Auswahl aus den Dichtungen Eduard Mörikes

Eduard Mörike · Kapitel 1 von 67

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Auswahl aus den Dichtungen Eduard Mörikes

Einleitung.

 

Eine Auswahl aus Mörike und insbesondere eine Auswahl aus Mörikes

Gedichten – ist sie gerechtfertigt, da doch der Dichter selbst bei der Sammlung

seiner Gedichte so sorgfältig wählte und schied? Der Zweck unserer Ausgaben,

die in erster Linie für die weitesten Kreise unseres Volkes bestimmt sind, möge

es erklären, daß wir von dem Guten nur das Beste bringen, daß wir alle

Übersetzungen und die meisten Gelegenheitsgedichte fortgelassen haben. Wenn

sich auch in vielen irgend etwas dichterisch Schönes findet, so sind sie im

Vergleich zu den anderen Gedichten doch minderwertig. Und scheint es nicht,

als ob unsere Zeit mit der Fülle ihrer Erscheinungen und Forderungen, mit der

ruhelosen Hast, in die uns der Kampf eines jeden Tages treibt, geradezu zu einer

Auswahl drängt? Ist es nicht mehr als Zufall, daß unsere ersten lebenden Lyriker

wie Liliencron, Dehmel, Falke selber eine Auswahl ihrer Gedichte veranstaltet

haben? Wir sind nicht mehr die fröhlich dahinschreitenden Wanderer, die in

behaglicher Muße den Fluß entlang ziehen. Wir werfen von der Höhe des Weges

einen sehnenden Blick in sein liebliches Tal, steigen in der Hitze des Tages wohl

zu ihm herab und erquicken uns an einem vollen Trunk, aber dann weiter,

weiter! Hat er uns wohlgetan, dann denken wir des Spenders in dankbarem

Gemüte, und in gesegneter Stunde kehren wir gern zu ihm zurück, um eine weit

größere Strecke, wenn möglich den ganzen Weg mit ihm zu wandern. –

 

Eduard Friedrich Mörike wurde am 8. September 1804 in Ludwigsburg

geboren, der kleinen württembergischen Residenzstadt, die uns auch Justinus

Kerner, Friedrich Theodor Vischer, den Dichter von »Auch Einer«, und David

Strauß, den Verfasser des »Lebens Jesu«, geschenkt hat. Der Vater, der Arzt

gewesen, starb, als Eduard erst dreizehn Jahre alt war, und nun blieb der Mutter

die Sorge für sieben unversorgte Kinder. Sie war eine lebhafte, heitere,

phantasiebegabte Frau, und des Dichters geistiges Erbe stammte wohl zumeist

von ihr. So ungern sie sich auch von ihrem Eduard trennte, so mußte sie es doch

dankbar annehmen, daß sein Oheim, der Obertribunalpräsident Georgii, ihn zu

sich nach Stuttgart nahm, um seine Erziehung zu leiten.

 

Da Mörike Theologie studieren wollte und sollte, kam er im folgenden Jahre

(1818) in das Seminar zu Urach. Hier schloß er Freundschaft mit Wilhelm

Hartlaub, der ihm Zeit seines Lebens aufs treuste zugetan war. Mit mancherlei

Anlagen ausgerüstet, mit ausgesprochenem Talent für Zeichnen, mit tiefer Neigung für Musik verriet er auch schon hier seine poetische Begabung, und als

er im Jahre 1822 in das Seminar zu Tübingen, das sogenannte »Stift«, eintrat,

fand er sich bald mit dem poetisch veranlagten Ludwig Bauer zusammen, mit

dem im Bunde er seinen phantastischen und poetischen Neigungen nachgehen

konnte.

