Das Bücher-Dekameron
Die fünfte Nacht
Ich will Ihnen davon erzählen, wie ich das Steuer meines Lebens in die Hand bekam, Mijnheer, von einem Flugzeug, von Pernambuco und meiner Kindheit.
In unserer Bibliothek hing jeder Erstgeborene der Familie die Bilder dreier
Männer auf, die sein Leben schirmen sollten. Ich hing mit Siebzehn bereits unter
meines Vaters Führer, unter Montaigne, Homer und Bismarck die Bilder des Luftschiffers Blanchard, des Herrn von Lesseps, der den Suezkanal durchstieß,
des Meisters Blériot auf. Ich kam zur Strafe am folgenden Tag zu Tante Evelyn
aufs Land und begann sofort hinter ihrem Rücken einen Gleitapparat zu bauen,
um das hügelige Gelände auszunutzen. Tante Evelyn bemühte sich aber, mir eine
höhere Ansicht beizubringen und nahm mich mit in die Stadt, wo vor einer
glänzenden Gesellschaft ein bärtiger Herr über Ceylon und China Einiges vorlas.
Es waren für deutsche Verhältnisse sehr elegant gemachte Schilderungen
dabei von Pullmans und Chinatowns, aber obwohl er, wenn es spannend ward,
jeweils unverständliche Nutzanwendungen fürs praktische Leben dazu gab, zog
ich das Portefeuille, denn ich dachte, es sei ein Clerk vom Reisebureau, aber
Tante verbot es mir. Ich war gewohnt, die Börse zu ziehen, wenn bei uns Hinrek
Maasen von Sumatra erzählte und am Schluß seinem Affen den Schwanz
hochzog, daß die Weiber quietschten, aber ich ahnte nicht, daß meine Tante mich mit in die Weisheitsschule des Grafen Hermann Keyserling geführt hatte. Ich
sagte ihr, ich hätte Romane von ihm gelesen, aber sie zog auf der Heimfahrt
ihren Tibetpelz vor den schönen Mund, fröstelte in der Mondnacht und meinte,
das sei eine Verwechselung, fast jeder Balte sei ein Keyserling, und der, den ich
meine, sei nur ein Dichter und heiße Eduard.
Ich begriff nicht, warum man nur ein Dichter sei, wenn man glänzende Romane schriebe, aber hingegen gefeiert werde, wenn man unter dem Namen
Hermann den Baedeker in graziöse Philosophie übersetze und dadurch
unverständlich mache, und beschloß, mich mit den Schriften des Grafen
auseinanderzusetzen, nachdem ich meinen Gleitflugapparat mit Leinen aus
Tantes Vorrat bespannt und imprägniert hatte. Ich ersah daraus, daß der Balte
über Reisen gut schreibe, jedoch seine Landschaften mit Philosophie, seine Gelahrtheit aber mit Wasserfarben verdünne. Ich fand, daß er gegen den Krieg
sei, aber heroische Kriegerischkeit lobe, daß er mit dem Sozialismus kokettiere
und ein aristokratisches Standesbewußtsein lehre, daß er schrieb, Deutschlands
Bevölkerung sei erbärmlicher im Kriege gewesen wie die Frankreichs, und
dennoch mit allen abgesetzten Fürsten verhüllte Blicke wechsele, daß er die
Einfachheit des Lebens pries und sich allen Sprossen der Wirtschaftskapitäne als kluger Mentor im Sinne ihrer Weltauffassung empfahl.
„Findest du nicht, Tante Evelyn,“ sagte ich, „daß der Graf nichts anderes ist
wie ein God-Dag-Mann in Kopenhagen, der nach allen Tischen seine
Verbeugung macht?“ „Mein Junge,“ sagte Tante Evelyn, und winkte ihrem
schwarzen Diener, „mein Junge, du bist noch nicht alt genug, um zu wissen, daß
man alles kennen muß, um alles zu vereinen.“ Ich grübelte lange darüber nach
und beschäftigte mich darauf mit der konstruktiven Basis einer Welt-Auffassung, wie der Graf sie besaß. Mich interessierte die Mechanik, auf der so
verschiedenes Zeug beruhen konnte, aber ich fand keinen Punkt und kein System
innerhalb dieser Gedankenmaschine. Da kam mir eine phantastische Idee.
Diese Geschichte, Mijnheer, ist eine sehr abenteuerliche Sache, ich kürze sie
ab, so gut es geht, aber es geht darin herauf und herunter. Am anderen Tag kam
im Flugzeug aus Prag ein berühmter weißbärtiger indischer Dichter in die Weisheitsschule, und hatte der Graf vorher schon den größten Zulauf, so
wanderte nun halb Deutschland hin. Ich halte Tagore heute für einen gut
europäisierten Denker, meine aber, in Indien, mit dem er gar nichts zu tun hat
und wo Literatur seit Jahrtausenden gepflegt wird, dichten die Sackträger so.
Kurz, zumal der Graf aufforderte, nur die besten Deutschen sollten diese
exotische Schau vornehmen, begleitete ich Tante Evelyn lediglich, um den Äroplan des Inders anzusehn.
Ich ging nach dem Hangar und sah nach der Marke: „It is a Farman of
course,“ konstatierte ich zu dem Piloten. „In whose interest do you come here?“
Er antwortete in seinem tschechischen Slang: „C’est une affaire de propagande
pour la maison de Cook.“ Er hielt mich für einen Piloten und grinste mich
verständnisinnig an. Am Abend nahm ich den Schwarzen, den der Graf bei Tante Evelyn untergebracht hatte, mit hinter die Scheune, hielt ihm eine Pistole unter
die Nase und er gestand das gleiche. Ich lachte die halbe Nacht. Am Morgen
hatte ich den Punkt gefunden, von dem aus die Konstruktion so vieler Ansichten
gehalten wurde: Es war einfach Cook.
Cook transportierte die „Blüte der Nation“ zu jener Weisheit, die wiederum
Cook im Interesse seiner Reiserouten selbst kreiert hatte. Zwischen Niederwald
und Bayreuth kam ein neues Denkmal deutschen Geistes zu stehen. Es war eine glänzende Spekulation. Kein Deutscher würde sich die Besichtigung entgehen
lassen. Gemacht! Das Ausland würde sich die Sehenswürdigkeit eines
Aristokraten, von dessen Rasse man annahm, sie speisten belgische
Kinderhände, und der in Philosophie machte, nie verkneifen. Sensationeller als
ein Schlachtfeld! Ich sah mich für meine erste Bewegung nachträglich
gerechtfertigt, ich hatte mit Recht die Börse gezogen, und Hinrek Maasen mit seinem Affen und Sumatra hatte auch recht gehabt.
Ich stürzte den Mittag über den Treibhäusern Tante Evelyns ab und hatte das
Unrecht, mitten in ihnen zu landen. Ich mußte nämlich lachen, als Tante Evelyn
im gleichen Moment den Garten betrat, denn ich dachte an das Amulett an ihrem
Hals. Ich hatte aus den Geständnissen des Niggers entnehmen müssen, daß sein
Zweck war, seine Locken zu opfern für die Andenken, die täglich von dem
denkerischen Vorkämpfer Deutschlands gefordert wurden. Ich dachte daran, fiel,
und meine Rolle war ausgespielt.
„Ich wüßte keinen Balten,“ sagte mein Vater, als ich ihm die Sache mit allen
Umschweifen erzählte und mit meinem Sturz endete, „ich wüßte keinen Balten,
der mich aus dem Gleichgewicht brächte“ und lächelte ein wenig. Dies Lächeln
ging mit mir, als ich am nächsten Tag mit seiner Erlaubnis zu Onkel Gilbert fuhr,
der bei Citroën in Paris an einer Verbesserung des Dieselmotors bastelte. Seine
Motore sollten Schiffe anspringen lassen mit Hochgeschwindigkeit, drehen lassen wie Kreisel, unabhängig machen von Kohle. Es interessierte mich mit
allen Fibern und war mir mehr Glück als die Schule der Weisheit von Cook. Es
interessierte mich sehr, aber es mißlang.
Wir boten die Sache nunmehr auf mein Anraten auch Cook an, und siehe, der
Mißerfolg störte ihn keineswegs. „Kaufen wir,“ sagte er „es ist Sensation.“ Er
bot meinem Onkel dann die Schlußleitung des Baues der elektrischen Schnellbahn an durch Mittelamerika. Wir bauten die Sache fertig, ich
beaufsichtigte sechstausend Chinesen, schoß nachts mit Maschinengewehren
nach Pumas, die wie russische Kavallerie anrückten, ich fuhr mit Gilbert und
dem Präsidenten Huerta im fahnengeschmückten Lokomotivwagen die
Eröffnungsfahrt durch Mexiko.
An der Empfangsstation stand Cook und drückte dem Onkel und mir Scheks in die Hand. „Wie heißen Sie, Sennor?“, rief er hinter dem Onkel her. „Ich habe
Ihnen den besten Motor der Welt verkauft“, sagte Gilbert und steckte die Hände
in die Taschen. Cook lachte über das ganze Gesicht: „Sind Sie Ihr Motor,
Sennor? Name ist kein Geschäft.“ Mijnheer, ich wurde rot vor Wut und wußte
nicht warum. Ich bin von Geschäft zu Geschäft gefahren in der Folge, ich sah,
daß alles käuflich war, daß alles nur Geldwert hatte, Börsentaxe und Preis. Ich
flog zwar mit Ernst von Csala von Berlin bis Neapel, tauchte zweitausend Meter mit dem neuen Motor auf den Meeresgrund, ich liebte mein Dasein zwischen
Eisenkonstrukteuren, Hochstaplern, Erfindern. Geschäft, Geschäft! Ich bekam
Geld und war nicht glücklich. Ich war ein smarter Junge, Mijnheer, und auf
meinen Vorteil aus wie ein Balte, allein mir fehlte etwas und ich wußte nicht
was.
Auf einem Segler hinter Martinique wurde ich krank, der Arzt diagnostizierte gelbes Fieber. Auf der Höhe von Paramaribo hißten wir die gelbe Flagge, kein Hafen gab das Anlegesignal. In Maranhao zog man die Flagge ein, schmuggelte
mich ans Land, ein deutscher Arzt konstatierte die Pest, ich riß aus vor der
Baracke, ein andrer heilte mich, aber ich hatte auch da nicht das, was dieser
bestimmte. Aber ich hatte das Vergnügen, Herrn Kamnitzer zu empfangen, der
von Pernambuco heraufkam, in Firma Reiß Irmãos & Compagnia, ich hatte gute
Beziehungen von Mexiko zur Compagnia, ich hatte ihr manchen Gefallen getan
und sie umwarb mich, ich trat ein.
