mir ganz freundlich nähern zu wollen.“
„Das glaub ich!“ — und Nutini lachte auf, mit großen Falten neben dem
Munde; „Sie wissen wohl, was Eifersucht ist: man muß die Gegnerin kennen
lernen!“
„Nein, ich weiß das nicht. Und ich bin nicht die Gegnerin der Frau Bernabei.“
„Im Ernst? . . . Ich will aufrichtig sein. Die Gräfin hat mich beauftragt, zu machen, daß Sie beide sich kennen lernen.“
„Mich verlangt nicht nach der Bekanntschaft.“
„O! Sie sind nicht eifersüchtig. Sie sind ein bewundernswertes Geschöpf, in
das auch ein ernster Mann sich verlieben könnte. Unglaublich, wie viel Seele in
den Augen dieses Mädchens ist . . .“
Lola dachte: „Für alles andere habe ich Blick, nur nicht für Liebessachen . . .
Jetzt begrüßen sie sich: ja, es ist wahr. Daß ich das nicht früher gesehen habe!
Und doch war sie mir unsympathisch vom ersten Augenblick, und ich habe mich
ihretwegen mit ihm gestritten! Also hat er eine Geliebte: hier gleich neben mir,
die er doch behandelt, als ob ich ihm gehörte . . .“
Gegen die Liebe in ihr vermochte das alles nichts; nur die Last dieser Liebe
konnte es vermehren. Ihr Wachstum war nicht mehr aufzuhalten. Kein Tag, der
ihr nicht Nahrung gab. Noch mit der Verachtung des Geliebten nährte sie sich!
Und ihr Dasein glich jetzt ganz jenem Spaziergang, die letzte Nacht in
Deutschland, als sie in die Luft schlug, aus blinder Angst vor seiner Berührung.
Immer war sie in Angst, sich zu verraten: mochten ihre Worte noch so gehalten
sein, sich mit Blicken zu verraten, wie die Bernabei, mit einer Betonung, die ihr,
sie merkte es, ausglitt, mit einer Bewegung, die entschlüpfte. Stand ihr nicht der
Traum der vergangenen Nacht noch in den Augen, als sie sich, einen steilen Weg
hinab, fest auf ihn gestützt und sich abgespannt und genesen gefühlt hatte?
Konnte er nicht in sie hineinsehen? Drang nicht ihre Leidenschaft ihr durch die
Haut? Sie drang doch bei allen durch, so lang die Terrasse war, so viele
Menschen hier gehäuft saßen, so viele Gesichter sich aufeinander zuneigten, so
viele Hände nacheinander tasteten. Lola sah jetzt dies alles und fühlte es, ohne
hinzusehen. Ein neuer Sinn war ihr gekommen für den Strom, der um diese
Tische und durch diese Menschen lief und von dem der Blick jedes Mannes und
jeder Frau, die sich ansahen, dieses ironisch gedämpfte Einverständnis empfing.
Sie fragte nicht mehr, warum hier zwischen Frauen und Männern kein Gespräch
über irgend eine draußen liegende Sache aufkam. Sie selbst konnte nur noch
darauflos schwatzen, schlaff lachen und, nun Nutini ihr den Hof machte, sinnlos
herausfordernd an seinen Augen haften. Dazwischen empörte sie sich gegen
ihren Zustand, begriff nicht, wie er hereingebrochen sei, schrieb ihn dem
Scirocco zu, der einem den Atem nahm, einen gedankenlos, matt und nach
Schauern gierig machte. Man zog die Mahlzeiten hin, trank, rauchte, — und
wenn man die heiße, schlaffe Hand über das Geländer hängte, traf Regen sie, der
nicht kühlte. Die Gerüche dieser eleganten Menge standen still in der Luft. Das
Meer sandte bleierne Reflexe. Die Blicke erschienen fiebrig, die Gesichter fahl,
gedunsen und von aufstachelnder Zerrüttung.
Lola fand jetzt viele beneidenswert schön. Manche dieser Frauen schminkten sich Masken wie Kokotten. Man mußte das herausbekommen. Man mußte ihren
lauten Chic erlernen. Sie probierte des Nachts. Mai, sah sie, hatte täglich breitere
Kohleränder. Wenn sie zusammen die Terrasse betraten und von der Bernabei
und den anderen gemessen wurden, spürte Lola von weitem den Erfolg. Mais
dunkle, weiche Schönheit und Lolas herbere blonde Eleganz hoben einander. Sie
sprachen unter sich kaum ein Wort, sie hielten beim Ankleiden die Tür zwischen
sich geschlossen, gaben sich keinen Rat mehr: — am Fuß der Treppe aber blieb
Mai stehen, um Lola an ihre Seite zu nehmen; und am Strande legten sie
einander die Hand in den Arm und lachten sich zu.
„Wir sind eigentlich wie ein Paar Abenteurerinnen,“ dachte Lola. „Wer uns
nicht kennt —.“ Mit der Wucht des Schreckens vertiefte sie sich dahinein. „Wir
sind immer, ohne irgendwo hinzugehören, durch Europa gezogen, haben nur an
Plätzen gelebt, wo sich Abenteuer finden lassen, — und haben wir keine
gefunden? Womit habe ich, wenn ich die Branzilla abziehe, meine Zeit
verbracht? Auch hatten wir nur unregelmäßig Geld . . .“ Und da hatte sie ihr
Dasein umgesehen, verstand sich, sehr befremdet, auf einmal ganz anders. „Ich
bin es! Ich bin eine Abenteurerin! . . . Die anderen, die es sind, wissen es
vielleicht auch nicht. Man merkt das wohl selbst erst, wenn die Leute es schon
längst sehen . . .“
Sie wehrte sich: „Ich habe doch so viel gelesen; durch meinen Kopf, der jetzt
wohl leer ist, sind doch Gedanken gegangen, wie gewiß niemals durch diese
Köpfe hier. Wenn ich jetzt in diese Gesellschaft gehöre, — noch vor kurzem war
ich doch mit ganz anderen Menschen fast verwandt. Wie war mir zumut, als ich
mit Arnold war? Alles war anders. Frauen, wie diese, die ich jetzt nachahme,
hätten mich gedemütigt durch ihre bloße Gegenwart.“ Dann: „Aber vorher war
ich mit Da Silva. Auch das habe ich in mir. Und das bricht jedesmal mehr durch.
