Zwischen den Rassen
Kapitel II
Sie weigerte sich, am Abend darauf die Gäste zu empfangen. Trotz Pardis
Drohungen schrieb sie nicht nur Ricchetti, sondern allen ab. Pardi rächte sich
durch die Herausforderung des Abgeordneten. Als er ihn leicht verwundet hatte,
erklärte er Lola, sein Haus und sie seien wieder fleckenlos, jetzt könnten die
Leute kommen.
„Du irrst dich,“ sagte sie, „ich werde vorläufig niemand sehen.“
Er wollte losfahren, erkannte aber ihre Miene: diese feindlich verschlossene
Miene, der er seit ihrer Heirat nicht mehr begegnet war. „Verrückt,“ sagte er und
ging.
Lola blieb allein mit dem Gefühl, ringsum wispere es von ihr, deute auf sie. Es
war wie das Jucken eines unsichtbaren Ausschlages. Sie konnte nicht mehr
ausgehen, seit ein begehrlicher Männerblick ihr begegnet war. Der hatte gewußt!
Das Laster spürte das Laster heraus! Die Frauen: die reinen Frauen, denen man
zutuschelte über sie! . . . Und ihr Mann, ihr Genosse, dem das alles vielleicht zu
seiner Ehre diente, der sich damit rühmte, trat bei ihr ein, wie es ihm beifiel:
ohne sie zu bemerken, oder scheltend, oder mit einer flüchtigen Liebkosung,
unter der sie sich kalt und stachlich überschauert fühlte. Das war das
Unerträglichste: keinen Fuß breit zu haben, wo sie allein sein konnte, wo keine
fremde Haut an ihre streifte und kein feindlicher Atem ging! Wie sie die
Menschen haßte! Es dürstete sie nach jener Mädchenzeit und nach der scheuen
Einsamkeit der Gewittertage im Bergwald, da sie sich, durch Blitze und
Regenströme vor Menschen sicher, mit Versen von anderen Sternen in eine
Reisighütte barg. Allein und rein, allein und rein sein! Immer wieder stieg ganz
frisches Entsetzen herauf. „Wie ist es geschehen? Wie komme ich hierher? Was
war ich vorher! Welche Kluft!“ Und sie dachte an Arnold. Wenn er wüßte! Wenn
er ihr je begegnete! O, sich nicht zeigen, sich niemals mehr zeigen.
Im geschlossenen Wagen fuhr sie vor der Stadt die ödesten Wege. Pardi verbot
es.
„Weil du verrückt bist, dürfen meine Pferde noch nicht leiden. Vernünftige
Leute fahren die Wege, die dafür da sind, in den Cascine. Auch den Viale de’Colli fährt niemand: er ist zu steil und überanstrengt die Pferde.“
Sein Geiz und seine geistlose Härte, seine unbeherrschten Begierden, sein
elastisches, unbefangenes Hin und Her zwischen einer engen Mannesehre und
jovialer Lockerheit bedrückten sie jetzt mit ihrer Nähe wie eine unheilbare
Krankheit. Und sie hatte es für ein Spiel gehalten, sie zu heilen; war glücklich
gewesen, daß es etwas an ihm zu heilen gab! Von demselben Cesco, dessen
Monatslohn er nicht um fünf Francs hatte erhöhen wollen, hörte sie ihn fünfzig
Francs leihen. Cesco schien geschmeichelt: er eilte lebhaft nach dem Gelde und
bat freudig zum Diner. Lola konnte die Augen nicht von den Schüsseln heben,
die der Diener ihr hinhielt. Pardi plauderte mit ihm. Dann schien ihm aus der
Zigarrenkiste etwas zu fehlen, und Cesco ward des Diebstahls beschuldigt und in
schnell herabgewürdigtem Zustand hinausgeschickt. Als die Notwendigkeit
näher kam, wieder einen Besitz zu verkaufen, erklärte Pardi den grünen
Spieltisch für das fruchtbarste Landgut. Während derselben Mahlzeit entrüstete
er sich aufrichtig über den alten Niccoli, der nun auch seine zweite Frau ruiniert
hatte und noch den Verlobten der mittellosen Tochter durch seine Tyrannei aus
dem Hause trieb.
„Kein Gewissen! Unwürdig, eine Familie zu regieren!“
Dazwischen warf sie es sich vor, daß sie ihn allzu klar, ungetrübt durch ihr
Herz, beurteile. „Er ahnt nicht, daß er ein Paar feindlicher Augen auf sich hat.
Auch verdient er’s nicht: vor unserer Heirat war er derselbe, und ich wußte es.
Ich wußte, er sei brutal, ein Lump und der Gerechtigkeit unfähig. Verklärt,
beinahe durchgeistigt ward das alles durch eine Art Heldentum: durch eine
großartige Eitelkeit und die Bereitschaft, für jedes Nichts mit ganzer
Persönlichkeit einzustehen. Sein Heldentum war eins mit seinem Temperament:
und das habe ich durchgemacht, er hat es an mir abgenutzt, es ist mir verächtlich
geworden. Mit dem, was übrig bleibt, heißt es nun leben . . .
Nicht er hat die Schuld. Manche andere hätte er zufriedengestellt: manches
der unbewußten Wesen, denen er gleicht. Die Verantwortung ist bei mir, die
voraussah. Welches meiner heutigen Leiden überrascht mich denn? Nur der
fleischliche Irrsinn konnte mich vergeßlich machen; aber damals entschloß ich
mich sehend zu meinem Verderben . . . Andere dürfen klagen, daß es keinen
Ausweg, keine Scheidung gibt: ich nicht; ich verdiene sie nicht. Ich darf ihn
auch nicht hassen: nur er mich. Er ist, und ich wußte es, der hochmütige, dumme
Rassemensch, ohne Verständnis für irgend etwas, das nicht sein kleines,
überlebtes Herrenrecht ist. Ich hafte nirgends (wie konnte ich mich vermessen,
hier zu haften!), habe einen Fuß in jeder Welt, in jedem Volk, habe Fühler für
alles, bin allem verwandt. Daß ich ihn verstehe und er mich nicht, das macht
mich rechtlos . . .“
Sie hielt sich zur Geduld an, nahm seinen Zorn hin und die Geschenke, mit
denen er sie, gutmütig, entschädigte.
„Du bringst mir Glück,“ sagte er. „Ich habe bemerkt: wenn ich von dir
komme, gewinne ich.“
Und er forderte eine Umarmung. Er war warmherziger: seine Liebe, anders als
ihre, vertrug sich mit Verachtung; vertrug sich damit, daß er, den Geruch anderer
Frauen noch in der Haut, sich zu ihr legte. Er schlief; sie mußte wachen und
diesem fremden Geruch gramvoll nachgrübeln. Endlich: „Was will ich? Habe ich
nicht gewußt, er werde sich nicht zusammenhalten können für mich? Er sei ein
Abenteurer, der nach allen Seiten lebe, ein unzuverlässiger Spieler, für den
nichts in Spiel oder Leben endgültig sei, und ein immer von seinen Launen
gequälter Mann aller Frauen?“ Als sie ihn zum erstenmal betrunken sah, sprang
eine Erinnerung in ihr auf: der Leierkastenmann, der einst mit seiner feurigen
Blässe den Geschichtslehrer Herrn Dietrich in ihren Backfischträumen abgelöst
hatte, dem sie all ihr Taschengeld zugeworfen hatte, und der betrunken gewesen
und verhaftet worden war. „Alles wiederholt sich oder erfüllt sich. Es ist
bestimmt; ich muß es aushalten.“ Er war gerade so unwissend wie der
Leierkastenmann; manchmal rührte er sie. Er begriff nicht, warum sie für ihn
erloschen sei, kämpfte knirschend, damit sie sich wieder entzünde, konnte eigens
aus seinem Toilettezimmer treten, um ihr seine Muskeln und seinen Torso
vorzuführen. Von einer Reise schickte er ihr sein Bildnis, nackt, mit gespreizten
Beinen und die Hände auf den Hüften. Dazwischen forderte er einen Sohn von
ihr. „Wo bleibt Giovannino?“ Und im Frühling: „Wehe, wenn das Jahr vergeht,
ohne daß Giovannino kommt!“ Aber jedesmal vergaß er’s wieder für lange.
Sie dachte mit Befremden und mit Widerwillen an die Möglichkeit. Ein Kind,
von diesem fremden Manne? Sie konnte sich nicht vorstellen, daß durch dieses
ihr gleichgültige Haus ein Kind von ihr laufen solle, ihr wahres Kind. „Es würde
nicht meins sein, es würde mich nicht kennen, mich nicht lieben. Die Rasse des
Mannes ist so viel stärker, sie würde mich überwältigen, noch in dem Geschöpf,
das ich hervorbrächte. Es wäre seins, es würde zu diesen Fremden hier gehören.
Ich will es nicht: ich will nicht die Fremden bis in meinen Leib . . .“
Kaum ertrug sie noch diese Menschen: ihre lauten, schleierlosen Gebärden
und Stimmen, all das gierige Leben in den gewölbten Augen. Durch einen Salon
sandte sie einen trostlosen Blick über das heimliche Aneinanderstreifen der
Hände, der Wünsche, über die spöttelnde Wollust der Lippen, die sich
anlächelten, über das in allen wache Geschlecht, — und plötzlich entwich aus
diesen Toiletten, diesen schlanken Fräcken ein Qualm tierischer Gerüche und
erstickte sie. Und an diesem Getriebe sollte sie noch in Viareggio beteiligt
gewesen sein, es durch Leidenschaft vergoldet gesehen haben? Jetzt sah sie’s ohne Glorie und nüchtern. Sie mußte sehen; ihre Beobachtungen sprangen sie
an, wie böse Hunde. Dem kleinen Sandrini drückte alles die Hand, und alles
wußte, daß er falsch spielte. Aber seine Frau war die Tochter des Präfekten. Lola
dachte: „Wenn Pardi nicht seinen Degen hätte —“ Der Trappola zeigte eine
Zigarettendose umher, und seine Schwester bewegte den Fächer vom Baron
Bergmann, dem auch die Dose gehört hatte. Gastgeschenke. Für mehr als eine
Familie waren Gastgeschenke der sicherste Teil ihres Einkommens; die Unehre
der Frauen ergänzte das Glück im Spiel. Jeder gewährte allen Nachsicht. Kein
Mensch fühlte hier die Nötigung, vor sich selbst ohne Flecken zu sein. Die
äußere Geltung, das Übereinkommen war alles. Sie machten, bei ihrer
animalischen Tüchtigkeit, den Eindruck moralisch unendlich Ermatteter. Die
Spitzbüberei war bei diesen Enkeln großer Bankiers blutarm und kleinlich. In
ihrem Geist schienen die Federn verbraucht; er wiegte sich, hart und platt, wie
die Chaise einer zu alten Staatskutsche, auf den verjährten Ideen aus ihrer
großen Zeit. Man glaubte ihnen nicht, daß sie anderswo noch dachten, als in
Gesellschaft, um „Figur zu machen“, des Pompes wegen. Auch geistig waren sie
arme Dandys, die zu Hause nicht aßen. Nichts erneuerte sich hier; kein
Vermögen, kein Ideenvorrat. Und im Wegsehen von allem Zeitgemäßen eignete
ihnen dieselbe klägliche Einmütigkeit, wie im Vertuschen ihrer Schmutzereien.
Eins nur war unverzeihlich: anders zu sein. Ricchetti, dem Abgeordneten, der
aus gutem Hause war, sagte man Verbrechen nach. Mußten sie nicht in Lola die
Kritik spüren? „Wenn Pardi stürbe, würde man aufbringen, daß ich ihn vergiftet
habe.“
Plötzlich ward die Bernabei von ihrem Gatten erwischt: mit dem Leutnant
Cavà. Die Männer schossen sich ergebnislos, Cavà ward nach Sizilien versetzt.
