Das Bücher-Dekameron

Kasimir Edschmid · Kapitel 6 von 14

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Das Bücher-Dekameron

Die dritte Nacht

Das Wetter ist ein Weib, Mijnheer, die Sonne hat geschienen und in den Kerzen liegt noch das beglückende Gefühl dieser Minute, als das Gestirn, selber

zitternd vor Wonne, die Riesenschleife über das Bärental begann. „Apportez-moi

une femme,“ schrie Bonaparte nach Marengo, er hatte das Wunder

abgeschlossen und begab sich zu seinem Widerspiel in den Realitäten.

Wären Sie die Frau, Mijnheer, mit der ich vor Jahren einen halben Monat hier

oben verbrachte, ich spräche lieber zu ihr wie zu Ihnen heute und ich sagte ihr

statt Ihnen, weil man Gedanken aus einem Zustand der Beglückung nur an einen

Gegenstand des Glückes zu adressieren vermag, ich sagte ihr:

„Liebe, im Schloßgrün Favorits ließ ein früherer Markgraf einen Türken aus

dem Bett seiner Gemahlin ziehen, enthaupten und stellte das Monument seines Kopfs auf den lieblichen Brunnen, aber er vermochte nicht zu verhindern, daß

das Auge des Mongolen das Schlafzimmer der tollen Dame mit einer

mörderischen Melancholie im Blick hielt. Selbst den Tod tragen die Männer

durch die Kunst den Frauen wie eine Bereicherung wieder zu. Wie viel heftiger

muß ihr Leben jede Sekunde bereit sein, an sie verschwendet zu werden. Säßest

du statt an dem Kamin, dessen Buchenfeuer dem Spiel deiner braunen Muskeln

Salut knattert, nach sieben Frühlingen und sieben Sommern, die du mit mir verlebtest, an einer Bai, bei Sankt Malo am Hafen, in einem Fischerhaus

Swinemündes, einer Villa Partenkirchens, ich umgäbe dich nach soviel Leben

erst mit Kunst. Aber ich würde vorher versucht haben, dir alles zuzuführen, was

an Entzückungen, Werten und Erfahrungen, an Reisen, Steinen, Wollüsten und

Leiden mir zugänglich und auf dich übertragbar ist, so daß du erst aus dem

vollsten Rahmen und glücklichsten Reifsein des Daseins heraus dich zu seinen seltsamen Spiegelungen in der Kunst wendetest, die manchmal noch gelungener

aber, gestehen wir es, nie so sehr Himmelfahrt sind wie es selbst. Erst wenn man

viel gelebt und fast alles erfahren, manches genossen und das meiste

durchforscht hat, bekommt der Abglanz des gedachten und gestalteten Daseins

jene wundervolle Süße, die dem Lebendigen sein Dasein bejaht und gereinigt

zurückreigt.

Ohne das sind Bücher langweilig wie tote Ratten und das Leben nur hat

„chien dans le ventre“. Ein schöner Mann flößt, wie die Chronik sagt, den

Frauen Vergnügen ein, jedoch ein Buch von seinen Träumen allein dürfte sie

beträchtlich verkühlen. Ich weiß, daß ich die Leiber des Rubens und Boucher

und Ingres aber auch die der blühendsten Statuen erst begriff, als ich reell wußte,

wie süß die Vertiefungen an den Gelenken der Lebenden, wie reich die Brüste, die mit der ganzen Wurzel den Busen umfangen, wie herrlich die Kreise über

den Hüften, wie rührend die Übergänge des Brustkorbs und des weichen

Unterleibes und wie heiß die Linien der Schenkel und Waden aus dem Leben

selber entgegenschlagen. Und auch erst, als ich das dritte Jahrzehnt meines

Daseins rastlos benutzte, alles zu wissen und das Mögliche zu erfahren aber das

Unausdenkbare selbst noch zu erfassen, erst nach dem Gelebten gelang es mir in

breiterer Fülle das Gespinst der Kunst und des zu Gestaltenden bis in die Tiefen zu durchprüfen, zu verwerfen oder zu begrüßen, je nachdem es unter dem

Anhieb vor Berufung brannte oder als Schwindel verknallte.

Kunst ist keine Sache neben dem Leben her, sondern springt aus dem Dasein

wie ein Tier aus der Mutter und wird begriffen nur durch das Beispiel der großen

Erzeugerin. Es ist verächtlich, der Kunst leben und das gewaltig sie überrollende

Leben nicht sehen zu wollen, aber jedes weit und herrlich gelebte Dasein kehrt, zum mindesten in dem erreichten Gleichmaß seines Wuchses, als Beispiel der

Vollendung zur Kunst zurück.

Was man Frauen sagt, muß man vorsichtig sagen. Es wird zu leicht eins vom

andern getrennt. Als Herr Herwarth Walden, berühmt durch die Proklamation

wichtiger Maler der Moderne und scheinbar auch durch Kompositionen eigner

Hand, in Paris bald nach dem Krieg ein Konzert gab, schrieb er in seiner Zeitschrift, es sei ein immenser Sukzeß gewesen, selbst der chinesische

Gesandte habe als dem ersten europäischen Konzert seines Lebens dem seinen

beigewohnt. Der Gesandte aber hatte lachend später gesagt, er habe geäußert,

zwar detestiere er Musik und sei unbeschreiblich unverständig auf diesem

Gebiete, aber in Anwesenheit so schöner Frauen (die ihn mitgebracht), habe er

zum erstenmal in seinem Leben es vermocht, einer Musiksache beizuwohnen bis zum Ende. Ich will sagen, um mich deutlich zu fassen, es verdrießt mich zu

sehen, wie die Frauen mit Buddhas Sprüchen und Konfutses Epigrammen und

des Grafen Hermann Keyserling (in Darmstadt für die ihn unterstützenden

jüdischen Finanzleute Deutschlands modisch aufgezäumten) Freibeuter-

Wahrheiten herumlaufen, Frauen, deren Lebensradius kaum den Kilometer ihrer

Heimatstädte durchmißt und die von Kindergebären und Motorrädern

ebensowenig wissen, wie sie davonlaufen, wenn sie einen Epileptiker fallen sehen. Ich finde es komisch, eine Blaugestrumpftheit gegen das Dasein zu

züchten, statt die blassen Literaturhyänen erst durch das erlebte Dasein auf diese

Papiersachen loszulassen. Es verdrießt mich, Sportmädels mit schönen Körpern

mit dem Strindberg und Dostojewski unter dem Arm durch die Landschaft

rennen zu sehen, als sei es nicht der offenbarlichste Greuel, zu so viel Frische so

viel wohl künstlerischen aber abscheulichen Ballast zu packen, und als gehöre zu der Anmut der kühnen Jugend nicht die Feurigkeit und der freche Adel eines apollonischeren Dichters.