Jetzt bin ich hier und bin so.“
Einen halben Tag lag sie gelähmt von ihren Entdeckungen; und als sie
aufstand, hatte ihre Rolle einen tragischen Sinn bekommen. Wie Mai, die nichts
ahnte, es kläglich gut hatte! Für sie war, sobald Paolo einmal wieder ein paar
tausend Francs schickte, alles in Ordnung. Man mußte sanfter mit ihr sein . . .
Beim Anblick der Bernabei schnellte in ihr ein Stolz auf, der sie erschütterte.
„Diese Frau,“ dachte sie, „wird sich mir vorstellen! Sie wird in das Palais der
Contessa Pardi kommen und sich ihr vorstellen!“ Sie ließ kein Erstaunen über
den Einfall in sich aufkommen. „Ah! Diese Leute halten mich für eine
Abenteurerin. Der Geliebte solcher Weltdame hat nebenher noch eine etwas
verdächtige Bekanntschaft, die er in die Gesellschaft nicht einführen kann. Denn
er hält mich von ihnen getrennt, er behandelt mich wie eine Kokotte. Aber sie
sollen sehen! Er soll sehen!“
Sie verachtete diese Menschen! Und dabei gab die Aufgabe, sich unter ihnen
Platz zu machen, ihr Begeisterung. Nun wußte sie sich wieder unangreifbar,
suchte keinen Schutz mehr vor Pardi, nahm ihn sogar mit auf ihre einsamen
Spazierwege.
„Nicht in den langweiligen Wald, bitte: nach den Bergen zu.“
„Es wird sehr heiß sein — und weit.“
„Sie sehen ganz nahe aus, und droben geht gewiß Wind.“
„Wie Sie meinen . . . Übrigens wiederhole ich Ihnen, daß Sie verschwenden.
Ihre Mama weiß nicht mehr, wie sie die Kleider bezahlen soll, die jetzt wieder
für Sie da sind.“
„Möchten Sie, daß ich hinter der Bernabei zurückstehe?“
„Warum vergleichen Sie sich der Bernabei?“
Lola hörte, wie er stammelte. Sie fühlte sich, da sie den Namen seiner
Geliebten nannte, im Genuß einer Überlegenheit; fühlte, daß ihr kühles Lächeln
ihm unheimlich sei, wie gewissen Wilden eine Jungfrau.
„Ich kenne Sie schon,“ sagte sie. „Sie gehören zu den Männern, die ihrer
Freundin etwas Festes im Monat geben und von ihr verlangen, daß sie darüber
abrechnet. Man kann, denke ich mir, ganz gut eine Menge Geld verspielen und
dann in Kleinigkeiten geizig sein. Nicht?“
„Was Sie sagen, schickt sich nicht für Sie!“
„Nehmen wir an, es wäre eine Frau, eine ältere Frau, die es Ihnen sagte.“
„Sie sind viel zu klug für eine Frau! Übrigens: wozu reden wir. Lange genug
haben wir getan, als ob nichts wäre zwischen uns, als ob wir nicht wüßten, daß
ich Sie besitzen werde, und daß Sie darauf warten. Ihre Klugheit ändert daran
nichts. Was Sie reden, sind bloß Worte; und im stillen wissen wir mehr. Ist es
nicht so?“
Seine Stimme fühlte sich an, wie eine Hand, die im Würgen noch schmeichelt.
„Was Sie sagen, schickt sich nicht für Sie,“ erklärte Lola.
„Sie bringen mich zum äußersten!“
Halb ihr zugewendet, hielt er seine beiden, bebenden Fäuste vor sie hin. Sie
ging weiter, ohne hinzusehen.
„Was hindert mich: was? Wenn Sie die Contessa Dingsda wären oder auch das
Stubenmädchen —“
Er zischte nur noch; aber sie verstand ganz gut: man behandelte sie nicht wie
eins jener Weibchen. Eine Scheu benachrichtigte selbst diesen, daß das nicht
ging. Sehr hochgemut, mit Auflachen:
„Ich nehme an, daß dies alles einen Heiratsantrag bedeutet.“
„Nein!“ — ganz brutal. Lola duckte den Nacken, sie konnte nicht anders. Sie
versuchte zu trotzen:
„Einen Gegner der Ehescheidung könnte ich auch nicht brauchen.“
Aber sie dachte in Panik: „Soll ich sagen: wenn es keinen Antrag bedeutete,
war’s Unverschämtheit? . . . Darf ich das noch? Ich hatte mich ihm
gleichgestellt! Plötzlich schlägt der Mann dann zu: so ist es immer. Dies Nein
werde ich nie vergessen.“ Sie setzte sich hin.
„Gehen Sie, bitte, allein weiter. Ich will hier bleiben.“
„Auf der Mauer, in der Sonne? Ich warte natürlich, bis Sie sich ausgeruht
haben.“
Lola sah nach den Bergen und dachte: „In was für einer Lage! Mai wäre nie in
solcher: sie, die ich so oft dumm finde.“ Sie lachte gewaltsam:
„Wissen Sie wohl, daß Sie ziemlich grob waren? Aber ich verzeihe Ihnen. Für
die dummen Frauen hat man die Galanterie; aber was tut man mit den Klugen.
Da ist man ratlos.“
Dann:
„Die Berge kommen aber gar nicht näher. Kehren wir also um.“
„Sehen Sie, daß Sie nachzugeben verstehen?“ sagte Pardi.
Er trällernd im Tenor, Lola mit Kopfschmerzen: so kamen sie zurück. In ihrem
Zimmer schloß sie sich ein, fand aber keine Ruhe.
„Wenn er mich nicht heiratet, — ich muß mich erschießen! Dies geht nicht
einfach vorüber, das weiß ich. O! wie ich ihn hasse.“
Im Umherirren gab sie ein leises Wimmern von sich. Plötzlich, stehen
bleibend:
„Oder — ist das Haß? . . . Was tut er jetzt? Ist er bei der Bernabei?“
Sie horchte an Mais Tür, öffnete leise: Mai war nicht da.
„Und was tut Mai?“
Fieberhaft trieb es sie nach allen Seiten. Keinen Augenblick konnte sie länger
allein bleiben. Da kam Mai, und hatte wieder dies verdächtig Unsichere.
„Woher kommst du?“ fragte Lola hastig. Mai stutzte, und ihr Blick, der um
Teilnahme gebeten hatte, verschloß sich. Lola mußte sich erst sanft machen;
dann erfuhr sie, Mai habe wieder einmal Pai erblickt, vorhin, während ihrer
Nachmittagsruhe, — aber noch seien ihre Augen offen gewesen; Pai sei von
links gekommen und habe ein schrecklich ernstes Gesicht gehabt.
