Zwischen den Rassen

Heinrich Mann · Kapitel 4 von 14

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Zwischen den Rassen

Kapitel III

 

Lola war allein.

Sie weinte auf einer Bank, zusammengekrümmt, lange und wild. Das Fräulein

stand anfangs dabei und flüsterte hier und da ein Trostwort, das fragend klang,

als wisse sie es selbst nicht genau. Dann machte sie einige Schritte, sah sich

wartend um, verschwand im Hause. Bald kam sie wieder und rief sehr munter,

ob Lola diesen schönen Pfirsich möge. Als aber das Kind zornig den Kopf

schüttelte und wilder schluchzte, zog das Fräulein sich so rasch zurück, als flöhe

sie.

Die Glocke läutete wieder, und Lola ließ sich fortführen, weil das Fräulein ihr

sagte, nun würden die Mädchen kommen und sie weinen sehen. Das Fräulein

öffnete die Tür zu ihrem eigenen Zimmer: da sprang kläffend ein kleiner weißer

Spitz auf Lola zu, und Lola, die daheim vor Großpais riesigen Hunden keine

Furcht gehabt hatte, wich mit einem Aufschrei zurück.

„Ami!“ rief das Fräulein und redete, zu ihm niedergebeugt, ernsthaft auf den

Spitz ein. Es half nicht; das Kind und das Tier hatten sich gegenseitig erschreckt;

und der Hund mußte hinaus, — wo er winselte.

Nun kramte das Fräulein in einem Schrank, zog ein großes buntes Buch

hervor und hielt es Lola entgegen. Sie wollte Lola auf einen Schemel setzen;

Lola glitt damit aus, griff um sich und warf ein Glas Wasser über die Handarbeit,

neben der es gestanden hatte. Das Fräulein strich ihr die Wange und lächelte.

Dann schlug sie das bunte Buch bei der ersten Seite auf; es war ein Affe darauf,

ein Ast und noch mehrere Dinge; und wiederholte, auf den Affen zeigend, ein

Wort: immer nur das eine. Zuerst beachtete Lola es nicht; dann merkte sie wohl,

daß sie es nachsprechen solle: aber sie schwieg; und diese Rache für alles, was

mit ihr geschah, tat ihr wohl. Trotzdem richtete das Fräulein seinen Finger jetzt

auf den Ast und sagte dazu ein anderes Wort, viele Male. Sie führte Lola auch zu

einem weißen Turm, der in einer Ecke des Zimmers ragte, und zu dem Schirm,

der davorstand: darauf waren aus bunten Perlen eine Dame und ein Kind, und zu

beider Füßen ein Tier, das Lola nicht kannte. Es schien ihr sanft, zärtlich, zum

Zerbrechen sein; und seine großen Augen glitzerten, als seien sie voll Tränen. Mitleid durchschauerte Lola, mit dem Tier, mit sich selbst, — und da stammelte

sie das Wort nach, das das Fräulein ihr schon längst vorsagte: „Reh“, und weinte,

leise und ohne Trotz.

Wie die Tränen gestillt waren, nahm das Fräulein sie mit zum Essen, an eine

lange Tafel, wo viele Mädchen schwatzten und klapperten. Lola aß nichts, aus

Traurigkeit; sie saß betäubt da, erschrak, wenn ihr Name genannt ward, und

dachte, weh und wund: „Was wollt ihr alle? Was tue ich hier? Warum hat Pai

mich nicht mitgenommen?“ Nach Tisch ward sie in den Garten gebracht, aber

sie schüttelte den Kopf und ging dem Fräulein nach, bis sie wieder im Zimmer

und bei dem Reh war: denn das war hier ihr einziger Freund. „Reh, Reh,“

flüsterte sie ihm zu. Das Fräulein küßte sie leise auf die Locken und ließ sie mit

ihrem Kameraden allein. Als Lola später zu Bett gelegt werden sollte, hatte sie

sich schon in Schlaf geweint.

Beim Erwachen in heller Sonne fiel ihr als erstes das Reh ein; dann der Spitz

Ami. Sie bedachte vieles Erlebte und auch, ob sie dies Zimmer schon kenne.

Neugierig sah sie sich darin um. Noch ein anderes Bett stand da, aber es war

schon verlassen. Sie ließ sich aus dem ihren gleiten und trippelte umher: da trat

das Fräulein herein, hob Lola auf ihren Arm, zeigte sich auf die Brust und sagte

mehrmals:

„Erneste“.

Lola hatte in ihrem rotgeschlafenen Gesichtchen große, aufmerksame braune

Augen, die, auf den Mund des Fräuleins gerichtet, ganz leise seitwärts hin und

her rückten; ihre blonden Locken hingen wirr geringelt, die leichten Linien ihrer

Lippen fügten sich fein ineinander; und am Saume ihres Hemdchens streichelten

sich ihre rosigen kleinen Füße. Sie äußerte nichts; aber als sie fand, das Fräulein

habe genug „Erneste“ gesagt, nickte sie bedächtig, zum Zeichen, daß sie

verstanden habe.

Sie bekam ihren Kakao, grub im Garten, ward, wie die Glocke geläutet hatte,

von den Mädchen in einem Ringelreihen geschwenkt und dann wieder von

Fräulein Erneste in das Zimmer des Rehes geholt. Der Spitz Ami knurrte nur,

und er wedelte dabei. Lola sollte auch heute „Affe“ und „Ast“ nachsprechen. Sie

tat es zerstreut, sah dabei immer das Reh an: sie hatte keinen Sinn für die Dinge,

auf die Erneste sie jetzt noch hinzulenken wünschte; und nur zufällig bemerkte

sie, daß es sich um die zweite Seite des bunten Buches handelte, und daß dort

jedes Bild mit einer Marzipanscheibe bedeckt war. Nahm man sie weg, kamen

darunter zum Vorschein: ein Baum, ein Bäcker, ein Bottich. Sie erlernte diese

Worte in großer Eile, um zu erfahren, was auf der dritten Seite wäre.

Von diesen Erlebnissen, die sie interessiert hatten, wollte sie bei Tisch — war

nicht heute alles lustiger bei Tisch? — ihrer Nachbarin erzählen, einem Mädchen, daß nur wenige Jahre älter sein konnte. Sie erzählte ausführlich, die

andere aber lachte nur und stieß eine dritte an. Lola, in Eifer, kam von dem Reh

auf die Tiere daheim; sprach von daheim und von Nene und Mai. Plötzlich ward

sie inne, daß alle still waren, zu beiden Seiten des Tisches, und sie ansahen: die

meisten mit Neugier, einige spöttisch; — und keine, erinnerte sie sich nun, keine

einzige hatte sie verstanden! Errötet, ratlos beschämt, sah sie die Reihen entlang,

konnte, zitternden Gesichtes, die Tränen noch gerade hinunterschlucken und

beugte sich mit einem kleinen einsamen Lächeln über ihren Teller.

Nun kam eine Stunde, in der alles durchs Haus sprang und sang. Auch Lola

sollte singen, sie tat nur so, als begriffe sie nicht. Da faßte aber Erneste ihre

beiden Arme, und die Nase kraus vor Freundlichkeit und während alle

umherstanden, sagte sie ihr mehrere Worte, deren jedes ungefähr klang wie

„singen“: nur nicht ganz. Schließlich aber fand sie’s wirklich: singen; und da

sang Lola. Sie sang näselnd: „Ihr Negerknaben meines Vaters . . .“, schloß dabei

halb die Lider und sah nun alles, was sie sang, sah die Heimat . . . Noch wie sie

schwieg, war sie aus dem Schwarm der auf sie Einredenden weit fort.

Eine Weile darauf fiel ihr ein, daß sie dieses Lied einmal bei der deutschen

Großmama gesungen hatte. Seltsam: an den Aufenthalt bei der Großmama hatte

sie noch gar nicht wieder gedacht; ihr war, als sei sie von der großen Insel

gradeswegs hierher verschlagen, und alles dazwischen war verworren wie ein

Schiffbruch. Nun kam ihr eine Fratze in den Sinn, die der lustige Onkel einmal

geschnitten hatte: und von da aus fand sie sich in allem wieder zurecht. Ach!

Das war doch Lolas Großmama, denn Pai war ihr Sohn, und sie hatte ihn lieb.

Eine aufzuckende Hoffnung: Ob Pai nicht bei ihr war? Daß Lola daran nicht

früher gedacht hatte! Pai war nicht abgereist, er war bei seiner Mama! Lola ging

zu Fräulein Erneste und sagte „Großmama“: nur das eine, bittende Wort; und

Erneste verstand es, sie ließ Lola hinführen.

Die Großmama breitete die Arme aus, Lola aber lief, ohne ihrer zu achten, um

sie herum: „Pai! Pai!“ — in sein Zimmer, in das Wohngemach, in den Garten:

„Pai! Pai!“ Sie kehrte von ihrer vergeblichen Runde wieder.

„Wo ist Pai?“

Die Großmama bedeutete ihr etwas, Lola wußte wohl, was, aber sie glaubte

ihr nicht. Einer der Onkel kam, die Magd ward gerufen, und alle wiederholten

dasselbe. Lola schüttelte nicht mehr den Kopf, aber ihre Meinung stand fest.

Zuletzt erschien der lustige Onkel und wünschte ihr Guten Tag in ihrer Sprache.

Immer die zwei Worte, die er sich einst von Pai hatte ins Ohr sagen lassen.

„Dummer Papagei,“ dachte sie, und sie verlangte fort.

Sie spähte in jedes Haustor, zerrte ihre Begleiterin in die Läden, die sie mit Pai

besucht hatte, und auf einem leeren Platz, wo es wehte, blieb sie stehen und rief flehentlich „Pai!“ Keins der trägen Fenster öffnete sich; es fror Lola bitterlich;

und die Magd zog sie fort.

Aber für das bunte Buch war sie nicht mehr zu haben, nicht mehr für den

Garten und kaum noch für das Reh. Sie sah jeden mit Mißtrauen an, der ein Wort

zu ihr sprach: eins dieser unverständlichen Worte, deren Geräusch um sie her

war. Zu Fräulein Erneste sagte sie: „das ist nicht wahr,“ obwohl sie gar nicht

wußte, was das Fräulein gemeint hatte; bei Berührungen brach sie in Geschrei

aus; und ihr Drang war immer: auf die Straße, durch die Stadt, und in die Häuser

spähen. Sie schrie, bis das Fräulein ängstlich ward und sie hinausließ. Das

dauerte mehrere Tage.

Dann wich Lolas Glaube. Sie hatte gewiß in jedem Winkel nachgesehen und

überall ihr „Pai!“ gerufen. So wollte Pai sie wohl nicht hören, oder er war

wirklich fort. Ja, er war fort: die Leute hatten recht. Aber dann hatte Pai selbst

sie verraten und unter diesen Fremden zurückgelassen. Wem also war noch zu

trauen? Scheu sah das Kind sich um. In diesen Tagen brach ein Gewitter aus;

und Lola — wie hatte sie daheim zu urweltlichen Unwettern gejauchzt! — ward

von jedem dieser Blitze in eine andere Zimmerecke gescheucht: bleich und mit

geschlossenen Lippen; denn niemandes Hilfe wußte sie anzurufen.

Ward Lola jetzt um ihr Lied gebeten, schüttelte sie, mürrisch und verlegen, die

Schultern. Auch sprach sie nicht mehr; und sie dachte ganz Ungewöhnliches.

„Ich werde vielleicht sehr krank werden und kann dann niemandem sagen, wo es

weh tut, und muß immer so schreien, wie damals der Neger schrie, der ein Loch

im Magen hatte.“ Wenn sie allein im Zimmer war und mit sich selbst und ihren

Puppen plauderte, mußte sie manchmal lauschen: so seltsam klein und allein

klang ihr die eigene Stimme; — und sie fühlte es plötzlich, tief in ihrem

erschauernden Herzen, es gäbe im Hause und in der ganzen Stadt und auf allen

Straßen die hinausführten, keinen Menschen, der, wie die daheim, zu ihr sagen

könne: „Meine kleine Lola, meine liebe kleine Lola.“ Sie flüsterte die ersehnten

Worte vor sich hin und sah dabei ihre Puppen an. Da bemerkte sie, daß auch die

Puppen sie ihr nie sagen und, was sie ihnen vorplauderte, nie verstehen würden:

waren doch auch sie aus diesem fremden Lande. Sie schob sie weg. Und selbst

das Reh! Daheim gab es kein solches Tier, und es wußte nichts von Lola. „Hörst

du denn nicht?“ bat sie, mit Tränen. „Reh! Reh!“ Aber das Reh sah sie fremd an.

Lola war allein.

