Betrachtung

Franz Kafka · Kapitel 1 von 18

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Betrachtung

Kinder auf der Landstraße

 

Ich hörte die Wagen an dem Gartengitter vorüberfahren, manchmal sah ich sie

auch durch die schwach bewegten Lücken im Laub. Wie krachte in dem heißen

Sommer das Holz in ihren Speichen und Deichseln! Arbeiter kamen von den

Feldern und lachten, daß es eine Schande war.

 

Ich saß auf unserer kleinen Schaukel, ich ruhte mich gerade aus zwischen den

Bäumen im Garten meiner Eltern.

 

Vor dem Gitter hörte es nicht auf. Kinder im Laufschritt waren im Augenblick

vorüber; Getreidewagen mit Männern und Frauen auf den Garben und rings

herum verdunkelten die Blumenbeete; gegen Abend sah ich einen Herrn mit

einem Stock langsam spazieren gehn und paar Mädchen, die Arm in Arm ihm

entgegenkamen, traten grüßend ins seitliche Gras.

 

Dann flogen Vögel wie sprühend auf, ich folgte ihnen mit den Blicken, sah, wie

sie in einem Atemzug stiegen, bis ich nicht mehr glaubte, daß sie stiegen,

sondern daß ich falle, und fest mich an den Seilen haltend aus Schwäche ein

wenig zu schaukeln anfing. Bald schaukelte ich stärker, als die Luft schon kühler

wehte und statt der fliegenden Vögel zitternde Sterne erschienen.

 

Bei Kerzenlicht bekam ich mein Nachtmahl. Oft hatte ich beide Arme auf der

Holzplatte und, schon müde, biß ich in mein Butterbrot. Die stark

durchbrochenen Vorhänge bauschten sich im warmen Wind, und manchmal hielt

sie einer, der draußen vorüberging, mit seinen Händen fest, wenn er mich besser

sehen und mit mir reden wollte. Meistens verlöschte die Kerze bald und in dem

dunklen Kerzenrauch trieben sich noch eine Zeitlang die versammelten Mücken

herum. Fragte mich einer vom Fenster aus, so sah ich ihn an, als schaue ich ins

Gebirge oder in die bloße Luft, und auch ihm war an einer Antwort nicht viel

gelegen.

 

Sprang dann einer über die Fensterbrüstung und meldete, die anderen seien

schon vor dem Haus, so stand ich freilich seufzend auf.

 

»Nein, warum seufzst Du so? Was ist denn geschehn? Ist es ein besonderes, nie

gut zu machendes Unglück? Werden wir uns nie davon erholen können? Ist

wirklich alles verloren?«

Nichts war verloren. Wir liefen vor das Haus. »Gott sei Dank, da seid Ihr

endlich!« – »Du kommst halt immer zu spät!« – »Wieso denn ich?« – »Gerade

Du, bleib zu Hause, wenn Du nicht mitwillst.« – »Keine Gnaden!« – »Was?

Keine Gnaden? Wie redest Du?«

 

Wir durchstießen den Abend mit dem Kopf. Es gab keine Tages- und keine

Nachtzeit. Bald rieben sich unsere Westenknöpfe aneinander wie Zähne, bald

liefen wir in gleichbleibender Entfernung, Feuer im Mund, wie Tiere in den

Tropen. Wie Kürassiere in alten Kriegen, stampfend und hoch in der Luft,

trieben wir einander die kurze Gasse hinunter und mit diesem Anlauf in den

Beinen die Landstraße weiter hinauf. Einzelne traten in den Straßengraben,

kaum verschwanden sie vor der dunklen Böschung, standen sie schon wie

fremde Leute oben auf dem Feldweg und schauten herab.

 

»Kommt doch herunter!« – »Kommt zuerst herauf!« – »Damit Ihr uns

herunterwerfet, fällt uns nicht ein, so gescheit sind wir noch.« – »So feig seid

Ihr, wollt Ihr sagen. Kommt nur, kommt!« – »Wirklich? Ihr? Gerade Ihr werdet

uns hinunterwerfen? Wie müßtet Ihr aussehen?«

 

Wir machten den Angriff, wurden vor die Brust gestoßen und legten uns in das

Gras des Straßengrabens, fallend und freiwillig. Alles war gleichmäßig erwärmt,

wir spürten nicht Wärme, nicht Kälte im Gras, nur müde wurde man.