Mais sklavische Angst entrüstete Lola auch diesmal. Sie wollte sagen: „Wenn
du mit vollem Magen schläfst —“ Aber sie sagte:
„Pai ist offenbar nicht zufrieden mit dir. Wundert dich das?“
Mai sah vor sich hin. Ihre Brust ging immer heftiger. Da fiel sie Lola, ohne ihr
in die Augen zu sehen, um den Hals.
„Willst du Pardi? Ich lasse ihn dir. Ich begnüge mich mit Botta.“
Lola vermochte nichts gegen die eigene Gereiztheit. Sie erwehrte sich Mais.
„Du weinst mir das ganze Gesicht naß, und ich hatte mich eben gepudert . . .
Wie willst du mir Pardi lassen? Gehört er dir?“
Und Mai, enttäuscht, aus der Stimmung gerissen und auf einmal voll
Feindschaft:
„Also dann wirst du’s sehen!“
„Was werde ich sehen, Mai?“
Sie maßen sich; — und wie Lola dies haltlos und kindlich böse Gesicht
dringend betrachtete, brach ein Schauer von Mitleid über sie herein. „Das ist
doch Mai,“ dachte sie. Da umfaßte sie Mai, drückte sie auf den Stuhl nieder,
legte, vor sie hingekniet, Stirn und Augen in ihren Schoß. Dunkelheit: die tat
wohl. Was sich noch eben so wild angefühlt hatte, war nun abgeschafft. „Es ist
doch gar nicht nötig,“ dachte Lola.
„Ich brauche ihn gar nicht,“ sagte sie und hielt die Augen geschlossen; „ich
liebe ihn gar nicht.“
Mai legte ihr die kleinen weichen Hände um das Gesicht.
„Das kennen wir,“ flüsterte sie nur. Und wie Lola die Lider öffnete:
„Sagte ich’s nicht?“
„Was sieht sie in meinen Augen?“ dachte Lola und ging zum Spiegel.
„Ich habe wohl etwas Fieber, Mai. Meinst du, daß ich heute abend zu Hause
bleiben soll?“
„Ich meine, daß wir jetzt keine Zeit mehr verlieren, sondern dich verheiraten
müssen,“ antwortete Mai wichtig. „Ich muß für dich handeln, sonst kommen wir
zu nichts. Du bist so klug, aber ich sagte dir’s schon oft, eine Negerin weiß die
Männer geschickter zu nehmen als du. Auch betest du zu keinem Heiligen. An
welchen Gott glaubst du eigentlich?“
„Wie willst du handeln, Mai? Daß du ihm kein Wort sagst, du würdest mich
sehr böse machen.“
„Ich habe das Recht, ihm zu verbieten, daß er meine Tochter noch länger
kompromittiert. Man bleibt nicht mit einem jungen Mädchen drei Stunden vom
Hause fort. Laß mich nur machen, ich bin erfahrener.“
Lola wendete sich hin und her.
„Warum muß ich denn heiraten?“
„Damit du einmal zur Ruhe kommst. Weißt du das nicht? Und die Geldsachen
aufhören. Seit Paolo all unser Geld in dieses Ansiedelungsunternehmen gesteckt
hat, kriegen wir immer weniger.“
Mai war ganz Gesetztheit, ganz Vernunft.
„Aber wenn das Geschäft gelingt, sind wir reich.“
„Du selbst hast noch gestern gezweifelt. Besser, wir versorgen dich gleich.“
„Mir widerstrebt es, Mai. Ich werde Pardi nur heiraten, wenn unser Geschäft
gelungen ist. Jetzt mußt du dich wohl anziehen,“ setzte sie rasch hinzu.
„Nein,“ sagte Mai ebenso rasch, und als habe sie darauf gewartet. „Ich werde
mich gar nicht anziehen. Ich bin gut genug, wie ich bin. Aber ich werde dir
helfen.“
„Was fällt dir jetzt ein? Irgend etwas mußt du doch anhaben.“
„Dann ziehe ich das grüne Kleid an.“
„Das die Schneiderin ganz verdorben hat? Und Grün steht dir nie!“
Mai wiederholte mit einer Festigkeit, unter der es zitterte:
„Ich ziehe das grüne Kleid an.“
„Du bist schrecklich!“ — und Lola sah sich verzweifelt nach allen Seiten um.
Daß Mai sich häßlich machen wollte, war ein peinlicheres Opfer, als wenn sie
ihr Pardi freiließ.
„Zu dem grünen mußt du wenigstens Rot auflegen, hörst du?“
„Ich werde mich überhaupt nicht schminken: nur Eau végétale.“
Und Mai ging, von sich selbst erschüttert, hinaus.
An diesem Abend schickte Mai alle Tänzer fort, machte Bekanntschaften unter
den Müttern einiger kleinen Provinzlerinnen und führte sorgenvolle Gespräche
über die Kinder. Dafür ließ sie sich das nächste Mal zu ihrer silberbestickten
weißen Empirerobe überreden; und jedesmal, wenn sie in Pardis Arm an den
Wänden hinglitt, trieb es Lola ihr nach. Sie gab dem eigenen Begleiter keine
Antwort, hing nur an Mais und Pardis Mienen, die zu süß, zu vertieft waren,
quälte sich um die Worte, die er in Mais Corsage sprach, litt unter dem weichen
Seidenfluß um Mais Gestalt, unter den blaßbunten Palmen darauf aus altem
Kaschmir, unter Mais Flimmern und üppigen Gleiten und der nie gestörten
Weiße ihres Gesichts in den breiten schwarzen Haarwellen. Sie selbst erhitzte
sich, ihren Fächer bewegte sie nicht so melodisch, und nie würde sie es
verstehen, solche Hingebung zu spielen! „Diese Männer hier wollen nichts, als
daß man ihren Augen schmeichelt, und allen ihren Sinnen. Das ist alles, was sie kennen.“ Sie ließ sich ins Freie führen, ans Buffet, von einem Raum zum andern;
in aller Hitze klapperten ihr plötzlich die Zähne; und sie begann wahllos zu
schwatzen. „Wie ich mich schäme!“ dachte sie dazwischen.
„Was haben Sie mit Mai gesprochen?“ fragte sie Pardi und lachte.