 

Am Sonntag ward sie wieder zur Großmama gebracht. Sie benahm sich scheu

und verdrossen; man verlor endlich die Geduld und überließ sie nach dem Essen

sich selbst. Unzufrieden, weil niemand mehr sich um sie bekümmerte, drückte sie sich im Garten umher. Wie es kalt war in diesem Lande! Ängstlich und

feindselig sah sie zu den grauen Wolken hinauf, die herabdrohten. Der Pavillon,

der sie am ersten Tage versteckt hatte, damals, als sie schon vorausgeahnt hatte,

Pai werde sie allein lassen: heute stand er offen, und Lola betrat ihn. Es waren

wunderliche alte Möbel darin; sie bemühte sich, einen Wandschrank zu öffnen:

— da geschah ein Poltern unter ihr. Sie fuhr zusammen. Es polterte stärker, es

schlug sogar gegen den Boden, auf dem sie stand. Erstarrt, horchte sie. Ein

furchtbarer Krach: nun drang es gleich zu ihr ein; und Lola schrie los, mit allen

Kräften höchster Not:

„Der Teufel! Der Teufel!“

Sofort hörte das Poltern auf, und im nächsten Augenblick stand in der Tür der

lustige Onkel, ganz bleich, und blickte Lola zornig an. Sie schrie, zu ihrer

Rechtfertigung und aus Eigensinn, noch einmal: „Der Teufel!“ Da stürzte aber

der Onkel auf sie zu und legte sie über sein Knie . . . Und nachdem Lola dies

durchgemacht hatte, war es ihr viel leichter und sanfter. Der Onkel nahm sie bei

der Hand und führte sie in das Kellergewölbe, unter dem Gartenhaus. Er zeigte

ihr, wie er Holz gehackt habe, und wie die geschwungene Axt manchmal gegen

die niedrige Decke gestoßen sei. Was er dazu redete, hatte einen guten,

tröstlichen Ton; — und Lola ward betroffen und sehr nachdenklich. Denn es war

klar, daß dies gegen alle ihre bisherigen Erfahrungen ging. Wenn daheim aus

dem Urwald heraus irgend eine ungewohnte Stimme erscholl, lief es bei den

Schwarzen von Mund zu Mund: „Der Teufel“; und blinzelte irgendwo ein Licht,

das niemand kannte, ward geraunt: „Der Teufel“. Als der Onkel Holz hackte,

hätte die schwarze Anna nur bei Lola sein sollen: ganz sicher würde sie

gewimmert haben: „Der Teufel“. Er war es also nicht? Wenigstens nicht immer?

Das war tröstlich, und der Onkel war gut, daß er Lola dies gelehrt hatte. Sie

lächelte ihm zu. Sie hatte auf einmal alle Menschen lieber, ging ins Zimmer,

umarmte die Großmama und klatschte in die Hände bei dem Gedanken, daß sie

auch dem Fräulein Erneste etwas recht Liebes antun wolle. Eifrig verglich sie im

Innern die schwarze Anna mit Fräulein Erneste und wunderte sich, wie viel

näher ihr Erneste sei. Die schwarze Anna war dumm, mit ihrem Teufel; Lola

schämte sich ihrer ein wenig. Wie sie nach Haus kam, stellte sie sich vor Erneste

hin, sammelte sich und sagte zutraulich:

„Ast, Boot, Reh, Erneste.“

Dabei lächelte sie entschuldigend, denn für ein achtjähriges Mädchen war dies

natürlich kindisch; aber was sollte sie sagen? Erneste verstand Lola; vor

Rührung bekam sie ein bekümmertes Gesicht und Tränen in die Augen.

Einige Wochen später schlug sie Lola vor, einen Brief an Pai zu schreiben.

„Schreibe in deiner Sprache.“

Lola tat es; aber sie fügte mit Genugtuung eine Anzahl ihrer deutschen Wörter

hinein: alle waren in einem Brief schon nicht mehr unterzubringen. Die Antwort

kam. Auch Herr Gabriel hatte auf portugiesisch geschrieben; nur am Schluß

stand der Satz: „Ich habe dich lieb“; und diese Worte, die er noch nie in seiner

eigenen Sprache hatte äußern dürfen, waren von ihm mit einer Süßigkeit erfüllt

worden, die Lolas schwache Hände noch nicht herauspressen konnten. Erneste

sah diese Zeilen lange an und sagte dann:

„Bewahre den Brief gut auf, Kind.“

Den nächsten schrieb Lola — sie war vier Monate bei Erneste — ganz

deutsch, und ihr Vater antwortete ebenso. Inzwischen aber war ein Brief

angekommen; Lola wußte nicht gleich, wer ihn abgeschickt habe. Sie war sehr

gespannt.

„Ah!“

„Nun?“ fragte Erneste.

„Von Mai!“ — und sie betrachtete ihn angestrengt.

„Was schreibt dir deine Mama?“

„Ja, ja“, machte Lola, und: „Gleich komme ich wieder.“

Sie lief ins Schlafzimmer und buchstabierte. Mais Schrift sah Lola zum

erstenmal; die schöne Mai lag immer nur in der Hängematte. Wie mußte sie Lola

lieb haben, daß sie ihr schrieb! Lola küßte den Brief. Dann versuchte sie es

nochmals: nein; wirklich, sie verstand nichts, oder nur hier und da ein paar

Worte. „Mai, Mai“, stammelte sie, und plötzlich weinte sie. Kleinlaut berichtete

sie später Erneste:

„Jetzt ist es sehr heiß in Rio, schreibt Mai, und hier ist es so kalt.“

Tags darauf wußte sie:

„Nene war krank und ist nun wieder gesund.“

Sie las immer in dem Brief; er hatte schon Risse, Fettflecke und Tränenspuren.

Eines Morgens beim Erwachen fand Lola ihr Händchen hoch in der Luft. Im

Traum hatte sie’s nach einer Frucht ausgestreckt, die Mai ihr hinhielt, — und zog

es nun leer zurück. Noch sah sie Mais Gesicht: und da verstand sie plötzlich

einige von Mais Worten in ihrem Brief. Schon war Lolas erste Sprache, Wort für

Wort, zurückgedrängt von ihrer zweiten; neue Gesichter schoben sich ihr vor die

alten; und eine neue Luft malte alle Dinge anders. Draußen schneite es; das erste

Mal hatte Lola den Schnee für Zucker gehalten; und Mai kannte ihn noch immer

nicht. Mai lag in großer Wärme in ihrer Hängematte und kannte, obwohl sie Mai

war, nichts von allem, was Lola sah. Wie rätselhaft das war! Lola dachte sich

darin fest; sie saß am Boden, den Blick nach innen, die Lippen leise gelöst, und

hielt mit allen Kräften den Geschmack solches Gedankens fest. Manchmal war

es nur ein Wort, ein Name, den sie in solcher Weise ganz auszukosten suchte: Erneste, wie konnte jemand so heißen; Er—ne—ste, wie jede der Silben

plötzlich verwunderlich und komisch war. Jeden Augenblick wurden sie

fremder! Im Frühling, auf einem Ausflug, ward Lola vermißt und allein

zwischen Waldhügeln bei einer Quelle gefunden. Das nasse Laub hing um sie

her, es roch herb nach Kräutern, die Quelle rann, Lola saß ohne Regung.

Worüber sie nachgedacht habe. „Über die Quelle.“ Im Sommer lag sie oft am

Rande eines Heliotropbeetes auf dem Bauch, schob den Kopf zwischen die

Blumen und lauschte in die große Tiefe dieses Duftes.

Ein Gesicht, das sie lange schon kannte, ward ihr auf einmal wie

durchleuchtet: nun fühlte sie’s. Einmal, im Schulzimmer, sah sie, anstatt

nachzuschreiben, unverwandt auf ihre Lieblingslehrerin, auf die raschen kleinen

Mienen und die flinken, pickenden Bewegungen des Fräuleins.

„Lola, warum siehst du mich immerfort an?“ fragte Fräulein Mina. Lola

erklärte:

„Du aussiehst wie ein klein Vogel.“

Die französische Lehrerin ward gehaßt von Lola: besonders seit sie Lola

gedroht hatte, wenn sie noch länger die Kirschkerne verschlucke, werde ihr ein

Kirschbaum aus dem Halse wachsen. Lola wühlte sich mit dem Blick in dieses

fette, graue, schnüffelnasige Geschöpf hinein, bis sie in dem Fräulein deutlich

eine große, dicke Ratte sah und bei einer zufälligen Berührung besinnungslos

aufschrie!

In eine Vorstellung, eine Begierde konnte sie sich rettungslos festrennen, bis

zu kleinen Verbrechen. Einmal log sie, in dem unvermittelten Drange, eine

Sache ganz für sich zu haben. Nun hatte sie’s: ein Geheimnis; und kostete

tagelang aus, daß niemand wisse, was sie wußte. Das war ein neues Leben, eine

eigene Welt! Etwas später stiftete sie, um des Abenteuers willen, eine große

Verschwörung an, verbunden mit Diebstahl. Zwar handelte es sich um die

„Ratte“, die ohnehin jeden Streich verdiente. Mittlerweile nannten alle sie so;

Lola hatte den Namen durchgesetzt und in Vielen Widerwillen erregt gegen die

Lehrerin. Es war nicht schwer, die Mädchen zu überzeugen, daß sie der Ratte

eine große, scheußliche Puppe ins Bett legen müßten. Man brauchte eine Maske,

eine Haube, eine Jacke, eine Brille. Das Geld? Man wußte doch, wo die Ratte

ihres aufbewahrte. Es war nur gerecht, daß sie selbst sich die Puppe kaufte. So

geschah es. Die Ratte fiel zuerst in Ohnmacht, und wie der Verlust des Geldes

herauskam, erlitt sie einen Weinkrampf. Lola sah ihn mit an: sie sah den

Schmerz des häßlichen und geizigen Geschöpfes, ward hineingezogen und lebte

ihn mit, außer sich vor Reue. Sie sah eine dicke Ratte sich ängstigen, die sie

vergiftet hatte, und hätte gern, wenn es noch möglich gewesen wäre, das Gift

selbst gegessen. Sie bat um Verzeihung, nahm sogar, mit leidenschaftlicher Selbstüberwindung, die Hand der Ratte. Denselben Ekel empfand sie auch jetzt

noch; aber sie sah dieses Wesen leiden; sah unendlich mehr davon, als die

andern sahen; und begriff nicht mehr, wie sie solch Leiden hatte zufügen mögen!

Viel lieber statt anderer leiden! In mancher Nacht kam ihr die Frage: „Wenn ich

mich lebendig begraben lassen sollte, oder Erneste sollte sterben, oder Mai: was

würde ich wählen?“ Sie warf sich seufzend und heiß umher: nun hieß es sich

entscheiden, das Furchtbarste auf sich nehmen. Und plötzlich war sie hindurch,

sah Licht, war sanft und süß durchronnen und hatte sich dargebracht: „O, lieber,

viel lieber will ich lebendig begraben werden!“

Sie war erschüttert; ein Drang nach Güte, eine schmerzliche Wallung von

Liebenwollen hob ihr Herz auf; — und da kam rechtzeitig der neue

Geschichtslehrer, Herr Dietrich. Er war schüchtern und ironisch, und er sprach

immer wie zu erwachsenen Damen. Alle interessierten sich für ihn, einige

erkundeten seine Lebensumstände. Er wohnte mit seiner Mutter und seinen

jungen Geschwistern zusammen und unterhielt sie. Wie Lola von seinem Leben

träumte! Liebreich mußte es dahinfließen, voll sanfter, gütiger, edler Gedanken.

Mit zwei andern, die für ihn schwärmten, wagte sie es unter einem Vorwand, ihn

aufzusuchen. Kein Teppich lag auf den weißen Dielen seines Zimmers. Herr

Dietrich stand von seinem Schreibtisch auf, der dabei ins Wanken kam, und

deckte verlegen ein Kissen auf einen Riß im Ledersofa. Das ganze Haus roch

nach saurer Milch. Tagelang erbitterte Lola sich gegen Erneste, die ihn nicht

besser bezahlte. Alle hätten hingehen sollen und es ihr vorhalten. Lola sonderte

sich ab, so oft sie konnte, lernte den Leitfaden der Geschichte auswendig, und

wenn sie ihn sich wiederholte, war es ihr, als sagte sie ihm etwas Liebes. Als sie

an einem Märztag, es lag noch Schnee, allein im Garten gewesen war, kam sie

erregt zu Erneste gelaufen.

„Erneste, ich weiß jetzt, wie der Frühling aussieht!“

„Wieso?“

„Wie Herr Dietrich sieht er aus!“

Lola leuchtete. Die Offenbarung, die sie soeben empfangen hatte, war einfach

und tiefwahr.

