Das Bücher-Dekameron
Die sechste Nacht
Mijnheer, ich habe gestern vergessen, Ihnen von einer Ehrung zu erzählen, welche die Stadt Lübz in Mecklenburg an der deutschen Dichtung vornahm. Es
fällt mir ein, weil ich in dem seenreichen Land einen anmutigen Sommer
verbrachte und im Schilf das Boot von Sidney Smith entdeckte, der auf der
Entenjagd lag, ein Nomade von borstigen Rothaaren, Fischaugen, die stier und grün unter der langen Nase herausquollen, die Haare „tête carrée“ in die
sommersprossige Stirn gekämmt und über den Augenbrauen abgeschnitten.
„Hallo, Sir,“ sagte er, „wir werden einen Cocktail machen,“ schob den Priem in
die andere Mundseite und unterbrach die Jagd.
Dieser Smith war das amüsanteste Greenhorn, das ich traf. Eines Nachts frug
er: „Hallo Sir,“ er zischte, auf dem Bauch liegend, um die Ruhe nicht zu stören, „glauben Sie, daß Afrika einmal in zwei Teile geteilt war durch ein Meer?“
„Warum,“ frug ich und betrachtete einen Punkt, der wie ein Paar Stockenten
gegen den Kahn zutrieb, „warum denken Sie das?“ Er zog den Kopf in den
Nacken: „Ich dachte Sir.“
Nach einer Stunde ging der Mond auf und wir mußten unter eine abhängende
Weide rudern. Smith putzte an seiner Sechsschußflinte und sagte: „Hallo Sir,
glauben Sie, daß man mit Ochsenhäuten, wenn man sie wie Segel aufspannt, Kanonenkugeln auffangen kann?“ Ich sagte ihm: „Was Afrika betrifft, Mr.
Smith, so kann ich Ihnen noch sagen, daß lange Zeit eine Straße durch den
Kölner Dom ging. Warum soll nicht ein Wasserweg durch Afrika gezogen sein!
Was aber die Felle angeht, so müssen Sie einen Kanonier oder einen Gerber
fragen.“ „Very well,“ sagte er, steckte den Kopf zwischen die Schultern und
schwieg.
Nun kamen die Enten und er schoß sie mit Kugeln, trotzdem der Mondschein
beim Visieren täuscht, ohne Fehler. Während wir sie auffischten, starrte er
plötzlich in die Luft und sagte: „Hallo Sir, glauben Sie, daß, wenn man mit den
Zeigefingern das Hörnerzeichen macht, das den bösen Blick zurückschmeißt?“
Ich war am Rudern und sagte: „Mr. Smith, vergessen Sie die Ente nicht
aufzunehmen, an die ich Sie gerudert habe. Ich verstehe nicht, warum Sie Fragen stellen, die keine Beziehung auf das haben, was Sie tun.“ Er sah beleidigt vor
sich hin. Ich habe nie einen solchen Wilden gesehn.
Er hatte nur im Blick, wo er Lachsnetze werfen, Wachtelschlingen legen,
Tiefseeangeln für den Hecht durch das Meer schleifen konnte und dachte in der
Zwischenzeit sich die Welt zu einem Trumpel zusammen. Bei Beginn des
Sommers war er mit einem Klippfischsegler von Norwegen gekommen und in dem fetten Seeland mit seiner Büchse liegen geblieben wie der Sommer selbst,
der keine Anstalten machte, selbst im Oktober noch nicht, aus den silbernen
Grasstrichen aufzustehen.
Wie alle Schotten hatte er Leidenschaft für Cocktails aber auch die seltsame
Fähigkeit, seine Gefühle damit auszudrücken. Mit der Mischung von dreiviertel
Gin und ein Viertel Orangensaft bestach er den Beamten der Seekontrolle,
welche das Angeln zu verbieten hatte. Dieser Mann trug einen breiten blonden Bart und horchte auf den Namen Feuerstake. Mit der Zeit richtete er ihn zum
Treiber für das Vogelzeug ab, und wenn Smith ein paar Tage verschwand, saß er
in Lübz neben dem Kirchturm bei Feuerstake und mischte seine Drinks. „Wollen
Sie Cocktails versuchen, Sir?“ sagte er, wenn er von dort zurückkam und
mischte als Zeichen seiner Zufriedenheit Zitrone mit amerikanischem Whisky.
„Wissen Sie, warum ich keinen schottischen dazu nehme?“, frug er und schnallte die Büchse über die Schulter, und in der Tür stand Feuerstakes Gesicht winkend.
„Nein,“ sage ich. „Weil Scotch für einen Jäger kein Whisky ist, Sir.“
Die Enten lockten sich auf dem milchblauen See „rätsch . . . wack“ und
feierten überall nach seltsamen Schwimmkünsten und Verfolgungen unter
unerhörtem Geschrei eine wüste Liebesnacht. Man konnte nicht schießen.
„Kommen Sie, Sir,“ sagte Sidney und er mischte den seltsamsten Cocktail seines Lebens, der uns sehr heiter machte und der in Smiths Sprache das Erlebnis
ausdrückte, das er über der Enten erotische Scherze empfand. Es war ein guter
Junge nach meinem Sinn und hatte auf seine Weise Humor.
Eines Tages gab es einen abscheulichen Drink. Er hatte bei Feuerstake
gesessen, und da der Mann kein Wort sprach, in den zehn Jahrgängen des Lübzer
Tagblatts geblättert und dabei ein Gedicht von Gerhart Hauptmann gefunden, das begann: „Komm, wir wollen sterben gehn / in das Feld, wo Rosse stampfen / und
die Donnerbüchsen stehn / und sich tote Fäuste krampfen.“ / Smith verstand
nicht viel Deutsch, aber das verstand er. Unglückseligerweise hatte er in dem
nächsten Band aber einen sechs Jahre späteren ergriffen und fand unter dem
Namen des gleichen Autors ein Telegramm an den russischen Sowjetgesandten
in Berlin betreffs eines politischen Prozesses in Rußland: „Der Blutwahnsinn des
Krieges und seine Nachwehen sollten nun endlich überwunden sein. Ein sieghafter Friede muß der Achtung vor dem geheiligten Leben des Menschen,
muß dem Gebot — Du sollst nicht töten — wieder die alte Geltung verschaffen.
Ich lasse diese Friedenstaube zu den gemarterten Opfern fliegen. Möge sie mit
einem Ölzweig, von dem kein Blut tropft, zurückkehren.“
Das verstand er nicht, es war von Schießen nicht mehr die Rede und er hatte
nichts anderes im Kopf. Ich las ihm die andere Strophe aus dem ersten Gedicht vor, das er mit den ganzen Jahrgängen mitgebracht hatte. „Diesen Leib, den halt’ ich hin / Flintenkugeln und Granaten / eh’ ich nicht durchlöchert bin / kann der
Feldzug nicht geraten.“ Smith schickte sich vergnügt an, einen guten Cocktail zu
mischen, das begriff er wieder.
Nach einiger Zeit aber wurde er nachdenklich, wie könne, damned, der Mann
nun solche Telegramme senden, wenn er geschrieben habe, daß, eh’ er ein Sieb
sei, der Krieg nicht ende. Ich sagte ihm, Herr Hauptmann sei ein alter Mann
gewesen und habe wohl das eine wie das andere nur in einem dichterischen also unirdischen Sinne gemeint undwahrscheinlich sei eine gespenstische Ausgabe
von seiner Körperlichkeit ebenso auf den Schlachtfeldern, die er nicht besucht
habe, durchlöchert worden, wie wahrscheinlich eine andere als Vogel durch die
Luft zu fliegen vermöge. Etwas ähnliches meine wohl auch der
sozialdemokratische Minister Hänisch, wenn er über ihn in einer bürgerlichen
Zeitung nach einigen Fußtritten auf sozialistische Dichter schreibt: „So geht von Hauptmann ein Licht aus, das leuchtend und wärmend durch die Zeiten strahlen
wird. Er ist der große repräsentative Dichter unserer deutschen Gegenwart, der
die ganze Zerrissenheit unserer Zeit in seinen wissenden und milden Zügen
widerspiegelt. Werden wir uns des Glückes bewußt, daß Gerhart Hauptmann in
unserer Mitte lebt, freuen wir uns, ihn unser eigen nennen zu dürfen.“
Solchergestalt, meinte ich, sehen sogar ein Proletarier dies Hin und dies Her. „By Jove,“ meinte Sidney Smith und schaute lange verglast vor sich hin, das
verstände er nicht.
Ich sagte ihm, Herr Hauptmann habe, wie viele Dichter, und fast alle Leute,
die Karriere gemacht hätten, wie die Herren Lloyd George und Clemenceau von
links angefangen und habe sich langsam nach rechts entwickelt. Man müsse das
alles nicht so ernst nehmen, denn die Bourgeoisie brauche einen gewissen unaktuellen Radikalismus, bei dem sich ohne Gefahr für Haut und Geldbeutel
am Feuer der großen Revolutionssuppe gruseln lasse. Und die Herrschaften, die
im Zirkus in Berlin jubelten, wenn in seinen „Webern“ Kapitalistenhäuser
demoliert wurden, seien dieselben, die fanatisch die Erschießung
zeitgenössischer Revolutionäre forderten. Es handle sich darum, daß die Weber-
Revolte eine schon vierzigjährige sei, die man beruhigt lieben könne, aber eine
heutige eine verdammt ernste Sache sei, die man keineswegs lieben dürfe. Und ebenso menschlich begreiflich sei es ja sicher auch, daß ein Dichter seinen
Nachruhm halte mit Arbeiten, von denen er sich völlig entfernt habe. Es sei
dasselbe, wie wenn ich Smith wegen seiner Schulaufgaben lobe aber seine
Schießsicherheit dabei übergehe. Wir gingen darauf nach dem See und Smith
kam auf die Sache nicht mehr zu reden.
Beim Anschlag sagte er: „Beg your pardon, Sir, glauben Sie, daß man Kentauren noch jagen kann?“ „Nein, Mr.,“ sagte ich, „man kann es nicht.“ Er sah lange sinnend in den Himmel. Zwei Tage verschwand er zu Feuerstake. Am
dritten kam er zurück: „Wollen Sie Cocktail versuchen, Sir?“
Seltsamerweise erschien plötzlich Feuerstake mit einem Paket, legte es auf
den Tisch und verschwand. Ich machte es auf, es war in rotem Einband ein Buch
Gedichte, die Feuerstake über seinen Heimatsort geschrieben hatte. Der
bescheidene Mann hatte kein Wort darüber verloren, obwohl er tagelang mit
Smith zusammengesessen und brachte mit einer steifen Verschämtheit es plötzlich hinter ihm her. „All right,“ sagte Smith und legte es bei Seite.
Feuerstake interessierte ihn als Ententreiber, alles andere war ihm einerlei.
Feuerstake hörte nie ein Wort über sein Geschenk und, da er nichts sprach, frug
er nicht.