 

Von früh auf suchte der scheue, stille Knabe die Einsamkeit, fand seine

tiefsten Freuden in der Natur und liebte es, sich in eine bunte, romantische

Märchenwelt einzuspinnen. Nun trieben die Freunde »in einsamer

Abgeschlossenheit im Walde, in einem Felsenloch, in einem verlassenen

Brunnenstübchen ihr Wesen, machten den Tag zur erkünstelten Nacht, deren

Dunkel eine matte Lampe erhellte, und lasen sich da Homer und Shakespeare

vor. Nixen, Elfen und Geister aller Art beschworen sie mit ihrer Phantasie und

träumten sich auf eine einsame Wunderinsel Orplid versetzt.«

 

In seiner Tübinger Studienzeit wurde Mörike von einer leidenschaftlichen

Liebe zu Marie Meyer, einem abenteuernden Mädchen, ergriffen, dessen Wesen

und Schicksal noch heute nicht ganz aufgehellt ist. Nach schweren inneren

Kämpfen erkannte er, daß seine Liebe, die er in dem Gedichtcyklus »Peregrina«

verewigt hat, auf Irrwege gegangen, und schwer krank kehrte er zur Mutter

zurück. Wenn je ein Mann der liebenden, sorgenden und stützenden Hand des

Weibes bedurfte, so war es Mörike, der so unerfahren in allen praktischen

Dingen war, der sich so scheu von aller Welt zurückzog, daß er einmal später

Geibel gestand: »Wenn Sie wüßten, welchen Entschluß schon es mich kostet,

einer Gesellschaft zuliebe in einen andern Rock zu schlüpfen!« Er, der sich so

sehr nach einem Heim sehnte, mußte jahrelang, nachdem er 1826 sein

theologisches Examen abgelegt, von einem Orte Schwabens zum andern

wandern, um als Pfarrvikar tätig zu sein. Kaum fing er an, irgendwo zu wurzeln,

so mußte er sich wieder losreißen, bis er endlich 1834 die Pfarre von

Cleversulzbach erhielt. Ein Jahr zuvor hatte er sein langjähriges Verlöbnis mit

Luise Rau lösen müssen. Ihre Sorge um die Sicherheit ihrer Zukunft, Mißtrauen

in seine Kraft und in seinen Willen hatten ein Verhältnis gelockert, das Liebe und

Vertrauen geknüpft hatten. Nun bereiteten ihm die Mutter und die Schwester, die

schon 1832 zu ihm gezogen waren, ein behagliches, stilles Heim, das wohl dem

nicht ganz unähnlich war, das er in seinem fein humoristischen Idyll »Der

Turmhahn« geschildert hat.

 

Es war ein schwerer Schlag für ihn, als die Mutter 1841 starb. Er ließ sie

neben Schillers Mutter betten, auf deren fast vergessenem Grab er ein Kreuz

hatte aufrichten lassen, und der er in seinem Gedicht »Auf das Grab von Schillers Mutter« ein Denkmal seiner Verehrung setzte.

 

Fortwährende Kränkeleien – so recht gesund fühlte sich Mörike nie –

bestimmten ihn 1843 dazu, sein kirchliches Amt ganz aufzugeben. Hatten ihn im

Anfang seiner Laufbahn oft religiöse Zweifel gequält, so hatte er sich allmählich

in praktischer, ratender und helfender Tätigkeit zurechtgefunden, so daß er aus

seinem Amte nicht leichten Herzens schied. Sein literarischer Ruhm war

inzwischen stetig gewachsen. 1832 war sein großer Roman »Maler Nolten«, in

den der Dichter manche Ereignisse seines Lebens hineingesponnen, erschienen.

1839 veröffentlichte er »Iris, eine Sammlung erzählender und dramatischer

Dichtungen«, und ein Jahr früher hatte er die erste Sammlung seiner Gedichte

herausgegeben. Fanden sie auch bei dem großen Publikum nur geringen

Widerhall, die Kundigen wußten, was sie galten, wußten, daß ein neuer starker

Dichter erstanden war. Hermann Kurz durfte scherzen, er werde ihn

beschuldigen, daß er Goethes verlorene Lieder unrechtmäßigerweise an sich

gebracht habe, um sich nun damit zu brüsten.

 

Nachdem Mörike sein Amt niedergelegt hatte, siedelte er nach kurzem

Aufenthalt in Schwäbisch-Hall nach Mergentheim über. Hier entstand die »Idylle

vom Bodensee«, die er 1846 veröffentlichte. 1851 ging er nach Stuttgart, wo er

am Katharinenstift, einer höheren Töchterschule, eine Anstellung erhielt. In

Stuttgart verheiratete er sich auch, zwei Töchter entsprossen dieser Ehe, und

Mörike, der große Kinderfreund, jubelte über sein spätes Vaterglück; aber der

Bund war trotzdem kein glücklicher. Die beiden Gatten standen sich innerlich zu

fern, und anstatt zusammenzuwachsen, wurden sie sich immer fremder, so daß

schließlich eine Trennung erfolgte.