Erneste dachte: „Mit zwölf Jahren schon? . . .“ Sie faßte sich und äußerte:

„Aber Kind, für ein Mädchen, das bald dreizehn wird, ist das doch zu

kindisch. Herr Dietrich ist natürlich ein Mensch wie wir alle.“

Lola stutzte; war er das? Warum mußte sie dann soviel an ihn denken? Immer

hatte sie jenen leichten Geruch von saurer Milch in der Nase: soviel dachte sie

an Herrn Dietrich. „Ich will ihn mir ganz genau ansehen.“ Gerade heute war

Herrn Dietrich sein gelber Strumpf über seinen schwarzen Schuh gerutscht. Lola

starrte finster und nachdenklich darauf hin. Ähnliches konnte man auch bei andern Lehrern sehen: aber Herr Dietrich, der so edel war! an den Lola so viel

denken mußte! Nun bemerkte sie auch, wie Herr Dietrich sich mit Jenny abgab;

wie die dicke, freche Jenny, das Kinn auf der geziert ausgespreizten Hand, ihn

anschmachtete; wie er errötend wegsah und, nachdem er ein wenig an seinem

Kneifer gerückt hatte, ihr zulächelte. Da ward es Lola kalt und zornig zu Sinn; es

trieb sie, Herrn Dietrich zu zeigen, daß er für sie durchaus kein Ideal sei. Er

stand grade vor ihr; seine rötliche, knochige Hand lag auf ihrem Tisch; und in

seiner Manschette konnte sie Haare sehen. Vorsichtig führte sie zwei Finger

hinein, erfaßte ein Haar, machte „Kieks!“ — und da hatte sie’s. Herr Dietrich

zuckte zusammen; dann rief er mit roter, entrüsteter Miene:

„So etwas tut man nicht!“

Lola, ziemlich erschrocken über ihre Tat, aber trotzig, betrachtete das Haar.

„Gib’s her!“ — und Herr Dietrich nahm es ihr weg.

Als er sie später etwas fragte, antwortete sie nicht, obwohl sie’s wußte. Sie

beschloß ihm brieflich ihre Verachtung auszusprechen; den ganzen Nachmittag

arbeitete sie daran. „Wenn ich einen Menschen gern habe, verlange ich mehr von

ihm als von andern, Sie haben mich sehr enttäuscht,“ wollte sie ihm sagen, und:

„Ich bin viel zu stolz, um jemand noch gern zu haben, der eine andere liebt.“

Indes fiel ihr ein, daß Herr Dietrich von ihrer Neigung nichts gewußt habe, und

daß ihn darum auch ihre Enttäuschung nichts angehe. Wahrscheinlich würde er

ihr mit seiner entrüsteten Miene den Brief zurückgeben und dazu schreien: „So

etwas tut man nicht!“

Sie hielt sich nun für fertig mit der Liebe Dennoch verlor sie den Winter

darauf ihr Herz an einen italienischen Leierkastenmann. Sie lag im Fenster und

lebte in seinen Augen. Bleich und traurig schmachtete er herauf. Lola sagte:

„Wie ist er schön! Ich habe noch nie einen schönen Mann gesehen.“

Die dicke Jenny störte sie diesmal nicht: im Gegenteil, sie fragte, ob Lola

seine Bekanntschaft machen wolle, sie begleite sie gern. Lola schrak zurück, sie

wußte noch nicht, wovor. Aber am Sonntag wartete sie mit ihrem ganzen

Wochengeld. Der Italiener kam, nur war er betrunken und kotbespritzt, fing

Streit an und ward verhaftet. Lola warf aufs Geratewohl ihre zehn Mark hinunter

und rettete sich.

Die Trennung von dieser Liebe war hart. Wochenlang zuckte Lola schmerzlich

zusammen, pfiff jemand auf der Straße eine von des Italieners Arien. Bei der

Ankündigung der Oper, aus der sie stammten, geriet Lola in Erregung und

verlangte hin. Sogar die Begleitung der Ratte nahm sie mit in den Kauf. Auf

ihrem Balkonplatz bekam sie Herzklopfen; aber wie sie sich den

Leierkastenmann vor Augen rufen wollte, bemerkte sie, daß sein Bild

unauffindbar war, und daß nur die Klänge und Gebärden von dort drüben sie erfüllten und bewegten. Ihr schien es der erste Theaterbesuch; und alles mutete

sie wie eigene tiefe Erinnerungen an. Woran sie jemals ahnungsvoll gerührt

hatte, das war hier aufgeschlossen und entzaubert. Der letzte Duft schöner

Blumen, Namen, Gesichter schien hier herausgepreßt. Die Worte klangen alle

voller und sinnreicher, die Dinge hatten höhere Farben, die Mienen erglänzten

inniger. Hier wiederholte sich, hätte man meinen sollen, das Leben Lolas in

stärkerem Licht: als habe sie dort auf der Bühne ihr eigenes Herz, höher

schlagend, vor Augen. Alles, wofür man sonst keine Verwendung wußte, konnte

hier spielen. Man konnte sich ganz geben, wie man war; denn die Menschen

hielten endlich das, was man sich von ihnen versprach. Der Held dieser Oper

war so edel, wie Herr Dietrich hätte bleiben sollen, und so schön wie der

Italiener, ohne sich dabei zu betrinken.

Bei der Heimkehr war es Lola, als habe sie nun ein Zauberwort erfahren:

Schauspielerin, und sei dadurch erlöst und mit sich selbst bekannt gemacht.

„Wie sonderbar!“ dachte sie im Bett und starrte zur dunklen Decke hinauf;

„das also bin ich!“ Erneste rührte sich, und Lola hätte sie fast, in rascher

Regung, aufgeweckt und ihr Schicksal Erneste offenbart. Noch hielt sie zurück;

sie hatte sich erst selbst an seine Erkenntnis zu gewöhnen. Beim Aufwachen

aber erschütterte sie sogleich ein großer Jubel; sie machte sich schnell fertig und

lief zu Erneste, gerade so herzhaft und ohne Arg, wie damals, als sie mit der

Nachricht kam, der Frühling sehe aus wie Herr Dietrich.

„Erneste!“ rief Lola, „weißt du, was ich werden will? Schauspielerin!“

„Auch gut,“ erwiderte Erneste und befestigte gelassen den Papierdeckel auf

einem Glas mit Eingemachtem. Lola erklärte freudig:

„Gestern im Theater habe ich es gemerkt, und jetzt weiß ich es ganz genau.“

„Dummes Kind; trinke lieber deinen Kakao.“

„Warum, dumm? Ich glaube, daß ich Talent habe.“

„Das glaube ich auch: du rezitierst sehr niedlich; deswegen verfällt aber doch

kein verständiges Mädchen auf solches dumme Zeug. Möchtest du wohl einen

Löffel Gichtbeerenkompott?“

Verwirrt ließ Lola sich den Löffel in den Mund schieben.

„Nun geh, Kind,“ sagte Erneste, und Lola ging, den Kopf gesenkt. Vor der Tür

zum Frühstückszimmer richtete sie sich auf und kehrte nach der Speisekammer

zurück.

„Erneste!“

Lola war blaß, ihre Stimme hatte gezittert; Erneste sah sie sprachlos an.

„Erneste, du hast so getan, als ob es Scherz wäre. Es ist mir aber ganz ernst.“

„Um so schlimmer,“ sagte Erneste, polternd vor Schrecken. „Geh ins

Klassenzimmer und erwarte, welche Strafarbeit ich dir aufgeben werde!“

„Ich will alle Strafarbeiten machen, die du mir aufgibst, Erneste. Aber ich bin

fest entschlossen, Schauspielerin zu werden.“

Lola redete das wie ein Diktat; irgend eine Macht weihte sie zum Sprechen.

„Es ist das erste Mal, daß ich so zu dir spreche, Erneste: daraus kannst du

ersehen, wie wichtig dies ist,“ sagte sie sanft, mit feuchten Augen; denn Erneste

tat ihr leid. Erneste war auf einen Holzschemel gefallen; ihre von Fruchtsaft

blauen Finger lagen wie tote kleine Soldaten durcheinander im Schoß; ihr

Gesicht war ganz lang und über alle Maßen verstört.

„Was kannst du denn auch dagegen haben,“ meinte Lola, „wenn ich es nun

einmal als meinen Beruf erkannt habe.“

Da aber kam alles wieder zu Leben an Erneste; sie sprang auf.

„Dein Beruf? Eine unanständige Person zu werden, das soll dein Beruf sein?

Dazu habe ich dich durch sieben Jahre auf Gottes Wegen erhalten? Du weißt

nicht, was du redest: das ist das einzige, was mir noch Hoffnung läßt. Jenny,

mein Kind, sie weiß nicht, was sie redet; schweige um Gotteswillen über das

was du gehört hast!“

Lola wandte sich um: in der Tür stand die dicke Jenny und sah sie mit

heuchlerischem Entsetzen an.

„Du begreifst, Jenny, wenn sie dabei bliebe, das wäre noch schlimmer als das

mit Susanne, und davon habe ich doch schon graue Haare. Versprich mir, mein

Kind, daß niemand etwas erfahren soll!“

Jenny versprach es artig. Dann entließ Erneste sie; und da sie unbeachtet

stand, ging auch Lola. Ernestes Aufregung begriff sie nicht. Lola wollte zur

Bühne und möglichenfalls dieselben Stücke spielen, die in der Klasse gelesen

wurden. Was hatte das mit Susanne zu tun, die weggeschickt war, weil sie irgend

etwas, nicht recht verständliches, mit dem Gärtner zu tun gehabt haben sollte?

Lola saß in Rätseln; aber schon nach der ersten Unterrichtsstunde fing sie

neugierige Blicke auf, die sogleich, mit künstlicher Fremdheit, weggelenkt

wurden; und auch die Lehrerin, die jetzt darankam, starrte erst einmal Lola recht

unverschämt forschend ins Gesicht, und dann richtete sie plötzlich das Wort an

eine andere. In der Pause bemerkte Lola, daß manche ihr auswichen, und daß

einem harmlosen Mädchen, mit dem sie sprach, von Jenny und mehreren andern

so lange bedeutsam gewinkt ward, bis es sich verlegen von Lola losmachte. Lola

ging gradeswegs auf Jenny zu: was das eigentlich heiße. Jenny wendete sich

gepeinigt hin und her, murmelte, als sei sie um Lolas willen in Sorge, daß nur

keine es höre: das wisse Lola wohl selbst am besten; und rasch tauchte sie in

einen Kreis Schwatzender.

Ernestes Benehmen war noch viel auffallender. Lola erinnerte sich nicht, daß

Erneste jemals länger als eine Nacht mit ihr böse gewesen war. Am Morgen hatte sie sich immer anmerken lassen, daß sie gern versöhnt werden wolle. Dabei

ging sie beinahe bittend zu Werke; infolge jeder von Lolas Ungezogenheiten war

Erneste es, die gewissermaßen Vergebung suchte, und deren Miene um ein gutes

Wort warb. Lola bat schwer um Verzeihung. Wenn sie sich dazu entschloß, tat

sie’s aus Mitleid mit Erneste. Das junge Mädchen dachte dann an des Kindes

erste Begegnung mit Erneste: als Erneste zuerst streng auf sie eingedrungen und

plötzlich, wie sie Lolas Tränen sah, ganz aus der Fassung geraten war. So ging es

immer. Erneste schien sich manchmal viel zu dünken, und plötzlich fiel sie in

Schüchternheit. Nachdem sie anfangs ihre gnädige Gesinnung als Belohnung

hingestellt hatte, bemühte sie sich schließlich um Lolas Zuneigung. Was sie

bekam, war eine etwas geringschätzige Freundlichkeit.

Jetzt aber gebärdete sich Erneste, Tag um Tag, traurig und behutsam gegen

Lola: wie wenn Lola schwer krank sei und man könne mit ihr nur noch wenig

und leise reden. Lola sah: auch die wohlwollenden Mitschülerinnen bekamen

davon die Empfindung, Lola sei aufgegeben; — und sie selbst geriet über sich

ins Unklare. Hätte Erneste ihr Szenen gemacht! Lola würde sich versteift, sich

behauptet haben. So erschien, was sie gewagt hatte, allmählich ihr selbst als

etwas Ungeheuerliches. Keine andere also war dessen fähig! Lola fühlte sich

abgesondert, ihre Schritte unheimlich gedämpft, ihr ganzes Dasein fragwürdig.

„Bin ich denn anders als alle?“

Da erinnerte sie sich gewisser Träume, gewisser ahnender, grübelnder

Gefühle, für die sie, kam sie damit heraus, nirgends Verständnis gefunden hatte.

Befremdet und etwas peinlich berührt, hatte man sie stehen gelassen. Die besten

hatten gutmütig gelacht. Auch das mit Herrn Dietrich und dem Frühling fiel Lola

wieder ein: und nun bedeckte sie, im verschlossenen Schlafzimmer, die Augen

mit den Händen, glühend rot durch diese vor Jahren gesprochenen Worte.

Plötzlich richtete sie sich auf.