Sidney Smith hatte in dieser Zeit viel zu tun, mit seinen Gedanken fertig zu
werden. Ob ich denke, meinte er, daß es ein Land gebe, wo man die Schweine mit ihren eigenen Eingeweiden füttere. „Ja,“ sagte ich, „nichts ist verderblich
genug, daß es das nicht geben sollte.“ Die Antwort gefiel ihm nicht, er zog den
Kopf tief in die Achseln ein, stieß ihn dann geradeaus und schoß. Der Sommer
stand in diesen Wochen mit einem fleckenlosen Goldton über Holstein und
manchmal schien es fast, er spiegele das Meer. Je klarer die Luft aber wurde, um
so eigensinniger verwandelte sich Sidney Smith. Er hatte sich bei Feuerstake alle eingebundenen Jahrgänge des Lübzer Tageblattes geholt und ich sah ihn oft, so
sehr die flachsblonden Töchter des Hauses zum „Weißen Karpfen“ um ihn
herumstrichen, in die Schwarten vertieft. „Wollen Sie Cocktails versuchen,
Sir?“, frug er regelmäßig, wenn ich ihn ertappte, aber ich kannte seine
Stimmungen nach dieser Lektüre und lehnte ab.
Die Enten fingen an zu mausern, die Männchen rückten den Weibchen aus, buhlten um andere, es war ein Riesenspektakel auf dem Wasser und das lenkte
ihn ab. „Hallo, Sir,“ unterbrach er die Nachtwache, „denken Sie, daß man mit
der Vergiftung der Meere alle Tiere darin töten und durch ihr Faulen den
Kontinent verpesten könnte?“ „Nein,“ sagte ich, „Mr. Smith, denn etwas
ähnliches ist durch den Landkrieg nicht einmal erreicht worden,“ und hielt ihn
für gerettet, da erschien er am Morgen mit einem Bericht, den der Züricher
Vertreter des Lübzer Tageblatt gedrahtet hatte über die Vorlesung eines Dramas, das Fritz von Unruh gedichtet hatte, und wo deutsche Soldaten den gefangenen
britischen zugerufen haben sollten „Gott strafe England!“, und er verlangte von
mir zu wissen, weshalb man die Vorsehung anrief, statt sich bei den Stellen zu
beschweren, die für das Arrangement von Kriegen usw. verantwortlich
zeichneten, als er fast erbleichend aufstöhnte. Er hatte in einem anderen Band
einige Jahre später einen Abdruck aus dem gleichen Stück gesehen, nur daß hier die deutschen den britischen Soldaten armgebreitet mit den Worten „Freunde! . . . Brüder!“ entgegenliefen. „Dear Sir,“ sagte er fassungslos, „ich war ebenfalls
gefangen, aber man hat das eine nicht gerufen und nicht das andere. Aber hat
man das hier gleichzeitig gerufen?“ Er sah sich um, als halte er es schier für
möglich, daß, seit er sich mit deutscher Lektüre beschäftige, der Mond und die
Sonne gleichzeitig nebeneinander über den Himmel spazieren könnten.
„Nein, Mr. Sidney Smith,“ beruhigte ich ihn, „erstens ist das wahrscheinlich
eine Verleumdung und dann darf man solches nicht so genau nehmen wie das Schießen, wo man sehr scharf und grad sich halten muß, und beim Wackeln die
Sache vorbeigelingt. Im Leben ist das anders und man sagt oft das eine und
gleichzeitig das andere. Das Leben verändert sich selbst täglich, und was heute
schwarz ist, kann morgen weiß sein. Manche haben die Farben gleichzeitig, was
manche wiederum boshaft preußisch nennen, aber das ist es gar nicht. Wir haben
das bei einer großen Anzahl Menschen erlebt, da ist z. B. Herr Meidner, der einer der größten Helden gegen den Krieg war und gleichzeitig eine Zeichnung
zur Animierung der Kriegsanleihe an die Zeitungen schickte. Wer kennt der
Menschen Herz? Selbst der größte deutsche Dichter Goethe hat sich eines Tages
dem Vater eines jungen Schriftstellers v. Körner gegenüber mokiert, daß der
gegen den großen Bonaparte mit dem knitternden Papierzeug seiner Verse
anreite und hat, mit der französischen Ehrenlegion geschmückt, als Lützower in Meißen ihn ausrückend um den Waffensegen baten, die Hand auf ihre
Hirschfänger gelegt und gesagt: „Zieht mit Gott, und alles Gute sei Eurem
frischen deutschen Mut gegönnt!“ Ich suchte Smith mit der letzten Möglichkeit,
nämlich mit einem klassischen Zitat zu beruhigen, aber er war so beneidenswert
ungebildet, daß er auf Klassisches genau so sauer wie auf die Flachsblonden
reagierte.
Jedoch er hatte als Jäger ein gutes Ohr, er behielt den Namen und kam nach
einer Stunde mit dem Gedicht eines gewissen Julius Bab, dessen Ende lautete:
„Zeug uns, Stern, und zieh uns hoch hinan! / Dieses Werk der mörderischen
Nöte / werde doch in deinem Dienst getan! / Weile, werde, wachse in uns —
Goethe!“ / Das machte den Burschen völlig konfus. Es gelang mir nicht, ihm
klar zu machen, wieso ein Stern uns erzeugen könne und warum im Dienst eines
verstorbenen Dichters, der sich über den Krieg mokiert habe, man sich Jahre lang totschieße.
„Bei uns, Sir,“ meinte Smith, „sagt man, indeed, daß man im Dienst der
Kanonenfabriken und zum Ruhm der Generale schieße. Verrückte Idee, für einen
toten Mann sich zu töten.“ Rasch drehte ich, indem ich ihm versicherte, daß ich
den Herrn nicht kenne und daß das offensichtlich die Privatmeinung eines durch
Schrapnellschüsse am Kopf Schwerverletzten sei, das Blatt um, da las er in Fettschrift folgendes Gedicht: „Wenn der Kaiser einst kommen wird / schießen wir zum Krüppel den Wirth / knallen die Gewehre tack tack tack / aufs schwarze
und aufs rote Pack.“ / Er wurde sehr aufgeregt und überstürzte mich mit Bitten.
„Nein, Mr. Smith —,“ sagte ich zu ihm, „Pack ist kein Wildbret, das Sie noch
nicht kennen, es sind Kameraden, die eine andere Ansicht haben.“
Wieder sank seine Lippe tief auf das Buch, ich blätterte weiter. Da rief ein
Sportverein auf zu einem Gartenfest und man hatte das Bundeslied abgedruckt:
„Der Turner in den Wäldern haust / und Eichen raufet seine Faust / der nackte Arm mit Felsen spielt / der deutschen Lunge Kraft empfiehlt: / schießt ab den
Walther Rathenau / die gottverfluchte Judensau.“ / Ich hatte Angst, er könne
auch das für Wildbret halten und sagte ihm, diese Gedichte seien nicht wichtig,
weil sie schon wieder aus dem Frieden stammten.
Er schwieg eine Weile, sah mich stumm an, schüttelte den Kopf, erbleichte
plötzlich und sprach darüber nicht mehr. Am nächsten Tag waren die Bücher verschwunden. Nun kamen schon Frühnebel, es wurde Oktober, aber der
Sommer stand nicht aus dem fetten seenreichen Grünland auf, also blieb auch
Sidney Smith.
Man hatte Nachtreiher entdeckt und er war in großer Aufregung. Man
belauerte einen Baum, auf dem sie saßen, mit einer abscheulichen Gestankwolke
eingehüllt und einen gewaltigen Lärm untereinander machend, aber man wollte sie nicht vom Baum schießen, von dem sie dauernd Fische in verdautem und
unverdautem Zustand herunterschossen. Wir hatten Nachtpelze um und lagen in
der Sternkälte im Gras. Plötzlich flüsterte Smith: „Weile, werde, wachse . . . Sir,
ich habe mit Feuerstake gesprochen, er ist, by Jove, mit einem Male gesprächig
geworden seit gestern, ein toller Cowboy dieser Feuerstake plötzlich, was ihm
geschehen ist wohl, meinetwegen . . . . wollte sagen, Sir, Feuerstake erzählte mir, man habe Mr. Hauptmann von der Regierung geohrfeigt vor dem Krieg und
seine Stücke verboten und bei dem Krieg, weil er dafür schrieb, ihm Orden
gegeben, ihn herangepfiffen und ihn übers Fell gestrichen und er habe geweint
vor Freude. Er habe dann während dem ganzen Krieg eine Propaganda gemacht
für das Schießen und den Kaiser, und nun sei er aber verheiratet mit der
Republik und werde mit dem Präsidenten alle vierzehn Tage photographiert. Ich
verstehe das nicht. Wir haben gelesen, wie Mr. Bernard Shaw in England im Krieg, beim allmächtigen Gott, dem König und Mr. Lloyd George gesagt hat, es
sei ein Verbrechen und daß er es vorher und nachher gesagt hat. Es hat mir nicht
gefallen, Sir, weil ich für den Krieg bin und für das Schießen. Aber, damned, es
hat mir doch noch besser gefallen, wie das, was ich bei Ihnen jetzt hier gelesen
habe. Ich wollte Ihnen das sagen, Sir.“
Ich war eine Weile stumm, denn auf dem Baum tanzten die Schatten der Vögel derart herum, daß es wie ein nächtlicher Spuk vor der Himmelsilhouette stand, und jede Bewegung führte einen derartigen Regen von Niederschlägen der
Vögel mit sich, daß wir uns rückwärts bewegen mußten. „Weile werde wachse . .
. Sir, ich wollte das beim allmächtigen Gott auch noch gesagt haben, Ihre
Kriegsgedichte sind mehr gentlemanlike als die im Frieden.“ Ich versuchte ihn
wieder auf Hauptmann zu bringen und ihm klar zu machen, daß der Genius des
Dichters leichter alle Veränderungen aufnehmen und sich schneller wie
festgemauerte Charaktere von Jägern an die verschiedenen Institutionen des Staates wie des Lebens gewöhnen könne.
Es käme auf den Zweck an, meinte ich und erzählte ihm die Geschichte des
Mönchs, der auf der katholischen Propaganda tausend Herbeigeströmten als
Reliquie eine Papageienfeder als die des heiligen Gabriel zeigen wollte, aber, da
man sie ihm gestohlen und zum Bluff schwarze Erde hineingelegt hatte, diese
sofort als die heiligen Kohlen ausschrie, an denen der St. Lorenz geröstet worden sei. Allein er hörte scheinbar nicht auf mich, legte an und schoß aus der Luft
einen Reiher, riß ihm die Bismarckfedern aus, ließ den Braten für seine
Vogelkameraden liegen und sagte: „All right. Ist für mich erledigt. Kommen Sie
Cocktails versuchen, Sir?“
Zu seinem Geburtstag kam eine Kiste, er nagelte sie auf und man sah etwa
eine Batterie von vierzig Flaschenköpfen verschiedener Etikettierung. „Splendid,“ sagte Smith, und die Flachsblonden mischten Bacardi Cocktail wie
Engel, indem sie ein drittel Zitrone und zwei drittel Rum mit etwas Grenadine
und Zucker zusammentaten. Gegen Abend war, das gesamte Hotel erledigt. „Let
us go, Sir,“ sagte Smith, als Feuerstake nicht erschien, „der Mann gefällt mir
nicht mehr,“ wir legten die Büchsen über und sahen auf dem Wasser in der
Purpurröte der Dämmerung eine Reiherschlacht durch das Schilf.