Von der Bernabei, deren elf Liebhaber jeder herzählen konnte, zog sich von
heute auf morgen alles zurück, ihre Eltern mit den übrigen, samt ihrer Schwester,
die genau aussah wie sie und statt elf nur neun Liebhaber gehabt hatte. Ihr Mann
setzte ihr ein Monatsgeld aus, unter der Bedingung, daß sie auf dem Lande lebe.
Lola ging zu ihr: so sehr empörte sie die allgemeine Heuchelei. Diese Frau war
die letzte Geliebte Pardis vor seiner Heirat gewesen; sie und Lola hatten eine
feindliche Anziehung füreinander gehabt: — nun schämte Lola sich, sie am
Boden zu sehen. Sie konnte nicht ganz schlecht sein, wenn Cavà, der
anständigste von allen, sie geliebt hatte. Cavà kam, um Abschied zu nehmen.
Lola fragte ihn geradeaus:
„Sie müssen die Gräfin sehr geliebt haben.“
Er schlug die Augen nieder.
„Und wenn auch nicht,“ sagte er dann. „Jetzt muß ich ihretwegen in die
Verbannung, mehr kann sie nicht verlangen.“
Schmollend und mit knabenhaftem Erröten:
„Leid tut sie mir . . .“
„Mir auch, — und ich möchte es ihr sagen.“
„Um Gottes willen! Wie können Sie mit der Frau noch verkehren!“
. . . Und der war der Anständigste! Lola ging sogleich zu ihr, hinter die
Ringallee, in die halbbebaute Vorstadtstraße, am Rande eines Scherbenfeldes.
Alles stand weit offen; niemand zeigte sich; und mit Mühe gelangte Lola durch
das wackelnde Gerümpel über den Flur. Ein armer Salon, die Wände
volkstümlich bemalt, wie in einer Kneipe; und nichts darin als ein
Damenschreibtisch, eingelegt, bedeckt mit Gegenständen aus Silber, und auf
einem Samtkissen darunter ein Mops: der Mops des Hauses Bernabei. Lola
mußte husten von dem scharfen Mauergeruch.
„Contessa!“ sagte darauf eine einladende Stimme. Die arme Verwandte der
Hausfrau watschelte herein, mit demselben schiefen Kopf, mit dem sie die
Honneurs des Palazzo Bernabei gemacht hatte.
„Setzen Sie sich doch, Contessa . . . Ach Gott, kein Stuhl!“ — und bestürzt
ließ sie ihre frisch gestärkte Frisierjacke los, die sich auftat. Ein wulstiges
Gewoge, in ergraute Leinwand gewickelt, ward sichtbar. Sie eilte nach Sitzen.
Lola trug selbst einen Strohstuhl herbei.
„Wir wissen es sehr zu schätzen,“ sagte die Alte, „daß Sie sich für unser neues
home interessieren. Auch meine kleine Nichte weiß es zu schätzen. Da kommt
sie.“
Die Bernabei blieb in ihrer eleganten Matinee vor der Tür stehen.
„Stefano! Diomira!“ rief sie rückwärts ins Dunkel. „Hier versperren Sachen
den Weg.“
Da niemand antwortete, trat sie mit Achselzucken ein.
„Sie wissen wohl, Contessa, die Dienstboten . . .“
Lola stimmte rasch und verlegen bei. Es eilte ihr, über dieses, wahrscheinlich
gar nicht vorhandene Gesinde hinwegzukommen. Aber die Bernabei fuhr fort
und ordnete, wie sie sich auf den Strohstuhl setzte, sorgfältig ihre Falten:
„Was sagen Sie zu der Wohnung? Mein Gott, die Auswahl war in diesem
Augenblick natürlich nicht groß.“
„Sehr hübsch,“ brachte Lola hervor.
„Ich hoffe, ich werde hier meinen Kreis empfangen können.“
Lola verstummte. Die Lider der Bernabei klappten, auch heute rot
geschminkt, auf und zu über den kleinlich besorgten Augen.
„Wer hat Ihnen das Kleid gemacht?“ fragte sie.
Und Lola sah entsetzt von ihr zu der Verwandten. War diese Frau durch ihr
Unglück verstört? Nein: sie hatte dieselben Augen; jedes blaßblonde Haar lag an seinem Platze. Diese ärmliche Korrektheit, während Empörung sie hätte
zerreißen müssen! „Du mußt doch fühlen . . .“ wollte Lola sagen. „Heuchle nicht
mit mir! Was liegt daran. Du denkst weder an mein Kleid noch an deinen Kreis.“
Sie entschloß sich:
„Ich komme, Ihnen zu sagen, wie ungerecht ich Sie behandelt finde.“
Die Bernabei sah sie zwinkernd an. Weinerlich:
„Sagen Sie das nur! Eine Unschuldige so zu verfolgen!“
„Wenn das nicht abscheulich ist!“ ergänzte die Verwandte. Lola, betroffen:
„Sie hätten sich nichts vorzuwerfen?“
„Aber gar nichts. Ich werde verleumdet.“
Die Verwandte half nach:
„Schändlich verleumdet. Das Kind ist rein wie ein Engel.“
Der künstlich in die Länge gezogene Ton der Bernabei, das falsche Gegreine
der Alten widerten Lola an.
„Immerhin erzählt man manche Einzelheiten. Auch sollen Sie alles
eingestanden haben.“
„Was man mir abgepreßt hat. Konnte ich mir denn noch helfen?“
„Eine wehrlose Frau!“ klagte die Verwandte.
„Ich möchte Ihnen glauben. Ob Cavà lügt? Wozu aber? Ich sage Ihnen offen:
er war bei mir, um Abschied zu nehmen.“
Die Bernabei fuhr auf.
„Ah! er geht umher und schwatzt.“
Und sie brach in unschönes Weinen aus. Der Mops unter dem Schreibtisch
stand auf und knurrte. Die Verwandte tröstete:
„Arme Kleine, sieh mich an, du hast noch Freunde.“
Die Bernabei hob das Gesicht aus den Händen.
„Wie gut, daß wir sein Kissen mitgenommen haben!“
Sie sah sich im leeren Zimmer um.
„Wenn nur er sein Kissen hat!“
Der Mops schien sich dasselbe zu sagen. Er drehte sich mehrmals auf seinem
Samtpolster um und ließ sich darauf zurückfallen. Die Verwandte schüttelte den
Kopf.
„Wir werden hart bestraft, unser Unglück will es. Und doch hätte es gut
ablaufen können.“
„Ob es gekonnt hätte!“ — und die Bernabei belebte sich. „Ich bin ein Opfer
der Männer, ihrer Dummheit und ihres Eigennutzes. Wegen einer Zigarre,
verstehen Sie: wegen einer Zigarre verfeindet mein Mann sich mit Attilio und
beschließt, uns zu überraschen! Als er dann mit der Polizei herbeirückt, will der
Himmel, daß meine Jungfer ihn rechtzeitig erblickt und uns warnt. Ich verlor nicht die Besinnung, ich habe mir nichts vorzuwerfen! Gleich wußte ich, was zu
tun sei, und wäre man mir gefolgt, wäre alles gut gegangen. Ich befahl der
Diomira, ins Kabinett zu treten. ‚Der Leutnant‘, sagte ich, ‚wird mit dir gehen.
Du schließt ab, und verlangt man, daß du öffnest, zeigst du dich mit
emporgehobenen Röcken im Türspalt. Man wird deine Zurückgezogenheit
achten . . .‘ Es war die Rettung, und es war so einfach. Werden Sie glauben, daß
dieser Cavà sich weigerte? Er fürchtete, sie möchten ihn dennoch entdecken, und
lieber als an solchem Orte, wollte er in meinem Schlafzimmer gefunden werden!
Die Lächerlichkeit scheute er, und doch handelte sich’s um die Ehre einer Frau!“
Die Verwandte verdrehte die Augen.
„Was für Männer heutzutage! Ihr wäret so sicher durchgekommen . . .“
Sie verbreitete sich über die Lage der Örtlichkeit, an die die Rettung gebunden
gewesen war. Lola hielt nicht mehr aus.
„Und wenn schon. Wären Sie auch durchgekommen: Sie wären doch nicht
weniger schuldig, als Sie sind! Und heute, da man Sie überrascht hat, sind Sie
doch nicht verwerflicher, als gestern, da man noch tat, als wüßte man nichts.“
„Das ist ein Unterschied,“ sagte die Bernabei, mit gedrücktem Lächeln.
„Ihr Gatte wußte darum!“ rief Lola. „Ist es nicht empörend, daß er Sie opferte,
nur weil er sich mit Ihrem Liebhaber gezankt hatte?“
Die beiden Frauen wehrten mit kundigen Mienen ab. Aber Lola war im Zuge.
„Empört Sie’s denn nicht, daß jetzt plötzlich alle jene Frauen Sie verleugnen,
die Ihre Schuld längst kannten, und deren eigene Vergehen jedem bekannt sind?“
Die beiden warfen sich einen Blick zu.
„Wen meinen Sie?“ fragte zögernd die Verwandte.
„Wen sollte ich meinen? O! mich ersticken hier Ungerechtigkeit und
Heuchelei.“
Und da sie sich von den kalten Augen der Bernabei beobachtet sah, als redete
sie irre:
„Sie fühlen wirklich nicht Menschenwürde genug, um sich zu empören?“
Unvermittelt fiel jene wieder in Heulen. Der Mops knurrte wieder, aber ohne
sich vom Kissen zu bemühen. Die Bernabei wimmerte:
„Bedenken Sie, wie wenig fehlte, und alles wäre gut gegangen!“
„Allerdings“, sagte Lola, beschämt, weil sie hier saß. Die Bernabei ordnete
ihre beringten Finger im Schoß, lehnte sich zurück und vernichtete in ihrer
Miene jeden Ausdruck. „Richtig: man muß vor allem sein Gesicht schonen,“
dachte Lola. „Solange es hübsch bleibt, ist nichts verloren. Man hat keinen
Erfolg gehabt und ist dafür mit Recht bestraft worden. Aber was kann man am
Ende mehr wünschen, als eine gute Schneiderin und ein Zimmer voll von
Anbetern. Schließlich darf es auch dies Zimmer sein. War man im Grunde nicht immer schon, was man jetzt ist? Die Veränderung ist fast nur äußerlich . . . Da
sitzt sie, zurechtgemacht, als wartete sie auf Männer. Die andere hat schon jetzt
etwas von einer Kupplerin.“ Plötzlich fiel ihr ein, daß die Bernabei dorthinten
Kinder zurückgelassen habe. Sie fühlte Tränen kommen und stand hastig auf.
„Sie gehen also nicht aufs Land, Contessa?“
„Es wäre nicht der Mühe wert. Mein Mann ist im Begriff, sich zu ruinieren; er
würde mir die Pension nicht lange auszahlen. Lieber vermiete ich gleich
Zimmer.“
Die Verwandte sagte:
„Sie, Contessa, die Sie viele Fremde kennen, bitte, empfehlen Sie uns!“
Schon tags darauf kamen aus ihrem Gespräch mit der Bernabei entstellte
Bruchstücke zu Lola zurück. Sie hatte der Verurteilten recht gegeben. Sie hatte
Namen von solchen genannt, die auch nicht besser seien, und erklärt, daß sie die
Geopferte rächen wolle. Am Nachmittag, im Salon Valdomini, begegnete sie
entsetzten Blicken. Sie ward umschmeichelt: auch von Männern; und nicht nur
von den Liebhabern, auch von den Gatten derer, die Enthüllung zu fürchten
hatten. Ganz übel vor Verachtung, schloß sie sich ein. „Ich werde mich nicht
hineinfinden,“ sah sie. „In der Fremde ist alles Feind, und ich bin in jedem
Lande fremd.“ Sie hatte Tränenkrisen. Sie fühlte sich erstickt, riß das Fenster
auf; die dumpfe, schmutzige Regenluft schlich ihr entgegen, und sie meinte,
Ungerechtigkeit und Heuchelei griffen ihr an den Hals. „Und ich hatte, den
gestrigen Schritt zu tun, kein Recht. Ich bin Pardis Frau, er muß aufkommen für
das, was ich mir erlaube. Habe ich nicht, als ich ihn heiratete, seine Welt zu
meiner gemacht? Wie will ich, ein losgelöstes Geschöpf, durch keine
Gemeinschaft gerechtfertigt, diese Welt hier richten! Sei sie, wie immer, sie ruht
doch in sich und ist zufrieden. Die Miene der Bernabei! Ich hätte ihr von den
Gebräuchen ferner, wilder Inseln sprechen können . . . Ich will allein bleiben,
allein.“
Pardi begriff nicht, warum sie ihn nicht sehen wolle:
„Ich bitte dich, Lieber, laß mir das Schlafzimmer allein! Mir ist nicht wohl.