 

In Stuttgart wurden auch zwei andre Kinder Mörikes geboren, seine beiden

feinsten Prosadichtungen: das farbenprächtige, volkstümliche Märchen vom

Stuttgarter Hutzelmännlein (1852), aus dem wir die köstliche »Historie von der

schönen Lau« bringen, 1 und die ergreifende Novelle »Mozart auf der Reise nach

Prag« (1856). Sie mutet uns wie eine biographische Erzählung an, so wahr

scheint Wesen, Charakter und Sprache des großen Komponisten getroffen; und

doch ist's eigentlich auch ein Märchen, ein Märchen, wie ein Dichter sich einen

Glückstag aus dem Leben eines Künstlers träumt, ein Tag, wo alle Erdenfreude

ihm noch einmal hell leuchtet, kurz bevor die Lebenssonne zur Rüste geht. Von

jeher hatte die Musik die tiefste Wirkung auf Mörike geübt, und was er einmal

von seiner Lieblingsoper Don Juan sagt, das schlägt uns auch aus seiner

Dichtung entgegen: »ein Überschwall von allem Duft, Schmerz und Schönheit«.

1 Es sei hier auf die Hessesche Gesamtausgabe von Mörikes Werken mit der

vortrefflichen Einleitung von Rudolf Krauß hingewiesen.

Aus Gesundheitsrücksichten gab Mörike 1866 seine Stuttgarter Stelle auf und

zog mit seiner Schwester nach Lorch. Mannigfache Auszeichnungen waren ihm

inzwischen zu teil geworden. Die Tübinger Universität hatte ihn zum

Ehrendoktor ernannt; der König Max von Bayern, der ihn gern in den

Münchener Dichterkreis gezogen hätte, erwählte ihn zum Ritter des

Maximilianordens, und die Schillerstiftung verlieh ihm eine lebenslängliche

Jahrespension. Berühmte Dichter und Künstler suchten seine Freundschaft.

Theodor Storm, der wesensverwandte norddeutsche Dichter, wies schon früh auf

Mörikes Bedeutung hin. In seinen »Erinnerungen an Mörike« spricht er es aus,

was der Dichter ihm gewesen, und in seinem Hausbuch deutscher Lyriker betont

er, daß »Mörikes Gedichte in keiner Bibliothek fehlen dürften, in der unsere

poetische Literatur, wenn auch nur andeutungsweise, vertreten ist«. Moriz von

Schwind und Ludwig Richter schufen Bilder zu seinen Werken, und

hervorragende Komponisten vertonten seine Lieder. Er hätte in Lorch, wo er die

»langersehnte, absolute Ruhe und Stille« fand, einen behaglichen Lebensabend

verbringen können, wenn ihn sein häusliches Unglück nicht tief gequält hätte.

Ihm fehlte, was er an Schwinds Frau rühmte, »die treue, so ganz für ihn

geschaffene Gefährtin«. Noch kurz vor seinem Tode rief er seine Frau zu sich

und söhnte sich mit ihr aus, und am Morgen des 4. Juni 1875 endete ein Leben,

das scheinbar ruhig und still verlief, das aber reich war an allem, was nur ein

Menschenherz erregen und bewegen kann, an Leiden und Enttäuschungen, an

schweren Kämpfen und stillen Siegen.

