Zwischen den Rassen

Heinrich Mann · Kapitel 14 von 14

PDF-Seiten

Zwischen den Rassen

Kapitel V

 

Lola fieberte, schon die zweite Nacht. Sie fühlte sich als Kind und auf der

Großen Insel. Feenlicht in stiller Runde, über Meer und Garten; und hielt man

ihm nur das Gesicht hin, war’s einem, man lächele. Weite Blumenkelche

schwankten bedächtig, und Lola gab ihnen Namen: jedem einen längst

befreundeten Menschennamen. Da tat aber ihr Herz einen Sprung, die schöne

Luft ward schwer; Lola wollte laufen, laufen, und blieb stecken in der Luft;

wollte schreien und hörte sich nicht. Sie atmete auf: dort saßen um ihren

Suppenkessel die Schwarzen. Alles war gut, die Boa war verschwunden, Lola

war ihr entronnen. Ein starker Schwarzer hob sie den Kessel hinan, sie tauchte

ihren Löffel ein und sah stolz umher, wie alle ihre blonden Locken bewunderten.

Und nun schlug eine Stimme an: o, jene Stimme, bei der man vor Liebe zitterte

und sprang; und aus den Bäumen trat die große, ernste Gestalt. „Pai! Pai!“

Sie erwachte, die Hände hingestreckt und auf den Lippen ein Lächeln. Aber

ein fremdes Gesicht bewegte sich auf ihres zu; sie schrak zurück: „Claudia!“ —

und sie bedeckte die Augen und stöhnte.

„Ich erschrecke dich wohl, Lolina? Ach, sieh mich an, ich flehe darum!

Wirklich? Ich mache dir Grauen. O, du hast recht, ich bin grauenhaft, und ich

will gehen.“

Alles war wieder da; nichts half es, die Lider zuzudrücken. Dahinter

schimmerte dennoch, wie aus dem Dunkel eines Wagens, Claudias Gesicht, mit

den von Lust gebrochenen Augen. Und auch er war zurückgekehrt, der

unfruchtbar Geliebte. Das Schicksal war zurückgekehrt.

„Du bringst mir Nachricht von ihm?“

Claudia blieb scheu dorthinten gegen die Wand gedrängt, als wollte sie

hindurch. Sie stammelte:

„Warum bist du krank geworden? O! ich bin eine Verbrecherin. Wollte doch

Tullio mich umbringen, mich endlich umbringen! Ich habe dich gesehen, Lola,

als eine Erscheinung: ich darf dir nicht sagen, wann. Du erscheinst mir oft: ich

darf dir nicht sagen, wann.“

„Bin ich dir erschienen, Claudia? Ach, laß das! Es wird nicht wahr sein; denn ich glaube nicht, daß meine Seele von mir fortschweifen kann. Sie sitzt immer

über sich selbst gebeugt. Du verstehst das nicht. Hat er dir Aufträge gegeben?“

„Nur, daß er sich sehr um dich ängstet. Er hat es nicht gesagt: ich sah es. Aber

nun wirst du genesen, Lolina. Ich will ihm sagen, wie gut du aussiehst.“

„Tu’ es nicht! Sage ihm, ich werde sterben . . .“

Sie sann müde. „Er verdient es. Wenn ich tot bin, wird er bereuen. Dann wird

er mir alles geben wollen, als lebte ich. Jetzt liebt er mich nur so, wie man eine

Tote liebt. Vielleicht gibt es ein Jenseits? Dort sehe ich seiner Liebe zu und freue

mich meines Todes.“

„Ja,“ sagte sie, „ich wünsche mir sehr, zu sterben. Niemand weiß, wie gut das

wäre.“

Claudia kauerte am Boden und haschte mit den Lippen nach Lolas Hand.

„Du bist weich und unschuldig, meine Claudia; ich habe dich gern. Aber geh’

nun, ich bitte dich, — und sei unbesorgt. Ich werde wohl nicht sterben: es wäre

zu viel Glück. Nur träumen darf ich. Vorhin träumte ich, und da war’s, als sei

noch nichts geschehen, von allem Schlimmen noch nichts.“

Noch wachte sie, und fühlte sich doch ganz deutlich aus dem Meer steigen:

über große flache Steine und auf den Strand. Er war nun leer; und das schwarze

Laubdach, unter dem sie hinging, blitzte oben weiß vom Mond. Sie wußte sich

allein auf der Großen Insel: die Blumen im Mondlicht sahen aus wie Seelen, —

und da erinnerte Lola sich, sie sei gestorben. Dies war das Jenseits; und doch lag

es auf Erden, und wer sie sehr liebte, konnte sie einholen und es ihr sagen. Sie

vermochte nicht zu sprechen, aber sie erriet, was drüben geschah: erriet seine

Sehnsucht und lauschte lächelnd übers Meer hin . . . Nun war er da. Noch fand er

sie nicht, sie aber spähte schon bis in sein Herz und sah es bereit, mit ihrem auch

den Tod zu teilen. Sie dachte: Hier bin ich! Komm! — und da war er unter ihrer

Palme; ihre Hände streiften sich, seine Wärme rann ihr ins Herz und erweckte

sie. Ein Schrei: sie schrak auf.

Er liebte sie! Das Glück dehnte in ihr seine großen Flügel. Weich ward sie

gehoben, schloß wieder die Augen und ließ sich tragen. „Nun bin ich seiner

gewiß, — da er mir bis hierher gefolgt ist. Nun liebt er mich mehr als sein

Leben.“

Träume mußten es ihr beweisen; — und sie erhielt sich im Traum von ihm,

fand es süß, seiner zu denken und ihn nicht zu sehen. Längst ging sie wieder

umher und wollte doch den Brief, den Claudia für ihn verlangte, nicht schreiben.

Ihr Traumgespinst wäre durch Worte zerrissen worden. Er hätte sie enttäuscht.

Als sie ihn wiedersah, war’s Zufall, und sie erschrak. Er begegnete ihr sanft und

reuevoll, — und in ihr wallten Tränen auf. Warum schalt er sie nicht? Er mußte

wissen, daß sie gestern große Gesellschaft bei sich gehabt hatte. Sie sah alle Welt, nur ihn nicht; er aber blieb gütig.

„Mein Mann ließ mir keine Ruhe,“ sagte sie, und da sah sie ihn aufzucken.

Also brauchte jetzt nur Pardis Name zu fallen, und er war getroffen und sank in

eifersüchtiges Grübeln?

„Er ist ruiniert,“ sagte Lola mit Herzklopfen; „um sich zu halten, bleibt ihm

nur, daß er sich wählen läßt. Und da die Kammer aufgelöst ist —. Aber du hörst

nicht zu?“

Er stammelte. Nein: sein Zorn, sein Haß waren wieder ausgewichen. Die

Eifersucht machte ihn nur noch verlegen. Lola sagte gereizt:

„Warum schiltst du nicht? Ich bin schlecht.“

„Du warst krank. Ich habe dich zu lieb . . .“

Immer diese Gerechtigkeit. Hätte er den Herrn gezeigt — wie der andere! In

ihrem Zimmer träumte sie davon: auch davon. Er befahl ihr, und sie arbeitete für

ihn. Denn sie waren arm, waren entflohen und lebten in einer Hütte: sie seine

Magd. „Wie ich dich liebe! Schlage mich!“ Sie saß, in ihrem Sinn, zu seinen

Füßen; und wie sie zu ihm aufsah, schob seinem Gesicht sich, und sie wußte es

kaum, Pardis unter. Als sie es merkte, vertrieb sie’s. Noch oft kehrte es wieder,

statt des gerufenen. Und mehrmals erwachte sie und bebte noch davon, daß sie

in Armen gelegen hatte, die der Geliebte ihr geöffnet und der Gehaßte um sie

geschlossen hatte.

„Warum suche ich nach allem Leiden, das jener mir auferlegt hat, in Arnold

doch wieder den anderen? Bin ich denn wirklich unheilbar? Ach, wollte mein

Geliebter mich erlösen! Eine Tat! Ein Zugreifen!“ Sie wußte nicht, wie, wollte es

nicht wissen. Es war seine, des Mannes, Sache. Er hätte handeln sollen trotz ihr,

und wenn sie selbst ihm auch die Hände festhielt. Sie irrte durchs Zimmer.

Vielleicht lag alles daran, daß er sie nicht nahm? Er verstand sie nicht, er war ein

schlechter Seelenkenner. Sie sträubte sich, sie hatte Bedenken: welche Frau hatte

sie nicht. „Ich bin eine gewöhnliche Frau!“ Er ließ sich täuschen, er war

lächerlich vor Zartgefühl. Wäre er einen Augenblick ganz Mann gewesen! Es

blieb wider die Natur, daß sie, die sich alles gegeben hatten, einander die Körper

versagten. Daraus kam diese Sucht, einander zu quälen, diese Feindseligkeit im

Sehnen, diese Träume, die ins Irre und Verderbte schweiften. Sie legte Claudia

eine zornige Beichte ab.

„Wir Frauen erfinden Gott weiß was, zu unserer Verteidigung. Du weißt

selbst, daß wir’s übel nehmen, wenn man es gelten läßt. Er aber läßt alles gelten.

Ich bin noch immer nicht seine Geliebte. Du hast es mir früher nie geglaubt und

wirst es auch jetzt nicht glauben: wie könntest du. Aber es ist so.“

Claudia spähte in Lolas Augen, ob dies die Wahrheit sei. Sie war sprachlos.

Dann schob sie den Mund vor; die anstürmenden Worte blähten ihn; und plötzlich erbrachen sie ihn. Arnold war ein elender Feigling; er sollte eine

Schürze vorbekommen; Lola konnte sich von ihm ihr Schlafzimmer aufräumen

lassen. „Ah! auch dies laß ihn tun, —“ und Claudia machte eine Gebärde. Vor

Entrüstung ward sie unanständig. Übrigens beteuerte sie, sie habe Arnold nie

getraut. Er sei kein Mann. Seine Augen mißfielen ihr. Erschreckt griff Lola ein,

erklärte und suchte gutzumachen.

„Ich wußte wohl,“ gab Claudia zu, „daß ihr anders seid, als wir: du eine

andere Frau, er ein Mann, nicht wie die unseren. Ich verstehe eure Sachen nicht,

ihr müßt selbst zusehen.“

Aber ihre Phantasie war nun umgelenkt. Claudia bewegte langsam ihren

kleinen Kopf und verdrehte, vor schmerzlicher Bewunderung, die großen

bräunlichweißen Tieraugen.

