Auswahl aus den Dichtungen Eduard Mörikes

Eduard Mörike · Kapitel 23 von 67

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Auswahl aus den Dichtungen Eduard Mörikes

Schön-Rohtraut.

 

Wie heißt König Ringangs Töchterlein?

Rohtraut, Schön-Rohtraut.

Was tut sie denn den ganzen Tag,

Da sie wohl nicht spinnen und nähen mag?

Tut fischen und jagen.

O daß ich doch ihr Jäger wär'!

Fischen und jagen freute mich sehr.

– Schweig stille, mein Herze!

 

Und über eine kleine Weil',

Rohtraut, Schön-Rohtraut,

So dient der Knab' auf Ringangs Schloß

In Jägertracht und hat ein Roß

Mit Rohtraut zu jagen.

O daß ich doch ein Königssohn wär'!

Rohtraut, Schön-Rohtraut lieb' ich so sehr.

– Schweig stille, mein Herze!

 

Einsmals sie ruhten am Eichenbaum,

Da lacht Schön-Rohtraut:

Was siehst mich an so wunniglich?

Wenn du das Herz hast, küsse mich!

Ach! erschrak der Knabe!

Doch denket er: mir ist's vergunnt,

Und küsset Schön-Rohtraut auf den Mund.

– Schweig stille, mein Herze!

 

Darauf sie ritten schweigend heim,

Rohtraut, Schön-Rohtraut;

Es jauchzt der Knab' in seinem Sinn:

Und würd'st du heute Kaiserin,

Mich sollt's nicht kränken:

Ihr tausend Blätter im Walde wißt,

Ich hab' Schön-Rohtrauts Mund geküßt!

– Schweig stille, mein Herze!