Sie kamen in zwei Gruppen angeflogen und standen im Morast einander
gegenüber und in der Mitte lag eine tote Mordsschleie. Die beiden Parteien
zogen sich zurück, formierten sich, krächzten mit aufgerissenen Schnäbeln in
höchster Aufregung „koau . . . kräü“, die blutigroten Augen glühten, die Flügel
schlugen auf und nieder und mit gesträubten Nackenfedern schossen sie
aufeinander zu. In dem Augenblick aber, wo man dachte, daß sie sich mit den
dolchspitzen Schnäbeln durchbohren würden, gingen sie jammervoll aneinander vorbei und berührten sich kaum mit den Flügeln. Eine gewisse Entfernung
voneinander genügte aber, ihre Wut wieder aufs äußerste zu steigern. Klappernd,
mit wund geschrienen Rachen, erbost schossen sie aufeinander und spielten sich
eine Stunde lang das Theater ihrer Leidenschaft vor. „Hallo!,“ sagte Smith, der
etwas unruhig war, „wachse, werde, weile“ und schoß ab.
„Warum,“ sagte ich, „zitieren Sie immer das Kriegsgedicht des Mr., dessen Name mir entfallen ist.“ „Beg your pardon,“ meinte Sidney Smith, „ist die einzige Möglichkeit meinen Priem aus dem Gaumen heraus zu bekommen.“
Wir hatten große Last, die Nachtreiher zu erreichen und ihnen die Federn zu
nehmen, denn es war an der Stelle sehr sumpfig. Als wir an dem tags zuvor
geschossenen vorbeikamen, stob ein Schwarm seiner Brüder auf, die sich die
Kröpfe voll von seinem Fleisch gestopft hatten und nach dem Baum
hinüberflogen. Smith machte ein bedenkliches Gesicht, sagte aber nichts, denn
er war etwas betrunken.
„Versuchen Sie Cocktails, Sir,“ sagte er zu Hause und machte einen Martini
mit Gin und französischem Vermouth, da wurde er sauer und „dry“. Dann
machte er ihn mit italienischem Vermouth, da wurde er süß, und die
Flachsblonden nippten solang daran, bis sie wie verrückt im Garten
herumtanzten. „Hallo, was sagen Sie dazu, Sir?“ frug er mit einem halb
lachenden Blick auf sein Kunstwerk, aber ich äußerte nichts, weil ich nicht bestimmt wußte, ob er mit dem „einmal süß und einmal sauer“ gewisse Dichter
oder gewisse Reiher meinte, aber etwas Hinterhältiges war in seinem Blick, das
mich stutzen machte.
Im selben Augenblick bekam er aber Eulenaugen, stand ruckweise auf und
starrte auf ein Papier, das man vor ihn gelegt hatte, als er einen Priem zahlte.
Seine roten Haare sträubten sich aus der Stirn und standen borstig nach oben, der Schweiß rann ihm über die Stirn und er fuchtelte mit der rechten Hand in die
Luft. Dann fiel er mit rot verquollenem sommersprossigen Gesicht auf den Stuhl
zurück und stierte auf das Papier. Ich entsinne mich genau, daß ich nur langsam
es ihm wegzuziehen wagte, denn er saß darüber wie ein Hund über einem
Schinken, plötzlich riß ich daran und lachte, daß der Tisch schräg ging: Ich sah
in das Gesicht von Joachim Feuerstake. Das Rätsel seiner Redseligkeit war gelöst mit seiner Unsterblichkeit.
Die Stadt Lübz hatte ihm zu Ehren, der ihre siebenundzwanzig Hähne, ihren
Kirchturm, ihren großen Misthaufen, ihren Bürgermeister und die Kornfelder
und ein unbestimmbares Denkmal in dem roten von uns nie geöffneten Büchlein
besungen, die Stadt Lübz hatte ihm zu Ehren ihren Notgeldschein von
fünfundzwanzig Pfennigen unter dem Motto: „Treu der Heimat“ mit seinem Bild
geschmückt. Es schien, als werde Smith tiefsinnig. Er blieb blaß und schweißig, machte wieder Bacardi-Mischungen, behielt die runden Uhuaugen und steckte
den Rotkopf tief in die Schultern. Ich beruhigte ihn, indem ich auf seine Manier
ihn fragte: „Hallo Mr. Smith, denken Sie, daß es ein Land gibt, wo man in der
Luft fliegt, Landpartien auf den Boden herunter macht, wo die Könige den
Schädel unterm Arm tragen und die Fürsten auf dem Kopf gehn, wo die Bauern
sich Kokotten halten und die Arbeiter Fideikommisse gründen?“
„Yes Sir,“ sagte er, „ich habe das oft gedacht.“
Ich verstand, daß ich ihn so nicht kriegen könnte, denn, da er das Bestehende
nicht achtete, außer der Jagd, hatte er sich die Welt wie ein Kinderspielzeug
schon unzählige Male herrlich unlogisch neu zusammengesetzt. Ich bemerkte
jetzt, daß er zitterte, er hatte einfach Angst. Für ihn war Fischen und Dichten
einerlei, er sah keinen Unterschied und hatte einen hysterischen Anfall vor
Furcht, wie alle Wilden, er könne eines Tages für seine Jägerei ebenfalls auf
einen Schein gedruckt werden und wollte sofort zum Bürgermeister. Diese Ehrung Feuerstakes, dieses Simpels von Ententreiber, überstieg seinen Horizont,
es war ihm wie ein Steckbrief oder eine Anzeige beim Schicksal. Er war
entsetzlich abergläubisch wie alle einfachen Menschen.
Der Aufenthalt auf den Mecklenburger Seen hatte ihn etwas heftig mit Dingen
zusammenstoßen lassen, deren Konträrheit sein grades Hirn nicht faßte und er
bekam Angst vor dem Lande, in dem man im Frieden schoß und im Krieg nicht bei der Stange blieb, wo man vorgab, für Tote die Lebendigen gern ermorden zu
lassen und wo man die Angestellten auf Papierscheine druckte, die man als Geld
ausgab. Ich rüttelte ihn heftig am Arm. „My boy,“ schrie ich mitleidig, „hören
Sie, gute Haut“ und ich erreichte, daß sein Blick mich wenigstens fixierte, wenn
er auch mit verstockter Besessenheit schwieg.
Ich suchte ihm an Hand des Lübzer Stadtwesens, an Hand des Bürgermeisters, der Parteien und ihres Sängers die Situation eines modernen Staates und der
Gefühle seiner Bewohner klar zu machen und versenkte mich in das Beispiel des
Poeten, brachte seine Konflikte, ob er die Misthaufen beschimpfen oder die
Kirche loben, ob er dem Bürgermeister opponieren oder alle Parteien belecken,
ob er sollte sich fassen links oder ob er sollte fallen rechts im Gedicht, ob er
wählen sollte zwischen dem Ehrenschein oder einer eventuellen Schändung seines Grabes . . . . ich brachte dies sehr lebhaft vor, aber in dem Augenblick, wo
ich zur Unterstreichung meiner Rede den Fünfundzwanzigpfennigschein auf den
Tisch hieb, stiegen meinem Gegenüber wieder die Haare, die Grenze seines
mitteleuropäischen Fassungsvermögens war erreicht.
Im gleichen Augenblick erscholl vom Garten her ein wilder Schrei, Sidney
Smith zog einen langen spitzen Ton durch seine Nase, sah mich schräg mit dem
Ausdruck abergläubischen Entsetzens an, stieß die Augen nach oben, rollte sie über die Decke und stürzte in den Garten, wo, wie ich vom Fenster sah, die
Flachsblonden wie Katzen in den Bäumen jagten.
Er rannte wie besessen in die Landschaft hinaus und ich habe ihn nie wieder
gesehen.
Ich habe Sidney Smith nie wieder gesehen, Mijnheer, denn ich reiste am
nächsten Morgen an das Meer, über das der Herbst mit einer Donnerwolke von gelben Nebeln und dem roten Mond darin herein brach und ich vergaß die sanglante Posse. Ich vergaß jedoch nicht die Folgerungen, die Sidney Smith mir
zu ziehen durch seine schnöde Flucht nicht ermöglicht hatte, und sie steigen
nunmehr aus dem Suite-case meiner Erinnerungen, wo ihn aufzumachen und
auszupacken heute dieselbe Muße ist wie damals, sie zu erleben und
einzumotten. Diese Folgerungen, Mijnheer, sind sehr kurz und ebenso banal wie
grob: Die Menschen lieben stets die Feuerstakes, die auch ihren Mist zu
besingen bereit sind und hassen die Mirabeaus.
Es macht ihnen nichts, daß beide im Grunde dieselben Monarchisten sind und
beide, der eine imbezill und der andere glühend ihr Vaterland lieben und seinen
Ruhm wünschen. Die Tragik des menschlichen Herzens hat es verwehrt, daß die
Menschen auf die Ziel-Richtung der Gefühle zu schauen vermögen, sondern hat
ihnen auferlegt nur die Bequemlichkeit zu sehen, die ihnen momentan damit
gewährleistet oder gestört wird. Sie verwechseln das Wohlbefinden ihres Zustandes mit dem Heil der Nation, halten Geplärr für Vaterlandsliebe und
erblicken im Schmeichler den Helfer, im glühenden Tadler den Gegner.
Sie sind für die Gedankenlosigkeit und gegen die wahre Liebe. Und die Sitten
ihrer Mahlzeiten und Beerdigungen stellen sie in grausiger Verblendung über die
wahre Sittlichkeit der Nation. Ein Heinepark wäre ihrem Empfinden eine
öffentliche Dreistigkeit, ein Weg, nach dem Schönling Roquette benannt, erfrischt den Mut. Eine Hochschule nach dem Spötter Lichtenberg genannt, wäre
in Eile eine delabrierte Sache, während selbst in Skihütten der Name des Peter
Hebel gefeiert wird, der alemannisch und mit mikrozephaler Poesie
biedermeierliche Ideale besang.
