Auswahl aus den Dichtungen Eduard Mörikes

Eduard Mörike · Kapitel 60 von 67

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Auswahl aus den Dichtungen Eduard Mörikes

Häusliche Szene.

 

Schlafzimmer.

Präceptor Ziborius und seine junge Frau.

Das Licht ist gelöscht.

 

Schläfst du schon, Rike? – »Noch nicht.« – Sag! hast du denn

heut' die Kukumern

Eingemacht? – »Ja.« – Und wieviel nahmst du mir Essig

dazu? –

»Nicht zwei völlige Maß.« – Wie? fast zwei Maß? Und von

welchem

Krug? von dem kleinern doch nicht, links vor dem Fenster am

Hof? –

»Freilich.« – Verwünscht! So darf ich die Probe nun noch

einmal machen,

Eben indem ich gehofft, schon das Ergebnis zu sehn.

Konntest du mich nicht fragen? – »Du warst in der Schule.« –

Nicht warten? –

»Lieber, zu lange bereits lagen die Gurken mir da.« –

Unlängst sagt' ich dir: Nimm von Numero 7 zum Hausbrauch! –

»Ach, wer behielte denn stets alle die Zahlen im Kopf!« –

Sieben behält sich doch wohl! nichts leichter behalten als

sieben!

Groß mit arabischer Schrift hält es der Zettel dir vor. –

»Aber du wechselst den Ort nach der Sonne von Fenster zu

Fenster

Täglich: die Küche pressiert oft, und ich suche mich blind.

Bester, dein Essiggebräu, fast will es mich endlich verdrießen.

Ruhig, obgleich mit Not, trug ich so manches bis jetzt.

Daß du im Waschhaus dich einrichtetest, wo es an Raum fehlt,

Destillierest und brennst, schien mir das Äußerste schon.

Nicht gern sah ich vom Stockbrett erst durch Kolben und Krüge

Meine Reseden verdrängt, Rosen und Sommerlevkojn:

Aber nun stehen ums Haus her rings vor jeglichem Fenster,

Halb gekleidet in Stroh, gläserne Bäuche gereiht;

Mir auf dem Herd stehn viere zum Hindernis, selber im

Rauchfang

Hängt so ein Untier jetzt, wieder ein neuer Versuch!

Lächerlich machen wir uns – nimm mir's nicht übel!« – Was

sagst du?

Lächerlich! – »Hättest du nur heut' die Dekanin gehört!

Und in jeglichem Wort ihn selber vernahm ich, den Spötter;

Boshaft ist er, dazu Schwager zum Pädagogarch.« –

Nun? – »Einer Festung verglich sie das Haus des Präceptors, ein

Bollwerk

Hieß mein Erker; es sei alles bespickt mit Geschütz.« –

Schnödes Gerede, der lautere Neid! Ich hoffe mein Stecken-

Pferd zu behaupten, so gut als ihr Gemahl, der Dekan.

Freut's ihn, Kanarienvögel und Einwerfkäfige dutzend-

Weise zu haben, mich freut's, tüchtigen Essig zu ziehn. –

 

(Pause. Er scheint nachdenklich. Sie spricht für sich:)

 

»Wahrlich, er dauert mich schon: ihn ängstet ein wenig die

Drohung

Mit dem Studienrat, dem er schon lange nicht traut.« –

 

(Er fährt fort:)

 

Als Präceptor tat ich von je meine Pflicht; ein geschätzter

Gradus neuerlich gibt einiges Zeugnis davon.

Was ich auf materiellem Gebiet in müßigen Stunden

Manchem Gewerbe, dem Staat denke zu leisten dereinst,

Ob ich meiner Familie nicht ansehnlichen Vorteil

Sichere noch mit der Zeit, dessen geschweig' ich vorerst:

Aber den will ich sehn, der einem geschundenen Schulmann

Ein Vergnügen wie das, Essig zu machen, verbeut!

Der von Allotrien spricht, von Lächerlichkeiten – er sei nun

Oberinspektor, er sei Rektor und Pädagogarch!

Greife nur einer mich an, ich will ihm dienen! Gewappnet

Findet ihr mich! Dreifach liegt mir das Erz um die Brust! –

Rike, du lachst! – du verbirgst es umsonst; ich fühle die Stöße –

Nun, was wandelt dich an? Närrst du mich, törichtes Weib? –

»Lieber, närrischer, goldener Mann! wer bliebe hier ernsthaft?