„Wir haben uns gestritten. Ihre Mama will nicht, daß ich mit Ihnen spazieren
gehe. Sie wissen, daß ich darauf nicht verzichte: eher auf alles andere,“ sagte er
mit dieser sengenden Süße. Sie lachte schwächer, schloß eine Sekunde die
Augen; — und in der Sekunde war alles gut.
Beim Hinaufgehen verhielt Mai sich kleinlaut. Am Morgen sah sie verweint
aus, hatte eine Stimme voll Mitleid mit sich selbst, war einfach angezogen und
wollte, nur mit Botta, an den unbelebten Strand unter der Pineta. „Bis zum
nächsten Mal,“ dachte Lola. Denn sie wußte jetzt: Mai opferte sich stückweise.
Immer noch blieb ein Rest Selbstsucht zu bezwingen. Aber ihre unerklärten
Abwesenheiten mit Pardi wurden seltener, und nach ihnen war’s, als flüchtete sie
sich, verstört, zu Lola, als wollte sie nie mehr von ihrer Seite, mit Blicken und
Bewegungen, wie um Schutz und um Verzeihung . . . Lola erinnerte sich seines
furchtbaren „Was hindert mich —“ Vielleicht daß ihn bei Mai nichts hinderte?
Nicht die Scheu, die sie selbst umgab? Nein! Bei Mai nichts. Und Bilder brachen
herein . . .
Kein Mittel gab es, ruhig zu atmen, als wenn man aus jeder Stunde wußte,
was sie getan hatten, sie und er. Lola verbündete sich enger mit Nutini.
„Wir betragen uns zu sehr als Amerikanerinnen, nicht? Mai ist wieder mit
jemand allein fort, ich glaube mit Pardi. Gestern auch, glaube ich.“
„Nein, gestern mit Botta. Sie haben droben an der Düne gelegen. Aber jemand
lag auf der andern Seite und hat sie belauscht. Botta hat zuerst von seiner
Balleteuse geseufzt, dann hat er Ihrer Mama einen Antrag gemacht, und
nachdem er abgelehnt war, hat er sie um Geld gebeten. Es scheint, er steckt, von
der Balleteuse her, noch immer in Schulden.“
„Wie man hier, bei allem Gefühl, praktisch ist. Das gefällt mir. Also Geld
sucht man bei uns? Aber hält man uns denn nicht für Abenteurerinnen? Sagen
Sie’s nur!“
„Mein Gott, manche geben vor, es zu glauben. Wer Ihnen schadet, ist Pardi.
Hat er nicht geprahlt, er werde Sie beide zu seinen Geliebten machen? Ihre
Mama und Sie?“
Lola sah ihm in die Augen: sie waren lügnerisch. „Und doch könnte Pardi das
sagen!“ mußte sie denken.
„Wo und wann hat er das geäußert?“
„Vor aller Welt, noch gestern. Sie und Ihre Mama brauchen nur den Rücken zu
wenden.“
Lola bebte vor Zorn.
„Das lassen Sie ihn sagen? Und Sie behaupten manchmal, Sie lieben mich.“
„Ich liebe Sie,“ wiederholte Nutini, durchdrungen. Gleich darauf nahm sein
Gesicht einen anderen Faltenwurf an.
„Was den Herrn Pardi betrifft, verachte ich ihn zu tief, um seine Prahlereien
wichtig zu nehmen. Niemand nimmt sie wichtig. Übrigens macht er mich nicht
eifersüchtig, denn ich habe die Überzeugung, daß er es viel mehr auf Ihre Mama
absieht.“
Lola zuckte zusammen. Vergebens hielt sie sich vor: „Nur aus Feigheit spricht
er so.“ Sie fühlte sich tief niedergeschlagen und rätselhaft gefangen, wie mit
Stricken aus Luft. Nutinis Ränke, Pardis Unzuverlässigkeit, Mais Schwäche und
Lolas eigene Ängste würden immer so weiter gehen. Eine atemlose Ungeduld
quälte sie auf einmal. Keinen Augenblick länger durfte dies alles dauern. Sie
machte eine Bewegung, als risse sie sich los.
„Daß ihr Männer, kaum daß ihr unter euch seid, von uns Frauen so redet, das
ist mir nichts Neues. Sie erinnern sich, was ich einmal, auf meinem Balkon, von
euch zu hören bekam.“
Nutini legte die Hand aufs Herz.
„Ich war nicht dabei: vergessen Sie das nicht.“
„Auch Sie hätten dabei sein können. Was würde das ändern. Nur von Pardi
glaube ich nichts.“
„Damals haben Sie seine Stimme wohl erkannt; und was seine Worte von
gestern betrifft —“
„Nichts glaube ich, und dürfte es auch nicht; denn —“
Laut:
„Ich liebe ihn!“
Aufatmend, mit Stolz:
„Ja: ich liebe ihn. So ist es. Was wollen Sie dabei tun.“
Sie grüßte und ging. Das tat wohl: etwas Unwiderrufliches war geschehen.
Zurück ging’s nun nicht mehr. Nutini würde dies herumschwatzen. Pardi erfuhr
es . . . Er konnte sie auslachen — oder sie heiraten. „Wenn nicht, erschieße ich
mich.“ Das Mitwissen aller konnte auch einen Druck auf ihn bewirken, konnte
ihn nötigen, sie zu heiraten. „Wie ich berechne! Ich werde wirklich zur
Abenteurerin.“ Gleichviel: wer alles wagte, hatte Rechte auf alles. „Werde ich
mich nicht erschießen?“
Pardi holte sie ein; er war ganz in Flammen.
„Wissen Sie, daß ich den Nutini zur Rede stellen werde? Ihre Duos mit ihm gefallen mir nicht mehr.“
„Wenn sie aber mir gefallen?“
„Das genügt nicht —“ und sie zankten schon wieder, vorgeneigt, mit
leidenden Gesichtern, aufeinander ein. Lola verfiel in die Furcht, er möchte
schon wissen, was sie erst eben gesagt hatte; der Lauscher, der hier hinter jedem
Baume stand, hatte wohl schon gesprochen! Und jetzt, da sie ihm in die Augen
sah, begriff sie nicht mehr, daß sie’s hatte sagen können. „Ich habe mich
aufgegeben, ich habe ihn zu meinem Herrn gemacht!“ In Verzweiflung:
„Was geht Sie’s an: ich liebe Nutini!“
Pardi war plötzlich still. Lola sah verstört beiseite. Er erholte sich.