„Ihr seid Engel. Wir gewöhnlichen Menschen können euch nicht nachahmen,

ihr aber seid Engel. Tröste dich, Lola: deine Leiden werden dir mit himmlischen

Freuden vergolten werden, für meine aber bin ich verdammt. Ach! weine nicht,

Lolina. Was soll dann ich tun?“

Lola wandte sich ab. Sie erkannte das Leiden anderer nicht mehr: ihr eigenes

hatte alles verdunkelt. „Und wenn es ein Jenseits gäbe,“ dachte sie, „es wäre

dennoch leichter, sich mit allen anderen verdammen zu lassen, als ganz einsam

selig zu werden.“

 

Sie forderte von Arnold:

„Sei ein einziges Mal leichtsinnig! Bist du mir nie untreu gewesen? Hast du

dich je geschlagen? Ach nein, — aber so verschwende doch irgend etwas!“

Er war gar zu sparsam: mit dem Seinen und mit sich. Sie warf ihm, wenn sie

grübelte, vor, daß er ihr nie ein Geschenk gemacht habe. Pardi hatte für die

Sarrida Hunderttausende fortgeworfen, — „aber auch für mich war er immer

bereit: ich brauchte nur Launen zu zeigen. Ein Gericht zu viel machte ihn

wütend; aber er hätte mir eine Yacht gekauft. Wem eine Frau nicht das Geld wert

ist, dem ist sie schwerlich das Leben wert. Arnold ist mäßig und vernünftig;

seine Tugenden sind sehr bürgerlich . . .“

Und hingen nicht ebenso bürgerliche Untugenden mit ihnen zusammen?

„Seine Kälte und seine Art, Menschen anzusehen! Ach! er wird niemandem

unrecht tun: nicht durch blindes Lob und nicht durch Verleumdung. Er zerlegt

und begreift. Er kennt nicht Freund noch Feind: nur das kleine selbstsüchtige

Vergnügen des Durchschauens. In dem Gerechtigkeitssinn dieser Schwachen,

wie viel kleinliche Bosheit! Pardi: o, dem wird’s heiß, der liebt und haßt; und

wen er nicht ersticht, den hält er gradaus für einen Ehrenmann. Bei dem würde man selbst wissen, wer man ist, würde seiner selbst sicher und geborgen sein . .

.“

Und sie dachte der Zeit, da sie’s war. „Das einzige Gute war doch das

Sinnenglück: damals, wie ich jung war.“ Das schien Jahrzehnte her. Sie saß in

wehmütigen Erinnerungen, wie eine Greisin. Plötzlich eine Wallung, daß die

Luft zu flimmern schien, — und sie bebte vom Gefühl abenteuernder Jugend,

vom Gefühl des Lebens von damals. Noch immer war’s da, ging aus und ein mit

dem Mann, und war toller als je. Ein Schritt nur! Das andere vergessen können!

Pardis Untergang mitmachen! Sein ganz und für immer verwirrtes Schicksal

teilen, dies von jeder Verantwortung, allem Denken befreite; lieben und

betrügen, sich durchschlagen, Hunger haben wie ein Tier und tafeln wie die

Götter, gehetzt werden und atemlos lachen. „War ich nicht schon früher etwas

wie eine Abenteurerin? Ich gehöre zu ihm. Was er mir zu bieten hat, kommt mir

zu.“

Dann fing sie einen Männerblick ab, der sich auf eine Frau niederließ, und ihr

ward kalt. Die unkeusche Wirkung dieser Frau, die Unkeuschheit unter ihren

Kleidern, hinter ihren Augen, die Unkeuschheit, die ihr Gedanke, ihr Zweck,

ihre Funktion war, machte Lola erstarren vor Ekel und Grauen. Sie selbst war, in

ihrem Bewußtsein und Willen, diese Frau gewesen! Sie fühlte sich nackt unter

allen Menschen und verlor den Kopf.

Der Spalt, der von jeher durch ihr Leben schnitt, war weit aufgerissen, und

Flammen schlugen heraus. Ihr verstörtes Innere warf, durcheinander, alle Triebe

empor, brachte alle Bilder zurück. Sie hätte auf einem kalten Meer mit Arnold

Schiffbruch erleiden mögen. Aber das Polster eines Wagens erschien ihr und

zwei Gestalten, die sich umkrampft hielten und zuckten. Sie töten! Ach! dies

erlösende Wort. Wie kam es denn, daß diese Claudia noch lebte, daß Lola ihr die

Hand reichte, ihr ihren Namen gab — „Claudia“ — als dürfe sie leben? Beide

töten! Gereinigt war dann alles und still.

Wie sie sich im Qualm ihres blutigen Traumes betraf, fielen ihre Züge

zusammen, und sie schloß, sich zu fliehen, die Augen. Sie verachtete ihr Wüten,

das Wüten der Ohnmacht, und verachtete die Stunden der Sehnsucht, rein zu

sein; denn immer schlugen tierische Dämpfe hinein. Sie litt Abscheu vor jeder

ihrer Regungen; alle deuchten ihr uralt, verbraucht und vorauszusehen; die

Gedanken abgespielt, die Empfindungen schal und verderbt. Sich los sein! „Da

ich nie wissen werde, wozu ich geboren bin: lieber nichts mehr wissen!“

Ein Ausweg: sich beschränken, Ansprüche und Gedanken abwerfen, ihre

Kraft nur mehr gebrauchen, um zu erhalten, was im Zusammensturz aller Dinge,

ihrer Liebe und ihres bürgerlichen Daseins, noch stand. Sie machte sich an eine

genaue Beaufsichtigung des Haushaltes, wollte sparen, kleinlich sparen. Was half’s, da Pardi die letzte Habe zu Geld machte und es verstreute. Ein Fremder

kam ins Haus und verhandelte über den Preis der Verkündigung, draußen an der

Fassade. Lola sprach lachend davon zur Tochter des Präfekten und fühlte sich

gerettet, als am Abend drunten eine Wache stand. Pardi deklamierte vor den

Freunden, die hereinströmten. Ob die Verkündigung sein sei, oder der Nation.

Warum die Nation, anstatt nur den Verkauf zu verbieten, ihm das Kunstwerk

nicht lieber gleich wegnehme. Lola mischte sich heiter ein.

„Was er für Einfälle hat, wie, meine Herren? Wenn du das Bild nicht sehen

magst — auch ich habe es satt —: warum muß dieser Amerikaner es haben?

Warum nicht das Museum?“

„Einfalt! Weil es nur die Hälfte dafür gibt. Und meinst du, eine Wahl sei

umsonst? Zehntausend Wähler wollen bezahlt sein, jeder mit fünf Lire, und die

großen kosten mehr. Aber ich mache es; wir haben gewettet: wie, Marco,

Carlino? Ihr sollt sehen, ob ich noch der Alte bin.“

Er verbreitete sich, lockeren Herzens, nach allen Seiten, feuerte Sympathien

an, zauberte einen ganzen Garten von Leichtsinn und guter Laune aus all diesen

Gesichtern. Musik näherte sich, und eine Schar Volkes, vom Fürsten Valdomini

geführt, schrie zu den Fenstern herauf, daß Pardi leben solle, und daß seine

Feinde sterben sollten. Und sie machten sich über die beiden Carabinieri her, die

die Verkündigung bewachten. Pardi war schon unten und fiel den Angreifern in

den Arm. Er sprang auf die Stufen zum Tor und redete: etwas wesenlos

Begeisterndes, wovon die Augen ringsum zu blitzen begannen. Dann, die Hand

nach der Hausecke gestreckt:

„Dort in meinem Keller wird euch mein Wein für fünf Soldi verkauft. Ihr

wißt, daß das wenig ist. Von heute ab aber sollt ihr ihn für drei haben.“

Er war auf einmal in einem Sturm von Händedrücken, ward auf Schultern

gehoben und zum Weinkeller getragen. Das Gelage dauerte lange; Lola sah,

allein zurückgeblieben, daß auch die Wächter sich hinziehen ließen. Und am

Morgen gafften Bürger die nackte Hauswand hinan. Die Verkündigung war fort.

Pardi stand inmitten aller Diener und lachte, daß es ihn bis auf die Knie

beugte.

„Ah! Geld wollt ihr?“ rief er den aufgeregten Eindringlingen zu. „Ich habe

keins: weniger als gestern. Denn meine Madonna hat man mir gestohlen.“

Er hatte keins. Längst waren die Summen, die er noch erraffte, nutzlos dahin,

bevor sie eingingen. Pardi focht nur noch, um zu fechten und mit dem

Bewußtsein, auch den Fußbreit Boden, worauf er sein Florett führte, werde er

aufgeben müssen. Er scheute nicht mehr Ungesetzlichkeiten noch Unzartheiten:

blieb ihm nur die furchterregende Gebärde, die große Maske, der alles

erschütternde Abgang. Er war dabei, seinen Rest bürgerlicher Ehre abzustreifen, und behauptete um so wuchtiger die des Helden. Wegen eines Hemdes, das er

einem Freunde aus der Kommode genommen und sich angezogen hatte, kämpfte

er ein Duell. Und am Abend vorher war er bei erhöhter Laune, versprach Lola

eine Reise nach Paris und lobte sein Leben. „Wie viel Tätigkeit! Wie viel

Bewegung!“ Indes er in Versammlungen auftrat, mit dem Waffenkasten vors Tor

fuhr und täglich Frauen kraft seines ganzen Feuers, als brenne es nur dafür, in

allen Winkeln der Stadt Frauen im Dahinstürzen mit sich riß, hatte er durch

Laufen, Lungern, Kartenspiel und Drohungen den Sturz seines Hauses

hinzufristen, zwölf Stunden noch, und noch zwölf.

Lola kam, wie sie ihm zusah, in zitternde Bewegung. Sie konnte nicht

schlafen, dachte sie an das feurige Leben, das er Tag und Nacht unterhielt. In

welchem trüben Grau schlich man mit Arnold dahin! Pardi war bewundernswert.

Mit einer todverachtenden Freude sah sie ihn alles, was er war, wie ein

Feuerwerk in die Luft schicken. Gleich war das letzte abgebrannt; der Rest war

Pulverdampf und Nacht. Inzwischen aber genoß man einen berauschenden Jubel,

einen glänzenden Leichtsinn. Und man empfand sich vergrößert und stärker

beleuchtet, wie auf einer Bühne. Aus Lola lösten sich, indes sie dies miterlebte,

Akzente und Gebärden, die sie in sich nicht gekannt hatte.

„Sie, Botta, unser alter Freund, unterstützen die Kandidatur meines Mannes.

Ich habe es nicht anders erwartet, aber werden Sie ihn durchbringen?“

Botta schmatzte; und die Tischnachbarn wandten sich her nach Lolas lauten

Worten.

„Contessa, wir haben viel für uns, vor allem seine Gläubiger. Jawohl, das

Konsortium seiner Gläubiger, denen wir klargemacht haben, daß nur seine Wahl

ihnen zu ihrem Gelde helfen kann. Sie sind von Eifer erfüllt.“

„Warum nicht,“ sagte Lola. „Auch niedrige Interessen müssen dienen, damit

Hohes erreicht wird.“

Gegenüber begann Nutini:

„Jeder tut das Seine, damit die gute Sache siegt. Wissen Sie schon das von der

Linda Vitali? Also, der Vitali hatte, vom Klub her, eine Forderung an Ihren

Gatten, Contessa, und bekommt sie durch Scheck vom Juwelier Spontelli. Er

geht der Sache nach und entdeckt — niemals raten Sie, was er entdeckt: daß er

mit den Juwelen der Linda bezahlt ist, mit den Colliers seiner eigenen Frau.“

Links und rechts lachte es diskret. Nutini schielte auf seine Nase.

„Und der Vitali schweigt. Was opfert man, als Gatte der Linda, nicht alles, um

einen Kandidaten in die Kammer zu bringen, der die Ehescheidung verhindert.