 

Mörike der Lyriker ist, wie Hebbel der Dramatiker, erst in unsern Tagen zu

seinem vollen Recht gekommen. Es liegt in seinen Dichtungen nichts

Hinreißendes, Leidenschaftliches, nichts Großes, Überwältigendes, das gleich

auf den ersten Blick fesselt. Und doch fehlt es ihnen nicht an Größe und

Leidenschaft. Nur wurzeln sie ebenso tief unter der Erde, wie sie oberhalb

wachsen und grünen. Sie tragen die stille Schönheit seiner Heimat in sich: Hügel

und Täler, Wald und Wiese und Fluß. Dem vorüberhastenden Blick erschließen

sie nicht ihren Reiz, man muß sich darin ergehen. Aber dann findet jeder ein

Stück Heimatland da, das Heimatland seiner Seele: »Ja, so haben wir's gefühlt,

so haben wir's genossen! Das lag wohl immer schon so in uns, Mörike hat es

nicht erfunden, hat es uns selber nur entdeckt.« Seine Dichtungen wirken so, wie

er einmal in einem Brief an seinen Freund Waiblinger von dem frischen

Sommerregen schreibt: »Unser Innerliches fühlt sich sonderbar geborgen und

guckt wie ein Kind, das sich mit verhaltenem Jauchzen vor dem nassen

Ungestüm draußen versteckt, mit hellen Augen durchs Vorhängel, bald aus

jenem, bald aus diesem vergnügten Winkelchen.«

Und mit Kindesaugen sieht der Dichter in die Welt. Da ist nichts so klein, daß

es, mit seinen Blicken betrachtet, nicht Wert erhielte, nichts so unscheinbar, daß

es, von dem Strahl seines hellen Gemüts getroffen, nicht leuchtete und glänzte,

und nichts so groß, daß er nicht damit spielen könnte. »Mörike,« sagt Fr. Strauß,

»nimmt eine Handvoll Erde, drückt sie ein wenig, und alsbald fliegt ein

Vögelchen davon.« Das ist die göttliche Urkraft der Phantasie, die in jedem

Kinde lebendig ist und sich in jedem Dichter betätigt. Da gibt es nichts Großes

und Kleines, nichts Lebendes und Totes. Da berühren sich überall Himmel und

Erde, und jeder Mensch trägt das Gottesgnadentum, König zu werden, in sich.

Aus dieser Märchenwelt kam Mörike nie heraus. Alles um ihn her, Stein und

Pflanze und Tier, war ihm Gefährte und redete in seiner Sprache zu ihm.

Weltfremd und menschenscheu, war er doch auf jedem Fleckchen grüner Erde

daheim und vertraut mit allem, was Menschenherz bewegt. War es wunder, daß

er Märchen dichtete? Er lebte sie ja. Märchenbildungen wie die Insel Orplid, wie

der sichre Mann Suckelhorst wurden ihm so lebendig, daß sie in seiner Rede als

gegenständlich vorkamen oder umherliefen.

 

In seinen Märchennovellen ist das Wunderbare und Alltägliche so gemischt,

daß wir das eine wie das andre glauben. Daß die schöne Lau in den Blautopf

verbannt ist, erscheint uns ebenso natürlich, wie daß sie lachen muß, als sie »das

Enkelein mit rotgeschlafenen Backen hemdig und einen Apfel in der Hand auf

einem runden Stühlchen von guter Ulmer Hafnerarbeit, grünverglaset« sitzen

sah.

 

Manche seiner Dichtungen sind in dem wenig volkstümlichen Hexameter

verfaßt, und Mörike ist oft stark von der antiken Dichtung beeinflußt, so daß er,

wie Keller treffend bemerkt, uns anmutet, als ob er der Sohn des Horaz und einer

feinen Schwäbin sei.

 

Aber trotz dieses fremden Elements lebt in Mörike so viel Naives und

Volkstümliches, so viel Naturgefühl und Phantasie, so viel sonniger Humor und

tiefe Lebensweisheit, daß wir getrost den Worten, die Friedrich Vischer dem

Freunde am Grabe nachrief, vertrauen können: »Es gibt eine Gemeinde – und

nur in der Vergleichung mit der breiten Menge ist sie klein – die sich labt und

entzückt an deinen wunderbaren, hellen, seligen Träumen und die hohe Wahrheit

schaut in diesen Träumen. Es gibt eine Gemeinde, die den Dichter nicht nach

rednerischen Worten schätzt, die den feineren Wohllaut trinkt, der aus

ursprünglichem Naturgefühl der Sprache quillt. Und sie wird wachsen, diese

Gemeinde, sich erweitern zu Kreis um Kreis, Bund um Bund wird sich bilden

von Einverstandenen in deinem Verständnis.«

Hamburg im Dezember 1905.

 

J. Loewenberg.

 

Dekoration