„Das ist natürlich wieder eine Lüge.“
„Wie kommen Sie dazu —“
„Sonst würde es ihm schlecht ergehen. Aber Sie werden ihn nicht
wiedersehen. Sie werden ihn wegschicken, wenn er Sie anredet!“
„Sie sind verrückt. Sie vielmehr: Sie werde ich besser einige Tage nicht sehen.
Heute Abend fahren wir nach dem Hause, wo Botta die Balleteuse geliebt hat.
Ich bitte Sie, hierzubleiben.“
„Heute Abend überreiche ich dem Kommandanten der ‚Savoia‘ im Namen des
Komitees die Fahne. Sie werden mit mir auf das Schiff kommen.“
„Ich werde im Hause der Balleteuse dinieren.“
„Sie werden mit mir auf das Schiff kommen!“
„Gute Unterhaltung!“
„Ich befehle Ihnen . . .“
„Bitte?“
„Sie werden nicht mit Nutini gehen! Sie werden ihn nicht lieben!“
„Ich liebe, wen ich will.“
„Hüten Sie sich!“
„Morgen reise ich, und er folgt mir.“
„Schweigen Sie! Ich befehle es!“
„Sie befehlen mir? Gehen Sie!“
Die lange Halskette, die von ihren vorgestreckten Schultern herabschaukelte,
knirschte unter Lolas Fingern: sie hatten eine Perle zerrieben. Die andern rannen
auf den Teppich, ein dünner, bunter Regen. Pardi sah zuerst ihn, dann Lolas
dicke Falte, die bewußtlose Wut ihrer Augen, die ganz leise und ohne die seinen
loszulassen, hin und herrückten. Und da gewahrte Lola, wie er rückwärts ging.
Kein Wort mehr sagte er, tastete hinter sich nach dem Türgriff und verschwand.
Lola erstaunte; aber im Begriff, sich aufzurichten, erkannte sie im Spiegel den
ganzen irren Schwung des Hasses, den ihr Körper ausdrückte. Sie setzte sich,
strich sich über die Stirn. „Er hat wohl geglaubt, ich würde ihm in die Augen springen?“ Die Wonne der Freiheit begann plötzlich in ihr zu strömen. „Ich bin
ihn los! Er ist vor mir davongelaufen! Ich kann tun, was ich will!“
Sie stellte sich mit einer Zigarette auf den Balkon. Dann:
„Mai! Mai! Heute abend wird an den See gefahren, den Kanal hinauf. Wir
wollen uns furchtbar amüsieren!“
Und als Mai die Fahne und Pardi einwendete:
„Er ist vor mir davongelaufen! Wir sind ihn los! Mai! wir wollen tanzen!“
Ohne Mai Fragen zu erlauben, drehte sie sie herum. Als Mai endlich, atemlos,
zu Wort kam:
„Ich muß aber hier bleiben.“
Dabei verharrte sie, weinerlich und feindlich.
„Mai! du kannst mir nicht in die Augen sehen. Das ist nicht recht. Das ist
nicht recht.“
Und Lola ging aufgebracht durch das Zimmer. Mai klagte:
„Was soll ich denn tun?“
„Wählen!“ antwortete Lola, den Türgriff in der Hand.
„Also . . . fahren wir an . . . diesen dummen See?“
„Und inzwischen packt Germaine! Und wir werden Pardi nie wiedersehen!“
„Das glaubst du selbst nicht,“ sagte Mai.
Sie behandelte den Ausflug mit Verachtung, lehnte es ab, sich dafür anzuziehen
und fragte schon wie man ins Boot stieg, ob es lange dauere. Lola erklärte sich
zu allem aufgelegt. Sie warf den Kindern, die am Ufer des Kanals mitliefen,
Süßigkeiten zu. Nutini hatte eine Gitarre, Cavà setzte sich, seiner Uniform
ungeachtet, eine künstliche Nase auf. Die kreischenden Kleinen blieben
allmählich zurück. Mai nahm die Hände von den Ohren und sagte „Gott sei
Dank“. Die große Stille der leeren Wiesen, der grenzenlos umblauten Kornfelder
ward fühlbar. Mochte Botta ihn verhöhnen: Deneris seufzte ergriffen. Als Lola
zu singen begann, nahm Cavà seine Nase wieder ab. Ihr Lied galt der rosigen
Wasserbahn, die man, ohne je zu landen, ohne je mit Menschen Gemeinschaft zu
wollen, einsam entlang gleite. Nur fremd und gleich wieder entrückt, konnte
man die Menschen lieben, konnte von ihrer Liebe träumen, wie die blauen Pfade
dem Walde entgegenträumen.
Sie sang dies am Boden ausgestreckt, den Kopf im Arm, der sich auf die Bank
stützte. Mai fragte, widerspenstig:
„Riechst du denn nicht die Füße des Ruderers? Was für eine ekle Hitze!
Während wir in unserm kühlen Salon liegen könnten!“
Aber Lola verlangte ein kleines Mädchen ins Boot zu nehmen, das im dünnen Schatten der seltenen Pappeln ein Lamm vor sich hertrieb. Sofort flüchtete Mai
vor dem Lamm an das Ende des Bootes. Die Herren bewunderten es. Unter
Lolas Augen überboten sie sich mit Zärtlichkeiten an die Kleine. Deneris küßte
sie, Cavà schenkte ihr seine Nase, Botta gab ihr, im fetten Tenor, väterliche
Ratschläge, Nutini schnitt ihr Fratzen. Dann sahen alle sie mit wehmütigen
Köpfen an, wie Lola sie in den Armen hielt.
„Ich dachte, Ihr würdet viel lustiger sein,“ bemerkte Mai boshaft.
Und Lola gestand sich, daß sie Komödie spiele; daß der schöne Abend ihr
verloren sei; daß nicht auf der rosigsten Bahn das Glück mitfahre, wenn sie
abgewendet sei von ihm. Leere und Verlassenheit ängsteten Lola. Das Kind fing
an zu weinen: es war an seinem Hause vorüber und glaubte, es solle entführt
werden. Es ward ausgesetzt; — und nun glitt das Boot in den lang
vorgeschobenen Schatten des Waldes. Der dunkle Wasserweg blinkte tief
drinnen auf. Das nasse alte Grün duftete wild und einsam; die Ruderschläge
hörten sich an wie ein Wagnis.
„Ihr habt alle fahlgrüne Gesichter,“ sagte Botta.
„Die Fahrt zur Unterwelt!“ sagte Cavà.