Auch Sie, Contessa, werden schwerlich einen größeren Wunsch haben.“

Die anderen wiederholten:

„Jeder tut das Seine, um Pardi durchzubringen.“

Lola hob die Tafel auf; und im Aufstehen, mit großartiger Handbewegung:

„Ich mache kein Hehl daraus, daß ich Geldopfer gering anschlage und das

Geld verachte. Die Geschichte hat erhabene Bettler gekannt. Niemand kann dem

Conte Pardi ein Opfer bringen, das er ihm nicht im voraus hundertfach bezahlt

hätte: als er sich für Italien in Afrika schlug.“

Sie stand aufgerichtet und den Kopf im Nacken, im glitzernden Fluß ihrer

Schleppe. Die Gestalten um sie her bückten sich unbewußt ein wenig, die Blicke

wurden verehrend. Lola sah, daß es alle antreibe, ihr „Brava!“ zuzurufen. Sie biß

sich auf die Lippe, und sie fürchtete, zu erröten. Gleich darauf war sie um so

glücklicher: ganz Heldin, diesem allen gewachsen und verbündet mit Pardi. Er

kam herbei. Von drüben hatte er bemerkt, daß sie Wirkung übte: noch eine

Wirkung, die sich mitnehmen ließ. Lola sagte „Mein Freund —“, und sie gaben

sich die Hand, beide stolz und bewundert.

Sie wußten kaum noch, wie sie es miteinander meinten. Was sie der

Öffentlichkeit vorführten, spielten sie nun auch unter vier Augen. Erst wenn er

fort war, erschrak Lola. „Habe ich denn keine eigenen Gefühle mehr? Was soll

diese Komödie: zwei Schritte vom Abgrund? Ich wollte uns doch aufhalten, ihn

aufhalten; — und jetzt treibe ich ihn vorwärts. Mein Gott, welche Angst! Ich

muß etwas tun, ich muß ihn warnen.“

Sein Schritt war, als er heimkam, schwerer als sonst; sie hörte ihn auf den Sitz

fallen. Sie legte die Hand ans Herz, das klopfte; dann trat sie ein.

„Guten Abend, mein Lieber. Stehen unsere Sachen nicht gut?“

„Unsere Sachen?“

„Nicht die Stirn falten!“

Sie berührte sie mit dem Finger.

„Wir haben doch, trotz allem, dieselben Interessen. Laß mich ein wenig für

dich denken. Der Trubel, in dem du lebst, erlaubt es dir nicht. Aber wie soll dies

alles enden. Magst du gewählt werden oder nicht, — ein Spiel ist auch dies dir

nur: nicht wahr, ich kenne dich? Und was bleibt dir vom Gewinn? Vielleicht ist

alles Geld, das in den Spielsälen von Florenz umläuft, schon durch deine Hände

geflossen; was aber hast du nun? Und wenn die letzte Frau dir gehört hat, was

wirst du noch haben? Werde ruhiger, Freund, widerstehe deinen Wünschen!“

Und leiser, mit Zittern: „Wir sind nicht geboren, um glücklich zu sein: gewöhne

auch du dich an den Gedanken.“

Er schüttelte ihre Hand von seiner Schulter; er sah sie knirschend an.

Erschreckt murmelte sie noch:

„Ich sage es aus Sorge um dich, um mich selbst. Wir haben doch dieselben

Interessen.“

Und er brach aus.

„Die Erkenntnis kommt dir also? Sie kommt nicht zu früh! Andern Frauen

kommt sie vielleicht ein wenig früher. Ich habe gehört, daß der Untergang eines

Hauses durch die Frau verhindert worden ist. Aber wahrscheinlich sah sie etwas

anders aus als du. Die Cupola hat ihrem Mann das Trinken und die Weiber

abgewöhnt: alles beides. Sie hat ihn sich zurückgeholt, sie hat ihn mit ihren

Umschlingungen erweicht, sie hat sich, für ihn, so lasterhaft gemacht, daß sie

ihm zwei Laster ersetzte. Vernunft brauchte sie ihm nicht zu predigen: ihre

Vernunft war in ihrer Liebe. Aber die hast du nicht. Das ist es: du hast keine

Liebe!“

Sie wendete ihm die Flächen ihrer gesenkten Hände zu und hielt seinen von

Verachtung schweren Blick aus.

„Ah! jetzt findet sie Tränen: jetzt, da es auch ihr an den Hals geht. Und doch

schien dir an diesem Hause nie viel gelegen. Ich sah dich in diesen Zimmern

immer sitzen, wie eine Gefangene; wie eine Reisende, die in einem Hafenhotel

warten muß, weil der Dampfer beschädigt ist. Als ob du auf deinem Koffer

saßest. Wir alle waren dir unheimlich — und du uns. Nie hast du aufgehört, in

einer fremden Sprache zu denken; und was du dachtest, war uns fremd: fremd

und nicht befreundet. Du warst unsere Feindin: ja, ich hatte eine Feindin im

Haus. Was Wunder, wenn ich nicht darin blieb?“

Lolas Brust ging rascher, ihr Blick ward hart; sie stieß hervor:

„Du warst mit allen verbündet gegen mich. Ich war allein — und wäre es

überall. Was ich gelitten habe, gibt mir am Ende mehr Recht, darauf stolz zu

sein.“

„Ach ja — und selbstgerecht. Du warst immer die Überlegene, weil du die

Kalte warst. Ich bin so unbesonnen gewesen, hier eine Fremde einzuführen, die

uns in aller Ruhe ausspionieren durfte.“

„Wir waren beide unbesonnen. Aber ich habe nicht spioniert; ich habe vor

manchem, was ihr mich sehen ließt, die Augen geschlossen.“

„Mit jenem andern Fremden, deinem Freunde, mußt du sehr geistreich über

uns philosophiert haben. Du hast einen Freund, einen Liebhaber gehabt. Du hast

ihn vielleicht noch. Ich sehe ihn nicht, aber was beweist das bei euch. Sieht man

euch und eure Taten? Ihr treibt gewiß aus der Ferne mit eurem Gedanken mehr

Unzucht, als wir, wenn wir zusammen im Bett liegen. Ich mußte es zulassen. In

deinen Kopf hineingreifen zu können, dafür hätte ich manchmal mein Leben

gegeben. Man greift nicht in einen Kopf wie den deinen, man kommt dir nicht

bei. Da: wenn ich so um dich kreise, gibt es immer einen Strich, über den ich

nicht hinweg kann: nicht hinein zu dir und dich totschlagen. Ach! hätte ich dich

damals aus dem Fenster fallen lassen! Du wagtest mir ins Gesicht zu sagen, daß

du den andern liebtest; du drohtest mir, wenn ich dich anrührte, und du hingst halb hinaus: wie kam’s, daß ich dich nicht ganz hinabwarf? Ich begreife es

nicht.“

„Ja: warum nicht. Du hättest es tun sollen!“

Sie nickten beide wild. Sie standen einander entgegengeworfen und hielten

sich keuchend ihre Wunden vor. Pardi schrie auf, als seien alle seine Verbände

fortgerissen.

„Denke ich an dein geheimes Leben mit dem andern, dann entschuldige ich

jeden Verrat, den je eine Frau beging: sehne mich nach jedem. Es gibt Frauen,

die im Verrat groß waren. Die Cupola hat, um ihren Mann zu retten, auch das

getan; sie hat sich verkauft. Ah! dir hätte deine hohe Selbstachtung das verboten:

ich weiß. Wie solltest du dienen? Bist du eine Frau wie die unseren? Ich aber

schwöre dir: du hättest, wie die unseren, zehn Liebhaber haben können und mein

Weib sein; ich hätte dich gejagt und erlegt; dann aber hätte ich geweint auf

deinem Sarg vor Liebe. Und jetzt werde ich darauf speien.“

„Töte mich!“

Sie warf die Hände empor.

„So töte mich doch!“

„Damit ich Mörder bin und durch dich vollends verderbe? Hoffe das nicht!

Wir werden zusammen weiterleben. Mein Haus scheint mir nicht mehr meins.

Kein Kind ist darin. Du hast mein Geschlecht getötet; wo ist Giovannino? Nun

am Haus die Verkündigung fehlt, kommt er nie mehr hinein. Ich fühle mich

daraus vertrieben, ich bin wie in Reisehast. Du, eine Heimatlose, hast mich

heimatlos gemacht! Und jetzt möchtest du mich allein lassen? Das Schiff

räumen, da es sinkt? Hoffe das nicht! Wir sind untrennbar. Weißt du nicht,

warum ich gewählt werden will? Aus Haß auf dich! Damit ich das Gesetz der

Scheidung verhindern kann! Damit unsere Hölle ewig ist!“

Lola stand, Kopf und Schultern gebeugt. Er wütete.

„Vielleicht wirst du mit mir in einem Ministerpalast wohnen, wirst zusehen,

wie ich mir die Banken dienstbar mache, Gold in Barren verdiene, gefürchtet

und gefeiert, von den Frauen begehrt werde, und wirst von meiner Übermacht

erdrückt, dahinleben. Vielleicht auch werde ich mich, ausgepfiffen und als

Bettler, in meine letzte schmutzige Kate werfen, nach scharfem Käse stinken, ein

Schwein züchten, das ich am nächsten Markt verhandele, und mit der Magd

schlafen. Du wirst niedriger sein als sie! Denn du bist dabei: zweifle nicht. Das

Gesetz zwingt dich zu mir, wohin ich auch gehe; und ich denke es auszunützen.

Nur darauf noch werde ich aus sein, dich, meine Verderberin, zu erniedrigen und

mit Schande zu beladen . . .“

Stimme und Atem blieben ihm aus; er stand, verzerrt, und würgte. Lola

flüsterte:

„Tu’s! Ich nehme es hin.“

Er fuchtelte haltlos; er krümmte sich.

„Die Heuchlerin! Die schmutzige Heuchlerin! Wie soll man sie fassen?

Könnte ich dich nackt durch die Straßen jagen! Eine solche Schande erfinden,

daß du endlich einen Seufzer tätest, der nicht lügt: und wäre es dein letzter!“

Die Faust an der Stirn, taumelte er hinaus. Lola ließ sich mit dem Arm, der die

Augen bedeckte, gegen die Wand fallen. Sie dachte, von Schrecken dumpf: „Es

ist, wie er sagt: ich bin schuld. Ich wollte nur mein eigenes Elend fühlen, aber

auch seins fällt mir zur Last, — und unter ihrer Wucht werde ich nicht mehr

aufstehen. Liegen bleiben und abbüßen! Er sah fahl und alt aus: zum erstenmal;

und ich habe das gemacht, ich selbst. O räche dich! Daß du mich leben läßt, ist

zu wenig!“

Am Morgen erfuhr sie, daß eine Geliebte ihres Mannes im Hause sei. Die

Kammerfrau wußte von Cesco, daß der Herr Graf sie nachts in seinem Zimmer

gehabt habe. Jetzt war sie fort; — aber am Nachmittag flog Clotilde, von

Neuigkeiten außer Atem, ins Boudoir. Ob die Frau Gräfin nichts höre: das Haus

sei in Aufruhr, die Treppe verstellt mit Möbeln. Man schaffe Möbel ins untere

Stockwerk; der Herr Graf und jene Frau seien drunten; es scheine, sie solle dort

wohnen . . . Die Kammerfrau war hinaus und wieder zurück. Cesco hole Stühle

aus dem Speisezimmer. Ob das nicht eine Schande sei, der Frau Gräfin ihre

Sachen wegzunehmen und sie einer solchen Person zu geben.