„Und ich bin doch so!“ sagte sie laut vor sich hin, und:

„Auch ich habe mein Recht!“

Sie überlegte:

„Sollte alles daher kommen, daß ich aus einem andern Lande bin? Wenn im

Sommer alle stöhnen, dann wird mir erst wohl. Natürlich: ich gehöre gar nicht

hierher! O, zu Hause, wie viel schöner war es zu Hause!“

Irgend ein glänzendes Bild aus Kindertagen war ihr unvermutet durch den

Sinn geschossen; sie hielt den Atem an: es war fort. Durch Nachdenken wollte

sie ihre Gefühle von einst zurückbannen: es kam nichts; und als sie endlich eins

zu halten meinte, war es nur die Erinnerung an eine Ansicht aus den Tropen, die

sie kürzlich in einer Zeitschrift gesehen hatte. Klagend trat sie ans Fenster, die

Schultern hochgezogen, als träfe sie der kalte Regen, der gegen die Scheibe schlug.

„Hier bin ich nicht heimisch geworden; und das, was meine Heimat war, habe

ich vergessen. Wohin gehöre ich denn?“

„Drüben hatte ich meine Familie und meine Freunde. Drüben verstanden alle

mich. Drüben war ich glücklich.“

Und bittere Gedanken richteten sich gegen den Vater, der sie losgerissen und

verbannt hatte.

„Warum grade mich? Nene hat dort bleiben dürfen. Pai kann mich niemals

lieb gehabt haben!“

Lola überdachte seine Briefe und fand sie kalt. Gleichwohl schrieb Herr

Gabriel ihr jeden zweiten Monat; und nur sein besonnener kaufmännischer Stil

war schuld, daß seine Sätze kühl klangen. Lola war nicht gestimmt, die Liebe zu

fühlen, die hinter den Worten bebte.

„Niemals hat er mich besucht, in all den Jahren!“

„Und wie grausam ist er gegen Mai gewesen! Mai, die weinte und mich

festhalten wollte, als der große Schwarze mich forttrug!“

Das ganze phantastische Grausen jener Sturmnacht entstand noch einmal in

Lola; und mit der Kinderangst von einst wallte Sehnsucht auf:

„Mai!“

Die Arme ausgestreckt:

„Mai! Mai!“

Ein weißer, glänzender Nebel erschien vor Lolas Augen und, weich darum

gelegt, ein Rahmen aus dunklem Haar. Lola wollte Züge hervorlocken: der

Nebel blieb leer; er drohte wegzufließen. Sie flüsterte bange Koseworte, hielt in

ekstatischer Beschwörung dem Phantom ihrer Mutter die Lippen hin: umsonst.

Lolas Kraft war aus und das Bild zerronnen.

Sie ergab sich nicht; sie suchte, mit einem Blick der Not, nach Hilfe umher,

nach einem Anhalt — und traf auf eine alte Schreibmappe. „Mais Brief!“ Sie

wühlte ihn heraus, legte aufschluchzend ihre Wange in das alte Papier. „Das

kommt von Mai!“ Jeder dieser kleinen flüchtigen Buchstaben war ein Geschenk

von Mai an Lola. Sie las darüber hin, lange Zeit. Dann enträtselte sie, mit Hilfe

des Französischen, einige Worte. Dann sprach sie sie laut, fügte andere hinzu

und horchte jedem nach, mit offenem Mund und seitwärts gewendeten Augen.

Dazwischen erregtes Lachen: ja, so klang es. Ein Jubelruf: das war Mais

Stimme! So sagte Mai dies! O, und dies war die schwarze Anna; und dies —.

Die Namen ehemaliger Freundinnen klangen mit; ein Gesicht sprang aus einer

Silbe, eine Begebenheit. Lola wußte nicht mehr, wohin sie lauschen sollte. Ihr

Geist stürzte hinter alledem her, nach allen Seiten, wie ein Kind hinter

Schmetterlingen. Minutenlang war sie glücklich. Schließlich zerflatterte alles; — aber Lola war nun gewiß: „Ich muß hinüber! O, gleich, gleich an Pai schreiben!“

Sie setzte sich daran, wollte schmeicheln, Pai günstig stimmen und fand vor

fieberhaftem Drängen keine Worte. „Kann ich nicht telegraphieren? Kann ich

nicht fliehen? Sofort? Sofort?“ Sie irrte, hochatmend, durchs Zimmer. Notdürftig

gesammelt, schrieb sie:

„Lieber Pai, darf ich jetzt nicht bald zu Euch zurück? Du wolltest wohl, daß

ich hier etwas lernen sollte. Ich kann Dir versichern, ich habe schon viel

gelernt.“

Was sagte dies! Gegenüber erblickte sie ihr Spiegelbild in einem fremden

Raum: in dem Raum, der sie seit sieben Jahren umfing und nun aussah wie ein

Zufallsquartier zum Übernachten. Sie dachte ihr Gesicht neben denen draußen,

ringsumher: lauter Gesichter mit anderen Wesenszügen, geformt von einem

fremden Blut. Im Geist hörte sie die Stimmen: anders fallende Stimmen,

Künderinnen fremder innerer Gewohnheiten. Sie schrieb:

„Ich hätte Dir noch viel zu sagen; aber ich kann mich nicht recht ausdrücken,

da ich ja keine Sprache ganz beherrsche. Bitte, erlaube mir, daß ich kommen

darf. Ich grüße Nene und Mai. Wäre es nicht möglich, daß ich ein Bild von Mai

bekäme?“

Im Gefühl, sich gerächt zu haben, ging Lola zu den andern. Sie benahm sich

so entschieden und selbstbewußt, daß Jenny mit ihr reden mußte und Erneste sie

nicht länger durch leises Sprechen für krank ausgeben konnte. Am Abend fing

sie sogar mit einer Streit an und, entgegen ihrer Alltagsnatur, bereute sie nichts

von dem, was sie im Zorn gesagt hatte.

Sie blieb hochgemut: wie konnte Pai ihre Bitte abschlagen! — und inzwischen

sammelte sie Anhängerinnen, denen sie den Ton angab, denen sie half, am

Sonntag, bei den lebenden Bildern, in Kostümen und Kunst der Stellung die

andern zu besiegen. Die Pension spaltete sich; die eine der Parteien scharte sich

um Jenny, die andere um Lola, und jede warb mit Leidenschaft um die draußen

wohnenden Schülerinnen. Erbitterte und wortlose. Kämpfe wurden bestanden.

Einmal ward das Ziel des Ehrgeizes darin entdeckt, als erste beim Frühstück zu

sein; aber mochten Jennys Freundinnen bei kaum grauendem Tag

hinabschleichen: Lola mit den Ihren saß doch schon am Tisch. Am Abend hatte

sie von sich zu den andern, unter den Stubentüren hindurch, einen Bindfaden

geleitet. Jede war mit der Nächsten verbunden; regte sich eine, erwachten alle;

und geschlafen hatte keine. Dafür genoß man nun Triumphgefühle, die einen

sprengten.

Zu Lolas Hochgefühl wirkte Verachtung mit. Sie übte ihre Macht als

Parteiführerin und dachte dabei: „Was ihr alle mich angeht! Wie lange dauert

dies überhaupt noch! In vierzehn Tagen ist Pais Brief da!“ Manchmal sah sie Erneste an, die nichts ahnte, und konnte ihr Frohlocken kaum niederringen.

Einmal verriet sie sich. Am Sonntag nachmittag hatte Jenny gesungen: etwas

peinlich Sentimentales, wobei sie himmelte und die Fingerspitzen auf die Brust

setzte. Lola rief aus tiefster Seele:

„Das ist aber über alle Maßen geschmacklos!“

Jennys Anhängerinnen gaben dies nicht zu; nicht einmal unter ihren eigenen

waren viele der Meinung Lolas. Die Tochter eines Reichstagsabgeordneten

sagte:

„Es war so deutsch.“

„Es war geschmacklos!“ stieß Lola hervor. „Wenn es deutsch war, dann war es

eben eine deutsche Geschmacklosigkeit!“

Darauf ward es still; und wie Lola sich bei den Ihren nach Beistand umsah,

wichen die Blicke ihr aus, und die Schultern drehten sich hin und her, bis sie aus

Lolas Nähe waren. Drüben versetzte eine spitz:

„Du bist eben eine Brasilianerin!“

„Wenn sie das noch wäre,“ entgegnete die Tochter des Abgeordneten. „Aber

sie ist nichts: sie ist —“

Mit gekrümmten Lippen, die das Wort unter Selbstüberwindung

hervorbrachten:

„International!“

Der Ekel im Gesicht der Sprechenden steckte alle übrigen Mienen an; und als

habe man neben sich eine Schande, wandte man sich schweigend zu etwas

Anderem. Ein Dienstmädchen trat ein:

„Fräulein Lola, ein Brief für Sie!“

Von Pai! Lola stürzte damit hinaus, schloß sich ein. Sie zitterte; und im jähen

Gefühl, in einer äußersten Minute ihres Schicksals zu stehen, murmelte sie:

„Mein Gott! Mein Gott!“

Dann erfuhr sie:

„Meine liebe Tochter! Deine Nachrichten habe ich erhalten und ihnen zu

meinem Bedauern entnommen, daß die dortigen Verhältnisse Dir nicht mehr so

zuzusagen scheinen, wie ich gewünscht und erwartet hätte. Es ist jederzeit für

uns von Nutzen, unserer Umgebung Wohlwollen entgegenzubringen; um so

mehr aber erscheint dies geboten, wenn wir, menschlicher Berechnung nach,

einen großen Teil unseres Lebens am fraglichen Platze verbringen werden.

Übrigens denke ich mich in einiger Zeit persönlich nach Dir umzusehen und

verspreche ich mir von diesem, nicht durch meine Schuld so lange verschobenen

Wiedersehen eine bedeutende Genugtuung. Somit halte ich ein Herkommen

deinerseits zurzeit nicht für angezeigt. Du darfst versichert sein, daß wir nicht

mehr allzu lange getrennt bleiben werden, und daß, wenn ich einst in der Lage sein werde, meinen Wohnsitz ganz nach dort zu verlegen, auch Deine Mutter mit

hinüberkommen wird. Deine Mutter grüßt Dich, kann Dir jedoch das

gewünschte Bild nicht schicken, da sie sich neuerdings auf keiner Photographie

mehr getroffen findet.“

„Über das, mein liebes Kind, was wir im Leben sein werden, entscheidet das

Blut, welches wir bei unserer Geburt mitbekommen. Unter einem nicht

blutsverwandten Volk werden wir uns niemals vollkommen wohl und heimisch

fühlen. In Dir, meine Tochter, fließt, wie ich hoffe und glaube, ein vorwiegend

deutsches Blut, und als deutsches Mädchen gedenke ich Dich dereinst

wiederzufinden. Es wird Deine Aufgabe sein, Dich dort mehr und mehr

heimisch zu machen.“

„Nimm diese Worte von Deinem Vater mit Liebe auf. Es ist und kann ja nur

mein einziger Wunsch sein, Dich glücklich und zufrieden durchs Leben

schreiten zu sehen.“

Lola war fertig und nahm doch das Blatt nicht von den Augen. Kein Bild von

Mai: nicht einmal das! Nicht nach Hause, kein Bild, kein gutes Wort. Denn diese

alle hörten sich hart und verständnislos an. Sich heimisch machen! Hier, wo sie

noch soeben beschimpft und geächtet war! Pai wußte nichts; niemand wollte

etwas wissen von Lola. Alles aus, alles aus.

„Was ist dir?“ fragte, als es zum Essen geläutet hatte, teilnahmsvoll Erneste.

„Du hast doch keine schlechten Nachrichten von den Deinen?“

„O nein, es geht ihnen gut; aber mir selbst ist nicht wohl.“

Sie bekam die Erlaubnis, sich sogleich niederzulegen, und war froh, als der

Arzt ein wenig Fieber feststellte. Im Bett bleiben, niemand sehen, nur nicht den

Blicken der Fremden ausgesetzt sein. Lola fühlte gar keinen Mut, sich zu

behaupten. Wie sie, drei Tage später, sich wieder zeigte, genoß sie die Vorrechte

der Genesenden, durfte schweigen und Launen nachgeben. Sie saß bleich und

schwach da, und anstatt einer Lehrerin zu antworten, musterte sie sie, als

erblickte sie sie zum erstenmal. Was für ein Gesicht war doch dies; wie viel

Unschönes enthielt es! Diese immer geärgerten Augen, die gelben Schläfen, die

kleinlichen Falten, die den Mund zerkniffen! Vor Lolas starrem Blick ward es

älter, immer älter und endlich zur Mumie. Erschreckt riß sie sich los. Wenig

später aber sah sie sich im Gesicht einer rezitierenden Mitschülerin fest, dessen

Leere sich Lola plötzlich auftat wie ein Abgrund.

Das ward zur Sucht. Sie las aus einem der vielen Gesichter, die ihr jetzt

abstoßend schienen, alle in der Familie möglichen Abweichungen des Typus

heraus, und ward bedrängt von Fratzen. Die Dummheit oder Gewöhnlichkeit

gewisser Züge überwältigte sie täglich wieder, wuchs ihr entgegen, wie eine

Sonne, in die man fällt. Lola atmete dann kürzer und meinte zu verblöden.