Siehst du nicht, wie ich häßlich geworden bin?“
Er fuhr auf.
„Schon wieder Launen?“
„Ich versichere dir: ich bin krankhaft gereizt; ich habe Übelkeiten. Ich würde
dich stören.“
Und er, plötzlich sehr sanft:
„Ist es so weit? Giovannino?“
Sie griff sich ans Herz.
„Nein! Das nicht!“ stammelte sie, entsetzt und flehend.
Er sagte überzeugt:
„Schämst du dich nicht? Dieser Ton ist empörend von seiten einer Mutter,
oder von einer, die es sein sollte!“
Er faßte hinter sich, durchs offene Fenster, nach der Grafenkrone, die an der
Hauswand schwebte. Er klopfte den runden Arm des Majolikaengels, der sie
hielt. Mit Nachdruck:
„Nur über dem Haupte einer Mutter tragt ihr sie! Andernfalls —“
Im Fortgehen, über die Schulter hinweg, stieß er den Refrain aus:
„— geh nur zu dem Tor wieder hinaus, durch das du gekommen bist!“
Sie lehnte sich ans Fenster und sah starr hinunter auf den blanken, frommen
Kopf der Madonna, die die Verkündigung vernahm. Eine wehmütige Eifersucht
beschlich Lola . . . Sie schüttelte sich, sie trat vom Fenster weg. Aber ein Drang
ängstete sie heimlich, nach der Frau, die die Botschaft empfing. Zu Fuß verließ
sie das Haus, nur um gegenüber sich ungesehen in einen Flur zu stürzen und
hinzuspähen. Da knieten sie, links und rechts des Torgiebels, in ihren
spiegelnden Gewändern und beide mit zusammengestellten Handflächen, die
Jungfrau und der Engel: er stürmisch hingeworfen, sie geordnet und still, als
habe sie ihn erwartet. Die Lilien und die Rosen waren ihrer Mutterschaft zu
Ehren schon entsprossen, die bunten Vögel sangen ihr schon, und schon hoben
die Kinderengel über ihr Haupt die Krone. Bis unter die Fenster des zweiten
Stockwerkes war das weite alte Haus bedeckt mit der Schaustellung der
Mutterschaft, mit ihrer Verklärung. Ihr, der Mutter, gehörte es. In ihr vereinigten
sich alle die Frauen, die je in diesem Hause ein Kind erwartet hatten. Und noch
immer erfüllten und bewachten sie es, waren sie seine Herrinnen. Nicht die
Einsame, Unfruchtbare war’s, die sich sträubte, zu empfangen und allein bleiben
mußte. Als sei sie daraus vertrieben, mied Lola das Haus. Im Dämmern erst
schlich sie sich hinein, tastete durch die dunkeln, dumpfen Säle des ersten
Stockwerkes und öffnete die Tür nach dem schmalen Balkon. Da stand sie nun
zwischen den beiden, die größer waren als sie, deren Züge und Gebärden so viel
kerniger waren, und die ihrer nicht achteten. Lola mußte die gesenkten Lider der
Jungfrau mit dem Finger bestreichen, mußte in das kleine tiefe Ohr spähen,
durch das die Botschaft ging . . . Ganz still war’s in der alten Straße. Die Rosen
und Lilien sprossen umher, um sie drei; die Flügel des Engels zitterten noch vom
Fluge. Da setzte seine Stimme ein: seine glockenhafte, unerbittliche Stimme,
und verkündete. Wild erschreckt warf Lola die Tür zu.
Sie lehnte an dunkler Wand, und ihr Herz schlug laut. Die eiserne Laterne zu
Füßen der Jungfrau knarrte. Ihr ward Licht gemacht, indes Lola im Dunkeln Furcht litt. Dann fiel von drüben ein weißer Schein in den Saal. Lola seufzte auf
und wandte sich. Da waren sie! Da blickten sie von den Wänden, die Frauen, die
in diesem Hause ein Kind erwartet hatten! Feindliche Neugier zog Lola zu
ihnen. Welche ruhigen Tieraugen, immer dieselben: in gepuderten Locken oder
zwischen glatten Haarbändern, immer dieselben. Aus so vielen Häusern der
Stadt diese Frauen in dies Haus gezogen waren, sie glichen einander im Blut.
Umringt von ihren Blutsverwandten, hatten sie ihr Kind geboren und
aufgezogen, hatten es in ein anderes Haus verheiratet, und der Strom
unverfälschten Blutes war gelassen ein- und ausgeströmt. Von den Männern trug
keiner die Schönheit Pardis. Aber ihre härteren Gesichter waren nur das strenger
bewahrte Gefängnis derselben Leidenschaften; und wenn Lola ihnen lange in die
Augen sah, traten in alle die Begierden, die sie kannte. Sie atmete bedrängt.
Diese alle wollten sie überwältigen; sie forderten von ihr das Kind: das Kind, das
sie dem Hause schuldete! . . .
Da sah einer sie an: ein Jüngling, fast ein Knabe, mit weichen, traurigen
Haaren über dem hohen weitoffenen Tuchkragen, den gepufften Ärmeln des
Fracks. Auch aus dieses Knaben weißem Gesicht stand, wie bei den andern, der
Mund feuchtrot hervor und fleischig; aber dies Fleisch schien zu seufzen über
sich selbst. Die braunen, gewölbten Augen betrauerten es, untröstlich. Und die
Stirn, die sanfte Wange neigten sich dem Schatten zu, als wollten sie sich ganz
von ihm überziehen lassen. Lola sah ihn in Schatten dahin gehen, den Kopf noch
halb zurückgewendet, und doch schon fremd dem Hause, über dessen Schwelle
er hinwegtrat, und der Straße, ihren Fenstergittern, Fackelringen und
Steinbildern, und den Brücken mit dem Geräusch der Buden, und dem Domplatz
und den schön geschminkten Frauen darauf, deren Augen ihm winkten und die
er nicht ansah. Letztes Abendgold beglänzte schwach die Hügel; und zwischen
ihnen, auf Steinen, an einem Pfad den niemand schritt, fand er eine arme Frau,
eine arme, häßliche und fremde Frau, die keine Gemeinschaft hatte und ihres
Weges müde war. Er legte sich zu ihr auf die Steine; er folgte ihrem Weg mit ihr;
und er bekam ein schönes Kind von ihr: ein schönes, heiteres Kind von der
traurigen und häßlichen Frau. Lola gab ihm, ohne darum zu wissen, einen
Namen: dem Kinde und seinem Vater, — indes sie, den Kopf gesenkt, aus dem
Saal, die Treppe hinauf und in ihr Zimmer ging.
Seit sie sich nicht mehr blicken ließ, suchten täglich Freundinnen bei ihr
einzudringen. „Sie fürchten mich. Claudia ist die einzige, der an mir liegt. Nur
sie will ich sehen.“
Claudia kam zögernd herein.
„Hast du etwas gegen mich?“
Und als Lola lächelnd den Kopf schüttelte, schnellte Claudia ihr, aufjubelnd,
an die Brust, drängte, rieb und schmiegte sich, ein warmes, liebebedürftiges Tier.
Ihr Gesicht hatte vor Traurigkeit in lauter kleinen matten Polstern
herabgehangen, und auf einmal war es ganz fest und klar vor Glück.
„Wie schön, daß du mir nicht böse bist! Ich habe dich so lieb!“
„Und ich bin froh, daß ich dich habe, Claudia. Ich fühle mich oft sehr allein
und traurig.“
„Und dann liest du und machst dich damit noch trauriger. Man soll nicht
lesen: noch dazu dies.“
Mit tiefem Mißtrauen in jedem ihrer Kinderfinger, faßte Claudia das Buch an.
„Das ist deutsch? Du verschließt also deine Tür und liest deutsch. Das heißt,
du willst mit uns allen nichts mehr zu tun haben. Du bist mit uns fertig, du
findest uns falsch und äußerlich.“
Von unten, schlau und ruhig:
„Ist es nicht so?“
Lola zog die Wange der Freundin an ihre.
„Ah, du willst nicht, daß man dir in die Augen sieht! Aber ich weiß alles. Das
Unglück der Bernabei hat dich empört, denn du bist eine ehrliche Deutsche. Du
stehst nicht, wie sie sagt, auf ihrer Seite: hat sie doch ihren Mann betrogen, und
das ist schlimm. Aber wir dürfen keinen Stein aufheben, meinst du. Wir sollen
selbst erst ehrlich sein, meinst du, sollen uns von unserm Manne trennen, bevor
wir einen Liebhaber nehmen. Ist es nicht so?“
„Was du alles weißt!“ — und Lola liebkoste das eifrige Gesichtchen. Unter
ihrer Hand bewegte es sich, wechselte, und was Claudia so feierlich enthüllt
hatte, sah nun aus wie ein Witz.
„Wie du mich verstanden hast! Und wie du es gut sagst, mit deinem rollenden
und singenden neapolitanischen Munde!“
Dies hübsche, gelehrige Äffchen, von dem nachgesprochen, Lolas Gedanken
weniger untröstlich klangen: wie eine etwas triste Posse nur! Dessen nächste
Miene sich immer über die vorige lustig machte, bis keine mehr galt! „Wer sich
auch so rasch abtun könnte! Man müßte sich ein wenig geringer achten, und man
hätte es so viel leichter“ . . . Aber Claudias Mundwinkel hingen schon wieder.
Die Augen, unter schwer fallenden Lidern, starrten aus den Winkeln.
„Eine Sünderin: ja. Aber bedenke auch, wie furchtbar das Frauenleben ist!
Welche Schrecken uns drohen jeden Tag! Hast du gehört, was der Beamte in Via
del Mezzo mit seiner Frau getan hat? Nun siehst du! Er kommt, mit einem
Fiasco unter dem Arm, die Treppe herauf.“
Claudia ahmte seinen Schritt nach. Sie ließ sich breit am Tisch nieder.
„Er will weitertrinken; die Frau rät ihm ab, sie wirft ihm sein Laster vor. Er
antwortet nicht; er schweigt und trinkt. Als er fertig ist —“
Claudia wischte sich mit der Handfläche den Mund.
„— steht er auf, holt einen Strick und —“
Claudia stand, von Grausen erkältet, sehr steif, die Arme am Leib. Ihre Augen
sahen den Mörder kommen.
„— schnürt ihr den Hals zu, wie einem Spatz. Dann hängt er sie auch noch an
die Decke.“
Und Claudia machte sich, dumpf stöhnend, noch starrer, verdrehte die Augen
und streckte die Zunge aus. Plötzlich fiel sie auf einen Stuhl. Nach vorn
geworfen, heftig flüsternd:
„Und das ist ganz der Typus meines Mannes! Auch mein Mann ist ein
Neurastheniker, auch er trinkt, schreit mich an . . . und eines Tages wird er
schweigen und —“
Claudia führte mit der geballten Hand rasche Kreise um ihren Hals. Dann zog
sich ihr Gesicht zusammen, und laute Tränen kamen. Lola ließ sich, erschreckt,
vor ihr auf die Knie.
„Aber Claudia, jene Frau hatte einen Liebhaber.“
Claudia klammerte sich an.