„Die Möbel gehören dem Herrn,“ sagte Lola.

„Aber wenn die gnädige Frau hinunterginge und jene davonjagte: es wäre nur

Ihr Recht; der Herr Graf könnte es nicht hindern. Das Gesetz ist für die Frau

Gräfin: der Koch weiß es bestimmt.“

Lola dachte daran, daß einst Claudia sie belehrt hatte, die Konkubine im

Hause sei ein Trennungsgrund. Vielleicht war’s der einzige. Er brachte sogar die

Dienstboten auf ihre Seite, sie, die Pardis Spione gewesen waren. Sie sagte:

„Laß! Der Herr bleibt der Herr.“

Clotilde behielt den Mund offen.

„Die Frau Gräfin ist eine Heilige,“ schloß sie dann. Lola fuhr auf.

„Daß du das nie wieder sagst! Mir geschieht recht. An dem, was der Herr jetzt

tut, bin ich schuld. Sage das den andern: ich will, daß sie es wissen.“

Die Kammerfrau antwortete nicht; rückwärts und ohne ihre starren,

ängstlichen Augen von denen der Herrin zu trennen, ging sie durch die Tür. Am

Abend, wie sie Lola das Haar löste, hatte sie die Lippen fest aufeinander, eine

streng behutsame Miene und die Art, als bediene sie eine Kranke. Im Spiegel

warf sie nach Lola manchmal den traurig überlegenen Blick der Wärterin. Lola

hielt die Augen gesenkt und zog unter den Kammstrichen des Mädchens den Kopf in die Schultern. Endlich, leise bittend:

„Sprich doch!“

Clotilde zauderte; dann begann sie im Ton eines schonenden Vorwurfs. Der

Herr Graf hatte eine seltsame Frau ins Haus gebracht, eine, die seiner

augenscheinlich nicht würdig war. Es sollte eine Französin sein, nun ja. Aber

Carlotta hatte ihre Kleider gesehen: und wenn sie seidenes Futter hatten, war

doch keins heil und keins recht sauber. Und die Wäsche! Es gab Dinge, die man

der Frau Gräfin nicht sagen konnte . . . Den Morgen darauf fing Clotilde von

selbst an. Inzwischen hatte Leopoldo, der Kutscher, die Frau zu Gesicht

bekommen, und alles war erklärt. Sie war eine von jenen, die des Abends auf

den Straßen umhergehen. Leopoldo kannte sie; erst vor vierzehn Tagen war er

selbst bei ihr gewesen. Cesco, der ihm übelwollte, hatte dies sofort dem Herrn

Grafen berichtet, während er ihn rasierte; aber der Herr Graf — es war

unbegreiflich — hatte nur gelacht.

„Es ist eine rechte Schande, in ein Haus wie dieses, eine solche Frau

einzuquartieren. Wer will ihr das Bett machen? Noch ist es nicht gemacht, und es

ist in einem schönen Zustand. Der Herr Graf sollte bedenken, daß auch

Dienstboten anständige Leute sind, — wenn er schon nicht an die Frau Gräfin

denkt. Wir haben in der Küche beraten, ob wir alle sofort kündigen wollten.

Cesco wollte es: aber mehr, weil er den Kutscher haßt. Wir anderen haben ihn

beredet, dazubleiben, aus Liebe zur Frau Gräfin.“

„Wer gehen will, soll gehen,“ sagte Lola.

Und am Abend ließ sie die Fenster offen, um besser den Lärm des Festes zu

hören, das Pardi drunten seinen Freunden gab. Sie waren gekommen; sie hatten

sich eine Treppe erspart und waren zu der Dirne gekommen, anstatt zu der

Hausherrin. Lola unterschied Stimmen. Sie lehnte sich hinaus, horchte, und ihr

rauschendes Blut formte aus dem Gelächter der Männer schmutzige Worte, die

ihr galten. Schon einmal, in dem Sommer vor ihrer Verlobung, war sie von oben

Zeuge gewesen, wie jene sie mit Worten auszogen. Pardi hatte ihnen damals

nicht ins Gesicht geschlagen, und jetzt überbot er sie: er war’s, der die Dirne zu

diesem gellenden Lachen brachte. Er gab seine Frau einer Dirne preis. Zwischen

dieser Schändung und jener lag Lolas Ehe. „Und es ist gut so. Nur weiter! Ganz

mit ihm zugrunde gehen und im Elend seine Magd sein! Ich wäre Arnolds Magd

gewesen, wenn er gewollt hätte. Aber er läßt mich allein. Dieser hält die Hand

auf mir, ihm entrinne ich nicht. So sei es! Ich kenne nun mein Schicksal; und so

schlimm es immer werden mag, ich lobe es, darum daß ich’s kenne.“

Sie hatte die Furcht, die Dirne möchte sich von ihr verachtet glauben. Jene

hätte erfahren sollen, daß Lola ihre Anwesenheit guthieß, sich ihr unterwarf und

nicht Dame noch Märtyrerin sein wollte. Immer, wenn Clotilde um sie war, drängten sich Lola Worte auf die Lippen, die das Mädchen der andern hätte

bestellen sollen; und immer riß Lola, im Schrecken, das Geständnis zurück.

Zehnmal am Tage trieb es sie, auszugehen, nur um drunten die offene Tür zu

streifen und hineinzuspähen. Schon zitterte auf ihrem Gesicht das Lächeln, mit

dem sie vor der Dirne den Kopf geneigt hätte . . . Da sprang eine Tür auf; Lola

drängte sich in den Winkel beim Schrank; und eine Frau mit gelben Haaren lief

im Halbdunkel vorbei, drehte sich plötzlich um und fing Nutini auf, der sie

küßte. Lola dachte zornig: „Er hätte mich ihm wegnehmen wollen, und jetzt

nimmt er ihm diese!“ Sie schlich, wie die beiden fort waren, zurück, voll Reue,

daß sie gesehen hatte, was Pardi vor ihr demütigte.

Ein einziges Opfer brachte sie zaudernd: das Bild drunten im Saal, das Bild

jenes Knaben in alter Tracht, mit dem weichen, traurigen Goldgeriesel des

Haars; aus dessen weißem Gesicht der Mund feuchtrot hervorstand und

fleischig. Aber dies Fleisch, das vom Blute Pardis war, schien zu seufzen über

sich selbst. Die braunen, gewölbten Augen betrauerten es, untröstlich. Und die

Stirn, die sanfte Wange neigten sich dem Schatten zu, als wollten sie sich ganz

von ihm überziehen lassen. Die Augen Pardis in ihn selbst zurückschauend, in

eine Seele, die nicht seine, sondern Arnolds war; seine Stirn durch Arnolds Güte

und Sehnsucht gereinigt: Das war jener Tote, der Lola ihre mildesten Träume

geschenkt hatte. „In ihm konnte ich beide lieben. Nur bei ihm war ich gestillt. Es

ist sehr schwer, zu denken, auf welche Dinge jetzt seine Augen blicken, die

zuletzt mich sahen. Pardi weiß nicht, wie gut er sich rächt. Er zerreißt in meinem

Herzen den letzten Wohllaut.“

Oft fuhr sie auf und wollte das Bild fordern. Andere Stunden weinte sie

darum. Und jedesmal neu hatte sie sich der darzubringen, die ihr als Henkerin

bestimmt war. Sie stellte sich die Dirne kalt und frech vor, voll der Sucht, die

Frau, deren Mann sie besaß, mit Füßen zu treten, ihre Erinnerungen zu schänden.

Auf der einsamen Folter ihrer Gedanken fühlte Lola dort unter sich einen

schmutzentstiegenen Dämon, der erst aus den Trümmern dieses Hauses, gell

auflachend, entflattern würde. Und eines Tages traf dies Lachen sie so nahe, daß

sie sich verloren glaubte. Sie wollte ihren Wagen besteigen; hinter ihr im Hause

rief es, herbeilaufend: „Schön! Der Wagen für mich;“ — und plötzlich standen

sie voreinander. Lola hatte im Schrecken nur grelle Flecken vor Augen: die

gelben Haare, das kreidige Gesicht. Da hörte sie stammeln:

„Ich habe mich wohl geirrt, der Wagen ist wohl nicht für mich?“

Lola brachte hervor:

„Ich bitte, bedienen Sie sich!“

Aber die andere tat einen tastenden Schritt rückwärts.

„Ich möchte doch nicht die gnädige Frau —“

Lolas Blick klärte sich; sie entdeckte große blaue Augen, die vor ihr

erschrocken waren.

„Ich werde zu Fuß gehen,“ — und das Mädchen verneigte sich scheu.

„Nein!“ sagte Lola. „Fahren Sie mit mir!“

Jene zögerte, senkte die Stirn und gehorchte. Der Kutscher sah sich empört

nach ihr um. Lola fiel es ein, daß die beiden sich kannten. Sobald sie das

Mädchen neben sich hatte, sagte sie dringend:

„Glauben Sie nicht, ich wolle Sie demütigen! . . .“

Sie fürchtete, zu schluchzen, und schwieg. Leopoldo peitschte aus Zorn; sie

jagten über die Brücke. Männer starrten zu ihnen herein; die Dirne sah willenlos

hin; und dann zuckte sie zurück und tat, mit geducktem Blick, bei Lola Abbitte.

Lola roch das unelegante Parfüm, bemerkte unter dem Spitzensaum einen rauhen

Schuh und fühlte sich nüchtern und übel werden. Diese Arme hätte nichts

verstanden von allem, was vorging; empfand nichts und wollte nichts. Lola hatte

den dürftigen Dingen Geist und Phantasie geliehen, hatte Schicksalsgötter gegen

sich am Werk geglaubt. „Das Schwerste ist immer wieder, durch das Unglück

nicht hochmütig zu werden. Kein Schicksal, auch meins nicht, darf uns glauben

machen, wir seien einzig und erlitten Ungeheures. Sich bücken unters

Gewöhnliche!“ Sie grüßte die alte Marchesa Triborghi, und der Gruß blieb

unerwidert. „Was tue ich auch? Ich weiß nicht mehr, in welcher Welt ich lebe.

Nur mir, scheint es, geschehen solche Vergeßlichkeiten.“ Sie fragte das

Mädchen, wo es abzusteigen wünsche. Es hatte, in der Fassungslosigkeit, all sein

Italienisch vergessen.

 

Den selben Abend mußte sie im Palazzo Valdomini sein und Anspielungen

hören.

„Sie haben Ihr unteres Stockwerk vermietet, meine Liebe?“

„Es werden Verwandte sein?“

„Denn Sie verbringen dort, scheint es, Ihre Abende. Ich fuhr vorbei; und dort

war’s hell; bei Ihnen droben sah man kein Licht.“

„Ach! die Belfatti will Sie mit einer noch unbekannten Cousine im Wagen

gesehen haben . . .“

Die Männer lächelten und sahen weg. Claudia entfernte sich.