 

Wenn man sich auf die rechte Seite drehte, die Hand unters Ohr gab, da wollte

man gerne einschlafen. Zwar wollte man sich noch einmal aufraffen mit

erhobenem Kinn, dafür aber in einen tieferen Graben fallen. Dann wollte man,

den Arm quer vorgehalten, die Beine schiefgeweht, sich gegen die Luft werfen

und wieder bestimmt in einen noch tieferen Graben fallen. Und damit wollte

man gar nicht aufhören.

 

Wie man sich im letzten Graben richtig zum Schlafen aufs äußerste strecken

würde, besonders in den Knien, daran dachte man noch kaum und lag, zum

Weinen aufgelegt, wie krank auf dem Rücken. Man zwinkerte, wenn einmal ein

Junge, die Ellbogen bei den Hüften, mit dunklen Sohlen über uns von der

Böschung auf die Straße sprang.

 

Den Mond sah man schon in einiger Höhe, ein Postwagen fuhr in seinem Licht

vorbei. Ein schwacher Wind erhob sich allgemein, auch im Graben fühlte man

ihn, und in der Nähe fing der Wald zu rauschen an. Da lag einem nicht mehr

soviel daran, allein zu sein.

»Wo seid Ihr?« – »Kommt her!« – »Alle zusammen!« – »Was versteckst Du

Dich, laß den Unsinn!« – »Wißt Ihr nicht, daß die Post schon vorüber ist?« –

»Aber nein! Schon vorüber?« – »Natürlich, während Du geschlafen hast, ist sie

vorübergefahren.« – »Ich habe geschlafen? Nein so etwas!« – »Schweig nur,

man sieht es Dir doch an.« – »Aber ich bitte Dich.« – »Kommt!«

 

Wir liefen enger beisammen, manche reichten einander die Hände, den Kopf

konnte man nicht genug hoch haben, weil es abwärts ging. Einer schrie einen

indianischen Kriegsruf heraus, wir bekamen in die Beine einen Galopp wie

niemals, bei den Sprüngen hob uns in den Hüften der Wind. Nichts hätte uns

aufhalten können; wir waren so im Laufe, daß wir selbst beim Überholen die

Arme verschränken und ruhig uns umsehen konnten.

 

Auf der Wildbachbrücke blieben wir stehn; die weiter gelaufen waren, kehrten

zurück. Das Wasser unten schlug an Steine und Wurzeln, als wäre es nicht schon

spät abend. Es gab keinen Grund dafür, warum nicht einer auf das Geländer der

Brücke sprang.

 

Hinter Gebüschen in der Ferne fuhr ein Eisenbahnzug heraus, alle Coupées

waren beleuchtet, die Glasfenster sicher herabgelassen. Einer von uns begann

einen Gassenhauer zu singen, aber wir alle wollten singen. Wir sangen viel

rascher als der Zug fuhr, wir schaukelten die Arme, weil die Stimme nicht

genügte, wir kamen mit unseren Stimmen in ein Gedränge, in dem uns wohl war.

Wenn man seine Stimme unter andere mischt, ist man wie mit einem

Angelhaken gefangen.

 

So sangen wir, den Wald im Rücken, den fernen Reisenden in die Ohren. Die

Erwachsenen wachten noch im Dorfe, die Mütter richteten die Betten für die

Nacht.

 

Es war schon Zeit. Ich küßte den, der bei mir stand, reichte den drei Nächsten

nur so die Hände, begann den Weg zurückzulaufen, keiner rief mich. Bei der

ersten Kreuzung, wo sie mich nicht mehr sehen konnten, bog ich ein und lief auf

Feldwegen wieder in den Wald. Ich strebte zu der Stadt im Süden hin, von der es

in unserem Dorfe hieß:

 

»Dort sind Leute! Denkt Euch, die schlafen nicht!«

 

»Und warum denn nicht?«

 

»Weil sie nicht müde werden.«

»Und warum denn nicht?«

 

»Weil sie Narren sind.«

 

»Werden denn Narren nicht müde?«

 

»Wie könnten Narren müde werden!«