Betrachtung

Franz Kafka · Kapitel 12 von 18

PDF-Seiten

Betrachtung

Kleider

 

Oft wenn ich Kleider mit vielfachen Falten, Rüschen und Behängen sehe, die

über schönen Körper schön sich legen, dann denke ich, daß sie nicht lange so

erhalten bleiben, sondern Falten bekommen, nicht mehr gerade zu glätten, Staub

bekommen, der, dick in der Verzierung, nicht mehr zu entfernen ist, und daß

niemand so traurig und lächerlich sich wird machen wollen, täglich das gleiche

kostbare Kleid früh anzulegen und abends auszuziehn.

 

Doch sehe ich Mädchen, die wohl schön sind und vielfache reizende Muskeln

und Knöchelchen und gespannte Haut und Massen dünner Haare zeigen, und

doch tagtäglich in diesem einen natürlichen Maskenanzug erscheinen, immer das

gleiche Gesicht in die gleichen Handflächen legen und von ihrem Spiegel

widerscheinen lassen.

 

Nur manchmal am Abend, wenn sie spät von einem Feste kommen, scheint es

ihnen im Spiegel abgenützt, gedunsen, verstaubt, von allen schon gesehn und

kaum mehr tragbar.