„Ich habe solche Angst!“
„Wovor, Liebling? Du bist nicht wie jene.“
„Doch!“ — mit großen, nassen Sünderinnenaugen. Und schwer nickend:
„Ich habe einen Geliebten. O, frage mich nicht, wen! Aber glaube nur, wenn
du’s noch nicht weißt: unsere Männer sind von einer Art, daß wir einen Trost
brauchen.“
„Ich weiß es schon.“
„Wie du nun aussiehst. An wen denkst du jetzt? Verrate mir dein Geheimnis,
Lolina?“
Lola schrak auf und machte sich los.
„An niemand denke ich, sei versichert. Aber auch wenn ich meinen Mann
nicht mehr lieben würde, ich nähme doch nie einen Geliebten. O, ich verurteile
euch nicht; ihr seid anders. Nur ich habe nicht das Recht dazu.“
Claudia richtete ihre kleine elegante Gestalt auf. Tragisch:
„Wir bezahlen dafür. Möblierte Zimmer oder . . . so.“
Sie ließ nochmals die ganze Zunge hängen. Und leichtsinnig zärtlich:
„Aber Spaß macht’s doch. Sage, Lolina, warum könntest nicht auch du —?
Hast du nicht gemerkt, daß Valdomini in dich verliebt ist? Übrigens sind viele
es, nur daß du sie entmutigst. Aber wie ich lachen wollte, wenn Pardi —“
Sie stellte zwei Finger über ihrer Stirn auf.
„Er, der so viele verführt hat! Alle könntest du rächen. Meinst du nicht, daß er
dich betrügt?“
„Ich wußte es, bevor ich ihn nahm;“ — und Lola schlug die Augen nieder.
„Ich habe ihn genommen, wie er ist.“
„Seid ihr ehrlich! Weißt du, daß das schließlich zum Lachen ist?“
Und sie krümmte sich. Gleich nachher, demütig abbittend, voll Bewunderung:
„Nicht wahr, wenn du einen liebtest, würdest du dich ganz und gar trennen
von deinem Mann? Ihn nie mehr zu dir lassen?“
Gramvoll und ohne Mut sagte Lola:
„Ich wollte, ich könnte immer, immer allein bleiben.“
Claudia sprang auf.
„So sehr zuwider ist er dir?“
Sogleich löschte sie ihre Miene wieder aus, machte sich ganz sanft und
farblos.
„Dann tu’s doch, arme Kleine! Wie glücklich wärest du!“
Aber Lola war aufmerksam geworden.
„Warum? Du möchtest es?“
Ein Schritt ward laut: Pardi. Angstvoll wendete Claudia sich umher.
„O Gott! ich muß fort.“
„Warum? Bleibe!“
Claudia zuckte, in fliegendem Schrecken, an der Hand, die sie festhielt. Sie
drückte die Zähne in die Lippe, sah nicht vom Boden auf und drehte Pardi,
wohin er sich immer stellte, den Rücken. Lolas Blick ging von ihr zu ihm.
Plötzlich ließ sie Claudia los.
„Adieu,“ sagte Claudia, ohne den Mund zu öffnen. Sie lief hinaus.
„Was hat sie?“ — und Pardi war erblaßt. Lola, am Fenster, kämpfte ihren
Atem zur Ruhe. Mit einer langsamen Wendung:
„Ich weiß es nicht.“
Er wanderte umher und stellte Fragen, nach denen er suchte.
„Du antwortest sehr kurz. Bin an deiner schlechten Laune ich schuld?“
„Nein.“
„Du hast mir nichts vorzuwerfen?“
„Nein.“
„Um so besser. Ich sehe, daß du Ruhe brauchst.“
„Das war eine Freundin! Dies kleine schlaue Tier, das sich mit seinen
Gazellenaugen in mich eingeschlichen hat, mein Empfinden und meine Stimme
nachgeäfft hat! Sie wußte, was sie wollte: vom ersten Tage an! Wir disputierten;
ich dachte, Pardi zu gewinnen; ich glaubte, zwei Körper könnten nicht, wie
unsere, durch Liebe verschwistert sein, ohne daß auch die Seelen sich umarmten.
Sie unterstützte mich, schelmisch, schmiegsam. Im selben Atem — wie
abstoßend häßlich! — nahm sie mir den Mann! Daß solch Geschöpf sich leben
sehen mag!“
Lola ertrug sich selbst nicht, weil sie dies erlebt hatte. Sie irrte umher, vergrub
sich in Winkel.
„Werde ich nie mißtrauisch genug werden? Werde ich nie Weib werden und
weiblichen Schlichen zu begegnen lernen? Warum muß mich jeder Mensch,
nach dem ich die Hand ausstrecke, in noch tiefere Einsamkeit stoßen? Mein
Gott, gib mir Verachtung!“
Sie weinte. Dann sah sie:
„Das alles ist falsch. Sie hat mich betrogen, aber sie liebte mich. Habe ich
nicht ihre Reue und ihr schlechtes Gewissen vor Augen gehabt? Sie war wie ein
verderbtes Kind, dem plötzlich vor ihm selbst bange wird, und das lieber gut
wäre. O, das wäre leicht und einfach: dumm sein und sie hassen! Aber ich fühle,
wenn ich mich besinne, von ihr und ihrer Welt gerade selbst genug, daß ich ihr
Recht lassen muß. Sie wird schuldig und sie büßt. Unter Gefahren genießen, sich
durch einen Tag bringen und durch noch einen, täuschen, siegen, geschlagen
werden: es wäre doch eine starke, schöne Welt. Man dürfte keine andere kennen.
Auch ich trage sie in mir — neben der anderen, die ich auch in mir trage. Und
immer, wenn die eine mich haben sollte, fühle ich das Gewicht der anderen, die
mich fortzieht . . .“
Da sprang sie auf, stürzte sich auf die Klingel.
„Ich bitte den Herrn Grafen, sofort zu mir zu kommen.“
„Der Herr Graf ist nicht zu Hause.“
Lola sah sich im Spiegel entstellt von Zorn. „Recht so! Ich werde einen
Skandal machen, an den Florenz denken soll! Er ist bei ihr, ich habe ihn sicher
gemacht. Sie überraschen, mich rächen, sie beide ganz klein sehen und dann
fort: leicht und frei, wieder frei sein!“
. . . Sie merkte, daß sie sich, anstatt die Tür zu öffnen, dagegengelehnt und
geträumt hatte.
„Für wen will ich frei sein? Welchen Namen habe ich schon wieder gedacht?
Auch Claudia sah, daß ich einen Namen dachte . . . O, ich bin schlechter als sie beide, als sie alle! Heuchlerischer bin ich! Sie bilden sich keine Reinheit ein. Sie
sind nicht selbstgerecht. Ich liebte Arnold, als ich, um meiner Sinne willen, Pardi
heiratete. Das ist die Wahrheit, die schlimme Wahrheit!“
Sie sah leer vor sich hin . . . Von der Dämmerung beschlichen, schrak sie auf.
„Ich wußte, was ich tat, und daß er noch andere begehren und nehmen würde.
Er und sie: es ist so selbstverständlich; wie konnte ich mißverstehen, wie durfte
ich mich auflehnen. Bei mir ist kein Recht, keins; und ich schäme mich, ihnen
im Wege zu sein.“
Kaum ward es Mai, und schon erklärte sie, nach San Gregorio zu wollen. An den
Ort, wo ihre Sinne geschwelgt hatten, trieb es sie jetzt, um Buße zu tun. Pardis
Blick flammte auf.
„Weißt du noch, der Garten, nachts, wenn wir in den Büschen lagen, und es
wetterleuchtete? Du möchtest wieder anfangen; und ich sage nicht nein. Aber . .
.“
„Du irrst dich. Ich will allein hin.“
„Ohne mich? Was soll nun das wieder? . . . Ach ja, ich weiß, du bist krank. Du
bist immer krank, ohne daß der Teufel begreift, woran. Von Giovannino kommt
er nicht, dein Zustand: so viel ist sicher, wie? Und nun mußt du aufs Land . . .
Aber wenn ich dir befehlen würde, bis Mitte Juni hierzubleiben? Du hast dich,
nach unserem Gesetz, dort aufzuhalten, wo es deinem Mann beliebt.“
Sie ließ ihn ohne Antwort. „Ihm ist’s bequem, daß ich gehe,“ dachte sie. Er
schloß:
„Nehmen wir an, daß du unser Klima nicht verträgst. Aber ich kann dir sagen,
daß man es zuweilen bereut, wenn man eine Fremde geheiratet hat.“
Und Lola:
„Ich hätte daran denken sollen. Ich bitte dich um Verzeihung.“
Ein Aber ließ er dennoch bestehen. Lola erstaunte über seine geringe Eile, sie
loszuwerden. Schließlich schlug er ihr einen anderen Landsitz vor. Als sie auf
San Gregorio bestand, brach er in Wut aus. Dann verbrachte er den vollen
Nachmittag in seinem Arbeitszimmer, schrieb und telephonierte. Tags darauf
eröffnete er ihr, sie könne reisen. Er bot ihr an, sie bis Rom zu begleiten; aber sie
dankte ihm.
Draußen blühten Mandel und Pfirsich. Die rosigen Blütenschleier glitten
auseinander auf Lolas Wege, wehten ihr nach, hochzeitlich. Droben im
Städtchen leuchteten, wie sie sich zeigte, alle Gesichter auf: Lolas Glück von
damals glänzte noch einmal auf sie ab. „Das Glück, von dem ich selbst nichts
mehr weiß!“ Das Herz zog sich ihr zusammen, wie sie, ganz klein, dem Riesenleib des Palastes entgegenging. Auf kahler Höhe breitete er seine
morschen Fledermausflügel nach ihr aus. Die Dächer alle flohen wirr den Berg
hinab, als striche ein Angstwind über sie hin. Lola duckte die Schultern; kalt lag
es darauf; und begab sich, zwischen der gellend betenden Zwergin und den
Alten, die um Barmherzigkeit murmelten, in das Greifenportal, wie in einen
Rachen.
Die Zimmer waren verdunkelt und noch kalt. Lola mußte sich anstrengen, um
den Befehl zu geben, man solle die warme Luft hereinlassen. Gern hätte sie die
Lider gesenkt vor den Dienern, diesen Zeugen dessen, was sie hier einst gewesen
war. Des Kastellans kalte Greisenaugen forschten unerträglich. Und das gelbe,
mürbe Fleisch der schwarzen Maria erinnerte sich noch immer, mit
melancholischem Stolz und Gleichgültigkeit gegen alles, was kommen mochte,
jener Wonnen, die sie mit Lola geteilt hatte; kraft deren sie zu Lolas Vertrauter,
fast zu ihrer Schwester geworden war; von denen sie ihr, indes ihre schweren
Augen erwachten, mit solchen Worten geflüstert hatte, daß plötzlich der Schauer
selbst wieder auflebte.
Mit langsamen Schritten, deren jeder eine Welt von Angst durchmaß, gelangte
sie an der Frau vorbei, — hörte sie nicht, sogleich, im Nacken eins jener Worte?
— vor die Schwelle des Schlafzimmers und hinüber. Ein kopfloser Griff: die Tür
fiel zu. Darangelehnt, die Hände vors Gesicht gedrückt: „Zu viel Demütigung,
zu viel!“ Mit geschlossenen Augen fand sie zwischen den Möbeln und am Bett
vorbei — „O, ich kenne dies Zimmer, und es kennt mich!“ — und dennoch
strauchelte sie, glitt, und meinte, wie ekle Tiere, die Bilder von damals, die sie
mit ganzer Seele niederstieß, unter ihren Füßen zu spüren.
Nach allem hatte sie irgendwie den Garten erreicht, ein Versteck und
Finsternis. Ermattet und gleichgültig sah sie vor sich hin. Es wetterleuchtete —
wie damals. Ins Dunkel, neu gesammelt und mit Beben: „Muß ich mich noch
länger quälen? Arnold?“
Jetzt enthielt die dunkle Luft diesen Namen, war erlöst und leichter zu atmen.