Ach, es versteht niemand mehr heute die Kräfte und die Mittel

zueinanderzupassen, und die ausgewählten und füreinander bestimmten

Elemente des Lebens marschieren nicht zueinander. Die Frauen tragen Kostüme,

die ihrem Wuchs nicht entsprechen, essen Krebse im Frühjahr, Gänse im

Sommer, Aale im Winter, und tragen Farben, die barbarisch die Natur

rebellieren, statt dem Beige der Birke im Herbst und dem gedämpften Lila des Rhododendron im Frühling oder dem gepflegtesten Grün der atlantischen Zeder

im Sommer sich anzuschließen. Sie treiben den Sport, der ihrem Körper nicht

paßt, entblößen die Partien, die sie verschweigen sollen, und verhüllen die

Décolletés, die am vorzüglichsten sie ehren. Sie fahren in Wagen durch die

Parks, in denen man an Fontänen auf dem Rücken liegt, und pilgern zu

sportlichen Festen in Wüsten von Sand und Asphalt, die man mit den schnellsten Motoren gern flöhe. Sie reisen zu Zeiten, wo die Hitze jede Landschaft

unerträglich macht und verkennen die schönen Falten der Jahreszeiten, wo im

anschwellenden April und im ausgeweiteten Oktober der Glanz des Jahr-Beginns

und das Kupfer seines Endens voll Schönheit unser Klima überfunkelt. Sie

wissen ihre Zeit nicht zu ihrem Leben zu passen, scharen sich zu ihrem

Widerpart, treffen ihre Glückskrisen an den abscheulichsten Stellen, pflegen ihre Körper zu den falschen Jahreszeiten und wenn sie suchen ihr Leben mit dem

Adel einer Haltung zu vereinen, züchten sie einen Geschmack von Blech oder

eine Kultur von Benzin.

Ihre Hände sind wohl manikürt und auf den Nägeln gerötet aber sie haben

nicht die glücklichen Linien beachtet und wissen die Siegeszeichen und die des

Todes nicht von denen der tötlichen Anmut und der Bestimmung zur rasenden Liebe zu unterscheiden. Sie haben Risse zwischen sich und ihrer Umgebung,

sind geblendet vor ihrem eigenen Blut und wenn sie ihren Stil zu haben glauben,

haben sie den Schwanz ihres Bullis in der Hand oder das Hirn eines anderen in

der Pfanne oder statt dem Geliebten den Kühler des Autos am Herzen. Du

lächelst. Ich rede wie ein Père noble der französischen Bühne. Eine kluge Frau

zu lieben, sei das unbestrittene Vorrecht der Päderasten, sagte lachend ein

Wüstling, aber er wußte nicht, daß es Frauen gibt, die den Vorzug besitzen, ihren Verstand nicht aus den Schriften von Waldemar Bonsels oder des Doktor Steiner

aus Stuttgart, sondern aus einem alles klug beherrschenden aber sich nicht

versagenden Leben genommen zu haben.

Säßest du mit mir an jener Bai, über der Bucht von Sankt Malo, an einem

Hafen, in einer Villa von Rottach und wir dächten: wie sind wir gewandert,

welchen Genüssen und welchen Schmerzen haben wir, einander noch frisch wie Geliebte, am Busen gelegen, da baute dann ich eine Welt wohl um dich von Büchern und du durchschrittest sie wie den Spiegelsaal von Versailles, der jede

Linie deines Wuchses schöner zurückgab. Du fändest dich in jedem Abenteuer

und in jeder Verdammnis. Aber keine Wollust, die du genossen und keinen

Traum, den du unterdrückst, den du nicht auch darin fändest. Das wäre nicht

erlesen Gekünsteltes, sondern du fändest die Welt einfach wieder und würdest

nun klarer zu ihr geführt.

Mit einem deutschen Fürsten, belesen wie keiner der Schriftsteller Deutschlands, die selbst ihrer sechzig Jahre Bildungslosigkeit und Faulheit nicht

ekelt, redete ich in seinem Weinberg von seinen Büchern und er machte den

Unterschied, der mich verblüffte, zwischen Büchern für den Salon und den

anderen. Er gab seiner Geliebten bestimmte Sachen nie aus einem Gefühl der

Grandezza, während im Leben er ihr keine Rundfahrt der Leidenschaft versagte.

Ich fand dasselbe darin, wie in dem, was ich selber befolgte, nur schien mir, daß er seine seigneurale Reinlichkeit verwechselte mit dem Bestreben, nur das der

Geliebten entsprechende stets zu nehmen und daß er aus der Gepflogenheit

seiner Manieren heraus das für Ablehnen hielt, was in Wahrheit nur Auslese war,

die sein Instinkt bestimmte.

Man schenkt nach seinem Geschmack, bildet nach seinem Gefühl, liest nach

Temperament. Einer Sechzehnjährigen gäbe ich dasselbe wie einer von Vierzig, wenn ich den gleichen Flair für beide hätte, aber der von Dreißig würde ich

vielleicht das Gleiche wie der von Fünfzig versagen. Mit Fünfundzwanzig

entwarf ich den Plan einer Bibliothek, die man an zehn Armeekorps und in

dreißig Fabriken sandte. Du könntest sie alle lesen, aber ich würde dir keines

davon schenken. Ich würde mehr wollen und weniger, aber vor allem stets nur

deiner Ruhe wie deinen Leidenschaften gerne das gleiche zitternde Erlebnis der Schönheit zuzuführen wünschen. Alles andere ist hors de ligne. Was ich täte?

Was man im Gefühl hat, hat man nicht im Kopf wie die kleinen Lyriker, die ihre

Zehngroschenverse stets zur Rezitation bereit tragen. Was ich dir brächte nach

soviel Abschreibungen, Pathos und Abschweifung? Ich weiß es nicht.

Wenn du weiße Haut hättest, wäre es anders, besäßest du Lotosaugen statt die

eines Vogels, wäre mein Einfall ein wieder erneuter. Ich brächte dir, was für dich

paßte aus diesem Erleben, aus jener Reise, aus dieser Beglückung und aus irgendeinem Zorn. Und ich könnte dir höchstens heute so, morgen anders

spielerisch gleich den Wolken des Kamins eine Welt der Literatur an die Wand

malen, wenn du wünschest, daß ich dich mit Träumerei unterhalte. Denn ich

liebe die Welt vor allem um ihres Wechsels und ihrer Lust am Spiele willen, und

wenn du nicht die Fähigkeit hättest, aus allen Lagern deiner Seele und allen

Fallen und Festlichkeiten deines Körpers in immer andere hineinzuspringen, hättest du an mir schon lange nicht mehr den Jäger.

Geliebte Diana.