Sie bekam einen quälend feinen Sinn für das Alberne eines Tonfalls und das

Untergeordnete einer Gebärde. Sie frohlockte und litt bei jeder

Geschmacklosigkeit, die jemand beging. Sie legte eine Liste der Armseligkeiten

an, die um sie her geschahen und geredet wurden, und las darin mit bitteren

Rachegefühlen. So waren ihre Feindinnen! Denn Lola war überzeugt, daß alle

sie haßten, und sie erwiderte es ihnen. Aus jeder Gruppe von Mädchen glaubte

sie ihren Namen zu hören; sie trat herzu: „sprecht weiter, bitte“; und ihre

Stimme, die sie aus ihrer Einsamkeit unter die Feinde schickte, wollte höhnisch

sein und war unsicher. Eines Abends beim Teemachen explodierte die

Spiritusmaschine und überschüttete Lola mit blauen Flämmchen. Während sie

noch mit einer Serviette ihr Kleid abtupfte, rief sie schon:

„Das warst du, Berta! Du wußtest wohl, daß ich heute an der Reihe war, Tee

zu machen: eigens deswegen hast du vorher aufgegossen und hast den Docht

falsch eingeschraubt!“

„Um des Himmels willen, Lola, ich habe dich doch nicht verbrennen wollen!“

„Wer hat mir neulich die glühend heiße Schüssel in die Hand gegeben?“

„Ich wußte es doch nicht! Auf der andern Seite war sie kalt!“

Das gutmütige Mädchen weinte fast. Erneste bemerkte kummervoll:

„Du bist mißtrauisch, Lola: das ist keine schöne Eigenschaft.“

Lola war mißtrauisch, weil sie sich verraten fühlte. Sie war empfindlich, weil

sie allein und immer auf der Wacht war. Andere hatten Stützen: das Ansehen

eines Vaters, einen Namen, jemand der sie besuchte. Eine kleine plumpe Person

mit Eulenaugen und Brillen davor, ging, so oft sie sich irgendwie blamiert hatte,

umher und wiederholte: „Ich habe das Wörtchen von. Du hast es nicht, ich aber

habe es.“ Lola suchte vergeblich nach einer Rache dafür. Da aber begegnete ihr

in der Zeitung, daß der Reichstagsabgeordnete, der Vater ihrer ärgsten Feindin,

Bankerott gemacht habe. Das Herz klopfte ihr bis an den Hals vor Freude. War’s

eine Schande, „international“ zu sein, war’s hoffentlich auch eine, Bankerott zu

machen! Mit dem Zeitungsblatt lief Lola von einer zur andern, gefolgt von der

Tochter des Abgeordneten, die jammerte: „Es ist nicht wahr“ und endlich zu

Erneste floh: sie möge Lola Einhalt tun. Aber Lola war unerbittlich. Dafür

konnte sie’s, als unerwartet Jennys rote, spießige Mutter bei Tisch saß und das

Wort führte, vor Erbitterung und Gram nicht bis zu Ende aushalten, mußte sich

in ihr Zimmer retten und einen Weinkrampf durchmachen. „Nie wird Mai

kommen! Die häßlichen, gewöhnlichen Menschen sind wenigstens gut mit ihren

Kindern!“

Erneste sah den Krisen Lolas unschlüssig zu. Sie, die Lola liebte, beschämte

es, daß sie sie nicht verstand. Manchmal ward sie ungeduldig und wollte mit

Erzieherinnenderbheit dazwischenfahren. Aber ihre altjungferliche Achtung vor

den Dingen des Herzens hielt sie zurück. „Es muß etwas sein . . . Sie wird damit

fertig werden.“ Eine Frage drückte Erneste; sie fürchtete sich, sie zu stellen. Jetzt

sprach sie zu Lola vor anderen in freudig ermunterndem Ton; waren sie aber

allein, ward Ernestes Stimme, was sie auch sagen mochte, mitfühlend und

beruhigend. Lola entzog sich ihrer Teilnahme, stellte sich früh und abends

schlafend und verließ, kaum daß Erneste sie vertraulich zu stimmen suchte, das

Zimmer. Endlich wagte Erneste, ohne Vorbereitung, ihre Frage:

„Möchtest du noch zum Theater?“

„Zum Theater?“ machte Lola, die Brauen gefaltet; und mit gehobenen

Schultern:

„Daran habe ich gar nicht mehr gedacht.“

Auch dort waren die Menschen schwerlich anders, und Lola wußte sich so

wenig zur Bühne gehörig wie sonst irgend wohin. Aber Erneste hatte den Atem

angehalten; nun traten ihr Tränen der Erleichterung in die Augen.

„Gott sei Dank, Kind! Mein liebes Kind, Gott sei Dank!“

Sie reckte sich an Lola hinauf und küßte sie auf den Mund. Eine ihrer Hände

ließ sie segnend über Lolas Kopf schweben.

„Das andere wird alles gut werden,“ verhieß sie innig. Lola, in Wut, weil sie

gleich weinen mußte, sah kalt zu ihr hinunter. Erneste trat von ihr weg.

„Du sollst auch eine Belohnung haben,“ — ganz lustig, nur nicht mehr

sentimental. „Wohin möchtest du diesen Sommer lieber: ins Gebirge oder an die

See?“

„Ich weiß wirklich nicht.“

„Du wirst dich schon besinnen.“

Aber Lola setzte ihren Ehrgeiz darauf, keine Vorliebe zu verraten; Erneste

mußte schließlich selbst wählen; und zu Beginn der Ferien, als die andern alle

daheim waren, fuhren Erneste und Lola ins Gebirge.

„Wir müssen viel zusammen spazieren gehen,“ hatte Erneste gesagt; aber

dann zeigte sich’s, daß sie vom Steigen ihre Herzbeschwerden bekam. Lola ließ

sie auf einer Bank zurück und eilte weiter, den Passionsweg mit den Bildstöcken

hinauf, an der geweihten Quelle und der Einsiedelei vorüber und in den Wald,

wo er recht tief, recht wild und menschenfern war, wo im Tannendickicht die

kaum ausgetretenen Graspfade und über Schluchten der morsche Steg zu

einsamen, schmerzlich stillen Zielen führten. Denn Lola war so glücklos, daß der

Anblick eines Menschen sie unsinnig erbitterte.

Sie fühlte sich häßlich: unablässig peinigte sie die Empfindung ihrer zu hohen

Stirn, ihres bleichsüchtigen Mundes, ihrer langen Glieder, die in den Gelenken

nicht recht heimisch schienen. Ungeschickt und in ihrer Haut unbehaglich,

mußte sie sich immerfort betasten, immer wieder feststellen, daß an ihrem in

falschen Verhältnissen aufgeschossenen Körper kein Rock und keine Bluse

richtig sitze. Sie fühlte ihre Häßlichkeit noch gehoben durch die Begleitung

Ernestes, in ihrem Kapotthut, ihren schwarzen Zwirnhandschuhen, ihrem alten

Mantel, der schief von ihrer zu hohen Schulter hing. Waren sie beide nicht ein

lächerliches Paar? Lola sträubte sich gegen die Verwechslung mit Erneste, und

dabei mußte sie gestehen, man könne sie äußerlich ganz gut zur gleichen Klasse

rechnen: sie, die nicht von Erneste nur, nein, von allen so weit Getrennte!

Begegnete sie Leuten, sah sie entweder scheu weg, oder sie musterte sie frech,

wie eine für immer Draußenstehende, die sich ihrer Ungezogenheit nie zu

schämen haben wird. Dennoch hätte sie bei Tisch, wo Erneste sie mit ihren

Nachbarn zu reden nötigte, in den ersten jungen Menschen sich fast verliebt. Ihr Stolz verhinderte es: weil sie sich häßlich wußte; und die Erinnerung, daß kein

Geschöpf liebenswert sei, keins sie angehe und jede Gemeinschaft nur wieder

Gram bringe. In der Einsamkeit ward ihrer freier; sie konnte in ein Buch

aufgehen, ihr qualvolles Ich darin aufgehen lassen. Um so schlimmer war’s,

wenn die Feinde sie auch hier erreichten. Einmal — sie glaubte an einer Stelle

zu sein, wohin nie ein Mensch den Fuß gesetzt habe — erhob sich plötzlich der

Lärm zahlreicher Stimmen, die auf Sächsisch voneinander Abschied nahmen.

Die Gesellschaft verteilte sich auf zwei Wege, die fünfzig Schritte weiter unten

wieder zusammenstießen; bei den unverhofft nochmals Vereinigten ging eine

freudige Begrüßung an; und Lola, der das vorkam wie eine ihr zum Hohn

aufgeführte Komödie, rang die Hände im Schoß. Darauf blieb es still: bis ein

Knacken im Gebüsch und ein kleiner wilder Schrei sie erschreckten. Sie warf

einen Stein nach dem Tier. Gleich darauf stürzte sie ins Gras und schluchzte

heftig und unstillbar auf ihre erschlafften Arme nieder. Ihre Tränen flossen dem,

was sie getan hatte und allem, was sein mußte: flossen ihr selbst.

Wenn es andern zu heiß war, oder beim Nahen eines Gewitters, stieg Lola in

den Wald. Bei sich hatte sie Lamartines Meditationen. „Die Freundschaft verrät

dich, das Mitleid läßt dich im Stich, und allein schreitest du den Pfad der Gräber

abwärts,“ las sie auf dem Weg mit den Bildstöcken; — und trat sie dann am

Ende der fahl bläulichen Steige an den Rand der Bergwand und sah hinaus in ein

grenzenloses Land, dessen Wellen schwarze Gehölze, grelle Wiesen, rostrote

Kornfelder in tiefhangende Wetterwolken hineintrugen — im unheimlichen

Flackerlicht solcher Stunde durfte Lola verzweifelt frohlocken: „Ich durcheile

mit dem Blick alle Punkte der ungeheuren Weite und sage: Nirgends erwartet

mich Glück.“ Mochte doch in jenem getürmten Grau die Sonne für immer

untergehen; Lola wußte im Ernst: „Ich wünsche mir nichts von allem was sie

bescheint; vom ungeheuren All verlange ich nichts!“

Aber die Verse selbst, in denen diese äußersten Schmerzen laut wurden,

bargen in sich den Balsam dagegen; „Akzente, der Erde unbekannt“, regten sich

in ihnen; und sie trugen einen, indes man sich hoffnungslos wähnte, unversehens

in gütigere Welten. Nun saß Lola geborgen unter dem Dach des

Holzfällerhüttchens aus Reisern und Moos, und beim Geprassel des Regens flog

ihre Seele nach einem fernen, sanften und einsamen Gestade. Wie die Wogen

sangen! Welche Harfenakkorde die klare, duftlose Luft durchperlten! Lola stieg

in eine Barke, und mit ihr einer, der zu ihr sprach: „Sieh mitleidigen Auges auf

die gemeine Jugend, die von Schönheit glänzt und sich mit Lust berauscht: Wenn

sie ihren Zauberkelch geleert haben wird, was bleibt von ihr? Kaum eine

Erinnerung: das Grab, das ihrer wartet, verschlingt sie ganz, ewiges Schweigen

folgt auf ihr Lieben; über deinen Staub aber, Lola, werden Jahrhunderte dahingegangen sein, und noch immer lebst du!“

Der Dichter war’s, der dies gesprochen hatte. Lola erwachte; sie kauerte und

bohrte die Handknöchel in ihre von Scham und Glück roten Wangen; und sie

erbebte von der Ahnung jener liebreichen Ewigkeit, die ihr verheißen war.

Lieben und geliebt werden bis zur Unsterblichkeit! War es zu ermessen?

Dennoch fühlte sie, ihr sei’s bestimmt; und aufgehoben und erstarkt, entwand

endlich ihr sehnsüchtiges Herz sich dem Menschenhaß. Lolas Gefühle und die

Verse, die sie trugen, hatten einen Gang, der nicht der Gang irdischer Menschen

war. Menschen, die einer bestimmten Nation und eines Standes waren, die

Dialekt sprachen, Vorurteile hatten, an Erde und Metall klebten: solche

Menschen hatten wohl nie in solchen Versen gefühlt. Es mußten andere leben,

lustigere, gütigere und reinere, die man lieben konnte. Sie waren auf anderen

Sternen: gewiß, es gab überirdische Lebensstufen, und Gott — o, er war also da!

— erlaubte uns, von Stern zu Stern uns zu veredeln! Ihrer häßlichen Hülle ledig,

schwebte Lola in Gemeinschaft einer seelenhaften Menschheit durch die

Unendlichkeiten der Poesie; und kehrte sie nach dem Gewitter heim, war sie

trunken von der wetterleuchtenden Weite, dem Jubel der befreiten Natur, von

Menschengüte, Tugend und Alliebe.

Dann sagte Erneste:

„Nein aber, du triefst; du verdirbst noch alle deine Kleider!“

Und Lola mußte herabsteigen und sich mit den Wesen behelfen, zu denen eine

mürrische Wirklichkeit sie gesellt hatte.