„Fremder,“ sagte der Adjutant des Artaxerxes zu Themistokles, „die Sitten der
Menschen sind verschieden. Den einen gilt dies, den anderen jenes für schön, allen aber: die heimischen Sitten in Ehren zu halten.“ Dreiundzwanzighundert
Jahre später empfahl in der Sprache seines Säkulums der Verfasser der Pasquille
„Präservative wider Revolutionen“, zum Schutz der geltenden Gewohnheiten auf
in königlichen Gärten rauchende und sich zusammenpferchende Leute, unter
Anrufung des Nazareners, mit der Feuerspritze loszuschießen. Jede Epoche
hängt an ihren Sitten und nur Friedrich der Große konnte, da er zur Macht noch
Überlegenheit des Geistes besaß, eine Opposition lachend ertragen und mit einem gewissen Zynismus sagen, als er den verbannten Professor Wolff nach
Halle zurückrief: wenn jener lehre, seine Soldaten dürften desertieren, so stehe
ihm darüber hinaus die Belehrung zu, sie müßten daraufhin hängen.
Waren die Dichter nun so idiotisch oder temperamentvoll oder human, sich
aus menschlichen Gründen oder im Interesse einer neuen Form, die sie starteten,
mit einer gewissen revolutionären Geste zu präsentieren, so waren ihre Beurteiler ebenso einfältig, sie nach den Gesichtspunkten der Parteien, in deren Dienst sie standen, einzuverleiben. Der Mensch wurde mit der Sache verbandelt,
die Dichtung mit der Politik als Wechselbalg ausgetauscht, und erbärmliche
Zwecke wurden dahinein getragen, wo ein helles Haus der Kunst allein stehen
müßte. Da die Dichter gewöhnlich unkritische Feuerköpfe, ihre Kritiker aber
gestrandete und unterdrückte Poeten waren, ergab sich, daß im Durchschnitt
verärgerte Alte oder verkümmerte Junge die Dichtung beurteilten und mit der
schönen Gehässigkeit des Triumphes das Gesicht der Kunst mit den Plakaten überklebten, die die Dichter in ihrem Privatleben anzuerkennen beliebten. Man
hat Büchner und Grabbe und Hölderlin lange unter den Strich gesetzt und das
„Junge Deutschland“ in Anmerkungen besudelt, aber die Feuerstakes waren
jederzeit gewohnt auf Papierwagen in den Himmel des Ruhmes der deutschen
Literaturgeschichten zu fahren.
Ach, von welch grauenhaften Kleppern und welch seltsamen Fuhrknechten werden die Papierwagen der zeitgenössischen Literaturgeschichten immer noch
gefahren. Hat aber einer wie Gundolf ein glänzendes Gespann, so führt er es
nicht in die Arena, sondern jagt es als Reklamekasten, wenn auch mit
glänzenden Bögen nach der Kongregation des Heiligen George, und hat einer die
beste Absicht zu popularisieren, so wird es ein Bilderbuchwagen wie jener von
Martens. Ach, aber ein Lastwagen mit Maschinengewehren bespickt ist jenes Buch des Kölner Professor von der Leyen, der von der Gemeingefährlichkeit der
Kunst wohlanständig so überzeugt ist, daß er zwar mit den Handschuhen des
Weltmanns, aber dem Blick des Feldwebels ihr entgegenfährt. Wahrlich, mit
femininer Plauscherei und heroischer Haltung ist es hinter den Gewehren des
Nationalismus nicht schwer, Heinrich Mann als Schädling und Wedekind als
Papiermesser zu höhnen und durch Kartenkniffe von entstellten Zitaten die Dichter den Revolvern seiner nationalistischen Studenten zu empfehlen.
Wahrlich, in solchen Machwerken zittert nichts wie der Haß gegen die Republik,
aber nicht die geringste Liebe zur Kunst, und die von ihm Gepriesenen werden
nachdenken müssen, ob sie nicht damit Kompromittierte sind.
Ich bin nicht gegen solche Bücher, Mijnheer, weil ich anderer Ansicht wäre
wie ihr Verfasser, sondern weil dieses Verfahren ein subalternes und ein solcher
Charakter ein ungehöriger ist. Ich wäre mit derselben Leidenschaft gegen Entstellungen von sowjetischem Kurse, denn ich liebe das Gewissen und verehre
die Wahrheit und habe die große Schönheit der Kunst zu tief in meinem Leben
erfahren, als daß ich sie von irgendeiner Seite schänden ließe. Ich habe die
Freiheit des Gesichtspunkts und das Genie, die weiten Linien für die Kunst zu
ziehen und die gestaffelten Urteile zu fällen, zu sehr verehren gelernt, als daß ich
nicht protestierte, wenn ein ästhetischer Süßling mit einem politischen Morgenstern sich auf das Postament stellt und vorgibt die Gerechtigkeit zu sein, und nichts anderes ist als ihr Mixer. „Grattez le savant vous trouverez le
chauvin.“
„Ich bewundere die Fülle dieser Blumen,“ sagte auf einer Spazierfahrt eine
Dame zu ihrem Begleiter, aber der vermochte vor Wut kaum nach ihnen hin zu
schielen. „Die Veilchen, Gnädigste“ meint er, „sind zu sehr französische
Liebhaberei, die Magnolien entsprechen der britischen Kühle, die Rosen ziehe
ich vor zu verachten, weil ihr Besitzer republikanischer Anschauung ist.“ Der Gute war überzeugt von Blumen zu reden, aber er unterhielt sich nur mit seiner
Dummheit, auch verschwieg er nicht, daß er Erdäpfel und Eichen wegen ihrer
erhöhten Symbolkraft den zu geistreichen Blumen vorzog, wobei er, durch seine
Politik verblendet, übersah, daß die Eichen ein persischer Import sind und selbst
die Besitzer der kolossalsten Kartoffeln ihren ausländischen Duft nicht zu
leugnen berechtigt sind.
Selbst Casanova, der mit seinen Weibergeschichten alles durcheinanderwarf,
wußte die Politik wie eine Seuche von der geliebten Kunst fernzuhalten und er,
der Frauen betrog und Männern zu jeder Zeit diplomatisch zu kommen wußte,
überwarf sich ihrethalben mit den Mächtigen, beleidigte Voltaire, indem er
dessen „Pucelle“ und „Henriade“ stolz den Ariost vorzog und kränkte den
großen Friedrich, indem er sich gegen La Mettrie stellte, und war glücklich, Ansehen und Stellung verloren, aber die Kunst durch diese Ehrlichkeit geehrt zu
haben.
Doch er war nur ein tapferer Mann und ein wohlilluminierter, aber kein
ordnender Verstand. Wie aber, wo Dichter im Tageskampf toben und Kritiker
verleumden, findet man, denken Sie, die höhere Einsicht, von wo aus die Werte
sich enthüllen und die Bedingtheiten fallen? Wie, glauben Sie, erreicht man die Stelle, wo die Zeit sich löst und die Muse bleibt, wo die Larven nicht mehr
gelten und die Herzen gewogen werden, und wo die Urteile wie die Blitze und
nicht wie politische Raketen die Landschaft der Dichtung erhellen?
Man sucht diese Plattform nicht.
Man nimmt sie ein.
Literaturgeschichte seiner Zeit zu
schreiben, ist immer die Kunst gewesen, die Politik und die Werte zu trennen, statt sie zu verknäueln und sie später aber im Bild jenes Theaters auszugleichen,
wo die Zeit mit allen ihren Strömungen und Stilen und Moden auf die Kulissen
mit heftigen Farben gemalt ist und wo die Werte in der Gestalt der Schauspieler
erscheinen.
Es ist nun amüsant zu sehen, für welche Farben sich die einzelnen Akteure
entscheiden und welchen die anderen wiederum gleichen, und welcher Effekt aus dem Widerspiel von Hintergrund und Schauspiel sich ergibt. Es ist erlaubt, mit Wünschen und Verwünschungen sich an diesem unterirdischen Spiel zu
beteiligen, aber man wird sich dem Urteil nicht entziehen können, daß hier, wo
die Gegenüberstellungen so scharf sind, nicht unsere Wünsche, sondern die
Leistungen entscheiden und daß man sich beugen muß vor der grausamen
Tatsache, daß unter vielen Helden der Feige vielleicht der Begabte und unter
zahlreichen Gläubigen der Verbrecher der Könner und der Rebell das Genie sein
kann.
Denn in der Leidenschaft des fortgeschrittenen Spiels und der Helligkeit der
Beleuchtung werden sehr bald die Kulissen verschwinden und nur die besten
Spieler bleiben und es bleibt uns nur übrig, mit Sympathie unsere Lieblinge
ausscheiden und mit nackter Logik unsere Gegner siegen zu sehen und wir
dürfen höchstens aus den Kulissen uns die Fehler der eigenen und die Triumphe
der anderen erklären oder verzeihen.
Keinem Verständigen würde es einfallen, die Schauspieler aber mit den
Kulissen zu verwechseln und statt über das Stück über die Beleuchtung sich zu
ereifern. Von hundert deutschen Kritikern, denen die höhere Geschicklichkeit
fehlte, dies Theaterspiel in seiner richtigen Form aufzustellen, haben
neunundneunzig jeweils ihre Sympathie mit den Leistungen verwechselt und
haben ebenso viele, indem sie glaubten über die Akteure zu schreiben, über die Wandbehänge geurteilt. Literaturgeschichte seiner Zeit zu schreiben, Mijnheer,
heißt nicht ein „Chevalier de la bouche“ zu sein und Meinungen zu haben,
sondern: die glänzendste Optik neben dem Talent und die beste Fingerfertigkeit
neben der Loyalität. Überzeugungen sind ein Unfug, wo es sich darum handelt,
zugleich der Niedermetzler und der Heiland zu sein.
Man kommt so zu ähnlich rund geschliffenen Tatsachen, wie sie nach Jahrhunderten der Zeitstrom von selbst auswirft und hat dennoch das Vergnügen,
nach Lust und Überzeugung die Kulissen so bunt und die Draperien so suggestiv
für das Publikum aufzustellen, wie man will. Man macht so mit den Kulissen die
Politik und faßt die Leistungen sauber am Kragen und beide, die sich
gegenüberstehen wie ein Mann seinem Spiegel, bleiben dennoch reinlich
getrennt.
Denn es wäre wohl absurd, Shakespeares dichterische Kraft auf die Entfernung einiger Jahrhunderte aus Friedensschlüssen und aus Kriegen erklären
oder daraus, wie man ihn schon oder unter welcher Regie man ihn spielte, oder
daraus, ob man praßte oder hungerte, Könige liebte oder enthauptete, bestimmen
zu wollen. Aber man kann aus diesen Kulissen zeigen, daß er das Resultat seiner
Zeit war und daß die Friedensschlüsse und die Könige ihn so geformt haben und
daß sie gut oder schlecht waren. Absurd aber wäre es, damit ihn klein oder groß machen zu wollen.