Ich ließe vor allem der Wildheit, mit der du die Hänge befährst, die Eleganz

des Geistes und das Seltene der Vergangenheit von ähnlich vollendeter Anmut

sich gesellen. Du lerntest zuerst, eh du die Grazie der Franzosen erführest, das

Deutsch des Mittelalters. Dem Mittelhochdeutsch naht der Deutsche sich noch

immer mit der barbarischen Geste des Gunther, der, als er zum erstenmal zu

Brünhild ins Bett sprang und ihre Nüancen nicht beachtete, erlebte, daß sie ihn fesselte und an einen Nagel der Wand hing. „Er wânde vinden friunde: dô vant er

vîntlichen haz.“ Du lerntest so das verlorene Paradies von des Reuenthalers

derben Späßen bis zu Walthers Süße, von Hartmans Wundern im „Iwein“ bis zu

Wolframs Herbe und des Alten Reinmars Seligkeit. Jede Übersetzung ist eine

lächerliche Dreistigkeit, denn man kann eine höhere Sprache nicht mit einer

niederen übertragen. Wir haben heute wohl gelernt, Tempos wie die Teufel in die Sprache zu bringen, Raffiniertes bis zur Verzweiflung auszudrücken und

Begriffe bis ins Aschgraue zu benennen und zu finden, aber den Wohllaut der

Musik und die Einfachheit der klar blitzenden Welt und die große Verzücktheit

der Gefühle erreichen wir nicht wieder. Wer aber glaubt, ohne Studium, den Fall

der Vokale, die Trennung der Diphthonge, die Rhythmik der Satzbogen

verstehen zu können, begeht die gleiche Dummheit wie jener, der ihrem Wesen nah zu sein denkt, weil die Worte alle den unseren ähnlich sind, aber fast alle

verfeinerten und anderen Sinn bedeuten. Du wirst diese Bemühung nicht auf

dich nehmen, ohne daß der Zauber, dem du begegnest, auf dich zurückwirkt.

Unser Hunger nach Dasein ist groß, das Leben zu kurz, unsere

Bewegungslinie zu eng, wir können nicht alles haben. Aber jedes Genossene

treibt uns nach mehr. Als im Jahre Zwölfhundert der Marschall der Champagne Villehardouin als erster Grande und Lebemann anfing, Geschichte zu schreiben

und die Menschen mit der Gewalt eines Rubens in sein Gemälde hineinwarf, als

der Pfaffe Konrad, der ein schlechter Künstler war, die „Kaiserchronik“ schrieb,

begann die Literatur der Briefe und Memoiren, uns die Völker und Menschen

mit jungfräulicher Plastik heranzutragen. Statt dünner Schicksale, die mäßige

Dichter gestalten, redet plötzlich die Phantastik der Zeit. Von den

Aufzeichnungen des Kardinal Retz, der sich nur so ausdrücken konnte, daß er an eine Dame schrieb, und der den Atem seiner Zeit zur höchsten Höhe blies, über

des großen Kanzelredners Bossuet Porträte verstorbener Fürsten, über

Montesquieus erwachenden Blick für die Breite gelebter Zusammenhänge bis zu

dem fabelhaften und glühenden Fresko, das der Herzog von Saint Simon von der

Zeit des vierzehnten Louis schrieb, lernst du, deinen eigenen Erfahrungen die

der großen Epochen und Menschen hinzufügend, einen Schritt mehr zur Weisheit.

Nimm die Memoiren der großen Katharina von Rußland hinzu, die Briefe der

bis zu den weißen Haaren hin geliebten Ninon de Lenclos, die Novellen der

Bibel, die Briefe der wilden Caroline und Brantômes Leben der galanten Frauen.

Lies die Aufzeichnungen Casanovas und des Deutschen Pückler-Muskau Bände.

In den barocken Sätzen des Abts von Brantôme hast du die Menschen der

Renaissance, in Casanova den Ausgang des Rokoko, in Caroline die Romantik.

Keiner konnte schreiben so wollüstig und so geistreich wie Casanova und niemand in Deutschland so mit Erhabenheit und Temperament sich mit Ideen

und Reisen der Welt gegenüberstellen wie der Pückler. Bürgerlicher aber

herumgeworfener hast du in des Frankfurter Friedrich-Fröhlich Aufzeichnungen

die Epoche des ersten, in Flauberts Briefen mit der Sand die des dritten

Napoleon. Jakob Burkhardts Briefe an einen Architekten malen nüchtern das

Jahrhundert am Anfang, nicht weit aber amüsant für dich gesehen, von einem hölzernen Liebhaber der Künste. Dagegen hat die furchtbare bürgerliche Epoche

am Ende des Jahrhunderts der gebildete und in guter Familie erwachsene

Schriftsteller Kurt Martens, wenn auch nicht seigneural, so doch mutig und

schlicht in seiner Lebensbeichte gegeben.

Mit Mozarts Briefen hast du Österreich und mit Benvenuto Cellinis Leben den

Radius des Glanzes, den ein Renaissance-Italien um sich häufte und in den Briefen des Van Gogh und in Bernards Erinnerungen an Cézanne siehst du das

Martyrium unserer Kunst und Zeit nicht ohne die Ironie, die dich das

Menschliche hier so absurd und das Künstlerische so verzweifelt schauen läßt.

Im „Pitaval“ sind die hervorragendsten Prozesse geschildert und du erkennst die

Menschen aller Jahrhunderte. Ich werde Hardens „Köpfe“ dir daneben legen. Du

wirst das Buch der entzückenden Staël über Deutschland lesen und mit Petrons „Gastmahl des Trimalchio“ vergleichen. Ich werde das Buch der Markgräfin von

Bayreuth hinzutun, die des großen Friedrich Schwester war und das

Kamasutram, wo nicht nur die Inder belehrt werden über die Zweihundertfünfzig

Formen des Liebesgenusses und über alle unzählbaren Formen der Entzückung

dazwischen, sondern wo der Liebende auch angehalten ist, nach allen Spielen

der Wollust auf das Dach des Hauses im Mondschein mit der Geliebten sich zu

setzen, den Glanz mit ihr anzuschauen und ihr die Reihe der Sternbilder zu erläutern, den Polarstern besonders sowie den Kranz der sieben Sterne des

großen Bären.

Die Zeit hinter dir hat sich geöffnet wie ein Weib, du kommst von den

Geschichten nicht zu Büchern sondern zu Schicksal und aus der Fülle nicht zu

Vorstellungen sondern zu Menschen. Von den kühnsten unter ihnen streift man

zur Erde zurück. Man muß die alten Exploiteure fremder Erdteile lesen, denen die Natur sich noch unberührt gab, die nicht gafften sondern eroberten, nicht Afrika vom Schiff aus sahen und weiches Garn aus ihren Gefühlen spannen,

sondern die darin starben, nicht solche, die empört, während sie innerlich

schmatzen, Bordelle in Ceylon beschreiben, von denen ein Portier ihnen

erzählte, sondern solche, die Elefanten noch mit dem Säbel gejagt haben und du

wirst sehen, wie die Natur mit derselben Frische riesig aufdampft, mit der du

einige Stücke aus ihr in deinem eigenen unverdorbenen Blute erlebt hast.