Ich trat in die erste Firma ein, die Brasilien besitzt. Trat ich in die Loge des
Theaters, sandte der Gouverneur Pernambucos seinen Adjutanten, mich zu
begrüßen, fuhr ich im Segelboot der Firma durch den Hafen, salutierte ein
Kriegsschiff. Doch das Kriegsschiff salutierte nicht mich und nicht Marion, die
Tochter von Reiß Irmãos & Compagnia, obwohl sie schöne Zähne und
entzückende Beine und die Hüften eines Jungen hatte, sondern es salutierte das Geld der Firma. Das ärgerte mich, aber ich verliebte mich in Marion, und nun
stand mir ein Reichtum bevor, wie keinem andern in Brazil, ich würde Land
haben, größer als „The German Empire“.
Ich konnte mich aber nicht gut mit Marion unterhalten, trotz ihrer breiten
Schultern, ihrem schmalen Becken und tiefgrauen Augen, denn sie verstand
nichts von Dingen, die uns angehen, und in ihrem Hirn war nichts als Luft! Ich schenkte ihr also, um sie anzuregen, das einzige Buch, das ich hatte, das Tante
Evelyn mir in diesen Tagen sandte, sie las es aber nicht, sondern schenkte es
einem deutsch redenden Koch, das kränkte mich, denn es war immerhin, wenn
es auch vom Grafen Keyserling war wie alles, was Tante Evelyn sandte, ein
gescheites, und für Marion, die nur auf Pferde dressiert war, ein gut
geschriebenes Buch. Sie war jedoch zu gut gewachsen, um ihr für Fehler ihrer Bildung zürnen zu können, ich überging es. Aber ich ging in die Küche, als ich
dort laut deutsch singen hörte.
Da fand ich den schwarzen Diener meiner Tante, er hatte das Buch des Grafen
auf eine Pfanne über den Herd gelegt, die in der Luft schaukelte, las laut und mit
Tränen die Seiten, und wenn er eine beendet, riß er sie gerührt aus der Bindung
und drehte sie als Pappillote in seine Haare. Er sah mich traurig an, als ich ihn
frug, warum er hier sei, griff an den Kopf und lüftete über einem nackt schillernden Schädel seine wollige Perücke. Seine Natur hatte einen furchtbaren
Streik geführt gegen die übergroße Beanspruchung seines Schädels, trotzdem er
zu einem besonderen Zweck, zur Wiederherstellung der Weisheit in
Deutschland, ihn zur Verfügung gestellt hatte.
Ich gab ihm fünf Dollars und dachte, es sei nicht gut, mit „clever“
geschriebenen Büchern eine faule geistige Bewegung in Deutschland starten zu wollen, denn das Papier und die Schädel gerieten nur tragisch aneinander. Aber ich dachte auch, es sei nicht gut, mit seinem Geist ein Geschäft zu machen, denn
Geschäft sei alles, und darin zu ersticken sei erbärmlicher und langweiliger als
ein Steward oder Chasseur zu sein. Ich dachte aber auch, es sei von Marion nicht
schön, das Buch gar nicht zu lesen, und daß der Nigger sie beschäme, der nur ein
wenig an Europa und nicht an seinem besten, sondern seinem anstößigen Teil
geleckt habe. Während ich das bedachte, in diesen Tagen, wurde der Gesang in
der Küche leiser und schwieg dann, der Schwarze mußte die Lektüre beendet und wohl alle Seiten in die Perücke gerollt haben.
Mijnheer, wie raten Sie, daß diese Geschichte endet? . . . Wie ging dies Stück
Jugend zu Ende? Sehr rasch. Ich ging eines Morgens in diesen Tagen in den
Garten nach Wochen einer säuigen Hitze, in deren Feuchte nachts die Schuhe
vor den Türen schimmelten, ich ging in den Garten. . . da lag das Himmelblau so
geschliffen, so unendlich zwischen den Bäumen ausgespannt, daß mir armem Burschen die Tränen in die Augen schossen. Ich hatte vorher zum ersten Male
ein Gedicht von Nietzsche gelesen und ich hatte plötzlich die Sehnsucht eines
besseren Lebens im Blut.
Ich riß die Nacht noch aus, ich fuhr instinktiv nach Europa zurück. Ich hatte
mein Herz und mein Temperament an die tackenden Rhythmen der Motore
gehängt und nichts erlebt als Geschäft. Ich hatte die öffentlichen Wunder abgegrast und nichts erlebt als Geschäft. Ich hatte mich meiner Zeit in die Arme
geschmissen und sie hatte mir nichts gegeben als Geschäft. Ich pfiff darauf.
Ich ahnte die Anerkennungen, die erst dahinter liegen mußten, ich spürte den
Glanz und den Ruhm einer höheren Bedeutung. Ich bekam Sehnsucht nach
Europa, wo gemalt und geschrieben wird, wo die Frauen die Bücher nicht den
Schwarzen schenken, wo die Vierzehnjährigen nicht die Dreizehnjährigen heiraten, wo die Nigger nicht das Wahlrecht haben und wo man die Mädchen
nicht in Hängematten halb wie Göttinnen und halb wie Schweine züchtet. Ich
wollte eine höhere Anerkennung meiner Leistung als Geld, ich wollte, daß man
meinen Namen behält, ohne Absicht auf Geschäft. Ich hatte die Entdeckung
eines Ruhms der inneren Leistung gemacht, ich fuhr nach der Alten Welt mit
einer Glückseligkeit ohne Maßen.
Ich desertierte wohl, damit Sie mich nicht falsch verstehen, von Reiß Irmãos & Compagnia, um den Ruhm zu finden, aber ich machte deshalb keine
geschäftlichen Dummheiten, sondern blieb smart. Ich machte mich auf, nun
endlich die geheimen Wunder zu suchen, etwas über Blériot hinaus und etwas
glänzender wie die Karikatur des Balten. Ich trennte mich an jenem Tag von
Chamforts Armee der Dummen, die alles Geistige verlacht, aber ich gesellte
mich keineswegs zu den hochmütigen Fratzen, die auf den Motor wie auf eine Ratte herabsehen. Ich war ein Meister der Impertinenz, aber ich habe das Erröten dazugelernt.
Das beste Gesicht der Gegenwart ist der Ausdruck des Mannes, der etwas
nach unten Lauschendes besitzt, weil sein Ohr den Gang des Motors zu
kontrollieren gewohnt ist, dessen Stirn aber mit einem gewissen Respekt vor der
Größe der geistigen Welt über der scharfen Nase nach oben getrieben
emporstrebt.
Man sagt Ja zu der Gegenwart so, ohne sie zu überschätzen. Man nimmt ihre Sensationen, Gottseidank und erheitert, und weiß sich eines ewigen Besitzes
dennoch nicht unteilhaftig.
Dies, glauben Sie, sei natürlich, und ein Narr, wer diese Verbindung nicht
fände? Es hieße, Mijnheer, die Diane de Gabies mit Aphrodite Kallipygos in eine
Figur bringen, das schmächtig Knabenhafte und die wollüstige Fülle verbinden,
es hieße Leben und Arbeit versöhnen, Kampf und Muse in dasselbe Bett zur Zeugung legen und schließlich Kunst und Dasein in eine seltsame Harmonie
wiegen.
Das, Mijnheer, ist fast Übermenschliches schon, und wer es völlig zu lösen
verstände, wäre ein Alchimist oder der Genius. Wer dem Ziel aber nur
nahekommt, hat verfluchtes Glück oder eine gesegnete Masse Blut gelassen.
In der Tat, Mijnheer, ich bin von Reiß Irmãos & Compagnia desertiert, weil ich andere Liquidationen vom Schicksal erwartete als den platten Erfolg oder
das angenehme Leben. Wie aber fand ich das Ideal gehütet jenseits der Scherze,
denen ich in meiner ersten Jugend beiwohnte? Wie fand ich später, als ich
nachdenklich und kritisch wurde, Nation und Leistung und Kultur
zusammengewachsen mit jener geheimnisvollen respektuösen geistigen
Erregung, die jeden bedeutenden Ruhm in ihren Tiefen lange über die Menschheit erzittern läßt?
Ach, Mijnheer, ich fand die Stellen nicht mehr, wo die Traditionen und die
Gegenwart sich zusammenfügten, und ich fand den Hebel noch weniger, mit
dessen Kraft die Gegenwart einen Einzelnen als ihren repäsentativen Träger
heben konnte. Ich fand nur Zauberkünstler und Akrobaten.
Aber ihre Trikots waren so durchsichtig und ihre Kunststücke so erbärmlich,
daß auch das Publikum ihnen bald nur Gelächter schenkte. Ich fand die Aristokraten, die das geistige Leben lange trugen, schmollend beiseite, weil es
ihnen politisch scheinbar kontrekarrierte, ich fand die Bürger das geistige Leben
subventionieren und innerlich verachten und die Arbeiter noch beschäftigt mit
der Befreiung aus der Sklaverei und weit entfernt, aus sich schon jetzt eine
Unterlage von Gesellschaft unter die Gegenwart zu schieben. Ich fand wohl die
irgendwo schwebende Ehrfurcht vor den Taten der Weisheit, aber ich fand nicht die Nation, die ihr schönes Geäste über sich hochtreiben könnte.
Ich muß daran denken, daß ich Anatole France und Herrn von Ghérardine an
einem und demselben Tage einmal traf. Ich sah, wie der greise Romancier die
Grenzen seiner Wirkungsmöglichkeit und die Geringfügigkeit eines wirklichen
Einflusses mit seiner melancholischen Heiterkeit klagte. Und ich hörte, wie mir
Ghérardine, der mit den violetten Farben des Quartier Latin geschmückte König
der Bohème, ein Verse machender verkommener Bürger, Bruder eines Admirals
der französischen Flotte, dem man Absynths bezahlte, mir abends vor einem Café des Boulmich gascognierend rühmte: wie sein Beispiel und seine
Angriffslust seine Bevölkerung beeinflußt habe.
Beide waren im Unrecht, ebenso wie Rousseau, der meinte, die Künstler
verdürben das Volk, und der ihnen damit eine Tätigkeit zubilligte. Kein Dichter
hat einen wahrhaften Einfluß von sich auf die Welt gehabt und keiner hat sie
verändert. Sie vermögen dem Volk und der Zeit und den Sitten nichts anzutun, denn sie sind nur deren Produkt. Rousseau war ein Naturbesessener, weil seine
Zeit auch ohne ihn begonnen hatte, aus den Zwängen und Vergipsungen zu
stürzen und die Freiheit wieder zu suchen. Anatole France hat das Pech, nicht
die Spitze einer erlesenen Epoche zu sein. Aber er ist darum gerade der
Repräsentant seiner Gesellschaft, die er nicht beeinflussen kann, weil sie fertig
ist, und die nicht auf ihn hört, weil sie genau so skeptisch ist wie er. Und er irrt, wenn er annimmt, daß sein Volk eine Anatole Francesche Ironie trage, vielmehr
besitzt sein Werk nichts anderes wie das müde und sich verspottende Lächeln
seines Volkes, in dessen Widerschein allerdings seine bürgerliche und
abgekämpfte Zeit wie in einem eleganten Todesurteil schläft.