Erneste war vor dem Gewitter ins Zimmer geflüchtet und hatte an ihrem Buch

keine Freude gefunden, weil sie immer denken mußte, daß sie nun doch allzu

wenig Gutes habe von ihrem Liebling, von dieser Lola, die sie, ganz insgeheim,

ihr Kind nannte. Dies Berghotel war ein teurer Aufenthalt, und wenn er für Lola

ohne Schwierigkeit bezahlt ward, Erneste fiel’s nicht leicht. Sie wohnte sonst

den Sommer in einem Dorf nahe ihrer Stadt, mit andern Lehrerinnen und mit

Lola. Um Lola zu erfreuen, hatte sie dies Jahr die Reise gemacht; und auch, weil

das Kind groß ward und es nicht mehr lange dauern konnte, bis man es ihr

wegnahm. Vorher noch eine Zeitlang es ganz für sich haben, noch einmal so

vertraut mit ihm leben wie einst, als es klein war: danach hatte Erneste sich

gesehnt. Nun aber saß sie meist allein, immer in der Stube, bei dem ewigen

Regen hier im Gebirge, und Lola hatte noch nie daran gedacht, ihr Gesellschaft

zu leisten. „So junge Menschen sind zu sehr mit sich beschäftigt und sehen in

andere nicht hinein. Daß sie wegläuft, ist kein Mangel an Zartgefühl, bewahre.

Warum kann ich ihr nicht sagen, wie gern ich mit ihr beisammen wäre? Es ist

meine Schuld.“ Dabei errötete Erneste, sogar hier im verschwiegenen Zimmer.

Wieviel verschämtes Leid hatte ihr die Liebe zu diesem Kinde bereitet! Bis in das erste Jahr zurück wußte sie noch alle Strafen, die sie Lola hatte erteilen

müssen: so schwer waren sie ihr geworden. Schmerzensworte, zornige Ausrufe

der Kleinen, die Lola selbst längst vergessen hatte, fielen Erneste oft wieder ein,

und noch immer erschrak sie darüber. War sie nicht zart genug gewesen mit dem

einsamen Kinde? Wohl hatte sie es über die empfangenen Strafen zu trösten

gesucht: indem sie ihm das Fleisch, das es nicht gern aß, wie einen Kuchen

herrichtete; oder dadurch, daß der Spitz Ami, der Lola angeknurrt hatte, vor ihr

schön machen mußte. Ami war nun tot: Alles war verändert. Nie mehr saß Lola

wie damals, als sie noch nicht Deutsch konnte, zu Ernestes Füßen und gab ihr

die wenigen Worte, die sie kannte, als Schmeichelnamen. Nie mehr schlüpfte sie

am Morgen zu Erneste ins Bett und weckte sie mit einem Gedicht, daß die

Anrede „Herzmama“ enthielt! „Wenn die Kinder klein sind, brauchen sie uns.“

War das wirklich alles in der Liebe der Kinder? Nein, nein! Und doch war

Erneste von einer verdrießlichen Ahnung erfaßt worden, als eines Tages Lola

nicht mehr unter ihrem wagerecht ausgestreckten Arm stehen konnte.

Ganz leicht machte nun die Herangewachsene sich los: so leicht, als habe sie

sich innerlich nie bei Erneste gefühlt! Zwar durfte man nicht ungerecht werden:

sie hatte das Leben vor sich und wandte sich ihm zu; und dann war wirklich viel

Fremdes in ihr, das man nicht begriff, und das einem Sorge machen konnte.

Schon immer war Erneste ängstlich berührt, beinahe eingeschüchtert worden

durch die Anzeichen der fremden Herkunft bei Lola. Die auffallenden

Äußerungen des Kindes zuerst, seine eigenartigen Vergehen, und daß es

eigentlich niemals Kameraden gehabt hatte. Dann seine etwas frühen kleinen

Verliebtheiten; nun, sie waren schwärmerisch und rein und mochten hingehen.

Endlich aber diese schlimme Lust nach dem Theater: o, etwas ganz Schlimmes

war da in Lola entstanden, aus Keimen, die Erneste trotz aller Pflege dieser

Seele nicht hatte ersticken können. Wie unheimlich ihr’s damals zu Mut gewesen

war! — und wie kummerschwer sie nun die Entfremdung zwischen ihnen beiden

wachsen und die Trennung sich nähern sah!

„Warum ist sie so? Was hat sie mir vorzuwerfen? Denkt sie doch noch ans

Theater?“ Auch andere Mädchen in Lolas Alter und gerade die Besseren, wußte

Erneste, hatten ihre scheuen und eigenwilligen Zeiten, standen immer im

Begriff, in Ohnmacht zu fallen — dies geschah Lola nie —, waren schwach,

erregbar und tief. Lola aber war gar zu unergründlich, und in ihrer

Verschlossenheit spürte man etwas Bitteres, Feindseliges. Hatte sie zu klagen:

warum eröffnete sie sich nicht ihrer alten Freundin? „Früh genug bleiben wir

allein im Leben. Noch hat sie eine, der sie alles ist. Aber die Jugend trumpft auf

ihre Selbständigkeit. Später wird sie an mich denken.“ Gereizt vom einsamen

Grübeln, war Erneste nahe daran, Lola ein recht schlimmes Später zu wünschen, damit sie an sie denke. Dann wurden Lolas Schritte vernehmlich, und noch

bevor sie in der Tür stand, hatte Erneste ihr alles abgebeten.

„Bist du nun genug umhergelaufen?“ fragte sie munter. „Setzt du dich nun

gemütlich zur alten Erneste?“

Dabei stellte sie sich ganz mit ihrer Häkelei beschäftigt und sprach nur in

Pausen.

„Weißt du wohl, woran ich eben erinnert wurde? An das seidene Kleidchen, in

dem du damals aus Amerika kamst. Dies da hat eine ähnliche Farbe, und die

Ärmel sind auch wieder so. Was alles zwischen den beiden Kleidern liegt,

nicht?“

Lola sah mit einer Falte zwischen den Augen vom Buch auf, wartete, was sie

solle, und las weiter.

„Du kamst zu einer Zeit, als ich sehr einsam und traurig war,“ sagte Erneste

nach einer Weile.

„Beliebt?“ fragte Lola; und Erneste sprach, trotz ihrer Scham, den Satz noch

einmal.

„So?“ machte Lola, ungeduldig, weil sie einen Augenblick von sich selbst fort

und über jemand anderen nachdenken mußte.

„Ach ja, du warst das erste Jahr immer in Trauer.“

Sie sah noch in die Luft: ob sie weiterfragen müsse. Wozu; und sie kehrte zum

Buch zurück.

„Wenn man so allein geblieben ist, wie ich damals, dann ist das Herz

vorbereitet. Drum gewann ich dich, die du auch allein warst, gleich sehr lieb,“

sagte Erneste einfach. Nach einer Pause, da Lola sich nicht regte:

„Nun, ganz vergessen wirst du die alte Erneste wohl niemals!“

Ein stockendes Selbstgespräch.

„Solltest du einst ein Kind zu erziehen haben: Ja, dann denkst du gewiß an

mich . . . Du mußt es selbst erziehen . . . Bei Rousseau — hier den Emile wollen

wir zusammen lesen — steht folgendes: ‚Wenn ein Vater Kinder zeugt und

ernährt, leistet er damit erst ein Drittel seiner Aufgabe . . . Wer die Vaterpflichten

nicht erfüllen kann, hat kein Recht, Vater zu werden. Weder Armut noch

Arbeiten noch menschliche Rücksichten entheben ihn der Pflicht, seine Kinder

selbst zu ernähren und zu erziehen. Leser, ihr könnt mir glauben, jedem, der ein

Herz hat und so heilige Pflichten versäumt, sage ich voraus, daß er über seinen

Fehler lange Zeit bittere Tränen vergießen und sich nie trösten wird.‘“

Erneste sah vom Buch auf: Lola saß blaß da und sah sie durchdringend an.

Plötzlich, klar, rasch und eintönig:

„Meinst du etwa meinen Vater?“

Erneste öffnete erschreckt den Mund und konnte nicht sprechen. Sie wehrte mit der Hand ab.

„Meinst du etwa meinen Vater?“ wiederholte Lola. Rosig bis über die Stirn

brachte Erneste hervor:

„Um Gottes willen, Kind, was fällt dir ein! Ich habe von uns gesprochen, von

dir und mir. Ich halte dich in meinen Gedanken ja immer für mein eigen!“

Lola prüfte sie noch immer: nein, Erneste hatte wohl nicht an Pai gedacht.

Wie sie sich aufregte! Welch seltsamer Ton: ich halte dich für mein eigen. Lola

stutzte; aber dann verglich sie unwillkürlich das an Ernestes verwachsenem

Körper schlechtsitzende Kleid mit ihrem eigenen, das sie auch immer vergeblich

zurechtzog; und sie sah weg.

Erneste beugte sich über ihre Häkelei und sann erschüttert: „Sie kann glauben,

daß ich ihr wehe tun will? Armes Kind! Armes Kind!“

Etwas später stellte sie eine Frage, und als Lola nicht verstanden hatte, klopfte

Erneste auf den Tisch und bemerkte streng:

„Wenn du beim Lesen die Finger in die Ohren steckst, kannst du mich

allerdings nicht verstehen. Sprich übrigens französisch!“

Und sie führten zur Übung ein langes, gleichgültiges Gespräch.

Nein, wahrhaft liebenswerte Wesen gab es nur auf andern Sternen; in ihrer

Nähe suchte Lola sie nicht. Eines Tages aber fand sie einen jungen Vogel, der

vergeblich ins Gebüsch zu flattern versuchte, und nahm den aus dem Nest

Gefallenen mit nach Hause.

„Was ist das überhaupt für ein Tier?“ sagte Erneste.

„Das ist ganz gleich,“ erklärte Lola. „Ich habe ihn gern.“

„In der Stadt wollen wir gleich im Buch nachsehen.“

„Nein, bitte nicht! Von welcher Gattung er ist, und alles übrige kümmert mich

nicht. Vielleicht ist er ein kleiner Fremder: ich habe ihn gern.“

„Kind, du bist sonderbar; aber wie du willst.“

Nun saß Lola halbe Tage mit dem Vogel in ihrem Zimmer, ließ ihn über ihre

Finger steigen, auf ihre Schulter flattern und bot ihm, mit einem Körnchen zum

Picken, ihre Lippen. Als er zu fliegen anfing, schloß sie das Fenster, setzte ihn

vor sich hin auf den Tisch, betrachtete ihn, den Kopf in der Hand, wie er pickte,

eckig den Kopf rückte, sie ansah und einen kleinen hellen, einsamen Laut

ausstieß; und stellte sich vor, dies sei ein Käfig und sie beide seien darin

eingesperrt.

Zurück in der Pension, sehnte sie sich keinen Augenblick nach ihrem Walde,

nach den Gewittern und der Holzfällerhütte; sie hatte ihren kleinen Genossen,

der zwischen den Stäben seines Bauers, in ihrem Zimmer auf sie wartete. Sie

dachte immer an ihn, ließ es sich aber nie anmerken und bekam ein hartes,

abweisendes Gesicht, wenn jemand von ihm sprach.

Niemand übte Kritik an ihren Seltsamkeiten; man konnte Lola nur anstaunen:

denn in diesem Winter verwandelte sie sich und ward schön. Die große Natur,

der sie im Sommer sich hingegeben hatte, schien in ihr fortzublühen und

Ebenmaß und Vollendung zu wirken. Lola tastete nach ihren Schultern, deren

Spitzen nicht mehr zu spüren waren, nach ihren Gliedern, die sich formten und

ihr nicht mehr den Eindruck machten, als seien sie zu lang und schlenkerten

locker umher; und sie fragte sich mit gerunzelten Brauen, was werden solle. Ihr

Schicksal war doch schon fertig gewesen? Auf einmal befiel sie eine betäubende

Freude, eine neue entzückende Selbsterkenntnis. „Das also bin ich!“ So oft sie

konnte, zog sie sich in ihr Schlafzimmer zurück: „um nach meinem Vogel zu

sehen;“ aber sie sah nicht mehr nach ihm, sie sah nur nach sich selbst; und des

abends ging sie früher hinauf als die übrigen, um allein mit ihrem Spiegel zu

sein. Er zeigte ihr eine goldblonde, große Haarwelle von nie geahnter Weichheit

über einer Stirn, deren Höhe nicht mehr auffiel; zeigte ihr so genau und zart

hingezeichnete Brauen über so warm glänzenden Augen, so fein gefügte Lippen,

schmal und feuchtrot; die Wangen, die sie noch ein wenig voller wünschte,

füllten sich genau in der Linie, die sie wünschte; färbten sich, wie sie’s verlangt

hatte; und war diese weich gebogene Nase jemals häßlich und zu groß gewesen?

Lola erfuhr, sie könne ein sehr damenhaftes Gesicht annehmen, das sie fast

selbst verlegen machte, und, wenn sie das Haar auflöste, ein ganz kindliches.