Man kann aber ebenso, schreibt man die Geschichte seiner eigenen
verworrenen Zeit, auf den Kulissen seine Sympathien und seine Wünsche malen,
kann den einen hell, den anderen dunkel beleuchten, je nachdem einer sozial
richtig oder für den Augenblick verbrecherisch schreibt. Aber nach der
Vorstellung werden nur die Werte beurteilt, da gibt es keinen Eingriff, und wer
hier nicht reinen Herzens ist, der ist verworfen.
Literaturgeschichte seiner Zeit schreiben, heißt heftig Politik machen — nicht für die Freunde und nicht gegen die Feinde, sondern für die Gesinnungen, die
die rechten sind — heißt mit dem einzigen Einfluß, nämlich den geschickt
gestellten Draperien sein Publikum erziehen . . . aber so sehr diese Campagne
donnert und so bengalisch die Kulissen flammen, weiß man: es ist für die Kunst
nicht wichtig, man teilt schließlich dennoch die Zensuren nach der Größe und
nicht nach der Verliebtheit und man läßt nicht bekränzte Affen, sondern die großen Wertraubtiere an die Rampe und präsentiert sie richtig.
Wer anderes tut, ist ein armseliger Liebhaber oder ein verbrecherischer
Marodeur.
Wie das im Einzelnen aber vereint und getrennt, beleuchtet und abgedämpft,
gemischt oder verdeckt und am Ende dennoch gerecht verteilt wird, dieser
Schwertertanz zwischen Sein und Schein, dieser Pendelschwung zwischen Kunst und Politik, dieses Nüanzieren und doch Ballen ist die höchste Kunst des
kritischen Menschen.
Denn die rasche Entscheidung klingt immer tapfer und ist in der Regel dumm
und falsch. Ja und Nein sagen kann jeder Komiker, und die Gladiatoren, die, mit
Weltanschauungen eingeschient, mit Ansichten um den Bauch gebunden und mit
den Turnierzeichen ihres schließlichen Urteils schon im voraus dekoriert, in die Arena kommen, ahnen nicht eine Spur von den besseren Sitten und den höheren
Regeln des Handwerks. Aus dem Nein aber das Ja folgern oder aus dem Schein-
Positiven das Nichts herausziehen, Zeit im Zeitlosen schaubar machen und festes
Land schon im schwankenden Nebel der eigenen Epoche betreten, ist nicht nur
des Kolumbus sondern auch eines Cäsar wert.
Doch, retournons à nos moutons, das soll heißen: man kann verachten, wie
Herr Hauptmann Deutschland repräsentiert und dennoch eine Anzahl seiner Stücke ausgezeichnet finden. Es ist erlaubt, den Festungsgefangenen Toller für
einen Gentleman zu halten und einen mittelmäßigen Dichter in ihm zu finden. Es
ist erlaubt, Herrn Paul Claudel, Gesandten der französischen Republik und
Vollstrecker des Versailler Friedensvertrages zu hassen und ihn für einen
europäischen Dichter zu halten. Auch darf man Herrn Joachim v. d. Goltz den
Respekt vor der Konsequenz seiner vaterländischen Dichterei vor, während und nach dem Krieg nicht verweigern, auch wenn man diese Schillerei ablehnt. Dagegen wird niemand zweifeln, daß Deutschland in Herrn von Unruh ein
bedeutendes Talent besitzt, wenn auch bei der Begeisterung, mit der er die
Revolution begrüßte, es schwer verständlich ist, wieso er ein Stück wie „Louis
Ferdinand“, das in der Gesinnung unklar gebaut ist und zu nationalistischen
Demonstrationen reizen mußte, und also durch eine politische Auslegung und
nicht durch seine Qualität Erfolg hatte, trotz dieser Demonstrationen und ohne
Protest gegen sie wochenlang im „Deutschen Theater“ laufen ließ.
Man kann auch sagen, Barbusse sei einer der leidenschaftlichsten und
verehrungswürdigsten Menschen, aber ein mittelmäßiger Autor, d’Annunzio
aber ein bedeutender Dichter und eine unheilvolle Erscheinung. Man hat auf
diese Weise stets den Kerl am Genick, aber seine Bedeutung sicher deponiert
und kommt nicht in jene schelmenhafte Situation, wie jener von der Leyen, der,
während er eben noch mit ritterlicher Grandezza einen demokratischen Stier absticht, plötzlich wie ein Gassenjunge neben einer Kapelle herzulaufen und
darum begeistert zu schreien beginnt, weil sie militärisch ist, wenn tausendmal
auch an der Spitze ein miserabler Dirigent diesen Hohenfriedberger spielen läßt.
Heiliger Mars. Wer nur jenen unterbeamtenhaften Begriff des Vaterländischen
hat, daß lediglich Generäle und Kaiser ihm Ideale darstellen, kommt leicht in die
schändliche Lage, nicht nur, wie jener Professor, im Namen der deutschen Wissenschaft alle schlechten Wildenbruchs loben zu müssen, sondern
groteskerweise dem A das B folgen zu lassen und die übelsten Hetzer anderer
Nationen wegen ihrer ähnlichen Überzeugung, auch wenn sie gegen die Heimat
und gegen das menschliche Gefühl gerichtet sind, preisen zu müssen. Wahrlich,
das ist nicht mehr die Pose eines Unerschütterlichen, sondern es ist die Rolle
George Dandins, der sich in einen Kirmisirrgarten verlaufen hat. Er findet keinen Eingang und keinen Ausgang mehr, und wenn die Besitzer eines Abends die
Belustigung schließen, wird man auch seinem verzweifelten Gebrüll nur
glauben, daß man es mit einem Tollwütigen oder einem bemitleidenswerten Irren
zu tun hat.
Es ist im Grunde genau so feig, statt das Sachliche zu sagen, das Persönliche
aufzublasen, wie es ja bekanntermaßen auch ein Durchgehen nach vorne und
eines nach hinten gibt. Wer nach rückwärts durchbrennt, bekennt sich mit einem gewissen Mut zu seiner Feigheit, aber der nach vorn mit klappernden Rippen
Galoppierende hat die Lüge selbst noch einmal belogen. Wer die Person angreift
und damit dem Werk schaden will, begeht dieselbe amüsante Infamie wie jener
seltsame Heilige namens Schütze in Weimar, von dem der Balte Sternberg
erzählt, er habe Goethe brennenden Herzens gern angegriffen, es aber aus dem
privaten Grunde unterlassen müssen, weil es ihm in seiner Eigenschaft als Herausgeber des jährlichen Taschenkalenders „Für Lieb’ und Freundschaft“ geschadet hätte, plötzlich mit Galle statt mit süßem Speichel zu erscheinen. Der
Bund der Tartarins und der Sykophanten ist stets von denselben verächtlichen
Göttern gesegnet worden. Aber auch das Panthéon der Komik hat sie beide
lächelnd aufgenommen.
Denn die Halle des Ruhms hat sich manchem später geöffnet, den seine
Zeitgenossen in die Katakomben sandten, und der Name des Galilei und des
Sokrates ist in die Ewigkeit eingegangen, obwohl die römischen und
griechischen von der Leyens sie für religiöse und homosexuelle Verbrecher
ausschrien. Hat es dem Helvetius etwas gemacht, daß auf Parlamentsbeschluß
seine Bücher öffentlich verbrannt wurden, dem Wieland, daß die keuschen
Jünglinge des Hainbunds ihre armen Seelen an dem Feuer seiner graziösen Bücher wärmten, dem Luther, daß man ihn wie einen Bolschewisten jagte? Es
hat ihnen das Leben verbittert, aber ihr Werk ging daraus hervor, wie aus einem
Feuer der Läuterung. Beurteilt man Zola danach, daß er postulierte, die Republik
müsse naturalistisch oder gar nicht sein, bedenkt einer bei Courbets Bildern, daß
er wegen Umsturz der Vendômesäule im Gefängnis saß und auch als Exilierter
vom Staat die Millionen der Wiederherstellung tragen mußte und daß seine Kollegen vom „Salon“ seine Bilder nicht mehr aufhingen, weil sein Name nicht
mehr eine künstlerische Sache sei, sondern eine der Politik. Die heiligen
Perücken! Sie haben genau so gegen Voltaire und gegen Hutten und gegen
Flaubert getobt und haben nichts hervorgebracht als Exzesse der Langeweile.
Was hat es mit dem Ruhm Viktor Hugos zu tun, daß ein Kaiser ihn verbannte,
beeinträchtigt es die Staël, daß Bonaparte sie jagte? Und ist es nicht hochherzig, aber an seinem Werk nichts ändernd, daß Dickens sich gegen die Sklaverei und
Zola für den Dreyfuß aussprach. Verändert es die Bücher des Bulwer, daß er mit
sozialistischer Gebärde kam und als Toryminister für die Kolonien kulminierte,
hat Goethes Existenz in der Dichtung eine Verwandlung erhalten, daß zwischen
seinem Leben und seinem Werk ein bedenklicher Hohlraum klafft. Hat man
Mozarts Musik vorgeworfen, daß er ein unsozialer Mann war, die Briefe seiner Magd öffnete und Abscheuliches über das Los der Dienenden sagte? Hat das
Gesicht der Manzoni, Hugo, Byron, Foscolo, Lamartine andere Züge dadurch
bekommen, daß sie Oden zu Bonapartes Tode anstimmten, und hat es jene, die
es vermieden, im Urteil der Nachwelt verändert? Chapeau bas! Jeder Leistung
kann höchstens nur das Bedauern angehängt werden, daß ihr Vollbringer
vielleicht ein Schurke war. Sie kann hingegen nicht verändert, wohl aber geehrt
werden durch den besten Ruhm der humanen Gesinnung, und daß ihr Träger in seiner Haltung ein Edelmann und ein Freund der Menschen war.
Als Constant starb, begleitete ganz Frankreich seinen Sarg, nicht weil er nur
ein großer Schriftsteller allein, sondern weil er auch der schönste Anwalt der
Freiheit war. In der Wahl zwischen zwei gleichen Begabungen der Zeit, deren
eine gegen, eine für das Humane ist, entscheidet nur ein Gewaltakt, da man den
Zufall ablehnt. Es gibt in diesem Fall eine höhere Moral und sie ist nicht für die Feuerstakes eingerichtet. Schon Kant hat ähnlich „Über die Mißhelligkeit zwischen der Moral und der Politik in Absicht auf den ewigen Frieden“
geschrieben. Hat man die Wahl zwischen einem begabten Schurken und einem
dünnen Edling, zieht man das Los für den Schurken. Man muß gerecht sein.
Geht die Fragestellung jedoch aus der Kunst heraus in das, was für die
Zeitgeschichte nützlich oder verbrecherisch, human oder unsozial ist, so verstößt
man unbedenklich den Schurken, ohne sein Talent zu verkleinern und stellt den
begabten Brauchbaren an das sichtbarste Licht. Anders kann man nicht. Fiat iustitia, pereat mundus. Und wenn man dabei in die Krümpe geht.