„Bist du genug gerächt? Siehst du, ich bin hergekommen, weil ich mich deiner
Verachtung ganz ausliefern wollte; weil ich deine Verachtung nötig hatte, wie ein
Bad.“
Sie schrak zusammen. „Mein Gott! wenn er käme: wohin mit mir!“
Sie griff sich ans Herz, lauschte — und fühlte das bange Lächeln wieder
zergehen. Mit Seufzen:
„Wozu alles? Er hört nicht und hat längst verwunden. Man muß krank sein,
um sich aus seiner eigenen Natur eine Marter zu machen. Ich habe nichts getan,
was gegen meine Natur wäre.“
„Doch. Ich bin nicht Maria, die breit in ihrem Fleische lebt; der seine Freuden rein sind. Sie gehört nur ihm: die Glückliche . . . Ach nein, ich will nicht lästern,
mich nicht selbst verleugnen.“
Sie atmete tief ein; ihr schwindelte; und sie fühlte sich aufgehoben.
„O Arnold! weißt du nicht mehr? Wir liebten uns, als wären wir schon auf
einen jener späteren Sterne entrückt gewesen, wo das Höhere in uns sich einen
eigenen Körper schaffen soll.“
Staunend bewegte sie den Kopf.
„Ich bin, denke ich deiner, ganz erfüllt vom Licht jener Mondnacht, durch die
wir gingen.“
Sie hielt das Gesicht, die geschlossenen Lider einem milchigen Glanze hin.
Und sie besann sich wieder auf das Dunkel.
Nach kurzem Schlaf trat sie aus dem Hause, in einen frischen, perlfeinen
Morgen. Zum flimmernden Himmel duftete der weiche Kranz der Berge; klar
schossen die Türme hinein; und Glockenklänge wandelten den reinen Raum
entlang und sprangen durch ihn hin. Aus der Pforte von Blumen, am Rande der
Treppengasse, quoll Blau. Unter betendem Gemurmel entstiegen grelle
Standarten der Tiefe und schlangen ihre Flammen in den blauen Tanz des
Lichtes. Kleine weiße Mädchen mit wippenden Flügelchen trippelten durch die
Blumenpforte; die Sandalen der Mönche schlürften unter ihr hin; der Baldachin
des Bischofs neigte sich vor ihr; und Volk in seinem Herdenstaub drängte nach
und stieß seine grobfrommen Stimmen durcheinander. Am Ende der Terrasse, im
Tor der Klosterkirche, warteten die Nonnen, mit lichtergestirntem Dunkel hinter
ihren blassen Gestalten. Die Orgel schnob und grollte. Plötzlich ward sie von
Stille geschlagen; — und das Meer ihres Tobens hinterließ nichts, als das
Rinnsel eines Kindersingens.
Wie alles, was diese Luft bespülte, rein, wie die Menschen makellos waren!
Diese glockentonsatte Luft, worin Seelen badeten, hatte Lola — schrecklich fiel
es ihr aufs Herz — einst mit frechen Liebesschreien zerrissen! Sie drückte sich
in die hohle Wand des Portals, empfing Staub auf Schultern und Haar, spähte
von fern, als eine Unwürdige, nach dem Segen jener Gebärden und Worte und
sah, darbenden Gesichtes, den Füßen der Fortziehenden zu, die an ihr Kleid
stießen. Dann klappte das Tor; und wie Lola den Kopf hob, bannte sie die
dunkle, fensterlose Mauer des Klosters. Kühl war sie und starr; vor
unergründlicher, starrer Kühle wachte sie. Wen sie aufgenommen hätte! Wer
hinter ihr vergangen wäre! Einst hatte Lola mit Haß zu ihr hinaufgeschmachtet;
hätte sie stürmen wollen; hätte aus ihrem schamlosen Blut jenen
eingeschlossenen Frauen solche Dinge ins Ohr sagen wollen, daß sie für den Rest ihrer Tage ihren kläglichen Frieden verlieren sollten. Jetzt wünschte sie sich
selbst, so streng und unversucht unter jenen Gewölben zu enden, den Hauch des
Geistes kühl auf dem Scheitel. Die Gedanken gebunden, in Gesänge und Gebete
gemessen, das Träumen selbst der Nacht durch eine gebieterische Glocke
zerschreckt, Stacheln in der Haut und leeres Herz: das lockte. Das Nichts lockte.
Noch leben, noch am Leben sein — und dennoch den aus der Seele verstoßen
haben, dessen man sich unwürdig gemacht hatte! Den letzten Atem nach einer
Richtung seufzen, wo er nicht weilte! War’s Buße genug? Dann sollte es
vollbracht werden.
Der Mittag drückte. Sie hielt sich kaum aufrecht und hatte doch den Kopf voll
brennenden Dranges. Das Gehirn brachte die Gedanken hervor, wie aus Wunden.
Die Glieder wurden, die Terrasse hin und her, durch Sonne geschleppt und
durften nicht ruhen. Manchmal wandte der Blick sich, lechzend, nach dem
glitzernden Streifen am Horizont, in der Lücke zwischen zwei Bergzügen. Das
Meer! Es war der Ausgang und war unerreichbar. „Ich bin gestrandet. Bin ich
bestimmt, hier zu enden? Ich mag nicht in das Haus dort, und kenne doch kein
anderes, in das ich gehörte. Vielleicht werde ich nie mehr menschliche Gesichter
sehen? Wie sollte ich dazu kommen, sie aufzusuchen!“ Plötzlich schwindelte
ihr’s, und heftige Angst durchflog sie. „Es ist aus,“ dachte sie und lehnte sich an
den Pfeiler beim Haustor. Die Schwäche des Herzens dauerte noch. Lola rief
nach Hilfe; aber der kraftlose Ton verging ungehört. Überwältigend weit
umwogte blaue Luft ihr geängstigtes Gesicht; Quadern blendeten hart; und wie
sie über sich blickte, sah ihr, vom Torgiebel herab, das entfleischte, gierige
Gesicht eines Fabelvogels aus schwarzen Höhlen in die Augen. Sie ließ sich
gleiten und hing, die Lider geschlossen, am Hals des Greifen, der das Tor hütete.
„Also hier. Hier sterben. Warum nicht? Wohin hätte dies noch führen sollen. Nur
steinerne Geschöpfe umher, und ein Himmel, der von mir nichts weiß. Genug.“
Und als sie sich ergeben hatte, kehrte ihr Kraft zurück. Sie konnte aufstehen
und den Torflügel fortschieben. Ungesehen kam sie in ihr Zimmer. Lange Tage
ging sie nicht aus, vermied den Anblick der Hausgenossen, sann im Halbdunkel,
matt und verstrickt, den Wegen nach, die hierhergeführt hatten und den
Schicksalen, die irgend einmal an ihres gerührt hatten. Mai war nun drüben,
hatte Europa, die „Fremden“ und auch Lola gewiß vergessen und schrieb
niemals. Für Mai gab es nur körperliche Beziehungen; der Geist war nie, wo
nicht auch der Körper weilte. Mai lebte im Stoff und im Augenblick; ihre
Persönlichkeit zerflatterte mit den Dingen; sie war glücklich. In Lolas Leben
hatte sie, nach der zweiten Trennung, gar keine Lücke gelassen; Lola dachte, da
sie sich Mais erinnerte, nacheinander an ein Reiseabenteuer, an die Miene eines
Mannes, an ein Kleid. Eine Masse Auftritte kehrten ihr wieder, hastige Vergnügungen, Müdigkeiten, Drang der Sinne, Zuflucht zum Gesang, das
Gesicht der Branzilla, gelb und irr, mit den schwarzen Augenhöhlen des
steinernen Vogels draußen überm Tor . . . Lola strich die Vision von den Lidern
Sie sann beschwerlich weiter. Da war Paolo, ihr Bruder: ein Name nur, kein
Gesicht, nichts, was sich vor die Seele hinstellte und befreundet lächelte. Sie
verstand seine Sprache nicht, er verdiente ihr Geld, und sie hatte ihm nichts
dafür zu sagen. Von anderen Verwandten, dort drüben, anderen Wesen, mit
denen sie Blut gemein hatte, waren ihr sogar die Namen unbekannt. Vielleicht
nannten sie zufällig einmal den ihren? . . . Auch näher bei ihr lebten Menschen,
denen sie sich zurechnen durfte; die Pai lieb gehabt hatten, und um seinetwillen
auch Lola! Eins nach dem andern, rief sie die Gesichter herbei: die Brüder ihres
Vaters, dann jene Vettern in München. Zögernd folgten sie; und verschwanden
rasch, wie unlustige Besucher, die festzuhalten man sich schämt. Lola sah bitter
ins Leere. Keine Gemeinschaft. Nichts übrig, von allem Erlebten nichts, worauf
sich bauen ließe. Sand rings umher: heimtückisch herabrieselnder Sand; und in
der Wüste ihres Lebens nichts Menschliches. Einer war darin begraben: der, an
den sie nicht denken wollte.
Kein Gesicht? . . . Da kam ein ungerufenes, schüchtern und herzlich: ein
kleines gefälteltes, bittend lächelndes Altjungferngesicht. Erneste, ach ja: die
war immer da. Die, der Lola die längste Zeit ihres Lebens hatte ins Gesicht
sehen müssen, war ein gutes, unbeträchtliches Geschöpf aus ganz anderer
Empfindungswelt, eine Bezahlte, bei der nur äußerer Zwang Lola festgehalten
hatte. Sogar jetzt noch, da Erneste tot war, trug Lola es ihr nach, daß sie so viel
mit ihr allein geblieben war, sich unter den immer ängstlichen, beschränkten
Blicken dieser Verkümmerten hatte entwickeln müssen. „Wie viel freier und
glücklicher könnte ich jetzt sein, wenn ich hätte Schauspielerin werden dürfen!
O! man hat sich sehr an mir versündigt.“ Die kleine Tini war’s geworden, ihr
war das Schicksal günstiger. Marie Gugigls kleine Schwester, die schon fast
Diakonissin gewesen war, jetzt spielte sie irgendwo in der Welt Komödie.
Neugier kam Lola an, nach Kunde aus solch einem Leben, aus dem, das auch
ihres hätte sein können. „Und wir fühlten uns doch zueinander hingezogen. Wir
verstanden uns doch.“ Das schrieb sie Tini; und daß sie sie um ihre Laufbahn
fast beneide. Es kämen Zeiten, wo man wünschte, man wäre wieder auf sich
selbst gestellt. Übrigens sei sie mit ihren Verhältnissen ganz zufrieden, setzte sie,
aus Scham, hinzu. Plötzlich fiel ihr die sonderbare Dankesschuld ein, die sie an
Tini band. Tinis verstellter Brief, der es Lola ermöglicht hatte, Pardi
entgegenzureisen. „Mein Gott, wie vieles liegt dazwischen! Und Tini opferte mir
ihre große Backfischleidenschaft! Mit schweren Seufzern des Verzichtes hat das
Kind mir nachgeblickt, wie ich dem Glück in die Arme eilte. Und nach drei Tagen ist sie damit fertig gewesen, mit dem großen Ereignis, woran ich den Rest
meines Daseins zehren werde. Zu denken, daß ich beneidet worden bin!“ Sie
schrieb: „Und ich beneide andere nicht mehr, als sie mich beneiden. Scheint
nicht jedem das wünschenswerter, was er verfehlen mußte, um zu erlangen, was
ihm beschieden war?“
Der Brief ging in die Welt. Lola sann, in ihren menschenlosen Zimmern,
hinter ihm her. Nun kam er an, ward Tini in die Probe getragen. Tini las ihn in
der Erwartung ihres Stichwortes, steckte ihn weg und hatte ihn, bevor sie hinaus
mußte, schon vergessen . . . Nein: ihre Antwort kam, am ersten Morgen, da sie
kommen konnte. Tini schrieb:
„Liebe Lola. Beneide mich lieber nicht. Damit ist nicht gesagt, daß ich nicht
zufrieden bin. Aber was für mich paßt, könnte Dir doch sehr wenig erfreulich
vorkommen. Man darf in meiner Lage nämlich nicht so große Ansprüche an das
Glück machen, wie Du, glaube ich, tust. Dir würde es, wie ich Dich kenne,
nirgends genügen. Von Leuten, die in Florenz waren, hörte ich, daß Deine Ehe
nicht für besonders glücklich gilt. Ich darf Dir dies, obwohl Du versuchst, Dir
nichts merken zu lassen, wohl verraten: denn, wie mir scheint, unterschätzt Du
doch sehr den Preis, den es mich damals gekostet hat, Dir dies Glück zu lassen.
