Auswahl aus den Dichtungen Eduard Mörikes

Eduard Mörike · Kapitel 65 von 67

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Auswahl aus den Dichtungen Eduard Mörikes

Worterklärungen Mörikes zur Historie von der schönen Lau.

Nach diesen Worten nahm sie nochmals Abschied und küßte ein jedes. Die

beiden Frauen und die Mädchen weinten sehr. Sie steckte Jutten einen Fingerreif

mit grünem Schmelzwerk an und sprach dabei: »Ade, Jutta! Wir haben

zusammen besondere Holdschaft 38 gehabt, die müsse fernerhin bestehen!« –

Nun tauchte sie hinunter, winkte und verschwand.

 

In einer Nische hinter dem Brunnen fand sich richtig der Krug samt den

verheißenen Angebinden. Es war in der Mauer ein Loch mit eisernem Türlein

versehen, von dem man nie gewußt, wohin es führe; das stand jetzt

aufgeschlagen, und war daraus ersichtlich, daß die Sachen durch dienstbare

Hand auf diesem Weg seien hergebracht worden, deshalb auch alles wohl

trocken verblieb. Es lag dabei ein Würfelbecher aus Drachenhaut, mit goldenen

Buckeln beschlagen, ein Dolch mit kostbar eingelegtem Griff, ein elfenbeinen

Weberschifflein, ein schönes Tuch von fremder Weberei und mehr dergleichen.

Aparte aber lag ein Kochlöffel aus Rosenholz mit langem Stiel, von oben herab

fein gemalt und vergoldet, den war die Wirtin angewiesen, dem lustigen Koch

zum Andenken zu geben. Auch keins der andern war vergessen.

 

Frau Betha hielt bis an ihr Lebensende die Ordnung der guten Lau heilig, und

ihre Nachkommen nicht minder. Daß jene sich nachmals mit ihrem Kind im

Nonnenhof zum Besuch eingefunden, davon zwar steht nichts in dem alten

Buch, das diese Geschichten berichtet, doch mag ich es wohl glauben.

 

Worterklärungen Mörikes zur Historie von der schönen Lau.

 

2 Der Blautopf. Die dunkle, vollkommen blaue Farbe der Quelle, ihre verborgene

Tiefe und die wilde Natur der ganzen Umgebung verleihen ihr ein feierliches,

geheimnisvolles Ansehn. Kein Wunder, wenn sie in alten Zeiten als heilig betrachtet

wurde und wenn das Volk noch jetzt mit abenteuerlichen Vorstellungen davon sich

trägt.

3 Lau, von La, Wasser, welches in lo, lau, b'lau überging.

4 Gumpen (der), gewöhnlich nur eine vertiefte Stelle auf dem Grunde des Wassers,

hier das Ganze einer größern Wassersammlung mit bedeutender kesselartiger

Vertiefung.

5 mäßig erwärmt (auch in moralischer Bedeutung: stillen Charakters).

6 begangene Pfade.

7 Kaninchen.

8 Schachspiel.

9 voriges Jahr.

10 Kohl.

11 Hausflur.

12 Habergeis, von heben, wegen der hüpfenden, hoppelnden Bewegung des Kreises.

13 Bauren-Schwaiger, von geschweigen, stillen. – Das Selige. Selig, berauscht, ist

nicht gleichbedeutend mit glückselig, obwohl darauf hinspielend, sondern gleichen

Stamms mit Sal, Rausch, niedersächsisch; soûl, betrunken, französisch.

14 Schwiegertochter.

15 Susanne Preisnestel. Scherzhafte Bezeichnung aufgeputzter Mädchen. Preis heißt

der Saum am Hemd; prisen, einfassen; mit einer Kette, gewöhnlich von Silber,

einschnüren, um den bei der vormaligen oberschwäbischen Frauentracht üblichen

Brustvorstecker zu befestigen; der hierzu gebrauchte seidene oder wollene Bündel

hieß Preisnestel.

16 Aschenbrödel, sonst im Schwäbischen auch Aschengrittel und Aeschengrusel

genannt.

17 begegnen.

18 sehr, gut, besser.

19 unwirsch, ungehalten.

20 der Blick, Durnblick, Wetterblick, Blitz. – Rusenschloß oder Hohen-Gerhausen,

vormals eine gewaltige Bergfeste, jetzt äußerst malerische Ruine über dem Dorfe

Gerhausen gelegen, in der Nähe vom Ruck, einer minder bedeutenden Burg.

21 1. die zu mähende Wiese, 2. das Gemähte.

22 Gärung, aufbrausender Zorn.

23 ein Mensch, der seltsame Einfälle hat.

24 Lichtkarz, Karz, entweder von garten, müßig sein, umherschwärmen, z'Garten

gehen, Besuch machen oder, wahrscheinlicher, von Kerze, Versammlung von

Spinnerinnen, auch Vorsitz genannt.

25 spitzfindig; »mit spitzwysen Worten« (Ulmer Urk.)

26 Es ist das der Stiftskirche westlich gegenüberstehende Mäntlersche Haus (jetzt

städtisches Gebäude) gemeint, das gegenwärtig noch »zum Schlößlein« heißt. – In

natürlicher Kunst. Natürlich, naturkundig.

27 Imperial, war ehemals eine Goldmünze; der Name ist nur noch in Rußland üblich.

28 Spiriguckes, ein wunderwitziger, neugieriger, auf Kuriositäten erpichter Mensch

von sonderbarem Wesen.

29 Mir nex – usganga, sagt man am Schlusse der Erzählung einer Sache, die auf

nichts hinausläuft.

30 bodenlos.

31 sogar.

32 nicht recht bei sich.

33 langweiliges Einerlei; zunächst der schwäbische Volksname für einen Vogel,

Wendehals.

34 Sprüchlein, Strophe eines Lieds.

35 verkehrt, durcheinander.

36 solche.

37 Warnung.

38 Liebschaft, zärtliche Freundschaft.

Dekoration