„Du weichst mir aus, Claudia?“

„Wozu brauchst du noch mich? Hast du nicht eine neue Freundin? Ich muß dir

sagen, Lola, daß du entsetzlich taktlos bist. Es scheint, ihr Fremden seid es nun

einmal. Aber ein Kind kann wissen, daß uns die Maitressen unserer Männer

nichts angehen.“

Noch beim Sprechen fiel ihr ein, was sie selbst sei; und sie ward rot. Immer

zorniger, stieß sie hervor:

„Aber du bist schlecht und willst ihm schaden. Vielleicht hast du jetzt erreicht,

daß er nicht gewählt wird.“

Lola murmelte, erblaßt:

„Ich hatte nur den Kopf verloren.“

Aber Claudia ließ sie stehen. Lola sah sich nach Hilfe um; sie ertrug diese

Vereinsamung nicht. Unvermittelt zeigte sie sich gegen die Männer

liebenswürdig, ließ sich umringen, erweckte Hoffnungen. Dabei dachte sie

krampfhaft: „Ich bin feige: er darf nicht wissen, was geschehen ist.“

Das letzte fühlte sie dahingehen: ihre Selbstachtung. Nichts blieb, als ein

Tumult von Stimmungen und Gedanken, ganz unnütz, ganz machtlos im

Wirrwarr der Ereignisse, der Gesichter, der offenen Türen. Der Wahltag war da;

das Haus gehörte jedem, der eine Stimme hatte. Sie standen, kauend und mit

schaukelnden Weingläsern, bis in Lolas Zimmer hinein. Pardi drückte alle

Hände. Seine Augen, seine Gesten beherrschten die Menschenflut, schienen sie

zu beherrschen bis ans Ende der Stadt. Lola sah ihn bleich — aber jung und

gefährlich, wie einst. Sie zeigte sich zuvorkommend, schmeichelte denen, die er

bevorzugt hatte, erriet demütig seinen Willen. Gegen Mittag lichteten sich die

Haufen. Mit dem letzten entfernte Pardi selbst sich.

Lola stand einen Augenblick und atmete schwer. Plötzlich schmeckte sie den

Dunst und den Qualm, die von der Menge übriggeblieben waren; sah den

Schmutz und das Drunterunddrüber. Sie fürchtete, zur Besinnung zu kommen.

Nur nicht denken, nicht voraussehen! Heute war ein guter Tag, ein leichter Tag:

man trieb so fort in Gedränge und Lärm; man trug nicht mehr an sich, fühlte sich

nicht mehr. Zurück in die Menge! Hinaus: gleichviel, wohin!

An den Mauern klebten riesige Zettel, weiße, rote und gelbe; dahinten auf dem Platz vor der Brücke drängte es sich, unter Fahnen, bei einer Schenke; und

wie vor Lola die Gasse sich öffnete, deuchten Brücke und Ufer ihr munterer,

weiter und heller als sonst: als sei der erste Frühlingstag aufgegangen.

Die bei der Schenke fuchtelten vor roten Plakaten und schrien jedem, der kam,

den Namen des Sozialisten Ricchetti ins Gesicht. Zwei Arbeiter sahen Lola

entgegen, und wie sie vorbeiging, seufzte der eine:

„Ah! die Frauen.“

Sie war erkannt; Rufe stiegen aus dem Haufen:

„Nieder mit Pardi!“

„Aber es lebe die Contessa!“ schrie der Arbeiter.

Die Brücke entlang dufteten Veilchenkörbe in der Sonne. Drüben am Fluß hin,

zwischen den Wagen und den Plakaten, über den Köpfen derer, die,

Zeitungsblätter in den Händen, aufeinander einredeten, schwankten die Veilchen.

Mädchen mit Veilchen am Hals störten im Vorbeigehen mit ihrem Duft aus Frau

und Blume ganze Rotten Politisierender auseinander, und der Eifer der Gesichter

zerteilte sich zum Lächeln.

Die lange offene Säulenhalle der Uffizien toste von Volk. Es spritzte seine

Wellen die Säulen hinan: auf den Sockeln, den Schranken wiegten sich

stürmisch junge Leute, streckten die Arme über die heraufgewendeten Gesichter

aus und redeten. Andere Studenten, Kokarden an den Hüten und die Taschen

voll Zeitungen, legten Hand an die Wähler, hängten sich in den Arm ländlicher

Bürger, die noch abwarteten, setzten mit dem Feuer ihrer Mienen endlich auch

die der Männer in Bewegung, — und die weißen Hände lagen in den braunen.

Plötzlich flogen alle auf, um zu klatschen. Von da vorn stürmte Händeklatschen

beflügelt herbei. Hinten klatschte man im Galopp und strebte hervor: was es sei,

das man beklatschte. Der Alte Palast der Republik schob seinen Turm ins Blaue

hinaus, als reckte sich der Hals eines großen alten Wächters voll drohender

Ruhe; und auf seinem greisen Profil erblaßte die Sonne. Gegenüber, unter dem

Bogen der Bilderhalle, sah Judith, klein und furchtbar, auf den Kopf dessen, an

dem sie ihr Volk gerächt hatte. Und zwischen dem Wächter und der Heldin

leuchteten auf einmal drei rote Mützen auf. „Garibaldiner!“ Die Menge schlug

ihnen entgegen eine einzige Woge. Man führte die drei Alten ihr zu, ihren

tausend Armen zu, ihren tausend zum Jubeln offenen Gesichtern. An allen

Festtagen begegnete man ihnen: heute aber wollte jeder das rote Wollhemd

dieser armen Leute berühren, als gäbe es Kraft; und ihre altersbleichen,

altersernsten Mienen waren umsprüht von Liebesblicken. Eine Frau küßte den

einen. Das Volk klatschte. Es klatschte, als die drei vor ihm ihre Köpfe

entblößten. Man sah sich an, man sah einander weinen.

Lola spürte Tränen; — und da traf sie die Augen eines berußten Menschen und fand sie voll Stolz. Welche Feier! Ein Volk rief sich, irgendwie dazu

eingeladen, die Größe seiner Väter zurück, besann sich, beim Anblick der Größe

von Niederen, auf sich selbst. Bis in die ältesten Tage erkannte es an den

Wahrzeichen sich selbst, und seine eigene Unendlichkeit erschütterte es. Lola

atmete tiefer in dieser bewegten Luft: bewegt von der ungeheuren Güte der

Demokratie, ihrer Kraft, Würde zu wecken, Menschlichkeit zu reifen, Frieden zu

verbreiten. Sie fühlte es wie eine Hand, die sie befreien wollte: auch sie. Allem

Volk sollte sie gleich werden, sollte erlöst sein. Ringsum sahen alle sie frei und

derb an, ohne Vorbehalt, ohne jede höfliche Fremdheit. Sie war keine Fremde;

sie war eine Frau wie die anderen; wie die Mädchen mit den Veilchen unter der

Wange, konnte jeder sie begehren.

Da erinnerte sie sich, wie einst, vor Jahren, Arnold in seiner Einsamkeit und

auszehrenden Geistigkeit ihr von Menschennähe, vom warmen und tätigen

Bündnis mit Menschen vorgeschwärmt hatte; — und ihr innerer Flug brach ab,

und sie fühlte sich zu Boden geschlagen. Was er erlebt hatte, erlebte auch sie.

Nur ihm glich sie, und sie konnten einander nicht helfen, und sie schleppten

einander nach. Stand er nicht dort im Hintergrunde der Halle? Eine Sekunde

hatte sich der Wald von Köpfen vor seinem Gesicht geöffnet. Dort schwärmte er

nun wohl, wie sie geschwärmt hatte. Aber er ließ sie des anderen willenlose

Sache sein und mit dem anderen untergehen. Sie sah bitter fort. Er konnte nichts

für sie tun; denn er sah zu tief — gleich ihr selbst. Sie kannten einander: so sehr,

daß sie sich fast schon verloren hatten. „Habe ich diese ganze letzte Zeit je an

ihn gedacht? Wir lebten zusammen immer nur wie auf einem anderen Stern, und

ich stecke jetzt so angstvoll tief im Irdischen. Habe ich neulich seinen Brief

gelesen? Vielleicht; aber ich weiß nicht mehr, was er schrieb. Es war keine Zeit

dafür . . .“

Der volle Platz machte ihr Widerwillen; sie schob sich bis in die Gasse nach

dem Neuen Markt. Ein Wagen hielt festgerannt im Gedränge.

„Lola!“

Claudia stieg aus.

„Ich gehe mit dir. Bist du mir noch böse, Lolina? Ich war so unglücklich, als

ich dich wegen der Französin schalt. Es war Eifersucht. Vergiß es! Nimm diese

Veilchen und vergiß es! Willst du?“

Sie drängte sich kindlich an Lolas Arm.

„Du verzeihst mir? Auch das noch? Ach, du bist unbegreiflich gut, Lolina. Ich

zweifle nicht, daß uns drüben die Madonna erwartet; denn von dir bis zu zu ihr

ist’s nicht mehr weit.“

„Wohin gehst du, Claudia?“

„Ich weiß nicht.“

Ihre Tränen blinkten noch, und schon lachte sie.

„Es ist gleich. Welch schöner, schöner Tag! Nun ist’s Frühling: darum steigen

alle auf die Straße hinab. Sieh, die Nase dort! Sieh, jene Frau: sie hat einen

Liebhaber, man sieht es ihr an . . . Aber hier sind schrecklich viel Leute: was

haben sie?“

„Sie wählen!“

„Ach ja! Ich dachte nicht daran. Er läßt sich wählen: gerade heute. Und doch,

und doch —“

Sie jauchzte leise; — und plötzlich nachdenklich und spöttisch:

„Da sieh, wie sie diese Papiere anstarren, die Männer! Es scheint, daß sie das

interessiert, was daraufsteht. Sind diese beiden aufgeregt! Ach nein, man darf sie

nicht beachten: gleich fangen sie an, sich mit uns zu beschäftigen.“

Und sie sah unbeteiligt gradaus. Auf dem Domplatz trieben Gruppen umher.

Die beiden Frauen steuerten hindurch. Manchmal folgte ihnen ein Blick. Wohin

gingen sie? An was dachten sie, — da alles Feuer, das die Welt der Männer

hervorwarf, ihnen nicht wärmer machte, an der ruhigen Blässe ihrer Gesichter

nichts änderte?

„Dort hinein müssen wir,“ sagte Claudia, und sie nickte hinüber nach der

engsten der Straßen. Plötzlich zuckte sie zurück.

„Was hast du?“ — aber Lola hatte schon den fiebrig Lauernden bemerkt, dort

an der Hausecke. Er war bleich; die eine Hälfte seines Gesichts verzerrte sich

jede Sekunde. Er fingerte am Kragen, am Bart, tat zwei Schritte vorwärts und

zwei zurück. Eine Hand hielt er in der Tasche; und sein Blick brannte

unauslöschlich auf Claudia.

„Dein Mann,“ murmelte Lola.