Auch Herr von Ghérardine ist nicht ohne Sinn, obwohl er ein platter Narr war,
denn er hatte die Einfalt eines Glaubens, der so widernatürlich dumm war, daß ihn bloß die Idioten besitzen können. In Wahrheit hat nie ein Künstler
eingegriffen mit seinem Werk auf das Gefühl seiner Nation, sondern er ist als
Erfüller ihrer Höhe oder als revolutionärer Bekämpfer stets nur Seismograph
ihrer sichtbaren oder geheimen Veränderung gewesen.
Sprach er die Sprache seiner Zeit, so war er Zeuge ihrer Erlesenheit, rief er
aber zum Kampf auf gegen die Nation, so handelte er auch als ihr Beauftragter,
denn sie hatte dann jeweils Lust, statt der verbrauchten eine andere Form sich zu nehmen.
Für oder gegen die Gesellschaft sein heißt nur ihre momentane Kraft oder
ihren nahenden Zerfall spiegeln. Mehr hat kein Künstler vermocht, aber mancher
wohl gewünscht. Wer daraus schließt, daß erst die Dichter die Revolten ausriefen
und dann die Umstürze erst kämen, der verwechselt ganz an der Oberfläche des
Denkens die Ursachen mit den Wirkungen, indem er nicht einmal bedenkt, daß Gedanken sich rascher formen als die schweren politischen Tatsachen.
Darum sind die krampfhaften Messiasse mit den moralischen Wegweisern am
Hut und den Kommandos zur Läuterung auf der Zungenspitze bedingungslos
verdächtig, weil eine Epoche, wenn sie aus dem Verruchten heraus will, sich des
moralischen Zeichens ihrer Absicht bei den Dichtern mit einer natürlichen
Selbstverständlichkeit und einer organischen Innigkeit der künstlerischen Maße
bedient. Ethik als Dompteurnummer ist eine Erfindung schwacher Dichter und
verwirrter Perioden der Geschichte.
Die eindeutigen Perioden haben sich klarer zu entfalten gewußt:
Karl der Große benutzte Kunst, um eine christliche Politik zu üben, und im
„Rolandslied“ war es immerhin schon so, daß er der beste und seine Feinde die
schlechtesten sind. Aus diesem Säuglingsniveau der Geschichte trat im
Mittelalter die Dichtung als Spiegel neben die Zeit, die Gesellschaft der Höfe ist
ihre Tugend und die Gefühle ihrer Form sind die der Sitten ihrer Nation. Hermann von Thüringen gab Walther von der Vogelweide Aufträge und
Wünsche, und die ganze Veldecke-Epigonenschaft dichtete ihre Literatur um
seinen Hof so, als ob es seine Wünsche wären.
Um die Jahrtausendwende schrieb die Murasaki die vierundfünfzig Kapitel
des lasterhaften Erziehungsromans auf Befehl der Kaiserin am Biwasee, indem
sie das Mondspiel auf den Wellen ansah, und sie gab damit nichts wie die Gewohnheiten ihrer klassisch-japanischen Epoche.
Als die Teppichwirker von Arras und Tournai die Höhepunkte der
Gobelinkunst erreichten, spiegelten sie nur die Kurve ihrer Zeit ebenso wie die
Sorgfalt des burgundischen Philipps, der die Bedeutung dieses Kunstzweigs so
begriff, daß er ihm ein steinernes Magazin bauen ließ und sechs Offiziere
hineinsetzte. Ja er hat die Teppichfolge, die Karl der Siebente zum Andenken an seinen Sieg über die Engländer bei ihm bestellte, nicht nur selbst in den Kartons
kontrolliert, sondern auch selbst die Ideen dazu angegeben. Aber die Tatsache,
daß man überhaupt einen Triumph in dieser Form gestaltete, beweist noch
weiter, wie sehr das eine und das andere sich ergänzten.
Heinrich der Achte von England hat Holbein nach England berufen und seine
Regierung mit dem Beginn der größten Portraitistentradition Europas
geschmückt.
In den Armen Franz des Ersten starb Lionardo, der zärtlichste und
besinnlichste Meister, der sechs Jahre brauchte, wie Herr von Chanteloup
erzählt, um die Haare eines Bildes zu malen, und der König hätte kein edleres
Symbol als diesen finden können für seine Epoche, die sich zu veredeln begann.
Den Goya, der ein Messerheld, ein Bauer war, in Nonnenklöster einstieg und
nach Recht an den Strick gehörte, der sein Leben zeitweise mit der Ausübung des Stierkämpfergewerbes fristete, überhäufte der spanische Hof und seine Aristokratie mit Aufträgen, obwohl der glatte und klassizistische Mengs dort
herrschte, weil man in seiner Wildheit und revolutionären Kühnheit der Farben,
über die von ihm verübten Totschlägereien hinweg, das Barocke und Eigentliche
des spanischen Gesellschaftscharakters und in ihm genauer wie in Mengs’
Amouretten den Bruder des Velasquez erkannte.
In der ägyptischen Kunst hat sich jahrtausendlang die stets gleichbleibende
sakrale Haltung der Führerclique erhalten, und die fast ans Göttliche grenzende Stellung dieser Gesellschaft blieb, nur in Nüancen verändert, der gleichstrebende
Ausdruck ihrer Macht derart, daß, so allgemeingültig wie damals, nach
viereinhalbtausend Jahren auch heute noch die sitzende Figur der Nofrit die
schönste Frau ist, die je diese Erde berührte.
Bei den Indern ist, wenn auch nicht in der hohen Allgemeingültigkeit wie bei
den Nilvölkern, die Trennung der Kasten so scharf durchgeführt und steht derart im Mittelpunkt jeden gesellschaftlichen Bewußtseins, daß alle Kunst irgendwie
den belehrenden Zug bekommen mußte, der die Tugenden und Fehler jeder
Schicht abgrenzt nach oben und unten. Es konnte so das Witzige geschehen, daß
sowohl Karnisuta (in der Sprache, die am üppigsten das Poetische in der Welt
verwaltet), ein wissenschaftliches Lehrbuch für das Diebhandwerk schrieb, und
hingegen die Fürstenerzieher in der Form vollendeter großer Dichter den jungen Königen klar machten, daß sie die Pflicht, den Staat zu lenken, unbedenklich
über die sonst streng für andere von ihnen geforderte Moral stellen dürften.
Und wenn August der Starke dem Grafen Flemming, der ihm seine Orangerie
zum Kauf anbot, schrieb, mit diesem Spielzeug gehe es wie mit Porzellanen,
man wolle alle, wenn man einmal Appetit bekommen, so illustriert das die
Sorgfalt, die er seiner Meißener Manufaktur schenkte, die wiederum nichts anderes war als der graziöse Niederschlag der Sitten seines Hofes und der
Wünsche und Sehnsüchte seiner Umgebung. Und ebenso weiß man, daß
Friedrich der Große die Höhe der Porzellankunst in seiner eigenen königlichen
Manufaktur mit der Liebe bekleidet hat, die ihrer Bedeutung entsprach, daß er
den großen Dessertaufsatz für Katharina von Rußland selbst redigierte und
entwarf und daß dies nicht nur eine Spielerei von ihm war, sondern daß er nur
eine repräsentative Geste machte für jene Parallelität zwischen Gesellschaft und Kunst, die damals bestand.
Den europäischen Zenith hat dieser Ausgleich unter dem vierzehnten Ludwig
erreicht, wo mit einer genialen Methodik Colbert versuchte, auch die Künste in
sein Merkantilsystem einzufügen, das in der Figur des absoluten Königs eine
wunderbare kristallfeste Verdichtung sich erfand. Colbert zentralisierte alles in
den Ruhm seines Königs hinein. Er legte unter dem Polygenie Lebrun, (der die Architektur, die Akademie, die Malerei, das Kunstgewerbe unter sich hatte), auch noch als Konkurrenz zu den Niederlanden eine Fabrik von Wirkteppichen
an und suchte damit wie in Bank-, Forst- und Kriegsgeschäften nicht das
französische Genie, sondern seinen König farbiger zu zeigen. Ludwigs
Haushofmeister sagte Bernini bei dessen Besuch in Paris, Frankreichs
Kunstbudget sei so enorm, daß es jeden originellen Plan auszuführen bereit sei,
um ihn keinem anderen Volk zu gönnen. Die absolute Hofform war entschlossen,
alles Individuelle aufzusaugen, und die Kunst spiegelte diese Gesellschaft wieder in einer so konsequent gegliederten und auf eine imposante Herrlichkeit
bezogenen Form, daß sie das Gepräge der Geschlossenheit mit dem der Anmut
zeigte, welches die Epoche in einem einzigartigen Maße hier besaß.
Die Gegenbewegung kam mit Rousseau, und die Kunst gab sich mit ihrer
wundervollen Dirnenhaftigkeit einer revolutionären Klasse, die allerdings später
auch wieder bürgerlich sich zu beruhigen bestimmt war, bis ihr die neusten revolutionären Spreußen der Bolschewiken in das Antlitz sprangen.
Delacroix in Frankreich und Hogarth in England sind die Beweise, wie die
bürgerlich revolutionären Epochen sich in der Kunst deuten ließen. Holland
wiederum, das bürgerlich früh begonnen hatte, vermochte dem Zauber der
höfisch gerichteten Gesellschaft so wenig zu entgehen, daß nach einigen
Ausschlägen und Angleichungen an die spaßigen Figuren der neuen Schichten und deren Bedürfnis die Kunst am Ende ebenfalls wieder höfisch wurde.
England jedoch hat seine umstürzende Revolution so früh gehabt, daß seine
Kunst sehr bald das bürgerliche Leben in aller Breite umfaßte. Reynolds und
Gainsborough sind die Schilderer einer sehr bewußten bürgerlichen Schicht,
deren Gesundheit und Pompmangel nicht ihre Kraft, da zu sein und zu
herrschen, desavouierte, und die Demokratie Englands ist nicht etwa Zerfall der Einheit zwischen den Musen und den Menschen, sondern erst recht ein
ausgezeichnetes Vereinen. Die ganze große Literatur der Briten von Goldsmith
bis Shaw, von Smollet bis Scott, von Dickens bis Fielding ist ein Bild der
Gesellschaft, die sich bürgerlich und nicht aristokratisch bewegte, und das
machte sie bedeutend und gab ihr die große europäische Resonanz.
