Zwischen den Rassen

Heinrich Mann · Kapitel 2 von 14

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Zwischen den Rassen

Erster Teil

I

 

Die Schwarzen, die das Pferd am Zaum geführt hatten, mußten ihre Herrin

auffangen: ihr ward schwach; — und dann lag sie in Farren versteckt; ein

Palmenblatt ward bewegt über ihrem dunkeln Scheitel; der große, hellhaarige

Mann beugte sich zu seiner bleichen Gefährtin; und das Kind kam zur Welt. Die

Bäume des Urwaldes standen starr und übermächtig daneben. Dorther, wo er

sich lichtete, kam das Schlagen des Ozeans, und von drüben, aus der Finsternis,

das wilde Geschrei der Papageien und der Brüllaffen.

Das Kind lernte sprechen von seiner schwarzen Amme und laufen auf dem

Sand zwischen Wald und Meer. Vom Rande des Meeres holte es Muscheln, die

es von großen Steinen löste; und am Waldsaum erntete es abgefallene

Kokosnüsse: daraus zogen ihm die Diener mit glühenden Spießen die süße

Milch. Große, zuckerige Früchte hingen überall bei seinen Händchen; im Garten

ertrank es in Blumen; und als goldene Funken schossen Kolibris um seinen

Kopf.

Dann ward Brüderchen Nene groß genug, daß sich mit ihm spielen ließ. Man

suchte zwischen Mauerritzen nach den winzigen runden Eidechseneiern und den

Natterneiern, rund und weich. Vom Schwanz des Gürteltieres brachten einem die

Neger die kleinsten Ringe: damit schmückte Nene der Schwester und sich selbst

alle Finger; und dann fuhr man in einem Zuber den Bach hinab, und die

schwarzen Kurubus auf ihren Büschen sahen einem, über ihre feuerroten

Krummschnäbel hinweg, hoheitsvoll nach.

Und man erlebte in der Hauptstadt den Tropenregen: in den Straßen fuhren

Kanoes, und unablässig mußten die Schwarzen mit Schaufeln das Wasser aus

den Zimmern stoßen; — und den Karneval! An der Jalousietür saß man auf

einem Stühlchen, über dem Gewimmel der Masken, und die schöne Mama warf

Wachsbälle hinab: die platzten und tränkten die bunten Trachten mit flüssigem

Duft. Aber aus einer Muschel, die ein ganz roter Mann an den Mund setzte, fuhr

ein so schrecklicher Ton, daß man ihn nicht ertragen konnte, sondern sich mit

seinem Stuhl zurückwarf und auch Nene mit umriß.

Und auf der Großen Insel — das Haus der Großeltern schwamm im Duft der Orangenblüten — sog man inmitten eines Heeres erntender Neger an einem

Stückchen Zuckerrohr. Und zitternden, schreienden Laufes kam man von einer

Begegnung mit der Boa heim! Und schaute, mit allen schwarzen, gelben und

weißen Kindern der Pflanzung, erregten Auges und jubelnd zu, wie der

Großvater viele Papierröllchen anzündete und sie in weiten, leuchtenden und

zischenden Bögen über das Meer schoß. Das Meer schob einem lange, laue

Schlangen über die bloßen Füßchen; im Hemdchen, das ein Gürtel enger schloß,

fing sich ein Stoß warmen Nachtwindes; und hob man den Blick, schwindelte es

einem, so voll war er auf einmal von Sternen!

Es war herrlich: man war wie alle andern Kinder — und doch nicht ganz so.

Vornehmer war man. Man hatte blondes Haar; nicht einmal Nene hatte es; und

die schwarze Anna war sehr stolz darauf und konnte nicht genug Locken daraus

wickeln. Man hatte auch einen blonden Papa: wer hatte den noch? Und kam er

zu Besuch auf die Insel der Großeltern, und ging man an seiner Hand umher:

viel größer war er als alle Menschen und immer ernst, — und sah man alle ihn

bewundern, dann durchrann einen selbst ein Schauer von stolzer und

ehrfürchtiger Liebe.

Da aber — was bedeutete dies? — saß eines nachmittags im Saal, wo

Großmutter klöppelte, Mama, die schöne Mama und weinte: ja, weinte laut.

Kaum aber hatte sie ihr kleines Mädchen erblickt, stürzte sie darauf los, riß es an

sich, fiel vor ihm auf die Knie, rief und rang das Schluchzen nieder:

„Lola! Meine Lola! Sag: bist du nicht mein?“

Mit einem Finger vor den Lippen, erschrocken fragend sah das Kind nach der

Großmutter: die saß da, grade und streng wie immer, und klöppelte.

„Bist du nicht mein?“ flehte die Mutter.

„Ja, Mai.“

„Man will dich mir wegnehmen. Sag’, daß du nicht willst! Hörst du? Du willst

doch nicht fort von mir, von uns Allen?“

„Nein, Mai. O Gott! Wohin soll ich? Ich will dableiben: bei Pai, bei dir, bei

Anna! Die Luiziana hat mir ein kleines Kanoe versprochen; morgen bringt sie

es!“

Aber schon am Abend wartete auf die kleine Lola ein großes Kanoe. Die

schöne Mai lag in einer Ohnmacht; Nene hing schreiend an Lolas Kleid; — aber

ein Schwarzer machte sie los, trug sie, und die Ärmchen der Geängsteten

würgten ihn, ans Wasser, setzte vorsichtig seinen nackten Fuß von einem der

großen überfluteten Steine auf den nächsten . . . Das Meer brandete wütend;

zerrissene Finsternis flatterte umher; und manchmal warf ein Stern ein böses

Auge herein. Nun ward das Kind ins Boot gelegt; es hatte nicht geschrieen, es

weinte unhörbar im Finstern; die Schwarzen ruderten schweigend; und das Kielwasser leuchtete fahl, als sei es die Spur eines Verbrechens.