„Ja, er,“ — und Claudia sah ihn unverwandt an. „Er ist schlimm heute, er hat,

glaube ich, einen Brief bekommen.“

„Laß uns in ein Café treten, Claudia?“

Claudia atmete auf.

„Siehst du? Er ist weg, zurück in die Gasse, verschwunden in der Menge. Ich

wußte es.“

Sie lachte erregt.

„Er wird nichts tun. Warum heute? Da er noch nie etwas getan hat . . .“

Sie mußte stehen bleiben, um ihre Lustigkeit zu dämpfen.

„Ah! der kleine Konditor. Er macht die süßesten Kuchen von allen. Ich

möchte wieder von seinen Kuchen essen.“

Und drinnen:

„Du bist so ernst, Lolina. Bist du besorgt um mich? Dann liebst du mich also

wirklich? Ja, du liebst mich.“

Claudia seufzte schwer auf. Sie kaute; dann, mit Flüstern, tief feierlich:

„Dich hätte ich gehaßt, wärst du eine der unseren gewesen. Ich weiß es gewiß,

ich hätte dich getötet. Nun aber sind wir Freundinnen gewesen. Denn du bist so

edel, daß man dich nicht fürchtet. Ach! und dennoch liebt er nur dich. Er hat

mir’s gesagt: nicht länger als acht Tage ist’s her, und ich war in Wut gegen ihn

wegen der Französin. Er hob nur die Schultern; und dann sagte er, dich allein

liebe er. Mich aber verachtet er so sehr, daß er mir das sagt.“

„Aber du bist durch ihn glücklich gewesen, und ich unglücklich.“

„Er sagte auch, nur du könntest ihn retten.“

„Mit ihm zugrunde gehen kann ich: sonst nichts.“

Draußen strich Claudia sich mit dem Finger über die Stirn.

„Was reden wir da? Was gestehe ich dir alles? O, ich schäme mich! Aber mir

ist es, als sei es das letzte, das ich zu dir spreche. Warum? Ich bin abergläubisch;

und mir scheint irgend etwas Großes bevorzustehen. Ich werde ihn verlieren! Er

hat mir gesagt, wenn er nicht gewählt werde, wolle er sich mit dir auf dem

Lande vergraben. Lolina, sei gut mit ihm! Du, die du so gut bist! . . . Gott! da ist

wieder jener.“

„Laß uns umkehren!“

„Nein, nein! Er würde uns nachlaufen.“

Sie mußte die Augen, die sich vergrößerten, auf ihm haben, mußte ihm

entgegengehen. Er stand jetzt vor dem Café Bottegone, war noch bleicher, noch

fratzenhafter, öffnete und schloß unaufhörlich über der Brust die Knöpfe und

schien zu keuchen, als sei er gelaufen.

„Ich habe Angst, ich habe furchtbare Angst,“ jammerte Claudia. „Warum hält

er die Hand in der Tasche? . . . Und nun wir näher kommen, sieht er weg. Er

müßte uns doch begrüßen . . .“

„Kein Wagen hier: es ist Wahltag. Fürchte dich nicht, arme Claudia! Ich bin

bei dir. Er wendet sich zur Ecke; er ist nicht mehr zu sehen. Machen wir, daß wir

fortkommen!“

Sie hasteten die breite Straße hinauf: fast liefen sie. Junge Leute zogen daher

und wechselten, angeregt lächelnd, ihre Meinung über diese beiden eleganten

und hübschen Frauen, die inmitten des Männergetriebes auf ihren klappenden

hohen Absätzen irgend einem süßen Ziel zustrebten.

„Die Kleine ist die Schönste,“ sagte einer, und lächelte dringlicher in Claudias

Augen. Sie streiften ihn, mit ihren schweren, feuchten Pupillen im bräunlichen

Weiß, — und glitten weiter. „Du kannst mir nicht helfen.“ Er wendete sich noch,

um die von ihr durchschrittene Luft einzuatmen, die nach Veilchen roch.

„Soll ich sie ansprechen?“ fragte Lola, ratlos, und blieb stehen.

Da erhob sich Geschrei und Singen; aus der Seitengasse vor ihnen brachen Laufende; geballt wälzte sich’s hinterher; und die Pferde der Gendarmen stiegen

und sanken über der Menge, wie Schiffe im Sturm. Er brauste gegen die beiden

Frauen heran; sie sahen in schwarz geöffnete Münder, in Gesichter, die von

nichts wußten, als von dem Schrei, den sie ausstießen. Sie schrien:

„Es lebe Ricchetti!“

Und Claudia, in ein Tor gedrückt, mit ihrer kleinen gellen Vogelstimme:

„Nein! Es lebe Pardi!“

Vorüber. Betäubt kehrten die Frauen auf die Straße zurück: sie lag breit und

leer, mit dem Dreimaster eines Carabiniere mitten auf dem Pflaster.

„Ich höre einen Wagen,“ sagte Lola. „Komm rasch!“

Aber Claudia entgegnete starr:

„Es ist unnötig. Dort steht er.“

Und Lola stammelte:

„Wie ist er dort hingekommen? Ich begreife nicht . . .“

„Es soll sein,“ sagte Claudia. „Heute früh sind sechs Haarnadeln von meinem

Tisch gefallen, und alle lagen kreuzweise. Also hier.“

„Halte doch an, Claudia! Wer weiß, was er vorhat.“

„Ich weiß es. Sein Gesicht hat nie so gezuckt; es ist schrecklich, wie das

Zucken ihm die Zähne entblößt, auf der einen Seite nur . . .“

„Du sprichst, als schliefst du. Empöre dich doch! Was wir immer getan haben,

wir sind Menschen. Darf man uns jagen, wie ein Tier? O! ich hasse sie alle, ich

will nicht dabei sein. Du kommst mit mir, Claudia: oder ich lasse dich allein.“

„Adieu, Lola. Und sage ihm — du weißt wem —, ich wäre so gern, so gern

noch —. O! der dort zieht die Hand aus der Tasche.“

„Er sieht aus wie ein Verrückter. Warum sind wir ihm so nahe gekommen?

Hilfe! Kutscher! Hilfe!“

Da krachte schon der Schuß, und Claudia taumelte gegen das Haus.

„Ich bin getroffen. Noch lebe ich. Aber er ist nicht zufrieden; er kommt, er

will’s fertig machen. Seine Zähne!“

Aufschreiend:

„Nein! ich will nicht sterben. Rette mich, Lola! Ich muß zu ihm: du weißt, zu

wem. Er hat mich bestellt, er wartet schon. Wenn ich zurückkomme, will ich

sterben: nicht jetzt . . . Gib mir doch Zeit!“

Sie krümmte sich, und sie spreizte die Hand gegen den, der mit

ausgestrecktem Arm und schwankend herbeikam. Lola stürzte vor, sie packte die

Waffe. Er drückte wild zu; Lola sah ihre Hand voll Blut und sah Claudia sinken.

Claudia wand sich empor und lief, ohne einen Laut, davon. Sie lief mitten auf

der Straße, mit ungleichmäßigen Schritten und mit Händen, die durch die Luft

tasteten: als liefe sie über Wurzeln und Steine, in einem halbdunkeln Wald. Drei Schüsse noch folgten ihr. Aus den Seitengassen links und rechts rannten

gleichzeitig vier Sicherheitswächter, versperrten die Straße und griffen Claudia

auf. Sie wies hinter sich; darauf ließen alle sie los, daß sie hinfiel, und warfen

sich auf den Mann. Er lehnte an der Mauer; neben seinem Fuß lag der Revolver;

und er hatte die Augen geschlossen.

Lola kniete, über Claudia gebeugt.

„Sage etwas, Claudia, nur ein Wort: ich bitte dich, ich bitte dich!“

Claudias kleine weiß bekleidete Hand regte sich leise in dem Kot, um den sie

gegriffen hatte.

„Ach! du weinst. Nicht wahr, du weinst noch?“ — und Lola haschte mit den

Lippen nach der Träne an Claudias Lid. Aber die Träne war kühl, und Claudias

Augen erstarrten schon.

„Contessa! Was ist geschehen? Atmet sie noch? . . . Lassen Sie doch mich,

Contessa!“

Lola erkannte Guidaccis kellerigen Atem und richtete sich auf. Der kleine

Priester war aufs äußerste belebt. Seine Hundeaugen fieberten von dem

Hochgefühl, an einem Ereignis teilzunehmen.

„Eine furchtbare Sache! Ich trete aus San Lorenzo und höre schießen. Ich

laufe; nur durch jene Straße brauche ich zu laufen, und da bin ich. Laßt mich

machen!“ — er wehrte den Polizisten mit seinem erregten gelben Händchen, —

„ich kenne die Dame.“

Und er raffte die Soutane, kniete hin und legte das Ohr an Claudias Herz. Alle

bückten sich; die Herbeigelaufenen ringsum hielten den Atem an.

„Tot,“ entschied der Priester, mit einer abschneidenden Geste. Lola bedeckte

mit der Linken die Augen. Die Rechte stieß sie unsicher ins Leere.

„Ich will fort. Den Wagen!“

Man hatte darin den Mörder fortgeschafft. Guidacci schickte nach einem

andern. Inzwischen nahten Eilschritte; und wie Lola die Hand von den Augen

nahm, schrak sie zusammen vor den Vermummten der Misericordia. Sie hoben

die Tote geräuschlos auf ihren federnden Karren, und schon machten die beiden

hohen gelben Räder die erste Drehung. Lola wollte sich nachstürzen, aber

Guidacci hielt sie nervig zurück.

„Nur einmal unter das Verdeck sehen! Waren denn ihre Augen geschlossen?

Sicher?“

Sie hatte vor sich immer Claudias erstarrtes Auge und an seinem Rande die

letzte Träne, die es hatte weinen dürfen.

Ein Wagen war da. Guidacci setzte sich zu ihr. Er zappelte noch und sah und

hörte nur sich.

„Wäre ich bei Ihnen gewesen: ah! Contessa, Ihre unglückliche Freundin lebte noch. Mein Freund hier,“ — und er griff in die Tasche — „hätte sie beschützt.

Und zu denken, daß es hätte sein können. Denn ich ging ernstlich mit der

Absicht um, heute die Kirche schon um halb ein Uhr zu verlassen! Fragen Sie

Bussoletti, unsern dicken Erzpriester!“

„Lassen Sie sehen!“ sagte Lola, und nahm den Revolver in die Hand. Sie

spielte mit der Sicherung, sah nach den Patronen.

„Den also muß man gebrauchen, — damit nicht der andere ihn gebraucht.“

Erst kurz vor der Ankunft gab sie, aufschreckend, die Waffe zurück.

„Bleiben Sie hier! Danke: ich brauche keine Hilfe. Das Blut an meiner Hand?

Es ist nicht der Rede wert. Aber ich möchte ruhen.“

Sie verband sich selbst; nur niemand sehen! — und fand nun, ausgestreckt,

hinter ihren Lidern alles wieder, und ihre Adern pochten unaufhörlich die Worte:

„Den also muß man gebrauchen, damit nicht der andere ihn gebraucht.“

Sie warf sich auf dem Polster umher.