Das verlieh ihr mit den Geißlern Hogarth und Swift und den Ironikern
Dickens und Sheridan und den Predigten Thackerays jene Kontrolle, die auch die Gesellschaft an sich selbst dauernd übte, die sich nach oben und nach unten
abgrenzte und durch die strenge Moralinsucht dieser Menschen ihrer Literatur
das ethisch-weltmännische Cachet einer bürgerlich-stolzen Kunst gab. Während
der Franzosen vom Hof her oder von der Aufklärung her im Grunde skeptisch-
frivole Kunst wie alles Französische letzten Endes nicht in der Nabelschau der
Sitten hängen blieb, sondern, künstlerischer gezüchtet, stets ebenso sinnlich wie logisch sich durchdrang.
So prägten in sich gerundete Zeiten ihren Ausdruck und hatten von den
Königen bis zu den Zöllnern und den Abdeckern bis zu den Cromwells sich in
der Kunst ein Karussell geschaffen, das sich um sie drehte, und es wäre die
abscheulichste Gaucherie zu sagen: nicht die Figuren der Rutschbahn drehten
sich um die Epoche, sondern die Zeitläufte liefen hinter ihren Kirmis-Schatten
her. Man käme nicht nur zu falschen, sondern zu idiotischen Schlüssen, etwa wie
jener Engländer, der in Grénoble einem rothaarigen Kellner begegnete und in sein Journal schrieb, die Franzosen stotterten und besäßen ein rotes Fell; oder
wie Petron noch bissiger behauptet, man habe bei der Einnahme Numantias
durch Scipio Mütter mit angefressenen Kindern an der Brust gefunden, und
daraus schloß, es sei die Eigentümlichkeit mancher Völker, ihre Toten zu
verzehren. Er war ein Spaßmacher und wußte wohl, daß die Frauen nur hungrig
waren. Man darf ohne Zweifel auch den tragischsten Appetit mit der Religion nicht verwechseln.
Die Bindung war so innig, daß Wechselbeziehungen zwischen Nation und
Künstlern entstanden, die auf eine durchschnittliche Ehe schließen ließen. Der
Künstler war in seine Gesellschaftsstruktur verwoben wie irgend ein General
und irgend ein Erzieher, und nahm, je klarer die Zeit war, einen um so höheren
Platz ein. Voltaire war der Freund des großen Friedrich und Goya ehrte man mit einem Gehalt von hundertsiebenzehntausend Realen für eine Arbeit und öffnete
ihm alle Salons. Voltaires eigener König aber, um ihn zu ärgern, trug die Kosten
eines Stückes, das er bei dem älteren Crébillon bestellte. Die Maintenon ließ den
zärtlichen Racine biblische Stücke schreiben, von denen Friedrich wieder sagte,
er habe lieber die „Athalie“ geschrieben als seine Kriege gewonnen (aber er
dachte das nicht).
Das künstlerisch-politische Treiben war so verschmolzen, daß die
Korrespondenz von Grimm als Hauptabonnenten nicht nur Friedrich, sondern
auch die russischen, schwedischen und polnischen Höfe als begeisterte
Neugierige umfaßte. Petrarca konnte sich anmaßen, Schiedsrichter im Seekrieg
zwischen Genua und Venedig zu sein und selbst in kirchliche Dinge sich
einzumischen, indem er die Päpste beschwor, Avignon zugunsten von „Roma
urbs“ aufzugeben und tat das gewiß nicht als Vorrecht seines dichterischen Talentes, sondern weil sein Jahrhundert in einem so vollkommenen Literaten
einen vorzüglichen Bürger erblickte.
Die gesamte französische Literatur hatte Gelegenheit, sich an Preisen und
Ehrendotierungen zu letzen, und wenn die Beträge manchmal nicht gewaltig
waren, so war der Ruhm und das Aufsehen, das sie verschafften, nicht gering.
Viktor Maria Hugo, Sohn eines bonapartischen Grafen und zum Offizier bestimmt, erhielt mit fünfzehn Jahren von der Akademie eine ehrenvolle Erwähnung, mit siebzehn drei Preise der Blumenspiele von Toulouse und mit
zwanzig für seine Oden eine Jahrespension von tausend Francs durch den
achtzehnten Ludwig. Der vierzehnte Ludwig hatte den göttlichen Bernini wie
einen König an der Reichsgrenze abholen lassen, ihn mit erdenklichem Pomp
monatelang gefeiert und für sein Portrait ihm seine königliche Freundschaft
neben einer großen Summe und einer erträglichen Pension verehrt.
Dagegen besagt die Legende, daß Cumae dem Homer die Rente verweigert habe, weil sonst alle Blinden sie verlangen würden, nichts anderes, als daß man
einen Bürger nicht von einem anderen des Talentes willen zu unterscheiden
gewillt sei und nicht, daß man ihn nicht gerne auch mit dichterischem Ruhm
bekleidet an die Spitze des Staates stellen würde. Dasselbe haben, aus der
demokratischen Tugend ihres Staatswesens heraus, die Venetianer ohne Zweifel
gedacht, als sie Goldoni, der arm war, die Pension nicht gewährten, weil sie annahmen, er würde, reich, nichts mehr arbeiten.
Sie kannten das menschliche Herz wohl und haben in ebensolcher Klugheit
den Tizian, der nicht nur die fabelhafte Glanzfigur dieses Daseins, sondern auch
der prominenteste. Bürger ihrer Stadt war, unter der Teilnahme des Volkes in
ihrer schönsten Kirche beigesetzt. Die Briten haben das Gleiche veranschaulicht,
als sie Sir Joshua Reynolds, ihren weltmännischsten Maler, unter dem Beifall der Nation in der Paulskirche zu London begruben, und sie taten dies nicht, um die
Kunst zu ehren, sondern um dem Bürger ihren Beifall auszudrücken, der durch
Kunst dem Vaterlande Glanz und Ruhm hinzugefügt hatte.
Sie ehrten alle in diesem Diorama sich selbst und eher den Mann als den
Künstler. Darum wehrten sie den Dichtern auch nicht, die Staatsgeschäfte zu
führen, wenn ihr Geist sie dahin zog, und der Earl Lytton-Bulwer, der mit zweiundzwanzig Jahren den Preis von Cambridge für ein Gedicht erhielt, der mit
Achtundzwanzig Mitglied das Unterhauses wurde, der das glühend-weinerliche
Buch von Pompejis Untergang schrieb, wurde britischer Minister und beigesetzt
in der Westminsterabtei. Die Franzosen zogen ihre hervorragenden Dichter in die
Nähe der Höfe weit über ihren damaligen Stand hinauf, die demokratischen
Briten überließen ihnen, wenn sie nicht Zigeuner waren, im Tauglichkeitsfalle
die Leitung der Geschäfte ihrer Nation. Sie gehörten als Zeitgenossen in die Volksgemeinschaft, lebten, starben mit den andern, wurden wie die übrigen
geehrt und fühlten sich selbstbewußt nicht weniger wie die Offiziere und nicht
weniger borniert wie ihre Bekrittler und sicher ebenso hungrig nach Geld, das
sie speiste, wie jedermann ihrer Zeit.
Ihr höherer Ruhm umglänzte sie über die Zeit hinaus, aber sie gedachten nicht
der Kunst als etwas Absonderlichem allein zu leben, sondern sie trieben ihr Handwerk im Maß ihrer Talente. Die Veronese und Rubens wiederholten sich bis zur Verkitschung nur deshalb sooft, weil sie die Menge der Bestellungen ihrer
Zeitgenossen sonst nicht bewältigt hätten und sie bedurften dieser Aufträge, um
den Aufwand ihres Lebens zu bezahlen. Die Balzac, Thackeray, Scott schrieben
nur deshalb wie die Tollen, damit sie mit den Einkünften ihre wirtschaftlichen
Bankerotte balancieren konnten.
Schottlands bester Lyriker, Robert Burns, ließ seine Gedichte drucken, da er
durch Ausschweifungen pleite war und sich das Geld zur Reise nach Jamaika zu verschaffen suchte. Fielding zeigt ein ähnliches Gesicht und Gainsborough
sprach nicht ohne Lächeln, er wünsche Geige zu spielen und male lediglich, um
sich den Lebensunterhalt für dieses Vergnügen zu verschaffen. Noch Oscar
Wilde floh manchmal aus der Gesellschaft und verschwand, um rasch ein
Kunstwerk mit aller Konzentration zu machen, ebenso wie Tobias George
Smollet, der sich hin und wieder aus den Ausschweifungen des Landlebens und von seinen Gästen zurückzog, um seiner Monatsschrift die Fortsetzung eines
Romanes zu liefern, die ihm die Fortsetzung seines Lebens ermöglichte.
Die kalten Briten haben in ihrer unverfrorenen Form die meiste Freiheit
gehabt anzuzeigen, daß ihnen gute Kunst ein gutes Leben wert sei und daß ihre
Gesellschaft die verdammte Natürlichkeit haben müsse, es ihnen zu liefern. Sie
empfanden sich so sehr und so glatt als Partien einer Gesellschaft, wo jedes Verdienst sich in Geld umsetzte, daß ihnen der üble Ästhetenton gar nicht in den
Sinn kam, mit dem die schwächlichen Künstler jeweils mit häßlichem Pathos
von der Heiligkeit der Kunst predigen gingen, wenn ihnen, falschen Heuchlern,
die Zunge nach Roastbeefs heraushing.
Jede Leistung hat in der menschlichen Struktur ihr Anrecht auf die
entsprechende Vergütung. Walther von der Vogelweide verlangte unzweideutig sein Lehen als Lohn dafür, daß er sich für die Staufer die Kehle ausschrie, und
die Gesellschaft jeder besseren Epoche hat das anerkannt.
Mißfälle beweisen ebensowenig wie das Faillit großer Kaufleute, die nicht
einmal den Ruhm aus dem Zusammenbruch ihrer wirtschaftlichen Existenz
retten konnten. Die Künstler haben zu jeder Zeit aus den Truhen ihrer
Zeitgesponse gesäckelt, was sie scheffeln konnten, und haben versucht, sich das
Leben so prächtig zu machen wie es ging. Und die Bastonade gehört dem, der ihnen einen Vorwurf daraus machen möchte.
Denn daß jemand nur der Kunst leben wolle, wie manchmal heute unsinnig
geschwatzt wird, oder ähnliche Konfusionen auch nur zu denken, ist genau so
verwirrt als wünsche einer nur seinem Bein zu leben oder nur seinem Phallos,
wo er doch in seinem Körper einen Gesamt-Organismus mit guter Speisung so
zu versorgen hat, daß alle Glieder marschieren oder alle verloren sind.