Mai klagte, sie werde sich erkälten. Da wichen die Laubmauern zurück; und
unbewegt, dreieckig, und voll abgründiger Schatten, öffnete sich der See. Das
Haus drüben im letzten Licht sah, über sein Spiegelbild hinweg, weiß und
sehnsüchtig her, wie eine Gefangene, deren Kleid im Wasser schleppte.
„Ich kann nicht glauben, daß sie fort ist,“ sagte Botta, durchdrungen, indes er
die Tür aufschloß.
„Olimpia!“ rief Cavà, unter ein Sofa und schlug sich dabei lockend aufs Knie.
„Zeige uns die Küche!“ verlangte Deneris. „Die gnädige Frau will die Güte
haben, uns eine süße Speise zu bereiten.“
Er sah, die Hand am Herzen, in Mais schmollendes Gesicht.
Dann kehrte Botta mit Lola vor eine noch verschlossene Tür zurück. Er
sperrte auf.
„Das Schlafzimmer!“ — und er seufzte, aus fetter Brust. Lola lächelte
trübselig. Sie gingen hindurch, traten auf den Balkon und lehnten sich über das
Wasser. Botta seufzte nochmals: „Wie oft habe ich hier mit ihr gebadet!“ — und
er spuckte hinab. Aus jener Bucht kam mit Nutinis Geklimper Cavàs frische
Stimme gesprungen.
„Da nun Succi bewiesen hat, daß man ohne Essen leben kann, liebe Nina, will
ich dich heiraten: dann können wir zusammen fasten.“
„Was ist der Mensch,“ sagte Botta. „Ein wenig Gesang, einen Sommerabend
am Wasser, — und ein Herz, das sich alt glaubte, wird wieder ungestüm.
Fräulein Lola, haben Sie Mitleid mit einem, der leidet: holen Sie Deneris aus der Küche, ich muß mit Ihrer Mama sprechen. Alles hängt davon ab!“
„Ich glaube,“ sagte Lola, „Deneris spricht schon mit ihr: er tut es, so oft er
kann.“
„Ein hochherziges Geschöpf wie Sie kann nicht den gemeinen Eitelkeiten des
Weibes verfallen: ich weiß, Sie sind nicht eifersüchtig auf Ihre Mama. Auch
werden Sie es angenehm finden, wenn ein ehrenhafter Mann Ihre Mama heiratet.
Die Sorge um sie, die von Ihnen beiden das Kind ist, nimmt er Ihnen ab . . .“
Lola dachte: „Er hat recht: ich würde sie nicht mehr vor all den Männern
behüten müssen.“ Aber darunter, insgeheim: „Sie würde mir nicht mehr ihn
wegnehmen!“
„Sind Sie meine Bundesgenossin?“ fragte Botta vertraulich. „O, natürlich
erwarten Sie auch Ihren Nutzen davon.“
Da sie errötete:
„Das ist billig . . . Seien wir offen. Mag das dumme Volk hier glauben, was es
will: ich habe mich nach Ihnen erkundigt und weiß, daß Ihr Herr Bruder sehr
aussichtsreiche Geschäfte in Händen hat. Sie werden einmal reich sein. Aber
Ihnen persönlich nützt dies nichts, bevor Sie heiraten, und (ich kenne die Sitten
Ihres Landes) nur wenig, bis zum Tode Ihrer Mama. Machen wir einen Pakt: Sie
begünstigen meine Werbung um Ihre Mama; und im Fall, daß ich sie bekomme,
verpflichte ich mich Ihnen zur Abzahlung eines noch zu bestimmenden Kapitals
. . .“
Lola dachte, ohne sich zu regen: „O mein Gott, und eben wünsche ich mir,
Mai möchte ihn nehmen!“ Sie wandte ihm das Gesicht zu.
„Aber ich habe meine Mutter nicht zu verkaufen.“
Botta sagte im selben väterlich vertraulichen Ton, wie das übrige:
„Sie sind noch sehr jung.“
„Dann warten wir also, bis ich älter bin.“
Sie richtete sich auf. Drinnen war’s nun ganz finster. Cavà und Nutini riefen
nach Licht. Wie man die Speisekörbe auf den Tisch leerte, trat Mai ein, lächelnd,
als brächte sie ein Versöhnungsgeschenk, — und Deneris trug hinter ihr das süße
Gericht. Es ward bestaunt; jeder verlangte gleich eine Probe.
„Du tust ja, als wäre es dein!“ sagte Botta zu Deneris.
„Wer weiß,“ machte er, bedeutsam, und starrte glücklich auf Mai, die an ihm
vorbeilächelte.
„Wie du heute gesund aussiehst!“ bemerkte Cavà.
„Und ich?“ fragte Nutini an Lolas Ohr. „Werden Sie den gesund machen, dem
ihretwegen die Wangen einfallen?“
Bei Tisch, neben ihr:
„Ich kann Ihnen versichern, daß Sie heute ungewöhnlich schön sind. Der andere schadet Ihnen. Sie haben förmlich etwas Beruhigtes. Eine Frau mit Ihren
Nerven braucht einen bequemen Gatten. Ich würde einer sein: Sie dürfen es
glauben. Ich liebe Sie so sehr, so sehr, daß ich sogar bereit wäre, wegzusehen,
wenn einmal eine Laune Sie ankäme . . .“
„Das ist mehr, als ich erwartete,“ sagte Lola.
„Nein,“ dachte sie, „Pardi würde nicht wegsehen. Weder Bottas Vorschlag
wäre ihm eingefallen, noch das, was ich nun gehört habe . . .“
Cavà sah mit knabenhaftem Spott herüber, indes er seinen Uniformrock
aufknöpfte und ihm eine Photographie entnahm. Er stellte sie vor Lola hin:
Pardi!
Alle lachten: da ging die Haustür. „Nun?“ Jemand tastete die Treppe herauf.
Noch rührte sich keiner; man sah einander in die Augen. Cavà lachte laut auf:
„Er wird uns doch nicht alle umbringen!“
Und auf einmal sprangen alle Männer an die Tür. Lola erschauerte vor Grauen
und Stolz. „Welche Furcht haben sie alle vor ihm!“ Sie leuchteten in den Gang;
und auf die Schwelle trat in dürftiger Eleganz ein blasser Kellner aus dem Hotel
und hielt einen Brief hin. „Wer? Wer? . . . Nutini!“ Die andern zogen sich ein
wenig von ihm zurück, wie von einem, den’s getroffen hatte. Er hatte gelesen
und sah erbleicht umher.
