Zwischen den Rassen
Erster Teil
I
Die Schwarzen, die das Pferd am Zaum geführt hatten, mußten ihre Herrin
auffangen: ihr ward schwach; — und dann lag sie in Farren versteckt; ein
Palmenblatt ward bewegt über ihrem dunkeln Scheitel; der große, hellhaarige
Mann beugte sich zu seiner bleichen Gefährtin; und das Kind kam zur Welt. Die
Bäume des Urwaldes standen starr und übermächtig daneben. Dorther, wo er
sich lichtete, kam das Schlagen des Ozeans, und von drüben, aus der Finsternis,
das wilde Geschrei der Papageien und der Brüllaffen.
Das Kind lernte sprechen von seiner schwarzen Amme und laufen auf dem
Sand zwischen Wald und Meer. Vom Rande des Meeres holte es Muscheln, die
es von großen Steinen löste; und am Waldsaum erntete es abgefallene
Kokosnüsse: daraus zogen ihm die Diener mit glühenden Spießen die süße
Milch. Große, zuckerige Früchte hingen überall bei seinen Händchen; im Garten
ertrank es in Blumen; und als goldene Funken schossen Kolibris um seinen
Kopf.
Dann ward Brüderchen Nene groß genug, daß sich mit ihm spielen ließ. Man
suchte zwischen Mauerritzen nach den winzigen runden Eidechseneiern und den
Natterneiern, rund und weich. Vom Schwanz des Gürteltieres brachten einem die
Neger die kleinsten Ringe: damit schmückte Nene der Schwester und sich selbst
alle Finger; und dann fuhr man in einem Zuber den Bach hinab, und die
schwarzen Kurubus auf ihren Büschen sahen einem, über ihre feuerroten
Krummschnäbel hinweg, hoheitsvoll nach.
Und man erlebte in der Hauptstadt den Tropenregen: in den Straßen fuhren
Kanoes, und unablässig mußten die Schwarzen mit Schaufeln das Wasser aus
den Zimmern stoßen; — und den Karneval! An der Jalousietür saß man auf
einem Stühlchen, über dem Gewimmel der Masken, und die schöne Mama warf
Wachsbälle hinab: die platzten und tränkten die bunten Trachten mit flüssigem
Duft. Aber aus einer Muschel, die ein ganz roter Mann an den Mund setzte, fuhr
ein so schrecklicher Ton, daß man ihn nicht ertragen konnte, sondern sich mit
seinem Stuhl zurückwarf und auch Nene mit umriß.
Und auf der Großen Insel — das Haus der Großeltern schwamm im Duft der Orangenblüten — sog man inmitten eines Heeres erntender Neger an einem
Stückchen Zuckerrohr. Und zitternden, schreienden Laufes kam man von einer
Begegnung mit der Boa heim! Und schaute, mit allen schwarzen, gelben und
weißen Kindern der Pflanzung, erregten Auges und jubelnd zu, wie der
Großvater viele Papierröllchen anzündete und sie in weiten, leuchtenden und
zischenden Bögen über das Meer schoß. Das Meer schob einem lange, laue
Schlangen über die bloßen Füßchen; im Hemdchen, das ein Gürtel enger schloß,
fing sich ein Stoß warmen Nachtwindes; und hob man den Blick, schwindelte es
einem, so voll war er auf einmal von Sternen!
Es war herrlich: man war wie alle andern Kinder — und doch nicht ganz so.
Vornehmer war man. Man hatte blondes Haar; nicht einmal Nene hatte es; und
die schwarze Anna war sehr stolz darauf und konnte nicht genug Locken daraus
wickeln. Man hatte auch einen blonden Papa: wer hatte den noch? Und kam er
zu Besuch auf die Insel der Großeltern, und ging man an seiner Hand umher:
viel größer war er als alle Menschen und immer ernst, — und sah man alle ihn
bewundern, dann durchrann einen selbst ein Schauer von stolzer und
ehrfürchtiger Liebe.
Da aber — was bedeutete dies? — saß eines nachmittags im Saal, wo
Großmutter klöppelte, Mama, die schöne Mama und weinte: ja, weinte laut.
Kaum aber hatte sie ihr kleines Mädchen erblickt, stürzte sie darauf los, riß es an
sich, fiel vor ihm auf die Knie, rief und rang das Schluchzen nieder:
„Lola! Meine Lola! Sag: bist du nicht mein?“
Mit einem Finger vor den Lippen, erschrocken fragend sah das Kind nach der
Großmutter: die saß da, grade und streng wie immer, und klöppelte.
„Bist du nicht mein?“ flehte die Mutter.
„Ja, Mai.“
„Man will dich mir wegnehmen. Sag’, daß du nicht willst! Hörst du? Du willst
doch nicht fort von mir, von uns Allen?“
„Nein, Mai. O Gott! Wohin soll ich? Ich will dableiben: bei Pai, bei dir, bei
Anna! Die Luiziana hat mir ein kleines Kanoe versprochen; morgen bringt sie
es!“
Aber schon am Abend wartete auf die kleine Lola ein großes Kanoe. Die
schöne Mai lag in einer Ohnmacht; Nene hing schreiend an Lolas Kleid; — aber
ein Schwarzer machte sie los, trug sie, und die Ärmchen der Geängsteten
würgten ihn, ans Wasser, setzte vorsichtig seinen nackten Fuß von einem der
großen überfluteten Steine auf den nächsten . . . Das Meer brandete wütend;
zerrissene Finsternis flatterte umher; und manchmal warf ein Stern ein böses
Auge herein. Nun ward das Kind ins Boot gelegt; es hatte nicht geschrieen, es
weinte unhörbar im Finstern; die Schwarzen ruderten schweigend; und das Kielwasser leuchtete fahl, als sei es die Spur eines Verbrechens.