Diese artistischen Kleine-Leute-Einstellungen beweisen höchstens, daß die Ausübenden sehr geringfügige Herrschaften sind, oder daß die Zeiten und ihre
Gesellschaft höllisch sein müssen. Denn daß jemand von ihnen in die Kunst
flüchtet, das heißt im Grunde nichts anderes, als wie sein eigener Schatten von
sich selbst davonlaufen. Die festen Leute haben im Gegenteil jederzeit erreicht,
daß Kunst keinen Heiligenschein aus Papiermaché bekam, vor dem sich nur die
Sonntagsjäger der Nation verneigen würden, sondern daß Kunst ihren
Zeitgenossen soviel wert war an Gold wie die beste Ware, die sie sonst zu verfertigen in der Lage waren, und daß es ihnen auch Glanz gab und jenen
heimlichen Ruhm noch hinzufügte, der keiner geistigen Heldentat zu nehmen ist.
Sie verstanden sich unter ihren Zeitgenossen als Männer der Erde auszuwirken
und dennoch dabei die geheimnisvolle Flagge der Kunst unsichtbar zu entfalten.
Mijnheer, als Heinrich Heine in seinem Gedicht „Deutschland ein
Wintermärchen“ allen Spott der Heimat antat, gelang es ihm nicht, die Tränen einer unerbittlichen Liebe zu ihr zu bemeistern. Mijnheer, derselbe Mond, der
seine heimatliche Landschaft überfunkelte, ist eben aus der gleichen Inbrunst
auch draußen über Ihrem Kopf aufgegangen und die Wolken haben sich so sanft
um ihn entschleiert, als wollten sie seine Seltenheit mit der Behutsamkeit ihrer
Eile begrüßen und die Pause feiern, die die neu formierten Sturmtruppen bald
wieder mit Geknatter zudecken werden. Indem er die Schneewüste sanftblau bis an die Gesichtsgrenze färbt und alle Gegenstände in eine geheimnisvolle
Entferntheit hineinrückt, hat das Gestirn einen Zauber, als trage es in seiner
stillen Heiterkeit über die Unfruchtbarkeit der Jahreszeit das Sinnbild einer
ewigen lichten Bestimmung.
Mijnheer, ich glaube, es war auch derselbe Vollmond der Verheißung, dem ich
von Pernambuco als junger Bursche nach Europa nachgelaufen bin, und die Kurve dieses Glanzes hat mich stets am innigsten an die Heimat gebunden. Ich
habe in Deutschland gesucht, jenes Gefühl Europas zu finden, das mich am
tiefsten anzog, aber der deutsche Mond hat sich mir nur selten entzaubert und ich
mußte in den langen Mondnächten fremder Nationen mir erst die Bestätigung für
meine Sehnsucht holen, die mir die Heimat nicht mit gleicher Deutlichkeit zu
geben vermochte, und die Mondnächte der Fremde waren oft von jener
glühenden Schönheit und Klarheit, die die Leidenschaft begeistert, wenn sie auch nicht die verschleierte Zartheit und die seltene Innigkeit der
unvollkommenen Deutschen besaßen . . . . . . . . . . . . . . .
Ganz unten spiegelten sich zuerst nur religiöse Agenten in der deutschen
Dichtung, dann gab sie den Vorgang einer Belehnung, nachdem die wilden
Dämonen des Heidentums aus ihr ausgetrieben waren, in „Ruodlieb“ kam
Phantastisches der ritterlichen Zeit schon schüchtern auf und „Rother“ schildert Vasallentreue. In „Blanche und Blancheflor“ aber liegt schon wie der Sternhimmel in einem Teich die Gesellschaft des Hofs. Das blieb in immer
heftigerer Pracht über die guten Jahrhunderte des Mittelalters. Österreich wehrte
sich lange ein wenig gegen den neuen Stil, der die Zeit irr ihren Gebräuchen und
in ihrer Seele wiederzugeben bestimmt schien, aber der Vogelweider brachte die
höfische Schärfe zusammen mit den Lilien, Rosmarin und Rosen des Volkslieds,
das damit ausstarb, in eine gelockerte Pracht. Um Hermann von Thüringens Hof
scharte sich der Olymp der Poesie, Walther, die Schüler des Veldecke und Wolfram, der wie Walther nicht zu lesen und schreiben vermochte. Um einen
anderen ritterlichen Mäzen sammelt sich die Nachfolgeschaft Gottfrieds von
Straßburg. Ein Würzburger schreibt nach einer Epoche des Ausgleichs zwischen
den Idealen und den Liebhabereien der Zeit das letzte höfische alemannische
Epos.
Die Kunst geht in die Städte und magert ab über den ganzen Körper. Die Bürgerschaft des Meistersangs hat keine Welt, sondern nur ein Gemäuer um
sich, sie läßt die Sprache nicht blühen, sondern benutzt sie als Turngerät für ihre
spießigen Launen. Es gibt nichts mehr, was gespiegelt werden soll, und es gibt
nichts mehr, was spiegelt. Statt in einen Park, hat man die Kunst in eine
Abdeckerei gefahren und statt als nackte Göttin haben sie als ihr Sinnbild einen
Paragraphen auf den Sockel gesetzt.
Es gibt keine Demokratie in den deutschen Städten wie in England, es hilft
kein breites bürgerliches Selbstbewußtsein sich mit ihr wie Venus mit dem
Spiegel an die Spitze des Ansehens der Erdnationen. Sie ist bestimmt, zwar
große Zeiten zu erfüllen und mit ihrer Schönheit den Glanz einer göttlichen
Epoche darzustellen, aber man hat sie als Magd an die bärtigen Krämer verkauft.
Es gab kein Deutschland, das sie repräsentiert hätte, sondern es gab Kriege und Balgereien, Reformationen und Friedensschlüsse, die alle für andere Rechnung
gingen als für das Nationalgefühl eines gesunden Volkes. Maximilian versuchte
noch einmal ritterliches Denken in ihr zu entfachen, aber er schrie in einen
leeren Wald. Wo keine Ritter standen, konnten keine Schatten ritterlicher
Gefühle fallen. Das war vorbei.
Die Gelehrten bemächtigten sich ihrer und haben bis Lessing furchtbar mit ihr
gehaust. Man kann wie durch das heimliche Glas eines Bienenstockes durch die Literaturen auf die Völker Frankreichs und Englands und ihren Bau und ihre
Geschichte und ihr Schicksal sehen. Durch die dürren Treillagen der deutschen
Poesie sieht man in eine Morgue.
Man sah lediglich auf einige Koterien, die sich seit längerem mit der Literatur
zu beschäftigen gewöhnt hatten zu ihrer eigenen Belustigung und ihrer eigenen
Not, aus einem falschen Ehrgeiz oder einem schmerzlichen Verhängnis heraus, denn im Herzen hätte mancher lieber die Stelle eines Profossen oder eines Hanswursts, die sich besser dotierten, ausgeübt. Man sieht auf eine Pantomime
von Herren, die ihre Glieder und Gedanken im Rhythmus der Sprache bewegen,
aber man sieht kein Volk. Denn weder in den Taten der Bejaher noch in den
Gesten der Verneiner lag etwas von dem Elend oder der Höhe des Volkstums,
sondern, was sie produzierten, waren der Mummenschanz von Carbonaris, und
ihr Geheimbund interessierte sie, aber nicht das Volk.
Waren sie für oder gegen die Gesellschaft, hatten sie das gleiche Unglück, daß keine bestand und daß sie daher eher Kuriositäten als Sinnbildern glichen. In
dieser Verwirrung schienen sie seit langem entschlossen zu sein, Revolutionäre
zum mindesten zu bleiben, soweit sie nicht die nächste Umgebung ihres Hauses
zu besingen sich mühten, und vor lauter Aufruhr kamen sie nie zu einer
gesunden konservativen Art.
In dem Zirkus der Eitelkeiten, in dessen Logen die Nation gar nicht einmal saß, liefen wie junge Engländer des Mittelalters die Männer des Sturms und
Drangs herum, die Schlegels als Prachtstücke der katholischen Propaganda, die
Gottschede frisiert à l’oiseau royal, und selbst die Tiere schienen eine andere
Zone des Klimas als ausgerechnet das deutsche darzustellen. Um was es bei
diesem Getöse ging, war keinesfalls die deutsche Nation, es war die
Beschäftigung einiger Schicksalbestimmter mit einer wichtigen Angelegenheit, um die sich die Nächst-Beteiligten aber gar nicht kümmerten.
Sie hatten keine Gelegenheit dazu, weil es kein nationales Deutschland gab,
sondern einige Dutzend Fürstentümer und daß deren Interesse ihre Landesgrenze
war und nicht die Welt. Das bürgerliche Volk las englische Romane, die
Aufgeklärten wandten sich der französischen Literatur zu, die Masse fand die
Verehrung der Klassiker als Rettung. Die Literatur blieb großenteils Beschäftigung der Künstler und bekämpfte sich durch sie, wie üblich in
Deutschland, bis aufs Blut.
Deshalb waren die deutschen Dichter gezwungen, in kleinen Stellen und auf
armselige Weise ihr Leben zu verbringen, während die Engländer in
Lordkutschen Europa durchreisten und die Franzosen in Paris geschliffen
wurden für eine einzige Geste weltlicher Urbanität. Die Deutschen waren so
zersplittert, daß sie in ihren Poeten nicht die besten Formen ihres Charakters und in ihren Werken nicht die erlesensten Tafeln ihres Ruhmes zu erkennen
vermochten. Es bestand keine Bindung, keine Ehe, ja nicht einmal eine flüchtige
„menage parisien“ zwischen der Gesellschaft und der Kunst, und die Rebellen
wurden beseitigt und nicht geehrt und gefürchtet, und die Starrköpfe wurden wie
das „Junge Deutschland“ gleich einer Savoyardenbande über die Grenzen
gekehrt.
Nur ein Volk, das hoffnungslos einer eigenen würdigen selbstbewußten
Sicherheit und Grazie entbehrt, kann mit dieser Grausamkeit gegen die
verfahren, die seine Lieblingskinder sein müßten. Wohl haben einige Fürsten die
Liebhaberei gehabt, sich nicht nur mit Jagd, sondern auch mit den Musen zu
umgeben, und nach dem großen Friedrich, der allerdings europäisch eingestellt
war, haben einige seiner Nachfolger sich auch für die Bühne interessiert. Allein,
es war nicht das Spiegelbild preußischer Tugend und deutschen Wesens, was sie da suchten, sondern sie haschten nach der Atmosphäre des Theaters und dem
Betrieb seiner unterhaltsamen Luft. Auch in Bayern ward Kunst ein Trumpf,
doch hatte der beste Wittelsbacher die falschen Karten in der Hand und den
Wahnsinn im Hirn, und ihm so wenig wie dem hessischen Brabanter, der
zwischen zwei Generationen sich setzte, gelang es, die Sünde der Jahrhunderte
und das Fehlen des Geistes und eines mächtigen nationalen Ausdrucks durch Schwanengrotten und Jugendstilkolonien zu ersetzen.