Beim Öffnen der Bluse freute sie sich auf die schlanke, weiße Biegung ihres

Halses, beim Ablegen des Mieders auf ihre Brust. Sie hätte sich gern ganz

gesehen: aber Erneste konnte eintreten; und als Lola es dennoch gewagt und den

Spiegel auf den Fußboden gestellt hatte, lag sie gleich darauf im rasch

verdunkelten Zimmer mit Herzklopfen unter der Decke, und ihr war zumut, als

kehre sie zurück von einem heimlichen Ausgange, sie wußte nicht wohin.

Wer war so schön und vermochte so viel? Natürlich: jetzt drängten alle heran,

ihre Freundinnen zu werden! Lola legte ihnen Prüfungen auf, ließ sich einen

Gegenstand schenken, an dem der andern viel lag: nur um ihre Macht zu fühlen.

Dann gab sie das Geschenk zurück und sagte, sie könne niemandes Freundin

sein; die Freundin mehrerer am wenigsten. Freundschaft: ihr sagte das Wort zu

viel. Nachdem die Ihren sie verlassen hatten, konnte ihr Freund, wenn sie einen

hatte, nur auf einem andern Sterne leben! und vieler Schmerzen, eines Lebens

voller Schmerzen bedurfte es sicherlich, bis sie zusammentrafen. Die Gefühle

dieser Menschen hier waren zu billig. Lola horchte nicht mehr argwöhnisch, ob

von ihr gesprochen wurde. Häßlich und fremd, hatte sie die Menschen gehaßt.

Fremd und schön, sah sie von ihnen weg. Freundinnen? Diese Berta, diese Grete,

die sich noch gestern Abend um einen Pfannkuchen gestritten hatten, bis beide

weinten?

Wenn Lola jetzt an einen Aufsatz gehen wollte, fand sie den fertigen Entwurf,

von einer Hand, die sie nicht kannte, schon in ihrem Heft liegen. Von derselben

Hand bekam sie Briefe voll schmachtender Freundschaft. Anfangs warf sie sie

weg; dann spürte sie Lust, eine Probe zu machen. Sie tat kund, sie habe etwas

Merkwürdiges, und versammelte alle Pensionärinnen um sich. Unvermutet zog

sie einen der Briefe hervor, hielt ihn empor: „Wer hat das geschrieben?“ und sah

dabei fest in die Gesichter. Alle reckten sich neugierig: nur das der langen Asta

sah nicht den Brief an, sondern Lola, und blinzelte befangen. Lola steckte den

Brief wieder ein. „Danke,“ sagte sie und drehte sich um.

Am Nachmittag lag zwischen ihren Schulbüchern ein neuer Brief: diesmal in

Astas Schrift. Asta bat sie, um sechs in die Gartenlaube zu kommen, sie werde

alles erfahren. Lola war entschlossen, nicht hinzugehen. Als es dämmerte, saß

sie am Fenster ihres Zimmers. Drunten stapfte Asta, lang und gebückt, in

Gummischuhen durch den Schnee. Lola sah nachdenklich zu. Plötzlich nahm sie

ihren Mantel und stieg hinab.

„Nun?“ fragte sie und trat unversehens hinter den Lebensbäumen hervor. Asta

schnellte von der Bank auf.

„Verzeih,“ stammelte sie. „Verzeih! Ich wollte dich nicht belügen, aber im

Beisein der andern konnte ich dir’s nicht sagen.“

„Es tut nichts,“ entgegnete Lola. Dieser kleine magere Kopf mit dem dünnen

Haar und der Nase wie bei einem Totenschädel erbarmte sie. Sie stellte sich vor,

sie hätte ihn küssen sollen, und ihr schauderte. Noch mehr aber fürchtete sie sich

davor, diesem Wesen weh zu tun.

„Wer hat denn für dich geschrieben?“ fragte sie sanft. Asta schlug die Augen

nieder.

„Ich habe meine Briefe einem der Dienstmädchen mitgegeben, und sie hat sie

in der Stadt abschreiben lassen.“

Sie atmete beklommen.

„Wie du gütig bist, Lola, daß du kommst. Ich verdiene das nicht.“

„Warum nicht?“ fragte Lola, und fand ihre Frage nicht ganz ehrlich.

„Weil du so schön bist und so reizend. Alle möchten dich zur Freundin: wie

komme gerade ich dazu, mich dir aufzudrängen. Aber sieh, ich kann nicht

anders. Ich weiß bestimmt, daß kein anderer Mensch mir je so nahe stehen wird

wie du. Ich habe darüber nachgedacht, ob ich meine Mutter und meinen kleinen

Bruder noch lieb habe. Aber wenn ich an dich denke — und wann dächte ich

nicht an dich? — dann habe ich Mutter und Bruder nicht mehr lieb. Hörst du?

nicht mehr lieb.“

„Was willst du denn von mir?“

„O! Lola!“

Und Lola, die nicht abzuwehren wagte, fühlte sich umschlungen. Sie bog den

Kopf zurück, um aus Astas Atem zu entkommen; aber ein paar Hände schlichen

fieberhaft um ihren Leib, unter ihrer Brust hin.

„Fühlst du gar nicht, was ich meine? Gar nicht?“ Vorwurfsvoll und flehend.

„Gar nicht!“ sagte Lola mit Nachdruck; denn Angst stieg in ihr auf. Im

Begriff, sich loszumachen, meinte sie ein Kichern zu hören. Der Gedanke an

Lauscher empörte sie. „Ich bin nicht gekommen,“ dachte sie, „diese hier zu

verhöhnen. Ich habe nichts mit ihr gemein; aber auf seiten der andern stehe ich

erst recht nicht.“ Sie sagte laut, wie für Zuhörer:

„Aber dies kann ich trotzdem tun.“

Und rasch küßte sie Asta auf die Wange. Wie sie ging, schluchzte es hinter ihr

auf. Oft noch hörte sie, wenn sie allein war, dies Schluchzen und spürte wieder

die Angst, die die fieberhaften Hände jenes Mädchens ihr beigebracht hatten: sie

begriff nicht, warum.

Jenny klärte sie auf. Ostern war nahe, und Jenny, die konfirmiert werden

sollte, ging im voraus mit einem feierlichen Gesicht umher. Es war schon so rot

und nur noch wenig kleiner als das ihrer Mutter. Wie sie Lola einst im Garten

traf, faßte sie sie unter den Arm und sagte:

„Lola, du bist manchmal recht unvorsichtig: ich als die Ältere möchte dich

warnen. Ja, sieh mich nur an! Du kannst von Glück sagen, daß ich neulich hinter

den Lebensbäumen stand. Wenn Asta mich nicht hätte husten hören, wer weiß,

was sie mit dir angestellt hätte.“

„Du hast nicht gehustet, du hast gekichert; und Asta hat es gar nicht gehört.“

„Du glaubst nicht, wie schlecht manche Mädchen sind. Und die Herren . . .“

Ein Instinkt benachrichtigte Lola, es komme etwas Peinliches, und sie wollte

einfallen. Aber Jenny war nicht aufzuhalten. Sie hatte keine Zeit zu verlieren:

bald verließ sie die Pension. Sie bot Lola nicht mehr an, sie mit einem

Leierkastenmann bekannt zu machen: solche Scherze lagen hinter ihr. Aber

Lolas Naivetät war doch nicht mit anzusehen.

„Ich glaube dir einen wirklichen Dienst geleistet zu haben;“ so schloß sie ihre

deutlichen Ausführungen.

„Nun ja,“ machte Lola und hob die Schultern. Ihr war beklommen; um so

hochmütiger sagte sie sich: „Ich habe mir die Menschen ganz richtig vorgestellt:

Dies setzt allem die Krone auf.“ Sie äußerte:

„Du entschuldigst wohl, ich muß meinem Vogel Futter geben.“

Aber den Vogel, der sie langweilte, vergaß sie gleich wieder und dachte einige

Tage an nichts so inständig, wie an Jennys Aufschlüsse. Sie riefen phantastische

Bilder hervor; und so oft Lola sich über diesen Vorstellungen ertappte, ekelten

sie sie. Allmählich zogen sie sich zurück und warfen nur manchmal noch melancholische Schatten herauf. „Ach, daß es keine reine Liebe gibt.“

Ein Brief von Pai brachte sie davon ab. Pai schrieb aus Argentinien, wohin

seine Geschäfte ihn genötigt hatten.

„Es geht alles nach Wunsch, und ich darf hoffen, mich bald an dem Ziel zu

sehen, das ich mir vorgesteckt habe: die Meinen sicher zu stellen und sie in

meinem Lande zu vereinigen. Vorerst denke ich Dich, mein Kind, in nächster

Zukunft dort aufzusuchen. Nur eine kurze Rückkehr nach Rio ist geboten.“

„Und dort hält dann wieder irgend etwas ihn fest,“ dachte Lola. „Das kennen

wir doch.“

Sie glaubte Pai nicht mehr. Vielleicht hatte er die besten Absichten; aber so

vieles war ihm wichtiger als Lola und lenkte ihn von ihr ab. Nach all den Jahren

konnte er sich höchstens sagen: Ich habe eine Tochter, und den Gedanken an

seine Tochter gern haben. Lola gern haben konnte er schwerlich: kannte er sie

doch gar nicht.

„Nicht von Belang“; damit legte sie den Brief zu den übrigen. Aber bei der

Arbeit ertappte sie sich plötzlich auf einer freudigen Unruhe und darauf, daß sie

schon während der ganzen letzten Seite nur an Pais Kommen gedacht und alles

falsch gemacht hatte. Vergebens ermahnte sie sich: „Als ich klein war, hat Pai

sehr schlecht an mir gehandelt; nie kann ich das vergessen“: — so oft sie an Pais

Besuch dachte, bekam sie Herzklopfen. Und allmählich dachte sie nur daran.

Unter allen anderen lächelte dieser eine Gedanke, und Lola selbst hatte beständig

ein Lächeln zu unterdrücken. In ihr begann ein Steigen und Fallen von Plänen,

wie ein Springbrunnen, den man aufschließt: immer höher, immer

zuversichtlicher schnellt er empor. Anfangs wagte sie zu hoffen: „Wenn Pai

kommt, vielleicht kann ich mit ihm zusammen wohnen? Einmal doch von den

Fremden weg und bei meinem Vater wohnen!“ Dann fiel ihr ein: „Aber warum

denn hier bleiben? Warum nicht eine Reise machen?“ Viele Orte, die sie gern

gesehen hätte, sprangen ihr durch den Sinn. Auf einmal stand alles andere still,

und eine kleine schüchterne Stimme fragte: „Und Rio?“ Zuerst war Lola

fassungslos; plötzlich entschloß sie sich: „Ja, Rio! Was ist dabei? Wenn ich Pai

bitte, wird er mir doch erlauben, Mai wiederzusehen. Die Reise ist jetzt so kurz.

Und für ihn ist es das bequemste: er bleibt dann gleich dort, wenn ich

zurückfahre.“ Endlich, auf dem Gipfel des Springstrahls: „Nein! Ich fahre nicht

wieder zurück. Bin ich dort, will ich’s schon durchsetzen. Was kann denn Pai

dabei tun, wenn ich ihm um den Hals falle und nicht loslasse? Mündlich ist das

alles ganz anders als in diesen dummen Briefen. Und schlimmsten Falles stecke

ich mich hinter Mai oder hinter die Großeltern auf der großen Insel — ach nein,

sie sind tot! — oder ich laufe davon: lieber als daß ich zurückkehre! O, jetzt hab’

ich’s!“

Sie klatschte in die Hände: zum erstenmal seit den Kinderzeiten. Dann lief sie

zu Erneste, ihrem Glücke Luft zu machen. Im Schwatzen bat sie plötzlich,

ausgehen zu dürfen. Zu viel blühte in ihr auf, das Haus ward ihr zu eng. Nun

schwatzte und lachte sie mit allen, wahllos und gedankenlos. Keinen Augenblick

konnte sie stillhalten. Immer: „Wie seid ihr langweilig!“ Und: „Geht heute

niemand aus?“ Im Gehen, im durch die Straßen Irren schien ihr’s, als komme sie

ihren Wünschen näher. Zu Hause versank man in der Zeit, wie in Lehm.

„Vorwärts, o Gott, nur vorwärts!“

Eines Tages wie sie heimkam, trat Bertha ihr verstörten Gesichts entgegen.

„Dein Vogel ist tot,“ sagte sie vorwurfsvoll; und Lola, kopflos:

„Wieso?“

„Ich sollte für Erneste etwas aus eurem Zimmer holen und da hab’ ich

gesehen, daß er tot ist.“

Lola schüttelte den Kopf. Sie ging hinein: wirklich, da lag er auf der Seite. Sie

streckte mit Widerwillen einen Finger durch die Stäbe und zog ihn rasch wieder

zurück. „Im Näpfchen sind noch viele Körner, er hat schon lange nichts mehr

gefressen. Und gestern Abend sang er noch; ich mußte ihn zudecken. Nun, diese

Art lebt vielleicht nicht länger: tröste dich.“ Sie hatte das Bedürfnis, rasch

weiterzukommen. Ihr nach Glück jagender Sinn wußte mit dem Tod, der ihr in

den Weg trat, nichts anzufangen und erkannte ihn kaum. Wie sie die Tür öffnete,

stand jemand davor mit einem schwarzgeränderten Brief. Erstaunt nahm sie ihn

und trat zurück ins Zimmer. Die Schrift kannte sie nicht; die ersten Worte

hießen:

„Liebe Lola! Ein großes Unglück ist geschehen, unser Vater ist gestorben.“

„Wessen Vater?“ Sie sah nach der Unterschrift: „Dein Bruder Paolo.“ „Paolo?