Nein, dies Feuer hätt' ich nimmer im Essig gesucht.« –

G'nug mit den Possen! Ich sage dir, mir ist die Sache nicht

spaßhaft. –

»Ruhig! Unseren Streit, Alter, vergleichen wir schon.

Gar nicht fällt es mir ein, dir die einzige Freude zu rauben;

Zuviel hänget daran, und ich verstehe dich ganz.

Siehst du von deinem Katheder im Schulhaus so durch das

Fenster

Über das Höfchen den Schatz deiner Gefäße dir an,

Alle vom Mittagsstrahl der herrlichen Sonne beschienen

Die, dir den gärenden Wein heimlich zu zeitigen, glüht:

Nun, es erquicket dir Herz und Aug' in sparsamen Pausen,

Wie das bunteste Brett meiner Levkojn es nicht tat,

Und ein Pfeifchen Tabak in diesem gemütlichen Anblick

Nimmt dir des Amtes Verdruß reiner als alles hinweg;

Ja, seitdem du schon selbst mit eigenem Essig die rote

Tinte dir kochst, die sonst manchen Dreibätzner verschlang,

Ist dir, mein' ich, der Wust der Exerzitienhefte

Minder verhaßt; dich labt still der bekannte Geruch.

Dies, wie mißgönnt' ich es dir? Nur gehst du ein bißchen ins

Weite.

Alles – so heißt dein Spruch – habe sein Maß und sein

Ziel!« –

Laß mich! Wenn mein Produkt dich einst zur vermöglichen Frau

macht –

»Bester, das sagtest du just auch bei der Seidenkultur.« –

Kann ich dafür, daß das Futter mißriet, daß die Tiere

krepierten? –

»Seine Gefahr hat auch sicher das neue Geschäft.« –

Namen und Ehre des Mannes, die bringst du wohl gar nicht in

Anschlag? –

»Ehre genug blieb uns, ehe wir Essig gebraut« –

Korrespondierendes Mitglied heiß' ich dreier Vereine. –

»Nähme nur einer im Jahr etliche Krüge dir ab!« –

Dir fehlt jeder Begriff von rationellem Bestreben. –

»Seit du ihn hast, fehlt dir abends ein guter Salat.« –

Undank! Mein Fabrikat durch sämtliche Sorten ist trefflich. –

»Numero 7 und 9 kenn' ich und – lobe sie nicht.« –

Heut', wie ich merke, gefällst du dir sehr, mir in Versen zu

trumpfen. –

»Waren es Verse denn nicht, was du gesprochen bisher?« –

Eine Schwäche des Mannes vom Fach, darfst du sie

mißbrauchen? –

»Unwillkürlich, wie du, red' ich elegisches Maß.« –

Mühsam übt' ich dir's ein, harmlose Gespräche zu würzen. –

»Freilich, im bitteren Ernst nimmt es sich wunderlich aus.« –

Also verbitt' ich es jetzt; sprich, wie dir der Schnabel

gewachsen! –

»Gut! laß sehen, wie sich Prose mit Distichen mischt!«

Unsinn! Brechen wir ab! Mit Weibern sich streiten ist

fruchtlos. –

»Fruchtlos nenn' ich im Schlot Essig bereiten, mein Schatz.«

Daß noch zum Schlusse mir dein Pentameter tritt auf die

Ferse! –

»Dein Hexameter zieht unwiderstehlich ihn nach.« –

Ei, dir scheint er bequem, nur das Wort noch, das letzte, zu

haben:

Hab's! Ich schwöre, von mir hast du das letzte gehört. –

»Meinetwegen, so mag ein Hexameter einmal allein stehn!«

 

(Pause. Der Mann wird unruhig; es peinigt ihn offenbar, das Distichon nicht

geschlossen zu hören oder es nicht selber schließen zu dürfen. Nach einiger Zeit

kommt ihm die Frau mit Lachen zu Hilfe und sagt:)

 

»Alter, ich tat dir zu viel; wirklich, dein Essig passiert.

Wenn er dir künftig noch besser gerät, wohlan! so ist einzig

Dein das Verdienst; denn du hast wahrlich kein zänkisches

Weib.« –

 

(Er gleichfalls herzlich lachend und sie küssend:)

 

Rike, morgenden Tags räum' ich dir die vorderen Fenster

Sämtlich, und im Kamin prangen die Schinken allein!