Die Deutschen haben ihre Dichter nicht nur nicht geachtet und zur Höhe ihrer
besten Zeiten hingezogen, sie haben sie nicht nur nicht kulminieren lassen wie
die besten Kaufleute ihrer Zeit und haben ihnen nicht nur nicht das Recht
gegeben, sie als Volk zu vertreten, sondern sie haben einen Makel auf diesen
Beruf geworfen, haben ihn von dem Adel her gefürchtet, vom Bürger her verachtet, haben ihm das Brot und die Karriere und die Bewegungsfreiheit
genommen und schließlich ihn behandelt wie jenen Eumolpus, von dem Petron,
der die Dichter lästerte, erzählt, man habe ihn vom Schlemmermahl aus, als er
rezitierte, mit Steinen beworfen, daß er ans Meeresufer flüchten mußte.
Das Bild der letzten Epochen ist nicht das der Gemeinschaft, sondern das
eines Schachspiels. Die Epoche vor dem Krieg hat mit Regimentsmusiken Treibjagden veranstaltet auf die Künste, die Verwaltungen haben sie
ausgestoßen, der Betreiber eines literarischen Handwerks vermochte die
Bestätigung des Reserveoffiziers nur mit Mühe und bei guten
Wirtschaftsverhältnissen zu erreichen, die Staatsanwälte witterten
Staatsfeindliches und das ins Verdienen gekommene Volk hielt die Musen nicht
für Spielerei mehr, sondern sogar bereits für einen Luxus, den es sich kaufen
könne.
Man hatte sie auch früher gekauft, aber man hatte auch alle Vorbedingungen
für die Musen selber geschaffen und gezeugt und bewies sich durch ihre
Förderung nur seinen eigenen geläuterten Geschmack und vielleicht seine Größe
damit.
Diese neuen Leute von gestern und heute aber waren Barbaren, die nichts
geschaffen und nichts gebaut hatten, sondern nur Geld verdient hatten und glaubten, damit alles zu können. Gold wiegt wohl den Geist auf, aber nur, wenn beide von der gleichen Substanz sind und für die Bilder Paläste und für die
Prediger die Dome und für die Dichter die Weltgefühle der Gesellschaft da sind,
die einander wert sind.
Dann ist alles käuflich und dann ist Kauf der einzige Maßstab, denn der Ruhm
hißt sich von selber an die Spitze der Zeit, und im irdischen Dasein hat die
Gesellschaft sich dann klar gezeigt, was sie untereinander schätzt. Auch ich bin
käuflich, sagte Maria Theresia, aber es kostet ein Land.
Diese Crapule aber, die nach einer irr flimmernden und sich des
Zusammenhangs nicht mehr bewußten Kunst die Hände ausstreckte, griff nicht
nach oben und lobte sich mit dieser Bewegung, sondern sie faßte nach unten und
kaufte den Geist wie ein Badezimmer. Sie bewiesen damit, daß sie die Kunst
nicht ablehnten, was ehrlich, und nicht liebten, was zuviel verlangt wäre,
sondern daß sie sie nicht nötig hätten.
In dieser Haltung, ergrimmt, feindlich auf den seitherigen Zustand, nicht auf
das Volk, sondern auf die Verhältnisse, trat die Literatur in die Republik.
Man kann, auch in der Literatur, nicht dauernd seinen neunten November
machen, und es wäre an der Zeit, sich nun endlich zu konsolidieren. In der
Republik wächst nun eine neue Gesellschaft, die Übergänge sind zwar
abscheulich, aber sie sind interessant wie die Zeiten des Balzac. Und Sprache und Literatur sind bereit, nach soviel Revolten, einige Jahrhunderte nach der
britischen und ein Jahrhundert nach der französischen Umwälzung, ein breiter
Spiegel der Kämpfe zu werden, in denen eine republikanische Volksschicht sich
formt. Die Literatur hat der Republik Zuneigung bewiesen und die Republik
wäre in der Lage, sich zu revanchieren. Konsolidiert sich Deutschland jetzt, ist
es an zwölfter Stunde.
Frankreich hat sich im letzten Jahrhundert fit und glatt gemacht, hat in
denselben oder in neuen Salons noch den alten Königen gehuldigt, Mirabeau und
George Sand zusammen gesehen, hat in den zwanziger Jahren für Theater darin
geschwärmt, unter dem Bürgerkönig für die Romanze, unter dem zweiten
Kaiserreich für die Chansonette, unter der Republik für den Monolog. Gambetta
erhielt durch die Herzogin von Beaumont rasch die Formen eines alten Viveurs
und in den Salons dieser Form fand sich die Gesellschaft mit ihren neuen Führern und ihren neuen Ideen rasch zusammen. Die Akademie und das
Panthéon säumten von jeher als nationale Monumente die Verdienste und den
Weg der Kunst, und jedes Gouvernement hat mit Eifer die Pflege des Geistes
von dem vorherigen übernommen und die Waffe, die es für die Nation hier
führte, zu schätzen gewußt, wenn auch die Simplen manchmal und nicht die
Heroen den Kranz zuweilen erhielten.
Die Siegesallee der deutschen Kunst ist aber nicht wie die der Hohenzollern mit Denkmalen und Ehrenzeichen gepflastert und die Republik hätte gut getan,
ein deutsches Panthéon zu gründen, in dessen Raum sich der Staat und die
Künste unter der Decke einer neuen Gesellschaft und einer breiten Demokratie
gefunden hätten.
Mijnheer, die Deutschen waren immer klug, wenn sie sich priesen, und nicht
ohne Geist, wenn sie sinnierend ihren Nabel besahen, und große Exploiteure,
wenn sie ins Reich der Sterne sich begaben, aber sie haben für ihre nächsten Aufgaben nie den Sinn eines Rayonchefs gehabt. Sie haben diese Gelegenheit
vorbeigehen lassen, haben sich in Parteien zerfleischt, in Doktrinen wie in
Wilderernetzen gefangen und haben die Gesellschaft sich selbst überlassen und
damit von dem Staat gestoßen und haben die Kunst wieder den Literaten
übergeben, die sich weiter damit befehden wie seither. Die Republik hat in der
Gestalt des Professor Brunner sogar noch die heilige Inquisition auf die Musen losgelassen, und die Jagd nach den Nuditäten und die Verfolgung der Freiheit
und die Haarspaltereien über Sinn und Wesen der Kunst vor den Schöffen der
Gerichte, die nichts davon verstehen, hat von neuem begonnen.
Die Dichter haben sich ihrerseits in keiner Weise über der Verantwortung der
Situation bewegt. Sie haben sich selbst zerrissen, ihre Aufgabe nicht erkannt und
sind einem Ton und einer Injurie der gegenseitigen Behandlung verfallen, der dem einzelnen den Kredit, der Masse aber die Ehre nimmt. Man hat verlernt, im
wichtigen Augenblick eine Aufgabe zu sehen, sondern man sieht sich nur noch
unter dem Gesichtspunkt der politischen Parteien, und Kunst ist nicht mehr eine
Devise, sondern ein Austragsfeld von Krakehlen, die nie in ihren Bereich
gehörten.
Es heißt, daß früher die Marquise von Châlet so sehr von der Schönheit und Würde der Poesie überzeugt war, daß sie sich nur von Dichtern und Gelehrten
küssen ließ. Man müßte heute in Deutschland Dichter, um sie vor der seltsamen
Zuneigung ihrer Zeitgenossen zu schützen, mit dem Schilde: „Défense d’uriner“
versehen, mit dem die Franzosen die Standbilder ihrer Generäle und ihre
Parlamente vor der Gunstbezeigung der erbärmlichsten Meuten bewahren.
Es hat ihnen jederzeit an Führern gefehlt, die die Gegenwart gliederten und
die Furchen zwischen Kunst und Volk richtig zogen. Über Literatur schrieb seit Lessing und außer Herder nur noch Heine und den Instinkt besaß lediglich für
sie noch Blei. Lessing schrieb kühl, vornehm, deutlich und tödlich, Heine voll
bunter Spielerei. Man hat auch damals Kämpfe geführt, Schiller nannte die
Schlegel Laffen, Tieck nannte Schiller einen spanischen Seneca und haßte
Kleist, weil der seiner Katze eingemachte Ananas zu fressen gab, Goethe schrieb
gegen die Schlegel, die ihn durch ihr Zelebrieren „gemacht“ hatten, einen undankbaren protestantischen Aufsatz. Brentano suchte die Tieckschen Weiber mit Sentiments zu girren, Racine hat Molière begaunert und Verlaine auf
Rimbaud geschossen, Börne hat Heine angegegriffen und Heine hat dem Platen,
dessen geschwollenem Hochmut alle Dichter auf der Parnaßreise im Weg waren,
unvergeßlich bittere Streiche versetzt. Aber man stritt und verwüstete sich nicht,
die Literatur bekam nicht täglich wie ein Weib „fureurs hysteriques“, sondern sie
erkannte mit einer gewissen Grandezza die Könner an.
Es fehlte uns ein Brunetière, es fehlte ein Sainte-Beuve, die wohl manche Dummheiten besaßen, aber Pupille und Augenmaß hatten und ihre Literatur wie
Chirurgen zerschnitten und nicht vergaßen, sie zusammenzunähen und klarer
nach Hause zu senden. Die Gelehrten, die sie bei uns behandelten, haben ein
seltsames Spiel mit ihr getrieben. Sie hatten keine Maßstäbe, durch die sie die
Ideen an den Literaturen und die Jahrhunderte an ihren Künsten heraufbegleiten
konnten in die Gegenwart, aber sie verstanden auch ihre Zeit nicht und dazu fehlte ihnen noch der dichterische Atem und der Sinn für Sprache. Sie saßen wie
die arm- und beinlosen Bettler unter Diderots Denkmal in der Rue de Rennes
und spielten auf einem Leierkasten dem Volk verständliche, aber zwecklose
Tiraden über die Werke und den Dichter, den in Figur zu sehen dem Volk viel
leichter fiel.
Es blieb den Deutschen sogar vorbehalten, von Herrn Bartels eine Literaturgeschichte zu erhalten, die Kunst nach Juden und Gojims schied. Der
Standpunkt ist dumm, aber ist sauber. Der Verfasser zeigt seine Visitenkarte und
lügt nicht. Man muß bei den erbärmlichsten Troubadouren heute schon die
Tatsache des Charakters als eine der liebenswürdigsten Überraschungen buchen.