Lies, wie ein gewisser Barrow Esqu. im achtzehnten Jahrhundert in Begleitung des englischen Gesandten China durchquerte, lies die Geschichte der

Reisenden Percy und Gallow, die die Tatarenländer durchfuhren, lies die

Eroberung Mexikos und die Geschichte Cooks, den Insulaner erschlugen. Sieh,

wie mit Dominikanermönchen Curjello nach Afrika kam. Lies die Berichte der

Lebemänner, die Europa durchfuhren und von denen einer, dessen Name ich

nicht mehr kenne, auf Schlittenwagen sogar den Nordpol über Norwegens Poststationen erreichen wollte. Lies bei Franklin, wie sie die Wale harpunierten

und bei Livingstone, wie die Zähne ihnen ausfielen vor Fieberluft und sie die

Flamingos und das Nashorn jagten. Wie sie mit ihren Karawanen durch die

Wüsten sich durchhungerten, um zu entdecken und sich zu begeistern und den

menschlichen Geist an die Spitze des Abenteuers zu hissen. Lies Gessi, Gordon,

Emin Pascha, den Halbgrönländer Rasmussen, lies Stanley, lies die Jagden des Baker in Abessynien. Du riechst die Luft der anderen Kontinente und erfährst

die Beispiele menschlicher Tugend und Tapferkeit und du wirst nicht gebildet,

sondern du wirst klüger oder besser.

Nun ist für „Tausendundeine Nacht“, für den „Don Quichote“ des Cervantes

und den Defoe mit seiner Europamüde, ist für „Robinson Crusoe“ und

„Gullivers Reisen“ dein Hirn offen, denn sie geben zur einfachen Wildheit der Erde die Phantasie und das Spielerische, das alle Gefahren überwindet.

„Mesnevi“ mit seinen schönen Sprüchen, den indischen Roman von Dandin von

den zehn Prinzen, die Märchen der Südsee, „Tuti Nameh“, das persische

Papageienbuch machen die Welt noch bunter und führen schon an das Legendäre

einer großen Klugheit. Der Maler Gauguin hat auf Tahiti neue Farben gesucht

und hat die Abenteuer seiner modernen Sehnsucht in „Noa Noa“ geistreich und

ein wenig desolat wie ein echter Franzose beschrieben. Hundertzwanzig Jahre früher hat Bernardin de St. Pierre in „Paul et Virginie“ schon einmal die Natur in

prachtvoller Glut für Europa entdeckt. Hamsun hat den Kaukasus erlebt und ihn

in gestrichelter Weise mit neuer Optik für Naturbeschreibung dargestellt. Laurids

Bruun hat mit dänischer Weichheit den grauen Glanz seines norwegischen

größeren Freundes nachgemalt.

Das ist nur schwacher Schimmer noch von den früheren Heroen, doch ist, da du von heute bist, und ja auch ich dir nicht in der gekräuselten Allonge-Weise entgegentrete, doch ist von den Heutigen zwar Sven Hedin nur ein Schwätzer

aber kein Nahbringer, jedoch das Buch der Fürstin Lichnowski über Ägypten

von modernem preziösem Charme, ist zwar das Buch Ludwigs über Afrika eine

Sirupfalle für den Kurfürstendamm, aber des Suarès Italienbuch eine heroisch

gemalte Landschaft; und keusch wie Villehardouins Seele, wenn er im Kreuzzug

das Morgenland betritt, ist Lafcadio Hearns Sprache, wenn er das

verschwindende asiatische Japan, kurz vordem Europa es verschlingt, noch einmal wie eine Geliebte streichelt.

Du mußt noch den Kipling lesen, der mit Tieren dir die Welt bevölkert und

mußt sehen, wie der Däne Fleuron dem heldenhaften Anfang des Briten den

melancholischen und schönen Abgesang gibt, wenn er davon redet, wie die

edlen Tiere sterben. Nur wenn bei Jürgensen der Kongo vor Tiergebrüll donnert,

der Schwede Madelung seine Jagden schildert, der schönste aller raubtierhaften Dichter, Jensen, die Gletscherzeit zurückruft, kannst du das Gefühl haben, aus

deinem Säkulum rückwärts bis zum Paradies marschiert zu sein. Was heißt

Kunst, wenn du leben willst? Es bedeutet nichts gegen die Fülle des Lebens,

aber es wird schon helles Licht auf allen Zinnen, wenn du durch soviel Dasein

hindurch dich an die Erkenntnis herangetastet hast, daß auch ein vollkommenes

Leben einer gewissen Vollkommenheit in der künstlerischen Gestaltung bedürfe. Wenn du reicher bist, hast du mehr Anspruch. Hast du die Masse der Welt, willst

du sie in Schönheit. Hast du das Dasein begriffen, verlangt es dich auch nach

seiner schönsten Gestalt.

Aber vergiß nicht, es ist wichtiger, daß du lebst, als daß du träumst, nötiger,

daß du blühst, als daß du redest, und es ist alles umsonst, wie auch immer du von

der Welt schwärmst oder fluchst, wenn sie nicht wie eine Pantermeute in dein Blut gestürzt ist.

Zuerst du, dann alles andere.

Fähigkeiten hat jedermann, mir imponiert das allein keineswegs. In

Zentralafrika laufen die Neger so rasch wie die Schnellzüge, die Eskimos

schlagen sich als Duell stundenlang ohne Schwierigkeit wechselseitig auf den

Kopf und die Theosophen sollen durch anhaltendes Training im

Sichzurückvertiefen bereits das Jahr Sechstausend vor Anfang unserer Zeitrechnung erreicht haben. Es kommt bei Talenten nur darauf an, sie seinen

Fähigkeiten und Zielen nach zu entwickeln. Ich sehe es lieber, daß ein frischer

Menschenkerl in des Schwergewichtsmeisters Flint Buch über das Boxen, in die

„Gazette du bon ton“, in eine Zeitschrift des Hokeyspiels, in Henry Hoeks

vorzügliche Skibücher oder die „Vogue“ sich vertieft, als daß er mit der Herde

seiner Genossinnen Tagores flache Gedichte über Thee gießt, in Jakobus Böhmes Dunkelheit lustwandelt und, Herrn Blümners Niggerrezitation im Kopf und Dadaistenabende im Hirn, über Spenglers „Untergang des Abendlandes“

sich in Urteilen verzückt. Geistmayonnaise ist keine Speise für eine Diana und

Mode ist ein zu kleiner Witz für ihre Erhabenheit. Ein gebildeter Tiger ist eine

Dummheit, ein schöner Tiger wird aber, wenn er sich vollendet in seine Form

gefunden hat, auch immer etwas von jener höheren Klugheit haben, die stets der

letzten Vollkommenheit des Lebens zugeteilt ist.