„Er fordert mich. Pah!“
„Gratuliere,“ sagte Cavà.
„Endlich!“ — und Nutini schielte hastig nach den Damen. In die Brust
geworfen, fuchtelnd: „Ich habe ihn erwartet! O! ich triumphiere. Zu spät wird er
erkennen, daß er diesmal an den Rechten kam.“
Er schrie den Kellner an:
„Sage dem, der dich schickt, daß er’s bereuen wird! Daß dies sein letztes
Duell sein wird!“
„Beachte die Formen!“ sagte Botta. „Du sprichst mit Pardis Sekundanten.“
„Er sieht verhungert aus, der Sekundant. Er soll essen!“
Nutini drückte ihm, gewaltsam lachend, die Schüssel mit Mais süßer Speise in
die Hand und schob ihn zur Tür hinaus. Mai griff nicht ein; sie hielt eine
angstvoll geballte Faust an den Mund und wimmerte. Lola saß reglos da, mit
erweiterten Augen und ineinander gepreßten Fingern. Nutini nahm den Brief
vom Boden auf, schien ihn nochmals lesen zu wollen. Plötzlich zerriß er ihn in
zackige Fetzen und stampfte darauf. Dann fiel er gegen den Türpfosten, griff
sich, rasch atmend, ans Herz und zerdrückte, unter krampfigen Grimassen,
Tränen zwischen den Lidern. Stockend murmelte er:
„Was will er übrigens von mir . . .“
Sogleich, wie gehetzt, fuhr er wieder auf, schielte wild nach den Damen, gab sich verzweifelt Haltung.
„Laß nur!“ — und Cavà reichte ihm ein Glas Champagner. „Das würde jedem
passieren. Im ersten Augenblick macht solche Forderung uns stolz, im zweiten
besinnen wir uns. Der Pardi ist ja wirklich ein furchtbarer Gegner. Wer aber
seinen Schrecken sehen läßt —“
Cavà, wandte sich den Damen zu.
„— schlägt sich nachher oft am besten.“
Botta bemerkte:
„Aber schön siehst du nicht aus.“
„Schweige!“ schrie Nutini. „Oder ich fordere auch dich und schone dich
ebensowenig!“
„Armer Kerl, s e i n e Forderung geht ja vor; und nachher, wo bist du dann?“
„Sst!“ machte Cavà; — und zu Mai und Lola:
„Die Damen begreifen, daß es in diesem Augenblick unter uns Männern
einiges zu besprechen gibt. Da Sie leider Zeuginnen der peinlichen Sache
geworden sind, darf ich Ihnen sagen, daß sie wohl schon bei Tagesanbruch
geordnet werden wird, und daß wir ein wenig Eile haben . . .“
Deneris bot Mai den Arm, Botta Lola. Sie machten ihnen im Schlafzimmer
Licht und ließen sie allein. Lola ging in einen Winkel, Mai in einen andern. Ein
erregtes Schweigen; — plötzlich, unterdrückt:
„Lola!“
„Mai!“
Und Mai lief Lola entgegen, drängte sich in ihre Arme, die sie empfingen.
„Das darf doch nicht geschehen,“ sagte Lola mehrmals, indes Mai nur
wimmerte. Da entquoll ihr alles auf einmal.
„Mit welchem gefährlichen Menschen haben wir uns eingelassen! O, Lola!
Das hättest du nicht tun sollen . . .“
Ohne auf Lolas Widerspruch zu hören:
„Wir sind viel zu weit mit ihm gegangen; jetzt schießt er, damit er uns allein
hat, um uns her die Leute tot. Warum hast du dich ihm auch widersetzt! Bist
nicht dageblieben, wegen dieser Fahne, wie er’s wollte! Einem solchen Mann
darf man sich nicht widersetzen. Ich habe mehr Erfahrung als du, aber du glaubst
mir nicht. Wird er dich heiraten? Welche Ängste! Was soll ich tun?“
„Beruhige dich, Mai, ich werde verhindern, daß er ihn tötet!“
„Was soll ich tun! Dein Vater erscheint mir, — aber auch Pardi! Nur durch den
finstern Korridor brauche ich zu gehen, und mir ist’s, als hätte ich ihn hinter mir.
Ich bin zwischen ihnen beiden, die mich ängstigen! Aber ein Ende muß gemacht
werden. Wir entkommen nicht anders: er muß dich heiraten. Dein Vater verzeihe
mir, aber ich werde alles tun, damit er dich heiratet: ich werde mich opfern.“
Lola hörte das nur von fern, ohne einzudringen.
„Mai! Mai! Gib doch acht: ich muß verhindern, daß er diesen Menschen tötet.
Ich könnte das nicht aushalten: es wäre durch meinen Leichtsinn geschehen.
Denn ich habe ihm gesagt, daß ich Nutini liebe. Verstehst du: weil ich kokett und
widerspenstig und kleinlich bin und gelogen habe, stirbt ein Mensch. Das ist
furchtbar, das ist das äußerste. Davor muß ich mich retten! Zu allem bin ich
bereit. Soll ich mich ihm hingeben?“
„Nein! Was denkst du denn!“
Eine Pause. Mai löste sich aus Lolas Armen und nahm sie selbst in die ihren.
„Du bist unpraktisch,“ sagte sie mütterlich; und schmerzlich stolz: „Ich bin
viel praktischer.“
„Wie denn, Mai?“
Lola suchte, durch ihre Tränen hindurch, vergebens in Mais Gesicht. In
diesem Augenblick kam Mai ihr befremdend groß vor. Sie selbst fühlte sich wie
ein kleines Mädchen.
Wie sie den Kopf gegen Mais Schulter senkte, traten die Herren ein, sie
abzuholen: alle zusammen, mit Nutini an der Spitze, der Haltung zeigte. Er
beteiligte sich mit Maß und freiem Kopf an der Unterhaltung, die nichts
Kriegerisches hatte. Lola mußte immer nach ihm hinsehen, gequält von nichtiger
Neugier und unablässig versucht, von seiner schlimmen Angelegenheit
anzufangen, wie eine Verbrecherin, die nicht schweigen kann.