Ich hätte nämlich selbst darum kämpfen mögen und fühlte mich ganz gut dazu
imstande. Denn ich bin nicht das unbeträchtliche kleine Mädchen, von dem Du
Dir damals ein bißchen Gefühl schenken ließest, und an das Du sogar noch jetzt
Deinen Brief richtest. Das bin ich nicht. Ich habe schwer genug gelitten
Deinetwegen. Heute kann ich Dir sogar sagen, daß ich in dem See, worin Gugigl
einmal bei Mondschein so schön badete, an einem nebeligen Oktobermorgen
beinahe ertrunken wäre. Wozu das alles, wenn ich nicht Dich noch viel heftiger
geliebt hätte, viel hingebender als ihn? Du hast darauf nicht acht gegeben, oder
nur, um ein wenig mit mir zu spielen. Wir hätten uns verstanden, meinst Du?
Nein, ich Dich damals auch noch nicht. Inzwischen habe ich freilich über Dich
nachgedacht und mir gesagt, daß Du ein anständiger, aber liebloser Charakter
bist . . . So, Lola, das konnte ich Dir nicht ersparen. Im übrigen wünsche ich Dir,
daß Du Dich einlebst. Das dauert wohl manchmal lange. Auch ich habe Zeit
gebraucht, bis ich ganz entschlossen meine Kunst allem, aber allem voranstellte.
Wenn ich heute noch einen Mann liebe, nehme ich ihn doch durchaus leicht. Und
sobald er meiner Kunst gefährlich wird, mache ich mich unerbittlich von ihm
los. Die moderne Frau hat glücklicherweise ihr Schicksal selbst in Händen, und
Klagen wären überflüssig. Möge es Dir wohlergehen. Mit Gruß.
Tini.“
Empört warf Lola den Brief hin. War ihre Annäherung nichts Besseres wert als dies? Dann erinnerte sie sich: „Ach ja, so waren sie dort hinten! Etwas hart
vor Tapferkeit und Selbständigkeit, etwas anspruchsvoll. Noch ein wenig neu in
der Freiheit und darum nicht ganz sicher im Geschmack: so waren die Frauen
dort alle und natürlich auch Marie Gugigls kleine Schwester. Die hiesigen haben
sich mir von solchen Seiten gezeigt, daß ich die Nachteile jenes anderen Typus
beinahe schon vergessen hatte . . . Aber sie wäre fast gestorben?“
Lola nahm den Brief wieder auf.
„Das war also mehr als Kinderei? Sie hat mich so sehr geliebt, daß sie lieber
sterben, als mir mein Glück wegnehmen wollte? Als ich abreiste, lag sie krank
im Bett: ich war selbst so verstört, daß es mich bloß flüchtig ergriff, daß ich
darüber hinweggehen konnte. Und die Tage vorher: so fieberhaft und zerrissen
war sie! Ihre Blicke, die darum rangen, mich nicht zu hassen! Wie sie sich
gequält hat! Das konnte ich vergessen? Das konnte mir verschwimmen und seine
Kraft verlieren?“
Lola richtete sich im Bett auf, als träte ein Unerwarteter ins Zimmer.
„Dann bin ich also blind und undankbar! Sie hat recht: ich verlange alles; ich
wundere mich, daß ich nicht von Liebe umringt bin; und ich gebe nichts. Habe
ich Erneste gegeben? Habe ich Pai gegeben? Mein Gott, also lieblos? Wirklich
lieblos?“
Sie ließ sich sinken, drückte das Gesicht weg.
„Und ich habe doch so viel Liebe erträumt, für so viele! Als Kind war ich
bereit, für Mai, für Erneste zu sterben. Ich ersehnte der Menschheit einen
bessern Stern. Nur mir? Wer sagt das? Nicht auch jenem die Heimat suchenden
Auswanderer, dessen Schicksal meinem glich, und allen, allen? Ich litt, noch
voriges Jahr, mit jenen Bauern, denen mein Mann ihr Geld nahm. Auch Tini
habe ich lieb gehabt, lieber als sie meint . . . Wen aber habe ich’s je fühlen
lassen? Wem ist wohler geworden durch mich? Ich bin eine Unfruchtbare! Mein
Gefühl war nie mehr als selbstsüchtige Spielerei. Die wirklichen Menschen
berührte ich damit nicht. Konnte ich denn zu ihnen? Ich war allein und einzig
und litt, meinte ich, so viel mehr als alle! Sie waren in meiner Schuld; sie hatten
mich so einsam gemacht, hatten mir die Heimat genommen.“
Sie stand auf, riß den Vorhang von der Gartentür und spähte leidenschaftlich
in die Ferne.
„Pai tat das! Er war der Erste, der mir die Liebe verbitterte. Ich glaube an
keinen Menschen mehr, seit er mich, sein kleines Mädchen, in einem fremden
Garten heimlich verließ. Er hat mir Mißtrauen und Menschenhaß fürs Leben
mitgegeben. Durch seine Schuld habe ich alle Liebe, die mir je entgegenkam,
verkannt und versäumt: seine eigene und Ernestes . . . Erneste!“
Das alte kleine Gesicht kehrte wieder, voll schüchterner Mütterlichkeit. Es machte sich künstlich streng, weil es in ein ablehnendes Kindergesicht sah.
„Immer habe ich mich zurückgehalten, habe die Arme steif gehalten, damit sie
sich ihr nicht von selbst um den Hals legten. Warum? O! der Tag im Gebirge . .
.“
Sie fühlte sich wieder, als Herangewachsene, jenen Sommer vor der
Trennung, bei ihrer alten Gefährtin. Draußen im Bergwald hatte unter Stürmen
Allliebe sie geschüttelt; und vor dem menschlichen Herzen dort hinterm Tisch,
verstopfte sie die Ohren und las. Dennoch fielen wieder, durch Ernestes Scham
getrennt, die zart werbenden Worte. Lola atmete rascher. O, zugreifen! „Ich bin
nicht taub, nicht fühllos!“
Zu spät. Erneste war tot. So war Pai tot gewesen, bevor Lola ihn hatte lieben
können. Die Arme trostlos erhoben, warf sie sich auf die Schwelle. Der Wind
schlich ihr über den Rücken, er fingerte geisterhaft schwach in den Falten ihres
Hemdes, wie Hände von ehemals.
„Und auch er, auch er ist versäumt! Arnold!“
Sie schrak auf; Blut stieg ihr ins Gesicht; und als habe mit dem Klang seines
verbannten Namens der Mann selbst an die Scheibe geklopft, bedeckte Lola
sich.
Sie verlangte den Wagen, trieb zur Eile, stieg zitternd über die Treppengassen
auf den Platz hinab. Nur diesen Gedanken nicht! „Ich bin seiner zu unwürdig,
ich beflecke ihn, wenn ich mich nach ihm sehne. Und mir selbst nehme ich das
letzte Recht, mich zu achten.“ Auf den Karren und „Fahr zu!“ Sich betäuben mit
Wind und Schnelligkeit. Aber an der Straße, hinter einer Pforte und den Hut in
der Hand, stand Arnold, wie er bei ihrer letzten Begegnung hinter der Pforte
gestanden hatte, die sie öffnen wollte. Sie schloß die Augen. Umsonst; sein
schmerzliches, unsicheres Lächeln war hinter ihr: dies Lächeln, das zurücktrat
und sie aufgab . . . Und den Weg zwischen Zypressen von einem kühlen alten
Landhause her, kam er, und sie stieg aus und ging ihm entgegen: denn dort
wohnten sie beide, die sich gehörten.
Wie beißend in seiner Süßigkeit war dies Gesicht! Es hätte sein können! Unter
Liebe, wie im Grunde ewigen Sommerlaubes, versteckt und geborgen; Tau und
Gezwitscher in Augen und Ohren; und in der Melodie des frischen, lebendigen
Morgens vereint, wie ein Paar sorgloser Klänge. Lola sehnte sich nach dem
schönen Morgen, durch den sie fuhr. Ihr war, als erlebte sie ihn nicht und hätte
ihn doch erleben können.
„Da ich eine Heimat suchte: wie begehrenswert war die, die unsere beiden
Seelen uns erbauen konnten! Ich habe eine ganz äußerliche vorgezogen, weil sie üppiger schien, und habe mich in Schande und Lüge finden müssen. Wie er mich
klein gesehen hat! Kein Mensch sah mich so, und ihn muß ich lieben! Er hatte
recht, daß er stolz war und mir nicht nachreiste. Wozu? Wenn eine einen Pardi
vorzieht, überläßt man sie ihrem albernen Schicksal. Aber mag es albern sein,
dennoch schmerzt es, Lieber! Könnte ich dir manches erklären! Wüßtest du, was
ich leide, und daß ich doch für mein Schicksal nicht klein genug bin! Ach!
meine Sühne ist, daß du’s nicht weißt, und daß ich schweige . . .“
Mit verzweifelnden Augen sah sie durchs Land nach Hilfe aus. Der
Meilenstein, der sich näherte, machte ihr Lust, sich ihm entgegen zu werfen.
Unter dem Druck der äußersten Not stieg es in ihr auf: „Ich will dir alles sagen,
was ich bin und wodurch ich es wurde. Alles, was ich gelitten habe, warum ich
dich gehen ließ, wie ich gekämpft und verloren habe, beschmutzt, krank und
ganz verlassen ward. Du sollst es nicht hören, aber ich will es dir sagen. Es wird
sein, als schriebe ich’s auf die Mauer zwischen unseren beiden Gärten, und du
wirst sie nie übersteigen. Es wird sein, als sagte ich meine Beichte dem Meer,
das uns trennt, und das sie überschreit. Sei ruhig, du vernimmst keinen Hauch
meines Geflüsters. Ist es nicht verzeihlich, da ich sonst stürbe?“
Zu Hause, unter Tränen, schrieb sie ihre Kinderjahre auf. Sie führte sie ihm
zu, wie einen Zug kleiner dahingeschiedener Mädchen, die er noch einmal
segnen und bedauern sollte. Als sie, aufatmend, in den Nachtwind trat, schien
der Tag, der vorüber war, ihr voll und tröstlich.
Sie wollte weiterschreiben, ließ Wochen ohne einen Satz und glaubte doch,
träumend, die dunkeln und die lichten Tage an ihm vorübergeschickt zu haben:
noch die schlimmsten mit unverhülltem Haupt. Er kannte sie ganz. Sie hatte, um
sich ihm ganz zu entdecken, namenlose Scham bestanden. Sie hatte durch
Tränen nach seinem Verständnis gebangt. Sie hatte sich, wieder wie einst, von
seiner Seele durchdringen lassen und hatte zu seinen Füßen sich in Schlaf
geschluchzt. Nun sah sie mit Staunen den Garten welken. Der Sommer war zu
Ende? Und sie war nie müßig, nie einsam gewesen! Immer war er gegenwärtig
gewesen, zuerst als Geist, der ihr zweiflerisch und bitter über die Schulter sah;
und endlich wie ein Hausgenosse, dessen Atem sie manchmal beim Lesen auf
ihrer Schläfe spürte, und dem sie die durchlaufene Seite hinhielt, damit auch er
sie beende. In ihre Augen trat noch, so oft ihr Inneres ihn ansah, Demut. Ihre
Schuld war um nichts kleiner. Aber sie konnte fortan mit ihm in Frieden leben.