Du wirst, wenn du dich nicht blenden läßt, spüren, daß die schon jenseits des Lebendigen abgebrochenen Dramen des Bildhauers Barlach, wenn du ohne

innere Reife an sie gerätst, genau so wenig zu deinem Temperament passen, wie

die feierliche Plattheit, mit der Herr Lienhard ein neues Weimar besingt. Und du

wirst mit bestimmter Sicherheit spüren, wie gleichgültig es dich läßt, wenn man

des Schönlings Gleichen-Rußwurm süßholzwässrigen Kulturgeschichten dir

nahebringt, gleichwie wenn du ein aus Schreien und Beleidigungen zusammengesetztes Gedicht von Johannes R. Becher nicht begreifst. Du bist

durch deine Gesundheit und Frische von vornherein dafür absolviert, daß dir

weder die Eunuchen noch die Verrannten liegen.

Aber ich werde dich gerne bei der Lektüre von allem sehen, das, wie ein

Springbrunnen einen Silberball, also mit Kraft und mit Anmut, die Welt

schaukelt, denn das entspricht dir ebenso wie jene Nüchternheit, die die robuste Kraft metallen aus dem Dunkel hebt. Du wirst alles von dem zärtlichen und

feurigen Melancholiker Alfred de Musset und alles von seinem Nachfolger Hugo

von Hofmansthal lesen, alles von Anatole France, der die Leidenschaften seiner

Welt in seinem Lächeln bannt und von Eduard Keyserling, dessen Romane die

zarte Vollendung der feudalen deutschen Rasse in wohlgeädertes Weltbild heben.

Du wirst etwas von Schnitzler und etwas von Sternheim haben. Alles von Shaw, alles von Byron. Fast nichts von den Russen. Vieles von Swift. Alles von

Voltaire, der eine Welt mit der Schärfe eines Geistes bekämpfte, der aber

verstand sich der Kadenzen der Nachtigall zu bedienen. Alles von Heine.

Einiges von Thackeray. Alles von Maeterlinck, der die Ahnungen in die

Atmosphäre brachte und alles von Georg Büchner, dessen Jünglingstorso die

Helligkeit eines schönen Athleten besitzt und alles von Shakespeare, dem

einzigen großen Dichter der Welt, der die Eisenscharniere seines Geistes mit Heroenschönheit frei um die Welt herum zu spannen bestimmt war, als seien es

Arabesken, die er im Traum hinmalte.

Lyrik wirkt bei Frauen fast immer provokant. Bei Männern versöhnt

wenigstens, daß sie sich infolge des natürlichen Egoismus ihres Geschlechts

stets wieder danach in Geschäfte und Politik schmeißen. Die Frau wird von

Lyrik aber zu unerträglichen Gefühlsstauungen verführt. Muß es Gereimtes sein, dann sei es Lyrik, die eine Distanz zu den Gefühlen hat und sich nicht hingibt, sondern sich behauptet. Shelly, Petrarka, Baudelaire, Keats, Lamartine, Stadler,

Novalis, d’Annunzio. Die heutige Zeit kann sich überhaupt der lyrischen Dichter

nur mit Erröten erinnern, denn sie ist weder so voll Schwung, daß sie diese

begriffe, noch so voll Sentimentalem im Untergrund, daß ihr die Eichendorff und

Ronsard und Verlaine und Mörike lägen. Ich gestehe, was ich auch künstlerisch

fühlen mag, daß ich eine Frau vorziehe, welche die Härte der weltmännischen

und zurückhaltenden Strophen ähnlich wie die Schönheit einer Plastik mit halb kalter, halb hingerissener, aber beherrschter Leidenschaft bewundert, statt eine

Dame zu schätzen, die zwischen den Erregungen der Börse und den

Demonstrationen der Politik heute, was man nicht kann, in Sentimenten

schluchzt und in Rhythmen wimmert. Die Epoche ist scharf wie Senf, aber die

Moustarde wird durch Tränen nicht leckerer.

Doch das Phantastische ist stets ein kleiner Park gewesen, in dem alles, was einer Zeit fehlt oder womit sie zuviel beladen ist, in der Nähe der Träume

ausgeglichen in Beeten und Pergolen duftet. In Achim von Arnims

„Majoratsherren“ ist das gespenstische Grau, das so schwer zu gestalten ist,

wundervoll in der Luft und nimmt den gesamten Meyrink voraus. In Hoffmanns

„Elixieren“ tobt das Diabolische wirklich, das in vielen seiner anderen Bücher

ein plattes Nichts ist. Die „Nachtwachen des Bonaventura“ bringen die Romantik. Der Russe Remisow das Gespenst der Slawen, das auch in Puschkins

Gespenstergeschichten, bei Gogol und Saltikow doch sich nie so lieblich befreit

wie bei den Deutschen, sondern an ihren Nerven angehängt bleibt und eine

Krankheit eher ausdrückt als das Jenseits und mehr verrückt ist als überirdisch.

Das Grausen mit aller Kälte hat Poe in die Wirklichkeit seiner Bücher

geschmettert, die auch nur zum Teil gelungen sind, dann aber die vortrefflichsten ihrer Art scheinen. Der Franzose Barbey d’Aurevilly hat in den „Teuflischen“

dasselbe leis verkitscht, Villiers de l’Isle Adam aber in „Edisons Weib der

Zukunft“ ihm eine zeitgemäße Mechanik verliehen. Der Maler Kubin hat noch

einmal liebenswürdig versucht, den Schatten der romantischen Gespenster

aufzurufen, aber sie sind aus den dichterischen Prärien in die Kriminal- und

Abenteurerbücher desertiert und haben dort eine exaktere und zeitgemäßere,

wenn auch uniformierte Anstellung gefunden.

Mit den Wissenschaften beleben sie den Mond in Erinnerung ihrer guten

Vergangenheit in des Polen Zulawskis Roman „Auf silbernen Gefilden“. Der

deutsche Scheerbart hat in „Lesabendio“ sie auf die Milchstraße verfrachtet und

der Franzose Renard hat sie mit Ironie und Grausen, aber vielem Charme uns

Menschen technisch mit unseren eigenen Waffen überwinden lassen. Zur Utopie

erzog sie der humane Brite Wells. Zur Exaktheit Conan Doyle, der sie wie Automaten der Klugheit dressierte und den Schlag der Verbrecher und Kriminalgeschichten gründete, der den Abenteurerroman der May und

Gerstäcker, Defoe, Kapitän Marryat und Cooper (zu denen auch Walther Scotts

„Pirat“ gehört und manches andere bis zu den Kreuzzugepen) völlig abgelöst hat

für einige Zeit.