Auch ist der Tanz nicht unamüsant, den er mit seinem Judensprung vornimmt,
zumal schon Atta Troll den Kindern des Alten Testamentes verbot, auf den Märkten öffentlich zu tanzen, da ihnen der Sinn für die Plastik völlig fehle. Man
hätte nicht gedacht, bei aller Liebe zu den Judäern und aller Hochachtung vor
der großen vermittelnden Rolle, die sie in unserer Zeit spielen, daß fast die ganze
Dichtung eines Tags aus ihnen bestehen würde.
Aber nicht genug damit hat der übereifrige Kompilator und Barde sich noch
einige Germanen zu Mosaischen hinzugedichtet, wobei seinem Furor, der Juden
schon in jedem Schreiber sieht, das scherzhafte Unglück zustieß, daß er das Pseudonym eines gewissen ironischen Philosophen Friedländer „Mynona“ für
eine schwarze Jüdin ansah und unter Gebrüll verstieß. Die Haltung dieses
Beurteilers der Künste ist eindeutig und wie die eines Stiers, der ein Herrenessen
nach seinem Geschmack durchwühlt und nichts anderes anrichtet wie ein
seltsam tierisches boeuf à la mode.
Zweideutiger ist der Gang, mit dem Herr Professor von der Leyen, Dozent der Kölner Universität, sich der Gegenwart nähert, denn er galt einige Zeit als Liebhaber und Kenner der neuen Literaturen und versteckt auch jetzt noch die
kriegerische und militärpolitische Absicht, mit der er nach alten Schlagwörtern
und den Gewohnheiten der ideenlosesten Pfaffen sein Thema aufteilte, geschickt
hinter einem männlichen und neugierigen Gegacker, wodurch er das Publikum
anlockt. Jedoch, wenn er genug Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hat, mit den
langen Beinen und dem kleinen Kopf des Vogels Strauß und starkem
Flügelschlagen auf sein Thema zugeeilt ist, vertauscht er die Fronten, steckt, statt zu reden, den Kopf in den Sand und den Rumpf in die Luft. Am Rumpf
dieses Vogels befinden sich die schönsten Federn, und es mag seine Absicht
sein, die Tiere zu täuschen und zu hoffen, daß sie diesen Teil statt dem mageren
Schopf für seinen Kopf halten.
Die Menschen sind jedoch bereits zu scharf gebildet, als daß sie auf die
liebenswürdigen Blaguen der Tierwelt sich verirrten und wissen auch bei auffallenden Ähnlichkeiten zu unterscheiden, wo die Ansichten sitzen und wo
die Federn, wo die Schädel und wo die Steiße, und die guten Kritiker haben nie
verfehlt die Köpfe abzuschlagen, um zu beweisen, daß sie hohl sind. Mijnheer,
ich habe in dem Buche dieses Professors eine Fälschung gefunden, die vor
Jahren von einem gewissen kleinen Claqueur ausging, indem er eine Stelle aus
einem Buch und dem Zusammenhang nahm und sie einem anderen, nämlich mir selbst, zwischen die Lippen legte. Es handelt sich darum, daß, um in einer
Erzählung des Buches „Frauen“ ein rasches und rühmliches Ende des Krieges zu
erreichen, aus dem Umkreis eines Spionagezentrums aller Nationen einige
Menschen sich entfernen müssen, um ohne Kontrolle ihre Nachrichten
auszutauschen, und daß ein anderer, um die Aufmerksamkeit der internationalen
Bande, abzulenken und um ihren Geisteszustand zu charakterisieren, in frivoler Weise über Frauen redet. Ich finde diesen letzten Teil ohne Zusammenhang mit
der Erzählung, ich finde ihn ohne Hinweis auf das Buch, ohne Bemerkung, daß
das die Worte eines anderen und nicht die meinen sind, ich finde diese
grauenhafte Fälschung als meine Ansicht, meinen Ausspruch als Zeichen meiner
vaterländischen und moralischen Überzeugung abgedruckt in dem Buch des
Dozenten. Sie sagen das Rechte: Es hat keinen Sinn, sich mit der Meute zu
beschäftigen und für Unbegabung ist niemand verantwortlich zu machen außer vor der Vorsehung.
Schon Heine hat Lessing vorgeworfen, daß er aus Lust an der Aufgabe, die
deutsche Literatur zu säubern, die armseligsten Rosinanten erschlagen und den
Namen manches Pasquillanten der Unsterblichkeit überliefert habe. Es ist ein
Fehler, die kleinen Feinde zu züchtigen, weil man nicht sich, sondern sie allein
ehrt. Es gibt auch andrerseits wieder schwerlich Ergötzlicheres, als die Vernichtungen zu lesen, die Bürschchen an einem vornehmen, die ihren wankenden Hosenboden mit jener Kühnheit zu tragen suchen, die sie einem im
Gesicht abgelauscht haben und die das Schreiben, mit dem sie uns verpfeffern,
bei einem von A bis Z gelernt haben. Die Nützlichkeit der Nachahmer hat bereits
Constable erkannt, da, wie er meinte, sie zeigten, was man vermeiden wolle. Er
ahnte nicht, daß die Nachahmer in dieser von Wolfshaß zerfleischten Zeit bereits
zu den Gegnern übergingen, um scheinbar als Entschuldigung für ihren
Diebstahl sich die Überzeugung beizubringen, es sei gar keiner, und was sie gegen einen unternähmen, sei eigene Erfindung.
Ein neues Settlement der Literatur hat sich hier aufgetan, und die geraubten
Formen des Ausdrucks werden als allerdings blecherne Streitäxte geschwungen:
„Ce ne sont pas les pots, ce n’est pas la fayence. /// C’est ce qu’on met dedans
qui fait la différence,“ schrieb ein Plauderer der „Gazette du bon ton“, nachdem
er eine Stunde lang über die Plissées der neusten Damenhosen gesprochen. Es hat keinen Sinn, sich zu entsetzen und es bleibt unsere schönste Freiheit, über
das Miserabelste auch noch zu lachen. Aber ich muß, wenn selbst die
Professoren der Genauigkeit in das Lager der politischen Parteiungen
hinuntersteigen und nicht nach der Größe der Dichter, sondern nach der
Zweckmäßigkeit, sie politisch zu kompromittieren, urteilen, ich muß Mijnheer,
an Pernambuco denken.
Ich muß an die Revolten von Pernambuco denken und an den Streik der
Chauffeure, deren Fahrtverweigerung die Stadt in einer halben Stunde in ein
Feldlager verwandelte, und mir fällt ein die Geschichte des Redakteurs Petronio,
der einen unwahren Artikel gegen die Regierung geschrieben hatte. Ich muß
erzählen, mit welcher Grazie und welcher Promptheit man für die Wahrheit
eintritt unter den nicht so kultivierten Nationen, und wie der Gouverneur den Redakteur zu sich in die Wohnung bat und wie er ihn empfing, den Revolver in
der Hand und ein Glas Wasser auf dem Tisch.
Man sprach nicht viel, der Gouverneur hielt lediglich die Pistole nach der
anderen Seite und sagte, ob jener zugebe, daß die Tatsachen, die er geschildert,
unwahr seien, und der Angeklagte nickte. Mit einem Zeichen übergab der
Gouverneur ihm die Zeitung und ließ sie ihn verspeisen, indem er ihm nicht
verweigerte, sich des Wassers zu bedienen. Sie schieden mit einem Handdruck, man war in kurzer Weise über eine schmerzliche Angelegenheit
hinweggekommen und hatte vor Wiederholungen ein deutliches Schloß gelegt.
Ich bin zu wenig Illusionist, aber noch weniger genügend skeptisch, um dieses
Beispiel für Deutschland empfehlen zu wollen, und ich gestehe auch, daß ich,
wenn die „Chevaliers du lustre“ mit ihren bezahlten Händen von der Galerie
ihren Beifall toben, denselben fatalen Klang im Ohr habe, als wenn die Liliputaner giftig flüstern und die Marodeure gegen die Dichter anbrüllen. Aber ich habe die Hoffnung noch nicht verloren, daß Deutschland dennoch einmal
einem Beurteiler, der sein Volk aus Liebe tadelte, der nicht in die Hörner der
Vorurteile blies, der von nichts bewegt als der Leidenschaft zur Gerechtigkeit
lebte, der mit einem Stil, unerbittlich wie Granit und schwungvoll wie eine
Geige, sein Zeitalter geschildert hat, daß irgendeinem Mann dieser Art die
deutsche Heimat einmal auf den Grabstein schreiben kann: „simplicis veritatis
amantissimus“.
Der Mann, der seit Heine am meisten von Literatur verstand, ist Franz Blei,
von dem man mehr Anekdotisches erzählte als von ihm las. Er hatte unter
anderem die Ehre einen der drei Preise zu verteilen, mit denen Deutschland seine
Dichter ehrt und die, außer dem Schillerpreis, von privaten Stiftungen herrühren.
Diese Summen sind bedeutungslos, aber schlimmer ist: die Preise sind sinnlos,
weil nicht, wie in anderen Ländern und wie es sein müßte, die ganze Nation atemlos darauf den Blick richtete, sondern daß die Nation sich den Teufel um die
Preise kehrte, kaum einer der Literaten wußte, wer sie bekam, und das Volk den
Sieg Breidensträters in einem Boxkampf, oder Froitzheims in einem
Tennismatch oder der Firma Wanderer oder des Hengstes Ordensjäger in
Rüsselsheim oder Iffezheim mit tausendfach größerem Interesse verfolgt.
Die Republik hat den Dichtern in der Verfassung gute Worte gegeben, aber sie hat ihr Ansehen nicht erhöht, und wenn einige von ihnen, wie die Herren
Rauscher und Köster, in die Stellungen von Gesandten und Ministern gelangt
sind, so war das nicht, weil das Volk sich in ihnen ehrte, sondern weil die
Maschinerie der Partei sie an die Posten trieb. Die Verteilung der Preise hätte
lediglich unter diesen Umständen Sinn, wenn man, wie die Tschechen, Bulgaren,
Rumänen sogar tun, Millionen für sie auswürfe und sich das Gold als solches rentiere.
Die Ehrung wird aber eine Farce, wenn nicht ein materieller Gewinn, sondern
nichts als die Afferei eines Kartenspiels unter Literaten dahinter steckt und die
Öffentlichkeit währenddem aus dem Fenster nach einer anderen Sache schaut.
Die Inthronisierung der Gekrönten ist jeweils ohne weitere Aufmerksamkeit vor
sich gegangen und es hieße sich selbst langweilen, wolle man die falschen und
die rechten Ernennungen untersuchen. Ich glaube, daß Blei sich jeweils mit mehr Sinn für die Kuriositäten als für die zeitwichtigen Erscheinungen entschieden
hat.