Er wollte nicht, daß sie sich um ihn ängstigen, zu seiner Versöhnung sich quälen
sollte. Sie durfte Ruhe genießen. Sie fühlte sich weit gesunder, zuversichtlicher,
besser gewappnet gegen die kommenden Alltage. Ihre Spaziergänge wurden
lang; der Herbstregen, der schwül einsetzte, erschlaffte sie nicht. „Vertrage ich
endlich das Klima eines Landes ganz?“ Pardi verlangte sie zurück. „Warum nicht? Auch mit jenen Menschen wird sich leben lassen. Ich muß sehr krank
gewesen sein, um dem, was ich bei ihnen erfuhr, so völlig zu erliegen. Bleibe
nicht, wo ich auch sein mag, ich selbst mir? Und nun bin ich gesichert, da ich
den zurückhabe, den ich liebe. Unter all den Fremden werde ich mich oft nach
einem Vertrauten umwenden, den sie nicht sehen, und mich mit ihm
verständigen.“
Jeder fragte Lola:
„Contessa, was haben Sie für eine Kur gebraucht? Sie sind schöner geworden,
wissen Sie. Am Ende des Winters sahen Sie nicht gut aus, jetzt aber sind Sie
wieder vollkommen schön.“
Sie ging aus, so viel man wollte, gab sorglos ihre Kraft und Anmut hin. Die
Triumphe im Casino Borghese kehrten wieder; sie fühlte um sich her den
Wettlauf der Männer, angespannter als damals, und ihre unbedingte Sicherheit,
einer werde bei ihr ans Ziel kommen. Allen schien der kritische Zeitpunkt da; in
aller Augen war sie reif für den Liebhaber, auch in Pardis. Überall im Ballsaal
begegnete sie seinem drohenden Blick. Sie verhielt sich gelassen weltlich, ein
wenig kokett sogar, in der Empfindung, sie müsse diese armen Leute dafür
entschädigen, daß sie im Herzen so weit, weit von ihnen weg sei; und auch in
der Scham dessen, den eine geheime, innige Religion erquickt, und der den
Spöttern ringsum ihre leichten Freuden nicht verleiden möchte. Das lauteste Fest
fiel, verließ sie es, ganz plötzlich hinter ihr zusammen, wie eine bunte
Drahtpuppe, und Lola in ihrer Wagenecke lächelte still und schwärmerisch.
Pardi sagte, als ein Laternenschein sie getroffen hatte:
„Du hast zu oft mit Valdomini getanzt.“
„So? Ich habe nicht darauf geachtet.“
„Aber andere achten darauf . . . übrigens verstehe ich den guten Valdomini
nicht. Er ist hinter dir her in einer für sein Alter gradezu lächerlichen Art. Weißt
du, daß er ein sans-ventre-Korsett trägt? Tatsächlich; sein Bauch würde sonst
hängen.“
„Ich habe ihn mir noch nicht so genau angesehen.“
„Er ist mein Freund, und ich werde niemals leugnen, daß er früher große
Erfolge bei Frauen gehabt hat. Trotzdem scheint es, daß er neulich bei der
Baldelli abgefallen ist.“
„Wer kann das wissen,“ meinte Lola leichthin; und Pardi, gespannt bei der
Sache:
„Wenn sie umhergeht und es erzählt! Schade um ihn: der Takt, rechtzeitig
aufzuhören, hat ihm gefehlt. Jetzt wird keine ihn mehr wollen, da schon die Frau eines kleinen Advokaten ihn abgelehnt hat.“
„Sie ist sehr hübsch,“ sagte Lola, um etwas zu sagen; aber sie spürte, wie jede
ihrer Antworten ihn heftiger reizte.
Im Theater in Lolas Loge fing am Abend darauf Deneris an:
„Valdomini ist in der Klubloge. Ich weiß nicht, mir gefällt sein Frack nicht.
Dabei soll er früher von allen den elegantesten gehabt haben.“
„Das war vor unserer Geburt,“ sagte Nutini.
Lola erwiderte Valdominis Gruß. Er trat, die schlanken Schultern weit
zurückgeschoben, die Hände in den Hosentaschen, nachlässig an die Brüstung
und überflog die Bühne. Botta bemerkte, fett und phlegmatisch:
„Der Tenor ist gemacht: Valdomini hat ihm zwei Minuten lang in den Mund
gesehen.“
Alle lachten, bis gezischt ward. Im Hintergrund flüsterte einer durchdringend:
„Tatsächlich hat er die Calzolai gemacht, aber nicht die kleine Lisa, sondern
Tisa, ihre Mutter. Er verwechselt das; er hält sich für einen Zeitgenossen der
Lisa.“
„Sein Irrtum bleibt nicht ohne Folgen,“ erklärte Botta. „Die Baldelli —“
Und er erzählte von der Baldelli.
„Sie wird rechtzeitig gefühlt haben, daß er ein Korsett sans-ventre trägt,“
meinte Nutini. Lola lächelte ihm in die Augen. Sie dachte an die Zeit, als er bei
ihr gegen Pardi arbeitete. Jetzt, angesichts einer neuen Gefahr, verbündete er sich
ihm. Sie schüttelte leise den Kopf, und indes sie das Gesicht nach der Bühne
wandte, kehrte sie innerlich zu ihrem Eigensten heim. Von Klatschen und
Geschrei aufgeschreckt, mußte sie sich besinnen; die Begehrlichkeiten, die
Intriguen um sie her sahen sich wie Spuk an, geschahen kaum auf festem Boden.
Valdomini kam und unterhielt sie während der Pause. Er teilte in der Loge
Händedrücke aus, die mit Hingabe erwidert wurden. Als er fort war, ahmte Botta
ihm nach.
„Ich brauche wohl Sie und mich nicht anzustrengen und aufzuregen, Contessa.
Sie wissen, wer ich bin und daß ich bereit bin.“
„Und,“ fuhr Nutini fort, „meinen Bart behalte ich, wenn jetzt auch alle rasiert
sind. Ich behalte ihn aus Pietät für die Vielen, die ihn geliebt haben. Manche sind
schon im Jenseits und lieben nur noch Gott, der ihren armen Seelen gnädig sei.“
Er bekreuzte sich, ließ in seinem ausgemergelten Gesicht den Mund stumm
betend auf und nieder steigen und schielte dabei auf seine Nasenspitze. In das
Gassenjungengelächter trat Pardi; seine Augen stießen, mit bösem Mißtrauen,
nach jedem. Beim ersten Wort gegen Valdomini:
„Vergessen Sie nicht, daß er mein Freund ist!“
Er befreundete sich ihm sogar noch enger; er ließ ihn kaum mehr von seiner
Seite; er begleitete ihn in die Häuser, wo er Lola treffen konnte. Und die übrige
Zeit blieb er bei ihr. Er hatte wieder angefangen, ihr Blumen und Geschenke
mitzubringen, ging selbst, ihr ein Band, eine Feder zu besorgen, — und aus den
Büchern, die er früher in die Ecke geschleudert hatte, wollte er ihr jetzt vorlesen.
Er unterbrach sich, um ihr seine alten Triumphe zu erzählen. Früher hatte er
davon geschwiegen. Sie war am Morgen noch nicht fertig angekleidet, und er
klopfte schon, fragte, wie sie geschlafen habe, und wiederholte seine ironischen
und zarten Werbungen. Endlich:
„Wir sollten wirklich wieder im selben Zimmer schlafen.“
„Wie geschmacklos, mein Herr! So alte Gatten wie wir!“
„Ich versichere dir: wenn ich am Morgen vor deine Tür gehe, ist mir zu Mut,
als hätte ich bei dir erst noch alles zu erreichen; als wäre ich dir kaum bekannt.“
Und Lola, über die Schulter weg, vor Selbstsicherheit kokett:
„Dann betragen Sie sich auch so, bitte . . . Und was hat man Ihnen soeben für
ein Billet gebracht? Ich rieche es bis hierher. Sie denken es nicht einmal zu
lesen?“
Er errötete, erbrach trotzig das Siegel. Lola sah, es war Claudias. Sie ging
dreist an ihm vorbei und hinaus. Sie fürchtete ihn nicht. Ihr war
Geistesgegenwart gekommen, Ruhe und die Fähigkeit, die Lage zu überblicken
und mit der Schwäche des Gegners zu rechnen. In frischer Luft fühlte sie sich
und alle Organe frei zum Kampf. Früher, schien ihr, war sie traumbeschwert,
unsicher von Begehren, von Grübeln, durch die Welt hier gegangen. Jetzt hatte
sie die Gewißheit, sie zu beherrschen, mit keinem Schleier ihrer Seele, die
immer um einen Entfernten schwebte, mehr in sie verstrickt zu sein. „Ich gehöre
nicht hinein, aber sie genießen, rasch und ohne Verpflichtung, wie eine
Vorüberreisende, warum nicht?“
Und sie nahm, stürmisch und mit Dankbarkeit, diesen Winter in sich auf, der
sie der erste ganz reine deuchte, dies Land, das sich ihr verjüngt hatte. Oben auf
dem Piazzale war sie aus dem Wagen gestiegen. Durchblaute Wolken zogen über
ihr, und unten, durch die Stadt, unter sonnigen Brücken hervor, der Fluß, in
goldblauen Strängen. Der goldene Wind warf seine Arme um den großen
bronzenen David, um die von Licht bebenden Hügel ringsum, — und er stürzte
sich in die Stadt, in ihre wilden kleinen Gassen, auf ihre grellen Quais und ihre
Plätze mit großen, von Zinnen, Giebeln, Statuen ausgezackten Schatten. Glück
leuchtend, boten in schwarzen Laubmassen, auf den Hügeln, Villen sich dar . . .
Und nun der Wind abbrach, der Himmel sich bezog und sich dämpfte, lockte jenes erloschene Haus, im Steingrau sanfter Bäume, noch dringlicher. Die
Glocken klangen gehaltener, ernster; und fern, jenseits der Gartenwellen der
letzten Hügel, dunkelte im grauen Horizont das starke Blau der Berge, wie
Augen, die Sehnsucht verdüstert.
„Und ich habe kein Recht, mich zu sehnen. Jenes Haus, oder vielleicht das
dort, gehört mir selbst; Pardi spekuliert mit dem Öl des Hügels. Er spricht zu
hitzig davon, ich bin besorgt um ihn . . .“
Plötzlich wandte sie sich weg und winkte dem Kutscher.
Dieser Winter schmückte sich mit einer Kette zeitloser Tage; sie waren da wie
eine Spiegelung märchenhafter Küsten. Eine blaue Flut von Jugend wallte einem
in Augen und Mund. Mit entzücktem Staunen horchte man auf irgend etwas
Köstliches, das unverhofft zurückkehrte, leise wieder anschlug. Nun mitten im
Januar der Himmel ganz weich zwischen den glitzernden Eichenkronen floß, die
Statuen auf den Palästen zerschmolzen im Blau, und dies Blau sich in
Säulenhöfe und Hallen wie seidene Fahnen schlang: da hob eine Melodie, die
geschlafen hatte, in einem die Lider auf. Lola hatte in der Luft, die sie ein wenig
erstickte, vor sich die Augen Pardis. Sie waren der höchste Aufstieg dieser
Melodie gewesen. Sie mußte man gefühlt haben, um dies alles zu fühlen.
Wie bei einstigen Gefährten, denen sie unverhofft nochmals begegnete, blieb
sie wieder vor den Statuen stehen. Sie waren überall; die Stadt war erfüllt und
beherrscht von Statuen, die sich in Hallen und auf Plätzen versammelten, wie ein
Haufe schönen, sinnlichen Volkes; die von Brunnen, aus Nischen ihre lauten
Gebärden ins Marktgewühl mischten; deren starken, frechen Mündern man die
schleierlosen Stimmen der ganzen Menschenmenge entquellen hörte; und von
deren göttlicher Nacktheit all dies Leben nackt schien.
„Die Kunstwerke! Es ist wahr, sie alle sind Fleisch, sind die Verherrlichung
des Fleisches. Aber nur in der Kunst ist es Herr und ist edel. Die Künstler — wir
—“ dachte sie ohne ihren Willen, „erhöhen es über alle menschlichen Maße,
über alle menschliche Kraft; und finden doch Kraft und Maß in uns selbst! Dann
—“
Mit einen Blick auf das dunkle Gewimmel, das zusammenschrumpfte.