„Claudia hat ihm gehört, wie seine Sache; und weil sie sich widersetzte, hat er

sie zerbrochen. Er durfte es; er geht dafür mit ihr unter. Und so werde auch ich

mit dem untergehen, dessen Sache ich bin . . . Ich will nicht! Wer hat auf mich

ein Recht? Alles ist Lüge. Ich bin als mein eigen geboren, und kein Mensch

konnte je auf mich ein Recht erwerben. Ich bin in seiner Schuld? Ich habe

gewußt, was mir mit ihm bevorstand? Ich habe ihn unglücklich gemacht? Ach!

das alles zählt nicht, wenn es um mich selbst geht. Ich will nicht so gerecht sein!

Mag er zusehen! Er hat mir schlimme Jahre gemacht, wir sind quitt. Ich will

nicht in die Tiefe denken, wo seine Schuld aufhört und alles Schicksal wird, das

man stumm weiterschleppt. Ich will leben! Ich habe Claudias Tod gesehen: er

war schimpflich. Ich will leben!“

Ihr war schwindlich von dem ungeheuren Flügelrauschen in ihr. Plötzlich fuhr

sie empor; und aufgestützt, die Lippen geöffnet, mit einem irren Lächeln

lauschte sie.

Nein. Schwer seufzend sank sie zurück. Es war Pardi.

Er trat ein; sein Schritt war lastend; und er ging, ohne sie anzusehen, zum

Fenster. Mit dem Rücken nach dem Zimmer:

„Es steht schlecht: ich fühle, daß ich heute kein Glück habe. Bereite dich auf

das Landleben vor.“

Er wanderte umher und murmelte zwischen den Zähnen. Anhaltend, mit

einem scharfen Blick:

„War Claudia nicht hier?“

Lola schwieg. Er kam unruhig näher. Sie richtete sich auf; sie sagte ihm in die

Augen, langsam und stark:

„Claudia ist tot. Um deinetwillen ist sie umgekommen, und auf dem Wege zu dir.“

Er schwankte, er griff sich ins Haar.

„Es ist nicht wahr!“

Da ihre Wimpern sich nicht bewegten, schlug er die Augen nieder. Er sah

plötzlich kleiner aus, und alt, zerzaust, übernächtig: fahl von zahllosen Nächten.

Und er wanderte weiter: den Kopf auf der Brust, mit stammelnden

Bewegungen der Lippen und, von Zeit zu Zeit, einem unfreiwilligen Stöhnen.

Lola wendete das Gesicht, wohin immer er ging. Sie fühlte ihren Mund

gekrampft vom Haß. Sie haßte ihn! Er hatte Claudia dorthinten in irgend ein

Rendezvouszimmer bestellt. Claudia war durch die Stadt gegangen, in der an

jeder Ecke der Tod lauerte: durch eine Hecke von Mördern. Er hatte sie kommen

lassen: denn die Umarmung einer Frau konnte ihm Glück bringen zur Wahl.

Ganz Florenz schrie seinen Namen, kämpfte um ihn: und er pfiff darauf und

umarmte, abseits vom Lärm, eine Frau. Das war reizvoll; es war eine starke,

verachtende Geste. Für sie war Claudia gestorben. Und ihr Tod traf ihn peinlich,

denn er brachte vielleicht Unglück. „O! ich hasse ihn, ich hasse ihn! Da schleicht

er hin, weiß sich verloren und wird nie mehr aufkommen. Ich freue mich. Ich

will es nie bereuen, mich jetzt gefreut zu haben. Zu allem wäre ich in diesem

Augenblick stark genug: zu allem.“ Sie suchte seufzend. „Eine Waffe! In diesem

Augenblick eine Waffe!“

Aber der Augenblick verstrich! Das leblose Schweigen des Hauses machte ihr

Fieber. Pardi richtete sich auf. Er sprach rauh.

„Also retten, was zu retten ist. Auf die Quästur.

Den Zeitungen muß gedroht werden, falls sie in den Bericht meinen Namen

mischen.“

Er nahm seinen Hut.

„Wie lange ist’s her? Ist ihr Mann verhaftet?“

Nach einer Stille:

„Wirst du antworten, Hündin?“

Lola lag da, und die Wange in der Hand, sah sie ihn an, mit Augen, die, leise

hin und her rückend, im Haß grübelten. Sein Blick irrte ab; er zerdrückte den

Hut, er machte kehrt . . . Ein stürmender Schritt kam über die Treppe und durch

den Vorsaal; die Tür flog auf; Lola verhielt ihren Schrei: da stand Arnold. Er

atmete rasch; sein Blick traf sicher, erst Pardi, dann sie; und mit wachem, festem

Schritt trat er vor ihr Lager.

„Sie sind verwundet?“

Er bemerkte ihre Hand und zuckte auf. Halb gewendet:

„Sie haben sie töten wollen: ich verlange Ihr Leben.“

Pardi setzte die Fäuste an die Brust.

„Sie sind verrückt; aber da Sie sich endlich zeigen, da Sie endlich aus dem

Nebel tauchen, sollen Sie haben, was Sie sich wünschen.“

Er lachte auf. Arnold machte zwei schlanke, kühne Schritte. Lola sah ihn jung

und gespannt, wie einen Knaben, der zum erstenmal aus dem Jugendgehege und

vor den ersten Feind hintritt; der die Spiele hinter sich gelassen hat und vor Ernst

bebt. Er sagte hell:

„Sie haben die Waffe zu wählen; aber wählen Sie nicht die Pistole, sind Sie

ein Feigling. Und bestehen Sie nicht mit mir darauf, daß einer von uns am Platze

bleibt, sind Sie ein Feigling.“

„Sie hoffen, mich dazu zu machen?“ sagte Pardi, die Zähne entblößend.

Arnold verbeugte sich vor Lola und ging.

„Erwarten Sie mich!“ sagte sie laut, und sie stand auf. Ihr Hut, ihr Jackett

lagen noch da; sie machte sich fertig. Arnold öffnete ihr die Tür.

„Träume ich?“ sagte Pardi. Lola kam zurück. Dicht vor ihm:

„Claudia hat dir Sieg gewünscht: es war ihr letzter Ausruf. Aber sie ist nicht

die Tote, die dir Glück bringt.“

Und sie wandte sich langsam.

 

„Soll ich dem Kutscher winken?“ fragte Arnold.

„Nein.“

„Wozu auch: da wir nicht fliehen, sondern frei dahingehen.“

Lola sah vor sich nieder.

„Nicht er hat mich verwundet. Claudias Mann tat es, als er sie tötete.“

Da er schwieg:

„Ändert das deinen Sinn?“

„Nein.“

Sie hob die Stirn; beglückt sah sie ihn an.

„O nein!“ wiederholte er. „Hat er’s nicht getan? So hätte er’s doch tun können.

Ich habe dein Blut gesehen. Man sprach mir von deiner Verwundung; Guidacci

sprach — ich weiß nicht was. Kaum hörte ich, dein Blut sei geflossen, da

betäubte meins mich mit seiner Wallung. Ich fühlte, daß der, der dich anrühren

könne, nicht länger leben dürfe. Du bist mein. Ich habe genug um dich gelitten.“

„Wir haben genug umeinander gelitten;“ und sie nahm seinen Arm.

„Laß uns langsam gehen: jetzt, da wir immer, immer denselben Weg gehen

werden.“

Diese armen Straßen links vom Fluß waren voll Volks, das wimmelnd, zur

Harmonika, Guitarre und dem Fettgeruch aus den Pfannen der Gassenköche, das

Fest der Wahl beging. Ihr Kandidat war so gut wie gewählt; in den engen Schaufenstern stand sein Bild; sie stellten Kerzen davor; die Schenkwirte

hängten Lampions hinaus. Die Glocken läuteten das Ave, als feierten sie den

Sieg der Armen.

„Wie?“ sagte Arnold. „Längst ist mein ganzes Leben auf dich

zusammengezogen. Alles hab’ ich an dich gewendet, alles Denken, alles Leiden,

dessen ich fähig bin. Das soll irgend einer mir wegtragen, es aus dem Leben

schaffen dürfen? Wozu habe ich gelebt, wenn du verschwunden bist? Alles

konnten Geschick und Menschen uns auferlegen, jeden Verzicht, das ganze

gehetzte Dasein, das wir gehabt haben: aber wir müssen leben. Zusammen leben

oder zusammen sterben.“

„Zusammen leben,“ sagte Lola, mit rascher Zuversicht.

„Durch mein Herz fließt längst nur noch dein Blut. Mit deinen Stimmungen,

die mich unbewußt mitergreifen, deiner Unruhe, die auch mich verzehrt, und

deiner süßen Liebe, an der ich trage, fließt mir stündlich dein Blut zum Herzen.

Wer dich trifft, trifft mich: und ich will leben. Heute hab’ ich erfahren, daß ich’s

will.“

„Auch ich. Wärst du nicht gekommen, ich hätte ihn getötet! . . . Aber du bist

gekommen. Zum zweitenmal hast du mich aus der Ferne gehört, als ich dich

beschwor. Und diesmal brachtest du die Tat mit!“

Sie sann: „Die Tat, an die ich nicht glaubte, die ich von mir wies, und nach der

mich im Grunde immer verlangt hat. Die verachtete Tat, die alles löst.“

Da sagte er:

„Mir ist es nun, als hätte ich mich längst nach dieser Tat gesehnt.“

. . . Sie langten an. Der leere Platz mit seinen kleinen alten Häusern, um den

riesigen, bröckelnden Kirchengiebel geschart, stand fahlblau in Dämmerung. Sie

gingen die geschweifte Mauer zu Ende; schon neigten sich über Lola die stillen

Bäume ihres Geliebten. Arnold schob die Pforte zurück: — da entstürzte der

Gasse drüben eine schreiende Fratze.

„Gewählt ist Pardi!“

Der Schreier wütete an den schläfrigen Häuschen hin, zwang ihnen, mit

Läuten und Stampfen, seine Zeitungsblätter auf, zog aus den letzten Winkeln

alles was lebte, an sich, um sich her, und teilte seine Kunde aus.

„Gewählt ist Pardi!“

Sie schlossen hinter sich die Pforte. Zwischen den Steinbildern in ihren

schwarzen Laubnischen gingen sie auf das Haus zu. Es lag am Ende dieses

Schattenganges rosig in Abendluft und umstanden von seiner Wache steiler

blauer Schwertlilien. Lola brach das Schweigen.

„Er wird das Parlament nicht betreten. O! ich habe den Mut, es zu wollen und

auszusprechen. Er soll sterben, damit wir leben können. Wir wollen nicht länger schlecht, als seine Knechte leben. Denn das waren wir. Denken und Zweifeln

hatten uns rechtlos gemacht. Durch Verstehen waren wir unfähig geworden, eine

Hand zu erheben, sei es nur, um uns vor Schmutz zu behüten. Wir glaubten uns

edel kraft unserer Reinheit: und wurden doch von ihr durch Verwirrung in

Niedrigkeit geführt. Allzu gerecht, wird man Sklave. Ein Volk von Würde und

Menschlichkeit ist ungerecht gegen seine Herren und befreit sich.“

Der Blick jenes berußten Menschen erschien ihr, der in der Säulenhalle der

Uffizien, stolz auf sein Volk, ihr in die Augen gesehen hatte. In ihr zitterte sein

Stolz. Sie sah ein Aufleuchten von tausend Gesichtern, die Geste der Denkmäler,

die klatschenden Hände, den Ruhm eines Volkes. Und plötzlich ein anderes

Auge: bräunlich weiß, schon starr, und an seinem Rande die tote Träne.