Mijnheer, jener Sidney Smith, der Enten jagte und darum keine Zeit fand, sich
mit seiner Zeit zu beschäftigen, war ein ehrlicher Bursche, aber er verlor den
Verstand, als er mit der politischen Dichtung der Deutschen durch einen
grotesken Zufall zusammenstieß und nicht vermochte, über die Dichter hinweg
sich die Zeit zu erklären.
Aber die deutschen Jahrhunderte haben nie eine bessere Deutung gefunden,
als durch jenes Blut, mit dem deutsche Poeten die Bücher ihres Schmerzes oder
ihrer Zweifel an den Himmel geschrieben haben. Sie haben diesen Platz für ihre
Plakate gewählt, weil der Himmel selbst sich nicht herabließ, auf Deutschland
selbsteigen herunterzusteigen, und in seiner fernen Vollkommenheit der
unvollendeten Sehnsucht der Gequälten der sichtbarste und seltsamste Ort schien. Nur das Mittelalter hatte seine Bläue eine Weile auf der Erde erblickt, als
die Poeten mit ihren Höfen vereinigt durch die Gärten ritten.
Doch schon der Hans Sachs war für und gegen seinen Kaiser, wie es gerade
kam, und die Manuel und Rosenblüt waren bürgerliche Kondottieri, Luther war
ein sozialer Reaktionär und ein religiöser Rebell in einer Figur. Die Brant und
Fischart waren gegen alles, Murner war gegen, Hans Sachs war für Luther und Hutten stritt wie ein Engel, aber nicht für Deutschland, sondern gegen Rom.
Klopstock suchte an Stelle der griechischen Nymphen einen teutonischen
Wotanskult zu setzen und propagierte zur Ertüchtigung der Jugend den Eislauf,
während die Stolbergs, die in ihrer Jugend Tyrannen fraßen, das Glück der
Nation im Frieden mit der katholischen Kirche machen zu können meinten.
Goethe und Schiller wußten geschickt ihr Brausen zu dämpfen, während vom
„Sturm und Drang“, ohne ihren Frieden mit den herrschenden Sitten zu machen, Büchner ins Ausland floh, Schubart zehn Jahre in die Festung sauste, Klinger
aber in der Fremde als General verstarb. Gegen was fochten sie alle? Gegen
nichts.
Für ein Deutschland waren sie aufgestanden, ihre Glieder zu zerschmettern,
das nicht bestand, dessen Traum aber ihre besten Köpfe immer so sehr
beschäftigte, daß selbst die praktischsten Männer zu Schwärmern wurden. Sie schwärmten sich in eine Idee hinein, in deren paradiesisches Hafentor das Land selbst hineingelaufen wäre wie das glückhafte Schiff der Legende, wenn es
Ruder und Maste und Steuerzeug dazu gehabt hätte. Aber es war keine
Gesellschaft da, die es hätte leiten, keine Zentrale, die es hätte führen können, es
war ein Staat von siebenundzwanzig Ameisenhaufen, ein Gewirr sich
befehdender Zwerge, ein Mosaik wie das Italien des Quattrocento, nur daß es
des Glanzes und der Höhe des Geistes entbehrte, die aus dem zerrissenen Italien
eine so ungeheure Einheit machten, daß die vielen kleinen Kreise nur seine Eigenart nüanzierten statt sie zu sprengen. Die Deutschen aber waren in eine
hilflose Diaspora hinausgetaumelt und hatten wohl Trennungen, aber keine
Gemeinsamkeiten und wohl ein Mosaik, aber kein Weltgefühl, das sich darin
spiegelte.
So furchtbar war das Wirrwarr der Leidenschaften und Empfindungen in
Deutschland ausgewachsen, daß selbst die klügsten Männer sich zu den Utopien flüchteten und ein Mann wie Forster, der mit Cook die Welt umsegelt hatte, bei
Beginn der französischen Revolution das Rheinland daran schmeißen wollte, da
er wahrlich an einen großen Staat der Freiheit deshalb glaubte, weil er überhaupt
etwas glauben wollte, um nicht zu sterben vor Übelkeit und sich lieber
entschloß, das Unmögliche als gar nichts zu glauben.
Die Freiheitsfeuer des Körner und seiner Schar waren wirklich umsonst geschichtet, wenn ihre Folge war, daß der Bundestag von
Achzehnhundertfünfunddreißig das „Junge Deutschland“ in Bann tat, das schon
damals für die Republik und in der Tat ebenso glühend mit der Feder wie die
Schwertsänger mit den Säbeln für die Freiheit kämpfte. In ihnen verdammte man
wohl seine besten Söhne und machte damit keineswegs die Lyrik der Arndt und
Schenkendorf und Rückert zu besserer Literatur. Armes Deutschland, dessen politische Dichter schließlich nicht einmal die großen Ankündiger der
Umschwünge in seiner Gesellschaft waren, sondern nur seine flackernden
Ungewißheiten, seinen mangelnden Charakter oder seine unbestimmbaren
Sehnsüchte ausdrückten. Und die auf der Flucht vor der Leere um sich das,
wofür sie kämpften, mit einer gewissen unklaren Dämonie statt in das Gesicht
ihrer Nation in den Sternbogen schrieben.
Denn wenn sie auch gegen Papst und Tyrannen und Dummheit stritten mit dem Mut der Löwen, so war es doch nur das dumpfe Gefühl für ein unklar
empfundenes und ihnen stets verhüllt gebliebenes Standbild der Freiheit, das sie,
ohne Nation hinter sich, weder zu erblicken noch zu gestalten vermochten.
Ja sie waren so verblendet, daß sie, wenn Deutschland wieder einmal am
tiefsten verloren war, statt die Freiheit in ihren eigenen Herzen zu suchen, sie in
ihren Kostümen exhibierten und nach dem Wiener Kongreß genau wie nach dem Versailler Vertrag in Deutschtümeleien und antisemitischen Paraden jenes Heil suchten, das ihnen nur durch eine wahrhaft innerliche Kraft zu dem echten
Deutschtum kommen könnte. Sie kämpften immer gegen, aber nie für etwas.
Selbst die Romantik, die so glühend und herrlich begonnen, war verurteilt, mit
einer Posse zu enden. Das Puppenspiel der Freiheit, das seine Dichter spielten
und in dem die Bettina und Rahel die Männer und den Geist der Epoche
durcheinanderbrachten, war verloren, als zwischen livrierten, Silberleuchter
tragenden, Lakaien Herr Schlegel als Attaché des Metternich erschien und jener Tieck, der gegen die Hofräte sich weidlich getummelt hatte mit dem
schmerzhaften Roß seiner Phantasien, im Rock des Hofrats den Laden schloß
und als Vorleser des vierten Friedrich Wilhelm auf das Schloß hinauf eilte, eifrig
sein Buch ergriff und seine alten Scherze wiederholte, während der König,
blödes Zeug zeichnend, den alten Dichter nach jedem Satze unterbrach, um
seinen Hofdamen seine Witze zuzurufen.
Ja sie haben dieselbe Rolle gespielt wie die Adamiten des zweiten
Jahrhunderts, die unter den Verhöhnungen der Menge nicht abließen, zur
Prüfung der Enthaltsamkeit sich nackt in den Städten zu bewegen. Aber die
Dichter haben, wenn sie sich um der Freiheit willen entblößten, nur den Spott
ihrer Landsleute über diese Verhöhnung der bestehenden Sitten
entgegengenommen und weder ihre Tugend gefördert noch die Nation gebessert, sondern nur den Stand bei der Menge verächtlich gemacht.
Mijnheer, dieser Sidney Smith, der durch die Entenjagd verhindert war, an der
Gegenwart teilzunehmen, war ein grader Mensch und in seiner Einfachheit ein
Charakter. Er erkannte die Leistungen nicht an, aber die Gesinnung. Er hatte
etwas vor uns voraus in dieser unbedingten Fähigkeit, das eine nicht zu sehen
und das andere zu empfinden und er vermochte die Gerechtigkeit der Beurteilung außer Acht zu lassen, aber die Geradheit und den Charakter nur zu
loben. Er hatte Recht, daß er die Gesinnungen bevorzugte und die Visitenkarte
sehen wollte. In stürmischen Zeiten ist es wichtiger, den Gegner zu wissen und
zu achten, statt sich mit undefinierbaren Breien an die Tafel setzen zu müssen,
und es gibt Zeiten, die mehr die menschliche Konfession als das Schmalz einer
falschen Schönheit verlangen.
Der Zauber der französischen Revolution hat, mehr als Bekenntnis wie als politische Forderung, bis tief ins vorige Jahrhundert hinein gedonnert und es gibt
eine Kunst, die weniger den Anspruch erhebt, eine Nation auszudrücken als ihr
Gewissen zu sein.
Die ganze Generation Europas während des Krieges hat sich irgendwie für
oder gegen ihn entschieden und damit irgendwie einen übernationalen und
europäischen Standpunkt eingenommen, wie er kaum vorher erreicht worden ist. Die Lyriker und die Maler sind mit an der Spitze marschiert, und manche Gedichte der Russen hätten in Italien, manche der Franzosen aber in
Deutschland geschrieben sein können. Lamartines „La grandeur d’âme est à
l’ordre du jour“, schien für eine gewisse Zeit ganz Europa zu erfüllen.
Zwar flauten die Stimmen der Helden bald ab, die überall den Tyrtäus bliesen,
und die Maschinenschlacht von vier Jahren bewies manchem, daß es schöner zu
leben, als zu krepieren sei. Aber je gewaltiger die Kanonen Europa
auseinanderrissen, um so heftiger wurde die Stimme, die auf allen Fronten sich der Zeiten erinnerte, wo die Menschen mit friedlichen Gewohnheiten und ohne
mörderische Blicke sich begegneten, und die Dichtung Europas erlebte einen
Hymnus der Kameradschaftlichkeit.
Zwar nahm unter dem Schwinden des Kriegsdrucks die Spannung ab und
mancher, der geglaubt hatte, ein großer Dichter zu sein, fand, daß er nur ein
Mensch mit Gesinnung war, aber ohne Zweifel hat die Lyrik Deutschlands in den Sängen Werfels einen der besten Hochschwünge erreicht. Der Schatten des
großen amerikanischen Urnings Withman stand über der Epoche, die einen
großen Weltakkord anstimmte. Die Lyrik unter Däublers weit verwuchertem
Versspalier, unter Becher, der die Strophen in einer Verzweiflung ohne Maß zu
futuristischen Quadern zerbrach, unter den Brüdern Schnack, Schickele,
Wolfenstein, Rubiner, Ehrenstein, Stadler, dem sanften Trakl, der Lasker-Schüler, Georg Heym, Weiß, Zech und Hasenclever spiegelt die Epoche, in der
sich der Mensch wie ein Gotiker gegen den Materialwahnsinn des Mordens
auflehnt, am klarsten wieder.