Es war ganz klar, daß diese Mechanik, einen spannenden Vorgang nicht mit

Hilfe der Phantasie wie früher, sondern mit allen blitzglatten Hilfsmitteln unserer

Technik und Überlegung abrollen zu lassen, das Kino einfach aus der Luft herausziehen mußte, wenn es nicht entdeckt gewesen wäre. Denn Film ist nur

die glatte Übertragung der Techniken der Soyka, Heller, Jack London, Eje,

Elvestad ins Bildhafte. Film hat mit Theater nur soviel zu tun, als Schauspieler

dabei beschäftigt sind. Wer würde aber aus der Tatsache eßfroher Akteure oder

tribadischer Aktricen auf die Zusammengehörigkeit von Theater mit der

Kochkunst oder den Gebräuchen von Lesbos schließen? Dagegen beweist der Umstand, daß die schönen Gespenster klirrende Maschinen geworden sind, zwar

nicht gerade eine Erhöhung der Dichtung, aber keinesfalls, daß die Maschinen

schlecht sind. Die Kriminalbücher der Deutschen existieren zwar nicht, lediglich

der Österreicher Soyka gehört in die internationale Konkurrenz, allein einiges

bei den Skandinaven und Engländern ist in seiner Weise vortrefflich. Das

genügt.

In der Liebeslektüre kann man jeder Frau carte blanche für alle Gefühle

geben, denn es ist leicht die von fremden Leidenschaften Erschütterte zu den

eigenen Leidenschaften zurückzuführen. Von „Aucassin et Nicolettes“ rührender

Geschichte bis zu den Büchern des Charles Louis Philippe ist ein weiter Weg,

und die gesellschaftlichen Formen, unter deren furchtbarem Zwang die

Liebenden sich zwischen Kloster und Bastille suchen mußten, haben sich gewandelt. Heute stehen Spanier auf den Straßen und suchen die Augen ihrer

Auserwählten, flirten Engländer beim Sport, Franzosen in den Promenoirs und

Deutsche lieben sich in den Gärten. Keine Frau ist unerreichbar. Keine Liebe ist

so unselig und so beglückend zwischen das Schicksal und die Sehnsucht

gespannt wie früher, als das Mittelalter die Herzen auseinanderriß und die

Willkür menschlicher Elemente und starrer Satzung die Natur bei Seite schoben.

Du kannst von Richardsons „Clarissa“ über Rousseaus „Nouvelle Heloise“ bis zu Goethes „Werther“ lesen, wie ein Dichter sich auf den Sockel des anderen

stellte und wie ein Herz tragisch ans andere durch Nationen und Jahrzehnte

rührte.

Ich glaube jedoch nicht mehr an die sichtbare Existenz dieser Gefühle in

unserer Zeit, wo die Knechte an der Börse spekulieren und die Damen das

politische Wahlrecht ausüben und man den Kokotten, die man zum Diner einlud, am anderen Morgen eine bare Entschädigung für die Abnutzung der Toiletten als Supplement zusendet.

Aber ich glaube mit ganzem Credo meines Herzens, daß die großen

Leidenschaften, deren Anmut nicht in ihrer Tragödie endete, immer der Unterton

geblieben sind aller schönen Beziehungen, und daß die jetzt veränderten Formen

der Welt die gleichbleibende Lage ihrer Melodie nicht zu stören vermochten.

Wenn man wie du ein Gesicht sowohl zärtlich und schön wie Hermelin als

auch mit kühnem Bogen der Augen und Nase besitzt, vermag man bei einiger Breite des Sinnes auch zu verstehen, daß Cayennepfeffer die milden Gerichte auf

seine Art wie ein Wildpret anregt. Du hast Gelegenheit, um zu vergleichen.

Wenn du die Briefe gelesen hast, welche die Nonne von Alcoforado an einen

Offizier eines anderen Landes schrieb und die von Abälard und Heloise kennst

und Balzacs übersinnlich zarte „Ursula Mirouet“, und die bis ins

Verbrecherische zärtlichen Beziehungen Desgrieux und Manons in des Abbé Prevost „Lescaut“ dazugenommen hast und die Briefe der Mademoiselle de

l’Espinasse und Flauberts „November“ und des De Costers maischöne

„Hochzeitsreise“ und die Frauen des Jean Paul, die dahinbleichen an

übermenschlicher Verbundenheit . . . dann kannst du es wagen, nicht ohne

Gewinn zu sehen, wie in Crébillons „Sopha“ und in Heinses „Ardinghello“, in

Wielands „Biribinker“ und in Heinrich Manns „Göttinnen“, bei Rétif de la Bretonnes zweihundertdrei Bänden und den „Liaisons dangereuses“ des Laclos

bis zu des Marquis de Sade Abscheulichkeiten und den männerliebenden

Strophen Oscar Wildes und des großen Edelurnings Withman sich vom klaren

Fluß des liebenden Feuers die phantastischsten Bündel lösen. Aber du wirst

erkennen, daß auch diese Verzerrungen sich von der Liebe nicht trennen,

sondern sich von ihr ernähren und daß in ihren Formen, ob sie dir gefallen oder ob du sie verachtest, immer der gleiche Blitzschlag der Größe zuckt wie in der

dir gemäßen.

Du wirst dadurch nicht hochmütig werden, sondern du wirst nur eher die

Menschen verstehen, wenn sie mit ihren Schicksalen an dir vorüberschweifen

und gleich den anderen Kreaturen steigen und fallen nach diesem und jenem

Gesetz. Du wirst duldsamer sein und also weltwissender und es wird deiner

Leidenschaft auch nur noch das Verstehen jeder anderen hinzugeben. Man wird in Indien nicht Hetäre durch Verführung, Mißgeschick oder Neigung, sondern

durch Abstammung, man kann also keusch im Herzen und eine Dirne durch

Schicksal sein. Auch die Heiligen werden nicht gezüchtigt, und mancher, der ein

Mordbrenner im Herzen schien, erreichte durch Übung den Glauben. Im Grunde

ist alles die Liebe. Aber in der Liebe wird man eben alles durch das Leben oder

man wird nichts.