„Was erschreckt dich, Lola? Du bist bleich. Dir wird schwach?“

„Claudia ist tot. Ich hatte sie lieb: warum mußte sie schimpflich sterben?“

„Lehne dich an mich! Nimm einen tiefen Atemzug aus dieser Luft; der Abend

hat so viel Ruhe und Kraft. Sieh, wie stark um uns her die Schwertlilien stehen!“

„Du bist stark! Ich breche nachträglich zusammen. Ja, stütze mich! Ich weiß

nicht, was mich mehr ängstigt von allem Erlebten: der Freiheitsstolz so vieler,

oder der Tod einer armen kleinen Sklavin.“

„Laß dich über die Stufen heben, meine Lola. Wir sind frei und ruhig. Bleibe

in Ruhe auf dieser Terrasse, die uns lieb ist, stütze deinen schönen Kopf an das

Haus, das uns kennt, und warte, bis ich zurück bin.“

„Du gehst?“

Da er schwieg:

„Nun weiß ich’s wieder.“

Tränen entstürzten ihr.

„Das Schwerste steht noch bevor, und ich versage schon.“

Er sah zu Boden.

„Wenn ich ausbleibe —“

Da sprang sie auf.

„Du kannst zweifeln? Nein! Du weißt: in derselben Stunde stürbe auch ich.“

Sie sanken, die Augen geschlossen, gegen einander.

Lola schob ihn sanft zurück.

„Laß, ich habe meine Kraft wieder. Du wirst siegen!“

„Deine Augen entzünden so meinen Geist und mein Blut, daß ich alles glaube,

allem vertraue.“

„Du wirst siegen, weil er gerichtet ist. Er hat es gefühlt: hätte er mich sonst

gehen lassen?“

„Welch Leben, Lola! Wir sind gemeinsam wiedergeboren.“

Sie reckte sich, breitete die Arme aus. Den Kopf im Nacken:

„Nimm mich! Ich bin frei . . . Nein: warte! Du bist zu stürmisch: ganz Held.

Ich bewundere dich; auch das habe ich von dir gewollt. Aber ich will auch das

andere nicht verlieren, das du warst.“

Er kniete hin. Sie lehnte auf seinem Kopf ihre Hände aneinander und beugte

sich sanft, bis ihr Mund seine Stirn traf. Mit kleiner, süßer Traumstimme redete

sie.

„So bleibe noch! Ich sehe über dich hinweg in das Dunkel, das heranschwillt.

Die Steige waren blau und sind nun schwarz. Das Leuchten der Gartengötter ist

vergangen, zugleich mit den Vogelstimmen. Das Leben ist tief, fühlst du’s? Ich

höre Schattenfüße auf dem Rasen. Ein letzter Strahl biegt sich um deinen Kopf.

Du gehst nun und kämpfst um mich. So brauche ich dich; denn ich bin nur eine

Frau. Dann kehrt mein Held heim zu mir, legt seine Stirn in meine Hände und ist

sanft und mein Gefährte. So brauche ich dich; denn ich bin nur eine Frau . . .

Wirst du Geduld mit mir haben, Lieber?“

Er flüsterte:

„Die Prüfung liegt hinter uns. Jeder von uns weiß, was er sagt, wenn er sagt:

Ich liebe dich.“

„Ich liebe dich,“ sagte Lola.

Albert Langen Verlag für Litteratur und Kunst München

 

Heinrich Mann

 

Die Göttinnen

oder die drei Romane der Herzogin von Assy

 

I. Diana, II. Minerva, III. Venus

 

Wohlfeile Ausgabe in einem Bande (1006 Seiten)

 

Umschlagzeichnung von T h . S t e i n l e n

Preis geheftet 5 Mark, gebunden 6 Mark 50 Pf.

 

Das litterarische Echo, Berlin: Heinrich Manns Romantrilogie ist eine Dichtung von unerhörter Gewalt, die aus unserer epischen Litteratur

einsam emporragt; es ist eine Kunst ohne Vorfahren. Oberflächlicher Betrachtung mögen Gabriele D’Annunzios Schriften für die „Göttinnen“

vorbildlich erscheinen. Aber niemals sind dem Italiener Charaktere von solch plastischer Schärfe gelungen, niemals Schilderungen von so glühender Farbenpracht, wie sie uns aus jeder Seite dieses Buches

entgegen leuchten. Bei D’Annunzio die prasselnden Fronten eines kunstreichen Feuerwerks — hier der himmellodernde Brand unverlöschlicher Leidenschaft. . . . „Die Göttinnen“ ist das Meisterwerk

eines ganz Großen.

 

Hermann Bahr im Neuen Wiener Tagblatt: . . . Ein wunderbares

Buch, so reich, so fein, so klug!

 

Die Zeit, Wiener Tageszeitung: Es ist schon lange kein Buch

geschrieben worden, das der Herzogin von Assy gliche. In Deutschland vielleicht überhaupt noch keines. . . . Von Anfang an reißt einen dieses Buch im Taumel mit sich fort. Es steigt einem zu Kopf. Man genießt es,

vertrauensvoll, wie edlen alten Wein, der die Lippen kühlt und süßer Düfte voll ist, der aber, kaum getrunken, heiß ins Blut schießt und es wild durch die Adern jagt. Man ist bezaubert und berauscht.

Druck von Hesse & Becker in Leipzig

Anmerkungen zur Transkription

 

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):

 

... munter. „Setzst du dich nun gemütlich zur alten ...

... munter. „Setzt du dich nun gemütlich zur alten ...

... „Schreibe doch an, Nene.“ ...

... „Schreibe doch an Nene.“ ...

... Schritte; dann, ernhaft, mit verhaltenem Zorn: ...

... Schritte; dann, ernsthaft, mit verhaltenem Zorn: ...

... Halbtag; drunten knirrschten die ersten Karren. Lola ...

... Halbtag; drunten knirschten die ersten Karren. Lola ...

... Selbstbewußtsein. Eine geheime Leidenschaft war zu ererkennen ...

... Selbstbewußtsein. Eine geheime Leidenschaft war zu erkennen ...

... „Doch! Gerade du! Paß auf, du wirst im folgen, ...

... „Doch! Gerade du! Paß auf, du wirst ihm folgen, ...

... Insel. Lassen Sie mich’s wiedersucheu!“ ...

... Insel. Lassen Sie mich’s wiedersuchen!“ ...

... Uud drinnen, flüsternd: ...

... Und drinnen, flüsternd: ...

... „Ich sehe nämlich voraus, das ihr beide unglücklich ...

... „Ich sehe nämlich voraus, daß ihr beide unglücklich ...

... sie für ihre Woltäterin. Einige Jungen überrannten ...

... sie für ihre Wohltäterin. Einige Jungen überrannten ...

... Die Bernabei sah sie zwinkernd au. Weinerlich: ...

... Die Bernabei sah sie zwinkernd an. Weinerlich: ...

... Lola fühlte, und hatte kein Bewußsein davon, Pardi ...

... Lola fühlte, und hatte kein Bewußtsein davon, Pardi ...

... auf. Ihr Hut, ihr Jakett lagen noch da; sie machte ...

... auf. Ihr Hut, ihr Jackett lagen noch da; sie machte ...

... Schriften für die „Göttinen“ vorbildlich erscheinen. ...

... Schriften für die „Göttinnen“ vorbildlich erscheinen. ...

 

Sie haben Zwischen den Rassen zu Ende gelesen

Heinrich Mann

Bücher wie dieses

Hinweis von Project Gutenberg

End of the Project Gutenberg EBook of Zwischen den Rassen, by Heinrich Mann

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZWISCHEN DEN RASSEN ***

***** This file should be named 45123-h.htm or 45123-h.zip *****

This and all associated files of various formats will be found in:

http://www.gutenberg.org/4/5/1/2/45123/

Produced by Jens Sadowski

Updated editions will replace the previous one--the old editions will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no one owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United States without permission and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you do not charge anything for copies of this eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, performances and research. They may be modified and printed and given away--you may do practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial redistribution.

 

*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE

PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free distribution of electronic works, by using or distributing this work (or any other work associated in any way with the phrase "Project Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg-tm License available with this file or online at www.gutenberg.org/license.

 

Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm electronic works

1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the terms of this license and intellectual property (trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be used on or associated in any way with an electronic work by people who agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works even without complying with the full terms of this agreement. See paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic works. See paragraph 1.E below.

1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the collection are in the public domain in the United States. If an individual work is in the public domain in the United States and you are located in the United States, we do not claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, displaying or creating derivative works based on the work as long as all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily comply with the terms of this agreement by keeping this work in the same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in a constant state of change. If you are outside the United States, check the laws of your country in addition to the terms of this agreement before downloading, copying, displaying, performing, distributing or creating derivative works based on this work or any other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning the copyright status of any work in any country outside the United States.

1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived from the public domain (does not contain a notice indicating that it is posted with permission of the copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in the United States without paying any fees or charges. If you are redistributing or providing access to a work with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted with the permission of the copyright holder, your use and distribution must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm License terms from this work, or any files containing a part of this work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this electronic work, or any part of this electronic work, without prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with active links or immediate access to the full terms of the Project Gutenberg-tm License.

1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any word processing or hypertext form. However, if you provide access to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from

the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method

you already use to calculate your applicable taxes. The fee is

owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he

has agreed to donate royalties under this paragraph to the

Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments

must be paid within 60 days following each date on which you

prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax

returns. Royalty payments should be clearly marked as such and

sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the

address specified in Section 4, "Information about donations to

the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies

you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he

does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm

License. You must require such a user to return or

destroy all copies of the works possessed in a physical medium

and discontinue all use of and all access to other copies of

Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any

money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the

electronic work is discovered and reported to you within 90 days

of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free

distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain works in creating the Project Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic works, and the medium on which they may be stored, may contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by your equipment.

1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all liability to you for damages, costs and expenses, including legal fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH DAMAGE.

1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a written explanation to the person you received the work from. If you received the work on a physical medium, you must return the medium with your written explanation. The person or entity that provided you with the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a refund. If you received the work electronically, the person or entity providing it to you may choose to give you a second opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy is also defective, you may demand a refund in writing without further opportunities to fix the problem.

1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance with this agreement, and any volunteers associated with the production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from any of the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.

 

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of electronic works in formats readable by the widest variety of computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will remain freely available for generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org

 

Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit 501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to date contact information can be found at the Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

Dr. Gregory B. Newby

Chief Executive and Director

gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide spread public support and donations to carry out its mission of increasing the number of public domain and licensed works that can be freely distributed in machine readable form accessible by the widest array of equipment including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating charities and charitable donations in all 50 states of the United States. Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these requirements. We do not solicit donations in locations where we have not received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make any statements concerning tax treatment of donations received from outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including checks, online payments and credit card donations. To donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

 

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be freely shared with anyone. For forty years, he produced and distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, including how to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.