Er ist ein geschmackvoller, aber der Stetigkeit seines Geschmackes nicht
sicherer Mann. Die Lessing und Heine wußten mit gewaltigem Instinkt, sei der
Gegenstand nüchtern, sei er barock, nicht nur die Werte zu erwittern, sondern sie
auch da anzuordnen, wo sie nötig waren und wo sie unsere zerfahrene Situation verbessern konnten. Sie wußten um den Mangel der Gesellschaft und um die Unfähigkeit der Dichter, nach einer nationalen Haltung hin sich durchzuarbeiten
und waren immer im Vordergrund bestrebt, die Möglichkeiten der beiden
einander zu nähern.
Sie waren sich des Sinns und der Mission des Deutschen bewußt, ahnten, wo
das Rechte stäke, irrten manchmal gewaltig, aber behielten den Sinn des
Ausgleichs zwischen Kultur und Nation unentwegt bei jedem Satz im Hirn.
Blei hat das wie alles ebenfalls gewittert, aber er hat keine Folgerung daraus gezogen, sondern hat lediglich spielerische Anmerkungen darum gemacht. Ihm
genügte, die Marginalien zu einem Thema zu ziehen, das die gesamte
rücksichtslose Wucht eines Mannes vorausgesetzt hätte, um es klar zu machen.
Blei ist ein großer Kenner der Literatur der letzten Jahrhunderte gewesen und ein
ausgezeichneter „Riecher“ der zeitgenössischen, aber kein Beurteiler. Er ist einer
der größten Talententdecker, einer der gebildetsten Literaten, die Deutschland sah, eine Wünschelrute der Verleger, ein Cagliostro der Begabungen, ein wahrer
großer „homme de lettres“, verliebt in Literatur bis zum Exzeß, und es gibt
keinen lebenden Schriftsteller von Bedeutung, der ihm nicht Dank schuldet und
eine gewisse Verehrung entgegenbringt, und den er nicht da oder dort schon
einmal verraten hätte. Blei ist von fast erotischer Empfindsamkeit für Literatur
und hat jede Mode, innerlich sicher ehrlich, vorausempfunden und propagiert und jede wieder verlassen.
Er hat die Neigung und den Instinkt und die geniale Empfindung für die
Valeurs, nicht für die Werte. Er ist weit mehr, wie unwissende Jünglinge meinen
und seine Feinde mit Handbewegungen abtun wollen, eine ungewöhnliche und
hoch überlegene Potenz unseres Schrifttums, aber aus Verliebtheit und nicht aus
Verantwortung. Der „homme de lettres“ ist wie der „homme à femmes“ letzten Endes nur auf die Details eingestellt, auf die Linie, auf die Grazie, auf die
Nüance, auf den Charme, aber nie auf die Totalität einer Erscheinung. Blei zieht
seine Assoziationen von allen Seiten. Katholisches und Rokoko, Satanismus und
linksradikal, Sinnliches und Besinnliches machen ihn zum geschmeidigsten
Verwerter einer Elastizität, die alles betastet und alles vertieft, aber nichts
ergründet.
Er ist ein aristokratisches Stil-Chamäleon. Die Sünde der Epoche hat in ihm einen Sylvester Schäffer gefunden: er schießt und dichtet, spielt auf dem Pferd
Violine, läuft Seil, spricht und drischt gleichzeitig guten Stil aus dem Hals, aber
alles ist kein Inhalt und kein Ziel und kein Fleisch, sondern nur Gewandtheit und
Akrobatik und zirzensischer Geist. Man springt geschickt und mit Esprit. Über
was man springt, ist Nebensache. Er ist der sinnfälligste Beweis dafür, wie eine
Begabung seines Ausmaßes wirken müßte und wie sie aber verführt wird von einer vielfarbigen Zeit, statt alles auf sein Ziel hinzulenken, allem wie ein Jüngling mit dem Schmetterlingsnetz nachzurennen.
Delacroix hat gemeint, jene kritischen Leute, welche die Manie des Urteilens
hätten, verwirrten erstens das Publikum, das ihre Dunkelheiten nicht begreife,
und verwirrten zweitens für die Künstler die einfachsten Ideen, weshalb diese sie
auch verabscheuten. Er irrte, denn eine große und mit den Hintergründen der
Zeit malende Kritik kann einer Epoche auf den Weg helfen durch die Säuberung
und durch den Hinweis. Blei aber hat, als man ihm das Talent gab und die Verantwortung, nicht nach beiden, sondern nur nach der Begabung gegriffen,
zwar immer das Rechte gefühlt und oft auch gesagt, aber es mit einer Stimme
getan und in einem Zusammenhang geäußert, daß es nicht die Wucht bekam und
nicht den Ernst erhielt, der ihm Masse und Sinn gegeben hätte. Es ist geistreich
geblieben und Gespiel und damit ohne höhere Fruchtbarkeit. Was ihn
entschuldigt, ist die Zeit, was ihn aber nicht freispricht, ist, daß er die Stilisten wie die Käfer sammelte, statt die Begabungen auf ihre Ziele zu hetzen.
Ich bin kein Angestellter der Weisheit und nicht im Schalterdienst der
Prophezeiung, Mijnheer, und ich bin weit entfernt, Ehren zu fordern für einen
Beruf, der seine beste Ehrung in sich selber findet. Aber ich sehe im Anspruch
auf die Beachtung durch die Nation, die sich in diesen Formen kundgibt, ein
nicht geringes Mittel zur Stärkung jener Partei der Freiheitsliebenden, die der Republik die Formung einer neuen deutschen Gesellschaft wünschen.
Ich weiß, man kann frei leben und frei sterben und nach keiner Würde gierig
sein und doch im Angedenken der Nation und ihrer Besten ein großer Mann und
eine schöne Erinnerung sein. Ich kenne das Testament Heines, der, obwohl ihm
Gutzkow vorwarf, daß er nach den höchsten Ehren des französischen Ruhmes
lüstern sei, nachdem ihn seine Heimat vertrieben, schrieb:
„Obwohl ich von der Natur und vom Glück mehr als andere Menschen
begünstigt ward, obgleich es mir zur Ausbeutung meiner Geistesgaben weder an
Verstand noch an Gelegenheit gebrach, obgleich ich, aufs engste befreundet mit
den Reichsten und Mächtigsten dieser Erde, nur zuzugreifen brauchte, um Gold
und Ämter zu erlangen, so sterbe ich dennoch ohne Vermögen und Würden.
Mein Herz hat es so wollt, denn ich liebte immer die Wahrheit und verabscheute
die Lüge.“ Auch dies ist Stolz und klingt mit aller Bitterkeit seiner ruhigen Größe hart ins Ohr der Heimat, die ihn verbannte.
Aber man lebt nicht, um Gesten der Kühnheit zu machen, sondern um die
Möglichkeiten des Lebens und der Zeit in der besten Form zu erwischen, und die
Lebenden stehen jede Sekunde im Kampf. Aber Kämpfen heißt nicht jene
Dummheit der Menschen, von denen ein litauisches Sprichwort sagt: „Je stärker
du ihm auf die Schnauze gibst, um so mehr Angst mußt du haben, daß er zurückgibt.“ Sondern es bedeutet das Wesenswichtige zu nähern, Weg zu machen und selbst das Ausrufen nicht scheuen. Alles andere marschiert, wie
Deutschland marschiert.
Es ist nur allmälig an der Zeit geworden, zu sehen, um was es geht. Werden
wir eine runde Literatur haben, müssen wir vorher zu einer Gesellschaft
kommen. Man muß die Gegensätze der Parteien in der Republik versöhnen oder
man muß sie austragen. Andere Möglichkeiten gibt es nicht und nur auf ihrer
Befolgung oder Verwerfung wächst eine Gesellschaft und eine Kunst. Es muß eine Zeit kommen, wo man in die Weisheitsschule der jeweiligen Grafen
Keyserling seine Automobile schicken wird, weil man so europäisch eingestellt
ist, daß man sich selbst nicht mehr an schöngewässerten Reflexionen über die
Welt begeistern braucht und wo man die „Indienfahrt“ des Herrn Bonsels in den
Regalen der Gartenlauben unserer vergilbten Zeit finden und wie ein altes
bürgerliches Kochbuch belächeln wird. Die Literatur wird so sehr Ergebnis einer an den Quellen des deutschen mittelalterlichen Wesens gelegenen Kraft sein und
so sehr erhabene Spiegelung ihrer Zeit werden, daß beide endlich mit
Genugtuung einander betrachten werden.
Sie wird nicht mehr sich verkriechen müssen und wird nicht verfolgt werden,
sondern sie wird mit dem Lächeln antworten, das die Hetäre Tschandrasêna
herrlich von sich schüttelte, als man ihr eine Augensalbe anbot, die sie von den Nachstellungen eines Königs retten, aber in eine Äffin verwandeln sollte. Sie
zog es vor, in ihrer keuschen Nacktheit dem Herrscher entgegenzugehen, der
mächtig und schön war, und sich so mit ihm an Stolz zu vergleichen. Das alles
ist, wenn es wird, besser als Prophezeihen. Die Farben des Fleisches sind stets
beweiskräftiger als Paragraphen. Man wird Kunst auf dem Rücken einer
Gesellschaft vereint wissen mit einer Heiterkeit und mit etwas von der legendären Größe, mit der der Doge jedes Jahr zum Strand ging, das Adriatische
Meer mit Venedig zu vermählen.
Man wird nicht mehr über Pernambuco fahren müssen, um die Entdeckung
der sichtbaren und der geheimnisvollen Wunder der Welt getrennt zu machen,
sondern man wird sie beisammen haben. Man wird das Leben bei der Kunst
haben und manches andere ähnlich zusammen und es wird ein gewaltiger Spaß
sein, zu leben.
Reiß Irmãos & Compagnia (Brazil) wird dann ein Witz scheinen und Europa
ein runder Kelch um die Blüte von Deutschland, und der ganze Himmel wird
gefärbt sein von ihrer Anmut und überzittert von ihrer Bewegung. Einer der
weltmännischen Deutschen, Friedrich der Große, hatte bereits etwas von jener
erlesenen Mischung: „Hören Sie,“ sagte er zu seinem Schweizer: „Ich habe den
traurigsten Eingriff über mich ergehen lassen, den die Heilkunst kennt: zwei Klistiere. Das hat mich erleichtert, und mein Geist fühlt sich freier. Kommen Sie her, ich habe ein Gedicht für meine Schwester von Bayreuth gemacht, über die
Freundschaft.“ Er hatte Natürlichkeit und Grazie und damit Überlegenheit über
Leben und Tod, da er Geist dazu besaß. Das Gesicht wird kommen, von dem ich
sprach, das auf den Takt des Motors horcht und dadurch gespannt in die
Gegenwart versunken ist, und über dem die Stirn sich voll ewiger Begeisterung
hebt und wird Deutschland regieren. Das träume ich manchmal, Mijnheer.
Gehen wir schlafen, wir Phantasten, der Mond ist aus.