Die Venetianer besaßen die besten Diplomaten Europas und ihre Berichte waren erstaunliche Stücke an Schärfe des Auges und des Verstandes, ja sie

bildeten sie zu einer hohen Stufe der Kunst aus. Die Handlungen aber des

Staates nahmen die Dogen erst vor, nachdem sie alle eingeforderten Berichte

verglichen. Du hast nunmehr von dem dir als Frau am leichtesten

Zugänglichsten, von der Liebe her zu vergleichen gelernt. Was mir noch übrig

bleibt, ist so gut wie nichts. Nun kannst du schwimmen, in welches Problem,

welche Nation, welches Genre du willst. Du wirst Grabbe lesen neben des James Morier „Abenteuer des Hadschi Baba“, das der erste Roman über Persien aus

dem achtzehnten Jahrhundert ist, wirst den prachtvollen Rheinländer

Schmidtbonn mit seiner herben und männlichen Duftigkeit verstehen gegen des

Belgiers Rodenbach „Totes Brügge“. Wirst staunend des Bildhauers Rodin Werk

über die Kathedralen seiner Heimat neben des Thomas Manns schwächlich

schönem, formvollendetem, aber innerlich, dekadentem „Tod in Venedig“ halten, wirst die „Studien“ des pastelligen Idyllikers Stifters neben dem riesenhaften

Rabelais genießen, wirst fühlen daß die „Küsse und feierlichen Elegien des

Johannes Sekundus“ andere Worte sind wie die des zärtlichen und royalistisch

verschwärmten Francis Jammes in „Almaide“, der schönsten lyrischen

Tenorstimme des heutigen Frankreichs. Du wirst den Zola, der auch ein Gigant

war, trotzdem er etwas tierisch schaffte, neben der von Schwedens Bodendampf mythisch umwehten Lagerlöf lesen. Wirst Wisthlers „Die artige Kunst sich

Feinde zu machen“ zu Annette Kolbs zarter Kammermusik in „Zarastro“ legen

und die Geschichte des alemannischen Webers, der sich in kindlicher Einfalt der

„Arme Mann von Toggenburg“ nannte, zu des gescheitesten Engländers

Chesterton „Verteidigung des Schundromans“ tun. Du wirst Schlegels

„Luzinde“, das voll schöner leidenschaftlicher Süßigkeit ist, neben die Modebücher der Brüder Goncourt halten, wirst das Buch der Frau von

Winternitz von dem wilden Liebesleben der keuschen Vierzehnjährigen neben

dem „Schelmufsky“ des siebzehnten Jahrhunderts lesen und kannst die

satanischen Ausschweifungen des Huysmans in „La bas“ hinnehmen mit

derselben Überlegenheit, wie du an Kerrs Reiseberichten und Dauthendeys

Reinheit dich ergötzest. Du kannst den Frauenspiegel der Renaissance von

Castiglione und das Leben Dantes von Boccaccio und Quevedos Spitzbubenroman von Segovia mit derselben Gegenwärtigkeit lesen, wie du

Storms Novellen, Eichendorfs „Taugenichts“ und Dickens Roman aus den

Millionenstädten hinüberleiten kannst zu des Verhaeren flamisch breiten

Malereien, zu Schickeles „Glück“ und zu dem „Puppenbuch“, in dem der Lotte

Pritzel und Erna Pinner barocke und groteske Figuren einen höhnischen oder

vielleicht auch mitleidigen Cancan der Ausgelassenheit auf unsere Mühe, sie zu deuten, tanzen.

Du wirst dadurch so voll von gelesenem Erlebnis geworden sein, daß man dir

wie den Bankerotteuren Montecarlos eine Viatique geben muß, um aus den

verführerischen Launen der Literatur dich wieder ohne Kosten auf den Kontinent

des Daseins hinüberzuretten. Es wird wohl an der Zeit sein, wenn du das alles

gelesen und an deinem Wesen wie an einem Pegel und Thermometer die Höhe

und die Temperatur der Maße genommen hast, dich wieder der Natur allein

zuzuführen. Denn du hast dann für das diesseitige Existieren genug gelesen und jede Zeile mehr wäre zuviel.

Mehr verträgt ein Irdischer nicht, es sei denn, er sei vom Schicksal bestimmt,

eine noch steilere Kontrolle auszuüben und die Ausmaße des Lebens auch noch

mit denen der künstlerischen Vollendung zu vergleichen und den Gladiatoren der

Kunst die Urteile auf die Nacken zu brennen. Einer Frau kommt das nie zu, sei

ohne Sorge.

Männern sollte von der Natur erst in den sechziger Jahren, wenn sie statt mit

Frauen sich mit Schnepfenköpfen zu beschäftigen beginnen, das kritische Amt

vorbehalten sein. Ich fürchte, es würden bei allem Ehrgeiz, den das Greisentum

mitführt, selbst die Besterhaltensten dies Alter nicht erreichen wollen. Ist es

einem aber bestimmt, durch Schmutz und Crapule ein Stück verdammt geliebter

Jugend und herzrot gelebten Daseins dranzugeben, dies Handwerk mit Kunst zu vollführen, so sollen die heulenden Hunde spüren, daß es auf den Schriftsteller

ankommt und nicht auf die Meute, über die er sich in gerechter Leidenschaft

ausläßt und es soll zum mindesten, wie Châteaubriand von St. Simon sagte,

teufelsmäßig für die Unsterblichkeit geschrieben werden.

Man gewinnt kein Ding, wenn man es nicht zugleich liebt und abstößt, und

keine Vollendung eines Lebens ward erzielt, die nicht vorher ausgewogen war bei jedem großen Gefühl in den Wagschalen der Liebe und des Hasses. Du

kannst dich selbst nur erreichen, wenn du dich durch das Leben selbst gewinnst,

aber du darfst nicht scheuen, davor zu desertieren und wieder zu ihm

zurückzukehren. Denn nur die Treue, die sich an anderen Reizen durch Untreue

erprobt, hat den Zug der Beständigkeit in sich, der dein Leben dann um die stete

Achse rundet. Du wirst zwischen der Inbrunst der Bücher und den Banalitäten

des Lebens genau im selben Grade leiden, wie du die Unterschiedenheiten zwischen deinen Idealen und der Nüchternheit der gelesenen Schicksale gemein

findest.

Das Verhaftetsein an eine einzige Anschauung ist auch im Lesen nicht pikant,

und wahrlich zurück zu sich zwingt immer nur die Größe, die Betrug erträgt. Der

Herzog von Lauzun, der gerne und nicht ohne Tiefe lebte, schildert eine Dame:

„Sie erwiderte mir meinen Besuch zu Pferd, in Dragoneruniform und Lederhosen. Mehr brauchte es nicht, um mich für immer von einer Frau abzuschrecken. Das hielt mich aber keineswegs ab, sie dennoch zu besitzen.“ Er

liebte das Weibliche so abgründig, daß er es auch in der provokantesten Form

nicht abzulehnen in der Lage war und die sicheren Genüsse nicht über der

fatalen Aufmachung vergaß. Man hat verdammte Last mit seinem Dasein

zwischen Leben und Kunst und Sein und Schein sich durchzuschlagen, und es

bleibt auch dir als Frau nicht erspart, die Kämpfe zwischen deinen Vorstellungen

und deinem Blute bitter auszutragen.