„— kriechen wieder Menschen, klein wie je, darunter hin, und wir selbst
haben die Augenblicke unserer Größe vergessen und begreifen sie nicht mehr.“
In sich versunken die volle Straße forttreibend:
„Wie liebte ich doch Pardi! Welche schwärmerische Lust! Manchmal erlebte
ich’s, daß die Sinne mich auf ausgebreiteten Flügeln in den reinsten Äther
trugen. Und dann gruben sie mich in Morast. Ich habe ihre Anbetung und die
Kraft zu ihrer Verherrlichung in mir. Aber ich bin auch geboren, sie zu
verachten. Ein ganz anderes Blut steigt mir auf einmal ins Hirn. Ich fühle anders, sehe anders, und mir schaudert vor dem, was ich gewesen bin.“
Aufschreckend und sich zusammenziehend, wie verloren unter Feinden:
„Nicht noch einmal möchte ich solch Schaudern erleben.“
Am Ende des Winters dann ein rätselhaft trüber Abend, voll des Gefühles von
verlornem Leben. Sie sehnte sich fort, hinauf, hinaus aus einem Schacht. „Ich
kann nicht länger —“ sie wußte nicht, was. Ward nicht noch immer die Tosca
gegeben? Niemand ging mehr hin; gleichviel. Und als die kleine Logentür hinter
ihr dumpf zuklappte und harfend, mit verbleichenden Sternen und erster
Morgenröte ein Garten von Tönen, ja plötzlich ein klingendes Paradies sie
aufnahm, da stand sie, bebte, verschluckte Tränen, fühlte die Brust sich spannen
und das Flügelrauschen der Erlösung über ihren zugedrückten Lidern. Das
Glück! Diese Töne waren das Glück. Zwei Stimmen, zwei liebende Stimmen
erhoben sich über Knechtschaft, Folter, Richtstätte, als zwei liebesbleiche, feurig
gewappnete Engel. Alle Schranken fielen. Mächtig glänzend öffneten sich
Himmel, die ganz Liebe waren. Lola fühlte, und hatte kein Bewußtsein davon,
Pardi sei eingetreten. Sie lächelte, ohne ihn anzusehen, ein Lächeln, das ihm
bestimmt war. O! sie fand endlich zurück an die Schwelle jener Freuden mit
ihm. Nichts machte ihr mehr Schaudern, denn alles war Liebe gewesen. Noch
die Verirrungen: kannten nicht auch die beiden liebesbleichen Engel jener
Himmel sie? Das Fleisch konnte heilig sein. Diese Musik heiligte es. „Ich liebe
dich! Ich liebe dich!“
Da, ein Rachen, der ein einziges Mal zuschnappte, schlang Stille alles hinab.
Man hatte verloren, wo man war, man hatte den Atem verloren, mußte sich
herauskämpfen . . . „Was habe ich getan? Mein Gott, er hat mich verstanden!“ Er
sprach, und seine Stimme machte ihr kalt und heiß. „Allein, mit ihm allein im
leeren Haus. Ganz ihm überantwortet. Wenn er jetzt zugreift, ist es der Tod. Er
weiß, daß er’s darf: wie soll ich noch leben!“
Dabei wand sie sich unter den weichen Griffen seiner Stimme, die den
Nachhall jener Musik beschwor, ihn aus der Stille zurückbannte.
„Ich bin so glücklich, mich einmal ganz allein mit dir zu finden. Du bist
schöner als je, ich liebe dich mehr als je. Hast du gehört, wie viel Liebe in dieser
Musik? Für uns, du Engel, für uns! Komm, ich will dir Dinge sagen —“
Sie sprang auf; ihr Stuhl fiel um.
„Ich habe Beängstigungen, laß mich fort, ich werde wieder krank, schon
wieder. O, wohin?“
Er folgte ihr bis in ihr Zimmer; er entwand ihr den Türgriff.
„Wozu, wozu. Sei endlich ehrlich! Du liebst mich. Und ich liebe dich.“
Sie riß sich los, sie flüchtete hinter das Bett.
„Was willst du? Ich kenne dich nicht! Sind wir nicht fertig?“
„Es scheint nicht. Und du entsinnst dich wohl noch meiner.“
„Du hast andere Frauen, nicht wahr? Laß mich gehen, ich bitte dich. Ich will
fort. Alles war Irrtum, ich könnte dir’s erklären. Ich verliere den Kopf. Mein
Gott, ich will fort.“
Da er auf den Bettpfosten gestützt blieb, mit einem langsamen Lächeln, das
seine Macht auskostete, bevor er zugriff:
„Den ganzen Winter habe ich dich von mir abgehalten, dadurch, daß ich dich
habe merken lassen, ich kenne deinen Betrug. Ein Rest Scham machte, daß du
mich verschontest. Behalte ihn! Laß dir nichts einfallen gegen mich! Ich bin
verzweifelt!“
„Du bist verliebt: ich habe es gesehen. Ich brauche nicht auf mein Recht zu
pochen; du liebst mich, das genügt. Was täte es noch, wenn ich andere gehabt
hätte? Du würdest verzeihen. Übrigens ist es nicht wahr; ich liebe nur dich!“
Seine Augen flammten auf, sein Lächeln war fort; er stieß sich vom
Bettpfosten ab, er setzte schon an, loszubrechen gegen sie. Da stockte er: sie
stand auf der Fensterbank. Von unten kam das Klirren und Splittern der
zerbrochenen Scheibe. Lola schrie:
„Nicht dich liebe ich! Ich liebe einen anderen; — und rührst du mich an,
spring’ ich hinab!“
Nochmals, gehaucht:
„Ich liebe einen anderen.“
Er hielt sich knirschend zurück. Er schüttelte die Fäuste.
„Das ist nicht wahr! Ich werde dich holen, ich nehme dich!“
Aber er kam nicht. Lola hatte den Kopf im Nacken. Langsam:
„Ich bin nicht deine Gefangene. Ich kann sterben.“
Sie sah auf ihn nieder, der sich ohnmächtig abarbeitete.
„Und ihm, den ich liebe, verdanke ich meine Rettung. Du hast mich gemein
und elend gemacht, weißt du das nicht? Ich war deine schmutzige Magd: er aber
hat mich gereinigt und zu seiner Gefährtin erhoben. Das darfst du wissen: ich bin
rein!“
Er keuchte:
„Wer ist es? Ich werde ihn töten!“
„Du wirst ihn nie sehen. Auch ich sehe ihn nie.“
Er starrte sie an. Plötzlich sich abspannend, verachtungsvoll:
„Du bist wahnsinnig, das ist alles. Ich habe die Pflicht, dich da herunter zu
holen.“
Und er machte einen besonnenen Schritt. Aber sie hing am Fensterkreuz, schon halb draußen. Ihr Blick war irr und wild.
„Zurück, oder ich lasse mich fallen! An dem Tage, wo du mich anrührst,
sterbe ich!“
Er hob Schultern und Arme, deutete sich auf die Stirn — und ging rückwärts,
leise auftretend, hinaus.
Die Tür hatte sich geschlossen; Lola fühlte sich auf einmal schwach werden.
Entsetzt sah sie unter sich, ins leere Dunkel. Die Knie zitterten; ihr schwindelte.
Sie ließ sich, die Augen geschlossen, am Fensterkreuz hinab, tastete nach dem
Boden. Zurückblickend:
„Wie bin ich dort hinaufgekommen?“
Sie schleppte sich zur Tür, verriegelte sie. Und sie fand noch die Kraft, sich
aufs Bett zu werfen.
„Noch einmal gerettet, noch einmal! Auf wie lange? Und ich glaubte mich
geheilt! Ich kann mich also nicht auf mich verlassen? In allem lauert,
unmerklich, die Verführung, in den Landschaften, in den Bildern, den Tönen:
Alles ist geschaffen, mich schwach zu machen, mich zu erniedrigen; in allem ist
der Mann, der mich erniedrigt. Die Luft selbst, diese Luft verdirbt mich. Ich
habe nicht das Recht, sie zu atmen. Hätte ich vorhin mich fallen gelassen! Er,
dem ich mich schulde, würde mir dann verzeihen können. Jetzt darf ich nicht zu
ihm sprechen, ihm nie wieder das Gesicht zuwenden. Er weiß nun, daß ich lüge!
Meine Lust nach dem andern ist Diebstahl an ihm, an ihm! Ihm bin ich
verantwortlich für meine Seele, und bald wird sie nicht Kraft genug mehr haben,
ihn zu lieben. Immer neue Zusammenbrüche des Fleisches werden sie abnützen.
In meinem Laster wird meine Vernunft erlöschen, und ich werde mich nicht
mehr hinaussehnen können, mich nicht einmal mehr sehnen können.“
Sie fuhr auf.
„Das soll nicht geschehen. Ein Gedanke noch an den andern, und es geht da
hinab!“
Sie lief zum Fenster, sie maß die Höhe der schwarzen Quadern. Ihr
schwindelte schon wieder. Das Haus deuchte sie ein düsterer Riese, der sie auf
loser Hand trug, bereit, die Hand umzukehren.
„Ich werde es nicht können. Ich bin feige. Zu viel Begehren macht auch
feige.“
Im Umherirren, vor einem alten Schmuckkasten:
„Der? Vielleicht der!“
Und sie zog den winzigen Revolver hervor: ein galantes Geschenk von einst,
ein Scherz, weil damals ein Landstreicher sie frech angeblickt hatte.
„Ich habe Begierden erregt und geteilt, wo ich vorbeikam, überall. Ich mag
mich nicht mehr leben fühlen.“
Sie sank aufs Bett zurück. Lange blieb sie erschlafft. Dann, hastig an der
Waffe fingernd, zu ihr flüsternd:
„Also ich schwör’ dir’s! Da liegst du und bewachst mich. Und den ersten
niedrigen Gedanken sollst du mir — hörst du’s? — aus der Stirn schießen!“
Sie warf den Revolver auf den Bettisch. Die eine der Kerzen verlosch, die
andere flackerte. Lola sah an der Wand ihre Geste grotesk vergrößert.
„Bin ich ehrlich? Mein Gott, darf ich mir glauben? Wann bin ich denn ich
selbst: jetzt, oder vorhin in der Loge? Kann solch Entzücken lügen? Mag sein,
ich werde gequält um nichts; das Glück der Sinne wäre dennoch das wahre; und
jener Abwesende, mein böses Gewissen, ist nur dazu eingesetzt, mich zu quälen.
Dies zu wissen! Wissen, wohin ich gehöre! Ich liebe doch Pardi. Noch an dem
Kreuz liebe ich ihn, an das der andere mich schlägt! Sich gehen lassen können,
nachgeben können: wie leicht wäre das Leben! . . . Klopft er?“
Sie lauschte . . . Nein: sie hatte sich’s nur gewünscht! Sie schlug die Hände
vors Gesicht. Pardis Lippen erschienen ihr, rot hervorstehend aus seiner Blässe.
Plötzlich redete sie Arnold an:
„Jetzt verlangst du wohl, daß ich mich töte? Ich tu’s nicht. Ich hasse dich!“
Laut:
„Ich hasse dich!“
Von dem Schall erschrak sie, begann zu zittern, und Tränen kamen.
„Verzeih mir! Sieh, wie ich elend bin! Es waren die höchsten Freuden, als ich
dich hatte.“
Und sie sah sich, einsam und doch mit ihm, dem Freund, in der reinen Ruhe
des vorigen Sommers. Sie spürte beim Lesen seinen Atem auf der Schläfe und
hielt ihm, bevor sie es wendete, das Blatt hin, damit auch er es beende.
Unvermittelt trat in dieselben Räume der andere. Ihr Atem vermischte sich mit
dem des andern, ihre Glieder verschränkten sich mit seinen. Sie atmete schwer;
sie warf das Bild der Lust von ihrer Brust hinab, sie streckte die bittende Hand
aus nach dem der Liebe.
„O! wärest du da. Rette mich! Komm!“
Es tagte, und sie schluchzte noch:
„Komm!“