Betrachtung

Franz Kafka · Kapitel 11 von 18

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Betrachtung

Der Fahrgast

 

Ich stehe auf der Plattform des elektrischen Wagens und bin vollständig unsicher

in Rücksicht meiner Stellung in dieser Welt, in dieser Stadt, in meiner Familie.

Auch nicht beiläufig könnte ich angeben, welche Ansprüche ich in irgendeiner

Richtung mit Recht vorbringen könnte. Ich kann es gar nicht verteidigen, daß ich

auf dieser Plattform stehe, mich an dieser Schlinge halte, von diesem Wagen

mich tragen lasse, daß Leute dem Wagen ausweichen oder still gehn oder vor

den Schaufenstern ruhn. – Niemand verlangt es ja von mir, aber das ist

gleichgültig.

 

Der Wagen nähert sich einer Haltestelle, ein Mädchen stellt sich nahe den

Stufen, zum Aussteigen bereit. Sie erscheint mir so deutlich, als ob ich sie

betastet hätte. Sie ist schwarz gekleidet, die Rockfalten bewegen sich fast nicht,

die Bluse ist knapp und hat einen Kragen aus weißer kleinmaschiger Spitze, die

linke Hand hält sie flach an die Wand, der Schirm in ihrer Rechten steht auf der

zweitobersten Stufe. Ihr Gesicht ist braun, die Nase, an den Seiten schwach

gepreßt, schließt rund und breit ab. Sie hat viel braunes Haar und verwehte

Härchen an der rechten Schläfe. Ihr kleines Ohr liegt eng an, doch sehe ich, da

ich nahe stehe, den ganzen Rücken der rechten Ohrmuschel und den Schatten an

der Wurzel.

 

Ich fragte mich damals: Wieso kommt es, daß sie nicht über sich verwundert ist,

daß sie den Mund geschlossen hält und nichts dergleichen sagt?