„Haben Sie nicht das Bedürfnis, sich zu betäuben?“ fragte sie endlich,
durchschauert. Nein; Nutini war nüchtern und besonnen; er beabsichtigte noch
einige Stunden zu schlafen. Man stieg ins Boot. Vor dem Gesicht des Schiffers,
das plötzlich aus dem Dunkel trat, schrak Lola zurück. Nutini war’s, der sie
festhielt, als ihr Fuß schon das Wasser berührte. Sie haßte dies kurzatmige
Klappen der Ruderschläge; es klang nach Flucht; — und doch wartete, wohin
immer sie ins Dunkel die Augen richtete, kurz und geisterhaft aufflammend,
Pardis bleiches, drohendes Gesicht. Was die anderen ihr sagten, machte ihr
Ungeduld. Mai hatte ganz recht, daß sie Deneris Geflüster abschnitt und ihn bat,
er möge vergessen, was sie vorhin verabredet hätten. Alles sei verändert; sie
könne ihn nicht mehr heiraten. „Natürlich,“ dachte Lola. „Ist nicht alles in
Auflösung?“
Sofort schickte sie nach Pardi. „Wäre ich nur die erste, mit der er spräche!“
Vom Balkon sah sie ihren Boten von Hotel zu Hotel irren und ohne Eile in die
schlafende Stadt biegen. Lola ging bis in den Winkel bei der Tür, übersah das
helle, heitere Zimmer, suchte den Stuhl aus, auf dem er sitzen würde, und nahm
sich zusammen: „Was werde ich ihm sagen?“ „Damit er den Nutini nicht tötet,
mich ihm hingeben? Wie bin ich zu der Überschwenglichkeit nur gekommen? Das dunkle, moderige Haus muß Schuld haben, an dem unheimlichen See. Ich
habe Phantasie, wie ein Mann. Nutini, den es doch am nächsten angeht, ist viel
nüchterner geblieben. Wie die Menschen hier, trotz ihrem Feuer, eigentlich
mäßig und vernünftig sind! Im rechten Augenblick bekommen sie immer ihre
Nerven in die Gewalt. Ich bin sicher, Gugigl hätte sich betrunken. Er fing damals
schon damit an . . . Woran denke ich denn? Gleich wird er da sein. Was will ich?
Ohne Umschweife: ich will, daß er mich heiratet. Und hat er meinetwillen
jemand umgebracht, dann werden vielleicht alle und sein Gewissen ihn drängen,
zu tun, was ich will? Ich müßte also Nutinis Tod wünschen. Das bring’ ich nicht
fertig. Dann muß ich ihm sagen: Es war eine Lüge, ich liebe nicht Nutini. Und
da er mir nicht glauben wird, muß ich hinzusetzen: Ich liebe niemand und gleich
morgen reise ich ab . . . Auch das kann ich nicht. Aber es ist furchtbar, dort, wo
man liebt, keinen Augenblick mit Rechtlichkeit und Sanftmut rechnen zu dürfen,
immer nur mit unbedingtem Drang . . .“ Wieder sah sie auf den Platz, den er
einnehmen würde, und dachte sich dort statt seiner eine verhaltene, befangene
Geste, eine nachdenkliche, verläßliche Freundesmiene: Arnold. Sie seufzte und
schüttelte den Kopf. „Das ist abgetan. Der Zwang und das Leiden der Sinne sind
gegeben und erprobt. Ich kämpfe nicht mehr. Besser ist’s, ich beruhige ihn und
stimme ihn menschlich . . .“
Da schrak sie auf; es klopfte heftig. Erregt trat sie ihm entgegen; der Vorsatz
der Milde war ihr schon entfallen; und sie sagte drohend:
„Wenn Sie sich mit Nutini schlagen, ist zwischen uns alles aus.“
„Ah! wie Sie ihn lieben. Aber lange genug haben Sie mich genarrt: ich werde
ihn töten.“
„Hören Sie die Wahrheit! Ich liebe ihn nicht. Erst wenn Sie ihn getroffen
haben, werde ich ihn lieben. Hüten Sie sich, ihn nicht ganz zu töten! Sie werden
sehen, wie ich ihn lieben werde!“
„O, ich treffe!“ — und sein Gesicht war zerfahren von Haß. Sie rief,
hingerissen, voll Not:
„Was wollen Sie! Sie lieben mich doch nicht!“
„Doch.“
„Dann heiraten Sie mich! Begreifen Sie nicht, daß Sie es mir längst schulden?
Was hält Sie ab? Ich bin aus angesehener Familie, die künftig reich sein wird.
Glauben Sie, sich meiner schämen zu müssen? Nein nein: gerade aus Eitelkeit
lieben Sie mich! und irgend eine zieht Sie von mir ab, die Sie anders lieben.“
„Sie irren sich . . .“
„Sprechen Sie doch!“
Wie dies hassenswert und trostlos aussah: das Schwanken, die Unehrlichkeit
und Unzuverlässigkeit dieses von seinen Launen gequälten Mannes aller Frauen! Und das mußte man begehren: gerade das!
„Was sage ich, irgend eine: alle vielmehr! Sie sind eine männliche Dirne!
Gehen Sie!“
Pardi zischte:
„Danken Sie Gott, daß Sie kein Mann sind!“
„Danken S i e Gott dafür!“
Er rang sich nieder.
„Ich würde mich vergessen; lieber verlasse ich Sie. Ihre Mama hat mich
gerufen.“
Lola, über die Schulter:
„Mai heiratet Deneris.“
„Das ist nicht wahr! Ich werde es verhindern!“
„Gut, auch das noch.“
„Und dann sehen Sie mich wieder!“
Die Tür krachte. Lola ging, die Hände vor der Brust, rasch hin und her. „Was
geschieht nun! Mai wollte ihn mir lassen. Aber im äußersten Augenblick vergißt
man die andern. Mai ist schwach. Wenn er sie statt meiner will, sie heiratet ihn!“
Sie warf sich in Kissen, drückte das Gesicht weg. „Es ist klar, war immer klar:
sie liebt er, nicht mich!“ Tiefer in die Kissen, weit fort. „Was tun sie nun!“ Nein:
auf! Das Haar ordnen! Sich bereit halten, stolz zu lächeln, wenn er eintrat und
die erwarteten Worte sprach.
Da flog, ohne Klopfen, die Tür auf. Er stand da, stürmisches Glück auf seinem
schönen Gesicht. Wie er Lola ansah, kam ihm eine Falte; mit wiedergekehrter
Gereiztheit in der Stimme fragte er:
„Wollen Sie mich also heiraten?“
Sie antwortete, zornig nach vorn geworfen:
„Ja!“