Es gibt in Deutschland kein Kunstwerk, das den Krieg verherrlicht hätte, aber
eine Masse, die sich gegen ihn stellten wie die trojanischen Fechter. Der Krieg,
den die Kunst kämpfte, war nicht jener der Kruppschen und Creusotschen Kanonen, sondern war der Krieg der menschlichen Gesinnungen gegen die
Barbarei, denn auch die Griechen waren seinerzeit nur ausgezogen, den Bruch
der menschlichen Gesetze zu ahnden. Bleibt auch bei jeder Gesinnungskunst
immer ein kleiner Verdacht der mangelnden Größe und entpuppte sich mancher
humanitäre Bramarbas oft als kleiner Don Quichote, wenn man an die Leistung
klopfte und das humanitäre Ideal ihm ein wenig von der damit gepanzerten
Herzgrube wegschob, so ist in der Lyrik ohne Zweifel seit der Romantik Deutschlands beste Leistung im Krieg gesungen worden.
Auch die Maler hatten die Hinterlassenschaft der Hogarth und Gavarni
aufgenommen. Das ganze neunzehnte Jahrhundert war gefüllt mit der
Proklamierung menschlicher Thesen, die man mit dem dafür erfundenen Mittel
der Lithographie an die Wände und an die Zeitungen schlug. Die Zeiten haben
sich stets auch ihre Techniken geschaffen. Der Holzschnitt gab dem Mittelalter die Treue und die Gläubigkeit und die Überzeugung seiner religiösen Kämpfe. Kupfer und Stahlplatte führten in die artistischen Gärten. Die Lithos schrien
nach den Pallisaden, wo sie die Erregung der Sekunde sofort zu spiegeln bereit
waren. Die Daumiers und Delacroix und Steinles und Lautrecs haben ihr
Jahrhundert attackiert, und selbst der unpolitische Gavarni hat in dem von Politik
fast platzenden Zeitalter Louis Philippes durch seine Verspottung der
politisierenden Spießer seine politische Mission getan.
Wie hat die Graphik schon den Bonaparte gefaßt und wie haben die Jakobiner die anrückenden Fürsten belächelt und mit welcher Schamlosigkeit, aber
welchem Mut hat man die Erotik und die phallischsten Zeichnungen aufgerufen,
um Viktor Emanuel und die spanische Isabella und Eugénie und Napoleon
unmöglich zu machen! Félicien Rops hat, um die Größe des Königstums zu
beweisen, den vierzehnten Ludwig mit einem Riesenphallos gezeichnet, den eine
Krone schmückte.
Von diesen politisierenden Absichten und ohne jede Frivolität zog sich die
Graphik in der Zeit des Krieges zum Teil sogar auf den Holzschnitt zurück,
suchte entweder Symbole der Menschen zu schaffen oder gab ein
leidenschaftlich zerrissenes Gesicht der Gesinnung zu erkennen. In den Blättern
von Frans Masereel, der täglich in der Genfer „Feuille“ gegen den Krieg
protestierte, in den Zeitschilderungen von Beckmann und Großmann, und in den fatal das Skelett der Zeit weisenden Anklagen des George Groß ist eine
künstlerische Höhe mit der Tiefe eines gesinnungshaften Glaubens erreicht.
Man kann sehr skeptisch sein und seine Zeit dennoch sehr vollkommen in
diesen Dingen sehen. Dem einen ist es bestimmt zwischen achtzehn und dreißig
Jahren zweiundzwanzig Frauen zu besitzen, wie Stendhals Martial, und dem
anderen ist es auferlegt, seiner Kunst und seinem Gewissen die fletschende Gebärde einer Zeit abzuringen, deren Formung so genau mit seinem Glauben
übereinstimmt, daß man diese Epoche nur als die Vermischung von Fegefeuer
und Seligkeit zu begreifen imstande ist.
Die edelsten Figuren in dieser humanitären Welle haben mit Romain Rolland
und Henri Barbusse die Franzosen gestellt. Auch Rolland ist kein überragender
Dichter, aber ein Mensch, dessen Horizont und Gewissen so weit sind, daß sie
seine Werke tief durchdringen. Er wie Barbusse sind Epigonen des Tolstoi, nur daß Barbusse, der den einzigen großen Kriegsroman in seinem „Feuer“
geschrieben hat, der mit der imposanten Haltung seiner Figur jene wundervolle
Plejade eines Völkerbundes der besten Geistigen der Welt gründen wollte, seine
eigene „Clarté“ zerschlug, indem er unter die Satzungen der Sowjets sich bückte
und in die Politik das hineinführte, was höchstens innerlichstes Bekenntnis sein
durfte. Die Duhamels und Chennevières, den tapferen Paul Colin an der Spitze, die Vildracs und Balzagettes sind von ihm, der zu dem Schwert sich entschlossen hat, nachdem er es bekämpfte, zu der milderen Gestalt Rollands
hinübergegangen, der die Reinheit der Kunst durch keinen Gewaltgriff besudeln
möchte.
Die schönste Stimme aber unter diesen seltsamen Kämpfern gegen den Krieg
hat neben René Schickele die mutige Frau, Annette Kolb, der an dichterischer
Kraft nur noch die jüdische Dichterin Else Lasker- Schüler, an stilistischer
Schönheit aber niemand zu vergleichen ist. Ihr Buch „Zarastro“ ist eine Kammermusik sehr erlesener europäischer Gefühle und tadelloser Bekenntnisse
und damenhaft distanzierter Gepflegtheit der Worte. René Schickele hat das Blut
und die Klugheit des Hirnes zu einer grandiosen Proklamation an die
Überlegenheit der Vernunft und die Heiligkeit des Geistes gewendet, und
Leonhard Frank das brutale Gespenst seiner Sätze zur Verteidigung der
Menschlichkeit gegen die Dummheit aufgerufen. Die schärfste Sprache hat Sternheim gegen diese Epoche der ausschweifenden Irrsinnstaten gefunden, und
weder in seiner Gespitztheit noch in Heinrich Manns Würde noch in Franks
Verzweiflung oder des Schickele heller Wärme hat der deutschen Prosa der
Genius gefehlt, der dieser Überzeugtheit und dem untadeligen Anstand nicht
noch den Kranz einer gewissen Vollkommenheit hinzugefügt hätte.
Die Epoche im Umkreis des größten europäischen Krieges hat ein weites Leichenfeld von Dichtern, die ihn in schlechter Weise besungen oder in edler
Form getadelt haben, und von dem möglichen und wahrscheinlichen Adel der
Gesinnungen ist nichts geblieben als ein taubes Korn. Aber in dem Konzert von
Mohrentrommeln, Dudelsäcken, Mitrailleusen, Schalmeien, Motoren,
Feuerbrünsten, Sackpfeifen und Sirenen, das als Echo hinter der Epoche
aufsteigt, hat sich in diesen Dichtern ein Orchester der Erlesenheit gehalten, das zur Kunst den Anstand und zur Höhe der Sprache die Kraft eines Gewissens zu
legen verstand.
Es haben am Rand der Zeit aber weder die Harlekine noch die tragischen
Spaßmacher gefehlt und die Leuchtfeuer des großen Weltdébacles haben sich
manchmal sogar im phosphorischen Glanz der Maden gezeigt, die in den
Kadavern ihre Orgien hielten. Die Jünglinge, die sich in Zürich zusammentaten
und sich den Namen „Dadaisten“ gaben, haben, um ja nicht irgendwie das bürgerliche Zeitalter zu berühren, sowohl die Sentimentalitäten wie die
moralischen Begriffe der seitherigen Welten abgelehnt und sich nur für den
Tanzschritt einer absoluten Zerstörung entschlossen. Selbst zum Krieg, an dessen
Begriff sich heute die Leidenschaften der Völker am heftigsten schlagen, haben
sie keine Stellung genommen und sich begnügt, in seiner Saat an Kokotten und
Schiebern ein ebenso zynisches wie originelles Festspiel zu entfalten.
Guter Aristophanes! Soviel Zynismus war noch in keinem literarischen Stall. Und soviele Menschen, die eine neue Fauna, das Kriegsaas, als
Schilderungsboden entdeckten, hat noch keine Gesellschaft hervorgebracht. Sie
haben ihr Programm der Zerstörung, ihre unverständlichen Gedichte, ihre
graphischen Stottereien, ihre Abende, an denen Klaviere und Schreibmaschinen
und Niggertänze um die Wette klapperten, wohl als Scherz gemeint am Anfang,
aber der Bluff wandte sich gegen sie und verurteilte sie, als die Lärmmächer
eines Zusammenbruchs der Welt eine Zeit lang ihren disharmonischen Cancan zu tanzen, der schon apokalyptisch vor den Wetterwolken der kommenden
gesellschaftlichen Auseinandersetzungen der Menschheit dunkel sich reckte.
Diese Welt ist innerlich zerplatzt, Mijnheer. Bis zu dem vierzehnten Ludwig
lief jene feudale Kraft, die Volk, Kunst, Glauben, Politik mitriß, dann bröckelte
alles ab und stößt sich von Revolte zu Revolte. Mijnheer, die Welt ist kein
Football und geht nicht von Goal zu Goal, sondern von der Bewegtheit zum Kristall. Sie ist geplatzt und will wieder zueinander, und alle Sänger der Freiheit
haben nur die eine Idee, sie wieder zu einigen. Das kommunistische Experiment
in Rußland ist in denkwürdiger Größe verloren gegangen. Die britische Insel, die
sich sehr früh durch ihre Glaubensrevolte konsolidierte, fühlt sich von inneren
Gespenstern bedroht wie nie. Deutschland ist wie allezeit der Nabel der Welt,
ihm ist der Bauch völlig aufgeplatzt und man beginnt ihn langsam wieder einzunähen.
Diese lallenden Jünglinge des „Dada“, die alles zu verachten und alles zu
zerstören bereit waren und mit einem grausamen Hohn forderten, man solle die
geistigen Menschen öffentlich auf dem Potsdamer Platz speisen und die Kirchen
als Bordelle einrichten, diese dadaistischen Jünglinge, die noch kühner waren
wie die Jakobiner, welche aus den Domen nur die Ställe ihrer Kriegspferde machten, sind nur die ersten Frissons jener Gespenster gewesen, die sich aus
einem überpolitisierten Zeitalter als die Hyänen einer unvorstellbaren Anarchie
am Weltuntergang auf uns stürzen werden.
Sie sind eine amüsante Posse in der Art des Malers Ensor, der mit einem
hemmungslosen und narzissisch lüsternen Grauen auch die ganze Gegenwart
vernichten möchte. Aber in ihrer Leistung hat, obwohl Herr Hülsenbeck und
Serner begabte Männer sind, die Muse so wenig gewohnt wie in jenen sowjetischen Proklamationen, mit denen die Russen eine neue Kunst
kommandieren zu können glaubten und vergaßen, daß sich die Ideen wohl
glauben und die Herzen wohl erhöhen und die Gefühle wohl steigern, aber
niemals die einen wie die anderen sich irgendwas befehlen lassen.
