Betrachtung

Franz Kafka · Kapitel 10 von 18

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Betrachtung

Die Vorüberlaufenden

 

Wenn man in der Nacht durch eine Gasse spazieren geht, und ein Mann, von

weitem schon sichtbar – denn die Gasse vor uns steigt an und es ist Vollmond –

uns entgegenläuft, so werden wir ihn nicht anpacken, selbst wenn er schwach

und zerlumpt ist, selbst wenn jemand hinter ihm läuft und schreit, sondern wir

werden ihn weiter laufen lassen.

 

Denn es ist Nacht, und wir können nicht dafür, daß die Gasse im Vollmond vor

uns aufsteigt, und überdies, vielleicht haben diese zwei die Hetze zu ihrer

Unterhaltung veranstaltet, vielleicht verfolgen beide einen dritten, vielleicht wird

der erste unschuldig verfolgt, vielleicht will der zweite morden, und wir würden

Mitschuldige des Mordes, vielleicht wissen die zwei nichts von einander, und es

läuft nur jeder auf eigene Verantwortung in sein Bett, vielleicht sind es

Nachtwandler, vielleicht hat der erste Waffen.

 

Und endlich, dürfen wir nicht müde sein, haben wir nicht soviel Wein

getrunken? Wir sind froh, daß wir auch den zweiten nicht mehr sehn.