Welch Unsinn! Mein Bruder hieß Nene.“ Sie las weiter.

„Unser Vater reiste, wie dir vielleicht bekannt ist, die letzte Zeit in

Argentinien und kaum zurückgekehrt, nahm er das Gelbe Fieber: so wahr ist es,

daß kein nicht in Rio Geborener sich entfernen darf ohne Gefahr, bei seiner

Heimkunft ein Opfer der schrecklichen Krankheit zu werden.“

„Es scheint doch Pai zu sein.“ Sie las noch:

„Unsere liebe Mama weint mit mir. Weine mit uns, Schwester!“

„Pai ist tot?“ dachte Lola. „Er wollte doch herkommen!“ Ihr planloser Blick

durchsuchte das Vogelbauer; da bemerkte sie:

„Das sind nur leere Hülsen! Wahrhaftig, kein einziges Korn. Dann ist er

verhungert! Ich habe ihn verhungern lassen! Mein Gott! Und ich hatte ihn doch

lieb!“

Sie gedachte und rang dabei die Hände, der Zeit, da sie den kleinen Vogel

fand und zu sich nahm, und der Zärtlichkeit, die sie auf dies rührende, jetzt so kalte Gefieder gehäuft hatte: all das Gefühl, dessen sie nur die luftigeren,

gütigeren, reineren Geschöpfe höherer Sterne wert gehalten hatte. Wie hatte es

geschehen können, daß ihr diese große Liebe nach und nach ganz aus dem Sinn

gekommen war: so sehr, daß dies arme Tier sie langweilte und sie’s verhungern

ließ? Wir waren also unseres Herzens nicht sicher? Wie schrecklich! „Nur aus

Eigennutz liebte ich ihn. Ich hätte ihn in seinem Walde lassen sollen. Aber auch

er hatte mich lieb: lieber als ich ihn. Er pfiff, wenn ich ins Zimmer trat, und

sobald ich die Lippen hinhielt, legte er den Schnabel dazwischen. Gestern Abend

hat er noch gesungen: vielleicht um mir zu sagen, er sei mir nicht böse.“

Und unter dem Bewußtsein versäumter Liebe brach sie in die Knie und

schluchzte: „Pai ist tot!“ Alles was sie bis dahin gedacht hatte, war nur wie das

Keuchen, bevor die schweren Tränen kommen. Jetzt erst wußte Lola: „Pai ist

tot;“ und von allen Seiten fiel’s über sie her: „Du hast ihn nicht lieb gehabt. Du

bist ihm böse gewesen, hast ihn nicht verstanden. Er wollte dein Bestes und hat

nur dafür gearbeitet. Lies seine Briefe!“

Sie las den letzten und erkannte plötzlich, welche wichtige Sache es für ihn

gewesen war, sie wiederzusehen. Die Zeilen zitterten auf einmal von Sehnsucht

und Ungeduld: „Daß ich das nicht gemerkt habe! Ich nannte ihn kalt. Die Kalte

war ich: ich wollte nach Hause zurück, vielleicht mehr aus Eigenwillen, aus

Hochmut. Das Zusammensein mit ihm genügte mir nicht; er aber sehnte sich nur

danach. Wie er deswegen gelitten haben muß, ehe er starb!“

Ihr Schmerz entriß ihr selbst alles Herz und gab es dem Toten. So zärtlich war

er gewesen! „Es kann ja nur mein einziger Wunsch sein, dich glücklich und

zufrieden durchs Leben schreiten zu sehen.“ Dies stand in dem Brief, worin er

ihr die erbetene Heimreise abgeschlagen hatte; den sie für den liebeleersten

gehalten, wegen dessen sie ihn fast gehaßt hatte! Jetzt lernte sie, in die Worte

hineinzuhorchen. „Ich habe dich lieb,“ sagten alle, wie einst Pais erste deutsche

Worte in seinem ersten Brief es Lola gesagt hatten.

Pais schweren, ruhigen Schritt vernahm sie aus seinen Worten, fühlte seine

starke, gute Hand, sah die verhaltene Empfindung in seinem ernsten Gesicht.

„Auf der Großen Insel! Pai besuchte mich; ich war ganz klein, er so groß und

blond, viel größer als alle Menschen. Alle bewunderten ihn und beneideten

mich, wenn ich an seiner Hand ging. Wie stolz war ich auf ihn!“ Bei dieser

Erinnerung warf Lola sich, aufschreiend, zu Boden.

Erneste kam und wagte lange nichts zu sagen. Lola lag da, reichte Erneste,

ohne das mit den Armen verhüllte Gesicht zu erheben, den Brief hin, schüttelte

sich aber, sobald Erneste, über ihren Nacken gebeugt, nur flüsterte. Plötzlich

fuhr sie empor.

„Ich bin eine schlechte Tochter gewesen!“

„Wie magst du das sagen!“ stammelte Erneste. „Seit früher Kindheit hast du

deinen guten Vater nicht mehr gesehen.“

Lola stampfte auf.

„Ich habe ihn gehaßt! Eine schlechte Tochter!“

„Der Schmerz verwirrt dich, Kind;“ und Erneste, die schluchzte, umarmte

Lolas Kopf und drückte ihn an sich. Lola wollte sich losreißen; aber Erneste

nahm alle Kraft zusammen; und allmählich ließ Lola sich schlaff werden, sinken

und weinen.

„Du mußt an Mutter und Bruder schreiben,“ sagte schließlich Erneste im Ton

der höchsten Eile, froh, eine Tätigkeit für Lola gefunden zu haben, die aus ihrem

Schmerze selbst hervorging, und in die er sich ergießen konnte. Wie Lola dann

ihre blutenden Gedanken sammelte, kamen auch unerwartete. „Was soll ich

ihnen schreiben? Daß ich kommen möchte! Jetzt kann ich kommen, denn Pai ist

tot.“ Mit Entsetzen: „Das ist ja, als ob ich mich freute! Nein! nein! Ich werde

nicht nach Hause reisen: er hat es nicht gewollt, und ich verdiene es nicht.“

Sie schrieb, sie müsse hier noch ihre Ausbildung beenden, und fühlte sich, als

sie aufstand, gewachsen.

Nachts weinte sie; über den dahingegangenen Vater, über das Verbot, an das er

sie noch als Toter band, über die verlorene Heimat: über alles weinte sie

dieselben Tränen. Erneste hörte sie die ganze Nacht und lag ganz still. Am Tage

aber tat die Buße, die sie sich auferlegt hatte, Lola wohl. Die Schmerzen und der

Verzicht, um Pais willen erduldet, waren etwas wie eine Familie, waren ein

Stück Heimat.

Auf einmal stand sie wieder ganz am Anfang: als sie mit Erstaunen den

Trauerbrief erbrach. „Es ist nicht möglich, daß er tot ist! Vor ein paar Tagen lebte

er doch. Auch noch, als der Brief schon unterwegs war, lebte er doch! Hätte ich

diesen schwarzgeränderten Brief nicht gelesen, er lebte noch immer. Es wäre

alles wie sonst. Ich habe ihn nicht leben gesehen und sah ihn auch nicht sterben.

Was weiß ich? Pai! Pai!“

Und da sah sie sich als Kind, wie sie auf ihren Irrwegen durch die Stadt,

inmitten eines leeren Platzes, wo es wehte, stehen blieb und flehentlich ihr

„Pai!“ rief. Auch damals hatte er sie allein gelassen, und sie hatte es nicht

glauben wollen! Jetzt war er noch viel weiter fortgegangen, und der Glaube war

noch schwerer. „Er wollte doch herkommen!“ Ja: auch damals hatte er gerufen

„noch einen Kuß, kleine Tochter“; und indes sie einem Schmetterling nachlief,

war er verschwunden.

„Warum kommt auch kein Brief mehr! Ich habe sie noch so viel zu fragen!“

Sie schrieb Briefe über Briefe, und in jeden wollte sich die Bitte

hineindrängen: „darf ich zu euch?“ „Nein, nein! Ich darf nicht. Am Ende würde auch Mai sterben. Pai ist gestorben, weil er zu mir wollte. Auf mir ist ein

Verhängnis: ich soll allein bleiben.“ Und aus solchem feierlichen Schicksal

machte sie sich einen Halt für das Leben, das sie zu bestehen hatte. Gleich zu

Anfang des Herbstes vertrat sie den Wunsch, Konfirmationsstunden zu nehmen.

„Schon?“ fragte Erneste bestürzt. „Ich wußte wohl, Kind, daß ich dich würde

hergeben müssen; aber so früh!“

„Was willst du, ich bin sechzehn,“ versetzte Lola, ohne Ernestes Aufregung zu

beachten: kaltblütig, wie jemand, der sich mit allem Kommenden abgefunden

hat.

„Und was wirst du dann tun, Kind? Nach Hause reisen?“

„Keinesfalls. Alles muß sich finden.“

Wieder begann Lola Pläne zu machen; und diesmal hielt sie sie für

unangreifbar: denn sie rechnete auf sich selbst allein. „Ich werde von niemand

abhängen. Niemand kann mich verlassen, keinem werde ich mehr nachzutrauern

haben. Allein werde ich meines Weges ziehen.“

An einem Nachmittag des nächsten Frühlings saß Lola mit einigen

Altersgenossinnen beim Tee. Erneste gab den Herangewachsenen die Erlaubnis,

sich Kameradinnen aus der Stadt einzuladen, und sie ließ die Mädchen unter

sich. Schwarz und sehr elegant — denn die Schneiderin der Pension bestellte ihr

gegen Vergütung und ohne Ernestes Wissen manche Sachen aus Paris — lag

Lola im Schaukelstuhl und blies ihren Zigarettenrauch, damit man ihn nachher

nicht rieche, aus dem Fenster. Ein blühender Apfelbaum griff mit seinen Ästen

herein; es war dasselbe Zimmer, worin einst die kleine Lola mit ihrem Vater von

Erneste begrüßt worden war.

„Ja ja, wer weiß, was jeder bevorsteht. Die meisten von euch werden

zweifellos im Geleise bleiben und heiraten.“

„Rede nur nicht, Lola. Als ob es bei dir nicht aufs selbe hinauskäme.“

„Schwerlich. Ich kann mir nicht gut einen Mann denken, zu dem ich gehören

würde. Ich habe ein eigentümliches Schicksal, meine Lieben. Vor mehreren

Jahren — Gott, wir waren noch halbe Kinder — nanntet ihr mich mal aus

Bosheit international. In eurer Bosheit hattet ihr aber ganz recht. Ich gehöre nicht

hierher, und anderswohin vermutlich auch nicht.“

„Na, du bildest dir aber was ein!“

„Ich denke mir die Sache anzusehen. Wenn ich hier glücklich heraus bin, gehe

ich, vermutlich mit einer Gesellschafterin, auf Reisen. Spanien und Portugal

nehme ich mir besonders vor.“

„Wie willst du als junges Mädchen denn durchkommen? Schon die Sprache!“

„Meine Muttersprache ist Portugiesisch!“

„Du hast längst alles vergessen.“

„Ich kann schon noch etwas.“

„Sprich mal!“

Lola blies Rauch aus dem Fenster. Die Tür ward geöffnet, und Ernestes

Stimme sagte französisch:

„Ein Besuch, meine Damen.“

Süßes Parfüm drang herein, und eine schöne Dame, schwarz und sehr elegant,

noch jung, mit glänzend weißem Gesicht und glänzend schwarzen Haarbandeaus

trat rasch in den Kreis der jungen Mädchen, die aufstanden. Sie erhob das

Lorgnon und sah umher.

„Da ist sie,“ sagte Erneste und zeigte auf Lola. Die Dame ließ das Lorgnon

los; vom Anblick Lolas schien sie betroffen.

„Die Kinder werden groß,“ bemerkte Erneste. Die Dame lächelte. Lola, die

erblaßt war, murmelte zitternd:

„Mai?“

Die Dame sprach, ganz schnell, etwas Unverständliches; Lola konnte, mit

stockender Stimme, nichts erwidern als „Mai, Mai“; und beide standen, die

Arme unschlüssig ein Stück erhoben, einander gegenüber. Erneste sagte in ihrem

korrekten Französisch:

„Ist das seltsam, gnädige Frau! Als Ihre Tochter ehemals in dieses Haus

eintrat, konnte sie nicht mit mir sprechen; und jetzt nicht mit Ihnen.“