Das aber verleiht endlich erst die Reife und die Wollüste jener Überlegenheit,

die die Ahnungslosen nie kennen werden, die ohne Geschmack jener Räusche

sind, in denen wahrhaftiges Leben und wahrhaftig gepflegter Geist

zusammenschlagen, und ich glaube manchmal, wenn du als Diana die Ränder

der Wächte mit der Geschwindigkeit des Blitzzuges auf Skiern herunterkommst,

ich vermöchte auf deiner Haut auch die Glut deines Geistes zu erblicken. Nur in Liebe vermögen beide sich zum Augenblick des größten Daseins zu

verschmelzen. Ich erinnere mich eines französischen Theaters in Paris, wo ein

Offizier desertierte und nach einem Dutzend Kniffen und Entwischungen gefaßt

wurde. Als sein General ihm die Degradierung verkündete, erlaubte er sich einen

Vorwand anzubringen, und als er salutierend vortrat und erklärte: „c’était par

amour,“ gelang es dem Kommandeur in keine andere Pose zu verfallen als in eine bewundernde Handbewegung des Verzeihens und Verstehens, und jenes

Publikum des Boulevardtheaters hatte mit seinem frenetischen Beifall auch

nichts anderes im Sinne, als sowohl die Leidenschaft des Offiziers als auch die

begreifende Tugend des Generals mit nationalem und, bei einem so

militaristischen Volk wie den Franzosen, menschlichem Beifall zu begrüßen. Mir

fällt diese Begebenheit, die an sich bedeutungslos ist, ein, weil an diesem Abend zum erstenmal die Linden für mich Paris mit dem Duft überzogen, der mir früher

nur der der Heimat allein war, aber der mir von diesem Tage ab hundertmal in

allen Zonen entgegenkam, daß er mir die freundliche Welle des Himmels für alle

Liebenden seither zu sein schien.

Denn wärest du durch die Sonne des Morgens nicht im bronzenen Mondglanz

deines braunen Gesichtes mit Telemarks um die jungen Bäume des

Winterwaldes geschwungen, sondern säßest mit mir im Jasmin eines frühen Sommers oder der Fruchtluft des Herbstes an Flüssen, an Weiden, an Seen, ich

würde dir, zwar ebensowenig vollkommen, aber in anderen Namen und

Nennungen dasselbe gesagt haben.

Denn nicht die Bücher und nicht die Jahreszeiten und nicht die Liebkosungen

machen die Form aus, in der das Glück und die Bereicherung sich begibt,

sondern der Sinn der Liebe ist immer der einzige Führer und der alleinige Grund. Und wenn ich von deinem Lächeln, das, selbst ermüdet, unter dem Kaminfeuer noch lockend zuckt, mit dem Vorbehalt des Liebenden sage, es sei wohl ein

süßes Lachen aber das Lachen eine Frau, so teile ich dich nicht auf in das

Beseligende und das Luder, sondern ich weiß, wie wundervoll der Zauber der

Verbundenheit aus diesen beiden dich gestaltet hat.

Denn du bist ja letzten Endes evahaft aus Lehm und Wollust gemacht und bist

schon jederzeit zum Leben zurückgekehrt, leiblich und frisch, wenn du nur,

etwas schlapp, die langen Beine der Jägerin weit ausstreckst und alles vergißt. Bist du für eine Limousine morgen lieber, oder für Schmuck oder eine Reise

nach Tunis, bleibst du die gleiche. Auch Geist wiegt nicht mehr als Eisen und

Fleisch, man muß es aufs deutlichste sagen, wenn diese Frage gestellt wird.

„Adieu Ihr Freunde, adieu Ihr Bücher“, schrie Petrarka, der gut und in

angefülltem Jahrhundert gelebt hatte, beim Sterben und jammerte zuerst um das

Dasein, das er verlassen mußte und dann erst um den Ruhm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .“

Solchergestalt Mijnheer hätte ich gesprochen, wenn Sie eine Frau wären.

Doch Sie sind ein Mann, aber es gilt dennoch dies Alles auch für Sie!

Mijnheer, man erzählt, daß griechische Helden eine Schar junger Nymphen im

Walde des Kythäron trafen, die sie durch liebliche Bewegungen und alle

Stellungen der Anmut zwangen, sie mit immer heißerem Atem zu verfolgen, bis sie an einer Quelle plötzlich die Mädchen Waffen ergreifen und mit feurigem

Päan schlachtlustig auf sich losstürzen sahen. Sie kämpften den Tag und die

Nacht mit den schönen Amazonen, ohne enttäuscht zu sein, denn, was sie zum

Liebesspiel zu locken schien am Morgen, blieb als streitbare Erregung in ihren

Adern und tobte in der Adligkeit der Kämpfe sich aus, in denen sie statt

Geliebten nur Krieger fanden. Ich hätte Ihnen, Mijnheer, nicht vermocht, heute so zu reden, wenn ich das nicht gelebt hätte vor Jahren, was ich heute sagte. Und

wenn das Fresko von Büchern etwas verwirrt hängen bleibt, inmitten dieser vorn

und hinten abgebogenen Geschichte, so hat es wie der von Löwen gesäugte

attische junge Eros die Fähigkeit, sich nach den beiden Seiten des Geschlechts

zu adressieren.

Denn was daran die Frau über das Leben zu Liebe entflammte, entzündet den

Mann zum Ringkampf mit der Welt. Man denkt oft seinen Kopf zur Ruhe zu legen und steht in Kürze vor dem Streitruf der Amazonen, aber es ist dennoch

fatal, einen holländischen Gentleman zu sehen, wo man mit aller Kraft der

Phantasie eine nördliche Diana zu sehen gezwungen ist.

Ein Mann ist eine triste Sache, wo die Luft noch nach dem Leben einer Frau

riecht. Auch Ihre Ironie vermag mich nicht zu desillusionieren. Ernüchtern ist

ein kalter Witz, den die Leidenschaft verzehnfacht an die Wand spritzt. Ich schwärme nicht für Vergangenes, aber ich habe alles gehabte Dasein im Blut. Mit dem faden Panzer des Lächelns und einer Flasche Cointreau kommt man

nicht über erbitterte Situationen hinweg, sondern man lügt sich nur eine falsche

Maske der Überlegenheit in den Spiegel, statt sich seiner Leidenschaft

hinzugeben.

Das Leben wäre verflucht einfach, wenn wir es nicht mit Stolz am falschen

und Demut am rechten Platz abscheulich komplizierten.

Ich werde eine Stunde auf den Damm hinausgehen und nach dem Mond ausschauen, der irgendwo in dem Schnee stecken geblieben ist.