Über ihnen aber sind mit großem Freskostil die Bilder gemalt, die der Däne
Pontoppidan vom untergehenden bürgerlichen Zeitalter gemalt hat, mit denen Gorki eine neue Klasse ankündigt, die der Bornholmer Nexö mit einer fabelhaften Gewalt vom Kommen der neuen Gesellschaft prophezeiht und die
der Amerikaner Sinclair in seinen Werken anzeigt, die alle zur Eroberung der
Macht durch eine neue Gesellschaft fest entschlossen sind. Delacroix hat die
Freiheit mit der Jakobinermütze noch gezeichnet als schönes Weib mit einer
Fahne. Pennel hat in seinen graphischen Blättern den Panamakanal und ein
denkwürdiges Monument des arbeitenden Fleißes widergespiegelt. Bei Sinclair
und bei Nexö findet sich mit paradiesischer Sicherheit bereits der von der Sklaverei befreite Mensch der niedersten Klasse, der sich mit den herrschenden
und schwer beschädigten Klassen zu vermischen oder sie zu vernichten bereit
ist. Wissen Sie, was das heißt, Mijnheer? Tod oder neue Gesellschaft.
Man soll nicht pathetisch werden, wenn die ernstesten Dinge kommen, die
großen Szenen der Wirklichkeit spielen sich von selbst. Man sieht sich leidlich
ebensogut nüchtern um. Um Siebzehnhundertsiebzig wurde von James Watt der Begriff der Pferdestärke geprägt, die Maschine war erfunden, expreß fast, wie es
scheinen möchte, um die Zerstörung der seitherigen Welt zu beschleunigen und
zu präzisieren. Die Eisenbahnen waren die teuflischste Erfindung der
Demokratie, und die Burgen der Feudalzeit hingen als schlechte Witze über
ihren Geleisen. Man fährt im Flugzeug nach Amerika und in einem Tag nach
Moskau, photographiert auf tausende Kilometer, telegraphiert ohne Draht über den Erdball, hat die Pole entdeckt und kein Geheimnis mehr auf dieser Welt.
Zu der Staël sagte ihr Vater Necker, da sie so dekolletiert sich zeige und nichts
dem Blick verweigere, möge sie wenigstens ihr Gesicht verhüllen. Europa hat
sich ausgerast und könnte nun beginnen, sich verhüllt auf sich selbst und seine
Aufgaben zu besinnen. Die Dichter, die sich gegen es gestellt haben, sind seine
besten Berater gewesen und haben seine Idee am wahrsten behütet. Es hat sogar nicht einmal einen einzigen deutschen Poeten der Reaktion gegeben, der von
Bedeutung gezeugt hätte und man kann wohl schließen, daß die Reaktion darum
eine Gott ungefällige und schlechte ist.
Auch die Neuauflage der Gedichte zum Krieg von Lissauer, Körner auf
Zeitungspapier und einige zwischen Weltfriedenssprüche rasch bestellte
Kriegslieder von Gerhart Hauptmann würden die Reaktion nicht mit dem Fleisch
versehen, das ihr ebenso fehlt wie der Geist. Die Republik müßte sehen, sich zu festigen zu einer neuen Gemeinschaft oder sie muß mit ihrer Getreuen sterben.
Europa muß eine Weile sein Haupt verhüllen und sich beruhigen und auf sich
besinnen. Daß seine Dichter sich gegen ihre Mutter gestellt haben, war diesmal
keine Politik und war keine deutsche ziellose Verzweiflung, sondern war sowohl
die Besorgnis des Geliebten wie die Vorbereitung der Zukunft. Mehr kann man
nicht tun.
Der Entenjäger Sidney Smith war vielleicht ein Narr, aber er ahnte, daß in manchen Zeiten die Menschen wichtiger sind als ihre Bücher. Das ist eine
Barbarei für den Künstler und eine Roheit für den Kultivierten. Aber auch im
Mittelalter sind die Könner manchmal in die Kutte der Prediger gesprungen,
Apollo hat wie in des Euripides „Alkestis“ auf einer so menschlichen Flöte
geblasen, daß zu den Rinderherden sich die gefleckten Luchse und die
feuerfarbene Schar der Löwen im Spiel gesellte.
Man tut das Seine und schafft seine Leistung wie man kann und keiner wird den Könner unwürdig ehren. Aber man lebt nicht für die Kunst, sondern für die
Zukunft und man steht am Vorabend einer abscheulichen Mörderei oder einer
neuen Gesellschaft. Man muß sich entsprechend einrichten. Denn man lebt
schließlich nicht auf einer begnadeten Zeit, sondern in manchem Sinn in einer,
wenn auch geliebten, Hölle.
Mijnheer, geschichtliche Tatsachen erklären heißt nicht Partei nehmen, sondern sich für den gesunden Gang der Dinge aussprechen. Eine alte Zeit, der
nachzujammern so dumm wie unbescheiden wäre, hat sich vollendet. Die letzte
Großherzogin von Baden war blind und fuhr viele Jahre hindurch durch ihre
Hauptstadt im Glauben, daß jedermann sie begrüße. Es wagte niemand ihr zu
sagen, daß sich die Zeit verändert habe und sie fuhr auf ihrem schon
unwahrscheinlichen Wagen grüßend und nickend durch die Jahre und die Straßen, ohne daß die Bevölkerung sich um sie scherte und ohne daß sie es
ahnte. Es hat eine gewisse Größe, wie diese Zeiten sich unbewußt neigten. Zur
selben Zeit sandten die französischen Regierungen Deputierte nach Afrika, die
Negerstämme zum fleißigen Verkehr der Geschlechter und zahlreichem
Kindersegen aufzufordern, um ihre Cadres für kommende Kriege und
Revolutionen aufzufüllen mit schwarzen Soldaten. Das ist Europa, Mijnheer, und zwischen beiden Bildern schwebt mit einer gewissen unbestimmbaren Schönheit
das dritte Bild seiner neuen Konsolidierung.
Nicht jedermann, Mijnheer, ist overdressed, der besser angezogen ist wie man
selbst, und nichts ist schlimmer wie ein Hochmut, hinter dem nichts steckt. Jedes
Volk hält sich für das auserlesene und keines hat die Demut, an seine innere
Kraft statt an seine sichtbaren und äußerlichen Symbole zu glauben und jedes
steht sich damit selber und der Menschheit im Licht. Man liebt es nicht, die Gesinnungen zu ehren, auch wenn sie befremdend sind, sondern man läßt die
Feuerstakes gewähren und hält die Sitten der Jahrzehnte über die Seele der
Nation. Ach, wenn die Nationen sich in Riesen verwandeln würden und wie
Antäus ihren Völkern zeigen könnten, daß nur seine wahre Kraft entfalten kann,
der wahrhaftig auf seiner eigenen Erde richtig steht und nicht auf Lügen
schaukelt, auf Einbildungsregenbogen dahergeht oder in Schlummerrollen der Bequemlichkeit schläft.
Die Riesen würden sich ein Geschlecht züchten, dessen Untergrund wohl
etwas von der Naivität hätte, mit der jener Sidney Smith die Welt anschaute
hinsichtlich ihres Charakters und ihrer Gradheit, denn ohne Menschlichkeit gerät
vielleicht ein Kunstwerk, aber keine Nation. Wo aber keine Gesellschaft ist, wird
auch die Kunst und die Könnerschaft verdorren und es werden vielleicht die
Disteln aber nicht die Dichter wachsen.
Die Riesen werden die fauligen Menschen ins Meer schmeißen, wie Kronos mit einem Teil seines gestürzten Vaters Uranos tat, worauf aus dem Blutschaum
sich ihm als das schönste Symbol die Aphrodite gebar. Man muß Europa auf sich
selbst bringen, sonst rast es sich tot.
Europa hat nach dem Krieg statt einundvierzig nur noch siebzehn Monarchen,
es betrübt das vielleicht den Monarchisten, aber es bedeutet im Grunde nichts.
Europa ist etwas größer wie die Hälfte von Südamerika, von dem die Europäer fast nichts wissen und ist lange nicht die Hälfte so groß wie der Norden
Amerikas, vor dem ihm graust. Europa ist in eine völlige wirtschaftliche
Unterordnung zur neuen Welt getreten und hat sich in siebenunddreißig Staaten
geteilt. Europa muß viel Hochmut haben, um seine Situation nicht zu verkennen
und sehr viel Bescheidenheit, um klar zu erkennen, wo es steht und wohin es
fährt.
Es fährt mit einem Schiff, in dem die Steuermänner und die Kapitäne und die
Matrosen dreißig Sprachen sprechen, wo alle bewaffnet sind und wo neben den
Gewittern die Hungersnot und das Elend und der Haß die einen gegen die
anderen voll mörderischer Gedanken gemacht haben. Viel anders sah es auch
nicht aus auf dem Schiff des Kolumbus, allein seine Leute vermochten dennoch
die Neue Welt zu entdecken. Sie führten unter anderem den abgeschlagenen Kopf eines Heiligen als Reliquie bei sich.
Ich entsinne mich, Mijnheer, hierbei eines Marmors im „Luxembourg“, den
ein Künstler jenem Dichter widmete, der zur Tröstung einer schönen
Mitgefangenen im Kerker einunddreißigjährig eines der drei großen Gedichte
der französischen Sprache schrieb, eh’ die Bergpartei der Schreiber ihn
guillotinierte. Er nannte es „die Muse André Chéniers“. Eine junge Frau, mit
unberührten Brüsten und der zärtlichsten Wollust der Schenkel drückt mit der Innigkeit unbrechbarer Zuneigung den abgeschlagenen Kopf des Dichters an
ihre Brust und ihren Mund.
Ach, hätte das Schiff Europas das gleiche Wahrzeichen wie jener Kolumbus
bei sich und vermöchte der Geist so stark zu werden in ihm, daß es die Liebe
seiner verstoßenen Söhne so begriffe, daß es sie ebenso zärtlich grüßte wie die
Muse den Kopf des Chénier. Denn im Augenblick der Berührung erhält der marmorne Kopf des Dichters neues Leben und seine Muse trinkt sein Blut.
Mijnheer, das Parabolische ist nicht der Genre eines holländischen Gentleman,
ich verwirre mich in Bilder und Erinnerungen und ich habe einen Augenblick
geträumt mit der Kühnheit eines Kindes. Kehren wir aus dichterischen Träumen
in die Zahlen unseres mathematischen Zeitalters zurück. In diesem Kursbuch
stehen die Tageszeiten aller Kontinente und ihre Tabellen zum Gebrauch der
Börse. Noch, Mijnheer, kann man, fährt man von New-York nach Europa,
täglich seine Uhr um dreiviertel Stunden vorrücken. Verstehen Sie mich, obwohl ich schon halb schlafe?
Möge nicht die Zeit kommen, wo man sie zurückstellt in seinem Herzen!